=Botanisches.= Der +Eibenbaum+, +Taxus baccata+ (Konifere), welcher

in bergigen Gegenden Deutschlands wild vorkommt, wird häufig in

Gärten als Zierpflanze und in Hecken (Taxushecken) kultiviert.

Er wächst teils als Strauch, teils als Baum (bis 10 m hoch) und

ist durch seine immergrünen, oben dunkelgrünen, unten hellgrünen,

länglich breiten, spitzen, steifen Nadeln, seine rotbraunen Aeste,

sowie seine scharlachroten Beeren gekennzeichnet, welche violette

Samen einschliessen. Der Eibenbaum enthält namentlich in den Nadeln

einen scharf reizenden Stoff (Ameisensäure), sowie ein narkotisch

wirkendes Alkaloid, das =Taxin=. Vergiftungen sind bei allen

Haustieren beobachtet worden. Dieselben ereignen sich nach dem

Abweiden von Taxushecken und Taxuszierpflanzen in Gärten, Parken und

Schlossanlagen, nach der Aufnahme von Taxusblättern mit der Streu,

in Girlanden etc. Einen ähnlichen, vielleicht denselben Giftstoff

enthalten die Nadelhölzer der Gattung Cephalotaxus, welche jedoch

6mal weniger giftig sind, als die Eibe. Die Ansicht, dass die Zweige

des weiblichen Eibenbaumes nicht giftig sein sollen, ist unrichtig;

nur die hellgrünen Winternadeln der Eibe sind bis zum Zeitpunkt ihrer

Dunkelgrünfärbung ungiftig (+Cornevin+, Journal de Lyon 1891 u. 1893).

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Der Eibenbaum ist eines der

ältesten bekannten Gifte, welches wegen der Schnelligkeit und

Gefährlichkeit seiner Wirkung von jeher sehr gefürchtet war. Pferde

und Schafe sterben sehr rasch, meistens schon innerhalb einer Stunde,

nach der Aufnahme von 100-200 g, Rinder nach etwa 500 g, Schweine

nach 75 g, Hunde und Hühner nach 30 g Taxusblättern. Je nachdem

das narkotisch wirkende Taxin oder die in den Nadeln enthaltene

scharfe Substanz mehr zur Wirkung gelangt, ist das Vergiftungsbild

ein anderes. Tritt die +Taxinwirkung+ in den Vordergrund, so

stürzen die Tiere oft schon wenige Minuten nach der Aufnahme der

Taxusblätter +apoplektiform+ zusammen, oder sie verenden im Verlauf

einer Viertelstunde bis einer Stunde unter +Taumeln+, +Brüllen+,

+Zusammenstürzen+ und +Konvulsionen+. Kommt jedoch gleichzeitig infolge

langsamerer Resorption des Taxins auch die scharf reizende Wirkung

der Taxusblätter zur Geltung, so kompliziert sich das Krankheitsbild

der reinen Taxinvergiftung mit dem der +Gastroenteritis+, und der

Verlauf verlängert sich auf mehrere Stunden bis einige Tage. Die

Tiere zeigen dann zunächst +Würgen+, +Erbrechen+, +Speicheln+,

+Schäumen+, +Verstopfung+, +Tympanitis+, +Polyurie+, +Hämaturie+,

+Strangurie+ (Symptome einer Nephritis und Zystitis), und als Ausdruck

der Taxinwirkung +Schwindel+, +Betäubung+, +Zittern+, +Schwanken+,

+Zusammenstürzen+ und +Konvulsionen+.

Bei der +Sektion+ findet man in den Fällen von apoplektiformem Verlauf

nichts Charakteristisches; bei längerer Krankheitsdauer beobachtet man

die Erscheinungen der Magen- und Darmentzündung, Gehirnhyperämie und

Gehirnödem.

Die +Behandlung+ ist eine symptomatische; man verabreicht Abführmittel,

einhüllende und exzitierende Mittel, sowie als chemisches Gegengift

Lugolsche Lösung. Beim Rind kann man auch den Pansenschnitt und im

Anschluss daran die manuelle Entleerung der Blätter versuchen.

Der +Nachweis+ der Vergiftung ist im wesentlichen ein botanischer

(Nachweis der grünen Nadeln); es ist deshalb der chemische Nachweis

des Taxins (Extraktion nach der Stas-Ottoschen Methode mit Chloroform,

Rotfärbung mit konzentrierter Schwefelsäure) meist überflüssig.

=Kasuistik.= 6 junge Rinder erkrankten nach der Aufnahme von

Taxusblättern. Eines derselben starb apoplektisch unter Konvulsionen

und lautem Brüllen, ein zweites nach 4 Tagen. Die übrigen genasen

nach 8 Tagen. Die Erscheinungen bestanden in Erbrechen, Tympanitis,

Verstopfung, Polyurie, Strangurie, Hämaturie, sowie allgemeinem Sopor

(+De Bruin+, Holländ. Zeitschr. 1883). -- 4 Rinder drehten sich

nach der Aufnahme von Taxusblättern plötzlich im Kreis, taumelten

und fielen in wenigen Minuten tot nieder (+Read+, The Veterinarian

1844). -- 5 Fohlen weideten auf einem Platz, welcher mit einer

Taxushecke eingefasst war. 2 derselben starben plötzlich. Die

übrigen zeigten Zittern, Muskelzuckungen, Verlangsamung des Pulses,

unfühlbaren Herzschlag, Schwanken, Abstumpfung, Unempfindlichkeit,

Polyurie, Strangurie etc., von Zeit zu Zeit fielen sie wie tote

Körper um. Bei der Sektion der krepierten Tiere fand man Zweige und

Blätter des Eibenbaumes im Magen, die Magendarmschleimhaut dunkel

gerötet, im Dickdarm linsengrosse rote Flecken, den Darminhalt

blutig, die Gehirnhäute stark hyperämisch (+Gerlach+, Gerichtl.

Tierheilkunde 1872). -- Eine Schafherde hatte Eibenbaumblätter

gefressen. Mehrere Tiere wankten, taumelten, fielen um, stöhnten,

verdrehten die Augen und schlugen mit dem Kopf gegen den Boden. Nach

etwa einer Viertelstunde standen die Tiere wieder auf und fingen

wieder an zu fressen. Nach 1-3 Stunden wiederholte sich derselbe

Anfall, bei einigen war derselbe sogar ein drittes Mal zu beobachten

(+Mönch+, ibidem). -- +Dewez+ (Belg. Annal.) sah nach Aufnahme von

Eibenblättern Meteorismus, Harnzwang, blutigen Harn, Nephritis,

Hyperämie der Scheidenschleimhaut und tödliches Koma. -- +Hess+

(Repertorium 1889) beobachtete bei zwei Pferden 2 Stunden nach dem

Fressen von Eibenblättern plötzlich auffallend schwere Erkrankung

und apoplektiformen Tod; die Sektion ergab gastroenteritische

Erscheinungen. -- 3 Rinder frassen in der Nacht von Eibenkränzen,

welche abends als Streu verwendet waren, und krepierten sämtliche

zwischen 4 und 5 Uhr morgens unter Zittern, Brüllen und

Zusammenstürzen. Bei der Sektion fand man die Labmagenschleimhaut

fleckig kirschrot gefärbt und geschwollen, die Schleimhaut des

Pansens und der Haube stellenweise dunkelrot, die Dünndarmschleimhaut

streifig gerötet (+Hable+, Oesterr. Zeitschr. 1889). -- 6 Rinder,

welche bereits faulende Eibenbaumblätter gefressen hatten, fielen

plötzlich um und starben in kurzer Zeit unter Krämpfen ähnlich wie

bei der Blausäurevergiftung (+Wallis Hoare+, Vet. Record 1893).

-- 2 Kühe starben nach der Aufnahme von Taxusblättern unter den

Erscheinungen von Schwindel, Zittern und Herzschwäche; bei der

Sektion fand man Ekchymosierung der Schleimhaut im Schlund, Magen

und Darm (+Kegelaer+, Holl. Zeitschr. 1894). -- Innerhalb 2 Tagen

verendeten 6 Kühe eines Besitzers ohne vorhergegangene auffallende

Krankheitserscheinungen ganz plötzlich nach kurzem Taumeln und

Zusammenstürzen unter Brüllen, nachdem sie den Abfall geschnittener

Taxusbäume gefüttert erhalten hatten (+Arndt+, Berl. Arch. 1895). --

2 Ziegen erkrankten nach dem Fressen von Taxusblättern unter starkem

Aufblähen, Schwanken, Taumeln und Schlafsucht; eine derselben wurde

durch den Pansenstich und Einbringen von Kognak und Glaubersalz

in den Pansen geheilt (+Schüler+, Zeitschr. f. Veterinärkunde

1898). -- Die Pferde eines ganzen Zuges französischer Kürassiere

(24 Stück) frassen im Jahr 1870 im Park von Pange von den Zweigen

des Eibenbaumes und starben sämtlich apoplektiform mit Ausnahme

zweier Pferde, welche wegen Uebermüdung die Futteraufnahme versagt

hatten (+Lorenz+, Zeitschr. f. Vetkde. 1901 S. 7). -- Ein kräftiges

Arbeitspferd starb nach der Aufnahme von 139 g Eibenblätter schnell

unter Taumeln, lautem, löwenähnlichem Gebrüll und tetanischen

Krämpfen; ein 2jähriges Fohlen starb nach dem Fressen von 110 g

der Blätter im Verlauf von 10 Minuten unter Niederstürzen und

betäubendem Gebrüll (ibidem). -- 2 Fohlen zeigten nach der Aufnahme

von Taxusblättern Schwanken, stieren Blick und Schweissausbruch;

eins starb, die Sektion ergab purpurrote Flecken auf der Magen- und

Darmschleimhaut (+Phail+, Vet. journ. 1900). -- 2 Ziegen hatten

eine alte Girlande aufgefressen und zeigten starke Aufblähung,

Taumeln, sowie Schlafsucht. Die eine wurde notgeschlachtet, die

andere durch den Pansenstich und Abführmittel gerettet (B. T. W.

1900). -- +Giancola+ (Giorn. soc. vet. 1901) hat das Taxusgift in

Form spiessiger Kristalle isoliert. -- +Graham+ (Journ. of comp.

1903) beschreibt einen Vergiftungsfall beim Pfau und Schwein. -- 2

Pferde starben, nachdem sie reichlich Taxusblätter in einem Park

gefressen hatten; bei der Sektion war der Schlund gelähmt und mit

Futter wurstartig gefüllt, das Blut erinnerte an Blausäurevergiftung

(Preuss. Vet. Ber. 1904). -- 2 Rinder, welche nur eine Handvoll

Nadeln und Zweige gefressen hatten, zeigten Zittern, Taumeln,

Lähmung, wiederholtes Zusammenstürzen, Tympanitis und Harndrang

(+Grimme+, ibid. 1906; D. T. W. 1907). -- 35 Ferkel wurden in eine

Bucht getrieben, in der abgeschnittene Taxusäste lagen. Nach 6

Stunden war 1 Tier tot, 12 andere waren schwer erkrankt; sie zeigten

Taumeln, schwankenden Gang, lagen am Boden, zitterten und zeigten

Zuckungen am Kopf; nach weiteren 6 Stunden starben noch 2 Tiere

(+Migge+, Preuss. Vet. Ber. pro 1907). -- Experimentelle Versuche

mit Taxusblättern sind in grosser Zahl von +Viborg+, +Havemann+ und

+Orfila+ gemacht worden.

Vergiftung durch Buxus (Buchsbaum).

=Botanisches.= Der aus dem Orient stammende +Buchsbaum+ oder

Splintbaum, +Buxus sempervirens+, aus der Familie der Euphorbiazeen,

kommt in Süd- und Mitteleuropa bis Thüringen wild vor und wird

in Gärten zur Einfassung von Wegen kultiviert. Sein Holz wird zu

Holzschnitten und Drechslerarbeiten verwendet. Der Buchsbaum hat sehr

charakteristische Blätter. Dieselben sind lederartig, immergrün, oben

glänzend, unten heller, länglich eiförmig bis rundlich, kurzgestielt,

an der Spitze stumpf oder ausgerandet, mit einem oberseits

hervorragenden Mediannerven und zahlreichen zarten, randläufigen

Seitennerven versehen; sie lassen sich leicht in eine obere und

untere Blattschicht trennen. Sie enthalten 3 Alkaloide: das =Buxin=,

+Parabuxin+ und +Buxinidin+, sowie ein bitteres Harz. Hauptalkaloid

ist das Buxin, ein weisses, lockeres, amorphes, sehr bitteres Pulver,

welches mit Bebeerin, Pelosin und Bibirin identisch ist.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Buxin ist in seiner

Wirkung mit dem Taxin nahe verwandt. Wie dieses besitzt es eine

narkotische, die Nervenzentren +lähmende+, stark giftige Wirkung.

Die Vergiftungserscheinungen bestehen in +Schwindel+, +Betäubung+,

+Schwanken+, +rauschartigem Zustand+ und enden meist sehr rasch

unter +Konvulsionen+ tödlich. Zuweilen komplizieren sie sich auch

mit den Erscheinungen einer Gastroenteritis (Erbrechen, Kolik,

Durchfall). Pferde sterben in kurzer Zeit nach der Aufnahme von 750

g Buchsbaumblättern unter dem Bild der Enteritis (+Viborg+). Hunde

starben nach 0,8 Buxin nach vorausgegangenem Erbrechen, Durchfall,

Zittern und Schwindel (+Conzen+). Einen Fall von Buxusvergiftung bei

Schweinen hat +Hübscher+ (Schweizer Archiv 1884) beschrieben. Die Tiere

hatten abgeschorene Sprösslinge von Buchsbaumhecken als Streumaterial

erhalten. Am andern Tag fand man ein Schwein tot im Stall, 3 andere

starben gegen Mittag. Die Haupterscheinungen waren starker Durst,

schwankender Gang, sowie ein rauschartiger Zustand. Purgieren wurde

nicht beobachtet. Bei der Sektion fand man die Erscheinungen der

Gastritis.

Die +Behandlung+ der Buchsbaumvergiftung ist neben der Verabreichung

von Brechmitteln und Abführmitteln eine symptomatische, exzitierende.

Als Gegengift kann +Tannin+ versucht werden.

Digitalisvergiftung.

=Botanisches.= Der +rote Fingerhut+, +Digitalis purpurea+

(Skrophularinee), wächst wild in ganz Westeuropa bis Norwegen,

besonders an lichten Stellen in Bergwäldern (Thüringen, Sachsen,

Harz, Schwarzwald, Vogesen) auf Basalt, Porphyr und Sandstein.

Dagegen kommt die Pflanze nicht vor in den Alpen, auf dem Jura und

auf der schweizerischen Hochebene. Der rote Fingerhut ist eine

zweijährige Pflanze, welche im ersten Jahr eine grosse Rosette

mit bodenständigen Blättern bildet. Im zweiten Jahr treibt die

Pflanze einen bis 2 m und darüber hohen, einfachen, stielrunden,

samtartig graufilzigen Stengel. Die eiförmigen bis eilanzettlichen,

zugespitzten, 5-20 cm langen, gekerbten Blätter sind unterseits

graufilzig behaart und von einem reichen, kleinmaschigen Adernetz

durchsetzt. Die traubigen Blüten zeigen 4 cm lange, hängende,

hellpurpurrote, bauchige Glocken mit dunkelroten Flecken auf der

Innenfläche.

Der rote Fingerhut enthält namentlich in den Blättern mehrere sehr

giftige Glykoside und Bitterstoffe: das =Digitoxin=, +Digitalin+,

+Digitalein+ und +Digitonin+. Vergiftungen ereignen sich bei den

Haustieren teils durch zu hohe Dosierung, teils durch den zufälligen

Genuss der Pflanze (Waldheu, Zierpflanze).

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Digitalisglykoside sind

ausgesprochene +Herzgifte+. Sie erregen im ersten Stadium ihrer Wirkung

den +Vagus+, das +vasomotorische Zentrum+ und den +Herzmuskel+,

wodurch die Herzaktion verlangsamt und der Blutdruck gesteigert

wird. Im späteren Verlauf werden die genannten Organe gelähmt, was

eine Beschleunigung des Pulses und ein Sinken des Blutdrucks zur

Folge hat. Daneben besitzen sie eine leicht reizende Wirkung auf die

Magen-Darmschleimhaut. Die +Todesdosis+ der trockenen Digitalisblätter

beträgt für +Pferde+ durchschnittlich 25 g (= 100-200 g der frischen

Blätter), für +Hunde+ 5 g. Der Tod tritt auch ein, wenn diese

Dosis innerhalb weniger Tage in Form kleinerer Gaben verabreicht

wird. Viel weniger empfindlich gegen die Digitalisblätter sind die

Wiederkäuer (Rinder, Schafe, Ziegen). Nach neueren Versuchen von

+Salvisberg+ ertrugen Kühe +per os+ ohne jede Reaktion 120 g trockene

Digitalisblätter, in 4 Tagen verabreicht, mithin das Vierfache der

tödlichen Dosis für Pferde. Bei +intravenöser+ Einverleibung eines

Digitalisinfuses sind die Wiederkäuer jedoch ebenso empfindlich, wie

andere Tiere. S. schliesst hieraus, +dass im Magen der Wiederkäuer die

Digitalisglykoside durch Zersetzung unwirksam werden+ und weist auf die

unbefriedigenden Erfolge der innerlichen Digitalisbehandlung in der

Bujatrik hin. -- Das Digitoxin wirkt tödlich für die Katze bei 4 mg pro

kg Körpergewicht, für den Hund bei 1,7 mg pro kg und das Kaninchen bei

3,5 mg pro kg.

Die +Erscheinungen+ der Digitalisvergiftung sind bei Aufnahme der

frischen oder getrockneten Blätter zunächst gastroenteritischer Natur:

+Speicheln+, +Würgen+, +Erbrechen+, +Kolik+, +heftiger Durchfall+.

Bald tritt jedoch die spezifische Herzwirkung deutlich in den

Vordergrund. Die +anfangs verlangsamte Herztätigkeit+ wird hochgradig

+beschleunigt+, es besteht starkes +Herzklopfen+, die Herztöne sind

sehr laut, von metallischem Klang, der anfangs übervolle Puls wird

+klein+, +unregelmässig+ und zuletzt +unfühlbar+. Die im Beginn

beobachtete Aufregung (Gehirnhyperämie) macht später den Erscheinungen

der Gehirnanämie (Blutdruckerniedrigung): +Betäubung+, +Mattigkeit+,

+Schwanken+ und selbst +Lähmungszuständen+ Platz. Daneben beobachtet

man +Krampfzufälle+, sowie Erscheinungen der +Nierenreizung+ (Polyurie,

Albuminurie, Strangurie).

Bei der +Sektion+ findet man ausser Gastroenteritis und systolischer

Herzlähmung meist nur suffokatorische Erscheinungen.

=Behandlung.= Ein spezifisches Gegengift gegen die Digitalisvergiftung

gibt es nicht. Die Behandlung ist daher eine rein symptomatische.

Namentlich sind +Exzitantien+ für den Herzmuskel zu verabreichen, so

+Kampfer+, +Alkohol+, +Wein+, +Kaffee+, +Tee+, +Koffein+, +Atropin+ und

+Hyoszin+. Ausserdem können gefässerweiternde Mittel (+Amylnitrit+,

+Nitroglyzerin+) angewandt werden. Bei Rindern kann ferner der

Pansenschnitt versucht werden. Allgemeine Antidote sind +Tannin+,

Jodlösung und Tierkohle.

=Nachweis.= +Botanisch+ lässt sich eine Digitalisvergiftung dann leicht

nachweisen, wenn die Pflanze selbst aufgenommen wurde; charakteristisch

ist insbesondere die filzige, samtartige Behaarung der Unterseite

der Blätter, sowie das vielmaschige Adernetz derselben. Behufs des

+chemischen+ Nachweises der Digitalisglykoside müssen dieselben

ähnlich wie die Alkaloide zuerst aus dem Magen- und Darminhalt

extrahiert werden. Bei der +Abscheidung+ der Digitalisglykoside

aus Untersuchungsmaterial ist wie beim Kolchizin zu beachten, dass

dieselben schon aus +saurer+ Lösung durch +Aether+, +Benzol+,

+Chloroform+ oder +Amylalkohol+ extrahierbar sind. Man nimmt gewöhnlich

das +Digitalin+ mit Benzol auf und schüttelt aus dem Benzolauszug

das +Digitalein+ mit Chloroform aus, worauf durch Verdunsten der

betreffenden Lösungsmittel die Glykoside ziemlich rein erhalten werden.

Bei dieser Abscheidung nach der +Stas+schen Methode durchtränkt man

nach +Dragendorff+ zweckmässig das Untersuchungsmaterial mit +Eisessig+

und fügt dann behufs Extrahierens Wasser zu. Nach der Methode von

+Homolle+, welche zur Abscheidung des französischen „Digitalins“ (in

der Hauptsache aus +Digitoxin+ bestehend) dient, wird zunächst der

flüssige Teil des Untersuchungsmaterials von dem festen durch Kolieren

getrennt, der feste Teil getrocknet, zerrieben und 2-3mal mit +Alkohol+

ausgezogen. Der flüssige Teil wird mit Chloroform geschüttelt und der

nach dem Verdunsten des Chloroforms bleibende Rückstand in +Alkohol+

gelöst. Beide alkoholischen Flüssigkeiten werden gemischt, mit frisch

gefälltem, noch feuchtem +Bleioxydhydrat+ digeriert, abfiltriert, das

Filtrat mit Tierkohle entfärbt, zur Sirupdicke verdunstet und anhaltend

mit Chloroform geschüttelt. Hierauf wird das Chloroform abgetrennt,

verdunstet und der Rückstand mit Alkohol von 50° versetzt. Nach dem

Verdunsten des Alkohols bleibt das „Digitalin“ ziemlich rein zurück.

Die wichtigsten +Einzelreaktionen+ des Digitalins sind: 1. Die

+physiologische+ Reaktion, welche darin besteht, dass einem Frosch

eine Spur der Digitalinlösung unter die Haut gespritzt wird. Noch ein

Milligramm erzeugt allmähliche +Verlangsamung+ des Herzschlags und Tod

durch +Herzstillstand+ in der Systole. 2. Die +Gelbgrünfärbung+ mit

konzentrierter Salzsäure (Digitalin und Digitoxin). 3. Die +Rot-+

oder +Violettfärbung+ mit Uebergang in +Smaragdgrün+ bei Wasserzusatz

durch +Schwefelsäure+ und +Brom+ (Digitalin und Digitalein). 4. Die

+Grünbraunfärbung+ durch +Schwefelsäure+ und +Gallensäure+ (Digitalin,

Digitalein, Digitonin). 6. Die +Blaugrünfärbung+ durch Auflösung in

einer Mischung gleicher Teile konzentrierter Schwefelsäure und Alkohol,

Erwärmen bis zur Gelbfärbung und Zusatz eines Tropfens verdünnter

+Eisenchloridlösung+.

=Kasuistik.= Ein Pferd, welchem ich innerhalb 24 Stunden 25 g

getrocknete Digitalisblätter gab, starb nach Ablauf von 48 Stunden

unter den oben beschriebenen Krankheitserscheinungen. Besonders

charakteristisch war neben den kardialen Symptomen das Auftreten

einer Lähmung der Unterlippe 10 Stunden vor dem Tod, wodurch der

Kopf des Tieres eine ganz eigenartige Physiognomie erhielt. -- 3

Pferde erkrankten nach dem Genuss von digitalishaltigem Klee, 2

davon starben. Die Erscheinungen bestanden in allgemeiner Aufregung,

Kolik, fadenförmigem Puls, Taumeln, Zittern, grosser Schwäche des

Hinterteils, Zuckungen, Koma und Umfallen. Bei der Sektion fand man

Gastroenteritis und Endokarditis (+Derache+, Annal. de Bruxelles

1877). -- 70 Pferde, welche mit dem Kleeheu grössere Mengen von

Digitalis purpurea aufgenommen hatten, erkrankten am Tag darauf.

Sie standen fast alle wie dummkollerig vor der Krippe, versagten

das Futter, speichelten, hatten starken Durst, setzten viel Harn

ab und zeigten zum Teil Kolikerscheinungen. Der Puls war bei den

einen verlangsamt, bei den andern sehr beschleunigt, aussetzend

und schwach. Ein Pferd zeigte Brechbewegungen, Erblindung,

Schwanken und grosse Hinfälligkeit; es starb am 3. Tag. Ein anderes

Pferd starb am 7. Tag. Bei der Sektion fand man umschriebene

Magendarmentzündung und bei dem Pferd, welches Brechbewegungen

geäussert hatte, eine Magenzerreissung (+Krichler+, Preuss. Mitt.

Bd. 6). -- Drei Schafböcke, welchen aus Versehen Pflanzen aus

einem Arzneipflanzenbeet vorgeworfen wurden, das u. a. Digitalis

purpurea enthielt, wurden am andern Morgen tot gefunden. Die

chemische Untersuchung des Darminhalts ergab das Vorhandensein

von Digitoxin und Saponin (+Dammann+ und +Behrens+, Deutsch.

tierärztl. Woch. 1903). -- Acht Enten starben plötzlich nach dem

Fressen von Blättern der Digitalis purpurea unter den Erscheinungen

der Geflügelcholera (Durchfall, Schwanken); die Sektion ergab

Herzlähmung, Magendarmentzündung und Lungenhyperämie (+Kothe+, Berl.

Tierärztl. Woch. 1903). -- +Salvisberg+ (Ueber die Wirkung von

Digitalis und Digitalisglykosiden auf den Organismus verschiedener

Wiederkäuer, Inaug.-Diss. 1907, Delsberg) hat in seiner Privatpraxis

oft beobachtet, dass die Folia Digitalis beim Rind nicht dieselbe

Wirkung zeigten wie beim Pferd, sondern als Herzmittel, Diuretikum

und Fiebermittel meist wirkungslos blieben. Er hat daher Versuche

bei Wiederkäuern angestellt, welche folgendes ergaben. Eine +Ziege+

erhielt innerhalb 8 Tagen 60 g Folia Digitalis im Infus ohne jede

Wirkung (am 8. Tag 30 g!). Ein +Schaf+ zeigte gleichfalls auf

47 g Digitalisblätter im Infus, innerhalb 7 Tagen verabreicht,

keinerlei Veränderungen im Allgemeinbefinden (am 7. Tage wurden 15

g verabreicht). Eine +Kuh+ erhielt in 7 Tagen 70 g Digitalisblätter

im Infus, 2 andere in 3 Tagen 65 g und 80 g in Substanz, ohne

darauf zu reagieren. Hierauf erhielten 2 Kühe 4 Tage hindurch je

30 g Digitalisblätter in Substanz, zusammen also in 4 Tagen 120 g

Digitalisblätter eingeschüttet, ohne irgend eine Wirkung danach zu

zeigen. Auch das Digitoxin wirkte per os bei einem Schaf in der

5Ofachen Tagesdosis des Menschen (0,1) nicht, während es subkutan

schon in einer Dosis von 0,01 eine starke Herzwirkung äusserte.

Auch bei intravenöser Injektion eines Digitalisinfuses zeigten 2

Ziegen und eine Kuh eine deutliche Digitaliswirkung; die Kuh konnte

durch die intravenöse Injektion von 20 g Digitalis im Infus (20 : 400)

nach 20 Minuten getötet werden. S. schliesst daraus, dass die

Digitalisblätter, +per os+ gegeben, den Körper der Wiederkäuer nicht

beeinflussen, weil die Digitalisglykoside im Magen so umgeformt,

gebunden oder zerstört werden, dass sie für den Organismus der

Wiederkäuer wirkungslos sind. Bei +intravenöser+ Applikation eines

Digitalisinfuses tritt dagegen dieselbe Herzwirkung ein wie bei den

übrigen Tiergattungen.

=Vergiftung durch Meerzwiebel= (Scilla maritima). Die giftigen

Glykoside der Meerzwiebel sind das +Szillain+ oder +Szillitoxin+,

das +Szillipikrin+ und +Szillin+. Ihre Wirkung ist eine

+digitalisähnliche+ und gleichzeitig +örtlich reizende+. Nach

+Hertwig+ tritt bei Schweinen, Hunden und Katzen nach 0,25-2,0 Bulbus

Scillae Erbrechen, Laxieren und vermehrter Harnabsatz, nach 45,0 der

Tod infolge von Darm- und Nierenentzündung sehr rasch ein. 2 Pferde

starben nach 60,0 am 4. Tag; 30,0 erzeugten beim Pferd und Rind

starkes Laxieren. -- Sechs Schweine hatten Meerzwiebeln gefressen,

welche als Rattengift ausgesetzt waren; sie erkrankten unter

rotlaufartigen Erscheinungen und Krämpfen (+Kleinpaul+, Berl. Arch.

1896). -- Ueber das Vergiften von Ratten mit Meerzwiebel vgl. S. 11.

Nach +Mereshkowsky+ und +Sarin+ ist das in Dänemark angeblich als

Bakterienkultur zur Vertilgung der Ratten empfohlene „Rattin II“ gar

nicht bakteriellen Ursprungs, sondern das Gift der roten Meerzwiebel

(Scilla maritima cum bulbo rubro); Zentr. für Bakt., Bd. 51, S. 6.

Vergiftung durch Oleander.

=Botanisches.= Der +gemeine Oleander+ oder +Rosenlorbeer+, +Nerium

Oleander+ (Apozynee), welcher wild an den Ufern des Gardasees an

Felsen wächst, wird bei uns als Topfpflanze kultiviert. Er bildet 1-2

m hohe Bäumchen mit weissen oder rosenroten Blüten und lanzettlichen,

3ständigen, unterseits gleichlaufend aderigen Blättern. Die Pflanze

enthält namentlich in den Blättern 2 Glykoside: das =Oleandrin=,

welches sich in Zucker und Digitaliresin spaltet, sowie das +Neriin+,

welches mit dem Digitalein identisch ist. Vergiftungen ereignen

sich durch das Abfressen der Blätter von den Bäumen und durch das

Verfüttern derselben. -- Ein ähnliches Gift, das +Neriodorin+,

enthält der wohlriechende Oleander, +Nerium odorum+.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 28 / 50 段