dem Blut und den Muskeln geschieht nach der Methode von +Dragendorff+
(vergl. S. 199) mittels Benzol oder Petroleumäther (auch Amylalkohol
und Chloroform kann benützt werden). Zu beachten ist, dass ein Teil
des Veratrins schon aus der sauren (schwefelsauren) wässerigen Lösung
durch Benzol, Amylalkohol und Chloroform ausgezogen werden kann.
Spezialreaktionen für das Veratrin sind: 1. +Rotfärbung+ durch Zusatz
von konzentrierter Schwefelsäure oder von +Bromwasser+ (vorsichtiger
Zusatz eines gleichgrossen Volums). 2. +Prachtvolle Rotfärbung+ bei
Zusatz konzentrierter rauchender +Salzsäure+ (noch bei 1/10 mg deutlich
zu erkennen). Man übergiesst den auf dem Uhrgläschen befindlichen
Rückstand mit 1 ccm rauchender +Salzsäure+ und löst ihn möglichst
schnell darin auf, worauf die Flüssigkeit in ein Reagensglas gebracht
und etwa 1-2 Minuten im Sieden erhalten wird. Die rote Veratrinlösung
hält sich wochenlang. 3. +Grün-+, +Blau-+, +Violettfärbung+ bei Zusatz
von +Zucker+ und konzentrierter +Schwefelsäure+ in geringer Menge.
Hierbei färbt sich das Veratrin anfangs gelb, später dunkelgrün,
dann schön blau, zuletzt missfarben violett. 4. Die +physiologische+
Reaktion des Veratrins bei einem +Frosch+ besteht im Auftreten von
+Brechbewegungen+ und +Verlangsamung+ der Herztätigkeit von 60 auf 30,
10 und zuletzt 0 Schläge in der Minute. Diese Erscheinungen beobachtet
man noch nach ½ mg in 0,1 ccm essigsaurer Lösung bei subkutaner
Injektion. Grössere Dosen erzeugen ausserdem +Tetanus+ in Form von
Streckkrämpfen; so zeigen sich bei einem Frosch nach 2 mg Veratrin
(in 0,5 ccm Lösung subkutan) sofort Brechbewegungen, nach 15 Minuten
Tetanus, nach 1 Stunde stirbt das Tier.
=Kasuistik.= 1. +Pferde.+ 2 Pferde frassen im Februar die Blätter
des weissen Germer. Sie zeigten starkes Speicheln, leichte Kolik und
häufiges Würgen, waren jedoch am Abend wieder gesund. Auch sonst
beobachtet man öfters beim Alpenvieh bei Futtermangel Aufnahme
des weissen Germer und im Anschluss daran Speicheln und Erbrechen
(+Kuschee+, Tierärztl. Zentralbl. 1894). -- 18 Pferde zeigten nach
der Aufnahme von Blättern des weissen Germer Appetitlosigkeit,
Mattigkeit, Aufregung, Unruhe, Krämpfe, Salivation, Stomatitis,
Brechreiz, Kolik und Dyspnoe (+Varga+, Veterinarius 1898). -- 3
Pferde erhielten infolge einer Verwechslung ein Pulver, welches viel
Sabadillsamen enthielt. Sie zeigten Speicheln, Erbrechen, starken
Durchfall, fielen nach 4 Stunden um und bekamen tetanische Krämpfe;
eines starb nach 9 Stunden unter heftigem, anhaltendem Tetanus, das
andere genas (+Lund+ und +Larsen+, Dänische Monatsschrift 1897).
-- 2 junge Pferde hatten je 0,1 Veratrin subkutan erhalten. Sie
starben nach 16 resp. 20 Stunden, nachdem Zuckungen, Krämpfe und
Brechanstrengungen vorausgegangen waren (+Martens+, Preuss. Mitt.
1881). -- Ein Pferd zeigte nach einer Veratrininjektion sehr starke
Unruhe, tobsüchtiges Benehmen und später Lähmung; es starb nach
30 Stunden. Bezüglich der Sektion vergl. S. 227 (+Gips+, Preuss.
Mitt. 1880). -- Ein Pferd, welches eine zu grosse Dosis Rhizoma
Veratri erhalten hatte, zeigte als Haupterscheinungen anhaltendes
Würgen, angestrengte Atmung, hohe Pulsfrequenz und sehr schwachen,
elenden Puls. Die Behandlung bestand in der Anwendung von Alkohol
und Ammonium carbonicum (+Gresswell+, The Veterinarian 1886). --
Experimentelle Untersuchungen von +Waldinger+ ergaben, dass das
Rhizoma Veratri in Dosen von 15-30 g bei Pferden nur geringe Wirkung
hervorruft; selbst 120 g erzeugten nur Kolik und Brechbewegungen
4 Stunden hindurch. Dagegen ist nach +Hertwig+ die intravenöse
Injektion der Tinctura Veratri von sehr starker und rascher Wirkung;
2-15 g derselben bedingen sofort Atembeschwerden, Kotentleerung,
Kolik, Brechbewegungen, Kontraktionen des Schlundes, der Hals-
und Bauchmuskeln, Rülpsen, Schluchzen, Speicheln, Tränenfluss,
vermehrtes Urinieren und zuweilen ganz abundanten Schweissausbruch;
15-30 g der Tinktur hatten bei intravenöser Anwendung nach wenigen
Minuten den Tod unter Schwindel, Zusammenstürzen, Atembeschwerden
und Konvulsionen zur Folge. Ein 1 Quadratzoll grosses und etwa ½ cm
dickes Stück Nieswurz erzeugte, +subkutan+ appliziert, Muskelzittern,
Dyspnoe nach 1-2 Stunden, Würgen, Brechneigung, Speicheln, vermehrte
Peristaltik, Diarrhöe, sowie lokale Entzündung und Geschwulstbildung.
2. +Rinder.+ Ein 1jähriges Rind starb nach der subkutanen Injektion
von 0,25 Veratrin innerhalb 8 Stunden, ein Ochse nach der
Verabreichung von 60 g weisser Nieswurz in Pillenform am 2. Tag
(+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Nach experimentellen
Untersuchungen bedingt die Nieswurz in Gaben von 20-30 g nur
schwache Erscheinungen; 90 g erzeugten Kolik und 180 g den Tod unter
Erscheinungen der Magendarmentzündung (Lyoner Tierarzneischule). 125
g im Dekokt riefen starke Aufregung und Kolik hervor; das betreffende
Rind blieb aber am Leben (+Ithen+).
3. +Schafe+ und +Ziegen+ zeigten nach 8-15 g des Rhizoma Veratri
Würgen, Erbrechen und Diarrhöe (+Gerlach+).
4. +Katzen+ starben auf 5-10 mg Veratrin; +Hunde+ auf 2-10 cg. Das
Rhizoma Veratri tötet die letzteren schon von 0,6 g ab, wenn das
Erbrechen durch Unterbinden des Schlundes verhindert wird; können die
Tiere jedoch erbrechen, so ertragen sie sogar bis zu 8 g (+Hertwig+).
Intravenös töten schon 15-20 Tropfen.
5. +Frösche+ zeigen auf 0,5 mg Veratrin +Brechbewegungen+ und
Verlangsamung des Herzschlages von 60 auf 30 und 10; auf 2 mg sofort
Brechbewegungen und 15 Minuten darauf +Tetanus+, worauf der Tod nach
etwa einer Stunde eintritt (physiologischer Nachweis des Veratrins).
Akonitvergiftung.
=Botanisches.= In Deutschland kommen mehrere Akonitarten vor. Die
wichtigste ist +Aconitum Napellus+, der +Sturmhut+ oder +Eisenhut+
(Helmblume, Rachenblume, Ziegentod, Würgling, Mönchskappe,
Narrenkappe, Venuswagen), eine zu den Ranunkulazeen gehörige
Bergpflanze (έν ἀχόναις, auf Felsen) der nördlichen Halbkugel bis
Norwegen und Schweden, welche häufig in Gärten als Zierpflanze
kultiviert wird. Die im Juni bis September blühende Pflanze zeichnet
sich durch charakteristische, in Trauben stehende, blaue (violette,
rote, weisse) Helmblüten aus, deren Helm breiter als hoch und
halbkreisförmig gewölbt ist; die Nektarien sind auf gekrümmtem Nagel
wagrecht nickend. Das Rhizom ist rübenartig, aus zwei nebeneinander
stehenden (einem vorjährigen und einem frischen) dunkelgraubraunen,
fingerlangen Wurzelstöcken bestehend; der bis 1½ m hohe Stengel
ist aufrecht und einfach, die Blätter sind oben dunkelgrün, unten
heller gestielt, derb, handförmig. Andere giftige Akonitarten sind:
+Aconitum Stoerkeanum+ (neomontanum), ziemlich selten, an denselben
Standorten vorkommend wie die vorige, mit 3 Rhizomen, blauen,
violetten oder weissen Blüten, nach oberwärts gekrümmten Nektarien,
schief geneigtem Nagel und mehr hohem als breitem Blütenhelm;
+Aconitum variegatum+ mit Blütennektarien, welche auf geradem Nagel
aufrecht stehen; endlich +Aconitum Lycoctonum+, der Wolfseisenhut
(Hundsgift, Gelstern), eine in Bergwäldern nicht sehr häufig
vorkommende, gelb blühende, nur mit einem Rhizom versehene und in
seiner Wirkung von den anderen Akonitarten abweichende Pflanze.
Die drei erstgenannten Akonitarten enthalten ein sehr stark
giftiges Alkaloid, das =Akonitin= oder Akonitoxin von der Formel
C_{33}H_{43}NO_{12}. Dieses Akonitin ist je nach der Darstellung
ein sehr verschiedenartiges, sehr inkonstantes Präparat (deutsches,
französisches, belgisches, englisches Akonitin). Aconitum Lycoctonum
enthält kein Akonitin, sondern zwei kurareähnlich wirkende Alkaloide:
das +Lykakonitin+ und +Myoktonin+, welche sich in die früher als
Hauptbestandteile bezeichneten Körper Lykoktonin und Akolyktin
spalten.
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Akonitin gehört zu den
stärksten Giften. Reine Präparate desselben töten Hunde schon in
Dosen von wenigen Milligrammen. Von der getrockneten Wurzel wirken 5
g für Hunde, von der frischen Wurzel 3-400 g tödlich für Pferde. Es
wirkt örtlich auf die Schleimhäute +reizend+, +entzündungserregend+;
die allgemeine Wirkung besteht in einer +Erregung+ der +motorischen
Zentren+, sowie in +Lähmung+ des +Atmungszentrums+ und +allgemeiner
Lähmung+. Akonitvergiftungen sind im allgemeinen ziemlich selten,
weil die Pflanze allmählich ausgerottet und auch als Arzneimittel,
wenigstens in Deutschland, fast gar nicht angewandt wird (in Belgien
sind durch zu grosse Dosen von Akonitin bei Pferden Vergiftungen
vorgekommen). Man beobachtet sie zuweilen bei Rindern und Ziegen, wenn
dieselben auf Bergweiden die Giftpflanze aufnehmen. Auch Schafe sollen
in Gebirgsländern durch das Abweiden der jungen Frühjahrssprösslinge
erkranken. Seltener erkranken Pferde nach der Aufnahme der
Gartenpflanze (Samen). Die wichtigsten Krankheitserscheinungen sind
+starkes Speicheln+, Recken, +Würgen+, +Aufstossen+, +Erbrechen+,
Zähneknirschen, +Durchfall+, +sehr schmerzhafte Kolik+, +Unruhe+,
+Angst+, +Geschrei+, +Winseln+, +Stöhnen+, +Krampfanfälle+,
+Aufblähung+, +Schwäche+, +Lähmung+, +Taumeln+, +Zittern+, +Mydriasis+,
+Bewusstlosigkeit+, +Zusammenstürzen+. Der Tod erfolgt meist schon nach
wenigen Stunden unter Krämpfen.
Bei der +Sektion+ findet man entzündliche Veränderung auf der
Magendarmschleimhaut, zuweilen auch schon auf der Maulschleimhaut,
sowie Gehirnhyperämie.
Die +Behandlung+ besteht in der Verabreichung von Tannin, sowie
von exzitierenden Mitteln (Kampfer, Aether, Alkohol, kohlensaures
Ammonium). Auch die Digitalis soll durch ihre erregende Wirkung auf das
Herz ein gutes Antidot sein.
=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des reinen kristallisierten Akonitins
(Aconitinum nitricum crystallisatum) wird nach der Methode von
+Dragendorff+ (vergl. S 199) aus alkalischer Lösung durch +Benzol+
(oder +Petroleumäther+ oder Chloroform) vorgenommen. Dagegen wird
zur Abscheidung von Akonitin aus Akonitkraut oder nach Einverleibung
käuflichen, unreinen, amorphen Akonitins +Benzol+ oder +Chloroform+,
nicht Petroleumäther, benützt. Es entziehen ferner Aether und
Amylalkohol das unreine Akonitin aus +sauren+ Flüssigkeiten. Soll ein
Untersuchungsobjekt +nur+ auf Akonitin untersucht werden, so empfiehlt
es sich, wegen der grossen Empfindlichkeit dieses Alkaloids auch
gegen verdünnte Mineralsäuren und Basen, statt des umständlicheren
Dragendorffschen Verfahrens das Untersuchungsmaterial einfach mit
Alkohol unter Zusatz von möglichst wenig +Weinsäure+ auszuziehen, den
Alkohol zu verdunsten und die alkalischen Lösungen, wo solche notwendig
sind, durch Zusatz von +Natrium bicarbonicum+ herzustellen.
Die beiden Akonitinsorten verhalten sich auch den Reagentien
gegenüber verschieden: 1. Das +reine Akonitin+ gibt in schwach
essigsaurer Lösung mit +Jodkalium+ eine +kristallinische+ Verbindung,
welche unter dem Mikroskope aus +tafelförmigen Platten+ besteht.
Dieses rein kristallisierte Akonitin zeigt keine Farbenreaktionen.
2. Das +gewöhnliche, amorphe Akonitin+ färbt sich beim Stehen
seiner Lösung in konzentrierter +Schwefelsäure+ oder beim Erwärmen
mit +Phosphorsäure+ schön +rot-violett+ und mit +Zucker+ und
+Schwefelsäure+ schön +rot+ (Zersetzungsprodukte des reinen Akonitins).
=Kasuistik.= +Knopf+ (Berl. tierärztl. Woch. 1891) beschreibt
eine Vergiftung durch Aconitum Napellus bei 28 Rindern,
welche die Giftpflanze auf der Weide aufgenommen hatten. Die
Vergiftungserscheinungen waren: Stöhnen, Unvermögen aufzustehen,
Sinken der Innentemperatur (bis 36,7°), Versiegen der Milchsekretion,
Pupillenerweiterung, Verstopfung bezw. Durchfall, Schmerz bei
Druck auf die Bauchdecken; das Bewusstsein blieb frei. 2 Kühe
starben. Die Sektion ergab das Vorhandensein einer Gastroenteritis,
hochgradige Gehirnhyperämie, sowie auffallend helle Farbe der Leber.
-- +Kaufmann+ (Recueil 1900) beschreibt eine Akonitinvergiftung bei
6 Pferden; 6 mg Akonitin wirkten bei einem Pferde schon tödlich.
-- 7 Rinder frassen reife Eisenhutkörner an einem Gartenzaun und
starben nach 24 Stunden unter den Erscheinungen der Gastroenteritis:
Kolik, Speicheln, Aufblähung, Durchfall, Schwanken (Preuss. Vet.-
Ber. 1904). -- +Prietsch+ (Sächs. Jahrg. 1907) sah bei einem Pferde
nach der Aufnahme von Samen in einem Garten gleichfalls Kolik und
Schwanken; die Genesung erfolgte erst nach 4 Tagen.
Atropinvergiftung.
=Botanisches.= Die +Tollkirsche+, +Atropa Belladonna+ (Wutkirsche,
Wolfskirsche, Teufelsbeere, Waldnachtschatten), ist eine über
Meter hohe, buschige Solanazee mit purpurbraunen, drüsig
flaumigen Stengeln, trübgrünen, ganzrandigen Blättern und
grossen, schmutzigvioletten, einzeln in den Achseln stehenden,
überhängenden Glockenblüten. Die glänzend schwarzen vielsamigen
Beeren sitzen auf dem flach ausgebreiteten Kelch. Die Belladonna
enthält nur in den jungen Wurzeln +Atropin+, dagegen in den
ausgewachsenen Wurzeln und den übrigen Pflanzenteilen +Hyoszyamin+.
Das im Handel vorkommende „Atropin“ ist ein Gemenge der beiden
genannten Alkaloide. Atropinvergiftungen haben sich teils durch
zu hohe Dosierung und unzweckmässige Kombinierung des Atropins
(Morphium-Atropineinspritzungen gegen Schulterlahmheit beim Pferd),
teils durch die Aufnahme von Belladonnablättern bei Rindern (selten)
ereignet.
=Atropinwirkung.= Die Alkaloide der Belladonna, das Hyoszyamin
und Atropin, wirken +pupillenerweiternd+, die +Speichelsekretion
beschränkend+, sowie stark +erregend+ auf das +Gehirn+ („Tollkirsche“)
und das +Herz+; der Tod erfolgt durch +Lähmung+ dieser Organe. Die
Vergiftungserscheinungen bestehen daher in +Pupillenerweiterung+,
+Sehstörungen+, +starker Aufregung+, +Tobsucht+, +Krampfanfällen+,
+Herzklopfen+, +verminderter Speichelsekretion+ und infolgedessen
Trockenheit der Maulschleimhaut und der Zunge, +gastrischen Zufällen+;
später tritt +Schwäche+ und +Lähmung+ auf. Die Behandlung ist
eine symptomatische; als Gegengift werden namentlich Morphin und
Chloralhydrat, sowie Tannin empfohlen.
=Verhalten der einzelnen Tiergattungen.= Die Haustiere, namentlich
die Pflanzenfresser, sind gegen das Atropin im Vergleich zum Menschen
+wenig empfindlich+. Im einzelnen ist folgendes zu bemerken:
1. +Pferde+ ertragen nach meinen Erfahrungen Dosen von 0,05-0,5
g Atropin, ohne lebensgefährlich zu erkranken. Die gewöhnlichen
Erscheinungen nach diesen relativ sehr grossen Dosen sind Herzklopfen,
Steigerung der Pulsfrequenz, Unruhe, Aufregung, Mydriasis, verminderte
Speichelsekretion und Unterdrückung der Futteraufnahme; Tobsucht
wird in der Regel nicht beobachtet. Nur bei einzelnen Pferden
traten wohl infolge einer Idiosynkrasie schon nach Dosen von 0,05
tobsuchtartige Erscheinungen auf. Aehnlich sind die Erscheinungen nach
der Aufnahme von Belladonnakraut. Nach +Hertwig+ zeigten 20 Pferde
auf die Verabreichung von 120 bis 180 g trockenem Belladonnakraut
Pupillenerweiterung, Trockenheit im Maul, Tympanitis, Verstopfung,
Kolik, sehr beschleunigte Herztätigkeit und Pulszahl, Mattigkeit und
Schwäche; eigentümlicherweise fehlten zerebrale Erregungszustände. Die
gleichen Symptome wurden nach 60-90,0 trockener Wurzel beobachtet;
180,0 g derselben töteten. Klistiere von 15,0 trockenem Kraut auf
180,0 Kolatur, 3-4mal an einem Tag wiederholt, riefen leichte
Vergiftungserscheinungen und eine Lähmung des Sphincter ani hervor.
8-16,0 der Belladonnatinktur (8,0 : 45,0 Spiritus) intravenös
appliziert, hatten eine schwere Vergiftung zur Folge, welche sich
in Unruheerscheinungen, Angst, Atemnot, starker Pulsbeschleunigung,
Mydriasis, Zittern, Zuckungen, Kolik, Betäubung und Taumeln äusserte.
Einzelne Pferde tobten auch und gingen wie blind auf die Wände zu. 240
g der Tinktur intravenös gegeben, töteten.
2. +Kühe+ werden von der Belladonnawirkung stärker betroffen.
30 g der Wurzel und 60 g der Blätter erzeugten Tympanitis und
Pulsbeschleunigung, 60-90 g der Wurzel eine zweitägige starke
Vergiftung; 120 g der Wurzel hält +Hertwig+ beim Rind für die tödliche
Dosis.
3. +Hunde+ ertragen im Verhältnis zum Menschen und zu anderen Tieren,
namentlich zum Pferd, besonders grosse Atropingaben und können sich
allmählich an das Gift gewöhnen. Ich habe beispielsweise einem 25 kg
schweren Hund im Verlauf eines Nachmittags (innerhalb 6 Stunden) 1,0
g Atrop. sulfuric. auf 2mal eingegeben; derselbe zeigte zwar jedesmal
starke Unruheerscheinungen und hochgradige Aufregung, verbunden mit
Krampfanfällen, erholte sich aber nach kurzer Zeit wieder vollständig.
Grosse Hunde ertragen annähernd dieselbe Dosis wie ein Pferd.
4. +Schafe+ ertrugen 90,0 g trockene Blätter, 120,0 g getrocknete
Wurzel und selbst 60,0 g Belladonnaextrakt (+Gerlach+).
5. +Ziegen+ zeigten nach der Verfütterung von 750 g frisch getrockneter
Belladonnablätter nur eine starke Mydriasis ohne jede andere auffällige
Erscheinung (+Gerlach+). Die Unempfindlichkeit der Schafe und Ziegen
gegen Belladonna ist übrigens lange bekannt. Schon +Münch+ bemerkt in
seiner „Praktischen Anweisung, wie Belladonna bei den Tieren anzuwenden
ist, Stendal 1787“, dass Ziegen die Belladonna pfundweise und Schafe
die Blätter mit Begierde fressen.
6. +Kaninchen+ sind besonders indifferent gegen Atropin. +Hertwig+
hat Kaninchen wochenlang nur mit Belladonnablättern gefüttert, wobei
dieselben ausser Pupillenerweiterung keinerlei abnorme Erscheinungen
zeigten, vielmehr ganz munter blieben; im Urin derselben liess sich
Atropin nachweisen. Die tödliche Dosis des Atropins für Kaninchen liegt
erst bei 1,0 g (beim Menschen wirken schon 0,1 g sicher tödlich, und
schon 5 mg bedingen eine schwere Vergiftung).
=Nachweis.= Die +Abscheidung+ des Atropins aus den
Untersuchungsobjekten erfolgt am besten nach der Methode von
+Dragendorff+ (vergl. S. 199); hierbei ist zu beachten, dass das
Atropin aus seiner Lösung in Benzol in der Kälte auskristallisiert.
Da das Atropin eines der am leichtesten zersetzlichen Alkaloide ist,
müssen hohe Temperaturgrade, sowie ätzende Alkalien und starke Säuren
streng vermieden werden; es empfiehlt sich ferner im Vakuum bei
möglichst niedriger Temperatur abzudampfen. Das abgeschiedene Atropin
kann auf verschiedene Weise agnosziert werden. 1. Die +physiologische+
Methode des Nachweises ist die sicherste. Man löst einen Teil
desselben in wenig Wasser auf und bringt die Lösung in den Lidsack
eines Kaninchens, einer Katze, eines kleinen Hundes, worauf sehr bald
+Pupillenerweiterung+ eintritt. Diese Pupillenerweiterung wird noch
durch 0,005 mg Atropin erzeugt. 2. Mit +rauchender Salpetersäure+ und
+weingeistiger Aetzkalilösung+ färbt sich Atropin schön +rotviolett+.
Die Reaktion, welche noch durch 0,001 mg Atropin hervorgerufen wird,
führt man in der Weise aus, dass man kleine Mengen des Alkaloids
mit 3-4 Tropfen rauchender Salpetersäure löst und im Wasserbade
verdunstet, bis ein gelblicher Rückstand hinterbleibt, welcher bei
Zusatz einer Lösung von Aetzkali in 90proz. Weingeist sich schön
violett färbt.
Andere Reaktionen sind: +Rotfärbung+ nach Uebergiessen mit 1-5proz.
alkoholischer (50 Proz.) Sublimatlösung (2 ccm) und schwachem
Erwärmen, +Blumengeruch+ beim Erwärmen von Atropin mit konzentrierter
Schwefelsäure (nach den einen Geruch nach Orangeblüten, nach den
anderen Blütengeruch von Prunus Padus oder Spiraea Ulmaria).
Endlich rötet Atropin im Gegensatz zu den meisten Alkaloiden
+Phenolphthaleinpapier+.
=Kasuistik.= Am häufigsten sind =Atropinvergiftungen= bei Pferden
beobachtet worden infolge der von +Tempel+ empfohlenen +kombinierten
Morphium-Atropininjektion+ gegen +Schulterlahmheit+. Die Kombination
wirkt, wie ich mit +F. Preusse+ festgestellt habe, dadurch so
gefährlich, dass sich die +sekretionsbeschränkende Wirkung des
Atropins+ auf die Speicheldrüsen (Trockenheit der Maul- und
Rachenschleimhaut, erschwertes bezw. aufgehobenes Schlingvermögen)
und Darmdrüsen, insbesondere die Bauchspeicheldrüse (Eindickung
und schwere Beweglichkeit des Darminhalts), mit der stopfenden,
+die Darmperistaltik lähmenden Wirkung des Morphiums+ verbindet.
Infolgedessen kann sich leicht eine schwere +Verstopfungskolik+
mit ihren Folgen (Tympanitis, Magenruptur) einstellen. Die in der
tierärztlichen Literatur beschriebenen einzelnen Vergiftungsfälle
sind von +F. Preusse+ (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde, 1899)
gesammelt worden. Die wichtigsten Fälle sind folgende: