7. Für =Hühner= scheint das Chloroform ebenfalls ein +unschädliches+

Narkotikum zu sein. Das Exzitationsstadium fehlt oft ganz oder ist sehr

kurz; nach ½-3 Minuten tritt Schlaf, nach ½ bis 10 Minuten vollständige

Empfindungslosigkeit ein. 18-105 Tropfen erzeugten eine 57-137 Minuten

lange Narkose; ein Tier starb an Bronchopneumonie (+Negotin+).

=Behandlung.= Stellen sich im Laufe einer Chloroformnarkose die

Erscheinungen der Herzschwäche oder Atmungslähmung ein, so muss in

erster Linie sofort mit dem Chloroformieren ausgesetzt und für Zufuhr

+frischer Luft+ gesorgt werden. Ferner sind +Exzitantien+ anzuwenden.

Man appliziert kalte Duschen auf den Kopf, lässt die Haut frottieren

oder appliziert beim Pferd kräftige Schläge mit der flachen Hand

in der Flankengegend. Ausserdem macht man subkutane Einspritzungen

von +Hyoszin+ (+Skopolamin+) oder +Atropin+ in Dosen von 0,05-0,1 g

für Pferde. Nach den Versuchen von +Paukul+ bewährten sich von allen

Methoden der Wiederbelebung am besten +Kompression der Herzgegend+

nach +König-Maass+ in Verbindungen mit subkutanen Injektionen von

Skopolamin. Bezüglich der +Prophylaxe+ vgl. mein Lehrbuch der

Arzneimittellehre 8. Aufl. 1909 S. 99.

=Nachweis.= Der qualitative Nachweis des Chloroforms wird mittelst der

+Isonitrilreaktion+ geliefert. Man destilliert die zu untersuchenden

Teile (Lunge, Blut, Herzmuskulatur) und erwärmt das Destillat mit

weingeistiger Kalilauge und Anilin, wobei sich ein unangenehmer

charakteristischer Geruch nach Isonitril-Isozyanbenzol, C_{6}H_{5}CN,

entwickelt. Eine andere Reaktion besteht in der vorübergehenden

Blaufärbung beim Erwärmen des Destillates mit wenig β-Naphthol und

starker Kalilauge auf 50°.

=Chloralhydrat.= Die tödliche Dosis des Chloralhydrats beträgt

bei +Pferden+ 150-200 g bei innerlicher oder rektaler Anwendung,

50-75 g bei intravenöser. Die Versuche von +Negotin+ ergaben

folgendes: Bei rektaler Applikation (1 : 12-20) erzeugten Dosen

von 0,5 g Chloralhydrat pro kg Körpergewicht schwankenden Gang,

Zusammenstürzen der Tiere nach ¼-½ Stunde, sowie die Erscheinungen

der Proktitis. 0,6 g pro kg Körpergewicht hatten 4-5stündigen

Schlaf sowie nach 1-2 Stunden Anästhesie zur Folge. Bei der Sektion

erschien die Mastdarmschleimhaut dunkelrot, ödematös geschwollen,

blutunterlaufen und stellenweise desquamiert; die abgestossene

Epithelschicht bildete einen membranartigen Ueberzug über die

Kotballen. Die Submukosa enthielt eine gelatinös sulzige, orangegelbe

Flüssigkeit. Bei intravenöser Injektion (1 : 2) trat sehr rasch,

zuweilen noch während der Injektion, Zusammenstürzen, Anästhesie und

2stündiger Schlaf ein. Die Dosis betrug 90-120 g. Bei der Sektion

war ausgebreitete Thrombose der Jugularis, sowie in zwei Fällen

heftige Phlebitis nachzuweisen (Monatshefte f. prakt. Tierhlkde. VI.

Bd.). -- Bezüglich der +intravenösen+ Injektion von Chloralhydrat

beim Pferd lautet das Urteil verschieden. +Vennerholm+ (Zeitschr.

f. Tiermed. 1. Jahrg.) empfiehlt bei Pferden, bei welchen das

Abwerfen zu gefährlich ist, die intravenöse Injektion von 50-60 g

Chloralhydrat in 150 g Wasser gelöst, filtriert und auf Blutwärme

gebracht, zum Zweck der allgemeinen Narkose. Dabei gibt er zu, +dass

in jedem Fall die Gefahr einer Periphlebitis und Thrombosierung der

Jugularis besteht+. Diese Thrombophlebitis soll jedoch zwar sehr

bedenkliche Erscheinungen bedingen, aber nur äusserst selten zum

Tod führen. Ich habe diese Angaben an Anatomiepferden nachgeprüft

und in einem Fall eine tödliche Verblutung aus der thrombosierten

Jugularis sowie Thrombosierung der Blutleiter im Gehirn, in einem

anderen Fall ausgedehnte Thrombosierung und Obliteration der

Jugularis festgestellt. +Cadiot+ und +Almy+ (Alfort) weisen auf

die grosse Gefahr der Phlebitis und Periphlebitis hin. Sie haben

ferner bei ganz einwandsfreier intravenöser Applikation des

Chloralhydrats ein Pferd nach einer sehr mässigen Dosis (10 g pro 100

kg Körpergewicht) unter asphyktischen Erscheinungen sterben sehen.

+Pfeiffer+ (Operationskursus 1907) empfiehlt dagegen die intravenöse

Chloralinjektion. +Jedenfalls ist die intravenöse Injektion des

Chloralhydrats wegen der Gefahr der Thrombose nicht unbedenklich.+

Bei +Rindern+ beobachtete ich nach Klistieren von 25, 40 und 50

g Chloralhydrat keinerlei Wirkung. Per os hatten 25, 35 und 40 g

+Schwanken+ in der +Hinterhand+ nach etwa einer Viertelstunde, 50 und

75 g Schwanken im Kreuz nach 10 Minuten und Zusammenstürzen nach 20

Minuten zur Folge. Erst bei diesen letzteren Dosen trat gleichzeitig

auch +Bewusstlosigkeit+ und +Unempfindlichkeit+ auf, welche ca. 3

Stunden dauerten und an das Bild des Kalbefiebers erinnerten. +Hess+

sah ein Rind nach 40 g per os in einer halben Stunde verenden.

+Hunde+ werden durch narkotische Chloraldosen (2-5 g bei kleinen,

5-10 bei grossen) häufig stark aufgeregt, rennen im Zimmer hin

und her und sind gegen Berührung sehr empfindlich. Auf dieses

Exzitationsstadium folgt Schwanken und Taumeln, Umfallen, zunehmende

Teilnahmslosigkeit gegen die Umgebung, Betäubung und Schlaf mit

starker Unempfindlichkeit, welcher mehrere Stunden andauert. Während

desselben sinkt die Temperatur, wie ich in einem Fall beobachten

konnte, bis um 2 Grade. Die tödliche Chloraldosis für Hunde beträgt

10-25 g. +Negotin+ fand bei seinen Versuchen folgendes. Bei der

innerlichen Verabreichung des Chloralhydrats (1 : 4-7) wurden

die Tiere zunächst zum Teil traurig, betäubt, schwankten, fielen

zu Boden, teils wurden sie unruhig und aufgeregt und winselten

kläglich. Zuweilen gesellte sich hiezu bald Durchfall. Nach 0,25 g

Chloralhydrat pro kg Körpergewicht trat innerhalb 40 Minuten sodann

ein leichter, kurzdauernder Schlaf ein. Nach Dosen von 0,4-0,5 pro

kg Körpergewicht trat ein 1-1½stündiger Schlaf nach durchschnittlich

20 Minuten ein; nach dem Erwachen beobachtete man starkes Zittern,

der Appetit und das allgemeine Wohlbefinden kehrten jedoch bald

wieder zurück. Bei Dosen von 0,5-0,9 pro kg Körpergewicht trat

nach 18 Minuten Schlaf und hierauf nach einigen Minuten völlige

Empfindungslosigkeit ein, welche 2-5 Stunden anhielt; während der

Narkose und nach dem Erwachen litten die Hunde an Durchfall. 1,0-1,6

pro kg Körpergewicht erzeugten Speichelfluss, Erbrechen, Durchfall,

sowie nach 10 Minuten langer Narkose Tod infolge von Herz- und

Atmungslähmung. Nach +Schulze+ zeigte ein 12½ kg schwerer Hund nach

25 g Chloralhydrat (2 g pro kg) eine 7stündige Narkose, ohne zu

sterben.

Bei +Katzen+ wirken 0,15 g pro kg Körpergewicht giftig (+Lesage+).

=Paraldehyd.= Pferde zeigen nach meinen Versuchen (Berl. klinische

Wochenschr. 1887) auf 500 g Paraldehyd neben Erscheinungen der

Schwäche und Lähmung Hämoglobinurie infolge der Zersetzung der roten

Blutkörperchen durch das Paraldehyd. Die tödliche Dosis für Hunde

beträgt 3-4 g pro kg Körpergewicht. Ausführlicheres findet sich in

meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S. 124.

=Sulfonal.= Die tödliche Dosis beträgt nach meinen Untersuchungen

für Pferde und Rinder 150-200 g (0,5 pro kg Körpergewicht). Die

Erscheinungen der Sulfonalvergiftung bestehen in einem Tage lang

andauernden schlafartigen Zustand, welcher mit gesteigerter

Reflexerregbarkeit und Krämpfen abwechselt. Bei der Sektion findet

man regelmässig eine hämorrhagische resp. ulzeröse Gastroenteritis.

Vergl. Genaueres in meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S.

122.

=Aether.= Die Todesdosis des Aethers betrug in einem Falle beim

Pferde 750 g nach vorausgegangener einstündiger Inhalation

(+Seifert+). Vergl. Genaueres über die Giftwirkung des Aethers in

meinem Lehrbuch der Arzneimittellehre 1909, S. 117.

=Antifebrin.= Um die Giftwirkung des Antifebrins bei den Haustieren

kennen zu lernen, habe ich Versuche bei gesunden Pferden, Rindern,

Schafen, Ziegen und Hunden gemacht (Monatshefte f. prakt. Tierheilk.

V, S. 145). Dieselben haben ergeben, +dass das Antifebrin für die

Haustiere ein sehr wenig giftiges Mittel ist+. Mit Ausnahme eines

von +Ehrle+ beim Pferd beschriebenen Falles (Kollapserscheinungen

nach 60 g Antifebrin) und einer von +Prietsch+ gemachten Mitteilung

(Sächsischer Jahresber. 1907), wonach ein Landwirt seinen beiden

kranken Rindern das Antifebrin nicht abwog, sondern nach Gutdünken

verabreichte, worauf sie unter Sinken der Temperatur und Atemnot 8

Stunden nach dem Eingeben verendet sein sollen, ist bisher keine

Antifebrinvergiftung nach dem Gebrauch des Mittels bei Haustieren

vorgekommen. Die von +Ehlers+ (Berliner tierärztl. Wochenschrift

1898) angeblich bei einer Kuh nach der Verabreichung von 3 Dosen

Antifebrin à 25,0 beobachtete tödliche Antifebrinvergiftung ist

sehr zweifelhaft. +Ehrhardt+ (Züricher Klinik) hebt besonders

hervor, dass er trotz jahrelanger Verabreichung von 2-3maligen

Einzeldosen von 20-30,0 (40,0-90,0 pro die) bei Pferden und Rindern

niemals nachteilige Folgen beobachtet hat. Nach meinen Versuchen

ertragen gesunde Pferde 300 g, Rinder 250 g, grosse Hunde und

Schafe 10 g Antifebrin, ohne zu sterben. Die tödliche Dosis beträgt

durchschnittlich 1 g pro kg Körpergewicht; nur der Hund scheint etwas

empfindlicher zu sein (tödliche Dosis = ½ g pro kg Körpergewicht).

Die +Vergiftungserscheinungen+ bestehen im wesentlichen in

+motorischer Lähmung+, zerebraler Depression mit +Schlafsucht+,

+Sinken der Körpertemperatur+, +Herzklopfen+ und leichten

+gastrischen Störungen+. Im einzelnen ist folgendes zu bemerken:

1. +Motorische Lähmung+ ist das erste von allen durch Antifebrin

erzeugten Vergiftungssymptomen. Dieselbe tritt beim Pferde schon

nach 60-75 g ein. Sie äussert sich in unsicherem Gange, Schwäche

im Hinterteil, Schwanken, Taumeln, Einknicken in den Gelenken,

Uebergreifen der Schwäche auf die Vorderbeine, Zusammenfallen,

Unvermögen aufzustehen und schliesslich in allgemeiner Muskellähmung.

Bei grossen Dosen treten diese Lähmungserscheinungen bereits wenige

Minuten nach dem Eingeben des Antifebrins auf. Berücksichtigt man

die Tatsache, dass das Antifebrin in Wasser schwer löslich ist

(1 : 200), so muss diese ausserordentlich rasche Resorption des

Mittels vom Magen aus merkwürdig erscheinen. Damit hängt auch die

auffallende Erscheinung zusammen, dass gewöhnlich schon ½-1 Stunde

nach dem Eingeben der Höhepunkt der motorischen Lähmung, welche sich

sogar auf den Sphincter ani ausdehnt, erreicht ist.

2. +Zerebrale Depression+ und +Schlafsucht+ ist nicht bei allen

Tieren und nicht immer in gleicher Intensität wahrzunehmen. Bald

zeigt sich nur eine gewisse Mattigkeit und psychische Benommenheit

(Pferd), bald beobachtet man einen kurzen, vorübergehenden

schlafsüchtigen Zustand bezw. Schlafsucht (Hund), bald tritt ein

stundenlanger, tiefer, ruhiger Schlaf ein (Rind und Kalb), bald ist

endlich ein rauschartiger Zustand wahrzunehmen, der an das Bild der

Alkohol- oder Chloroformnarkose erinnert (Ziege, Schaf). Während der

Hypnose ist gleichzeitig auch die sensible Erregbarkeit herabgesetzt.

3. +Ein Sinken der Körpertemperatur+ lässt sich konstant bei

allen Tieren nachweisen. Dasselbe tritt aber in der Regel erst

+nach+ erfolgter motorischer und psychischer Depression und zwar

synchron mit dem Höhepunkt derselben ein. Die Temperatur beginnt

durchschnittlich etwa 1 Stunde nach Verabreichung des Antifebrins

deutlich zu sinken. Die tiefste Temperatur ist nach ca. 4-10

Stunden zu konstatieren. Der Temperaturabfall beträgt im Maximum

3-4° C. Starkes Herzklopfen mit erheblicher Pulsbeschleunigung ist

gleichzeitig mit der Abnahme der Körpertemperatur wahrzunehmen. Die

+Atmung+ ist bei manchen Tieren sehr +beschleunigt+, bei anderen

normal.

4. Von +gastrischen Störungen+ wurden im späteren Verlaufe der

Vergiftung wahrgenommen Speichelfluss, Sistieren der Futteraufnahme

und des Wiederkauens, Verstopfung, Tympanitis, leichte

Kolikerscheinungen (Stöhnen, Unruhe, Meckern, Brüllen), sowie beim

Rinde eine kruppöse hämorrhagische Enteritis.

5. Besonders auffallende Veränderungen zeigt der +Harn+. Während

derselbe am 1. Tage gewöhnlich eine normale Farbe aufweist, selbst

in einigen tödlich verlaufenden Fällen, ist vom 2. Tage ab eine

zunehmende +Dunkelfärbung+ desselben wahrzunehmen, welche meist

mehrere Tage, mitunter sogar eine Woche, anhält. Der Harn zeigt

eine +dunkelbernsteingelbe+, +rotgelbe+, +dunkelbraunrote+,

+schwarzbraune+, ja selbst eine +tintenschwarze+ Farbe, sowie alle

Nuancen zwischen den genannten Farben (Azetylparamidophenol).

6. Die +Sektion+ der an Antifebrinvergiftung gefallenen Tiere ergibt

mit Ausnahme +entzündlicher Veränderungen im Digestionsapparat+

einen ziemlich negativen Befund. Der Tod erfolgt unter dem Bilde der

Erstickung (Lungenödem, suffokatorische Hämorrhagien im Herzen).

Die spektroskopische Untersuchung des Blutes ergab niemals das

Vorhandensein von Hämoglobinämie. Danach wirkt das Antifebrin bei den

Haustieren nicht als Blutgift.

=Antipyrin.= Ueber den Grad der Giftigkeit und die Art der

Giftwirkung des Antipyrins bei den Haustieren habe ich eine Reihe

von Versuchen angestellt (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde

V, S. 399). Ein 42 kg schwerer Hund ertrug die zweimalige

innerliche Verabreichung von 50 g Antipyrin ohne auffallende

Störungen des Allgemeinbefindens. Ein anderer 26 kg schwerer Hund

blieb gesund, trotzdem er im Verlauf von 14 Tagen insgesamt 80 g

Antipyrin innerlich erhalten hatte. 10 g Antipyrin erzeugten bei

subkutaner Injektion lokale Abszesse, dagegen keine nennenswerten

Allgemeinstörungen. +Pferde+, +Rinder+ und +Schafe+ zeigten nach

Dosen von 0,5-0,8 g Antipyrin pro kg Körpergewicht zwar eine

deutliche Vergiftung, blieben aber am Leben. Ein 360 kg schweres

Pferd blieb z. B. nach der innerlichen Verabreichung von 300 g

Antipyrin am Leben, desgleichen ein 480 kg schweres Rind nach

250 g und ein 37 kg schweres Schaf nach 25 g Antipyrin. +Die

tödliche Dosis des Antipyrins beträgt für Rinder und Schafe 1 g

pro kg Körpergewicht.+ Beispielsweise starb ein 480 kg schweres

Rind nach dem Eingeben von 500 g Antipyrin. Das Antipyrin wirkt

auf die Haustiere als +Atmungsgift+ und +Krampfgift+, sowie als

+leichtes Akre+, nicht aber als Blutgift. Die von mir beobachteten

Vergiftungserscheinungen sind folgende:

1. Die Antipyrinvergiftung beginnt mit +Zittern, Aufregung,

Unruhe, Schreckhaftigkeit und Atmungsstörungen+. Die letzteren

äussern sich in einer zunächst periodischen, anfallsweisen, später

kontinuierlichen Dyspnoe, welche wohl auf eine Erregung des in der

Medulla oblongata gelegenen Atmungszentrums durch das Antipyrin

zurückzuführen ist. Daneben sind Herzklopfen, Pulsbeschleunigung,

leichte Kolikerscheinungen (Rind, Schaf), Erbrechen bezw.

Blutbrechen (Hund), verzögerter Kotabsatz, leichte Konjunktivitis

und Rhinitis, sowie Schweissausbruch (Pferd) zu konstatieren.

Die Körpertemperatur gesunder Tiere scheint durch Antipyrin sehr

verschiedenartig beeinflusst zu werden. Während beim Pferd und Rind

ein Temperaturabfall um ca. 1° beobachtet wurde, zeigten die übrigen

Versuchstiere (Hund, Schaf) eine Temperatursteigerung, welche bei den

Hunden 0,8-2,5, beim Schaf sogar 3,3° betrug.

2. Der Höhepunkt der Antipyrinvergiftung ist durch das Auftreten von

+Krämpfen+ charakterisiert. Dieselben stellen zunächst klonische

Krämpfe dar, welche aber bald in einen tonischen Krampf bezw. in

Tetanus (Orthotonus, Opisthotonus) übergehen. Dieser Starrkrampf

hielt beim Rind nicht weniger als 17 Minuten lang an; er ist als die

indirekte Todesursache (Erstickung) anzusehen.

3. Der +Harn+ der Versuchstiere zeigte ausser der bei Zusatz von

Eisenchlorid eintretenden Rotfärbung (Antipyrinreaktion) und ausser

der zuweilen ziemlich lange anhaltenden Polyurie (Pferd, Rind,

Hund) keinerlei Veränderungen, namentlich keine Verfärbung, keine

Hämoglobinurie, keine Albuminurie; nicht einmal die Reaktion wurde

geändert. Wie die spektroskopische Untersuchung des Blutes der

beiden gestorbenen Tiere in zweifelloser Weise ergab, lag auch

keine Methämoglobinämie vor. Das Antipyrin darf mithin als ein

Blutgift nicht bezeichnet werden. Interessant war es, dass bei dem

Versuchspferd nach der Verabreichung von 300 g Antipyrin der Harn

noch 14 Tage lang die Antipyrinreaktion zeigte, wodurch die bekannte

langsame Ausscheidung des Antipyrins bestätigt und illustriert wird.

=Eosin.= Das Eosin, ein Derivat des +Fluoreszeins+

(Resorzinphtaleins), nämlich +Tetrabromfluoreszeinkalium+, wird seit

2 Jahren in Deutschland zur Denaturierung der Futtergerste verwendet.

Die mit Eosin gefärbte Gerste erzeugt bei Schweinen nach längerer

Verabreichung angeblich eine Eosinvergiftung („Eosinschweine“), die

sich in einer mitunter tödlich verlaufenden Magendarmentzündung

äussern soll. Eine vom Reichsschatzamt angeordnete Nachprüfung hat

ergeben (vergl. den Deutschen Reichsanzeiger vom 13. 1. 10), dass

es ungewöhnlich grosser Mengen von Eosin bedarf, um Schweine krank

zu machen. Zwei Versuchsschweine zeigten selbst nach der Aufnahme

von 240 und 300 Gramm Eosin keine Gesundheitsstörungen. Diese Menge

beträgt das 6000fache der mit der Futtergerste täglich aufgenommenen

Menge von 0,05 Gramm Eosin. Ebensowenig zeigten im Jahre 1908 die

Bromberger Versuchstiere Krankheitserscheinungen, trotzdem sie 106

Tage lang mit einer Eosingerste gefüttert worden waren, welche 20mal

mehr Eosin enthielt, als die gewöhnliche Eosingerste.

II. Pflanzliche Gifte.

Kolchikumvergiftung.

=Botanisches.= Die +Zeitlose+ oder +Herbstzeitlose+, +Colchicum

autumnale+, ist ein zu den Kolchikazeen (Liliazeen) gehöriges

Zwiebelgewächs, welches auf fruchtbaren und feuchten Wiesen Europas,

mit Ausnahme der Länder im Norden und am Mittelmeer vorkommt. Die

Zeitlose ist durch eine eiförmige, braune, mit häutiger Schale

umgebene, 3½ cm lange und ½ cm dicke Zwiebel gekennzeichnet, welche

tief im Boden steckt und an der Unterseite feine Wurzeln trägt. Der

Stengel blüht im Herbst, indem er 1-4 violettrötliche trichterförmige

Blüten treibt. Im Frühjahr darauf entwickeln sich dann die grossen,

langen, lanzettförmigen, spitzen, glänzend grünen Blätter (3-4),

zwischen denen sich die braunen, eiförmigen Fruchtkapseln ausbilden.

Die Samen, welche im Mai und Juni zur Reife gelangen, sind in

frischem Zustande weiss, getrocknet dunkelbraun, von rundlicher,

verkehrt eiförmiger Gestalt, 1-5 mm gross, fein grubig punktiert;

sie besitzen einen sehr bitteren, kratzenden Geschmack. Sie

enthalten namentlich in den braunen Schalen in den beiden innersten

Zellreihen zu 0,2-0,3 Proz. das giftige Alkaloid der Zeitlose, das

=Kolchizin=, einen gelblichen, amorphen, intensiv bitteren Körper

von der Zusammensetzung C_{22}H_{25}NO_{6} und das weniger giftige

+Kolchizein+ von der Formel C_{21}H_{23}NO_{6}; die Blätter, Zwiebel

und Blüten sind ebenfalls, wenn auch weniger kolchizinhaltig.

=Krankheitserscheinungen und Sektionsbefund.= Das Kolchizin ist ein

sehr starkes, wenn auch langsamer als andere Alkaloide wirkendes

Gift, welches in reinem Zustand Katzen schon in Dosen von 5 mg,

Menschen und Hunde in Dosen von 30 mg unter den Erscheinungen

der +Magendarmentzündung+ und +allgemeinen Lähmung+ tötet. Eine

Laxierwirkung entsteht bei Tieren schon nach Gaben von ¼ mg Kolchizin

pro kg Körpergewicht. Vergiftungen durch die Samen der Herbstzeitlose

ereignen sich hauptsächlich zur Sommerszeit (Mai, Juni) bei Rindern,

Pferden, Ziegen und Schweinen nach der Aufnahme von zeitlosenhaltigem

Futter, welches zuweilen bis zur Hälfte aus Kolchikum besteht. Auch im

Herbst können durch Aufnahme von Blütenblättern Vergiftungen entstehen.

Endlich geben ausgerodete Knollen in vereinzelten Fällen Veranlassung

zu Kolchikumvergiftung. Die beim Menschen beobachtete Einverleibung des

Giftes durch kolchikumhaltige Ziegenmilch (+Ratti+) scheint auch bei

Tieren (Säuglingen) vorzukommen. Die Milch von Kühen, welche Kolchikum

aufgenommen hatten, zeigte sich nämlich auch dann giftig, wenn die Kühe

keine auffallenden Krankheitserscheinungen aufwiesen (Ungar. Vet.-Ber.

1900).

Die Einzelerscheinungen der Kolchikumvergiftung bestehen in

Appetitlosigkeit, Erbrechen, Speicheln und Schlingbeschwerden

(selten), +Kolik+, anhaltendem, häufig blutigem, +ruhrartigem

Durchfall+, +Tympanitis+ (bei Kühen), +vermehrtem Harnabsatz+, Drängen

auf den Harn, zuweilen +Hämaturie+ und Albuminurie (+Nephritis+),

und schliesslich +Anurie+. Weiterhin beobachtet man Anästhesie,

+Benommenheit+ des +Sensoriums+, Abstumpfung und Somnolenz bis zur

+Bewusstlosigkeit+, +Lähmung+ und +Schwäche+ namentlich im Hinterteil,

Zittern, Steifheit, Schwanken, Zusammenstürzen, Unvermögen aufzustehen.

Ausnahmsweise treten im Anfang Gehirnreizungserscheinungen mit späterer

Depression auf. Der Puls ist schwach und unfühlbar, zuweilen beobachtet

man auch starkes +Herzklopfen+, die Atmung ist angestrengt, die

Pupille erweitert, es findet Schweissausbruch statt, die sichtbaren

Schleimhäute sind livide verfärbt, die extremitalen Teile kühl. Der

Tod tritt durchschnittlich nach 1-3tägiger Krankheitsdauer ein. Die

+Mortalitätsziffer+ beträgt 25-50 Proz.

Bei der +Sektion+ findet man die Magen- (Labmagen-) und Darmschleimhaut

entzündlich geschwollen, von hämorrhagischen Herden durchsetzt und den

Darminhalt häufig blutig (hämorrhagische Gastroenteritis). In vielen

Körperorganen sind Ekchymosen vorhanden. Das Blut ist von dunkler Farbe

und schlecht geronnen. Zuweilen findet man auch Nierenentzündung und

Leberverfettung.

=Behandlung.= Das wichtigste chemische Antidot gegen die

Kolchikumvergiftung ist die +Gerbsäure+ (Bildung von unlöslichem

gerbsaurem Kolchizin). Man gibt entweder das reine Tannin (Rindern

10-25,0, Pferden 5-15,0, Schafen und Ziegen 2-5,0), oder tanninhaltige

Abkochungen, wie schwarzen Kaffee, Tee-, Eichenrinden-, Weidenrinden-,

Salbei-, Gerberlohe-Dekokt. Auch Jod in Form von Lugolscher Lösung wird

empfohlen. Ausserdem behandelt man die Darmentzündung mit +schleimigen+

einhüllenden Mitteln und grösseren Gaben von +Opium+ (dieselbe

Dosis wie beim Tannin), oder macht subkutane Morphiumeinspritzungen

(Pferden 0,5). +Symptomatisch+ behandelt man die Schwäche- und

Lähmungserscheinungen mit subkutanen Injektionen von Aether, Kampfer,

Atropin oder Koffein. Endlich kann man beim Rind bei sichergestellter

Diagnose und noch nicht zu weit vorgeschrittenem Stadium der Vergiftung

den +Pansenschnitt+ mit nachfolgender manueller Entfernung des Giftes

ausführen.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 23 / 50 段