erregendes +Rückenmarksgift+, welches +Starrkrampf+ auslöst. Das
Bild der Strychninvergiftung ist daher im wesentlichen das des
+Starrkrampfes+ (Tetanus toxicus). Die Tiere zeigen tetanische,
blitzartig auftretende, über den ganzen Körper sich ausbreitende
Krampfanfälle von sekunden- bis minutenlanger Dauer, steife, gestreckte
Haltung der Extremitäten, des Halses, der Wirbelsäule, des Schweifes,
hochgradige +Schreckhaftigkeit+, sowie Dyspnoe während der Anfälle.
Von +diagnostischer+ Bedeutung ist die Auslösung eines Krampfanfalls
bei kleineren Tieren durch das Aufrichten derselben. Der Tod erfolgt
durch Erstickung. Der Verlauf ist im allgemeinen +sehr akut+. Von der
Aufnahme des Strychnins bis zum Auftreten von Krämpfen vergeht jedoch
eine sehr verschiedene Zeit, desgleichen vom Beginn des Tetanus bis
zum tödlichen Ende, je nach der Dosis, Form und Applikation, sowie
je nach der Tiergattung. Bei +Pferden+ beobachtete man nach der
intratrachealen Injektion des Strychnins zuweilen schon in wenigen
Minuten apoplektiformen Tod. +Schafe+ sterben nach subkutaner Injektion
durchschnittlich nach 12 Minuten. Bei +Hunden+ kann nach der Anfnahme
mittlerer Dosen per os je nach dem Füllungszustand des Magens längere
Zeit vergehen, bis die Vergiftung in die Erscheinung tritt (1-2
Stunden) und die Vergiftung selbst, d. h. die Krämpfe, mehrere Stunden
(5-7) andauern; nach dieser Zeit ist meist keine Lebensgefahr mehr
vorhanden. Endlich ertragen Tiere, welche sich erbrechen können (Hunde,
Katzen, Füchse, Wölfe und anderes Raubzeug), oft auffallend grosse
Dosen von Strychnin.
Die +Sektion+ ergibt wie beim gewöhnlichen Starrkrampf im allgemeinen
ein +negatives+ Resultat; als sekundäre Veränderungen beobachtet man im
Herzen und in der Lunge die Symptome der Erstickung. Vereinzelt wurde
eine konservierende Wirkung des Strychnins auf den Kadaver beobachtet;
ein Hundekadaver war z. B. noch nach 20 Tagen frisch (+Noack+).
=Behandlung.= Bei Hunden gibt man zunächst ein +Brechmittel+
(Apomorphin subkutan); im Notfall dient auch ein Esslöffel
voll Kochsalz als Brechmittel. Das bewährteste Gegenmittel
gegen Strychnin ist das +Chloralhydrat+. Dasselbe wird speziell
Hunden in Dosen von 0,5-5,0, am besten in schleimigen Lösungen
rektal so lange verabreicht, bis der Krampf nachlässt. Auch eine
mehrere Stunden hindurch fortgesetzte oder öfters wiederholte
+Chloroformierung+ und +Aetherisierung+ oder eine kombinierte
+Chloralhydrat-Chloroformbehandlung+, sowie die Anwendung von
+Morphium+, +Sulfonal+, +Bromkalium+ oder grosser Dosen von +Alkohol+
ist zu empfehlen. Als chemisches Antidot gibt man +Tannin+ oder
gerbsäurehaltige Mittel, im Notfall schwarzen Kaffee oder Tee.
Ausserdem kann man bei drohender Erstickung künstliche Atmung einleiten.
=Nachweis.= Für gewöhnlich genügt zum Nachweis der Strychninvergiftung
der ausserordentlich charakteristische +klinische+ Befund. Zum
Zweck des +chemischen+ Nachweises muss das Strychnin zunächst aus
den Körperorganen (Magen, Blut, Leber, Nieren) extrahiert werden.
Hierzu bedient man sich entweder der Methode von +Stas+ und +Otto+
(Extraktion mit +Aether+, vergl. S. 33) oder einer von +Dragendorff+
(Extraktion mit Benzol) angegebenen Methode. Nach der letzteren werden
die zu untersuchenden Objekte in fein zerkleinertem Zustand mit
+schwefelsäurehaltigem Wasser+ bis zur deutlich sauren Reaktion in der
Weise versetzt, dass auf 100 ccm Untersuchungsmaterial höchstens 5 ccm
verdünnter Schwefelsäure (1 : 5) kommen. Man digeriert einige Stunden
lang bei einem Temperaturmaximum von 50°, koliert und presst, zieht
den Rückstand nochmals mit schwefelsäurehaltigem Wasser aus, koliert
und presst wieder, mischt die Kolaturen und verdunstet im Wasserbad
bis fast zur Konsistenz eines dünnen Sirups, welcher sodann mit dem
3-4fachen Volum +Alkohol+ (90-95 Proz.) 24 Stunden mazeriert wird,
worauf man filtriert. Das Filtrat wird destilliert, bis der Alkohol
übergegangen ist. Die zurückbleibende wässerige Flüssigkeit wird auf
ca. 50 ccm verdünnt, mit 25 ccm reinem +Benzol+ versetzt, anhaltend
geschüttelt, das Benzol abgehoben und mit neuem Benzol geschüttelt,
welches ebenfalls abgehoben wird. Die zurückbleibende wässerige
Flüssigkeit wird sodann mit Ammoniak deutlich alkalisch gemacht und
auf 40-50° erwärmt, wodurch das Strychnin frei gemacht und durch
anhaltendes Schütteln mit Benzol (25 ccm) in demselben aufgelöst wird.
Dasselbe Verfahren wird mit einem zweiten Benzolquantum wiederholt,
die Benzolmengen werden dann gemischt und das Benzol dann verdunstet.
Bleibt hierbei das Strychnin nicht in ganz reinem Zustand zurück,
so löst man den Rückstand nochmals mit schwefelsäurehaltigem Wasser
auf, übersättigt mit Ammoniak, schüttelt wieder mit Benzol aus und
verdunstet. Eine dritte Abscheidungsmethode ist von +Erdmann+ und
+Uslar+ (Extraktion mit +Amylalkohol+) angegeben. Das zerkleinerte und
mit Wasser zum dünnen Brei angerührte Untersuchungsobjekt wird mit
Salzsäure angesäuert, 1-2 Stunden bei 60-80° digeriert, koliert und
nochmals auf dieselbe Weise extrahiert. Die vereinigten wässerigen
Auszüge werden mit +Ammoniak+ stark alkalisch gemacht und zur Trockene
verdunstet. Der Rückstand wird gepulvert und mit +Amylalkohol+
wiederholt ausgekocht. Die heiss filtrierten Amylalkoholauszüge werden
mit dem 1Ofachen Volum heissen salzsauren Wassers in Glaszylindern
stark geschüttelt, wodurch das Strychnin in letzteres übergeht. Zur
Extraktion von Fett wird die salzsaure Wasserlösung nochmals mit
Amylalkohol ausgeschüttelt. Dann wird mit Ammoniak neutralisiert und
das Strychnin durch Schütteln mit warmem Amylalkohol ausgezogen,
welcher zuletzt verdunstet wird, worauf das Strychnin zurückbleibt.
Das abgeschiedene Strychnin wird nun auf seine Identität durch
verschiedene +Reaktionen+ geprüft. 1. Die wichtigste ist die
+Blaufärbung+ durch +Schwefelsäure+ und +Kalium dichromicum+. Man
löst das Strychnin in konzentrierter Schwefelsäure und bringt in
diese Lösung ein Kriställchen von doppeltchromsaurem Kali, worauf
sich violettblaue Streifen bilden, die später in Rotbraun übergehen.
Man kann die Reaktion auch in der Weise anstellen, dass man das
Strychnin in wenig schwefelsäurehaltigem Wasser löst und diese Lösung
mit einer Lösung von Kaliumdichromat (1 : 200) versetzt, worauf sich
Gruppen schön goldgelber Kristallnadeln abscheiden, welche sich in
konzentrierter Schwefelsäure blau lösen. Die Reaktion wird noch
durch 1/1000 mg Strychnin hervorgerufen. 2. Die +Blaufärbung+ mit
+Vanadin-Schwefelsäure+ ist ebenfalls sehr empfindlich. Eine Lösung
von vanadinsaurem Ammonium in Schwefelsäure (1 : 200) gibt mit
Strychnin eine violettblaue, blauviolette, violette, zinnoberrote,
lang anhaltende Färbung, bei welcher die Farbenübergänge von Blau
zu Blauviolett und Rot viel langsamer erfolgen, als beim ersteren
Reagens. 3. Der +physiologische+ Versuch wird angestellt mit +Fröschen+
(Todesdosis des Strychnins = 0,05 mg) und +Mäusen+ (Todesdosis = 0,02
mg). Das Auftreten von +Starrkrampf+ bei den Versuchstieren beweist mit
Sicherheit das Vorhandensein von Strychnin.
=Kasuistik.= Ein gegen Kehlkopfpfeifen mit +intratrachealen+
Strychnininjektionen behandeltes Pferd zeigte nach der
Injektion von 0,11 g Strychnin nach etwa 20 Minuten hochgradige
Vergiftungserscheinungen: Zuckungen, ausserordentliche
Schreckhaftigkeit und Zusammenbrechen mit dem Hinterteil. Im
Blut liessen sich Spuren von Strychnin nachweisen. Die Krämpfe
dauerten 20 Minuten, die Schreckhaftigkeit mehrere Stunden an. Ein
zweites Pferd zeigte nach 0,09 g ähnliche, jedoch geringgradigere
Vergiftungserscheinungen. Bei einem dritten Pferd traten nach 0,08
g ebenfalls leichte Vergiftungserscheinungen ein. Eine Heilwirkung
liess sich nicht konstatieren. Danach ist bei intratrachealer
Injektion 1 cg pro Zentner Lebendgewicht die höchste therapeutische
Dosis für das Pferd (+Vogt+, Woch. f. Tierhlkde. 1891). -- Ein
grosser Hund erhielt von seinem Besitzer, einem Arzt, 0,05
Strychninum arsenicosum eingegeben. Die hienach auftretende schwere
Vergiftung verschwand erst nach 10 Stunden nach Anwendung von
Morphium, Chloralhydrat und zweistündigem Chloroformieren (+Wolf+,
Sächs. Jahresber. 1897). -- Ein Rattenfänger hatte mit Strychnin
bestreute Fische gefressen (Rattengift). Die nach Ablauf einer Stunde
erfolgte Verabreichung von 3 g Chloralhydrat hatte mehrstündigen
Schlaf und dauernde Heilung zur Folge (+Sauer+, Woch. f. T. 1899). --
1 Vorstehhund erkrankte nach dem Fressen von Fuchsgift an heftigem
Tetanus; Chloralhydratklistiere (5,0) hatten totähnlichen Schlaf
zur Folge, worauf am andern Tage ein Rückfall eintrat, der sich
nach nochmaliger Anwendung von Chloralhydrat am 3. Tag wiederholte,
worauf Genesung eintrat (+Rosenfeld+, Tierärztl. Zentralbl. 1899).
-- Durch Strychnin vergiftete Hunde genasen nach Verabreichung einer
grossen Handvoll Seesalz (Journ. of comp. 1900), desgleichen Hühner
nach dem Eingeben kleiner Körnchen Atropin (+Ehlers+, D. T. W. 1900).
-- Weitere Vergiftungen von Hunden, Katzen und Schweinen sind von
+Merkle+, +Zix+ (Woch. f. T. 1898 u. 1899), +Uhlich+, +Deich+ (Sächs.
Jahresber. 1898 u. 1899), +Phail+ (Vet. journ. 1898), +Videlier+
(Recueil 1897), +Rancillia+, +Maignon+ (Jour. de Lyon 1901 u. 1905)
u. a. beschrieben worden.
=Experimentalversuche.= Das Verhalten der einzelnen Haustiere
gegenüber dem Strychnin ist nach +Feser+ (Berl. Archiv 1880 u. 1881)
und +Schneider+ (Monatshefte für prakt. Tierheilk. 1900) folgendes:
1. +Pferde+ ertragen +subkutane+ Dosen von 0,1-0,2 mg Strychnin
pro Kilo Körpergewicht ohne Nachteil, indem sie nur leichte und
vorübergehende Zufälle zeigen. 0,3 mg pro Kilo Körpergewicht
subkutan injiziert sind für sehr alte, geschwächte, rückenmarkskranke
Pferde schon eine tödliche Dosis, während sie von jungen, kräftigen
Pferden meist ohne Gefahr ertragen werden. 0,4 mg Strychnin pro Kilo
Körpergewicht töten jedoch jedes Pferd bei subkutaner Injektion
sicher innerhalb kurzer Zeit. Bei der +innerlichen+ Verabreichung
sind 5mal grössere Dosen nötig, als die oben genannten; die subkutane
Injektion verhält sich also zur stomachikalen beim Pferd wie 1 : 5
(+Feser+).
2. +Hunde+ zeigen nach +subkutanen+ Dosen von 0,1-0,2 mg pro Kilo
Körpergewicht eine leichte vorübergehende Wirkung. 0,2 mg pro
Kilo Körpergewicht subkutan werden von gesunden Hunden zwar noch
ertragen, sind aber für kranke Hunde gefährlich und sollten nur mit
grösster Vorsicht angewandt werden; sie erzeugen heftige, allgemeine
Starrkrampfanfälle und Zusammenstürzen. 0,3 bis 0,4 mg haben eine
schwere Vergiftung und häufig den Tod nach 12 Minuten bis 1½ Stunden
zur Folge. 0,5 mg pro Kilo Körpergewicht und darüber töten jeden
Hund bei subkutaner Applikation nach 10-50 Minuten. +Innerlich+
gegeben bleiben 0,1-0,2 mg pro Kilo Körpergewicht ohne jede sichtbare
Wirkung. 0,3 bis 0,4 mg zeigen zuweilen heftige, zuweilen aber
auch gar keine Wirkung und eventuell Tod. 1 mg Strychnin pro Kilo
Körpergewicht tötet bei innerlicher Verabreichung jeden Hund. Beim
Hund verhält sich also die subkutane zur stomachikalen Dosis wie
1 : 2. -- Bezüglich der +kumulativen+ Wirkung des Strychnins ergaben
die Versuche, dass subkutan 0,05 mg pro Kilo stündlich bis 10mal, 0,1
mg pro Kilo dagegen stündlich nur 3mal ohne Gefahr angewandt werden
können; 0,2 mg pro Kilo dürfen subkutan höchstens 2mal und nur in
grossen Pausen gegeben werden. Innerlich kann man 10 Dosen à 0,1
mg pro Kilo stündlich hintereinander geben; 0,2 mg pro Kilo können
5mal 2stündlich hintereinander gegeben werden. Grössere Dosen wirken
giftig (+Feser+).
3. +Schafe+ äussern nach +subkutanen+ Dosen von 0,1 - 0,2 mg pro
Kilo Körpergewicht nur leichte vorübergehende Zuckungen; 0,3 mg
bedingen dagegen eine sehr heftige Wirkung und 0,4 mg pro Kilo den
Tod. +Innerlich+ bleiben 0,6 - 1,2 mg pro Kilo wirkungslos; 3,0 mg
haben eine sehr kräftige Wirkung, 4,0 mg pro Kilo den Tod zur Folge.
Die subkutane Applikation verhält sich zur stomachikalen wie 1 : 10
(+Feser+).
4. +Schweine+ zeigen auf +subkutane+ Injektion von 0,1 mg pro Kilo
keine Reaktion; 0,2-0,3 mg haben eine geringe, vorübergehende
Wirkung; 0,4-0,6 mg pro Kilo bedingen eine sehr heftige Vergiftung,
welche jedoch meist nach 2-4stündiger Dauer in Genesung übergeht.
0,6-0,7 mg wirken tödlich. Die subkutane verhält sich zur
stomachikalen Applikation wie 1 : 3 (+Feser+). -- 2 Schweine zeigten
nach der Verfütterung von 0,15 und 0,2 g Strychn. arsenicos.
keinerlei Krankheitserscheinungen (+Salles+).
5. Unter dem +Geflügel+ sind gegen tödliche Strychnindosen am
widerstandsfähigsten die +Hühner+; die tödliche subkutane Dosis
beträgt für sie 3-5 mg pro Kilo Körpergewicht, die stomachikale
30-140 mg. Dann folgen die +Tauben+ (tödliche subkutane Dosis
1,0-1,5, stomachikale 8-11 mg), +Enten+ (1,0 bezw. 3-4,5) und +Gänse+
(1-2 bezw. 2,5-3 mg). Der Eintritt der Wirkung erfolgt bei subkutaner
Applikation in 2-10 Minuten, bei innerlicher in 3-20 Minuten. Das
Fleisch der mit Strychnin vergifteten Tiere erwies sich beim Genuss
als ganz unschädlich (+Schneider+). -- Nach +Falck+ (Med. Zentralbl.
1899) sind Hühner und anderes Geflügel gegen die Brechnuss selbst,
sowie gegen wässerige Strychninlösungen, wenn dieselben in die
Speiseröhre oder in den leeren Kropf appliziert werden, ziemlich
widerstandsfähig (langsame Resorption, Zersetzung des Strychnins im
Blut). Dagegen sterben sie, wie andere Tiere, rasch bei subkutaner
Einspritzung wässeriger und bei stomachikaler Verabreichung
alkoholischer Strychninlösungen. -- +Vogel+ (Zeitschr. f. Biol.
1896) untersuchte bei Hühnern, ob die Einverleibung grosser Mengen
von Strychnin eine giftige Beschaffenheit der +Eier+ bedinge. Er gab
Hühnern in 12-16 Tagen 0,28-0,36 Strychnin, hat aber in den Eiern
niemals Strychnin nachweisen können. -- Nach +Molitoris+ (Z. f. a.
Chemie 1905) scheiden Hühner grosse Strychninmengen aus, ohne Schaden
zu nehmen; in ihrem Blut lässt sich durch Farbenreaktion noch 1/1000
mg Strychnin nachweisen.
=Absichtliche Strychninvergiftung von Tieren zum Zweck der Tötung.=
+Pferde+ werden nach +Bock+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1906) am
schnellsten und sichersten in der Weise getötet, dass man ihnen eine
Lösung von 0,4 g Strychninum nitricum in 10 g Glyzerin intravenös
injiziert. Schon nach 3-4 Sekunden tritt blitzartiges Zusammenstürzen
und sofortiger Tod ein. Nach der intravenösen Injektion von 0,3 g
Strychnin brach ein Pferd nach 47 Sekunden zusammen und starb in
5 Minuten unter tetanischen Erscheinungen (ibidem 1901). Gesunde
+Hunde+ starben nach +Ben Danou+ (Revue vet. 1902) am schnellsten
nach der intrapleuralen Injektion von 5 ccm einer gesättigten Lösung
von Strychninsulfat; bei nervenkranken Hunden verzögert sich jedoch
der Eintritt des Todes sehr. +Raubzeug+ vergiftet man nach +Merck+
(Jahresber. 1900) am besten in der Weise, dass man feingepulvertes
Strychnin mit etwas Muskelfleisch zu einer Fleischpille formt und
diese in ein etwas grösseres Stückchen Fleisch steckt. Zur Vergiftung
von Füchsen steckt man das in einer Gelatinekapsel befindliche
Strychnin in einen Heringskopf, den man allseitig mit einer Naht
schliesst, oder in das ausgehöhlte Innere einer nussgrossen
Margarinepille, oder in die Bauchhöhle eines getöteten kleinen Tieres
(Vogel, Maus, Ratte). Die tödliche innerliche Dosis des Strychnins
beträgt hiebei für Füchse 0,05-0,1, Wölfe 0,25, Bären, Tiger und
Löwen 0,5-1,0. Die Strychninsalze erhalten sich jahrelang unzersetzt;
tritt die gewünschte Wirkung beim Raubzeug nicht ein, so hängt dies
nicht vom Präparat, sondern von dem Erbrechen der Tiere, sowie vom
Füllungszustand ihres Magens ab.
Vergiftung durch Kornrade.
=Botanisches.= Die +Rade+ oder +Kornrade+, +Agrostemma Githago+
(Familie der Karyophyllazeen; Unterfamilie Sileneen), ist ein
bekanntes, rotblühendes Unkraut auf Getreidefeldern (Roggen, Weizen),
mit einem ½-1 m hohen weissfilzigen Stengel, langen, spitzen,
graugrünen Blättern und einzelnen, langgestielten, roten Blüten.
Die allein giftigen +Samen+ sind schwarz oder dunkelbraun, kugelig,
nierenförmig, 2-3 mm gross und besitzen eine regelmässige höckerige
Oberfläche (Aehnlichkeit des Samens mit einer eingerollten Raupe).
Die Samen besitzen einen sehr charakteristischen mikroskopischen
Bau, welcher für den Nachweis derselben sehr wichtig ist. Die
Oberhautzellen sind nämlich ausserordentlich gross, geweihartig
verästelt, nach aussen gebuckelt, sehr dick und an der Oberfläche mit
winzigen Höckerchen besetzt; ihr Inhalt besteht aus einer rotbraunen
Substanz. Ebenfalls sehr charakteristisch sind die im Endosperm der
Samen vorkommenden +Stärkekörperchen+; dieselben haben eine spindel-,
spulen-, flaschen- oder eiförmige Gestalt, sind äusserst klein
(0,02-0,1 mm gross) und durch Einlagerung winziger Stärkemehlkörnchen
getrübt; in Wasser gebracht zerfallen sie, wodurch die beschriebenen
winzigen Körnchen frei werden und eine molekulare Bewegung zeigen
(wichtig für den Nachweis des Vorhandenseins von Rade im Mehl).
Die Radesamen enthalten als giftigen Bestandteil das +Githagin+,
ein Glykosid, welches mit dem =Saponin= (+Sapotoxin+) identisch
ist (+Agrostemma-Sapotoxin+) und in Sapogenin und Zucker zerfällt.
Ausserdem enthalten sie eine zweite, gleich giftige Saponinsubstanz,
die +Agrostemmasäure+. Der Gehalt an Saponinsubstanzen beträgt 6-7
Proz. Vergiftungen ereignen sich nach Verfütterung von Radeschrot,
sowie durch radehaltiges Mehl und Kleie infolge von mangelhaftem
„Ausreutern“ des Korns in der Mühle.
=Allgemeines über Saponinsubstanzen.= Unter diesem Namen fasst man eine
Anzahl glykosidischer Stoffe zusammen, welche nach +Kobert+ in etwa
150 Pflanzenarten (30 Familien) vorkommen und neben ihrer chemischen
Homologie mit der Grundformel C_{n}H_{2n-8}O_{10} gemeinschaftlich
nachstehende Eigenschaften besitzen: Schäumen in wässerigen Lösungen
(daher der Name Saponin, seifenartiges Glykosid), kratzenden
Geschmack, +entzündungserregende Wirkung auf Haut und Schleimhäute+
(Dermatitis, Rhinitis, Konjunktivitis, Gastroenteritis), Auflösung der
roten Blutkörperchen (+Hämolyse+), sowie geringe oder ganz fehlende
Resorption vom Darmkanal aus. Die letztgenannte Eigenschaft erklärt die
eigentümliche Tatsache, dass bei intakter Darmschleimhaut grosse Dosen
der Saponinsubstanzen ertragen werden, ohne eine Allgemeinvergiftung zu
verursachen (vergl. die Kornradevergiftung), während bei vorhandenem
Katarrh oder bei Geschwüren der Darmschleimhaut die Resorption erhöht
und die Giftwirkung viel stärker ist. Ausserdem soll das Saponin
im normalem Darm in eine ungiftige Verbindung umgewandelt werden.
Subkutan erzeugen die Saponinsubstanzen Eiterung ohne Bakterien
(aseptische Eiterung); intravenös beigebracht wirken sie rasch tödlich
infolge Auflösung der roten Blutkörperchen und zwar schon in Dosen
von ½-1 mg pro kg Körpergewicht. Die anatomischen Veränderungen
bestehen ähnlich wie bei Phallinvergiftung in Zerstörung der roten
Blutkörperchen, Darmentzündung, Verfettung der Leber, der Nieren
etc. Zu diesen Saponinsubstanzen rechnet man +Saponin+, +Sapotoxin+,
+Sapogenin+, +Saporubin+, die +Quillajasäure+, +Polygalasäure+
und +Agrostemmasäure+, das +Githagin+, +Zyklamin+, +Senegin+,
+Parillin+, +Assamin+ und +Melanthin+. Man spricht ferner von einem
Agrostemma-Sapotoxin, Quillaja-Sapotoxin, Gypsophila-Sapotoxin,
Sapindus-Sapotoxin usw.
=Krankheitsbild der Radevergiftung.= Die Saponinsubstanzen der Kornrade
(Sapotoxin, Agrostemmasäure) wirken entzündungserregend auf alle
Schleimhäute (+Gastritis+, +Enteritis+, +Stomatitis+, +Pharyngitis+,
+Konjunktivitis+, +Rhinitis+, +Laryngitis+), sowie +lähmend+ auf das
Zentralnervensystem und das Herz. Ausserdem sind sie ein starkes Gift
für die +roten Blutkörperchen+, welche dadurch aufgelöst werden.
Die Vergiftungserscheinungen bestehen demnach in +Speicheln+,
+Schlingbeschwerden+, +Erbrechen+, +Kolik+, +Durchfall+, +Mattigkeit+.
Bei der +Sektion+ findet man hauptsächlich die Erscheinungen einer
intensiven +Gastroenteritis+, sowie lackfarbige Beschaffenheit des
Blutes.
Eigentümlicherweise ist die Empfindlichkeit der einzelnen Tiergattungen
gegen das Radegift sehr verschieden. +Gänzlich immun scheinen Schafe,
Ziegen und Nagetiere (Kaninchen) zu sein.+ Auch erwachsene Rinder sind
wenig oder gar nicht für das Gift empfänglich. Am empfindlichsten
sind dagegen Hunde, Pferde, Schweine, Kälber und Hühner. Merkwürdig
ist ferner, dass sich manche Tiere mit der Zeit an die Radefütterung
+gewöhnen+, indem die giftige Wirkung des Saponins bei längerer
Verabreichung der Rade abnimmt, und dass das radehaltige Futter bei
einer und derselben Tiergattung nicht immer gleich stark giftig wirkt,
indem zuweilen sehr grosse Quantitäten von den Tieren ohne Gefahr
verzehrt werden. Ob dieses verschiedene Verhalten der Radesamen auf
Zersetzungen des Saponins oder auf einen verschiedenen Gehalt des
Rademehls oder auf eine zeitliche und örtliche Ungiftigkeit der
Radesamen nach Art der Lupinen oder auf eine gewisse prädisponierende
Beschaffenheit der Darmschleimhaut bei einzelnen Tieren (leichte
Verletzungen) zurückzuführen ist, muss dahingestellt bleiben. Auch
+individuelle+ Verschiedenheiten sind nicht selten. Sodann sind +junge
Tiere empfindlicher+, als alte.
=Therapie.= Die Behandlung der Radevergiftung besteht in der
Verabreichung von schleimigen, einhüllenden, sowie von exzitierenden
Mitteln (Aether, Kampfer, Koffein, Kaffee). In +prophylaktischer+
Beziehung ist ferner ein Futterwechsel vorzunehmen. Ausserdem kann
durch gelindes +Rösten+ des Radepulvers in eisernen Pfannen das Saponin
zerstört werden (die Backofenhitze zerstört nicht alles Saponin!).
Endlich lässt sich durch ein bestimmtes +Schrotverfahren+ nicht nur die
schwarze Schale der Radesamen, sondern auch die vom Embryo gebildete
schwarze Randpartie entfernen, in welcher das Saponin ausschliesslich
seinen Sitz hat.
=Nachweis.= Zum Nachweis der Radevergiftung können die verabreichten
Futterstoffe (Kleie, Mehl) und der Magendarminhalt entweder einer
botanisch-mikroskopischen oder einer chemischen Untersuchung
unterworfen werden.
Der +botanische+ Nachweis besteht in dem Auffinden der im Eingang
genauer beschriebenen schwarzen, warzigen Samenschalen mit ihren
charakteristischen Zellen (Untersuchung mit der Lupe), sowie in der
Feststellung der charakteristischen Stärkekörperchen im Mehl mittels
des Mikroskops. Der +chemische+ Nachweis der Radevergiftung stützt sich
auf gewisse Reaktionen des Githagins. 1. Schüttelt man 2 g Mehl mit 10
ccm einer Mischung von 20 g 70proz. Alkohol und 1 g Salzsäure in einem
Reagensglas und lässt den Inhalt stehen, so nimmt die Flüssigkeit eine
gesättigt +orangegelbe+ Farbe an. 2. Man digeriert 500 g Mehl mit 1 l
85proz. Alkohol im Wasserbad, filtriert heiss, fällt das Filtrat mit
absolutem Alkohol, trocknet den Niederschlag bei 100°, nimmt ihn mit
kaltem Wasser auf, fällt den Auszug nochmals mit absolutem Alkohol,
filtriert und trocknet wieder. Durch dieses Verfahren wird das Githagin
(Saponin) rein dargestellt als ein +gelblichweisses+ Pulver von
+brennend bitterem Geschmack+, welches sich in Wasser leicht löst und
damit geschüttelt stark +schäumt+.
Grössere Mengen von Rade im Mehl lassen sich endlich häufig schon durch
die +blaue+ Farbe des Rademehls nachweisen.