Karbolsäure) steht dem Phenol an Giftigkeit nach. Die 3 vorhandenen
Verbindungen des Kresols, das Ortho-, Meta- und Parakresol,
verhalten sich bezüglich ihrer Giftigkeit verschieden; am stärksten
giftig ist das Orthokresol, am schwächsten das Metakresol. Die
Giftwirkung des Orthokresols äussert sich in Lähmung des Herzens, des
Rückenmarks, sowie der sensorischen und motorischen Nerven, ferner
in Erregung des Reflexhemmungszentrums. Im Jahr 1902 entstand ein
allgemeines Fischsterben im Neckar von der Mündung des Feuerbachs
bis zum Einfluss der Murr, als in Zuffenhausen 30000 l Teeröle
(Eisenbahnschwellen-Imprägnierung) in den Feuerbach entleert
wurden. -- Die Kresole verlieren an Giftigkeit, wenn sie an Natrium
gebunden oder durch Seifen emulgiert werden (+Kreolin+, +Lysol+,
+Bazillol+). Werden jedoch die im Kreolin gebundenen Kresole z. B.
durch Säurezusatz frei, so wirken sie giftig (Kresolvergiftung von
Pferden durch Waschungen mit Kreolinwasser und Essig gegen Läuse). --
Eine Vergiftung durch +Kresolschwefelsäure+ bei Schweinen hat +Migge+
beschrieben (Preuss. Vet.-Ber. pro 1907). Eine Schweinebucht war mit
25-40proz. (statt 3proz.) Kresolschwefelsäurelösung desinfiziert
worden. Nach 2 Stunden waren 8 Schweine schwer erkrankt, 6 lagen wie
schlafend auf der Streu, 3 starben nach 5 Stunden. Die Sektion ergab
Verätzung der Haut des Rüssels, der Lippen, der Maulschleimhaut,
Rachen- und Magenschleimhaut.
=Pyrogallol.= Das auch unter dem Namen Pyrogallussäure bekannte
Pyrogallol = C_{6}H_{3}(OH)_{3} ist ein stark reduzierendes Gift für
die roten Blutkörperchen, welche unter Bildung von +Methämoglobin+
aufgelöst werden. Dadurch entstehen ähnliche pathologische Zustände
wie bei Vergiftung mit Kali chloricum (Methämoglobinurie mit
ihren Folgen). Vergiftungen können sich u. a. durch Einreiben
konzentrierter Pyrogallolsalben (10%) auf die Haut ereignen.
Aehnliches gilt für das +Chrysarobin+, die +Hydrazine+ =
H_{2}N.NH_{2} (Methyl-, Dimethyl-, Aethyl-, Phenyl-, Azetylphenyl-,
Lävulinsäurephenyl-Hydrazin), das +Hydroxylamin+ = NH_{2}.OH
(das im Körper nach Biel zu dem ebenfalls reduzierend wirkenden
Nitrit umgewandelt wird) und die +Aldehyde+ = C_{2}H_{4}O (Aldehyd,
Metaldehyd, Paraldehyd, Formaldehyd, Benzaldehyd). Dass speziell
+Paraldehyd+ stark reduzierend auf die roten Blutkörperchen des
Pferdes wirkt und Methämoglobinämie bei demselben erzeugt, haben
meine diesbezüglichen Versuche ergeben (vgl. S. 178).
=Salizylsäure.= Nach den Untersuchungen von +Feser+ und +Friedberger+
wird das Allgemeinbefinden von Tieren durch kleinere Dosen
Salizylsäure auch bei anhaltender Verabreichung nicht gestört. So
zeigten Hunde, Schafe, Kühe und Pferde nach dem 14 Tage hindurch
fortgesetzten Eingeben kleinerer Mengen (0,5 g pro die für Hunde,
3,0 g für Schafe, 10,0 g für Rinder und Pferde) nicht einmal
irgendwelche Appetitstörungen. Auch sehr grosse einmalige und
wiederholte Dosen wurden von Pflanzenfressern gut ertragen. Ein 9
Ztr. schweres +Pferd+ zeigte nach 300 g Salizylsäure, innerhalb
3 Tagen eingegeben, nur eine längere Verdauungsstörung auf Grund
lokaler Anätzung der Maulhöhlen- und Magenschleimhaut, dagegen
keinerlei Vergiftungserscheinungen. Ein 32 kg schweres +Schaf+ blieb
nach 50 g Salizylsäure, innerhalb 3 Tagen verabreicht, ganz gesund,
desgleichen ein anderes, 30 kg schweres, nach 65 g salizylsaurem
Natrium, welche in der kurzen Zeit von 2 Tagen eingegeben wurden.
Dagegen zeigten sich Fleischfresser, namentlich Hunde, ziemlich wenig
widerstandsfähig. Wenn es auch wegen des bald nach der Aufnahme
eintretenden Erbrechens nie gelang, einem +Hund+ per os eine tödliche
Dosis Salizylsäure beizubringen, so waren doch bei der Anwendung
von ca. 1 g Salizylsäure pro 5 kg Körpergewicht charakteristische
+Vergiftungserscheinungen+ wahrzunehmen. So zeigte ein kleiner, 4½
kg schwerer Hund nach der Aufnahme von 0,8 g Salizylsäure (innerhalb
6 Stunden gegeben) Erbrechen, Muskelzittern, Schwäche im Hinterteil
und steifen Gang; ein anderer, 27 kg schwerer Hund war nach 4 g in
der hinteren Körperhälfte gelähmt, die hinteren Gliedmassen waren
völlig gebrauchsunfähig und dabei krampfhaft gestreckt. Auch das
salizylsaure Natrium erwies sich in grösseren Dosen, namentlich
subkutan, als ein starkes Gift. Bei einem 4½ kg schweren Hunde
trat nämlich nach der subkutanen Einspritzung von 5 g Natrium
salicylicum der Tod ein. Die Vergiftungserscheinungen bestanden in
Dyspnoe, unregelmässigem, aussetzendem Pulse, Pupillenerweiterung,
Traurigkeit, Erbrechen, Lähmung der Nachhand, Konvulsionen,
Kaukrämpfen, allgemeinem Starrkrampf, sowie ausserordentlich erhöhter
Reflexerregbarkeit. Ein anderer, 8-1\2 kg schwerer Hund verendete
nach Injektion von 8 g des Salzes in die Bauchhöhle an Erstickung,
nachdem Erbrechen, Dyspnoe und Lähmungserscheinungen vorausgegangen
waren. Diese Angaben sind neuerdings durch +Albrecht+ bestätigt
worden. Nach +Walther+ und +Gmeiner+ (Berl. Arch. 34. Bd.) wirkt die
Salizylsäure und ihre Derivate (Salol, Salipyrin, Aspirin u. a.)
bei den Haustieren wie beim Menschen schon in gewöhnlichen Dosen
(2-5 g Natrium salicylicum beim Hund) schädigend auf die +Niere+
(Albuminurie, Harnzylinder, Nierenepithel, Leukozyten im Harn).
-- Das +Salol+ stellt eine Doppelverbindung von Salizylsäure und
Karbolsäure dar, welche angeblich ungiftig sein soll. Wie Erfahrungen
beim Menschen gelehrt haben, können durch zu grosse Dosen sowohl
die Erscheinungen der Salizylvergiftung (Albuminurie, Dysurie,
Nephritis), als der Karbolvergiftung (Koma, Sopor) erzeugt werden.
Dasselbe konstatierte +Willenz+ bei seinen Versuchen mit Pferden und
Hunden; er beobachtete Albuminurie, Nephritis, Tobsucht, Krämpfe,
Enteritis, Herzschwäche und Kollaps. Ein Terrier zeigte nach +Otto+
(Sächs. Jahresber. 1904) nach der fortgesetzten Verabreichung von
Salol (2mal 0,2 pro die) Polyurie und Abmagerung.
=Gaswasser.= Eine Sterke, welche von den flüssigen Abfällen einer
Gasanstalt aufgenommen hatte, wurde auf der Wiese liegend gefunden,
stöhnend, angestrengt atmend, unvermögend zu stehen. Das Maul war
geöffnet und mit schwarzgrau gefärbtem Schaum gefüllt. Bei der
Sektion fanden sich im Wanst 20 l einer breiartigen, stark nach Teer
riechenden Masse; die Schleimhaut der 4 Mägen war schwarz gefärbt
(+Munckel+, Preuss. Mitt. 1882).
=Oleum animale foetidum.= Das stinkende Tieröl wirkt giftig unter den
Erscheinungen von Lähmung und Krämpfen bei Pferden in Dosen von 90
g, bei Hunden von 10 g ab. Die tödliche Dosis beträgt für Pferde 150
g, für Hunde 25 g. -- Ein Pferd erhielt als Wurmmittel 270 g Oleum
animale foetidum; hierauf lag es laut stöhnend am Boden und starb
unter Krämpfen (+Lies+, Zeitschr. f. Vetkde. 1903).
=Russ.= Der Russ (Kienruss, Glanzruss) kann unter Umständen eine
Karbolvergiftung bedingen. Von einer Schafherde, welche auf einem
mit Russ gedüngten Weizenfelde weidete, erkrankten 7 Schafe unter
Lähmungserscheinungen, 3 starben, 10 zeigten angestrengte Atmung
und Verstopfung. Bei der Sektion fand man eine Entzündung der
Psalterschleimhaut, sowie Schwarzfärbung des Mageninhalts.
=Benzol.= Das Benzol, C_{6}H_{6}, ist ein ebenso starkes Gift wie die
Karbolsäure. Es erzeugt nach vorausgegangener Aufregung Betäubung,
Schwäche, Taumeln, Zittern und Tod unter Konvulsionen. Pferde
sterben nach 750, Hunde nach 10 g (+Hertwig+). Gefährlich sind auch
Benzoleinreibungen auf die Haut, namentlich für Katzen. Aehnlich
wirken +Hydrochinon+, +Brenzkatechin+ und +Resorzin+, sämtliche von
der Formel C_{6}H_{4}(OH)_{2}.
=Chinosol.= Das Chinosol, ein Chinolinpräparat
(+Oxychinolinpyrosulfat+), wirkt nach +Schneider+ (Monatshefte
f. prakt. Tierhlkde. X. Bd.) beim Rind erst in Dosen von 130 g,
beim Schaf in Dosen von 35 g tödlich. Die Vergiftungserscheinungen
bestehen in Niesen, Husten, Speichelfluss, motorischer Lähmung,
Tympanitis, Kolik und Hämaturie; die Sektion ergibt Lungenödem,
Gastroenteritis und Nephritis.
=Orzin und Kresorzin.= Zwei Phenolderivate von der Formel
C_{6}H_{3}.CH_{3}.OH.OH wirken nach +Brenneisen+ (Diss. Leipzig
1906) besonders auf Katzen stark giftig (Krämpfe, Lähmungen), welche
schon nach subkutanen Dosen von 1 g zugrunde gehen.
[3] Für die Zwecke der Fleischbeschau hat +Glage+, um auch Spuren von
Karbolsäure im Fleisch rasch nachweisen zu können, die
Brommethode wesentlich vereinfacht (vorheriges Eindampfen mit
Natronlauge). Vergl. die genauere Vorschrift in der Zeitschr. f.
Fleisch- u. Milchhygiene 1901, S. 193.
Vergiftung durch Petroleum.
=Allgemeines.= Das Petroleum findet sich als Rohpetroleum
(Erdöl, Steinöl, Bergöl, Mineralöl, Naphtha) in verschiedenen
Ländern (Amerika, namentlich Pennsylvanien, Kaukasus, Rumänien,
Galizien, Hannover, Bayern). Es ist das Produkt der Zersetzung
vorweltlicher Seetiere, also animalischen Ursprungs, und zwar
ist es wahrscheinlich aus den Fett- und Transtoffen jener
Meertiere durch allmähliche Zersetzung entstanden. Je nach dem
Fundort besteht es aus verschiedenartigen +Kohlenwasserstoffen+,
hauptsächlich aus solchen der Formel C_{n}H_{2n + 2} (Paraffine,
Ethane), welche vom Methan (CH_{4}) bis zum Zeresan (C_{30}H_{62})
in ununterbrochener Reihe vorhanden sind. Die Hauptbestandteile
des +raffinierten+ Petroleums sind Oktan (C_{8}H_{18}), Nonan
(C_{9}H_{20}), Dekan (C_{10}H_{22}), Undekan (C_{11}H_{24}), Dodekan
(C_{12}H_{26}), Tridekan (C_{13}H_{28}), Tetradekan (C_{14}H_{30}),
Pentadekan (C_{15}H_{32}), Hexadekan (C_{16}H_{34}) und Heptadekan
(C_{17}H_{36}). Die im +Rohpetroleum+ ausserdem enthaltenen
Kohlenwasserstoffe sind der Petroleumäther (Pentan, Hexan, Heptan),
sowie festes Paraffin (C_{18}H_{38} bis C_{28}H_{58}) und Zeresin
(C_{29}H_{60} bis C_{35}H_{72}). Ausserdem findet man im Petroleum
stets Terpene (C_{10}H_{16}), aromatische Kohlenwasserstoffe der
Benzolreihe (C_{6}H_{6}), Phenole, Naphthalin, Naphthene, sowie
Petrolsäuren von der Formel C_{n}H_{2n − 2}O_{2}, endlich Spuren
von Schwefel (0,05-0,1 Proz.). Das +Benzin+ wird durch Destillation
des Petroleums gewonnen und besteht hauptsächlich aus Hexan und
Heptan. Vergiftungen mit Petroleum ereignen sich bei der Anwendung
desselben als Räudemittel und Antiparasitikum, sowie als Stomachikum
und Kolikmittel; auch durch zufällige Aufnahme können sie z. B. bei
Schweinen vorkommen. Vergiftungen durch Benzin sind nach dem Waschen
bei Hunden beobachtet worden.
=Krankheitsbild.= Das Petroleum ist im allgemeinen ein sehr wenig
giftiger Stoff. Die Vergiftungserscheinungen äussern sich nach der
innerlichen Aufnahme in +gastrischen+ Störungen, ausserdem bei
innerlicher und äusserlicher Applikation in +Schwindel+, +Betäubung+,
+rauschartigem+ Zustand und +Lähmungserscheinungen+. Aehnlich wirkt
+Benzin+. Die +Behandlung+ der Petroleumvergiftung besteht in der
Verabreichung von Brechmitteln, Abführmitteln, sowie von Exzitantien
(kohlensaures Ammonium, Aether, Kampfer). Der Nachweis ist durch den
charakteristischen Geruch leicht zu führen.
In der +Literatur+ sind folgende Fälle verzeichnet. Zwei Schweine
rieben sich an einem Petroleumfass, wodurch der Spunden gelockert
wurde und Petroleum ausfloss. Sie tranken eine grössere Menge davon,
worauf sie Betäubung und Schreckhaftigkeit, sowie trübe Augen und
kalte Aussentemperatur zeigten. Nach Verabreichung eines Brechmittels
(Rhizoma Veratri albi) trat Genesung ein (+Kayser+, Preuss. Mitteil.
1880). In einem anderen Fall wurden 26 Ochsen, die in einem kleinen
und niedrigen Stalle zusammengepfercht waren, zur Vertilgung der Läuse
mit je einem halben Quart Petroleum eingerieben, wonach sie sich
gegenseitig ableckten. Sie zeigten höhere Rötung der Haut, unterdrückte
Fresslust, Traurigsein, sowie mässiges Fieber, genasen jedoch alle
(+Rüffert+, Preuss. Mitt. 1874). Eine Kuh, welche ⅔ l Petroleum mit ⅓ l
Branntwein zusammen eingeschüttet erhalten hatte, zeigte Schwäche und
Lähmung im Hinterteil, Auftreibung, häufigeren Harnabsatz und starb
nach 23 Stunden (+Röpke+, ibidem 1881). Nach +Poincaré+ sollen ferner
die in den Petroleumwerken verwendeten Zugtiere zuweilen Schlafsucht,
Appetitlosigkeit und heftiges Hautjucken zeigen. 5 Pferde, welche mit
je 1½ l Petroleum energisch über den ganzen Körper eingerieben wurden,
zeigten allgemeine Lähmungserscheinungen, so dass sie sich im Liegen
nicht wieder erheben konnten; 3 Pferde starben (+Mégnin+, Recueil
1892). Einen ähnlichen Fall hat +Martin+ beschrieben (Progr. vét.
1898): 5 Pferde starben nach dem Einreiben von je 1½ l Petroleum nach
7-10 Tagen (Dermatitis, Nephritis, Zystitis). +Salles+ (ibid.) sah bei
2 jungen Ochsen nach dem Einreiben von je ½ l Petroleum Schwanken und
Zusammenstürzen. +Gmeiner+ (Monatshefte für prakt. Tierhlkde. IX. Bd.,
S. 570) sah nach dem Einschütten von 1 l Petroleum bei einem Pferde
Kolik, Benommenheit des Sensoriums, Taumeln und hochgradige Mattigkeit.
+Ehlers+ (Berl. Arch. 1897) beobachtete bei einem mit Petroleum
eingeriebenen Hund eine vollständige Lähmung des Hinterteils. Eine
ähnliche Vergiftung bei einer Ziege, die wegen Läusen mit Petroleum
gewaschen wurde, hat +Eppinger+ beobachtet (Tierärztl. Zentralblatt
1900). Nach +Möbius+ (Sächs. Jahresber. pro 1898) starben 6 Gänse
infolge der Aufnahme von petroleumhaltigem Wasser. Ein mit Benzin
gewaschener Hund zeigte schwere Bewusstlosigkeit und Herzschwäche,
genas jedoch nach der Verabreichung exzitierender Mittel (+Guhrauer+,
Z. f. Vetkde. 1909).
=Naphthalin.= Ein Pferd, welches aus Versehen innerlich Naphthalin
erhalten hatte, zeigte die Erscheinungen der Hämoglobinurie
(+Siedamgrotzky+, Sächs. Jahresber. pro 1892). -- 14 junge +Hühner+,
welche in einen Raum gesperrt wurden, in dem sich in Schränken und
Kisten mit Naphthalin bestreute Kleider und Pelze befanden, wurden
am andern Morgen tot, 1 Mutterhenne in Krämpfen liegend gefunden
(+Jagmin+). -- Kaninchen zeigen nach längerer Verabreichung von
Naphthalin Trübung der Linse (Naphthalinstar), Trübung und Ablösung
der Netzhaut, Atrophie der Papille und Nephritis (+Bouchard+ u. a.).
-- Ein Hund, welcher auf Teppichen gelegen hatte, die mit Naphthalin
bestreut waren, zeigte vorübergehende Erscheinungen von Tobsucht
(+Otto+, Sächs. Jahresber. 1901). -- +Regenbogen+ (Berl. T. W. 1903)
berichtet über einen forensischen Fall von Naphthalinvergiftung bei
12 Pferden, die gegen Druse je einen Esslöffel voll Rohnaphthalin als
„Kropfpulver“ aus einer Apotheke erhalten hatten und darauf unter
Kolikerscheinungen und Dunkelfärbung des Harns schwer erkrankten;
bei einem gestorbenen Pferde ergab die Sektion Nephritis und
Leberentzündung. Die hierauf von +Regenbogen+ an Pferden, Rindern
und Hunden angestellten Versuche mit Naphthalin lehrten, dass 20-25
g für Pferde giftig, 30 g tödlich wirken durch Auflösung der roten
Blutkörperchen. Die Vergiftung äussert sich durch Hämoglobinurie,
Nephritis, Cholurie und allgemeinen Ikterus.
=Naphthol.= Ein Pferd, welches gegen die sog. Sommerräude mit
spirituöser Naphthollösung eingerieben wurde, zeigte heftige
Reizung der Kopfschleimhäute, epileptiforme Krämpfe abwechselnd mit
Depression, Hämoglobinurie, Albuminurie, Anurie und Kollaps. Die
Sektion ergab hämorrhagische Nephritis, Ikterus, sowie Degeneration
der Leber und des Herzens (+Regenbogen+, B. T. W. 1903).
Vergiftung durch Kohlenoxyd.
=Allgemeines.= Das Kohlenoxyd, CO, ist ein sehr giftiges Gas,
welches bei der Verbrennung der Kohle unter ungenügendem Zutritt von
Sauerstoff an Stelle der sonst gebildeten Kohlensäure entsteht: C +
O_{2} = CO_{2} (Kohlensäure); C + O = CO (Kohlenoxyd). Es findet sich
hauptsächlich im sog. +Kohlendunst+, der sich bei falscher Stellung
der Ofenklappen, sowie bei Heizung von Räumen mit Kohlenpfannen und
Gasöfen ohne Abzug bildet, und in welchem es zu 0,3-0,5 Proz. neben
Kohlensäure (6 Proz.), Sauerstoff und Stickstoff enthalten ist.
Ausserdem ist es der giftigste Bestandteil des +Leuchtgases+ (vergl.
die Vergiftung durch Leuchtgas). Vergiftungen durch freies Kohlenoxyd
sind bei Hunden, Pferden, Rindern, Katzen und Ziegen beobachtet
worden.
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Das Wesen der Kohlenoxydvergiftung
besteht in einer +Blutvergiftung+, nämlich in einer Verdrängung
des Sauerstoffs aus seiner Verbindung mit dem Hämoglobin durch das
Kohlenoxyd. Das Oxy-Hämoglobin, welches die Sauerstoffaufnahme und
die innere Sauerstoffübertragung vermittelt und damit als Grundlage
der Atmung dient, verwandelt sich in das die Abgabe von Sauerstoff
und somit die Atmung verhindernde und daher Erstickung bedingende
+Kohlenoxyd-Hämoglobin+. Die Affinität des Hämoglobins zum Kohlenoxyd
ist 200mal stärker, als die zum Sauerstoff. +Die roten Blutkörperchen
selbst werden durch Kohlenoxyd weder aufgelöst, noch in ihrer Form
verändert.+ Die chemische Bindung des Kohlenoxyds an das Hämoglobin ist
schon äusserlich an der violetten bis hellkirschroten Farbe des Blutes
zu erkennen. Tiere, welche Luft mit einem Gehalt von 0,05-0,2 Proz.
Kohlenoxyd einatmen, sterben an Kohlenoxydvergiftung. Ob das Kohlenoxyd
ausser seiner Wirkung auf das Blut auch noch eine direkte Wirkung
auf das Nervensystem und andere Organe besitzt, ist streitig. Nach
+Geppert+ und +Kobert+ ist das Kohlenoxyd auch ein Nervengift, indem es
die Ganglienzellen des Gehirns und die peripheren Nerven lähmt; es ruft
ferner in den Muskeln und Drüsen degenerative Veränderungen hervor und
steigert als Stoffwechselgift den Eiweisszerfall enorm.
Die Kohlenoxydvergiftung hat in ihren Einzelerscheinungen und in ihrem
Wesen viel Aehnlichkeit mit der Blausäurevergiftung. Man beobachtet
zunächst +Schwindel+, +Taumeln+, +Betäubung+, +Bewusstlosigkeit+,
sowie +Lähmungserscheinungen+ namentlich an den hinteren Extremitäten;
später treten +Krämpfe+ und +Erstickungserscheinungen+ auf. Die
Erscheinungen der Lähmung können längere Zeit (Wochen lang) anhalten.
Bei der +Sektion+ findet man auffallend +hellrotes, flüssiges Blut+
in allen Organen, sowie die Erscheinungen der Erstickung, verbunden
mit hellroten kleinen Blutaustritten in verschiedenen Organen. -- Das
Kohlenoxyd geht auch von der Mutter auf den Fötus über.
=Behandlung.= Sie besteht wie bei der Leuchtgasvergiftung in sofortiger
Zufuhr von +frischer Luft+ oder in Sauerstoffinhalation, in der
Vornahme eines +Aderlasses+ verbunden mit +Transfusion+ von Blut
derselben Spezies oder einer 0,6proz. alkalischen Kochsalzlösung, sowie
in der Anwendung von +Exzitantien+ (Hautreize, kalte Duschen, subkutane
Kampfer- und Aetherinjektionen, Elektrizität).
=Nachweis.= Ausser durch die +kirschrote+, +violette+ oder +rosarote
Färbung des Blutes+ bei der Sektion lässt sich das Kohlenoxyd chemisch
durch +Sublimat+ (pfirsichrote Färbung des Blutes) oder +Chlorkalzium+
(defibriniertes Blut mit dem doppelten Volum Aetznatronlauge wird bei
Zusatz von Chlorkalzium karminrot), endlich durch +Kupfervitriol+ (2
ccm Blut mit ebenso viel Wasser und 3 Tropfen einer zu einem Dritteil
gesättigten Kupfervitriollösung geben einen ziegelroten Niederschlag)
nachweisen. Wichtiger ist der Nachweis des Kohlenoxyds im Blute
mittels des +Spektroskops+. Kohlenoxydblut zeigt nämlich 2 ähnliche
+Absorptionsstreifen+, wie gesundes Blut; dieselben +schwinden+
aber auf Zusatz +reduzierender+ Mittel (Schwefelammonium) oder von
Zyankalium +nicht+, wie im gesunden Blute.
=Kasuistik.= 2 Hunde zeigten nach der zufälligen Einatmung
von Kohlenoxydgas schwankenden Gang, Sehstörungen, starke
Pupillenerweiterung, Verlust des Gehörs, Verlangsamung des
Herzschlages, sowie Lähmungserscheinungen. Bei dem einen Hund
verschwanden die Lähmungserscheinungen nach 14 Tagen, der andere
musste dagegen getötet werden, nachdem innerhalb 3 Wochen eine
Besserung nicht eingetreten war (+Rietzel+, Ad. Woch. 1885).
-- Ein kalter Stall, in welchem 2 Ochsen standen, sollte durch
glühende Kohlen erwärmt werden. Eine Stunde darauf zeigten die
Tiere Bewusstlosigkeit, niedere Kopfhaltung, Kauen und Speicheln,
Atembeschwerden, unfühlbaren Puls und Nasenbluten; das Verbringen in
freie Luft, kalte Begiessungen und Aderlass hatten Wiederherstellung
der Tiere zur Folge (+Nicklas+, Wochenblatt 1. Bd.). -- In ein
festverschlossenes Zimmer wurden 4 brennende Kohlenbecken und ein
Hund versuchsweise eingebracht. Nach 15 Minuten zeigte derselbe
Schlafsucht, Unruhe und Heulen, nach 30 Minuten Krämpfe und
Atmungsbeschwerden, nach 50 Minuten starb der Hund (+Orfila+,
Toxikologie). -- +Leonhardt+ (Berl. Arch. 1893) berichtet über eine
Kohlenoxydvergiftung bei 2 Pferden, welche in ihrem Stalle infolge
Einatmung von Kohlenoxyd tot aufgefunden wurden und bei denen die
spektroskopische Untersuchung des Blutes (+Rubner+) die Diagnose
bestätigte. Einen ähnlichen Fall hat +Hock+ (Woch. f. T. 1896)
beobachtet. -- In einem mit Koksofen geheizten Stall starben 2 Pferde
und der Diener, 2 andere Pferde blieben am Leben, wahrscheinlich weil
sie standen; eines derselben zeigte Benommenheit, Mangel an Appetit
und Verlangsamung des Pulses (24). Die Sektion der gestorbenen Pferde
ergab kirschrotes, unvollständig geronnenes Blut, Anhäufung desselben
in den Lungen, leere Herzkammern, sowie Anämie der Gefässe der
Unterhaut (+Otto+, Sächs. Jahresber. 1899). -- Infolge Einatmung von
Kohlendunst starben 2 Ziegen, 1 Pferd und 1 Katze; 2 Hühner blieben
gesund (+Berg+, Zeitschr. f. Vet. 1904). -- Zum Vergiften von Hunden
wird neuerdings das sog. Generatorgas empfohlen (CO oder CO + H oder
CH_{4}). -- Die experimentelle tödliche Dosis des Kohlenoxyds für
Hunde beträgt etwa 1 g.
Vergiftung durch Leuchtgas.
=Allgemeines.= Das Leuchtgas wird gewöhnlich dargestellt durch
trockene Destillation der Steinkohlen, welche in eisernen
Retorten auf etwa 1000 Grad erhitzt werden. Es ist eine Gemenge
von +Kohlenwasserstoffen+ der Methan-, Azetylen-, Aethylen- und
aromatischen Reihe mit +Kohlenoxyd+ etc. und enthält als wichtigsten
Kohlenwasserstoff das +Methan+ (CH_{4}), das sog. Sumpf- oder
Grubengas. Die giftige Wirkung grösserer Mengen von Leuchtgas
(kleinere Mengen sind unschädlich) ist nur zum Teil auf seinen Gehalt
an +Methan+ (40 Proz.) zurückzuführen. +In der Hauptsache kommt der
Gehalt des Leuchtgases an Kohlenoxyd+ (5-10 Proz.) +in Betracht+.
Ueber klinische Beobachtungen von Leuchtgasvergiftungen bei den
Haustieren (Pferd, Katze) ist von +Gerlach+ und +Csokor+ (Gerichtl.
Tierheilkunde; Oesterr. Vierteljahrsschrift 1888) berichtet worden.
Experimentelle Untersuchungen an Tieren sind von +Biefel+ und +Polek+
(Zeitschrift für Biologie Bd. 16) gemacht worden.
=Krankheitsbild.= Die Erscheinungen der Leuchtgasvergiftung sind
im wesentlichen dieselben wie bei der +Kohlenoxydvergiftung+. Zum
Teil haben sie Aehnlichkeit mit dem Bild der +Chloroformnarkose+.
Sie bestehen in +Benommenheit+ des +Sensoriums+, Betäubung,
+Taumeln+, +Muskelschwäche+, +Lähmung+ der Extremitäten, Atemnot,
Pulsbeschleunigung, sowie in anhaltendem Auftreten allgemeiner
+Krämpfe+; durch letztere unterscheidet sich die Leuchtgaswirkung
von der Chloroform- und Aethernarkose. Bei der +Sektion+ findet man
das Blut hellrot gefärbt (Kohlenoxyd-Hämoglobin) und dünnflüssig;
das Gehirn und seine Häute sind stark hyperämisch. Zuweilen fällt
schon während des Lebens eine hellrote Farbe der Schleimhäute
auf. Die +Behandlung+ besteht in Zufuhr frischer Luft oder in
Sauerstoffinhalation, Einleitung künstlicher Atmung, sowie in der
Anwendung von Exzitantien (Aether und Kampfer subkutan, Kaffee, Wein,
kalte Begiessungen).