+Meinicke+ applizierte einem an akuter Schulterlahmheit leidenden

Offizierspferde die Tempelsche Mischung (Atropin 0,05, Morphium 0,2)

subkutan und beobachtete nachstehende Vergiftungserscheinungen:

Bereits nach 10 Minuten trat eine Erweiterung der Pupillen ein, wenig

später begann das Tier die Zunge aus dem Maule herauszustrecken.

Angebotenes Heu und Wasser vermochte es nicht abzuschlucken. Die

Frequenz des Pulses betrug nach Ablauf von 15 Minuten bereits 60

Schläge, er war drahtförmig und spritzend; ¾ Stunden nach der

Injektion war er nicht mehr zählbar und die Arterienwand kaum noch

zu fühlen. Die Herzaktion geschah tumultuarisch, die Respiration

langsam, 8mal in der Minute. Ungefähr nach Verlauf einer Stunde war

das Stadium acmes der Intoxikation erreicht, indem der Herzschlag

stark pochend 110-116mal in der Minute erfolgte, Muskelzittern und

Schwanken im Hinterteil auftrat, der Blick stier und ängstlich wurde

und die Pupillen ad maximum erweitert waren. Das bis dahin ruhige

Tier stieg alsdann einigemal mit den Vorderfüssen an den Boxwänden

hoch, wurde aber bald wieder still. Nach 1½, 2, 3 Stunden wurden

resp. 90, 70, 60 Herzschläge gezählt. Das Pferd trug ein mattes,

müdes Benehmen zur Schau, der Appetit war vollkommen unterdrückt. Am

Tag darauf waren Puls, Herzschlag und Atmung zur Norm zurückgekehrt,

und gegen Abend geschah die Futter- und Getränkaufnahme wieder

in genügendem Masse. -- +Scholte+ injizierte einem schweren

Percheronwallach die genannte Morphium-Atropinlösung. Nach einer

Viertelstunde begann das Pferd zu scharren, bekundete hochgradige

Angst, Atemnot, Muskelzittern, hatte eines drahtförmigen Puls von

66 Schlägen in der Minute und einen pochenden Herzschlag. Wenig

später versuchte das Tier an der Wand emporzugehen, biss in die Stäbe

der Raufe und hing sich vor Schmerz förmlich in die Halfter. Diese

Erscheinungen hielten bis zu 50 Minuten nach der Einverleibung des

Mittels an und wurden dann von einer Müdigkeit, Schläfrigkeit und

Appetitlosigkeit gefolgt. Am nächsten Tag war der Wallach wieder

munter. -- +Meyerstrasse+ sah 8 Stunden nach der Injektion ein

Pferd unruhig werden, sich häufig wälzen und dyspnoisch atmen. Es

bestand Tympanitis, vollständige Sistierung der peristaltischen

Geräusche, häufiges Drängen, aber nur Absetzen schleimiger Massen.

Auf die Verabreichung einer Aloepille hin wurde die Kolik gehoben.

Ein anderes Pferd bekundete sehr intensive Vergiftungssymptome,

namentlich Tobsucht, die indessen nach 3stündiger Fortdauer gänzlich

zurückgingen. -- +Noack+ beobachtete bei einer englischen Stute

regelmässig 2 Stunden nach jeder der beiden vorgenommenen Injektionen

eine ziemlich heftige Blähkolik, +Freitag+ konstatierte in 2 Fällen

schon kurze Zeit nach der Einverleibung des Arzneipräparates

Kolikerscheinungen. Bei sämtlichen 8 Pferden schwanden dieselben

nach ungefähr 5 Stunden, die Lahmheit war jedoch nicht beseitigt.

-- Auf eine Injektion der vereinigten Mittel hin geriet ein Pferd,

einer Beobachtung von +Bruns+ zufolge, in einen rauschartigen

Zustand und zeigte eine Atemfrequenz von 40 Zügen in der Minute.

Die gleiche Aufregung trat nach einer zweiten, 5 Tage später

vorgenommenen Einspritzung zutage. -- +Lungwitz+ konstatierte

bald nach der Injektion bei einem Pferd eine starke, etwa fünf

Stunden anhaltende Aufregung und Unruhe, Vorwärtsdrängen mit in

die Höhe gestrecktem Kopfe und andauerndes Seitwärtstreten, Puls-

und Atmungsbeschleunigung, sowie eine öftere Entleerung von Harn

in geringen Quantitäten und nach kurzen Intervallen. -- Ein Pferd

drängte 3 Stunden nach der gewöhnlichen Injektion, wie +v. Lojewski+

mitteilt, gewaltig nach vorwärts, schlug mit den Hinterextremitäten

nach dem Bauche, hatte ad maximum erweiterte Pupillen, eine trockene

Maulschleimhaut und eine holzige Zunge. Die Muskulatur der linken

Schulter oszillierte beständig. Puls und Atmung waren beschleunigt.

Nach fünf Stunden hatten die Erscheinungen den Höhepunkt erreicht

und wurden jetzt schnell durch Morphium kupiert. Am folgenden Tag

zeigte das Tier nur noch eine gewisse Mattigkeit. -- +Meltzer+ nahm

4 Stunden nach der Injektion folgende Vergiftungssymptome wahr:

Das Pferd war stark tympanitisch aufgetrieben, die Peristaltik lag

gänzlich darnieder. Es blickte angsthaft um sich und war über den

ganzen Körper mit Schweiss bedeckt. Die Atmung vollzog sich pumpend

und die Herzaktion tumultuarisch, die Frequenz der letzteren war

nicht genau zu ermitteln. Der Patient scharrte ununterbrochen mit

den Vorderfüssen, das Hinterteil schwankte stark bei der Bewegung.

Als Antidot wurde eine Mischung von Eserin, Morphium, Kalomel,

Kirschwasser und Kaffee mit Erfolg ordiniert. Am folgenden Tag

war das Tier wieder wohl, die Lahmheit jedoch nicht gewichen.

+Meltzer+ ist der Ansicht, dass es sich in diesem Fall wohl um eine

Idiosynkrasie gehandelt hat. -- Selbst auf die Verabreichung der

gewöhnlichen Lösung, auf 3 aufeinanderfolgende Tage gleichmässig

verteilt, sah +Jess+ stets eine sehr unliebsame, mit Tympanitis und

Darniederliegen der Darmbewegungen einhergehende Kolik auftreten.

Bei einem Pferd zeigten sich diese Nebenwirkungen des Mittels in

Form von über eine Stunde anhaltenden Gehirnerscheinungen, indem das

Tier an den Wänden hochstieg, beständig mit den Vorderextremitäten

schlug und mit dem Hinterteil stark schwankte. Ein weiterer Patient,

dem ein Dritteil der vorschriftsmässigen Mischung injiziert war,

bekam ebenfalls Kolik und wurde am Abend desselben Tages im Stall

tot aufgefunden. Eine Sektion unterblieb leider. -- +Strecker+

bemerkte an einer schweren belgischen Stute 3 Stunden nach der

Injektion mässiges Muskelzittern und Unruheerscheinungen, sich

in häufigem Hin- und Hertreten äussernd. Abends warf sich das

Pferd zu wiederholten Malen heftig nieder, trieb rasch auf und

starb wenig später. Bei der Obduktion wurde als causa mortis eine

Magenruptur ermittelt. -- +Krämer+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1901) sah

bei einem Militärpferd nach einer Atropin-Morphiumeinspritzung

(0,05 : 0,2) kolossalen Schweissausbruch, heftige Unruhe, starke

Schlingbeschwerden, Mydriasis, Dyspnoe, sowie heftiges Anrennen gegen

die Krippe. Die Unruheerscheinungen hielten 4 Stunden an; auch am

folgenden Tag bestand noch ziemliche Schwäche in der Nachhand. --

+Güntherberg+ (ibid.) sah bei einem schulterlahmen Pferd nach einer

Atropin-Morphiuminjektion (0,02 : 0,1) heftige Unruheerscheinungen,

drahtförmigen Puls, stieren Blick, sowie Tod nach 24 Stunden;

die Sektion ergab eine 1½ m lange Invagination des Dünndarms.

-- +Neffgen+ (D. T. W. 1906) sah bei einem 8jährigen schweren

Oldenburger nach der subkutanen Injektion von 0,5 Atropin hochgradige

Unruhe, Pupillenerweiterung, Taumeln, sowie Tod nach 21 Stunden.

Vergiftungen durch die Aufnahme der =Belladonnablätter= bei

Rindern sind in der tierärztlichen Literatur nur ganz vereinzelt

beobachtet worden. +Hering+ (Pathologie 1859) sah bei 2 Kühen nach

der Aufnahme von Waldgras Toben, Niederstürzen und Aufblähung;

+Nagy+ (Veterinarius 1897) bei einem Rind, das auf der Weide

Belladonnablätter gefressen hatte, starke Aufblähung, Anrennen an

Gegenstände, Pupillenerweiterung, 70 Pulse, unsicheren Gang und

häufige Darmentleerungen; die eingeleitete Behandlung (Abführmittel,

kalte Begiessungen) hatte in 2 Tagen vollkommene Genesung zur Folge.

-- Nach +Gerö+ (Veterinarius 1901) sollen ungarische Pferdehändler

bei dämpfigen Pferden betrügerischerweise einen Aufguss von

Belladonnakraut eingeben, wodurch Pupillenerweiterung, Verstopfung

und Aufblähung, Sphinkterenparalyse, beschleunigte Herzaktion,

Trockenheit der Maulschleimhaut, sowie hochgradige Aufregung

entstehen soll. G. will 36 Fälle derartiger Vergiftungen, darunter 11

Todesfälle beobachtet haben.

Vergiftung durch Bilsenkraut.

=Botanisches.= Das +Bilsenkraut+, +Hyoscyamus niger+, ist eine auf

Schutt, wüsten Plätzen, Kirchhöfen etc. wachsende Solanazee mit

fleischiger, möhrenartiger Wurzel, klebrigem, weichhaarig zottigem,

drüsigem, bis ½ m hohem Stengel, grünen, bis 20 cm langen und 10 cm

breiten, eiförmigen, buchtig gezahnten, ebenfalls klebrigzottigen

Blättern, sowie schmutziggelben, violett netzartigen, glockigen,

widerlich riechenden Blüten. Die zweifächerigen Kapselfrüchte

enthalten sehr zahlreiche Samen. Im Bilsenkraut sind 2 Alkaloide

enthalten, das +Hyoszin+ oder =Skopolamin= und das +Hyoszyamin+. Auch

in der Wurzel von Skopolia atropoides ist Skopolamin enthalten.

=Krankheitsbild.= Das Hyoszin (Skopolamin) stimmt in seiner

mydriatischen Wirkung, sowie in seiner erregenden Wirkung auf das

Gehirn und Herz mit dem +Atropin+ ziemlich überein. +Das Krankheitsbild

der Bilsenkrautvergiftung ist daher im wesentlichen das gleiche,

wie das der Belladonnavergiftung.+ Auch dem Hyoszin (Skopolamin)

gegenüber verhalten sich die Haustiere viel weniger empfindlich

als der Mensch. Während beim Menschen schon auf 2 mg Hyoszin

Vergiftungserscheinungen zu beobachten sind, ertragen Hunde und Katzen

das 100-300fache dieser Dosis. Eine kleine Katze blieb noch nach 0,6

g Hyoszin am Leben (+Kobert+). Diese geringe Empfindlichkeit der

Tiere gegenüber dem Hyoszin ist wohl auch der Hauptgrund dafür, dass

Bilsenkrautvergiftungen bei den Haustieren ebenso selten sind, wie

Belladonnavergiftungen. In der tierärztlichen Literatur finden sich nur

folgende Fälle verzeichnet. Nach +Cruzel+ (Journ. de méd. vét. 1828)

hatte eine Kuh im Frühjahr eine grössere Menge frischen Bilsenkrautes

gefressen; nach 2 Stunden fiel sie um, zeigte Pupillenerweiterung,

starke Injektion der Konjunktiva, sichtbares Pulsieren der Karotiden,

Konvulsionen, krampfhaftes, röchelndes Atmen, häufige Harnentleerungen,

sowie allgemeine Körperschwäche. Nach +Graess+ (Berl. Arch. 1897)

starben 29 junge Hühner an Bilsenkrautvergiftung, während die alten

Hühner nicht erkrankten. +Regenbogen+ (B. T. W. 1903) beobachtete bei

einem Pferd nach der Injektion von 0,02 Hyoszin Raserei, Hochsteigen,

Schlagen mit dem Kopf gegen die Krippe und angestrengte Atmung,

offenbar als Ausdruck einer Idiosynkrasie.

+Behandlung+ wie bei der Atropinvergiftung.

=Experimentelles.= Von den zahlreichen, früher mit Bilsenkraut

angestellten +toxikologischen Versuchen+ sind folgende erwähnenswert.

+Pferde+ zeigten auf 90-120 g Bilsenkraut im Dekokt starke Mydriasis,

Steigerung der Pulsfrequenz von 35 auf 72, Zuckungen am Halse und

an den Lippen; nach 3-5 Stunden waren die Erscheinungen vorüber

(+Gohier+). Die Verfütterung von 2 Pfd. frischer Wurzel erzeugte nur

Tympanitis und Kolik (+Viborg+). Ein Eselhengst blieb nach 1½ Pfd.

ausgepressten Bilsenkrauts am ersten Tag ganz gesund; am zweiten Tag

stieg der Puls von 24 auf 70 und die Atmung wurde angestrengt. 1

Pfd. halbreifer Samen steigerte bei einem Pferd schon nach ½ Stunde

den Puls von 34 auf 60 und beschleunigte die Atmung; am anderen

Tag war die Pulsfrequenz wieder eine normale, das Tier zeigte aber

rasende Zufälle, genas jedoch wieder. +Hertwig+ sah nach 180-360 g

des frischen und trockenen Krauts, der Wurzel und Samen lediglich

Pulssteigerung und Tympanitis. Intravenös trat nach 8 g Infus des

trockenen Krautes Unruhe, vermehrter, aussetzender Puls, Mydriasis,

Zittern, Mattigkeit, Taumeln, momentane Raserei, Strangurie auf, nach

16 g schreckliches Toben, völlige Bewusstlosigkeit, Schweissausbruch,

Konvulsionen, sowie der Tod nach 2 Stunden. Eine +Kuh+ zeigte nach

Aufnahme frischen Bilsenkrautes Mydriasis, Pulsation der Karotiden,

Niederstürzen, Konvulsionen und Durchfall. +Hunde+ zeigten nach 8

g Extraktaufnahme Erbrechen, Beschleunigung der Herztätigkeit und

Mydriasis.

Vergiftung durch Stechapfel.

=Botanisches.= Der +Stechapfel+, +Datura Stramonium+, ist eine

überall in Europa vorkommende, im 16. Jahrhundert durch Zigeuner

eingeschleppte Solanazee, welche auf Schutthaufen, in Kirchhöfen,

an Hecken etc. vorkommt. Er bildet einen bis zu 1 m hohen Strauch,

mit dickem, hohlem, kahlem, gabelartig verzweigtem Stengel,

gestielten, eiförmigen, buchtig gezähnten, kahlen Blättern, weissen,

trichterförmigen, 5lappigen, aufrechten Blüten mit sehr langer

Blumenkrone und blassgrünem, röhrigem Kelch, sowie mit grossen,

dornigen, 4fächerigen Kapseln. Der Stechapfel enthält 2 Alkaloide:

das =Atropin= (Stramoniumatropin) und +Hyoszyamin+. Beide zusammen

wurden früher als „Daturin“ bezeichnet. -- Eine atropinähnliche

Wirkung besitzt auch das +Ephedrin+, welches in Ephedra vulgaris

enthalten ist.

=Krankheitsbild.= Die Wirkung des Stechapfels stimmt mit derjenigen der

+Belladonna+ und des +Bilsenkrautes+ überein. Das Krankheitsbild setzt

sich aus den Erscheinungen der +Pupillenerweiterung+, der +zerebralen+

und +kardialen Erregung+ mit späterer +Lähmung+ zusammen. Vergiftungen

mit Stechapfel sind ebenso selten wie bei jenen. In der Literatur sind

nur die folgenden Fälle beschrieben. Eine Kuh zeigte nach der Aufnahme

des Krautes wutartige Symptome: starke Aufregung, Zusammenstürzen,

Lähmung, Tympanitis, genas aber nach 5 Tagen (+Koppitz+, B. T. W.

1906). -- 7 Gänse zeigten nach dem Fressen der Blätter und Stengel

Taumeln und Umfallen und starben innerhalb weniger Minuten (+Zarnack+,

ibid. 1901).

=Experimentelles.= Die in früheren Zeiten mit der Pflanze

angestellten +experimentellen+ Untersuchungen haben im wesentlichen

folgendes ergeben. +Pferde+ zeigten nach der Verabreichung von 1 Pfd.

frischer Stechapfelblätter Mydriasis und schnelleren Puls (+Viborg+).

2 Pfd. der abgeblühten Pflanze riefen leichte Kolikerscheinungen

und Auftreibung hervor. 2½ Pfund reife Samen töteten ein Pferd nach

52 Stunden; Symptome: schneller, kleiner Puls, Auftreibung, Kolik.

+Hertwig+ spritzte Pferden intravenös 8-16 g Tinctura Stramonii ein,

desgleichen ein Infus von 8 g des Krautes; darauf zeigten sich starke

Puls- und Atmungsbeschleunigung, Pupillenerweiterung, Abstumpfung,

Schwindel, Zittern, Geifern, Gähnen, Krämpfe. +Ziegen+ ertrugen 240 g

ausgepressten Stechapfelsaft ohne weitere Erscheinungen; ein Widder

zeigte nach derselben Gabe häufigeres Atmen und Urinieren. +Hunde+

äusserten nach 120 g ausgepressten Saftes Unruhe, Winseln, Erbrechen,

Zittern, genasen aber wieder. Auf 16 g Extrakt starb ein Hund nach 7

Stunden unter den Erscheinungen der Atropinvergiftung (+Orfila+).

Vergiftung durch Kokain.

=Allgemeines.= Das dem Atropin chemisch und physiologisch

nahestehende +Kokain+ ist das Alkaloid der Kokablätter (Erythroxylon

Coca, Erythroxylee) und hat die Formel C_{17}H_{21}NO_{4}. Es wird

in der Tierheilkunde seit etwa 10 Jahren in der Form des Cocainum

hydrochloricum subkutan als Diagnostikum bei Lahmheiten des Pferdes

vielfach angewandt; hierbei sind zuweilen Vergiftungserscheinungen

beobachtet worden. Seltener haben sich Vergiftungen bei den

Haustieren nach der Anwendung des Kokains als lokales Anästhetikum

vor Operationen ereignet, sowie beim sog. Doping der Rennpferde

(künstliche Steigerung der Leistungsfähigkeit durch Kokain und andere

Stimulantien).

Die toxische Wirkung des Kokains auf verschiedene Tiergattungen ist

zuerst von +v. Anrep+ (Pflügers Archiv 1880) eingehend untersucht

worden. Später haben namentlich +Fröhner+ (Arzneimittellehre 1889),

+Rahnenführer+ (Berl. Arch. 1902) und +C. Fischer+ (Monatshefte

für praktische Tierheilkunde 1904) die Giftwirkung bei Tieren

festgestellt.

=Symptome.= Neben der örtlichen +anästhesierenden+ Wirkung des Kokains

auf die peripheren Nerven der Haut und Schleimhäute treten nach der

Resorption des Kokains ins Blut +Erregungserscheinungen+ im Gebiete

der +psychomotorischen+ Rindenzentren des +Grosshirns+ ein, welche an

das Bild der Atropinvergiftung erinnern und sich je nach Dosis und

Tiergattung verschieden äussern.

1. Nach +kleinen+ Dosen (0,01-0,015 g Kokain pro kg Körpergewicht)

zeigen +Hunde+ freudige Erregung, ausgelassene Munterkeit, sowie

eine rastlose Tätigkeit aller Muskeln, welche sich in planlosem Hin-

und Herlaufen, Springen, Hüpfen, tänzelnden Bewegungen, beständigem

Umherlaufen im Kreise, Schweifwedeln, sowie pendelnden Kopfbewegungen

äussert. Eine ähnliche psychische Erregung zeigen Pferde und Rinder,

sowie Katzen, die besonders empfindlich sind; sehr widerstandsfähig

sind dagegen Tauben. Gleichzeitig wird infolge Einwirkung auf das

Rückenmark die +Reflexerregbarkeit gesteigert+; die Tiere sind

schreckhaft und zittern. Manche +Pferde+ zeigen schon nach der

subkutanen Injektion von 0,5 g Kokain (diagnostische Injektion bei

Lahmheit) vorübergehende Aufregung, Schreckhaftigkeit, Unruhe und

Zittern (Idiosynkrasie?). Auch +die Pulsfrequenz, der Blutdruck, die

Atemfrequenz und die Körpertemperatur sind gesteigert+; +die Pupille

ist erweitert+; +die Peristaltik ist vermehrt+; es besteht +Speicheln+.

2. +Mittlere Dosen+ (von 0,015-0,02 pro kg ab beim Hund) bewirken

+hochgradige psychische Aufregung, sowie krampfhafte Unruhe

aller Körpermuskeln+. Es treten rhythmische Kontraktionen aller

Skelettmuskeln, sowie +tetanische und tonisch-klonische Krämpfe+ mit

Opisthotonus, epileptiformen Anfällen, Roll- und Schwimmbewegungen

und den verschiedensten Koordinationsstörungen auf; die Atmung wird

dyspnoisch.

3. +Grosse Dosen+ (von 0,02 pro kg ab beim Hund) +lähmen+ die +nervösen

Zentralorgane+ und zwar zuerst das Grosshirn, dann die +Vierhügel+,

das verlängerte Mark und das Rückenmark und töten durch +Lähmung

des Atmungszentrums+. Der Sektionsbefund ist, abgesehen von den

suffokatorischen Erscheinungen, negativ.

Beim +Menschen+ beobachtet man endlich nach lange fortgesetztem

Kokaingebrauch ähnlich wie beim Morphium schwere und bleibende

+psychische Störungen+ in Form von Epilepsie und Paranoia

(+Kokainismus+).

+Behandlung.+ Die +Prophylaxe+ der Kokainvergiftung besteht darin, dass

man die Dosen bei der diagnostischen Injektion nicht zu hoch nimmt

oder gleichzeitig mit dem Kokain einige Tropfen +Adrenalin+ 1 : 1000

einspritzt (gefässkontrahierende, die Resorption verlangsamende bezw.

verhindernde Wirkung). Während der Erregungserscheinungen empfiehlt es

sich, die Pferde an der Hand zu bewegen. Symptomatische Gegenmittel

sind +Bromkalium+, +Chloralhydrat+ und +Amylnitrit+.

=Nachweis.= Da das Kokain sich im Blute anscheinend sehr schnell

zersetzt, ist der chemische Nachweis im Körper schwierig. Der

+physiologische+ Nachweis besteht in vorübergehender Unempfindlichkeit

der Zungenspitze bei Berührung. +Chemische+ Reaktionen sind: +weisser+

in Weingeist und Aether leicht löslicher Niederschlag in der

wässerigen, mit Salzsäure angesättigten Lösung durch Sublimatwasser,

+brauner+ durch Jodlösung, weisser durch Kalilauge.

=Experimentalversuche über die Kokainwirkung bei den verschiedenen

Haustieren.= Die innerliche Kokainwirkung beim +Hund+ ist

individuellen Verschiedenheiten unterworfen. Ich habe in einem

Fall einem Hund von 10 kg Körpergewicht 0,15 g Cocainum muriaticum

(0,015 pro kg) ohne auffällige Erscheinungen subkutan injiziert.

Ein anderer 32 kg schwerer Hund zeigte nach der Injektion von 0,5

g Cocainum muriat. (ebenfalls 0,015 pro kg) das deutliche Bild der

Kokainerregung, desgleichen ein 8 kg schwerer nach 0,12 Kokain.

Bei +Pferden+ beobachtete ich nach subkutaner Injektion von 0,5 g

Kokain (0,001 pro kg) vereinzelt Unruhe, Aufregung, Zittern und

Schreckhaftigkeit. Nach der Injektion von 2,0 g Kokain (0,005 pro

kg) beobachtete ich regelmässig +Unruheerscheinungen+, Scharren

mit den Vorderfüssen, Wiehern, +Schreckhaftigkeit+, +Aufregung+,

sogenanntes Leineweben, Pulssteigerung bis auf 96, Speicheln,

+sehr häufigen Kotabsatz+, laut kollernde Peristaltik, Mydriasis,

und nach 50 Minuten +tobsuchtähnliche+ Zufälle (Hochsteigen,

Vorwärtsdrängen, Versuche, die Halfterkette loszureissen, Seitwärts-

und Rückwärtsspringen) mit einer +aufs höchste gesteigerten

Reflexerregbarkeit+; erst nach 2 Stunden war das Allgemeinbefinden

wieder normal. +Kühen+ gab ich 4, 6, 10 und 16 mg Kokain pro

kg Körpergewicht. Eine 5jährige Kuh zeigte nach der Injektion

von 1,0 g Cocainummuriaticum (0,004 pro kg Körpergewicht) sehr

lebhaften Blick, +unruhiges Benehmen+, Schütteln mit dem Kopf,

grosse Empfindlichkeit gegen +Fliegen+, lebhaftes Wedeln mit dem

Schweif, +Schreckhaftigkeit+, +starke Vermehrung der Peristaltik+

mit wiederholtem Absatz dünnflüssigen Kotes, häufigen Harnabsatz,

Temperatur- und Pulssteigerung. Die Wirkung hatte etwa nach ¾ Stunden

ihre Höhe erreicht. Von da ab liessen die Unruheerscheinungen nach

und das Tier hatte sich 1½ Stunden nach dem Beginn des Versuchs

wieder vollkommen beruhigt. Dieselbe Kuh zeigte nach der Injektion

von 1,5 g Kokain ähnliche, aber hochgradigere Erscheinungen,

namentlich starke Aufregung und Schreckhaftigkeit, fortgesetzten

diarrhoischen Kotabgang, Harndrang mit tropfenweissem Harnabsatz,

Speicheln, sowie leichtes Schwanken. 1½ Stunden nach Beginn des

Versuches waren auch hier die Erscheinungen wieder zurückgegangen,

das Tier zeigte aber noch eine mehrstündige Mattigkeit. 2,5 g Kokain

erzeugten ähnliche, noch stärkere Erregungserscheinungen. 4,0 g

Kokain (0,016 pro kg Körpergewicht) riefen bei einer Kuh ein 4

Stunden andauerndes Exzitationsstadium hervor mit +tobsuchtartiger

Aufregung+, äusserster Schreckhaftigkeit, +Absatz dünnflüssigen,

diarrhoischen Kotes+, +anhaltendem Drängen auf den Harn+, Speicheln,

Rülpsen, Temperatursteigerung bis um 1°, Pulsbeschleunigung,

Mydriasis und Schwanken. Nach dem Verschwinden dieser Symptome war

das Allgemeinbefinden wieder ganz normal. Aehnliche Beobachtungen hat

+Negotin+ bei seinen Versuchen am Hund gemacht. -- Nach +Fischer+

(Monatshefte für prakt. Tierheilkde. 1904) steigt die Empfindlichkeit

der Tiere gegen Kokain mit ihrer Grösse; die tödliche Dosis pro kg

Körpergewicht beträgt nach ihm bei Fröschen 0,42 g, Tauben 0,06,

Katzen und Hunden 0,03, Ziegen 0,015, Rindern und Pferden 0,018 (=

6-8 g Kokain als Todesdosis für Pferde); bei diesen tödlichen Dosen

stieg die Körpertemperatur um 2,6-3,2°.

=Kasuistik.= +Wilkie+ (Journ. of comp. 1891) beobachtete bei

einer Setterhündin, die vor der Operation eines Mammatumors eine

15proz. Kokaininjektion erhalten hatte, nach etwa 3 Minuten

klonische Krämpfe, Speichelfluss, Zungen- und Lippenlähmung,

Pupillenerweiterung und Manegebewegungen. Nach 3 Tagen war der

Hund wieder hergestellt. -- +Parant+ (Tierärztl. Rundschau 1908)

beobachtete nach der Instillation einer 4proz. Kokainlösung (5-6

Tropfen) in den Lidsack einer Katze heftige Krämpfe, maximale

Pupillenerweiterung und Erblindung; erst nach 15 Tagen war das Tier

wieder ganz hergestellt. -- Nach +Suffran+ (Revue Toulouse 1909)

zeigte ein 20 kg schwerer Hund nach 0,06 g Kokain (intrakutan)

Halluzinationen, Aufregung, Krämpfe, Speicheln und Anästhesie. --

+Rahnenführer+ (Berl. Arch. 1902) weist darauf hin, dass namentlich

bei edlen Pferden die Injektion von 0,5 Kokain eine leichte

Vergiftung (Exzitationsstadium) zur Folge hat; zahlreiche ähnliche

Fälle hat auch +Eberlein+ beobachtet; bei Herabsetzung der Dosis auf

0,2 und darunter fehlten die Vergiftungserscheinungen. Wegen der

giftigen Nebenwirkung des Kokains wird neuerdings das 10mal weniger

giftige Alypin zu diagnostischen Injektionen empfohlen.

Vergiftung durch Ranunkeln.

=Botanisches.= Die verschiedenen Arten von Ranunkulus, welche in

toxikologischer Beziehung in Betracht kommen, sind:

1. +Ranunculus sceleratus+, giftiger Hahnenfuss, Froscheppich, an

Teichen, Sümpfen und Gräben wachsend (daher auch früher Ranunculus

palustris benannt), eine bis meterhohe, krautartige Pflanze, mit sehr

dickem, hohlem, fleischigem, kahlem Stiel, blassgrünen, handförmig

geteilten Blättern, blassgelben, fünfblätterigen, sehr kleinen,

hinfälligen Blüten, zurückgeschlagenem Kelch, sowie bauchigen,

feinrunzeligen, kahlen, auf einem walzenförmigen Fruchtboden

stehenden Früchten.

2. +Ranunculus acris+, kleine Schmalzblume, Butterblume,

Wiesenranunkel, besitzt einen abgebissenen, reichfaserigen

Wurzelstock, aufrechten, flaumhaarigen Stengel, flaumhaarige,

bandförmig geteilte Blätter, grosse, goldgelbe Blüten mit rundem,

nicht gefurchtem Blütenstiel und abstehendem Kelch, sowie

zusammengedrückte, kahle, glatte Früchtchen, welche kugelige Köpfchen

bilden.

3. +Ranunculus arvensis+, der Ackerhahnenfuss, bis einen halben Meter

hoch werdend, besitzt einen faserigen Wurzelstock, kahlen Stengel,

dreigespaltene Blätter, blassgelbe, kleine, fünfblätterige Blüten mit

aufrechtstehendem Blütenkelch und dornige oder knotige Früchtchen.

4. +Ranunculus repens+, der kriechende Hahnenfuss, mit gebogenem,

nicht aufrechtem Stengel und kriechenden Ausläufern, tiefen,

handförmig geteilten Blättern und fünfblätteriger, gelber Blume.

5. +Ranunculus Ficaria+ (Ficaria verna, Ficaria ranunculoides),

Feigwarzenkraut, Pappelsalat, Pfennigsalat, wildes Löffelkraut,

kleines Schöllkraut, mit büschelig-knolligem Wurzelstock,

niederliegendem Stengel, herzförmigen Blättern, goldgelber Blume und

dreiblätterigem Kelch.

6. +Ranunculus bulbosus+, Butterkups, mit aufrechtem, an der Basis

zwiebelförmig verdicktem Stengel, grasgrünen, dreischnittigen

Blättern und grossen, goldgelben Blüten auf gefurchten Stielen. --

Ausserdem sind zu erwähnen +Ranunculus Flammula+, der brennende

Hahnenfuss, +Ranunculus Lingua+, der grosse Hahnenfuss, +Ranunculus

lanuginosus+, +auricomus+ und +polyanthemus+.

Die genannten Ranunkelarten enthalten einen scharfen Stoff, den

=Anemonenkampfer= (Ranunkulol, Anemonol, +Pulsatillenkampfer+), ein

festes und dabei flüchtiges ätherisches Oel, welches nadelförmige

Kristalle bildet und beim Behandeln mit Alkalien eine gelbe,

gummiartige Masse liefert und zu Anemonin und Anemoninsäure, zwei

nicht reizende Körper, zerfällt. Der Anemonenkampfer findet sich

auch in verschiedenen Anemonenarten, so in +Anemone pratensis+

(Küchenschelle, Osterblume), welche überall in Europa auf sonnigen

Hügeln und Heiden, sowie am Rande lichter, trockener Wälder vorkommt

und schwarzviolette, glockige, nickende, aussen glänzend weisszottige

Blumen hat; ferner in +Anemone Pulsatilla+, in +Anemone vernalis+ und

+Anemone nemorosa+ (weisse Osterblume, Waldhahnenfuss, Windröschen),

einer in Laubwäldern und Gebüschen häufig vorkommenden, übrigens

ungiftigen (vergl. unten) Ranunkulazee mit weissen, oft rötlich

angeflogenen, kahlen Blüten.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 31 / 50 段