=Nachweis.= Der Nachweis der Kolchikumvergiftung gelingt wohl immer

schon durch die +botanische+ Bestimmung der Pflanze. Der +chemische+

Nachweis des Kolchizins erfolgt nach der Extraktion desselben aus dem

Magen- und Darminhalt, sowie aus dem Blut mittels +Chloroform+ nach

der im allgemeinen Teil genauer angegebenen Stas-Ottoschen Methode des

Alkaloidnachweises. Das Chloroform extrahiert das Kolchizin aus der

+sauren+, wässerigen Lösung (vergl. S. 33). Nach dem Verdunsten des

Chloroforms bleibt es als +gelblich+ gefärbte amorphe Masse zurück,

welche charakteristische Reaktionen zeigt. Dieselben sind folgende: 1.

+Gelbfärbung+ durch +konzentrierte Schwefelsäure+. 2. +Violettfärbung+,

später braun und gelb werdende Färbung durch +Salpetersäure+, die

gelb gewordene Lösung in Salpetersäure wird durch Kali rot gefärbt.

Durch rauchende Salpetersäure wird es violett bis indigoblau gefärbt.

3. +Blaufärbung+ durch konzentrierte +Schwefelsäure+ mit sehr wenig

Salpetersäure (Erdmanns Reagens). Schwefelsäurebihydrat löst Kolchizin

gelb auf; ein Zusatz von einem Tropfen Salpetersäure erzeugt einen

Farbenwechsel von grün zu blau, violett, blassgelb. 4. +Grünfärbung+

durch +Eisenchlorid+ (dunkelgrüne Farbe). Die physiologische Reaktion

ist wenig ausgeprägt; +Frösche+ sterben auf 1-5 cg Kolchizin unter

fibrillären Muskelzuckungen und +Tetanus+, +Katzen+ sterben dagegen

schon auf 5 mg reinen Kolchizins.

=Kasuistik.= 1. +Pferde+. Ein Pferd hatte mit dem Heu, welches

23½ Proz. Kolchikum enthielt, etwa 3⅓ kg Kolchikum aufgenommen.

Am 2. Tag nach der Fütterung zeigte sich der Appetit vermindert,

das Pferd erschien traurig und unlustig zur Arbeit. Am 3. Tag

stellte sich plötzlich heftiges Laxieren, sowie ein auffallend

starkes, mit Erschütterung des Brustkorbes verbundenes, in einer

Entfernung von einem Meter hörbares, anhaltendes Herzklopfen ein.

Die übrigen Erscheinungen bestanden in Kälte der extremitalen

Teile, schwachem, zuletzt unfühlbarem Pulse, Benommenheit des

Sensoriums, Teilnahmslosigkeit, Mattigkeit und starkem Durchfall.

Am 4. Tag war das Pferd nicht mehr imstande sich zu erheben, es war

völlige Unempfindlichkeit, sowie hochgradige Apathie und Somnolenz

aufgetreten und das Tier starb unter starkem Schweissausbruch und

heftigen Konvulsionen. Die Sektion ergab als Hauptbefund eine akute

hämorrhagische Gastroenteritis neben alten Schwielen im Myokardium

(+Friedberger+, Ad. Woch. 1876). -- Ein Pferd, welches die Blüten

der Herbstzeitlose in grösserer Menge gefressen hatte, zeigte

heisse Maulschleimhaut, Speicheln, kaum fühlbaren Puls, schwankenden

Gang, Steifheit des Rückens und der Beine, stelzenartigen Gang,

Vorwärtsdrängen, fast ganz aufgehobene Empfindlichkeit, sowie

beim Eingeben von Arznei Erbrechen. Das Pferd genas am 5. Tag,

nachdem schwarzer Kaffee, Glaubersalz, Aloe und Kampfer angewandt

worden waren (+Kirnbauer+, Oesterr. Vereinsmonatsschr. 1882). --

6 Pferde erhielten ein Vierteljahr hindurch im Heu täglich etwa

80 g Herbstzeitlose. Sie zeigten abwechselnd Appetitstörungen und

Durchfall, so dass sie die Hälfte der genannten Zeit zum Dienste

unbrauchbar waren (+Trachsler+, Schweizer Archiv 1844). -- Von 60

Pferden, welche inhaltlich der Literatur (bis 1872) durch Aufnahme

von Kolchikum mit dem Heu vergiftet wurden, starben 25 Proz.

(+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- Ein Pferd zeigte

6-7 Stunden nach der letzten Futteraufnahme Kolik, Speicheln,

Zähneknirschen, dünnbreiigen, blutigen Durchfall, Schlingbeschwerden,

90 Pulse, 30 Atemzüge, Schwanken und Eingenommenheit. Die

Untersuchung des Heus gab einen grossen Gehalt an Herbstzeitlose.

Am 3. Tag war das Pferd nach der Verabreichung von Tannin und

Leinsamenabkochung wieder hergestellt (+Becher+, Zeitschr. f.

Vetkde. 1890). -- 7 Pferde erkrankten nach der Aufnahme von Heu,

welches stellenweise fast zur Hälfte aus Herbstzeitlose bestand. Sie

zeigten Kolik, Harndrang, rotbraunen Harn, Durchfall und Schwanken.

Ein Pferd starb nach 4stündiger Krankheitsdauer; die Sektion ergab

hämorrhagische Gastroenteritis (+Weinbeer+, ibid.). -- +Albrecht+

(Woch. f. T. 1904) hat während seines 11jährigen Aufenthalts in

Freising fast jedes Jahr einen oder mehrere Vergiftungsfälle bei

Pferden beobachtet. Sie traten regelmässig in Stallungen auf, in den

Zeitlose enthaltendes Heu als Häcksel verabreicht wurde. Dagegen

traten Vergiftungen nie auf, wenn solches Heu auf die Raufe gegeben,

also unzerschnitten verfüttert wurde. Kolikerscheinungen können

nach seinen Wahrnehmungen vollständig fehlen. Die Krankheitsdauer

betrug bei tödlichem Ausgang 1-3 Tage. Ein Pferd zeigte abweichend

von dem gewöhnlichen Krankheitsbild auch die Erscheinungen der

Gehirnentzündung: hochgradige Erregungserscheinungen im Wechsel mit

Depression, so dass die Diagnose schwierig war. Der Fall lehrte

ferner, dass altes Heu kaum weniger gefährlich ist, als neues. --

Eine vollständige Lähmung und hämorrhagische Darmentzündung bei 2

Pferden beobachtete +Schuester+ (ibid. 1907), Kolik bei Pferden

+Götting+ (Preuss. Vet.-Ber. 1904 und 1906).

2. +Rinder.+ 2 Kälber frassen von den Blüten der Herbstzeitlose.

Eines derselben zeigte allgemeine Lähmung, Unvermögen aufzustehen,

Zähneknirschen, Aufblähung, Drängen auf den Harn und Kot, Zittern

und Pupillenerweiterung (+Kolb+, Preuss. Mitt. 1872). -- 2 Kühe

frassen ausgerodete Knollen der Herbstzeitlose. Sie zeigten

Kolikerscheinungen und stieren Blick. Eine Kuh starb nach 3 Tagen,

die Sektion ergab Darmentzündung (+Ehrmann+, Repertor. 1882). -- Nach

Versuchen an der Wiener Tierarzneischule waren zur Vergiftung von

Rindern 4-5 Pfund getrockneter Herbstzeitlose nötig (+Nicol+, Magazin

4. Bd.). -- +Gerlach+ hat berechnet, dass die tierärztl. Literatur

bis 1872 zusammen etwa 150 Kolchikumvergiftungen bei Rindern mit

einer Mortalitätsziffer von 40 Proz. enthält; die Quantitäten des

aufgenommenen Materials (Blätter und Samenkapseln) betrugen in

einzelnen Fällen 3-5 Pfund (Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- 2 Kühe

erkrankten nach der Aufnahme von Heu, das mit vielen Samenkapseln

vermischt war; sie zeigten Schweissausbruch, Speicheln, Brechneigung,

Kolik, heftigen, andauernden, später blutigen Durchfall, vermehrten

Harnabsatz, dunkelroten Harn, Abstumpfung, Schlafsucht, Zittern,

Schwanken, kleinen, elenden Puls und vereinzelt anhaltendes

Herzklopfen. Genesung nach 6 Tagen (+Hetzel+, Repertorium 1889).

-- 6 Rindviehstücke erkrankten 1 Tag, nachdem sie auf der Weide

Herbstzeitlose aufgenommen hatten, unter Erscheinungen der Unruhe,

Stöhnen, Geifern, Mattigkeit, Schwanken, auffallendem kleinem,

beschleunigtem Puls, unterdrückten Pansengeräuschen und ruhrartigem

Durchfall. Die Sektion eines gefallenen Rindes ergab hämorrhagische

Entzündung des Labmagens, Darmes und der Blase (+Baumgartner+,

D. T. W. 1893). -- 2 Rinder erkrankten auf der Weide unter

Kolikerscheinungen, Schwanken, Apathie, übelriechendem Durchfall

und sehr schwachem Puls. Die Sektion ergab entzündliche Rötung der

drei ersten Mägen, sowie hämorrhagische Entzündung des Labmagens

und Dünndarms (+Kösler+, ibid.). -- 1 Kuh und 4 Kälber erkrankten

auf der Weide; sie zeigten starkes Speicheln, Zähneknirschen,

Meteorismus, Kolik und ruhrartigen Durchfall; 2 Kälber verendeten

infolge heftiger Entzündung des Labmagens und Darmes (+Mesnard+,

Recueil 1894). -- 35 Zuchtkühe erkrankten nach der Fütterung von

kolchikumhaltigem Gras an heftigem Durchfall, bei 3 Kühen wurden

blutige Abgänge, sowie Kolikerscheinungen beobachtet. 8 Kühe

verendeten am 4.-7. Tage; die übrigen genasen sehr langsam. Die

Sektion ergab hämorrhagische Entzündung im Pansen, sowie besonders

stark im Labmagen und Darm, ausserdem subendokardiale und subpleurale

Blutungen (+Baumgärtel+, Sächs. Jahresber. 1898). -- Eine ganze

Rinderherde aus 141 Stück bestehend, erkrankte nach dem Weiden auf

einer mit Herbstzeitlose stark besetzten Wiese. Sämtliche Tiere

zeigten schwankenden Gang und Diarrhöe; bei den schwerkranken war

profuser Durchfall mit Tenesmus, grosse Hinfälligkeit, Zähneknirschen,

sowie sehr unsicherer Gang mit Kreuzen der Hinterfüsse vorhanden. 9

der 16 schwer erkrankten Tiere starben. Die Sektion ergab heftige

Entzündung des Dünn- und Dickdarms, sowie Ekchymosen am Perikardium.

Bei den überlebenden 7 schwerkranken Rindern wurde neben starker

Abmagerung ein Absterben grosser Flächen der Haut beobachtet

(+Révész+, Veterinarius 1896). -- Von 4 Kühen zeigte nach der

Aufnahme von Herbstzeitlose 1 starke Diarrhöe, Polyurie, Kolik,

Zittern und Lähmungserscheinungen und verendete nach 36 Stunden:

die Sektion ergab Labmagen- und Dünndarmentzündung. Die 3 anderen

zeigten nur Durchfall und Polyurie (+Trinchera+, Clin. vet. 1896). --

Nach der Aufnahme von Kolchikumblüten erkrankten ½-¾jährige Rinder

an Diarrhöe und Hinfälligkeit mit subakutem Verlauf der Vergiftung

(Notschlachtung); dagegen zeigten 2 ältere Rinder nach der Aufnahme

der Samenkapseln die Erscheinungen der perakuten Magendarmentzündung:

heftige, blutige Diarrhöe, Eingenommenheit des Sensoriums,

Zusammenstürzen und Tod unter Krämpfen (+Schuester+, Woch. f.

Tierheilk. 1902). -- Jungrinder erkrankten auf der Weide unter

Kolikerscheinungen, blutigem Durchfall, Zittern, Unempfindlichkeit

und Lähmungserscheinungen; bei allen trat der Tod nach einigen Tagen

ein (+Musterle+, ibid. 1909).

3. +Schweine.+ Eine Schweineherde von 32 Stück, welche durch eine

Feststrasse getrieben wurde, deren Schmuck unter anderem aus

Herbstzeitlose bestand, erkrankte im Verlauf von 24 Stunden (+Stolz+,

Magazin Bd. 14). -- Nach den statistischen Zusammenstellungen von

+Gerlach+ starben von 38 erkrankten Schweinen 23. -- 10 Schweine

erkrankten an Kolchikumvergiftung, 5 davon starben. Ausser den

gewöhnlichen Vergiftungserscheinungen (Mattigkeit, Schwanken, starke,

leicht blutige Diarrhöe, Kälte der extremitalen Teile, pochender

Herzschlag, psychische Depression) wurden als besondere Symptome

beobachtet sehr beschleunigte Atmung, Albuminurie, Lungenhyperämie

bezw. Lungenödem und starke Leberschwellung (+Albrecht+, Woch. f. T.

1897).

Klatschrosenvergiftung.

=Botanisches.= Die +Klatschrose+ oder der +wilde Mohn+, +Papaver

Rhöas+, ist eine als Unkraut auf den Getreidefeldern (Roggen,

Weizen) und Kleeäckern vielfach vorkommende, in der Zeit vom

Mai bis August blühende, durch ihre grossen, scharlachroten,

vierblättrigen, am Grunde schwarzgefleckten Blüten charakterisierte

Papaverazee. Die bekannte, einjährige Pflanze wird bis zu einem

Meter hoch, besitzt einen rauhen, haarigen Stengel, mattgrüne, tief

fiederspaltige, den Stengel nicht umfassende Blätter, sowie eine

kahle, verkehrteiförmige, am Grunde abgerundete, mit 8-12kerbiger

Narbenscheibe versehene Kapsel. Im Gegensatz hierzu besitzt der

+Saatmohn+ oder +Gartenmohn+, Papaver somniferum, welcher von

Juni bis August blüht, weisse oder rote, an der Basis violette

Blumenblätter, wesentlich grössere Blüten (bis 10 cm gross), einen

kahlen, graugrün bereiften Stengel, abstehend behaarte Blütenstiele,

blaugrüne, kahle, nach oben hin stengelumfassende Blätter, sowie

kugelige oder eiförmige, bis 6 cm grosse Kapseln, mit 7-15strahliger,

am Rande gekerbter Narbenscheibe.

=Wirksame Bestandteile.= Die Klatschrose ist am +giftigsten+ während

der Blütezeit und im Beginn der Samenbildung (grüne Köpfe); vor der

Blüte und nach vollendeter Reife der Kapseln enthält sie nur wenig

giftige Bestandteile, so dass sie ohne Schaden verfüttert werden kann.

+Ueber die chemische Natur des Klatschrosengiftes fehlen genauere

Kenntnisse.+ Das in allen Teilen der Pflanze, namentlich in den Blüten

nachgewiesene +Rhöadin+ scheint ein indifferenter, ungiftiger Körper

zu sein, welcher weisse, geschmacklose, mit verdünnten Säuren noch

bei einer Konzentration von 1 : 1 Million sich rot färbende Kristalle

von der Formel C_{21}H_{21}NO_{6} bildet und sich bei entsprechender

Behandlung in Rhoeagenin und einen roten Farbstoff spaltet. Nach

+Dietrich+ sollen die Blüten von Papaver Rhoeas +Morphin+ (0,7 Proz.)

enthalten (Pharmazeutisches Zentralblatt Bd. 29). Auch +Selmi+ will in

den unreifen Fruchtkapseln ein dem Morphium sehr ähnliches Alkaloid

gefunden haben. Es ist aber fraglich, ob die Vergiftungserscheinungen

auf diesen Morphingehalt zu beziehen sind. Allerdings bedingt

auch das reine Morphin, namentlich bei Rindern, starke zerebrale

Vergiftungserscheinungen; dagegen lassen sich die bei der Vergiftung

auftretenden Reizungserscheinungen seitens der Darmschleimhaut nicht

auf das Morphin beziehen. Auch wird von anderer Seite bestritten, dass

in den Blüten der Klatschrose Morphin vorkommt (+Hesse+). Es kann daher

zurzeit nur allgemein aus den Symptomen der Klatschrosenvergiftung

gefolgert werden, dass im wilden Mohn ein +scharf narkotisches+ Gift

enthalten ist, welches einerseits eine stark erregende Wirkung auf

das Gehirn, andererseits eine entzündungserregende Wirkung auf die

Darmschleimhaut ausübt.

=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das ausserordentlich

charakteristische Bild der Klatschrosenvergiftung, welches man bei

+Rindern+ in den Monaten Juni und Juli zu beobachten Gelegenheit hat

(bei anderen Tieren ist die Vergiftung seltener), ähnelt dem Bilde

der akuten Gehirnentzündung. Die Tiere zeigen nach vorausgegangener

Unruhe und Schreckhaftigkeit Anfälle von +Raserei+ und +Tobsucht+,

so dass sie oft für wutkrank gehalten werden. Die Anfälle äussern

sich in wildem Blick, Brüllen, Neigung zum Stossen, Bohren und

Beissen, Losreissen von der Kette, wildem Umherrennen, Zähneknirschen,

hochgeröteten Schleimhäuten. Neben diesen maniakalischen Erscheinungen

gehen +epileptiforme Krämpfe+ einher, welche anfallsweise und oft

wiederholt auftreten und teils in Zuckungen der Gesichtsmuskel und

krampfhaftem Verdrehen des Kopfes und Halses, teils in Zusammenstürzen

und heftigen allgemeinen Konvulsionen bestehen und von einem Zustande

der +Bewusstlosigkeit+ abwechselnd unterbrochen werden. Während des

letzteren zeigen die Tiere Taumeln, +Schlummersucht+, sowie einen

rauschartigen Zustand mit vollkommener Anästhesie. Neben diesen

zerebralen Erscheinungen gehen +gastrische Störungen+ einher;

dieselben äussern sich in Speicheln, +Kolikzufällen+, +Tympanitis+,

+ruhrartiger+, bisweilen selbst +blutiger Diarrhöe+. Die Dauer der

tobsüchtigen und epileptiformen Anfälle beträgt meist nicht mehr als

einige Stunden, im Maximum einen Tag. Die Gesamtdauer der Krankheit

kann jedoch mehrere Tage betragen. Trotz der Hochgradigkeit der

nervösen Symptome sind Todesfälle ziemlich selten, so dass die Prognose

der Vergiftung ziemlich günstig ist.

Bei der +Sektion+ findet man gewöhnlich nur die Erscheinungen einer

Magendarmentzündung, sowie starke Hyperämie des Gehirns und seiner

Häute. In einzelnen Fällen hat man ausserdem das Vorhandensein einer

Nephritis konstatiert.

=Behandlung.= Da die Klatschrosenvergiftung wahrscheinlich auf der

Einwirkung eines mit dem Morphin verwandten Alkaloides beruht, so ist

zunächst die Verabreichung von +Tannin+ und gerbsäurehaltigen Mitteln

(vergl. Kolchikumvergiftung) angezeigt. Im übrigen ist die Behandlung

eine +symptomatische+. Die Erregungserscheinungen bekämpft man durch

kalte Begiessungen des Kopfes, sowie durch Verabreichung von Bromkalium

(25-50,0), die Lähmungserscheinungen durch Exzitantien, die gastrischen

Störungen durch Verabreichung schleimiger Mittel. Im allgemeinen

kann bei dem meist günstigen Verlauf der Vergiftung ein zuwartendes

Verfahren eingeschlagen werden.

=Kasuistik der Klatschrosenvergiftung.= 2 Kühe hatten grünen Roggen

mit viel Klatschrosen erhalten. Sie zeigten Schreckhaftigkeit,

Unruhe, Aufregung, vorübergehende Tobsucht, Zuckungen der

Gesichtsmuskeln, stieren Blick, Erweiterung der Pupille, Blindheit,

Taumeln, Auftreibung des Hinterleibs. Nach 5tägiger Krankheitsdauer

mussten sie geschlachtet werden (+Eggeling+, Preuss. Mitt.

1882). -- 6 Ochsen, welche Kaff mit viel Köpfen des wilden Mohns

gefressen hatten, erschienen dem Eigentümer der Tollwut verdächtig,

weil sie Anfälle von Raserei und Wildsein, Knirschen, Geifern,

sowie epileptische Erscheinungen (5-10 Minuten lange Krämpfe mit

Bewusstlosigkeit abwechselnd) gezeigt hatten (+Bahr+, Preuss.

Mitt. 1878). -- 20 Pferde, welche grüne Klatschrosen aufgenommen

hatten, zeigten leichte Kolik, wilden Blick, Pupillenerweiterung,

Schlummersucht, Schwanken, Unempfindlichkeit, sowie einen

rauschartigen Zustand (+Ravard+ und +Guilmont+, Ref. Repertor.

1854 u. 55). -- Von 18 Rindern, welchen Klee mit viel Klatschrosen

gefüttert wurde, erkrankten innerhalb 16 Stunden 12. Sie zeigten

tobsüchtige Erscheinungen, Zuckungen, Krämpfe mit nachfolgenden

Perioden kurzer Betäubung. Einige Tiere wurden von den Anfällen,

die durchschnittlich 5-8 Minuten anhielten, wiederholt befallen.

Sämtliche Tiere genasen im Verlauf von 24 Stunden (+Wilhelm+, Sächs.

Jahresbericht 1893). -- +Walther+ (ibid.) beobachtete bei Rindern

grosse Somnolenz, Taumeln und Niederstürzen; in der Regel gingen die

Erscheinungen nach einigen Stunden vorüber. -- Auch +Möbius+ (ibid.)

beobachtete im Juni zahlreiche Vergiftungsfälle ohne schlimme Folgen.

-- +Tappe+ (Berl. Arch. 1894) sah bei Kühen Schreckhaftigkeit und

Tobsuchtsanfälle, Zuckungen der Gesichtsmuskel, Pupillenerweiterung,

stieren Blick, Taumeln, Kreuzschwäche und Kreuzlähmung. -- +Godfrin+

(Belg. Annal. 1892) sah bei Kühen Schlafsucht, Meteorismus,

Kotverhaltung, sowie Verlangsamung von Puls und Atmung; starke Gaben

von Kaffee und Glaubersalz führten baldige Besserung herbei. --

+Eberhard+ (Woch. f. Tierh. 1901) beobachtete bei 6 Rindern Unruhe,

Brüllen, Versuche sich von der Kette loszureissen, Krämpfe am Kopf

und Hals, sowie Verdrehen der Augen; nach 2 Stunden waren die Tiere

wieder vollkommen ruhig.

=Vergiftung durch Opium, Morphium und Saatmohn.= Im Gegensatz

zum Menschen sind Vergiftungen durch Opium und Morphium bei den

Haustieren äusserst selten, unter anderem aus dem Grunde, weil die

Tiere wesentlich grössere Dosen ertragen, als der Mensch. Die Opium-

und Morphiumvergiftungen haben daher in der Tierheilkunde mehr ein

experimentell-wissenschaftliches, als ein klinisches Interesse. Ueber

die Morphium-Atropinvergiftung vergl. Atropin. Ueber die Wirkung des

Morphins bei den +einzelnen Haustieren+ sind eingehende vergleichende

Untersuchungen von +Guinard+ (la Morphine et l’Apomorphine, Paris

1898) gemacht worden. Danach sind die +Einhufer+ (Pferd, Esel) am

empfindlichsten von allen Haustieren gegenüber dem Morphium. Die

mittlere toxische Dosis beträgt nämlich pro kg Körpergewicht beim

Pferd 7, beim Esel 9, beim Rind 15, bei der Katze 40, beim Hund

65, beim Schwein 200 und bei der Ziege 400 mg. Hinsichtlich der

narkotischen Wirkung verhalten sich die einzelnen Tiergattungen

ebenfalls sehr verschieden.

1. Der +Hund+ zeigt allein von allen Haustieren eine eigentliche

Morphiumnarkose. Besonders empfindlich sind junge Hunde (ähnlich

wie Kinder); schon 2-7 mg pro kg Körpergewicht können bei

ihnen tödlich wirken, während erwachsene Hunde 10 mg sehr gut

ertragen. +Therapeutische+ Dosen erzeugen Kaubewegungen, vermehrte

Speichelsekretion, Drängen auf den Hinterleib und zuweilen Erbrechen,

die Herztätigkeit ist verlangsamt. Nach 10-15 Minuten tritt

Unruhe auf, sowie Unvermögen, sich mit dem Hinterteil aufrecht zu

erhalten; manche Hunde legen sich nieder und verfallen in Schlaf.

Hierbei ist die Sensibilität jedoch nicht herabgesetzt, sondern

die Reflexerregbarkeit sogar erhöht. Anästhesie entsteht nur bei

sehr grossen, toxischen Dosen. +Tödliche+ Dosen (60 mg pro kg

Körpergewicht) erzeugen zunächst festen Schlaf. Nach etwa 1½ Stunden

treten in tiefer Narkose plötzliche, anfallsweise, heftige Bewegungen

auf, wobei die Hunde meist erwachen. Sie können sich indessen nicht

erheben und verenden unter Trismus, Augenrollen und strychninartigen

tetanischen Krämpfen. -- Nach meinen eigenen Beobachtungen

differiert bei Hunden die Todesdosis zwischen 0,1 bei kleinen und 2,0

bei grossen Hunden.

2. Das +Pferd+ zeigt nach 0,4 g Morphium Stampfen, Hin- und

Hertreten, Laufsucht und später Niedergeschlagenheit und

stumpfsinniges Benehmen. 0,75 g verursachen eine Steigerung und

längeres Anhalten dieser Erscheinungen, sowie ausserdem Steifheit

der Gliedmassen. 1,5 g verursachen lebhafte Exzitation, Trippeln,

Wiehern, Unaufmerksamkeit auf die Umgebung, sowie Unempfindlichkeit

gegen Berührung und Nadelstiche. Daneben beobachtet man Drängen

gegen die Wände, Spreizen der Hinterbeine, Taumeln, Nystagmus,

Verstopfung, tiefe Atmung und Pulsbeschleunigung. Esel zeigen

ähnliche Erscheinungen von Exzitation; intravenös wirken 1,5 g

Morphium tödlich. -- Nach meinen eigenen Versuchen starben Pferde

nach 10-20 g Morphium. Ein Versuchspferd erhielt z. B. +subkutan+ in

250 ccm Wasser gelöst 10 g Morphinum hydrochloricum. Schon 5 Minuten

nach der Injektion fing es an unruhig zu werden. Die Unruhe steigerte

sich schnell, so dass sie schon nach ½ Stunde einen hohen Grad

erreichte. Insbesondere bestand stundenlanges Nachvorwärtsdrängen,

so dass sich das Tier die Brust und die Augenbogen blutig drückte.

Die Psyche war hochgradig benommen. Häufig nahm das Pferd eine

sägebockähnliche Stellung der Gliedmassen ein, wobei der Schweif

steif gestreckt wurde. Gleichzeitig bestand starkes Herzklopfen und

sehr beschleunigter Puls (120 pro Minute). Die Körpertemperatur

stieg am Nachmittag auf 41° C., um gegen Abend wieder zu sinken.

Am anderen Morgen schien das Tier wieder beruhigt, es zeigte sogar

wieder Appetit, indem es Futter aufnahm. Indessen war es doch sehr

matt, so dass es sich legte. Gleichzeitig war der Puls unfühlbar

geworden. 26 Stunden nach der Injektion verendete das Pferd ruhig

unter den Erscheinungen der Herzlähmung. Die Sektion ergab das

Vorhandensein parenchymatöser Veränderungen am Myokardium, sowie

starken Blutreichtum der Lungen.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 24 / 50 段