=Kasuistik und Fütterungsversuche.= +Pusch+ (Ueber die Schädlichkeit

der Kornrade. Deutsche Zeitschr. für Tiermed. 1890) hat eine

grössere Reihe von Fütterungsversuchen bei den verschiedenen

Haustieren angestellt, welche folgendes ergeben haben. 1. Zwei

+Pferde+ wurden mit 1130 und 4400 g Rade gefüttert, die im Jahre

1888 geerntet war; sie zeigten keinerlei Krankheitserscheinungen.

Ein anderes Pferd erkrankte dagegen bereits nach 325 g 1889er Rade

an Stomatitis. Ein viertes Pferd erhielt 6½ kg Rade in 9 Tagen;

es zeigte heftiges Speicheln, ulzeröse Stomatitis (Erosionen),

Pharyngitis, Nasenausfluss und Husten. Eine Stute zeigte ausserdem

nach Verfütterung von 12 kg Rade in 12 Tagen häufiges Urinieren und

Blinken. Niemals entstand eine chronische Erkrankung; bei keinem

der Pferde wurden ferner spinale Lähmungserscheinungen beobachtet,

wie sie angeblich nach Haubner und Dieckerhoff bei Radevergiftung

vorkommen sollen. 2. Ein +erwachsenes Rind+ erhielt 8640 g Rade

in 5 Tagen ohne sichtbar zu erkranken. (Nach einer Mitteilung von

Oekonomierat Schulz in Petershagen verfütterte derselbe ohne den

geringsten Nachteil 400 Zentner reine Kornrade an 100 Zugochsen in

täglichen Gaben von 1 Pfund!). Dagegen starb ein 13 Tage altes +Kalb+

nach der Verfütterung von 400 g Rade in einem Tage; die Sektion ergab

Entzündung des Rachens und Labmagens, Dünndarmkatarrh und Lungenödem.

3. Zwei erwachsene +Schafe+ erhielten 12 kg Rade in 64 Tagen bezw. 11

Kilo in 30 Tagen, ohne, abgesehen von einem leichten Nasenkatarrh,

zu erkranken. 4. Ein 6 Wochen altes +Schwein+ erhielt in 20 Tagen

5420 g Rade; es zeigte lediglich starken Husten. 5. Ein alter +Hund+

(Pinscher) erkrankte nach 50 g unter Erbrechen, Diarrhöe, Kolik

und Schwäche. 6. Ein +Huhn+ wurde den ganzen Sommer mit Schrot

gefüttert, das zu 44 Proz. aus Rade bestand, ohne zu erkranken. 7.

Vier +Kaninchen+ wurden ½ Jahr ausschliesslich mit radehaltigem

Schrot (25-44proz.) gefüttert; sie zeigten anfangs Nasenkatarrh und

Niesen, das sich allmählich verlor; sonst traten keine krankhaften

Erscheinungen ein. -- 2 junge Pferde zeigten nach der Aufnahme von

Rade starkes Speicheln, Zähneknirschen, Kolik, Kollern im Leibe,

übelriechende Diarrhöe, Zittern und Steifigkeit (+Contamine+,

Annal. de Bruxelles 1885). -- Ein Pferd, welches mit dem Hafer

grössere Mengen von Radesamen aufgenommen hatte, starb unter den

Erscheinungen einer dumpfen Kolik, sowie grosser, zunehmender

Schwäche (+Déchet+, Revue vétér. 1886). -- Ein Versuchspferd erhielt

120 g Rademehl und am Tag darauf 1 Pfund Radebrot. Am nächsten Tag

zeigte es Appetitlosigkeit, Schlingbeschwerden, Traurigkeit und

Betäubung, indem es z. B. wie ein dummkolleriges Pferd Futter im

Maule behielt, ohne zu kauen; am Tag darauf hatte es sich wieder

vollständig erholt (+Röll+, Oesterr. Vierteljahrsschr. Bd. 11). --

Nach +Lehmann+ und +Mori+ (Arch. f. Hyg. 1889) sind von allen Tieren

die Nagetiere gegen Kornrade am wenigsten empfindlich; ein Kaninchen

erhielt z. B. in 7 Tagen 105 g Radepulver, ohne zu erkranken. --

+Sturm+ (Wiener landw. Zeitung 1889) fütterte jahrelang 2-3 kg

reines Radeschrot an Mastkühe und Ochsen ohne Schaden, desgleichen

+Meissl+ (ibid.) an Schweine monatelang bis 500 g pro Stück und Tag.

-- 7 Hunde zeigten nach dem Eingeben von Rademehl Unruhe, Erbrechen

und Schlingbeschwerden; bei der Sektion wurden Schwellung und

Rötung der Rachen- und Magenschleimhaut festgestellt (+Pillwax+ und

+Müller+, ibid.). -- Ein 19 Pfund schweres Versuchsschwein starb nach

der täglichen Verfütterung von 20-100 g Rade neben anderem Futter

nach 14 Tagen; ein anderes, 25 Pfund schweres Schwein verzehrte

allmählich bis 350 g Rade, blieb aber gesund. Eine Ziege starb nach

3wöchentlicher täglicher Verfütterung von 300-500 g Rade neben

Heu. Die Sektion ergab starke Darmentzündung, sowie Exsudation im

Rückenmarkskanal (+Ulrich+, Bad. Mitt. 1882). -- Ein mit Rademehl

vergifteter Hund zeigte Unruhe, Erbrechen, Schlingbeschwerden,

Mattigkeit, Abstumpfung und Betäubung; bei der Sektion fand man

verschiedengradige, selbst kruppöse Entzündung der Schleimhaut der

Rachenhöhle, des Schlundes, des Magens, Dünndarms, Dickdarms und

Mastdarms, sowie des Kehlkopfes, Gehirnhyperämie und Hydrocephalus

acutus internus (+Röll+, l. c.). -- Eine Massenerkrankung von

Saugkälbern (Gastroenteritis) nach Verfütterung radehaltigen Mehls

hat +Tabourin+ (Recueil 1876) beschrieben. Fütterungsversuche bei

4 Kälbern ergaben Unruhe, Zähneknirschen, Speicheln, Durchfall und

Koma. Bei der Sektion wurde Entzündung des Schlundkopfs, sowie

heftige Entzündung des Labmagens festgestellt. -- Nach +Viborgs+

Versuchen erkrankte ein Hund von 60 g Rademehl, genas aber wieder;

ein Hund starb nach 30 g. -- +Stier+ (Berl. tierärztl. Wochenschr.

1893, Nr. 51) beschreibt eine Kornradevergiftung bei 48 Mastschweinen

infolge Verfütterung von radehaltigem (6proz.) Roggenschrot. Die Haut

der Tiere war wie besät mit nadelkopf- bis zehnpfennigstückgrossen

Hämorrhagien; die Schweine zeigten ferner Taumeln und Schwanken,

Benommenheit des Sensoriums, Blutbrechen, Geifern, Dyspnoe,

Heiserkeit, dunkelroten bis teerschwarzen Harn, Dysurie, sowie

Schlingbeschwerden. -- +Monin+ (Petersb. landwirtsch. Zeitung 1889)

fütterte 6 schwache, magere Schafe täglich mit ¼-1 kg Rade, so dass

jedes Schaf im Laufe eines Monats etwa 20 g Rade erhielt; die Tiere

wurden nicht nur nicht krank, sondern ihr Nährzustand besserte sich

bedeutend. -- Nach +Kruskal+ (Arb. d. pharmakol. Instituts zu Dorpat

1891) starben Hähne an Darmentzündung, wenn 21-37 g Rademehl pro kg

in den Magen eingeführt wurden. Katzen starben bei unterbundenem

Schlund nach 0,16 g Sapotoxin pro kg; ein Kaninchen erkrankte

dagegen nicht, als es in zehn Tagen 150 g Rademehl erhalten hatte.

-- +Kornrauch+ (Oesterr. Monatsschr. 1894, S. 489) berichtete über

Fütterungsversuche der Wiener landwirtschaftlichen Station bei 3

Schweinen, welche 40-70proz. Radefutter ohne Schaden ertrugen, und

bezeichnet sogar das Radefutter als Mastfutter. -- Nach +Pourquier+

(Revue vét. 1895) ist die Kornrade ein gutes Futtermittel für Schafe;

ein Schäfer verfütterte allein in einem Winter 3800 kg Radesamen.

-- +Perussel+ (J. de Lyon 1895) beobachtete akute Radevergiftung

bei Pferden und Mastochsen, welch letztere täglich 5 kg 80proz.

Rademehl erhielten. Die Erscheinungen bestanden in Appetitstörung,

Aufhören des Wiederkauens, Kolik, Diarrhöe, Unvermögen zu schlingen,

Koma und Dekubitus; die Sektion ergab Enteritis. -- Nach der

Verfütterung radehaltiger Kleie erkrankte eine Mutterstute mitsamt

dem saugenden Fohlen an Magendarmkatarrh (+Schultz+, Berl. Arch.

1897). -- +Sabatzky+ (ibid. 1898) berichtet über eine Vergiftung

bei Schweinen, welche radehaltige (50proz.) Roggenkleie gefüttert

erhalten hatten. Die Erkrankung trat 14 Tage nach dem Beginn der

Fütterung zuerst bei den Ferkeln auf, dann auch bei den älteren

Schweinen. Die Erscheinungen bestanden in Appetitlosigkeit,

Schwellungen am Halse und Lähmung. Die Sektion ergab Gastroenteritis.

20 Schweine verendeten, 8 wurden notgeschlachtet. -- +Peter+ (ibid.

1899) sah auf einem Gute 17 Lämmer und einige ältere Schafe, welche

mit kornradehaltigen (50proz.) Mühleabfällen gefüttert wurden,

unter Gleichgewichtsstörungen, Krämpfen und Speicheln erkranken.

-- +Brummel+ (Veterinarius 1900) beobachtete bei einem 5jährigen

Pferd nach der Aufnahme grösserer Mengen von Kornrade Steifheit

der Gliedmassen, Taumeln, Trismus und Schlingbeschwerden. --

+Hagemann+ (Bericht an den preuss. Landwirtschaftsminister und

Landw. Jahrb. 1903) hat durch Fütterungsversuche nachgewiesen, dass

die Verfütterung von kornradehaltigem Futter, wie es im Betriebe

des Müllereigewerbes gewonnen wird, bei unseren Haustieren keine

Vergiftung hervorruft. Milchkühe gaben nach Kornradeverfütterung

Milch mit einem minderwertigen Fette von anormaler Beschaffenheit.

Hühner und Gänse starben dagegen an Durchfall und Darmentzündung

in 24 Stunden, wenn sie 1,5 g bezw. 3-5 g Sapotoxin erhielten. --

+Kronacher+ (Woch. f. Tierh. 1900) sah bei drei Kühen nach der

Verfütterung von radehaltigem Haferschrot Appetitlosigkeit, Stöhnen,

Husten und Speicheln; 1 Kuh verendete, 2 wurden notgeschlachtet.

-- +Lohmann+ (Z. f. öff. Chemie 1903) studierte die Giftigkeit

des Saponins für den Menschen (Schaumweine, Brauselimonaden)

an Kaninchen und fand, dass sie sehr grosse Dosen ohne Schaden

ertrugen (0,5-7 g Saponin per Tag). -- +Gips+ und +Ruthe+ (Berl.

Arch. 22. Bd.) sahen angeblich Pferde an Kornradevergiftung sterben

(Taumeln, Benommenheit, Atembeschwerden). -- +Ludewig+ (Diätetik

des Truppenpferdes 1904) sah bei Pferden nach der täglichen

Fütterung von 300 g Radesamen Kolikerscheinungen und Lähmung des

Sehnerven. -- +G. Müller+ (Sächs. Jahresber. 1905) glaubt, dass

beim Geflügel in der Praxis Radevergiftungen nicht vorkommen,

weil die Samen nicht freiwillig gefressen werden. Hühner zeigten

nach der Einverleibung von 5-10 g Samen nichts, nach 20 g leichte

Krankheitserscheinungen, nach 30 g Samen schwere Erkrankung und Tod

(hochgradige Atemnot, Speicheln, Rasseln, Blaufärbung des Kammes,

Tod nach 7-14 Stunden); die Sektion ergab Aetzstellen im Kropf und

Drüsenmagen. Tauben zeigten nach 1Otägiger Verabreichung von je 1

g Radesamen nichts, starben aber nach einer Dosis von 2,5 g; die

Sektion ergab nekrotisierende Entzündung der Kropfschleimhaut.

-- Nach +Steinbrenner+ (Woch. f. T. 1908) erkrankten bei einem

Müller 2 Kühe an Kornradevergiftung. Das verfütterte, sogenannte

Tripplo war Schrot von den Kornrückständen, von Unkrautsamen,

vorherrschend Kornrade. Das Krankheitsbild bestand in Lähmung und

Eingenommenheit des Sensoriums. Die eine Kuh entleerte breiigen Kot,

bei der andern bestand Verstopfung mit hochgradiger Tympanitis,

die zu dreimaligem Troikarieren Anlass gab. Die eine Kuh verendete

an Magendarmentzündung, bei der anderen blieb eine Lähmung zurück;

die Kuh wurde schliesslich wegen Dekubitalgangrän getötet. --

+Albrecht+ (ibid. 1907 u. 1908) fand bei seinen Versuchen, dass

Hühner trotz grosser Mengen eingegebener Radesamen nicht erkrankten,

und schliesst daraus, dass das Huhn offenbar die giftige Substanz der

Radesamen in seinem Verdauungsapparat zu zerlegen und unschädlich

zu machen imstande ist. Auch die Versuche mit Ziegen fielen negativ

aus. Eine trächtige Ziege erhielt wochenlang täglich 100-150 g

geschrotenen Radesamen, ohne zu erkranken. Auch bei gleichzeitiger

Verabreichung von hartem, die Darmschleimhaut mechanisch reizendem

Stroh frass die Ziege im ganzen 2¼ kg Radeschrot, ohne zu erkranken.

Die gleichzeitige Verabreichung von Abführmitteln (Natriumsulfat)

löste ebenfalls keine Erkrankung aus, trotzdem 6 kg Radesamen

innerhalb 21 Tagen verabreicht wurden (auch Abortus trat nicht

ein). Bezüglich der in der Literatur mitgeteilten widersprechenden

Ergebnisse der Radefütterung schliesst sich +Albrecht+ der Meinung

von +Pott+ (Handbuch der tierischen Ernährung 1907) an, dass nicht

alle Radesamen giftig bezw. gleich giftig sind, und dass der

Giftgehalt möglicherweise wie bei den Lupinen durch besondere, nicht

bekannte Ursachen bedingt wird (Befallungspilze?). -- +Brandl+ hat

bei seinen Versuchen über das Sapotoxin von Agrostemma Githago

(Arch. f. exp. Path. u. Pharmak. 1906 u. 1908) festgestellt, dass

dasselbe zu Sapogenin und Zucker zerfällt, und dass dem Sapogenin

eine ähnliche, wenn auch etwas geringere Giftwirkung zukommt, wie

dem Sapotoxin; ausserdem enthalten die Radesamen eine zweite,

gleichgiftige Saponinsubstanz, die Agrostemmasäure. Die angestellten

Fütterungsversuche ergaben folgendes: 1. +Hühner+ und +Tauben+ nahmen

Radesamen aus einem gemischten Körnerfutter freiwillig niemals

auf, und verschmähten auch Futter, das mit Rademehl bestäubt war.

Absichtlich beigebrachtes Rademehl erzeugte bei Tauben schon in

der geringen Menge von 2-3 g, bei Hühnern von 3-8 g eine deutliche

Vergiftung; 10 g pro kg Taube und 15 g pro kg Huhn wirkten nach

2-3 Tagen tödlich. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in

Erbrechen, Speichelfluss, Appetitlosigkeit, Durchfällen, Taumeln und

Lähmung. Dasselbe Krankheitsbild entstand nach der Einverleibung

von Agrostemma-Sapotoxin und Agrostemmasäure; dabei hatte es den

Anschein, als ob sich die Tiere an gewisse Mengen dieser Gifte

gewöhnten. 2. +Hunde+ zeigten von 0,05-0,08 Sapotoxin ab Erbrechen

und Durchfall. 3. +Schweine+ verschmähten anfangs Futter, dem 20

g Kornrademehl beigemengt war, nahmen es aber dann, als es mit

Wasser angerührt war. Die tägliche Verabreichung von 50-100 g

Rademehl erzeugten bei einem Schwein heftiges Erbrechen und starken

Durchfall; ein anderes Schwein erhielt in 82 Tagen 6⅓ kg Rademehl

und nahm dabei um 3 kg an Körpergewicht zu; wenn die tägliche Dosis

auf 100-125 g gesteigert wurde, stellte sich Erbrechen, Husten und

Appetitlosigkeit ein. Nach der Verabreichung von 18 g Sapotoxin

zeigte ein 18 kg schweres Schwein Würgen und Erbrechen und starb an

Gastroenteritis und Hämolyse. 4. +Kaninchen+ erkrankten erst, wenn

12 g Kornrademehl = 0,45 g Sapotoxin pro kg einverleibt wurden.

15-17 g Kornrademehl pro kg wirkten nach 15-12 Stunden tödlich

(Durchfall, Magendarmentzündung). Danach ertragen Kaninchen viel

grössere Mengen von Kornrade, als Schweine und Geflügel (Verhältnis

3 : 2: 1); um Krankheitserscheinungen hervorzurufen, braucht man

pro kg Körpergewicht bei Kaninchen 12 g, bei Schweinen 7-9 g, bei

Hühnern und Tauben 4-5 g Kornrade. 5. Ein +Pferd+, welches in 2

Tagen 100 g Sapotoxin = 1400 g Rademehl erhalten hatte, zeigte keine

Krankheitserscheinung, desgleichen nicht ein +Rind+, das 50 und 90

g Sapotoxin, sowie in 14 Tagen 4⅓ kg Rademehl erhalten hatte. Für

grosse Haustiere ist danach Futter mit einem Gehalt von 5-12 Proz.

Kornrade, wie es im normalen Betrieb des Müllereigewerbes gewonnen

wird, wahrscheinlich gefahrlos. -- Nach +Neumayer+ (ibid. 1908)

beruht die hämolytische Wirkung des Sapotoxins auf das Blut auf

einer direkten Schädigung der roten Blutkörperchen an der Oberfläche

(Zellgift); im Verdauungsapparat erzeugt es akute Geschwürsbildung.

-- +Holterbach+ (Berl. tierärztl. Woch. 1909) beobachtete bei

einem 8 Wochen alten Kalbe nach der Aufnahme von radehaltigem (10

Proz.) Roggen Mattigkeit, Durchfall, Taumeln, Lähmung, Polyurie und

Konjunktivitis.

Vergiftung durch Kichererbsen. Lathyrismus.

=Botanisches.= Die +Kichererbse+, +Cicer arietinum+ (Lathyrus cicer),

ist eine einjährige Hülsenfrucht (Familie Papilionazeen, Unterfamilie

Vizieen) mit roten, achselständigen Blüten und zweisamigen Hülsen,

sowie unpaar gefiederten, 13-17jochigen Blättern und ovalen, gesägten

Blättchen. Die Samen sind rundlich höckerig, über erbsengross, an

den Widderkopf erinnernd („arietinum“). Mikroskopisch sind die Samen

charakterisiert durch die ungleiche Länge der Palisadenzellen, welche

in ihrem mittleren Teile dünnhäutig sind. Die ebenfalls zuweilen

giftige +Platterbse+, +Lathyrus sativus+, welche im südlichen Europa

zur Brotbereitung gebaut wird, hat kantige, beilförmige, glatte

Samen, eine zweiflügelige Hülse, weissrosafarbige oder blaue Blüten,

einpaarig gefiederte Blätter, sowie einen geflügelten Stengel.

Aehnlich giftig wirkt zuweilen die +schwarze italienische Wicke+,

+Lathyrus Clymenum+, die +Paternostererbse+ und die +Luzerne+.

Lathyrus cicer und sativus sollen vor der Samenbildung unschädlich

sein, während Lathyrus Clymenum stets giftig wirken soll.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Die Kichererbsen enthalten

einen seiner genaueren Natur nach bisher noch unbekannten Giftstoff,

welcher zu gewissen nervösen Organen ganz spezifische Beziehungen

hat, und zwar in erster Linie zu denjenigen des Kehlkopfes (+N.

recurrens+) und zum +Rückenmark+. Werden Kichererbsen Pferden längere

Zeit hindurch verfüttert, so erkranken dieselben zunächst unter dem

Bild des +Kehlkopfpfeifens+. Daneben gehen die Erscheinungen einer

+chronischen Rückenmarksentzündung+ einher. Die Tiere sind zunächst

sehr schreckhaft und aufgeregt und zeigen im weiteren Verlauf die

Symptome einer +spinalen Lähmung+ sowohl motorischer als sensibler

Art, welche namentlich zuerst die hinteren Extremitäten in Form von

+Kreuzschwäche+ befällt (transversale Myelitis mit motorischer und

sensibler Paraplegie), und sich zunächst durch einen +schwankenden+

Gang bemerkbar macht. +Im Stande der Ruhe erscheinen die Tiere meist

vollständig gesund+, indem sie die Erscheinungen des Rohrens, sowie die

Rückenmarkslähmung erst bei der Bewegung erkennen lassen; namentlich

ist auch der Appetit gewöhnlich unverändert. Manche Pferde zeigen

jedoch auch im Stall ein weiteres charakteristisches Symptom des

Lathyrismus, nämlich eine auffallende +Beschleunigung+ des +Pulses+

(beginnende Lähmung des Vaguszentrums), welche sich bei der Bewegung zu

ausgeprägtem +Herzklopfen+ steigert. Der Tod erfolgt meist erst nach

monatelanger Krankheitsdauer unter den Erscheinungen der +Erstickung+.

Das Vergiftungsbild bei Rindern ist ähnlich, es fehlen jedoch die

Erscheinungen des Kehlkopfpfeifens.

Bei der +Sektion+ findet man in vorgeschritteneren Stadien der

Krankheit eine +Atrophie+ und +Verfettung+ der +Kehlkopfmuskeln+

(Stimmritzenerweiterer), sowie degenerative Zustände in den

Ganglienzellen der Vorderstränge des Rückenmarkes und des Vaguskerns.

Die +Behandlung+ besteht neben Aenderung der Fütterung in der Vornahme

der +Tracheotomie+, wodurch die Pferde wieder arbeitsfähig gemacht

werden können, in der Verabreichung von +Strychnin+ (0,05-0,1 subkutan

für Pferde), sowie in der Anwendung +reizender Einreibungen+ in der

Kreuzgegend. Ausserdem ist Weidegang anzuempfehlen.

=Kasuistik.= Zwölf Arbeitspferde, welche ein Vierteljahr hindurch

täglich 8 Pfd. Kichererbsenheu erhalten hatten, zeigten nach dem

Aussetzen dieses Futters die Erscheinungen der Rückenmarkslähmung und

Hartschnaufigkeit. 4 starben; die übrigen wurden durch die Vornahme

der Tracheotomie wieder hergestellt (+Lenglen+, Recueil 1860). --

35 Zugpferde erkrankten nach der Fütterung der Gemüseblatterbse

(Lathyrus sativus); 19 starben, 2 mussten getötet werden, nur 14

genasen. Die Pferde erschienen im Stande der Ruhe bis auf das

Vorhandensein einer Pulsbeschleunigung gesund, insbesondere war der

Appetit ungestört; dagegen schwankten sie im Gehen und zeigten bei

der Bewegung im Freien, besonders in kalter, windiger Luft, Atemnot

und Röcheln, sowie Bluthusten, einige starben apoplektisch. Die

Behandlung bestand in der Vornahme der Tracheotomie, Verordnung von

Laxantien und Einreibungen auf den Kehlkopf, sowie in Anordnung

des Weidegangs. Bei der Sektion fand sich in einem Fall Schwund

der M. cricoarytaen. post. und lateral. und des M. thyreoarytaen.;

der linke Rekurrens war ferner auffallend dünn; die mikroskopische

Untersuchung der Muskeln ergab das Bild der Atrophie. In drei

anderen Fällen zeigten die Kehlkopfmuskeln mit Ausnahme des M.

crico-thyreoideus Verlust der Querstreifung und Verfettung; ausserdem

fand man Atrophie der Ganglienzellen im Vaguskern, sowie Atrophie

der multipolaren Ganglienzellen in den Vorderhörnern des Rückenmarks

(+Leather+, The veter. journ. 1885). -- Von 17 mit dem Samen von

Lathyrus sativus gefütterten Pferden erkrankten plötzlich 6 an so

hochgradigem Kehlkopfpfeifen, dass 2 erstickten und die übrigen

dem Erstickungstod nahe waren (+Lies+, B. Th. W. 1895). 2 schwere

Arbeitspferde erkrankten nach monatelangem Genuss kleiner Mengen

(46 kg insgesamt) Platterbsen an Kehlkopfpfeifen (+Call+, The

Vet., Bd. 63). -- 7 Kühe, welche auf einem mit Lathyrus clymenum

und alatum bepflanzten Acker frei weideten, zeigten bei vollkommen

erhaltener Fresslust und fieberlosem Zustand motorische und

sensible Lähmung der hinteren Gliedmassen, Unvermögen aufzustehen

und tonisch-klonische Krämpfe (+Alessandro+, Mod. Zooj. 1892). --

Kühe, welche einen Monat lang ausschliesslich mit Lathyrus clymenum

gefüttert wurden, zeigten Verminderung und schliesslich Sistierung

der Milchsekretion, Schläfrigkeit, ataktische Bewegungen der

Hinterhand und schliesslich vollständige Lähmung derselben; Rohren

fehlte. Der Tod trat gewöhnlich eine Woche nach dem Auftreten der

Lähmung ein. Die Lähmung stellte sich zuweilen noch 14 Tage nach

dem Aufhören der Lathyrusfütterung ein. Die Sektion ergab Hyperämie

und entzündliche Infiltration im Lendenmark (+Perrussel+, Recueil

1896). -- Von 16 mit Lathyrus clymenum gefütterten Kühen erkrankten

5 unter den Erscheinungen von Stumpfsinn, Lähmung, Kau- und

Schlingbeschwerden, Amaurose und Anästhesie (+Lucet+, Recueil 1898).

-- Mehrere Pferde, welche täglich 3 Pfd. Platterbsen erhielten,

erkrankten an Lathyrismus. 3 stürzten unter den Erscheinungen

der grössten Atemnot vor einem leichten Wagen nieder und mussten

geschlachtet werden. Die übrigen zeigten schwankenden Gang, sowie

pfeifendes Atmungsgeräusch und hochgradige Atemnot bei der Bewegung.

Die Obduktion ergab schwarzrote Farbe und blutige Durchtränkung

der gesamten Halsmuskulatur mit markstückgrossen Blutherden,

dunkelrote Färbung sämtlicher Kehlkopfmuskeln, sowie der Kehlkopf-

und Trachealschleimhaut (+Vollers+, Schleswig-Holstein. Mitt. 1896).

-- Aehnliche Fälle von Lähmung hat +Braasch+ (ibid. 1895) nach der

Verfütterung der russischen Zahnerbse bei 14 Pferden beobachtet. --

+Mulotte+, (D. T. W. 1893) konstatierte Kehlkopfpfeifen bei Pferden

nach der Verfütterung von Luzerner Kleeheu. -- Nach +Schuchardt+

(Deutsche Zeitschr. f. Tiermed. 1892) ist auch die sog. Lokokrankheit

(Loco Disease) der Pferde und des Rindviehes auf den Hochsteppen

im Innern von Nordamerika als Lathyrismus aufzufassen, der durch

die Aufnahme verschiedener Leguminosen, namentlich von Astragalus

mollissimus, bedingt wird. -- Ein 230 kg schweres, gesundes

Versuchspferd erhielt im Verlauf von 2 Monaten 136 kg Mehl aus

den Samen von Lathyrus sativus. Nach etwa 14 Tagen zeigte es eine

Steigerung der Pulsfrequenz auf 45, am 30. Tag erschien es etwas

reizbarer, die Hinterbeine waren steif, über den ganzen Körper traten

Muskelzuckungen auf, namentlich im Verlauf der Kruppenmuskeln und

an der Schulter, im Hinterteil war geringgradige Kreuzschwäche zu

bemerken, der Schweif wurde fortwährend zitternd hin und her bewegt.

Einige Tage darauf nahm das Schwanken im Kreuz zu; dagegen wurden

abnorme Atmungsgeräusche im Trab nicht bemerkt. Nach dem Aufhören der

Fütterung verschwanden alle Krankheitserscheinungen (+Agonigi+, Il

nuovo Ercolani 1900). -- Vergiftungen durch =Platterbsen=, Lathyrus

sativus, bei Pferden (Kehlkopfpfeifen, schwankender Gang) sind von

+Leather+ (Vet. journ. 1885), +Call+ (The Vet. 1890), +Lies+ (B. T.

W. 1895), +Vollers+ (Schleswig-Holst. Mitt. 1896) u. a. beschrieben

worden. -- Ueber Lathyrismus beim Menschen vgl. +Schuchardt+,

Deutsches Archiv f. klin. Medizin 1887 u. 1888, Bd. 40.

Vergiftung durch Taxus (Eibenbaum).

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 27 / 50 段