=Allgemeines.= Die Karbolsäure veranlasst in verschiedenen Formen

Vergiftungen bei den Haustieren. 1. Die +reine Karbolsäure+

(kristallisierte Karbolsäure) ist eine farblose oder kaum rötliche,

erstarrte kristallinische Masse, welche sich in 1 : 20 Wasser löst.

Mit 1/10 Wasser gemischt, bildet sie die verflüssigte Karbolsäure

(Acidum carbolicum liquefactum). Die reine Karbolsäure hat seit

ihrer Einführung als Antiseptikum (1870) zahlreiche Vergiftungen

verursacht. Dieselben sind teils bei der Wundbehandlung (namentlich

bei Katzen), teils in der Geburtshilfe (Ausspülung des Uterus beim

Rind und Hund), vor allem aber bei der Behandlung der Räude der

Schafe, Hunde und Pferde mittels Karbolbädern und Karbolwaschungen

beobachtet worden. 2. Die +rohe Karbolsäure+ des Handels stellte

früher das Rohprodukt der reinen Karbolsäure dar und enthielt

bis zu 80 Proz. derselben. Gegenwärtig ist sie nahezu ganz frei

von Karbolsäure und besteht fast ausschliesslich aus den höheren

Homologen der Karbolsäure, namentlich Kresolverbindungen; vergl.

S. 154. Vergiftungen ereignen sich bei der Anwendung der rohen

Karbolsäure als Desinfektions- und Räudemittel. 3. Der +Teer+ wird

teils als Holzkohlenteer, teils als Steinkohlenteer benützt. Er

enthält in beiden Formen grössere Mengen von Karbolsäure (neben

Kreosot, Naphthalin, Kresol, Holzessigsäure, Brenzkatechin, Benzol)

und gibt bei der Räudebehandlung (Teereinreibungen bei Hunden und

Katzen) und Desinfektion (Ablecken des Teeranstrichs durch Rinder)

Veranlassung zur Karbolvergiftung. 4. Das +Kreosot+ enthält in der

im Handel vorkommenden Form immer grössere Mengen von Karbolsäure;

das reine, offizinelle, aus Buchenholzteer dargestellte Kreosot soll

dagegen nur aus Guajakol und Kreosol bestehen. Kreosotvergiftungen

zeigen sich bei Hunden, Schafen, Pferden und Katzen bei der

Räudebehandlung; sie stellen meistens Karbolvergiftungen dar. 5. Der

+Holzessig+ enthält neben Karbolsäure Kresol, Essigsäure, Holzgeist

und Azeton. 6. Das +Kreolin+, +Lysol+, +Bazillol+ und andere ähnliche

Kresolpräparate enthalten entweder gar keine oder nur Spuren von

Karbolsäure, können also für gewöhnlich eine Karbolvergiftung nicht

bedingen. Ueber die Giftwirkung der Kresole vergl. S. 154. 7. Das

+Gaswasser+ bildet sich neben dem Steinkohlenteer als wässeriges

Destillat bei der Gasfabrikation. Es enthält neben Karbolsäure

und Teerbestandteilen namentlich Zyan- und Ammoniumverbindungen

(Zyanammonium, chlorsaures Ammonium und Schwefelammonium). Es

gibt zu Karbolvergiftungen Veranlassung, wenn in der Nähe von

Gasfabriken weidende Rinder von dem Gaswasser trinken. 8. Das

+stinkende Tieröl+ besteht aus Karbolsäure, Kreosot, Pyridinbasen und

Ammoniumverbindungen; Vergiftungen ereigneten sich früher bei der

Anwendung als Räudemittel und Wurmmittel. 9. Der +Russ+, welcher in

der Hauptsache aus Kohle besteht, enthält ebenfalls geringe Mengen

von Karbolsäure und Kreosot und kann bei reichlicher Aufnahme eine

Karbolvergiftung bedingen (vergl. die Kasuistik).

=Krankheitsbild.= Die Karbolsäure wirkt in konzentriertem Zustand

örtlich +ätzend+. Nach ihrer Resorption wirkt sie als zentrales

Nervengift teils +lähmend+, teils +krampferregend+. +Die Erscheinungen

der Karbolvergiftung bei Tieren unterscheiden sich durch das

Hinzutreten von Krämpfen wesentlich von der Karbolvergiftung beim

Menschen.+ Die einzelnen Krankheitserscheinungen sind: +Verätzung+

der Lippen- und Mundschleimhaut bei konzentrierter Anwendung;

Appetitverminderung, Speicheln, +Erbrechen+, Diarrhöe, leichte

+Kolikschmerzen+, Aufbiegen des Rückens; schmutzig getrübter,

+grünlichbrauner+ (Hydrochinon), eiweisshaltiger, nach Karbolsäure

riechender +Harn+; Parese und Paralyse der Nachhand, +Lähmung+ des

ganzen Körpers, zuweilen plötzliches Zusammenstürzen, +Zittern+,

Schreckhaftigkeit, Unruhe, +tonisch-klonische Krämpfe+, +Betäubung+,

+Koma+, +Kollaps+; +Sinken der Innentemperatur+ bei Beschleunigung des

Pulses; unregelmässige, erschwerte Respiration. Zuweilen entwickeln

sich die Symptome einer +Nephritis+ (weisse und rote Blutkörperchen,

Zylinder im Harn). Der +Verlauf+ der Karbolvergiftung ist zuweilen

ausserordentlich rasch; in anderen Fällen kann die Dauer 2-3 Tage,

zuweilen auch viel länger betragen (bis zu 14 Tagen).

=Sektionsbefund.= Bei konzentrierter innerlicher Verabreichung

findet man die Erscheinungen einer +korrosiven Gastroenteritis+. Die

Allgemeinveränderungen, wie sie namentlich nach der epidermatischen

Anwendung der Karbolsäure auftreten, bestehen in Leberverfettung,

parenchymatöser Degeneration des Herzens, Verfettung der Nieren und

zuweilen in parenchymatöser Nephritis. Daneben findet man dunkles,

schlecht geronnenes, schmieriges Blut, Gehirn- und Lungenhyperämie,

Piaödem, serösen Erguss in die Ventrikel, sowie Karbolgeruch aller

Organe.

=Behandlung.= Das wichtigste chemische Antidot der Karbolsäure ist die

+Schwefelsäure+. Sie wird entweder als solche in sehr stark verdünntem

Zustand oder in Form der schwefelsauren Alkalien, namentlich als

+Glaubersalz+ und +Bittersalz+ verabreicht (Bildung von ungiftigem,

phenolsulfonsaurem Kalium im Blut). Auch +Seife+ wird als ein gutes

Gegengift empfohlen (Bildung einer Emulsion, Umwandlung der Karbolsäure

in ungiftiges Phenolnatrium). Neuere Gegenmittel sind +Jodtinktur+

(Bildung von Jodphenol) und Terpentinöl. Ausserdem verabreicht man

+einhüllende+ Mittel, namentlich +Eiweiss+, welches mit Karbolsäure

einen Niederschlag gibt; auch +Leimwasser+ besitzt diese Eigenschaft.

Bei Hunden und Pferden kann man ferner eine +Magenausspülung+

vornehmen. Die Lähmungserscheinungen behandelt man mit +exzitierenden+

Mitteln, namentlich mit subkutanen Aether- und Kampferinjektionen, mit

Hoffmannstropfen, Wein, Kaffee, Koffein, Atropin, Hyoszin oder Veratrin.

=Nachweis.= Die Karbolsäure ist meist schon allein durch den +Geruch+

festzustellen. Auch die +schwarzbraune+ Verfärbung des +Harns+,

sowie die +grauweissen Aetzschorfe+ sind klinische Kennzeichen.

Zum Zweck des chemischen Nachweises wird die Karbolsäure aus den

Eingeweiden und dem Blut gewöhnlich durch +Destillation+ nach

vorheriger schwacher Ansäuerung mit Schwefelsäure oder Phosphorsäure

abgeschieden, wobei sofort der +kreosotartige+ Geruch des Destillates

auffällt. Aus dem Destillat wird sodann die Karbolsäure durch

Schütteln mit Aether ausgezogen und nach dem Verdunsten des Aethers

konzentriert erhalten. Eine andere Extraktionsmethode besteht

darin, dass der mit Schwefelsäure angesäuerte Mageninhalt mit dem

vierfachen Alkohol gemischt, nach 24 Stunden filtriert und der

Alkohol im Vakuum bei möglichst niederer Temperatur abdestilliert

wird. Der mit Petroleumäther entfettete Rückstand wird sodann mit

Benzin ausgeschüttelt, welches die Karbolsäure leicht aufnimmt.

Behufs Vornahme der Einzelreaktionen wird die Karbolsäure in Wasser

gelöst. Diese Reaktionen sind folgende: 1. +Bromwasser+ gibt mit

wässerigen Karbollösungen einen +gelblichweissen, kristallinischen

Niederschlag+ von +Tribromphenol+[3], welcher mikroskopisch aus

einem Gewirre feiner, häufig zu Drusen vereinigter Kristallnadeln

besteht (Empfindlichkeit 1 : 100000; bei starker Verdünnung tritt der

Niederschlag nur langsam ein). Dieser Niederschlag kann auch gesammelt,

gewogen und auf Karbolsäure berechnet werden (quantitative Analyse).

2. +Schwefelsaures Eisenoxyd+ färbt die wässerige Karbollösung noch

bei 1 : 2000 +blaulila+, +Eisenchlorid violett+. 3. +Ammoniaklösung+

(¼) und +Chlorkalklösung+ (einige Tropfen einer 5prozentigen) färben

das Karbolwasser nach gelindem Erwärmen +königsblau+ noch bei einem

Karbolgehalt von 1 : 20000. 4. +Salpetersaures Quecksilberoxydul+

(NO_{2}haltig) mit Karbollösung erwärmt, gibt eine +Rosafärbung+;

Empfindlichkeit 1 : 100000. 5. +Anilin+ und unterchlorigsaures Natron

in gleichen Teilen der stark verdünnten Säure zugesetzt, geben eine

+Blaufärbung+ (= erythrophenolsaures Natron), welche sich bei Zusatz

einer Säure in Rot umwandelt; Empfindlichkeit 1 : 66000. 6. +Eiweiss+

und Leim werden durch konzentrierte Karbolsäure aus ihren Lösungen

+ausgefällt+; auf der Haut entsteht ein +weisser Aetzschorf+. 7. Ein

+Fichtenspan+, der in wässerige Karbollösung getaucht ist, wird beim

Befeuchten mit konzentrierter Salzsäure +blau+ (unsicher).

=Kreosot= färbt sich in ganz reinem Zustand (Kreosol-Guayakol)

im Gegensatz zur Karbolsäure mit Eisenchloridlösung unter Zusatz

von Weingeist +grün+, bei Wasserzusatz wird die Lösung +farblos+.

Weil jedoch das Kreosot meist Karbolsäure enthält, wird die Lösung

nach Wasserzusatz gewöhnlich violett. +Ein Mittel, Kreosot bei

gleichzeitiger Anwesenheit von Karbolsäure nachzuweisen, gibt es nicht.+

=Karbolsäure.= Am empfindlichsten gegen Karbolsäure sind +Katzen+;

sie können schon durch sehr kleine Dosen von Wunden aus (0,5-1,0)

sehr rasch vergiftet werden. Hunde sterben nach der innerlichen

Verabreichung von 2-7 g. Am wenigsten empfindlich scheinen +Pferde+

gegenüber der innerlichen Anwendung der Karbolsäure zu sein. Nach

+Munk+ (Berliner Archiv 1882) ertrugen mittelgrosse Pferde ohne

Nachteil 100 g Karbolsäure auf einmal, sowie 500 g im Verlauf einer

Woche; er führt dies auf die vermehrte Oxydation der Karbolsäure

im Blut des Pferdes und auf die raschere Umwandlung zu Hydrochinon

zurück. -- Von den in der Literatur verzeichneten Vergiftungsfällen

mögen die nachstehenden kurz erwähnt sein. Einem mit einem

Widerristschaden behafteten Pferde wurden 350 g einer konzentrierten

spirituösen Karbolsäurelösung innerhalb 2 Tagen eingerieben. Am

2. Tage stürzte das Pferd plötzlich zusammen, zeigte allgemeine

Lähmung, starken Schweissausbruch, angestrengte Atmung, unfühlbaren

Puls, Erweiterung der Pupille und starb bald hernach. Die Sektion

ergab lediglich eine schwarze teerartige Beschaffenheit des Blutes

(+Thoms+, Preuss. Mitt. 1879). -- Von 5 räudigen Pferden, welche vom

Besitzer 3mal innerhalb 6 Tagen mit einer spirituösen Karbollösung

(1 : 3) eingerieben worden waren, starben 2 am 3., die übrigen 3

bis zum 10. Tage unter heftigen Kolikerscheinungen, hochgradiger

Schwäche und Entleerung eines dunkelbraun gefärbten Harnes (Berl.

Arch. Bd. 13). -- Im Regiment Chasseurs d’Afrique wurde ein räudiges

Pferd mit einer 10proz. Lösung von roher Karbolsäure eingerieben.

Nach einer Stunde zeigte es heftiges Zittern, Schreckhaftigkeit,

Schwanken, Muskelzuckungen am ganzen Körper, sowie beschleunigte

Atmung; die Haut war an den eingeriebenen Stellen geschwollen und

schmerzhaft (+Décroix+, Recueil 1873). -- Nach dem Berieseln einer

grossen Hautwunde mit Karbolwasser (rohe Karbolsäure) traten 8

Stunden darauf Zittern, Puls- und Atmungsbeschleunigung, sowie nach

6stündiger Krankheitsdauer der Tod ein (+Schäfer+, Berl. Arch. 1885).

-- Nach Abnahme der Nachgeburt bei einer Kuh wurde der Uterus mit

einer Auflösung von 140 g Karbolsäure in 12 l Wasser ausgespült.

Bald darauf stellten sich allgemeines Zittern und Schwanken,

sowie periodische Krampfanfälle, besonders an den Nackenmuskeln,

Augenmuskeln und Ohrenmuskeln ein. Die Atmung war sehr erschwert, und

das Tier hatte Mühe, sich auf den Beinen zu erhalten. Nach 4stündiger

Dauer waren die Erscheinungen wieder verschwunden (+van Leuwen+,

Holl. Vet.-Zeitschr. 1888). -- Karbolsäurelösung, tropfenweise auf

die Haut von Katzen gebracht, hatte klonisch-tonische Krämpfe zur

Folge (ibidem 1887). -- 120 Schafe wurden in Karbollösung gebadet.

15 starben, mehrere fielen schon während des Badens um. Die Atmung

war sehr angestrengt (+Schmitt+, Preuss. Mitt. 1881). -- Von 40

mit Karbolsäurelösung gewaschenen Schafen starben 23 (+Schumann+,

ibidem 1883). -- Hühner starben an Karbolvergiftung nach Aufnahme

von Karbolkalk (Oesterreich. Vierteljahrsschrift 1883). -- Ein

Rattenfänger zeigte nach dem Waschen einer Wunde mit 2½proz.

Karbolwasser Zittern, Taumeln, Zusammenstürzen, Muskelzuckungen,

sowie völlige Bewusstlosigkeit; nach 2 Tagen entstand ausgedehnte

Mumifikation der Haut (+Schmid+, Woch. f. Tierh. 1900). -- Ferkel

zeigten angeblich nach der Desinfektion des Stalles mit reiner

Karbolsäure Apathie, Zittern, beschleunigte Atmung und Herztätigkeit,

dunkelrote Farbe der Ohren und aufgehobene Fresslust; die Sektion

soll amyloide und fettige Degeneration der Leber ergeben haben

(+Teply+, ibid. 1905).

=Teer.= Experimentelle Untersuchungen über Karbolvergiftung nach

+Teereinreibungen+ sind von +Ellenberger+ und +Hofmeister+ (Sächs.

Jahresber. 1882) an Hunden und Schafen gemacht worden. Ein räudiger

Jagdhund, welcher über den ganzen Körper leicht eingeteert wurde,

zeigte sich am nächsten Tag matt und unlustig, frass schlecht und

lag viel. Die Temperatur war von 39,0° auf 37,2° gesunken. Am 2.

und 3. Tag fiel die Temperatur auf 36,0°. Die Atmung war beschwert.

Am 4. Tag trat Lähmung eines Hinterbeines, sowie grosse allgemeine

Schwäche ein. Am 5. Tag war die Lähmung vollständig, namentlich war

Paralyse der Nachhand vorhanden, der Harn war von grünlichbrauner

Farbe, enthielt Gallenfarbstoffe und Spuren von Eiweiss. Nach

Verabreichung von Glaubersalz trat innerhalb 3 Wochen Genesung

ein. Nach einer später 2mal wiederholten Einteerung des ganzen

Körpers zeigte derselbe Versuchshund Appetitlosigkeit, Mattigkeit,

Zittern und Sinken der Körpertemperatur. Am 4. Tag war Karbolsäure

im Harn, sowie am 6. Tag Lähmung des Hinterteils nachzuweisen.

Es bestand starkes Speicheln (Ablecken). In den nächsten Tagen

traten Muskelzuckungen auf. Unter Zunahme der Mattigkeit starb der

Hund am 15. Tag unter Krämpfen. Die Sektion ergab hämorrhagische

Gastroenteritis, Leberverfettung, Nierenverfettung, parenchymatöse

Degeneration des Herzmuskels, Lungenödem, sowie starke seröse

Hyperämie in der Brust- und Bauchhöhle. Die Magendarmentzündung war

durch Ablecken des Teers entstanden. Ein ebenfalls eingeteertes

Schaf zeigte ähnliche Erscheinungen. Die Temperatur sank von 39,5

auf 38,4°; im Harn war Karbolsäure und Eiweiss nachzuweisen; der

Tod erfolgte unter klonischen Krämpfen. Bei der Sektion fand man

parenchymatöse Nephritis, markige Schwellung der Gekrösdrüsen,

leichten Magendarmkatarrh und vereinzelte Hämorrhagien, Oedem der

Pia, Anfüllung der Seitenventrikel des Gehirns mit Serum. Bei

einem zweiten Schaf, bei welchem nur der vierte Teil des Körpers

überfirnisst wurde, zeigte sich Temperaturabfall, grünlichbrauner,

Eiweiss, Epithelien, Leukozyten und Karbolsäure enthaltender

und deutlich nach Karbolsäure riechender Harn, sowie Parese der

Nachhand. Nach Verabreichung von Schwefelsäure und Glaubersalz

trat bald Besserung ein. -- +Grosswendt+ (Zündels Jahresbericht

1881) beobachtete bei Kühen, welche den Teeranstrich von den Wänden

abgeleckt hatten, starkes Speicheln, Appetitlosigkeit, Mattigkeit,

dunkelgefärbten Harn, Polyurie, schwarzen, breiartigen Kot, sowie

Schwäche im Hinterteil. Eine Kuh starb nach 15 Tagen. -- Ein Rind,

dem wegen Hornbruchs ein Teerverband mit reichlichem Eindringen von

Teer in die Stirnhöhle angelegt worden war, zeigte einen starken

soporösen Zustand, der nach Anwendung von Kaffee und Branntwein

verschwand (+Beel+, Holländ. Zeitschr. 1890). -- Eine Kuh zeigte

nach dem Trinken von Wasser aus einem Teerfass verminderten Appetit,

Speicheln und dunklen Harn (+Gebhard+, Woch. f. T. 1902).

=Kreosot.= Die giftige Wirkung des reinen, karbolsäurefreien Kreosots

auf die verschiedenen Haustiere ist geringer als die der Karbolsäure.

Die +Vergiftungserscheinungen+ bestehen, abgesehen von den örtlichen

Veränderungen, in +Lähmungszuständen+ und +Betäubung+; im Gegensatz

zur Karbolsäure sollen Krämpfe fehlen. Hunde sterben nach +Hertwig+

auf 2-8 g Kreosot unter Eintritt von Schwäche, Schwindel, Lähmung,

Erbrechen und Erstickungsanfällen. Bei dem oft hohen Karbolgehalt

der gewöhnlichen, nicht offizinellen Kreosotsorten des Handels

stimmt das Bild der Kreosotvergiftung jedoch häufig mit dem der

Karbolsäurevergiftung vollkommen überein. So beobachtete +Germain+

(Recueil de méd. vét. 1882) nach der Einreibung von 130 g Kreosot

bei Pferden Schwanken, Hinfälligkeit, Herabhängen der Lippen und

Ohren, allgemeines Zittern, Zusammenbrechen, Salivation, klonische

Krämpfe in den hinteren Extremitäten, sowie komatöse Erscheinungen.

-- Eine tödliche Kreosotvergiftung bei einem mit Dermatoryktesräude

behafteten Pferde ist in der preussischen Armee beobachtet worden

(Pr. Mil. Vet.-Ber. 1894).

=Holzessig.= Die Wirkungen des Holzessigs auf die einzelnen Haustiere

sind in früheren Zeiten von +Justinus Kerner+, +Berres+, +Hertwig+,

+Schubarth+ u. a. eingehend untersucht worden. Das Vergiftungsbild

stimmt mit dem der Karbolsäure- und Kreosotvergiftung überein.

+Katzen+ stürzen nach 2-4 g Holzessig augenblicklich zusammen,

bekommen über den ganzen Körper Konvulsionen, schreien, zeigen

Erbrechen, Speicheln, Urinabgang und sterben nach 1½-2 Minuten.

Kleinere +Hunde+ sterben nach 15 g unter den Erscheinungen

hochgradiger Mattigkeit und Abstumpfung, Zittern, Speicheln,

Husten; grössere Hunde ertragen 30 g ohne lebensgefährliche Folgen,

wenn dieselben mit der Schlundsonde eingegeben werden (+Hertwig+).

+Schafe+ sterben auf 60 g, +Hühner+ auf 8 g (Betäubung, Schwanken,

Zuckungen, Erbrechen, blaurote Verfärbung des Kammes). Dagegen

ertragen +Kühe+ und +Pferde+ bis zu 360 g rohen Holzessig ohne

Nachteil. -- Ein mit Holzessig gegen Strahlkrebs behandeltes

Pferd starb angeblich 8 Tage später unter den Erscheinungen der

Karbolvergiftung (+Wilhelm+, Sächs. Jahresber. 1888).

=Kreolin.= Das karbolsäurefreie und unzersetzte Kreolin ist als

Antiseptikum und Räudemittel in der üblichen Applikationsform und

Konzentration ungiftig. Bei stärkeren Konzentrationen (4-10proz.),

in zersetztem Zustand (Säurezusatz, Flaschenreste), bei starkem

Karbolgehalt (Artmannsches Kreolin), bei der regelwidrigen

Einreibung des ganzen Körpers, sowie bei innerlicher Verabreichung

in grösseren Dosen wirkt es dagegen namentlich bei Pferden giftig.

Die +Vergiftungserscheinungen+ sind ziemlich dieselben wie bei der

Karbolvergiftung: +Muskelzittern+, +klonisch-tonische Krämpfe+,

Schweissausbruch, +Schwäche+, Taumeln, zuweilen plötzliches

+Zusammenstürzen+, allgemeine +Lähmung+, +Herzlähmung+ (sehr

frequenter, unfühlbarer Puls, subnormale Körpertemperatur),

+Dyspnoe+, +dunkelbrauner Harn+, Albuminurie. Die Behandlung

besteht in der Anwendung von Exzitantien und in der Verabreichung

von Sulfaten. Typisch ist der nachfolgende, bei einem Militärpferd

beobachtete Fall von Kreolinvergiftung (Pr. Mil. Vet.-Ber. pro 1895).

Zur Vertilgung der Läuse wurden 2 Pferde mit Kreolinlösung gewaschen.

Eine 4prozentige Lösung von Pearsonschem Kreolin hatte sich nicht

wirksam gezeigt, es wurde daher bei der zweiten Waschung eine

6prozentige gewählt. Beide Pferde waren vor der Waschung vollkommen

gesund und hatten keine Verletzungen. Gewaschen wurden namentlich der

Kopf, die Mähne, die Kruppe und die Gliedmassen, die übrigen Teile

des Körpers wurden nur angefeuchtet und glatt gebürstet. Gleich nach

dem Waschen stürzte das eine der Pferde in seinem Stand nieder; das

Auge schien wie gebrochen, die Augenbindehaut war tiefrot gefärbt,

die Pupille erweitert. Die Nüstern wurden weit aufgerissen, das Maul

geöffnet. Der Herzschlag war tumultuarisch; beide Herztöne waren

nicht zu unterscheiden. Der Puls unfühlbar, die Arterie klein und

hart. Die oberflächliche Atmung wurde 92mal in der Minute ausgeführt

und geschah röchelnd. Ferner bestand anhaltendes hochgradiges

Muskelzittern; in den Gliedmassenmuskeln traten tonisch-klonische

Krämpfe ein. Alle Versuche, den Kranken auf die Beine zu bringen,

waren erfolglos; Patient war unfähig zu stehen. Der Appetit lag

vollständig darnieder. Das Pferd wurde sogleich mit reinem Wasser

abgewaschen und innerlich Branntwein, Kampfer und Digitalis

verabreicht. Nach 1½ Stunden hatte es sich soweit gebessert, dass es

mit Hilfe zum Stehen gebracht werden konnte. Nach 3-4 Stunden waren

auffällige Gesundheitsstörungen nicht mehr vorhanden. Am anderen

Tage zeigten sich die Gliedmassen stark geschwollen; auch am Hals

und an der Kruppe bestand Schwellung. An diesen Stellen lag die Haut

in Falten und fühlte sich pergamentartig an, stellenweise konnten

förmliche Risse in der Oberhaut nachgewiesen werden. Ausserdem

war die Haut an den Gliedmassen und an der Unterbrust mit einer

bernsteingelben, klebrigen Flüssigkeit bedeckt. Der abgesetzte

Harn hatte eine braunrote Farbe. Die Fäzes waren kleingeballt,

braunrot und wurden unter Stöhnen abgesetzt; dieselben hatten

einen auffallenden Kreolingeruch. In den folgenden Tagen nahm die

Hautschwellung langsam ab, dagegen machten sich starke Abschuppung

der Oberhaut und Haarausfall bemerkbar. Nach etwa 10 Tagen konnte

das Pferd wieder in den Dienst gestellt werden. Bei dem zweiten

Pferde waren die Vergiftungserscheinungen weniger hochgradig. Es warf

sich gleich nach dem Waschen auch nieder, stand aber nach einiger

Zeit und nachdem es etwa 5 Minuten lang eine hundesitzige Stellung

innegehabt hatte, wieder auf und zeigte Appetit. Der Puls war hart,

die Zahl seiner Schläge betrug 96 in der Minute. Die Atmung geschah

angestrengt und 60mal in der Minute. Das Muskelzittern war weniger

stark ausgesprochen. Die Bindehäute ziegelrot. Beim Führen taumelte

das Pferd. Am folgenden Tage waren die Beine geschwollen, der Harn

dunkelgefärbt; die Fäzes hatten Kreolingeruch. Auch bei diesem Pferde

trat in den folgenden Tagen Ausfall der Haare ein, die Haut nahm eine

pergamentartige Beschaffenheit an. Die Schwellung der Gliedmassen

hielt länger an als beim ersten Pferde. -- Nach der Anwendung von

Artmannschem Kreolin starben von 50 gebadeten Schafen 42 innerhalb

36 Stunden unter den Erscheinungen der Karbolvergiftung; sie zeigten

Schwanken, Niederstürzen, Krämpfe und Unvermögen aufzustehen

(+Dette+, Berl. Arch. 1894). Einen ähnlichen Fall hat +Nevermann+

beschrieben (ibid. 1897). Dagegen sind die von +Kunert+ (ibid.)

und +Ehrle+ (Woch. f. T. 1891) beschriebenen Fälle zweifelhaft.

-- Experimentelle Untersuchungen über die Giftigkeit des Kreolins

bei Hunden und Katzen hat +Hobday+ (Journ. of comp. path. 1896)

veröffentlicht. Danach sollen besonders junge und edle Hunde sehr

empfindlich gegen Kreolin sein; 56 g Kreolin töteten bei energischer

Einreibung in die Haut einen 7 kg schweren Terrier. -- +Stöverud+

(Nord. Z. 1899) beobachtete eine Kreolinvergiftung bei 30 jungen

Ziegen.

=Lysol.= Die Lysolvergiftung äussert sich ähnlich wie die

Kreolinvergiftung. 4 Pferde wurden gegen Läuse mit einer 3proz.

Lysollösung (je 300 g Lysol auf 10 l Wasser) gewaschen. Am 4. Tage

nachher (!) erkrankten 3 Pferde, von denen 2 nach 3 bezw. 4 Tagen

starben. Sie zeigten Dyspnoe, pochenden Herzschlag, 72-76 schwache

Pulse, hochgradige Schwäche, allgemeinen Schweissausbruch und starben

unter Krämpfen. Die Sektion ergab Myokarditis, hämorrhagische

Nephritis und Lungenödem (+Borchardt+, Zeitschr. f. Vet. 1897).

Einen ähnlichen Fall hat +Reinhardt+ (ibid. 1898) beschrieben.

Ein Pferd zeigte nach einer Lysolwaschung des ganzen Körpers (!)

mit 3proz. Lysollösung (300,0 : 10 l Wasser) 20 Minuten später

Unruhe, Schweissausbruch, heftiges Zittern, unfühlbaren Puls,

Lähmungserscheinungen, sowie kaffeebraunen Harn; nach subkutanen

Aethereinspritzungen trat schnelle Heilung ein. Der von +Uthoff+ (B.

t. W. 1895) beschriebene Fall ist dagegen zweifelhaft. -- +D’Alleux+

berichtet, dass von 9 mit 5proz. Lysollösung gebadeten Hühnern 5

unter Zuckungen und Lähmungserscheinungen starben (Woch. f. T.

1897). Ein Hund zeigte nach dem Einreiben einer 8proz. spirituösen

Lysollösuug (nur die Beine und die Ohren wurden eingerieben),

Zusammenstürzen, Schweissausbruch, allgemeine Lähmung, Herzschwäche

und Krämpfe, genas jedoch nach Verabreichung von Kampfer und

Glaubersalz.

=Bazillol.= Die Vergiftung gleicht der Lysol- und Kreolinvergiftung.

Ein mit Läusen behaftetes Pferd wurde mit einer warmen 4proz.

Bazillollösung über den ganzen Körper gewaschen. 15 Minuten darauf

fand man es schwer am Boden liegen. Die Pulszahl betrug 100 p. M.,

der Puls war ausserordentlich schwach, die Zahl der Atemzüge 40. Die

sichtbaren Schleimhäute waren dunkelrot gefärbt. Gleichzeitig bestand

heftiges Zittern und Zittern des ganzen Körpers. Aufgehoben schwankte

das Pferd und drohte umzustürzen. Nach 2 Stunden schien der Anfall

vorüber. Am folgenden Tage entwickelte sich jedoch eine tödliche

Bronchitis und Bronchopneumonie, an der das Pferd am 5. Tage unter

Erscheinungen des Lungenödems starb. Das Pferd hatte 2 vorausgehende

Waschungen ohne Schaden ertragen. Ebenso unschädlich waren 200

andere Bazillolwaschungen geblieben! (+Willamowski+, +Hain+, Z. f.

Vet. 1901). Nach +Paszotta+ (Monatsh. f. pr. Tierhlkd. 1901) beträgt

die tödliche Dosis des Bazillols bei Pferden 1,5 g, bei Schafen 1,0

g, bei Kaninchen 2,4 g pro Kilo Körpergewicht. Bei toxischen Gaben

sinkt die Körpertemperatur, die Tiere stürzen gelähmt zusammen und

zeigen Betäubung, fibrilläres Muskelzittern und tonisch-klonische

Krämpfe. Der Tod erfolgt durch Herzlähmung unter den Erscheinungen

des Lungenödems.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 19 / 50 段