Speicheln, gesteigerte Erregbarkeit, Scharren, Hin- und Hertreten,
steife Bewegungen, Muskelzittern und gesteigerte Pulsfrequenz; nach
9 bis 10 Stunden tritt Beruhigung mit Niedergeschlagenheit, jedoch
keine Schlafsucht ein. 1,5-2,0 g Morphium rufen tobsuchtähnliche
Erscheinungen hervor, ferner Tränen, Speichelfluss, Muskelzittern
und Schwäche im Hinterteil. Schwache und alte Kühe zeigten nach
1,4-2,5 g Morphium nach einem vorausgegangenen Exzitationsstadium
tiefen, rauschartigen Schlaf mit Anästhesie und starker Aufblähung.
Im Gegensatz zum Hund (und Menschen) sind Kälber weniger empfindlich
als erwachsene Rinder. -- Nach meinen eigenen Versuchen (1893) zeigen
Rinder nach 1-2 g Morphium starke Aufregung. Sie ertragen ferner
5 g subkutan und selbst 25 g per os, ohne zu sterben. Ein 115 kg
schweres Versuchskalb erhielt z. B. eine subkutane Injektion von 5 g
Morphinum hydrochloricum, in 125 ccm Wasser gelöst. Bereits nach 10
Minuten stellte sich starke Unruhe und Aufregung ein, welche später
zunahmen. Das Tier drängte anhaltend gegen die Halfter, zeigte grosse
psychische Benommenheit, Stunden lang röchelnde, dyspnoische Atmung,
abundanten Speichelfluss und enorme Auftreibung der linken Flanke.
Die Körpertemperatur stieg von 38° C. auf 41° C. Am nächsten Morgen
waren fast alle Erscheinungen wieder verschwunden und am zweiten
Tage nach der Injektion war das Allgemeinbefinden des Kalbes bis
auf den noch etwas verzögerten Kotabsatz wieder völlig normal. Eine
345 kg schwere Kuh erhielt per os 25 g Morphinum hydrochloricum
eingeschüttet. 4 Stunden darauf stellte sich Unruhe und Aufregung
ein, welche später zunahm und den ganzen Tag anhielt. Am Tage darauf
dauerten die Erregungserscheinungen noch fort, die Futteraufnahme
stellte sich indessen wieder ein. Am sechsten Tag war das Tier
wieder völlig hergestellt. Erscheinungen von Narkose wurden an der
Kuh während der ganzen Dauer des Versuchs nie wahrgenommen. -- Nach
+Hess+ (Berl. Arch. 1901) bedürfen Rinder ausserordentlich grosser
Mengen Morphium, um betäubt zu werden. Ein Kalb von 90 kg Gewicht
erhielt 90 g Morphium (1 g pro kg) eingegossen, ohne dass Schlaf
entstand; es traten vielmehr viele Stunden hindurch Erregungszustände
und nach 24 Stunden der Tod ein. Ein anderes Kalb starb nach 3
Stunden auf 0,9 g pro kg. Ein 3 Wochen altes Kalb zeigte nach 0,024 g
pro kg subkutan tiefe Narkose nach 50 Minuten; ein anderes starb 41
Stunden nach derselben Dosis unter Lähmung, aber ohne Narkose. 0,004
g Morphium pro kg erzeugten in einem anderen Falle sechsstündige
Unruhe, 0,008 g pro kg schwere Aufregung und Lungenödem.
4. Die +Katze+ reagiert auf Morphium durch Erregung und Krämpfe,
ohne dass Narkose eintritt. Kleine Dosen erzeugen ferner Erbrechen,
nicht dagegen grosse. Junge Katzen sind viel weniger empfindlich, als
erwachsene; sie bleiben nach 0,05 g Morphium am Leben, während ältere
Tiere schon nach 0,04 g sterben.
5. Das +Schwein+ besitzt grosse Resistenz gegen Morphium;
Narkose tritt nicht ein; die tödliche Dosis beträgt 200 mg
pro kg Körpergewicht. Der Tod erfolgt nach vorausgegangenen
Erregungserscheinungen. Auffallend ist die intensive Blässe der Haut.
-- Nach +Hess+ starben Schweine nach 0,3 und 0,6 g Morphium pro kg
Körpergewicht in tiefer Narkose.
6. Die +Ziege+ und das +Schaf+ sind ebenfalls sehr resistent.
Die Maximaldosis kann bei der Ziege sogar auf 250-300 mg pro kg
Körpergewicht normiert werden. Narkose und Gehirnstörungen fehlen.
Charakteristisch ist die Sucht, in Gegenstände der Umgebung hinein
zu beissen. -- Nach +Hess+ scheinen die Ziegen gegen Morphium fast
immun zu sein. 1 g pro kg (5-26 g Morphium pro Ziege) bewirkt keine
Narkose, sondern versetzt die Tiere in Unruhe und Aufregung. Ein
Schaf wurde durch 0,36 g pro kg narkotisiert, ein anderes durch 0,2 g
pro kg anfangs aufgeregt, dann einige Tage lang matt.
7. Der +Elefant+ reagiert im ausgewachsenen Zustand nach einer
Beobachtung von +Lustig+ auf 30 g Morphium nicht. In einem von
+Frick+ beschriebenen Fall trat bei einem erwachsenen Elefanten die
Narkose auf etwa 44 g Morphium ziemlich intensiv ein, jedoch erst
nach 3 Stunden, und dauerte 24-36 Stunden. Die Verabreichung des
Morphiums geschah zusammen mit 4 l Rum, 1 l Wasser und ½ g Saccharin.
8. Das +Geflügel+ (Hühner, Truthühner, Gänse) zeigt nach den
Versuchen von +Awtokratoff+ Schläfrigkeit, verlangsamte Atmung,
Pupillenverengerung, sowie Blässe und Schlaffheit des Kammes und der
Kehllappen (subkutane Injektion 1proz. Lösungen).
9. +Ratten+ ertragen nach +Rübsamen+ (Arch. f. Pharmakol. 1908)
pro kg 1Omal mehr Morphium als der Hund und 100mal mehr als der
Mensch; die tödliche Dosis beträgt 40 mg pro 100 g Körpergewicht.
Sie sind ferner leicht an Morphium zu gewöhnen (gesteigerte
Zersetzungsfähigkeit, zelluläre Immunität).
+Klinische+ Bedeutung besitzen meist nur die vereinzelten
Beobachtungen von Morphiumvergiftung, welche bei Kühen nach der
Aufnahme von =Mohnköpfen= (+Papaver somniferum+) gemacht worden sind.
Diese Mohnköpfe enthalten Spuren von Opiumalkaloiden (im Maximum
0,03 Proz. Morphium und 0,04 Proz. Narkotin). Die Erscheinungen
dieser Mohnvergiftung haben oft grosse Aehnlichkeit mit der
Klatschrosenvergiftung, indem sie ebenfalls im wesentlichen unter
dem Bilde der Aufregung und Tobsucht verlaufen; es fehlen jedoch
die entzündlichen Erscheinungen seitens des Digestionsapparates
(Diarrhöe etc.). So beobachtete +Waltrupp+ (Preuss. Mitt. Bd. 3) bei
2 Kühen, welche dem Eigentümer der Tollwut verdächtig erschienen,
starke Aufregung, Brüllen, unruhiges Hin- und Hertreten, Tympanitis,
sowie Verstopfung. +Leonhard+ (Repertor. 1850) beobachtete bei
4 Rindern Kolikerscheinungen, Unruhe, Wälzen, Stöhnen, Brüllen,
Zähneknirschen, Schäumen, stieren Blick, Tympanitis und Verstopfung.
+Zipperlen+ (Repertor. 1888) konstatierte bei einer Kalbin, welche
Häcksel mit vielen zerkleinerten Mohnköpfen erhalten hatte, starke
Aufregung und Unruhe, Hin- und Herspringen, an der Kette zerren,
Tobsucht, starken Schweissausbruch, plötzliche Harnverhaltung etc.
Aehnliche Erscheinungen sah er bei 10 Rindern, welche trockene
Mohnköpfe erhalten hatten; es genasen jedoch sämtliche Tiere.
Nach +Hannemann+ (Preuss. Vet. Ber. 1904) zeigten Kühe, welche
im Grünfutter grosse Mengen von Mohnkapseln erhielten, keine
Krankheitserscheinungen; dagegen wurden ihre Kälber durch die Milch
vergiftet. Die Kälber waren nämlich in den ersten Lebenstagen
gelähmt, schlafsüchtig, hatten keinen Trieb zum Saugen und starben
nach 12-24 Stunden. -- Eine Vergiftung durch =Opium= bei einem Hund
beobachtete +Jakob+ (Woch. f. Tierh. 1908). Ein Windhund hatte
vom Besitzer innerhalb eines Tages 40 g Opiumtinktur = 4 g Opium
erhalten. Er zeigte darauf Unruhe und Aufregung, Hyperästhesie und
gesteigerte Reflexerregbarkeit, Schwanken, veränderte Gesichtszüge,
Sinken der Körpertemperatur und der Pulsfrequenz, sowie periodischen
Atmungsstillstand; die Giftwirkung dauerte 30 Stunden; der Hund wurde
geheilt. -- +Groll+ (ibid.) beobachtete bei einer Kuh nach einer
subkutanen Injektion von 1 g Morphium starkes Brüllen, Steigen in den
Futterbarren, Stossen mit den Hörnern gegen die Wand und Schlagen mit
den Füssen; nach und nach trat Beruhigung ein.
Die +Behandlung+ der Morphiumvergiftung besteht in der Verabreichung
von Atropin (spez. Antidot), Hyoszin, Koffein und anderen
Exzitantien. In den oben erwähnten klinischen Fällen genügt
zum +Nachweis+ der stattgefundenen Mohnvergiftung vollkommen
die +botanische+ Untersuchung des Magen- und Darminhalts. Der
Vollständigkeit halber mögen hier indessen auch die +chemischen+
Methoden des Morphiumnachweises erwähnt sein. Die Abscheidung des
Morphiums aus dem Untersuchungsmaterial erfolgt am besten nach der
Methode von +Dragendorff+ (vgl. S. 199), wobei jedoch überall statt
Benzol +Amylalkohol+ als Extraktionsmittel angewandt wird. Ausserdem
hat bei Anwesenheit grösserer Mengen von Morphin die Aufnahme des
Morphins in den Alkohol bei erhöhter Temperatur stattzufinden,
und es muss das Morphin sofort nach seiner Abscheidung aus der
Salzlösung vom Amylalkohol aufgenommen werden. Bei Untersuchung
des Harns muss zur möglichst vollständigen Entfernung des
Harnstoffes das Ausschütteln mit Amylalkohol mehrmals geschehen.
Die wichtigsten Morphiumreaktionen sind: 1. Die +Husemann+sche
mittelst Schwefelsäure und Salpetersäure. Man löst das Morphium in
konzentrierter Schwefelsäure auf und versetzt die Lösung nach 15-18
Stunden mit einigen Tropfen verdünnter Salpetersäure oder ein paar
Körnchen gepulverten Salpeters, worauf die anfangs rötliche Lösung
schön blauviolett, schnell blutrot und dann tief+orange+ wird. Die
Reaktion gelingt auch bei Anwesenheit von 1/100 mg Morphin. 2.
Das +Fröhdesche Reagens+ mit Molybdänschwefelsäure. Konzentrierte
Schwefelsäure, welche pro 1 ccm 1 cg molybdänsaures Natron
enthält, färbt Morphin noch bei einer Menge von 5/1000 mg sogleich
prachtvoll +violett+, worauf eine grüne, braungrüne, gelbe und rote
Farbe entsteht. 3. +Salpetersäure+ färbt Morphin +orangegelb+. 4.
+Eisenchlorid+ färbt die +neutrale+ Lösung des salzsauren oder
schwefelsauren Morphiums königsblau. Die Eisenchloridlösung muss
sehr stark verdünnt sein. Ebenso umgibt sich ein Kristall von
schwefelsaurem Eisenoxydammon in einer neutralen Morphiumsalzlösung
mit einer blauen Zone. Eine weitere, vom Deutschen Arzneibuch als
besonders charakteristisch aufgenommene Morphinreaktion ist die
+Braunfärbung+ bei Zusatz von konzentrierter Schwefelsäure und
Bismuthum subnitricum.
=Apomorphin.= Bei manchen Pferden und Rindern scheint eine
+individuelle+ Empfindlichkeit gegenüber therapeutischen
Apomorphindosen zu bestehen. Einem mit Lecksucht behafteten Pferd
gab +Kegel+ (Berl. Arch. 1894) 0,25 Apomorphin subkutan, worauf
sich bei dem Tier hochgradige Aufregung einstellte, die einer
grossen Mattigkeit Platz machte. Die nach 8 Tagen vorgenommene
Wiederholung der gleichen Prozedur hatte den Tod des Tieres zur
Folge. Auch +Schumacher+ und +Flum+ (Bad. tierärztl. Mitt. 1892
und 1894) beobachteten bei lecksüchtigen Rindern nach Dosen von
0,15 bezw. 0,2 hochgradige Aufregung, Tobsucht, Krämpfe und sogar
raschen Tod. -- Ausführlicheres über die Wirkung des Apomorphins auf
die einzelnen Haustiergattungen findet sich in meinem Lehrbuch der
Arzneimittellehre, 8. Aufl. 1909, S. 150.
Tabakvergiftung.
=Botanisches.= Der Tabak wird in Europa in 3 Sorten kultiviert.
1. +Nicotiana Tabacum+, Tabak, virginischer Tabak (Solanee), hat
rispenförmige Blüten mit rosenroter Korolle, länglich lanzettliche,
beiderseits verschmälerte, bis 60 cm lange und 15 cm breite Blätter,
sowie einen stielrunden, oberwärts ästigen, bis 1½ m hohen Stengel.
2. +Nicotiana makrophylla+, der Marylandtabak, eine Varietät des
vorigen, hat sehr breite, eirunde Blätter. 3. +Nicotiana rustica+,
der Bauerntabak, blüht mit grüngelber, tellerförmiger, kurzer
Korolle, hat gestielte, eiförmige, stumpfe Blätter, sowie einen
klebrigen, kurzhaarigen, bis 1 m hohen Stengel. In Australien sind
ausserdem Vergiftungen durch +Nicotiana suaveolens+ beobachtet worden.
Das giftige Alkaloid des Tabaks, das =Nikotin=, bildet in reinem
Zustand ein schweres, farbloses, später gelbliches, flüchtiges Oel
von starkem Tabakgeruch und scharfem, brennendem Geschmack; Formel
C_{10}H_{14}N_{2}. Es ist in den grünen Blättern in sehr schwankenden
Mengen, nämlich von 1½-3 Prozent, in fertigem, trockenem Tabak zu
0,5-5 Prozent enthalten. Längere Zeit abgelagerte Tabake enthalten
wegen der Flüchtigkeit des Nikotins wesentlich weniger von demselben,
als frische, ein- und zweijährige Tabake. Am wenigsten Nikotin
enthält der Havannatabak (Nicotiana repanda, mit weisser Korolle).
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Nikotin gehört zu den
stärksten Giften (es übertrifft z. B. die Giftigkeit des Koniins um das
16fache). Neben seiner +reizenden Wirkung+ auf die +Schleimhäute+ und
die Darmmuskulatur (+Darmtetanus+) ist es ein erregendes Rückenmarks-,
Gehirn- und Herzgift (+Tetanus der quergestreiften Muskeln+,
+Atmungskrämpfe+; +digitalisähnliche Wirkung auf das Herz+). Wegen
der Flüchtigkeit des Nikotins findet eine Aufnahme desselben auch von
der unverletzten Haut aus statt. Kaninchen, Katzen und Hunde sterben
schon nach sehr geringen (½-2 Tropfen = 0,02-0,1 g) Mengen von Nikotin.
Pferde zeigen schon nach der subkutanen Injektion von 0,05 Nikotin
Vergiftungserscheinungen (+Ellenberger+). Vögel sterben nach dem
Einatmen eines Tropfens Nikotin innerhalb weniger Sekunden; sie sterben
sogar schon bei Annäherung eines in Nikotin getauchten Glasstabes
an den Schnabel. Die tödliche Dosis der getrockneten Tabakblätter
beträgt für Pferde und Rinder 3-500 g, Schafe und Ziegen 30 g, Hunde
und Katzen 5-25 g. Nächst dem Nikotin wirken am giftigsten die im
Handel vorkommenden Tabaklaugen, sowie die Tabakabkochungen; besonders
empfindlich gegen Nikotin scheinen Rinder zu sein. Nikotinvergiftungen
ereignen sich bei den Haustieren am häufigsten nach der epidermatischen
Anwendung des Tabaks gegen Hautparasiten, namentlich gegen Räude
(+Waschungen und Bäder mit Tabaklauge und Tabakabkochung+), da das
Nikotin wegen seiner Flüchtigkeit schon durch die unverletzte Haut
eindringt. Ausserdem kommen Tabakvergiftungen in Gegenden mit Tabakbau
vor, wenn Tiere, und zwar sind es meistens Rinder, auf dem Feld von den
Tabakblättern fressen. Besonders gefährlich sollen die halbverwelkten
Blätter sein. Vergiftungen mit reinem Nikotin sind bei unseren
Haustieren nur nach experimentellen Versuchen beobachtet worden.
Die wesentlichsten Erscheinungen der Nikotinvergiftung sind: +Würgen+,
+Erbrechen+, +Speicheln+, +Kolik+, +Tympanitis+, +Durchfall+,
+Polyurie+. +Grosse Muskelschwäche+, +Schwanken+, +Zusammenstürzen+,
+Unvermögen aufzustehen+, +Lähmung+, +Zittern+. +Klonisch-tonische
Krämpfe der Körpermuskulatur+, +Opisthotonus+, +Zwerchfellkrämpfe+,
+Kontraktionen der Augenmuskeln+. +Stumpfsinn und Betäubung.+
+Anfangs verlangsamte, später ausserordentlich beschleunigte und sehr
unregelmässige Herzaktion+, +stürmisches Herzklopfen+, +Kälte der
extremitalen Teile+, +erschwerte+, +selbst dyspnoische Atmung+. Dabei
ist das Bild der Vergiftung verschieden, je nachdem das Nikotin von
der Haut oder vom Darm aus aufgenommen wird. Bei epidermatischer
Anwendung des Tabaks (Räudebehandlung) können gastrische Erscheinungen
vollständig fehlen; der Tod kann hier lediglich unter den Erscheinungen
von Krämpfen mit nachfolgender Lähmung sehr rasch, z. B. schon
innerhalb ¼-½ Stunde, eintreten. Die durchschnittliche Dauer der
Nikotinvergiftung nach innerlicher Aufnahme beträgt etwa 24 Stunden,
doch kann die Rekonvaleszenz oft sehr lange (8-14 Tage) dauern. --
Ueber chronische, unter dem Bild der +Amblyopie+ und +Amaurose+
verlaufende Tabakvergiftungen bei Pferden ist aus Australien berichtet
worden (vgl. S. 197).
Bei der +Sektion+ findet man nach der Aufnahme des Tabaks per
os die Erscheinungen einer katarrhalischen oder hämorrhagischen
Gastroenteritis. Nach Räudebädern und Tabakwaschungen findet man
jedoch nur ganz allgemeine anatomische Veränderungen (Ekchymosen in
verschiedenen Organen, namentlich unter der Pleura und unter dem
Peritoneum, Hyperämie der Lungen, des Gehirns und Rückenmarks).
=Behandlung.= Das wichtigste Gegengift des Nikotins ist das +Tannin+,
wofern die Vergiftung durch Aufnahme des Nikotins vom Magen aus
zustande gekommen ist; das Tannin bildet mit dem Nikotin einen
unlöslichen Niederschlag von tanninsaurem Nikotin. Statt dem reinen
Tannin (Dosis für Rinder 15-25 g) können auch tanninhaltige Abkochungen
(Kaffee, Tee, Eichenrinde, Gerberlohe) eingegeben werden. Ausserdem
wird die Verabreichung von +Jod-jodkalium+ (Lugolscher Lösung)
empfohlen, da auch durch das Jod das Nikotin ausgefällt wird. Im
übrigen ist die Behandlung eine +symptomatische+ (Exzitantien gegen
Lähmungserscheinungen, Bromkalium gegen Krämpfe). Bei Rindern hat
man endlich die Vornahme des +Pansenschnittes+ und die nachfolgende
manuelle Entfernung der Tabakblätter angeraten.
=Nachweis.= Nach der Aufnahme von Tabakblättern genügt das
Vorhandensein derselben im Magen, sowie der charakteristische
Tabakgeruch in Verbindung mit den beschriebenen Erscheinungen
der Vergiftung vollkommen zum Nachweis der stattgefundenen
Nikotinvergiftung. Sollte es bei der epidermatischen Anwendung des
Nikotins (Räudebäder, Tabakwaschungen) in einem Fall unentschieden
sein, ob der tödliche Ausgang wirklich durch Nikotinvergiftung bedingt
wurde, so muss zur Sicherstellung der letzteren der +chemische+
Nachweis des Nikotins im Blut und in den inneren Organen des Körpers
geliefert werden. Zu diesem Zweck muss das Nikotin zunächst aus den
Körperorganen extrahiert werden. Diese Abscheidung des Nikotins kann
nicht nach der gewöhnlichen Stasschen oder Dragendorffschen Methode
erfolgen, weil das Nikotin sehr leicht zersetzlich und flüchtig
ist. +Dragendorff+ empfiehlt daher, nach vorheriger Reinigung des
sauren Auszuges mit Benzol das Nikotin aus +ammoniakalischer+
Flüssigkeit durch möglichst leicht siedenden und fast geruchlosen
Petroleumäther auszuziehen und den Petroleumäther sodann auf
einem mit ätherischer Salzsäure benetzten Uhrschälchen bei einer
Temperatur von nicht über 30° zu verdunsten. Der Aetherauszug hat
den charakteristischen +Nikotingeruch+, und der Rückstand ist von
+harzig-amorpher+ Beschaffenheit. Eine andere Abscheidungsmethode ist
die durch +Destillation+. Man rührt die zu untersuchende Substanz mit
viel Wasser zu einem dünnen Brei an, versetzt mit Kalilauge bis zur
stark alkalischen Reaktion und destilliert aus einer Glasretorte mit
vorgelegtem Kühlapparat über. Das Destillat zeigt dann den +Geruch+ des
Nikotins, welches mit +Aether+ ausgeschüttelt und durch Verdunsten des
Aethers rein gewonnen werden kann.
Die +Reaktionen+ des auf die eine oder andere Weise gewonnenen
Nikotins sind folgende: 1. Die physiologische Reaktion ist neben
dem Geruch der wichtigste Nachweis des Nikotins. +Frösche+ zeigen
nämlich nach subkutaner Injektion kleinster Mengen von Nikotin eine
ganz +charakteristische Stellung+. Die vorderen Extremitäten werden
nach hinten an die Seitenwände des Bauches angelegt, während die
Hinterschenkel rechtwinklig zur Längsachse des Tieres stehen und die
Unterschenkel dabei so stark gebeugt werden, dass die Fusswurzeln
einander auf dem Rücken berühren. 2. Die sog. Roussinschen Kristalle
sind rubinrote, in reflektiertem Licht dunkelblau schillernde, oft
zollange Nadeln, welche auf Zusatz von +ätherischer Jodlösung+ zu einer
ätherischen Nikotinlösung (1 : 100) aus der zunächst entstehenden
öligen Masse allmählich auskristallisieren.
Andere Reaktionen sind: +blutrote+ oder +braune+ Färbung durch
Chlorgas; +rötlicher+ kristallinischer Niederschlag durch
Platinchlorür; +flockiger+ Niederschlag durch Gallussäure; +Geruch+
nach +Tabakkampfer+ beim Aufgiessen eines Tropfens Nikotin auf trockene
Chromsäure unter Verglimmen.
=Kasuistik.= 5 Kälber im Alter von 2-8 Monaten, welche mit Tabaklauge
gewaschen wurden, zeigten bald darauf Zittern, Atmungsnot,
Schweissausbruch, Aufblähung, Verstopfung und Lähmung (+Lydtin+, Bad.
Mitt. 1887). -- 3 Kühe, welche mit Tabakbrühe aus einer Tabakfabrik
gewaschen worden waren, stürzten der Reihe nach zusammen und starben
nach etwa ¼ Stunde (+Prehr+, Preuss. Mitt., Bd. 4). -- Rinder, welche
frisch geerntete Tabakblätter gefressen hatten, zeigten Unruhe,
Kolik, Zittern, Schwäche, Durchfall, Herzklopfen, Atmungskrämpfe,
Pupillenerweiterung und Lähmung (+Kohlhepp+, Bad. Zeitschr. 1848).
-- Hunde zeigten nach dem Aufbringen von 3-4 Tropfen Nikotin auf die
Zunge Angst, Unruhe, Zittern, beschleunigtes Atmen, Zusammenbrechen,
Konvulsionen, Opisthotonus, Winseln etc. und starben nach wenigen
Minuten (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Ein Pferd
zeigte 10 Minuten nach dem Waschen mit unverdünnter Tabakgose
hochgradige Schwäche, so dass es jeden Augenblick umzufallen drohte,
Zittern und Schweissausbruch über den ganzen Körper, Krämpfe
der Halsmuskulatur, brettharte Beschaffenheit der letzteren,
gestreckte Kopfhaltung, Vorfall der Nickhaut, Retraktion der Bulbi,
dunkelrote Verfärbung der Augenschleimhäute, Speichelfluss, harten,
sehr beschleunigten Puls (90 p. M.), stark pochenden Herzschlag,
aussetzende Atmung, sowie Benommenheit des Sensoriums. Genesung
(+Krämer+, Zeitschr. f. Veterinärkunde 1892, S. 550). -- Mehrere
Kühe wurden mit Tabakextrakt (Lecker Viehwaschmittel) gewaschen.
Sie zeigten Zittern, Unruhe, grosse Schwäche, Rotation der Bulbi,
Dyspnoe, Durchfall, Dysurie, sowie pfeifende Atmungsgeräusche.
Eine Kuh starb; eine andere zeigte noch nach 8 Tagen grosse
Muskelschwäche (+Matthiesen+, B. T. W. 1889). -- 2 Rinder zeigten
nach der Aufnahme welker Tabakblätter Erbrechen, Kolik, Aufblähen,
tonisch-klonische Krämpfe, sowie chronisches Siechtum. Die Sektion
ergab Gastroenteritis neben Blutungen in den Nieren und Körpermuskeln
(+Römer+, D. T. W. 1900). -- Ein Landwirt liess 9 Rinder gegen Läuse
mit flüssigem Tabakauszug waschen; infolgedessen verendeten innerhalb
einer Stunde 4 Rinder im Alter von 3-15 Monaten (Illust. Landw. Zeit.
1902). -- Nach +Schröder+ (Woch. f. Tierh. 1908) wird bei dem stark
ausgedehnten Tabakbau im Kreise Kandel und bei dem grossen Mangel
an passenden Trockenstellen der grüne Tabak zum Trocknen an alle
möglichen Plätze und so auch oft an Scheunen und Stallungen gehängt.
Beim Ein- oder Ausspannen gehen die Tiere an dem aufgehängten
Tabak vorbei, nehmen hierbei mitunter Blätter auf und fressen
dieselben und ziehen sich Vergiftung zu. Am gefährlichsten ist der
halbdürre Tabak, bei dem die Rippen noch grün sind. Am folgenden Tag
stellen sich die ersten Symptome der Nikotinvergiftung ein: Fehlen
der Rumination, starkes Speicheln, Versagen der Futteraufnahme,
Kolik, Durchfall, beständiges Liegen auf der Streu, Unvermögen zum
Aufstehen, Lähmungen, besonders des Hinterkiefers, und vor allem
stark eingenommene Psyche. Man sieht den Tieren die Angst und die
ausserordentliche Hinfälligkeit schon am Gesichtsausdruck an. An
eine Rettung ist nicht zu denken und daher sofortige Schlachtung
angezeigt. -- In Australien (Neusüdwales) sollen im Jahr 1894
bei Pferden infolge der Aufnahme des australischen Tabaks, der
Nicotiana suaveolens, epizootische Fälle von Erblindung (Amblyopie,
Amaurose) beobachtet worden sein, bei welchen die Pferde anfangs
unfähig waren, im Dunkeln zu sehen, und nach ½-2 Jahren angeblich
vollständig erblindeten (+Husemann+, D. med. Woch. 1894). -- Versuche
an Hunden mit dem von der französischen Monopolverwaltung in den
Handel gebrachten Tabaksaft sind von +Adam+ und +Lesage+ angestellt
worden (Recueil 1899). -- Ein Hund, der gegen Eingeweidewürmer Tabak
erhalten hatte, zeigte Krämpfe der Kau-, Hals- und Bauchmuskeln,
Schlinglähmung und Kollaps (+Livesey+, Journ. of comp. 1905). --
Kaninchen sollen nach intravenösen Injektionen von Nikotin an
Arteriosklerose der Aorta erkranken (+Adler+ und +Hensel+, Deutsch.
med. Woch. 1906, S. 1826).
Strychninvergiftung.
=Allgemeines.= Das in der Brechnuss (Krähenaugen), dem Samen von
Strychnos nux vomica, enthaltene Strychnin ist ein sehr giftiges
Alkaloid, welches bei den Haustieren teils infolge falscher
Dosierung, besonders bei intratrachealer Injektion oder zu lange
fortgesetzter Verabreichung (kumulative Wirkung, Ansammlung in der
Leber) Veranlassung zu Vergiftungen gibt, teils infolge von Aufnahme
strychninhaltigen Rattengiftes (Strychninweizen, Strychningrütze),
sowie von strychninhaltigem, zum Vergiften von Füchsen ausgelegtem
Fleisch, Heringsköpfen, Margarinepillen etc., letzteres namentlich
bei Hunden. Vergiftungen können sich auch dadurch ereignen, dass
in den Apotheken Strychninlösungen längere Zeit vorrätig gehalten
werden. In diesen vorrätigen Lösungen enthält oft der Rest infolge
Verdunstung des Wassers eine grössere Menge von Strychnin als
der Berechnung nach erwartet werden sollte. Werden z. B., wie
ich dies in einem Fall beobachtet habe, in einem Rezept 3 mg
Strychnin verschrieben und der Apotheker benützt zur Herstellung
dieses Rezeptes nicht, wie vorgeschrieben, die Wage, sondern eine
vorrätige, ältere Strychninlösung, aus deren Konzentration er die
3 mg berechnet, so kann hierbei eine wesentlich grössere Dosis als
die beabsichtigte zur Anwendung gelangen. Vergiftungen durch die
Brechnuss selbst sind seit der Darstellung des Strychnins und der
ausschliesslichen Verwendung desselben nicht mehr vorgekommen (ein
älterer Fall ist von +Mewes+, Preuss. Mitt., Bd. 14 beim Pferd
beschrieben).
Die +tödliche Dosis+ des Strychnins beträgt bei +subkutaner+
Applikation durchschnittlich bei den Haustieren pro kg Körpergewicht
0,5-1 mg. Danach betragen die niedersten subkutanen Todesdosen beim
+Rind+ 0,3-0,4 g, beim +Pferd+ 0,2-0,3 g, beim +Schwein+ 0,05 g, beim
+Hund+ 0,005-0,02 g, bei der +Katze+ 0,002-0,005 g. Beim +Geflügel+
schwankt die Dosis sehr je nach der Gattung (vgl. S. 202). Bei
+intratrachealer+ Injektion wirkt beim Pferd schon 0,15 g tödlich.