hatten alkoholhaltige Schlempe (beim Abdampfen stellte sich nachher
ein Gehalt von 7 Proz. heraus) genossen. Am andern Morgen fand
man 1 Kuh verendet, 14 Stück mussten geschlachtet werden und nur
ein Tier genas. Die Erscheinungen während des Lebens bestanden in
unterdrückter Futteraufnahme, Taumeln, Aufstützen des Kopfes, starker
Rötung der Konjunktiva und Maulschleimhaut, beschleunigter Atmung,
kurzem, mattem Husten, beschwerlichem Aufstehen, grosser Mattigkeit
und Hinfälligkeit, Hin- und Hertrippeln, Zuckungen und Krämpfen
in den Gliedmassen, sowie Gefühllosigkeit; die letztgenannten
Erscheinungen wiesen auf einen baldigen tödlichen Ausgang hin. Die
Dauer der Vergiftung betrug einige Stunden bis 2 Tage. Bei der
Sektion fand man höhere Rötung der sichtbaren Schleimhäute, Ausfluss
dünnen Blutes aus der Nase, dunkelrotes, nicht geronnenes Blut, die
Subkutis sehr blutreich, an handgrossen Stellen dunkelrot gefleckt,
die Farbe des Kadavers im ganzen schmutziggelb. Auf dem Pansen
fanden sich grössere und kleinere dunkelrote Flecken, der Dünndarm
war von aussen gerötet, an einzelnen Stellen schwarzrot gefärbt.
Die Leber war zum Teil blass und bleifarbig. Der Darminhalt bestand
aus einem dunkelroten, teils schokolade-, teils blutähnlichen Brei
von dünnflüssiger Konsistenz. Die Lungen waren dunkel gerötet,
der Herzmuskel welk, blass, mit kleineren, schwarzen Blutflecken
durchsetzt. Die Gehirnblutleiter waren mit schwarzem flüssigem Blute
gefüllt, die Rinden- und Marksubstanz des Gehirns war sehr blutreich
und enthielt apoplektische Herde, die Adergeflechte waren geschwollen
und die Hirnkammern mit blutigem Serum gefüllt (+Knipp+, Preuss.
Mitt. 1878). -- Der ganze Viehstand eines Besitzers (90 Rinder)
erkrankte dadurch, dass aus Versehen Maische unter die Schlempe
geriet. Die Tiere taumelten wie betrunken, zeigten Zähneknirschen,
starke Tympanitis und später Zuckungen der Halsmuskel. Bei der
Sektion fand man braune, dünne, hefenartige Ergiessungen in den
Siebbeinmuscheln und am Gehirn (+Krausse+, ibidem). -- Eine
Ochsenherde zeigte nach der Fütterung alkoholhaltiger Schlempe das
Bild der Betrunkenheit: Aufregung, stieren Blick, Taumeln, Wut,
Zerstörungssucht, betrunkenes Am-Boden-liegen etc. (+Haselbach+,
Oesterreich. Vereinsmonatschr. 1884). -- 3 Kühe hatten an einem
Tag 60 l Lagerbier erhalten und erkrankten unter dem Bilde der
Alkoholvergiftung (+Uhlich+, Sächs. Jahresber. 1887). -- In
einer Brennerei erkrankten 20 Rinder, nachdem grössere Mengen
alkoholhaltiger Maische mit der Schlempe verfüttert worden waren.
6 Stück krepierten im Verlaufe des ersten Tages, 10 am 3. und 5 an
den darauffolgenden Tagen. Die Tiere zeigten unruhiges, wildes
Benehmen, Brüllen und Toben, beschleunigte Atmung, Rötung der
Konjunktiva usw. Bei der Sektion fand man Ansammlung von Serum in
den Gehirnkammern, Hyperämie der Gehirnhäute, sowie viel Schaum
in der Trachea und in den Bronchien (+Vorberg+, Veterinärbericht
1850). -- Eine Kuh verkalbte nach Ablauf einer durch Maischgenuss
erzeugten Alkoholvergiftung am 6. Tage (+Schutt+, Magazin Bd. 21).
-- 58 Kühe zeigten nach reichlicher Schlempefütterung Taumeln,
Schwanken und Durchfall (+Schleg+, Sächs. Jahresber. 1892). -- Nach
der Verfütterung gedämpfter Kartoffel mit grünem Gerstenmalz zeigten
fast sämtliche Kühe die Erscheinungen der akuten Alkoholvergiftung
(+Ziegenbein+, Berl. Arch. 1898). -- Eine Kuhherde erkrankte nach
Verfütterung von Biertrebern an Alkoholvergiftung; die Tiere zeigten
Unruhe, stieren Blick, Schwanken, Zusammenstürzen und länger
andauerndes Versiegen der Milch (+Berndt+, Berl. Arch. 1890). --
Eine Kuh, welche 3 l Branntwein an einem Tag erhalten hatte, zeigte
sich sehr aufgeregt und bösartig, worauf ein tiefes Koma und nach 24
Stunden der Tod erfolgte (+Bissauge+, Recueil 1895). -- Eine schwere
Alkoholvergiftung nach der Verfütterung frischer Weissbiertreber
wurde bei der Mehrzahl der Kühe eines Molkereibesitzers beobachtet;
sie äusserte sich in Benommenheit, Stöhnen, Herzklopfen und
sistierter Milchsekretion; die Biertreber enthielten 1¼ Proz.,
die aus den Trebern abgesickerte Flüssigkeit 20 Proz. Alkohol
(+Eggeling+, Preuss. Vet.-Ber. 1905). -- Eine Kuh, welcher vom
Besitzer 2 l Kornbranntwein eingegeben worden waren, zeigte völlige
Berauschung und lag schwer röchelnd am Boden; nach entsprechender
Behandlung erholte sie sich erst am 3. Tag (+Kreutzer+, Woch. f.
Tierh. 1909).
2. +Pferde.+ Ein klinischer Fall von Alkoholvergiftung ist von
+Courrioux+ (Presse vétér. 1884) beschrieben worden. Ein Pferd,
welches zufällig 5 l Branntwein mit 10 l Wasser aufgenommen hatte,
erkrankte unter den Erscheinungen eines schweren Rausches und
starb nach 60 Stunden. -- +Schirmann+ (Zeitschr. f. Vetkde. 1894
S. 199) beobachtete eine auffallend starke Alkoholwirkung bei
einem kolikkranken Pferde, dem ½ l Schnaps eingegeben worden war.
Das Pferd schlief hierauf 3 Stunden lang. Anderen Pferden hat S.
gegen Brustseuche innerhalb 2 Tagen 2 l absoluten Alkohol, täglich
1 l in 3 Portionen mit je 5 l Wasser, ohne irgendeine narkotische
Wirkung verabreicht. -- Ein Pferd trank 4 l gärenden Weinmost.
Nach 10 Minuten zeigte es schwankenden Gang, konnte sich kaum mehr
aufrecht erhalten, fiel dann um und blieb bewegungslos liegen.
Nach elf Stunden erhob es sich und zeigte anhaltende schaukelnde
Bewegungen (+Mestre+, Recueil 1892). -- Experimentelle Untersuchungen
haben ergeben, dass die Intensität der Alkoholwirkung ausser von
der Menge wesentlich auch von der Konzentration des verabreichten
Alkohols sowie davon abhängt, ob die Tiere fieberhaft erkrankt
sind oder nicht. Sehr konzentrierter Alkohol ist viel giftiger
als ein verdünnter Weingeist in Quantitäten, welche bezüglich des
Alkoholgehalts ersterem gleichkommen. Der konzentrierte Alkohol wirkt
nämlich ausser als Narkotikum auch noch entzündungserregend auf die
Schleimhaut des Magens und Darmes. Von verdünntem Alkohol wird, wenn
man denselben auf konzentrierten Alkohol berechnet, von fieberlosen
Tieren das Doppelte der tödlichen Dosis des konzentrierten Alkohols
ertragen; fieberhaft erkrankte ertragen das 4- und 5fache. +Rektal+
wirkt der Alkohol nach Versuchen von +Baum+ (Archiv f. Tierhlkde.
1897) örtlich entzündungserregend (hämorrhagische und selbst
nekrotisierende Entzündung der Dickdarmschleimhaut; katarrhalische
Entzündung der Dünndarmschleimhaut). Wird der Alkohol nicht wieder
zum Teil per anum entleert, so wirken von 93proz. Alkohol 200-250 g
bei Pferden tödlich. Der Tod wird teils durch die Darmentzündung,
teils durch Gehirnlähmung bedingt. Gesunde Pferde werden nach 250,0 g
absolutem (99proz.) unverdünntem Alkohol sehr unruhig und aufgeregt,
steigen in die Höhe, fallen nach 2 Minuten nieder, schlagen heftig
mit den Füssen und mit dem Kopfe, verdrehen die Augen, werden
unempfindlich und bewusstlos und verenden nach 10 Minuten. 120-180,0
g absoluter Alkohol bedingen ähnliche Zufälle, die Tiere bleiben
jedoch am Leben (+Hertwig+). Nach intravenöser Einspritzung von 30-60
g absolutem Alkohol sterben Pferde schon nach 1-3 Minuten. Dagegen
ertragen gesunde Pferde von dem Spiritus dilutus (68proz. Alkohol)
einmalige Dosen bis zu 500 g und mehr, ohne zu sterben, indem sie
nur nach vorausgegangener Erregung berauscht und betäubt werden.
Fiebernde Pferde ertragen, ohne berauscht zu werden, 1-1½ l absoluten
Alkohol in verdünntem Zustande.
3. +Schweine.+ Nach der Verabreichung von Wein- und Bierresten sah
+Mattern+ (Woch. f. Tierh. 1902) auffallende Munterkeit, Hochspringen
an den Wänden, später Zuckungen und Krämpfe und schliesslich
allgemeine Betäubung und Lähmung; 1 Schwein starb, 2 wurden
notgeschlachtet, die 3 anderen genasen nach 4-5 Tagen. -- Durch
tägliche Verabreichung von 1-1,5 g Alkohol pro kg Körpergewicht hat
+Dujardin-Beaumetz+ (Comptes rendus 1883) bei Schweinen experimentell
chronischen Alkoholismus erzeugt. Die Erscheinungen bestanden in
Schläfrigkeit, galligem und schleimigem Erbrechen, Durchfall,
Zittern, Schwäche und Lähmung des Hinterteils, Atembeschwerden.
Bei der Sektion fand man Rötung und Blutung der Darmschleimhaut,
Hepatitis, Lungenhyperämie, blutige Herde in und zwischen den
Muskeln, sowie atheromatöse Degeneration der Aorta und der grossen
Gefässe.
4. +Hunde+ sterben nach 30-60 g absolutem Alkohol, wenn derselbe
in unverdünntem Zustand eingegeben wird, nachdem starke Aufregung,
Erbrechen, Taumeln und Betäubung vorausgegangen sind; bei der Sektion
findet man die Erscheinungen einer hämorrhagischen Gastroenteritis.
Dieselbe Dosis tötet Hunde bei subkutaner Applikation. Dagegen
ertragen fiebernde Hunde leicht 100-200 g absoluten Alkohol, wenn
derselbe mit viel Wasser eingegeben wird. -- Ein kleiner Terrier
erhielt täglich einen Kaffeelöffel Kognak; er zeigte sich hiernach
wie dumm und schwankte beim Gehen (+Bissauge+, Recueil 1892).
5. +Ziegen+ und +Schafe+ können sich an verdünnten Alkohol allmählich
so gewöhnen, dass sie bis zu 180 und 300 g Branntwein ertragen
(+Hertwig+).
6. +Katzen+ sterben nach 25 g absolutem unverdünntem Alkohol unter
denselben Erscheinungen wie Hunde.
7. +Geflügel+ (Enten, Hühner, Truthühner), welche in Branntwein
eingemachte Kirschen verzehrt hatten, zeigten starke Trunkenheit; 6
Hühner und 1 Ente starben (+Bissauge+, Recueil 1892).
=Experimentaluntersuchungen über die Wirkung des Alkohols auf die
Leber bei Tieren.= +Magnan+ (Compt. rend. de Biol. 1869) sah bei
Hunden, die täglich 20-60 g Alkohol erhielten, ausser ulzeröser
Gastritis fettige Degeneration der Leber. +Dujardin-Beaumetz+
und +Audigé+ (Recherches exp. sur l’alcoolisme chronique; Paris
1884-1885) gaben 18 Schweinen 3 Jahre lang Alkohol in Dosen von
1-1,5 g pro kg; alle Tiere nahmen hiebei an Gewicht zu; die Leber
war bei der Schlachtung sehr hyperämisch, zeigte jedoch in keinem
Falle interstitielle Hepatitis. +Strauss+ und +Block+ (Etude exp.
sur la cirrhose alcoolique; Paris 1887) fanden bei Kaninchen, die
3-12 Monate hindurch Alkohol bekamen, eine härtere Konsistenz der
Leber sowie kleinzellige Infiltration im interazinösen Gewebe;
Spindelzellen und Narbengewebe wurden nirgends beobachtet (trotzdem
bezeichnen die Verfasser den Zustand als „frische Zirrhose“).
+Afanassijew+ (Zieglers Beiträge 1890) sah bei Kaninchen und Hunden
nach monatelangen Alkoholgaben starke Hyperämie, Fettinfiltration
und fettige Degeneration der Leber sowie kleinzellige Infiltration
(Anfangsstadium der Leberzirrhose?); die Versuchshunde
zeigten Nekrose der Leberzellen mit herdförmiger Bildung von
Narbenbindegewebe (kleinherdige Leberzirrhose?). +von Kahlden+ (ibid.
1891) beobachtete bei seinen Versuchstieren Leberverfettung sowie
Hyperämie der Leberkapillaren, konnte jedoch Rundzelleninfiltration
nicht feststellen. +Lafitte+ (L’intoxication alcoolique; Paris 1892)
sah Hyperämie der Leber und Atrophie der Leberzellen beim chronischen
Alkoholismus der Kaninchen; das interazinöse Leberstroma war jedoch
stets intakt. +Rechter+ (Recherches exp. sur la cirrhose alcoolique,
Brüssel 1892) sah bei Kaninchen nach 5-9 Monate langer Verabreichung
von Alkohol (30-50 g pro die) in einem Fall eine kleinzellige
Infiltration um die Endäste der Vena portae herum bei sonst
intaktem Leberparenchym; in einem andern Falle (9 Monate) zeigte
sich die Leberoberfläche narbig, die Konsistenz der Leber deutlich
vermehrt, ausserdem bestand deutliche Bindegewebsneubildung in der
Umgebung der Leberläppchen. Einen der menschlichen Zirrhose sehr
ähnlichen Befund bot ferner ein Hund, der 4 Monate hindurch Alkohol
erhalten hatte (von den Venae centrales drang junges Bindegewebe
bis an die Peripherie der Leberläppchen, wo sich schmale Züge von
interstitiellem Bindegewebe entwickelt hatten). Die Untersuchungen
von +Pohl+ (Arch. f. Pharm. 1893) verliefen negativ (lediglich
Leberverfettung). +Fieweger+ (Diss. Cöthen 1909) fand bei seinen
Versuchen im pharmak. Institut der Berliner Tierärztl. Hochschule
(Regenbogen) bei Hunden, Katzen, Schweinen und Kaninchen, die 100
Tage lang 3-5 g Alkohol pro kg Körpergewicht erhalten hatten, relativ
geringfügige Leberveränderungen: Fettinfiltration, vereinzelt auch
fettige Degeneration der Leberzellen, sowie Hyperämie der Kapillaren.
Eigentliche zirrhotische Veränderungen wurden bei allen Tieren
vermisst. Nur bei einem Kaninchen schien eine frische Hepatitis
interstitialis in Form einer zelligen Infiltration vorzuliegen.
Chloroformvergiftung.
=Allgemeines.= Chloroformvergiftungen können sich beim
Chloroformieren der Haustiere aus verschiedenen Veranlassungen
ereignen. Die Ursachen sind häufig in dem Tier selbst oder in
der Tiergattung gelegen. So ist bekannt, dass +Hunde+ wegen der
Häufigkeit der bei ihnen vorkommenden Herzfehler das Chloroformieren
im allgemeinen schlecht ertragen. Auch bei +Pferden+ ist das
Chloroformieren nicht ganz ungefährlich (vgl. unten). Es kann ferner
+unreines+, zersetztes Chloroform die Veranlassung zur Vergiftung
abgeben. In dieser Hinsicht ist namentlich eine Beimengung des stark
giftigen Aethylidenchlorids, Amylchlorids und Methylenchlorids,
sowie des Phosgengases gefährlich. Endlich kann die Veranlassung
zu dem tödlichen Ausgang der Chloroformierung in einem +Versehen+
des Tierarztes liegen, wenn derselbe die vorgeschriebenen
Vorsichtsmassregeln während der Narkose nicht beachtet.
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Chloroform wirkt in tödlichen
Dosen giftig durch +Lähmung+ des +Atmungszentrums+. Ausserdem ist
es ein +lähmendes+ Gift für den +Herzmuskel+, welcher unter seiner
Einwirkung fettig degeneriert. Der Uebergang der Chloroformnarkose
in Chloroformvergiftung gibt sich daher durch die Erscheinungen der
beginnenden Herzlähmung zu erkennen. Der +Puls+ wird +schwach+ und
+aussetzend+, der +Herzschlag unfühlbar+, die +Atmung sistiert+, die
+Pupillen erweitern sich+, die +Temperatur sinkt+, das aus der Wunde
fliessende Blut zeigt +venöse+ Farbe (Erstickungsblut). Bei der Sektion
findet man +Verfettung+ des +Herzmuskels+, der +Skelettmuskulatur+, der
+Gefässwandungen+, der +Leber+ und +Nieren+. Endlich ist das Chloroform
ein +Blutgift+; nach subkutanen Injektionen entsteht infolge
Zersetzung der roten Blutkörperchen Hämoglobinurie.
Zuweilen kommt es vor, dass der Tod erst mehrere Tage nach der
Chloroformnarkose eintritt, nachdem die Tiere sich scheinbar wieder
vollständig erholt haben. Ueber die Ursache dieser sog. +tödlichen
Nachwirkung+ des Chloroforms hat +Ostertag+ (Virchows Archiv 1889)
experimentelle Untersuchungen angestellt und hierbei gefunden, dass
die Nachwirkung des Chloroforms in der Erzeugung von +Verfettungen+
in den verschiedensten Organen besteht, hauptsächlich aber einer
Fettmetamorphose der +Herz-+ und +Skelettmuskulatur+ und einer
sekundären Fettinfiltration der +Leber+. Die Fettmetamorphose
resultiert aus einer Einwirkung des Chloroforms auf das Blut
(+Auflösung der roten Blutkörperchen+) und auf die +Gewebszellen+
selbst (Ertötung). Der nachträgliche Tod nach Chloroformverwendung
erfolgt durch +Lähmung des Herzens+. Die Herzlähmung selbst wird
herbeigeführt durch eine bisweilen nur wenig in die Augen tretende
+anatomische Schädigung+ des +Myokardiums+ und eine gleichzeitig
sich geltend machende allmähliche +Suffokation+ (Oligozythämie und
mangelhafte Respiration infolge Verfettung der Atmungsmuskeln).
=Verhalten der einzelnen Tiergattungen.= Die einzelnen Tiergattungen
zeigen dem Chloroform gegenüber ein sehr verschiedenartiges Verhalten.
Besonders giftig wirkt das Chloroform auf +Rinder+, +Schafe+,
+Ziegen+ und +Katzen+. Aber auch für +Hunde+ und +Pferde+ ist das
Chloroformieren nicht ungefährlich. Im einzelnen ist folgendes zu
bemerken:
1. Für =Pferde= beträgt die toxische Dosis des Chloroforms
durchschnittlich 1 g pro kg Körpergewicht (+Negotin+). Im übrigen
können erfahrungsgemäss viel kleinere Dosen bei manchen Pferden giftig
wirken. In den Jahren 1895-1899 sind in meiner Klinik 800 Pferde
unter Chloroformnarkose operiert worden. Eines dieser Pferde ist an
Chloroformvergiftung, und zwar nachdem erst 55 g verbraucht waren,
+gestorben+. Ein zweites ist in +schwere Chloroformasphyxie+ verfallen
und konnte nur durch schnelle Injektion von Skopolamin gerettet werden.
Bei 6 anderen Pferden hat die +Atmung vorübergehend ausgesetzt+. 5
Pferde (eigentümlicherweise lauter Kryptorchiden) zeigten nach dem
Chloroformieren stundenlang anhaltendes +Erbrechen+, allerdings
ohne nachteilige Folgen. 1 Pferd bot nach dem Chloroformieren das
Bild einer +akuten Stimmbandlähmung+ dar, indem es im Stand der Ruhe
längere Zeit hindurch laut rohrte. 2 Pferde starben endlich einige
Tage nach dem Chloroformieren an einer akuten +gangräneszierenden
Pneumonie+. Wenn ich das alles zusammenfasse und noch dazu hervorhebe,
dass das gebrauchte Chloroform von tadelloser Beschaffenheit, und die
von mir angewandten Chloroformmengen relativ geringe waren, indem
ich nur ausnahmsweise eine ganz tiefe Narkose einleitete, und der
durchschnittliche Verbrauch nur 20-60 g (20-225 g) betrug, so drängt
sich mir die Schlussfolgerung auf: +dass das Chloroform für Pferde kein
ungefährliches Narkotikum ist+.
+Vennerholm+ (Zeitschr. f. Tiermed. 1898) hat ebenfalls einige Fälle
von +Chloroformtod+ bei Pferden infolge von Herz- und Atemlähmung
beobachtet. Ein Pferd starb beispielsweise ganz plötzlich an
systolischer Herzlähmung. 2 andere chloroformierte Pferde starben
infolge von +Lungenentzündung+; andere, besonders alte Pferde, zeigten
in den ersten Tagen nach dem Chloroformieren schwere +Dyspnoe+
(Herzschwäche). Mehrmals wurde ferner +Steckenbleiben von Futterbissen
im Schlund+ konstatiert, wenn die Pferde nach beendigter Narkose Futter
aufnahmen (Schlundlähmung); V. rät daher, den chloroformierten Pferden
erst einige Stunden nach der Narkose Futter zu verabreichen.
Tödliche Fälle von Chloroformvergiftung sind ferner von +Lanzillotti+
und +Knauer+ (nekrotisierende Pneumonie), sowie in der preussischen
Armee (Preuss. Milit. Vet. Bericht, Jahrg. 5) konstatiert worden.
Heftiges, eine Viertelstunde anhaltendes Würgen und Geifern bei tief
chloroformierten Pferden haben +Georges+ und +Röder+ beobachtet (Sächs.
Jahresber. 1898); letzterer sah ausserdem bei 2 Pferden schwere
Erstickungsanfälle (Glottisödem), welche nur durch die Tracheotomie
gehoben werden konnten.
=Kasuistik.= Die beiden von mir beobachteten Fälle von schwerer
Chloroformvergiftung bei Pferden sind folgende:
1. Eine 12 Jahre alte braune Stute wurde am 3. September
1895 in die chirurgische Klinik eingestellt zum Zweck der
Hufknorpelfisteloperation. Die Voruntersuchung ergab einen
mittelmässigen Nährzustand, etwas schwachen, aber regelmässigen
Puls, reine Herztöne, 36 Herzschläge, 37,8° C Temperatur, 20
Atemzüge, rege Futteraufnahme, blassrote Färbung der Konjunktiva,
sowie etwas benommenes Sensorium. Am linken Vorderfuss bestand
eine veraltete Hufknorpelfistel verbunden mit Lahmheit. Das Pferd
wurde in gewöhnlicher Weise zur Operation vorbereitet und am 6.
September geworfen. Auch an diesem Tage hatte das Pferd 36 Pulse,
20 Atemzüge und 37,8° C Temperatur. +Beim Chloroformieren fiel auf,
dass das Pferd ausserordentlich schnell in Narkose verfiel.+ Nach
kaum 10 Minuten, bei einem Verbrauche von nur 15 g Chloroform,
konnte mit der Operation begonnen werden. +Nach weiteren 30
Minuten, nachdem im ganzen 55 g Chloroform verbraucht waren, wurde
die Atmung plötzlich sehr beschleunigt und sistierte nach einer
weiteren Minute vollständig.+ Gleichzeitig wurde der bis dahin
normale +Puls unfühlbar+, die Venen des Kopfes und Halses schwollen
stark an und es war leichter Schweissausbruch bemerkbar. Die sofort
angestellten Wiederbelebungsversuche blieben ohne Erfolg. Es wurden
während einer halben Stunde kalte Waschungen des Kopfes, Halses
und Thorax vorgenommen, zwei subkutane Atropininjektionen gemacht,
künstliche Atmungsbewegungen am Thorax ausgeführt und schliesslich
sogar ein Aderlass gemacht, alles vergeblich. Die Sektion bestätigte
die Diagnose Chloroformvergiftung. Es wurden bei sonst negativem
Befunde eine Erweiterung des rechten Herzens mit Systole der linken
Herzkammer, starke Hyperämie der Venen des Halses und Kopfes, Zyanose
der Leber und Lungen, sowie subepikardiale Hämorrhagien vorgefunden.
Durch die eingehende Vernehmung des Ueberbringers des Pferdes liess
sich nachträglich folgendes ermitteln. +Das Pferd war am 8. Juli
1895 an Hitzschlag erkrankt+ und wurde bis zum 20. Juli tierärztlich
behandelt. Während dieser Zeit zeigte es die Erscheinungen eines
schweren Gehirnleidens. Vom 20. Juli bis zum 3. September war zwar
eine Besserung eingetreten. Das Pferd zeigte sich aber so matt, dass
es in der Zwischenzeit bis zum 3. September, dem Tag der Einstellung
in die chirurgische Klinik, nicht wieder eingespannt werden konnte.
2. Ein mit Hufkrebs behafteter 9jähriger, brauner Hengst wurde am
20. November 1896 abgeworfen und unter Chloroformnarkose operiert.
Die Operation, welche in der Entfernung des ganzen Fleischstrahls,
der ganzen Fleischsohle und etwa drei Viertel der Fleischwand
mittelst Hauklinge, Rinnmesser, Lorbeerblattmesser, Schere und
scharfem Löffel bestand, dauerte 1½ Stunden. +Während der Operation
setzte, als im ganzen erst 48 g Chloroform verbraucht waren, die
Atmung plötzlich aus.+ Der sonst in der Regel wirksame Versuch,
die Atmung durch flache Schläge auf die Bauchdecke anzuregen,
versagte in diesem Falle gänzlich, auch kaltes Wasser, frische Luft,
Kompression des Thorax usw. konnten die Chloroformasphyxie nicht
beseitigen. Da eine Atropinlösung zufällig nicht zur Hand war,
wurde dem Pferd eine vorrätig gehaltene subkutane Skopolaminlösung
(0,1) eingespritzt. Diese Injektion hatte sofortiges Wiederkehren
der Atembewegungen zur Folge, so dass die Operation beendet werden
konnte. Als das Pferd hierauf in seinen Stand zurückgebracht war,
zeigte es ganz eigentümliche Erregungszustände. Vor allem fiel das
laute, trompetenförmige, an Elefantengebrüll erinnernde, anhaltende
Schnauben und Wiehern des Pferdes auf. Sodann zeigte sich das Pferd
den ganzen Tag über psychisch sehr aufgeregt, ja selbst am anderen
Tag waren die zerebralen Erregungserscheinungen sowie die Steigerung
der Atemfrequenz noch nicht vollständig verschwunden. Im übrigen
blieb diese Skopolaminlösung ohne nachteiligen Einfluss auf das
Allgemeinbefinden sowie auf den Verlauf der Heilung.
Eine Studie über die Verantwortlichkeit des Tierarztes für den
Chloroformtod hat +Bärner+ veröffentlicht (Zeitschr. f. Tiermed. 1900
S. 28).
2. Für =Hunde= ist das Chloroform im allgemeinen gefährlich, da es
leicht zu +Lähmung des Atmungszentrums+ und Herzens führt (+Negotin+,
eigene Beobachtungen). Manche Hunde ertragen allerdings grössere
Chloroformmengen gut (+Ostertag+, +Albrecht+). Das Exzitationsstadium
ist meistens kurz, indem die Tiere einige Minuten hindurch sehr
unruhig werden und bellen oder heulen. Während der Narkose besteht
Speichelfluss. Sehr häufig sistiert die Atmung dann plötzlich unter
starker Erweiterung der Pupillen und Zyanose der Schleimhäute,
während das Herz noch einige Zeitlang fortschlägt. Bei 7 Hunden trat
nach Verbrauch von 25-40 g Chloroform nach 5-22 Minuten Stillstand
der Atmung ein, so dass das Leben nur durch künstliche Respiration
erhalten werden konnte; 20 Hunde starben nach 1-22 Minuten und nach
einem Chloroformverbrauch von 1-65 g infolge von Atmungslähmung
(13), gleichzeitiger Atmungs- und Herzlähmung (4) bezw. Herzlähmung
(3) (+Negotin+). Nach +Hobday+ (800 Fälle) soll dagegen der Hund
bei Anwendung der nötigen Vorsicht (Bauchlage, Vorrätighalten
von Gegenmitteln) ein geeignetes Objekt für die Chloroformierung
darstellen; im übrigen hat auch +Hobday+ 9mal Vergiftungserscheinungen
und 3mal tödliche Chloroformvergiftung beobachtet (!).
3. Für =Katzen= ist das Chloroform nach +Negotin+ ein noch +viel
gefährlicheres+ Mittel als für Hunde. Das Exzitationsstadium ist kurz
und sehr ausgeprägt und geht rasch in tiefe Anästhesie über. Der Tod
trat in vielen Fällen unter den Erscheinungen der Atmungslähmung in
einem Zeitraum von 1½-20 Minuten und nach einem Verbrauch von 6-7
g Chloroform ein. Auch nach +Guinard+ sind Katzen gegen Chloroform
ausserordentlich empfindlich, indem sie häufig verenden. +Müller+ sah
bei einer kräftigen Katze den Tod nach 8 g Chloroform in 7 Minuten, bei
einer anderen nach 6 g in 4 Minuten eintreten. Im übrigen scheinen auch
bei Katzen Ausnahmen von dieser Regel vorzukommen. So hat +Ostertag+
bei seinen Versuchen gefunden, dass sich eine tiefe Narkose bei Katzen
lange unterhalten lässt. Nach Versuchen von +Kappler+ starben die in
einem Sack betäubten Tiere erst nach ¼-¾stündiger Chloroformierung
und nach einem Verbrauch von 100-300 g Chloroform. Offenbar kommt
bei Katzen auch die Methode des Chloroformierens wesentlich mit in
Betracht. +Hobday+ hat 120 Katzen chloroformiert; er hebt ebenfalls
hervor, dass Katzen noch viel empfindlicher sind als Hunde und daher
mit noch grösserer Sorgfalt chloroformiert werden müssen.
4. Beim =Rind= treten während der Narkose Krampfanfälle einzelner
Muskelgruppen in Form von +Tetanus+ und +Opisthotonus+ auf. Das
Erregungsstadium ist sehr kurz (1-5 Minuten) und stark ausgesprochen;
nach weiteren 2-4 Minuten stellt sich Schlaf ein, dem komplette
Empfindungslosigkeit folgt. Nebenerscheinungen hiebei sind
Speichelfluss, Tränen, Erbrechen, Sistieren der Pansentätigkeit sowie
+Tympanitis+. Nach Ablauf der Narkose zeigen die Tiere mehrere Stunden
hindurch einen schwankenden Gang. Die Dauer der Narkose beträgt bei
einem Verbrauch von 50-140 g Chloroform 40-60 Minuten (+Negotin+). Bei
innerlicher Verabreichung von 50-75 g Chloroform beobachtete ich bei
einer Kuh Schwanken in der Hinterhand ohne wesentliche Benommenheit des
Sensoriums.
5. Bei =Schafen= und =Ziegen= sind während der rasch eintretenden
Narkose lebensgefährliche Komplikationen zu beobachten: +krampfartiges
Atmen+, +Stillstand der Respiration+, +Tympanitis+, +Erbrechen+,
+Aspiration von erbrochenen Futtermassen in die Luftröhre+, +akute
Bronchopneumonie+, +Zyanose der Schleimhäute+, +Opisthotonus+. Die
Auftreibung des Abdomen erklärt sich aus der Lähmung der Magen- und
Darmwandung. In der Regel erfolgt der Tod, auch nach überstandener
Narkose, unter Erstickungserscheinungen. Die Sektion ergibt als
Todesursache eine akute Bronchopneumonie. Auch schwere Gehirnstörungen,
z. B. Drehbewegungen, sowie Erscheinungen von Gehirnödem werden
nach der Narkose beobachtet. Der Tod trat in der Regel 12 bis 14
Stunden nach Beendigung des Chloroformierens ein. Während von den
chloroformierten Schafen alle starben, starben von neun narkotisierten
Ziegen 2 (+Negotin+). Von 6 chloroformierten Schafen erkrankten 5
schwer; 4 davon verendeten nach 1-5 Tagen (+Malzew+).
6. Bei =Schweinen= erweist sich das Chloroformieren +ungefährlich+.
Nach kurzer heftiger Erregung tritt Schlaf und vollkommene
Empfindungslosigkeit ein. Nach der Narkose erholen sich die Tiere
rasch. Zu einer tiefen 25-136 Minuten dauernden Narkose wurden 22-100
g Chloroform verbraucht (+Negotin+). +Ehrhardt+ (Zürich) hat 1000
Schweine chloroformiert; bei Horizontallage ist nach ihm selbst die
tiefe Narkose durchaus ungefährlich.