=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Oleandrin und Neriin sind

+Herzgifte+, welche mit den Digitalisglykosiden in ihrer zuerst

erregenden und dann lähmenden Wirkung auf den Vagus und Herzmuskel

vollkommen übereinstimmen; ausserdem besitzen sie gleich jenen eine

entzündungserregende Wirkung auf die Digestionsschleimhaut. Die

Erscheinungen der Oleandervergiftung bestehen daher im wesentlichen

in +Erbrechen+, +Kolik+, +Durchfall+, +Polyurie+ einerseits, in

+Herzklopfen+, +Pulsverlangsamung+, +starker Pulsbeschleunigung+,

+Aussetzen und Schwachwerden des Pulses+, später +allgemeiner

Schwäche+, +Zittern+, +Taumeln+ und +Hinfälligkeit+ andererseits.

Zuweilen beobachtet man auch im Beginn der Vergiftung +starke

Aufregung+ (Gehirnhyperämie infolge Blutdrucksteigerung,

Herzaffektion). Bei der Sektion findet man akute Magendarmentzündung,

Blutung ins Darmrohr, gelbbraune Verfärbung der Darmschleimhaut,

Herzlähmung, sowie Blutungen unter dem Endokardium. Die Behandlung ist

dieselbe wie bei der Digitalisvergiftung.

Oleandervergiftungen sind namentlich in Italien beobachtet worden.

So berichtet +Gibellini+ (Giornale di med. vet. 1864), dass von 17

Rindern, welche Gras mit Oleanderblättern vermischt erhielten, 6

sehr schnell starben und 5 schwer erkrankten. Die letzteren zeigten

Schwanken, Mattigkeit, pochenden Herzschlag, schwachen, aussetzenden

Puls, Pupillenerweiterung, Appetitlosigkeit, Durchfall und Polyurie;

4 davon starben plötzlich unter Kolikerscheinungen. Die Sektion ergab

Gastroenteritis. +Generali+ (Gazetta med. vet. 1871) sah von 6 Ochsen,

welche durchschnittlich 30-40 Blätter von Oleanderbäumen abgefressen

hatten, 4 unter den Erscheinungen von Schwäche, Zittern, Mydriasis,

Herzklopfen, unregelmässigem, aussetzendem Puls, Kälte der extremitalen

Teile, Durchfall und Polyurie erkranken. Auch in Deutschland und

Oesterreich-Ungarn sind mehrere Fälle von Oleandervergiftungen bei

Pferden, Rindern und Gänsen beobachtet worden. +Jössinger+ (Oesterr.

Monatsschr. 1893) beobachtete bei einem Pferd nach der Aufnahme von

Oleanderblättern Speicheln, Tympanitis, sehr pochenden, beschleunigten

Herzschlag (130 Schläge p. M.), unfühlbaren Puls, Dyspnoe, gespreizte

Stellung, Einknicken der Beine beim Gehen, sowie stieren Blick;

der Tod erfolgte nach 14 Stunden. Bei der Sektion fand er heftige

Endokarditis, namentlich in der linken Herzkammer, Schwellung der

Lymphdrüsen, blasse Muskulatur, sowie schwarzes, nicht geronnenes Blut.

+Himmelstoss+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1890) beobachtete bei 2 Kühen

nach dem Fressen von Oleanderblättern Aufregung, Pulsverlangsamung,

aussetzenden Puls, Herzschwäche, Abstumpfung, allgemeine Lähmung,

Sinken der Körpertemperatur, starken Durchfall, Polyurie und

Pupillenerweiterung. +von Rátz+ (Monatshefte f. prakt. Tierhlkde.

1893) fand bei der Sektion einer an Oleandervergiftung verendeten Gans

kruppöse Gastritis, Gastroenteritis, Ekchymosen in der Darmserosa

und unter dem Perikardium, sowie fettige Degeneration der Leber.

+Siebenrogg+ (Repertorium 1890) sah bei 2 Kühen, welche Oleanderblätter

aus dem Hausgarten einer Apotheke gefressen hatten, heftigen

Durchfall, Taumeln, Lähmung, kaum fühlbaren, sehr beschleunigten Puls,

pochenden und doppelschlägigen Herzschlag, Tympanitis und Anurie;

auffallenderweise war die Milchsekretion nicht gestört. Ein Pferd

zeigte am Tag nach der Aufnahme von Oleanderblättern heftige Kolik,

später Zittern, 80 kleine, harte Pulse sowie Dyspnoe und starb am

4. Tag (Pferdefreund 1892). +Bolz+ (Wochenschr. f. Tierhlkde. 1895)

sah bei 9 Rindern, welche im Frühjahr abgefallene, halberfrorene

Oleanderblätter von 20 Bäumen gefressen hatten, starke Eingenommenheit

des Sensoriums, 120-130 kleine, aussetzende Pulse, pochenden

Herzschlag, blutigen Durchfall, Schwanken, Schwäche, Zusammenstürzen,

sowie wiederholte Anfälle von Agonie. Sie erholten sich im Verlauf von

8 Tagen. +Der aussetzende Puls-+ und +Herzschlag dauerte jedoch noch

mehrere Wochen an+. Ein Pferd frass von Oleanderbüschen, welche vor

einem Hotel aufgestellt waren und starb am andern Tag unter anhaltenden

Kolikerscheinungen; die Sektion ergab blutige Dünndarmentzündung,

sowie zahlreiche Ekchymosen am Endokardium (+Bongartz+, Berl. Arch.

1899). +Röbert+ (Sächs. Jahresber. 1897) sah 2 Gänse nach dem Fressen

von Oleanderblättern unter profusem Durchfall und heftigen Zuckungen

nach 12 Stunden sterben; bei der Sektion fand man hochgradige

Darmentzündung. Nach +Adam+ (Wochenschrift 1865) starben von 13 Gänsen,

welche von einem Oleanderbaum gefressen hatten, 5 über Nacht, 2 zeigten

einen lähmungsartigen Zustand, die übrigen 6 etwas taumelnden Gang und

unterdrückte Fresslust; die Sektion ergab Gastritis. +Diem+ (ibid.

1904) sah bei einem Pferd nach der Aufnahme von Oleanderblättern

Kolik, Speichelfluss, Durchfall und Harndrang. +Veronesi+ (Giorn.

soc. vet. 1901) ass ohne Nachteil das Fleisch von Tieren, die an

Oleandervergiftung starben. 15 Hühner verendeten unter Taumeln (Preuss.

Vet. Ber. 1906).

=Convallamarin.= In der +Maiblume+, +Convallaria majalis+ (Liliazee)

findet sich ebenfalls ein Glykosid mit digitalisähnlicher Wirkung,

das +Convallamarin+, neben dem reizend und purgierend wirkenden

+Convallarin+. Die Erscheinungen der Convallariavergiftung stimmen

daher mit denjenigen der Digitalis- und Oleandervergiftung vollkommen

überein (Herzaffektion, gastroenteritische Erscheinungen). Ueber eine

Vergiftung durch Maiblumen bei Gänsen, welche von einem halbwelken

Strauss gefressen hatten, ist von +Roullier+ berichtet worden (Journ.

de Lyon 1888).

Ebenfalls eine digitalisähnliche Wirkung besitzen das +Strophanthin+,

das im afrikanischen Pfeilgift, Strophanthus hispidus und Combé,

enthaltene Glykosid (Genaueres über die Giftwirkung bei Tieren findet

sich in meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre, 8. Aufl. 1909), das

+Adonidin+, das Glykosid der Adonisblume, Adonis vernalis, und

anderer Adonisarten, das +Apozynin+, das Glykosid des indianischen

Hanfes, Apocynum cannabinum, das +Thevetin+, das Gift der Apozynee

Thevetia neriifolia, das +Antiarin+, das Glykosid des javanischen

Giftbaumes Antiaris toxicaria (Pfeilgift von Java), das +Ditain+,

das Glykosid des javanischen Ditarindenbaumes, Alstonia scholaris,

das +Coronillin+ (Coronilla scorpioides, Kronenwicke), das +Ouabain+

(Acocanthus Ouabaio), das +Akokantherin+ und +Abyssinin+, Glykoside

des Pfeilgiftes der Wakamba und Wagogo in Deutschostafrika, auch im

Holz von Acocanthera Schimperi vorkommend, das +Evonymin+, +Zerberin+

und +Tanghinin+ (Apozyneen), das +Muavin+ (Muavarinde), +Tulipin+

(Tulipa Gesneriana, Gartentulpe), +Kaktin+ (Cactus grandiflorus)

+Gloriosin+ (Gloriosa superba, Prachtlilie), +Vincin+, +Vernonin+ und

+Koptin+.

Vergiftung durch Goldregen (Cytisus Laburnum).

=Botanisches.= Der +Goldregen+ oder Bohnenbaum, +Cytisus Laburnum+

(Familie Papilionazeen, Unterfamilie Genisteen), ist ein mehrere

Meter hoher Zierstrauch in Gärten mit goldgelben, in langen Trauben

herabhängenden, monadelphischen Blüten (Blütezeit Mai-Juni),

dreizähligen Blättern und seidenhaarigen, flachen, einfächerigen

Hülsen mit je 8 nierenförmigen, glatten, schwarzbraunen Samen. Die

Pflanze enthält das stark giftige Alkaloid Zytisin von der Formel

C_{11}H_{14}N_{2}O, eine geruchlose, strahlig kristallinische,

weisse Masse von bitterem Geschmack, welche sich mit Salpetersäure

orangegelb, mit Kaliumdichromat zuerst gelb, dann grün färbt. Am

meisten Zytisin findet sich in der Wurzelrinde, sehr viel ferner

in der Stammrinde, in den Blättern, Blütenknospen, grünen Hülsen,

Samen und Keimen, nur wenig dagegen im Holz des Stammes. Die

Blätter und Hülsen nehmen mit der Reifung der Frucht an Giftigkeit

ab, dagegen bleibt die Wurzelrinde das ganze Jahr hindurch gleich

giftig. Austrocknung und anhaltendes Sieden sind ohne Einfluss auf

die Giftigkeit. Ausser Cytisus Laburnum sind sehr stark giftig C.

alpinus, purpureus, Waldeni und biflora, ferner ziemlich giftig C.

elongatus; dagegen sind schwach giftig C. nigricans und supinus,

ganz ungiftig sind C. sessilifolius und capitatus. Auch das im

Stechginster, Ulex europaeus, enthaltene +Ulexin+ ist mit Zytisin

identisch. Die ersten Untersuchungen über das Zytisin sind von

+Husemann+ und +Marmé+ gemacht worden; die neueren Arbeiten stammen

von +Cornevin+, +Partheil+, +Radziwillowicz+ u. a.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Zytisin besitzt verschiedene

Wirkungen, nämlich eine +tetanische+, strychninähnliche,

eine +lähmende+, kurareähnliche, eine +gefässverengernde+,

digitalisähnliche, und endlich eine +entzündungserregende+. Am

empfindlichsten sind Pferde. Dieselben sterben nach der Aufnahme von

0,5 g Samen pro kg Körpergewicht innerhalb 2½ Stunden unter +häufigem

Gähnen+, +starkem Schweissausbruch+, +Schwindel+, +Betäubung+ und

+Krämpfen+. Im Gegensatz hiezu ertragen Schafe und Ziegen ziemlich

grosse Mengen und sind vom Magen aus überhaupt schwer zu vergiften; bei

subkutaner Injektion des Giftes sterben sie unter den Erscheinungen von

Betäubung und Schwäche. Auch Hühner und Tauben sind sehr unempfindlich.

Die Todesdosis für einen Hund beträgt 6 g Samen pro kg Körpergewicht.

Kaninchen können selbst 30 g Samen ohne Schaden geniessen. Hunde

erbrechen sich sofort, so dass vom Magen aus eine Vergiftung nicht

möglich ist. Nach der subkutanen Einverleibung des Giftes zeigen

sie Uebelkeit, Erbrechen, Würgen, Salivation, angestrengte Atmung,

Polyurie, grosse Unruhe, Muskelzittern, Schläfrigkeit, Anästhesie,

rhythmisches Oeffnen und Schliessen der Kiefer und sterben unter

Krämpfen; die Sektion ergibt schwache Entzündung im Magen und Darm,

sowie Verengerung des Pylorus und der Stimmritze. Katzen sind noch

empfindlicher (Experimentelle Untersuchungen von +Cornevin+, Journal de

Lyon 1887).

Das reine +Zytisin+ tötet bei subkutaner Injektion pro kg Körpergewicht

Katzen und Hunde in Dosen von 2-3 mg, Hühner und Tauben in solchen von

7-9 mg, Ziegen in Dosen von 73 mg; die letzteren sollen das Zytisin

durch die Milch ausscheiden und dabei gesund bleiben (+Radziwillowicz+).

Die klinischen Beobachtungen von Zytisinvergiftungen bei den Haustieren

sind nicht sehr zahlreich. Nach +Brett+ (The Veterinarian 1889)

zeigten sich Rinder nach dem Genuss des Goldregens unfähig, sich zu

erheben, indem namentlich die vorderen Gliedmassen +gelähmt+ waren,

ausserdem bestand auffällige +Schläfrigkeit+, Mydriasis und Tympanitis.

12 Stunden darauf waren +Speichelfluss+, +Brechanstrengungen+,

+Muskelerschlaffung+, unterbrochen von Zuckungen der Gliedmassen,

Ueberköten, +Taumeln+, +Schlingbeschwerden+ und +Schlinglähmung+

wahrzunehmen; die Krankheit dauerte 4 Tage, endete jedoch mit

Genesung. Einen Fall bei zwei Schweinen hat +Byrne+ (Vet. journ. 1895)

beobachtet; dieselben zeigten grosse Mattigkeit, Eingenommenheit und

starben unter Krämpfen; bei der Sektion wurde blutige Darmentzündung

gefunden. Ueber Vergiftungen bei Pferden haben +Demilly+ (Bull. soc.

vét. de Marne 1854) und +Collard+ (Recueil 1908) berichtet. +Scholz+

(Berl. Arch. 1900) beobachtete, dass 6 Hühner nach der Aufnahme des

Samens in einem Garten verendeten.

In +therapeutischer+ Beziehung werden Brechmittel, Tannin, sowie

Chloralhydrat empfohlen. Im übrigen ist die Behandlung wie bei der

Digitalisvergiftung.

Vergiftung durch Helleborusarten.

=Botanisches.= Helleborusvergiftungen können sich durch die Aufnahme

nachstehender 3 Helleborusarten (Ranunkulazeen) ereignen:

1. +Helleborus viridis+, die +grüne Nieswurz+ (Bärenfuss), kommt

in Gebirgswäldern Süd- und Mitteldeutschlands vor; man findet sie

auch zuweilen angepflanzt und dann wieder verwildert. Sie blüht im

April, Kelch und Blumenblätter sind gelbgrün. Die nach der Blüte

erscheinenden Blätter sind gross, lang gestielt und zeigen 7-12

fussförmig gestellte Blättchen. Der Schaft ist 30-50 cm hoch. Das

braunschwarze geringelte Rhizom ist kriechend, bis 10 cm lang und

1 cm dick, verzweigt und besitzt viele fleischige, bis 10 cm lange

Wurzeln. Die Pflanze ist am giftigsten im Mai und Juni.

2. +Helleborus niger+, die +schwarze Nieswurz+ (Christwurz,

Christblume, Weihnachtsrose, Winterrose, Schneerose), ist in

Bergwäldern Süd- und Mitteleuropas einheimisch und wird auch in

Gärten kultiviert. Sie blüht vom Dezember ab; ihre Blüte ist sehr

gross, der Kelch schneeweiss, die Blumenblätter gelb. Die Blätter

sind lang gestielt, fussförmig. Der Stengel ist 15-25 cm hoch,

1-2blütig. Das Rhizom ist schief oder senkrecht.

3. +Helleborus fötidus+, die +stinkende Nieswurz+, wächst in Süd- und

Westdeutschland, besonders auf kalkigem Boden. Sie besitzt grünliche,

kugelig-glockige Blüten von äusserst unangenehmem Geruch, fussförmige

Laubblätter, sowie einen 30-50 cm hohen, ästigen, reichblütigen

Stengel.

Die genannten Nieswurzarten enthalten 2 sehr giftige Glykoside: das

=Helleborein=, namentlich in Helleborus niger vorkommend, von der

Formel C_{26}H_{44}O_{15}, farblose Warzen oder eine gelblich amorphe

Masse bildend, welche sich beim Erhitzen bräunt, mit Schwefelsäure

sich braunrot-violett färbt und in Zucker und Helleboretin zerfällt,

und das +Helleborin+, welches am meisten in Helleborus viridis

enthalten ist, von der Formel C_{36}H_{12}O_{6}, glänzende Nadeln

bildend, welche sich mit Schwefelsäure hochrot färben und sich in

Zucker und Helleboresin zerlegen lassen.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Von den beiden

Helleborusglykosiden ist das +Helleborein+ das giftigere. Es besitzt

neben einer +reizenden+ Lokalwirkung eine +digitalisähnliche+ Wirkung,

während das schwächere +Helleborin+ neben einer ebenfalls reizenden

Lokalwirkung Aufregung, Atmungsbeschleunigung, Krämpfe und +allgemeine

Lähmung+ erzeugt. Das Krankheitsbild der Helleborusvergiftung

setzt sich daher zusammen aus gastroenteritischen, kardialen,

Erregungs- und Lähmungserscheinungen. Die Tiere zeigen +Erbrechen+,

+Geifern+, +Zähneknirschen+, +Kolik+, +Tympanitis+, +blutigen

Durchfall+; +epileptiforme Krampfanfälle+, +Aufregung+, +Brüllen+,

+Zusammenstürzen+; +Herzklopfen+, +gesteigerte Pulsfrequenz+;

+Betäubung+, +Schwindel+, +Stumpfsinn+, +Schwäche+, +Koma+. Bei der

Sektion findet man die Erscheinungen der Gastroenteritis. Die Therapie

ist eine rein symptomatische; sie besteht in der Anwendung von

einhüllenden, schleimigen, sowie von exzitierenden Mitteln (Kampfer,

Aether, Kaffee, Weingeist, Liquor Ammonii anisatus, Atropin). Als

Gegengift kann Tannin oder Lugolsche Lösung versucht werden.

Die Wirkungen der Helleborusarten im einzelnen sind folgende:

1. Die =schwarze Nieswurz= hat in früheren Zeiten, als das sog.

Nieswurzelstecken namentlich in der Bujatrik als ableitendes Mittel

gebräuchlich war, nicht selten Veranlassung zu Vergiftungen gegeben.

Dasselbe war der Fall, wenn die Haarseile vor ihrer Anwendung

mit Nieswurzpulver bestreut wurden. Nach älteren Versuchen von

+Orfila+ starben kleine Hunde schon nach dem Aufstreuen von 0,36

g gepulverter Nieswurz auf Wunden. Ein grosser Hund zeigte nach

dem Einbringen von 8 g Nieswurzpulver in eine Schenkelwunde nach 6

Minuten heftiges Erbrechen, nach 45 Minuten Schwindel, Angst, sowie

Lähmung des Hinterteils und starb nach 2½ Stunden. Nach den Versuchen

+Hertwigs+ zeigen Pferde und Rinder nach dem Eingeben von 8-30 g

der Wurzel, Schafe und Ziegen nach 4-12 g etwa 12 Stunden nachher

heftigen, häufig blutigen, anhaltenden Durchfall, Muskelzuckungen,

Zittern, Kolikerscheinungen und grosse Mattigkeit, und sterben unter

Unfühlbarwerden des Pulses nach 40-50 Stunden. Schweine und Hunde

erbrechen sich nach 0,3-1 g; 4-8 g haben starkes Erbrechen, Purgieren,

blutige Diarrhöe und Krampfanfälle zur Folge; wird das Erbrechen

verhindert, so erfolgt unter den Erscheinungen grosser Angst, von

Schwindel, Lähmung und Krämpfen nach 30-48 Stunden der Tod. 15-30 g der

Wurzel, in Abkochung gegeben, hatten bei einem Hund Erbrechen, über den

ganzen Körper verbreitete Krämpfe, Lähmung, Unfühlbarwerden des Pulses

und Herzschlages, sowie nach ½ Stunde den Tod zur Folge. Intravenös

erzeugte 1 g der Wurzel im Infus bei einem Pferd Atmungskrämpfe,

Zittern, Brechbewegungen, Schäumen, Geifern und grosse Mattigkeit; ein

anderes Pferd starb nach 4 g unter heftigen Krämpfen binnen 10 Minuten.

Eine Kuh zeigte nach der intravenösen Injektion von 1 g schwarzer

Nieswurz Zittern, Muskelzuckungen am Hals, an der Brust und am Bauch,

und nach 4 Minuten Erbrechen; nach 4 Stunden hatte sie sich wieder

erholt.

2. Die +stinkende Nieswurz+ gibt insbesondere bei Rindern und Schafen

durch das Abweiden oder die Benützung als Streumaterial Veranlassung

zu Vergiftungen. Nach +Landel+ (Repertorium 1845) zeigten Rinder nach

der Aufnahme derselben Appetitlosigkeit, Geifern, Zähneknirschen,

Tympanitis, blutigen, dünnflüssigen, übelriechenden Kot, Herzklopfen,

gesteigerte Puls- und Atmungsfrequenz. Bei der Sektion fand man die

Erscheinungen der Magendarmentzündung. +Schilling+ und +Berger+ (Bad.

Mitt. 1888) sahen bei Rindern und Schafen heftige epileptiforme

Krampfanfälle, welche 10 Minuten dauerten und sich halbstündlich

wiederholten, Brüllen, Zittern, Niederstürzen, Verdrehen der Augen und

Pupillenerweiterung.

3. Die +grüne Nieswurz+ hatte bei 6 Hämmeln starkes Aufblähen, Kolik,

blutige Diarrhöe, Krämpfe und Zuckungen zur Folge, so dass 2 derselben

geschlachtet werden mussten. Der Sektionsbefund ergab das Vorhandensein

von Gastroenteritis.

Veratrinvergiftung.

=Allgemeines.= Veratrinvergiftungen können sowohl durch die +weisse

Nieswurz+, als durch das Veratrin bedingt sein. 1. Die +weisse

Nieswurz+, +Veratrum album+ (weisser Germer), gehört zur Familie

der Kolchikazeen und ist ein in den Alpen und Voralpen auf feuchten

Wiesen perennierendes meterhohes Kraut mit dunkelbraunem, knolligem,

verkehrt kegeligem, oben geschopftem, rings mit langen, dünnen,

gelbbraunen Nebenwurzeln besetztem Wurzelstock, einfachem Stengel,

grossen, elliptischen Blättern und grünlich weissen, gestielten

Blüten. Die Pflanze, namentlich das Rhizom, enthält eine Reihe von

Alkaloiden, und zwar als wichtigstes das +Pseudojervin+, ferner das

+Jervin+, +Rubijervin+, +Veratralbin+, sowie Spuren von +Veratrin+.

2. Das +Veratrin+ des Handels stammt nicht von der weissen Nieswurz,

sondern von den Sabadillsamen (Veratrum officinale). Es ist ein

weisses, lockeres, amorphes Pulver, welches ein inkonstantes Gemenge

verschiedener Alkaloide darstellt, namentlich von +Zevadin+ und

+Veratridin+.

=Aetiologie.= Die Ursachen der Veratrinvergiftung sind in den meisten

Fällen in +Dosierungsfehlern+ zu suchen. Rhizoma Veratri sowohl,

als das Veratrin sind schon in mittleren, therapeutischen Gaben

sehr heroisch wirkende Mittel, so dass eine, wenn auch unbedeutende

Ueberschreitung der Durchschnittsdosis leicht Vergiftungserscheinungen

verursachen kann. Dazu kommt, dass das Veratrin kein konstantes

Präparat, sondern ein +inkonstantes Gemenge verschiedener Alkaloide+

ist, so dass es je nach der Darstellung und Herkunft in seiner Wirkung

wechselt. Dieser Umstand muss zur Erklärung der Tatsache herbeigezogen

werden, dass bei Pferden in einzelnen Fällen therapeutische Mitteldosen

von 0,1 Veratrin eine tödliche Vergiftung bedingt haben; zum Teil mag

hier allerdings auch eine besondere, individuelle Empfindlichkeit

(Idiosynkrasie) gegen das Mittel mitgewirkt haben. Ausnahmsweise werden

Vergiftungen durch Waschungen der Haut mit Nieswurzabkochungen (gegen

Läuse) oder durch das sog. Nieswurzelstecken veranlasst (meist wird

schwarze Nieswurz gebraucht).

Die +tödliche Dosis+ des +Veratrins+ beträgt bei subkutaner Injektion

für Pferde durchschnittlich 0,5-1,0, für Rinder 0,25-0,5, für Hunde

0,02-0,1, für Katzen 0,005-0,01. Vergiftungserscheinungen werden

bei Pferden schon von 0,2 Veratrin ab wahrgenommen. In einem Fall

beobachtete +Martens+ sogar eine tödlich verlaufende Vergiftung bei

2 Pferden nach der Injektion der allgemein angewandten Mitteldosis

von 0,1 Veratrin. Im Gegensatz hierzu hat +Albrecht+ Pferden sogar

bis zu 0,4 Veratrin ohne schwere Zufälle gegeben; ich selbst habe bei

Pferden Dosen bis zu 0,2 mehrere Male angewandt, ohne eine Vergiftung

zu beobachten. Die +weisse Nieswurz+ tötet Pferde bei intravenöser

Injektion von 15-30 g der Tinktur, Rinder bei innerlicher Verabreichung

von 100-200 g der Wurzel, Hunde bei behindertem Erbrechen schon nach

Verabreichung von 0,6 der Wurzel.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Wirkung der in der

Nieswurz und im Veratrin enthaltenen Alkaloide ist ziemlich

dieselbe. Sie besteht in +lokaler Reizung+ der Schleimhäute, starker

+psychischer+ und +motorischer Erregung+, sowie schliesslich in

+Lähmung+ der +quergestreiften Muskel+ und des +Herzens+. Im

Gegensatz zur Helleborusvergiftung sind die gastroenteritischen

Erscheinungen schwächer und fehlen bei der subkutanen Anwendung

des Veratrins meist ganz. Die Hauptsymptome der Veratrinvergiftung

sind: heftiges +Erbrechen+, +Würgen+, Rülpsen, Schluchzen,

Brechbewegungen, +Speicheln+, vermehrte Peristaltik, +Durchfall+,

+Kolik+; starke +psychische Erregung+, selbst tobsuchtartige

Anfälle, +tonisch-klonische+, selbst +tetanische Krämpfe+, Zittern,

Schweissausbruch; Mattigkeit, Atemnot, +allgemeine Lähmung+. Der Tod

erfolgt meist innerhalb 10-20 Stunden.

Bei der +Sektion+ findet man nach der innerlichen Anwendung der

Nieswurz gastroenteritische Erscheinungen. Nach der subkutanen

Anwendung des Veratrins fehlen dieselben. In einem Fall fand +Gips+ bei

einem an Veratrinvergiftung verendeten Pferd an der Injektionsstelle

ein umfangreiches Blutextravasat, welches sich bis in die tieferen

Muskellagen erstreckte. Die +gesamte Körpermuskulatur+ war +getrübt+,

von +grauroter+ Farbe, +trocken+ und +mürbe+; dieselben Veränderungen

zeigte das +Myokardium+; der Herzbeutel war zur Hälfte mit einer

dunkelroten Flüssigkeit angefüllt; unter dem Endokard befanden sich

zahlreiche hämorrhagische Herde; die Bauchhöhle enthielt 8 l, die

Brusthöhle 4 l einer blutig gefärbten Flüssigkeit; in den Bronchien

befand sich blutiger Schaum.

=Therapie.= Die Behandlung der Veratrinvergiftung besteht in

der Verabreichung von +Tannin+ oder von +Lugol+scher +Lösung+

als Gegengift, in der Anwendung schleimiger, einhüllender

Mittel (Leinsamenabkochung, Gummi) gegen die Erscheinungen der

Gastroenteritis, sowie in der +symptomatischen+ Bekämpfung

der Erregungs- (Morphium, Bromkalium, Chloralhydrat) und

Lähmungserscheinungen (Kampfer, Aether, Alkohol, Ammonium carbonicum,

Liquor Amonii anisatus, Atropin).

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 29 / 50 段