Nitrite (salpetrichsauren Salze) sind starke +Blutgifte+. Hieher
gehört das +Nitrobenzol+ (Mirbanöl, falsches Bittermandelöl) =
C_{6}H_{5}NO_{2}, eine hellgelbe, zum Parfümieren von Seifen
etc. vielfach verwendete, bittermandelölartig riechende
Flüssigkeit. Dieselbe tötet Hunde schon in einer Dosis von 1 g.
Die Vergiftungserscheinungen bestehen in Auflösung der roten
Blutkörperchen, Methämoglobinämie, Poikilozytose, Krämpfen und
Lähmungserscheinungen. Im Blut findet man einen für Nitrobenzol
charakteristischen Absorptionsstreifen (+Filehne+). Auch das
+Amylnitrit+, +Natrium-+ und +Kaliumnitrit+ (Natrium und
Kalium nitrosum), +Aethylnitrit+, +Propyl-+, +Butylnitrit+,
+Dinitronaphthol+, +Dinitrokresol+, sowie die +Pikrinsäure+ =
C_{6}H_{2}(NO_{2})_{3}OH und ihre Salze erzeugen Methämoglobinämie.
Die Pikrinsäure verursacht ausserdem Gelbfärbung der Schleimhäute
(sog. Pikrinikterus), Gastroenteritis und Nephritis. Auch das
+Anilin+, C_{6}H_{5}NH_{2}, bedingt infolge seiner Verwandtschaft
mit Nitrobenzol, C_{6}H_{5}NO_{2}, Methämoglobinämie neben einer
lähmenden Einwirkung auf das Nervensystem; bei der Sektion findet
man neben den durch die Methämoglobinämie bedingten Veränderungen
die Organe imprägniert mit schwarzblauen Körnchen von Anilinschwarz.
Aehnlich wirkt +Dinitrobenzol+ (Roburit) = C_{6}H_{4}(NO_{2})_{2},
sowie +Nitroglyzerin+ (Sprengöl, Dynamit) = C_{3}H_{5}(ONO_{2})_{3}.
Ueber Vergiftungen durch =Dynamit= bei mehreren Rindern hat +Hable+
berichtet (Oestr. Zeitschr. 1889 S. 122). Dieselben hatten von
dem zum Sprengen von Felsen bestimmten, am Wege liegenden Dynamit
gefressen (!). Die Sektion ergab punktförmige und streifige Blutungen
in der Schleimhaut der Rachenhöhle, des Kehlkopfes, der Luftröhre und
am Endokardium, streifenförmige Rötung im Dünndarm, sowie im Pansen
braunrote, weiche, nudelförmige, teilweise noch in Papier eingehüllte
Dynamitmassen; die Stellen der Pansenwand, an welchen diese Massen
lagen, zeigten eine kirschrot verfärbte, vom Epithel entblösste
Schleimhaut.
Vergiftung durch Glaubersalz.
=Allgemeines.= Das +Glaubersalz+, Na_{2}SO_{4}, wird gewöhnlich
in seiner kristallisierten Form (+ 10 H_{2}O) als allgemein
gebräuchliches Stomachikum, Laxans, Antikatarrhalikum angewandt,
und zwar ohne Gefahr in ziemlich grossen Gaben, so z. B. Rindern in
einmaligen Dosen von ½-1 kg. Nur wenn auf einmal sehr grosse Dosen,
z. B. 1½-3 kg Rindern verabreicht werden, oder wenn die Tiere beim
Eingeben grösserer Gaben vollständig nüchtern sind, oder endlich
wenn das getrocknete Glaubersalz, Natrium sulfuricum siccum, welches
wegen des Verlustes seines Kristallwassers doppelt so stark wirkt
als das gewöhnliche, in denselben Dosen verschrieben wird, wie
letzteres, können sich Vergiftungen ereignen. -- Aehnlich liegen die
Verhältnisse beim +Bittersalz+, MgSO_{4} + 7 H_{2}O.
=Krankheitsbild.= Die Vergiftung durch Glaubersalz hat sehr viel
Aehnlichkeit mit der Kochsalzvergiftung. Auch das Glaubersalz wirkt
zunächst lokal +reizend+ auf die +Darmschleimhaut+, während es nach der
Resorption eine +lähmende+ Natriumwirkung auf das Nervensystem ausübt.
Die wichtigsten Vergiftungserscheinungen sind daher +Kolikanfälle+,
wässeriger +Durchfall+, unterdrückte Futteraufnahme, starker Durst,
+lähmungsartige Körperschwäche+, Unvermögen aufzustehen, +abnorm
häufiger Harnabsatz+ sowie Koma; der Tod tritt nach mehrtägiger
Krankheitsdauer ein. Anatomischer Befund und +Behandlung+ wie bei
Kochsalzvergiftung.
=Nachweis.= Man laugt den Inhalt des Magens und Darmes nebst der
Schleimhaut mit viel destilliertem Wasser aus, filtriert, dampft
das Filtrat ein und lässt das Glaubersalz auskristallisieren. Die
Kristalle geben die charakteristischen Reaktionen des +Glaubersalzes+:
sie färben die Flamme gelb (Natriumreaktion) und geben mit Barytwasser
einen weissen Niederschlag (Sulfatreaktion). Das +Bittersalz+
wird in ähnlicher Weise durch die Magnesiumreaktion nachgewiesen
(Tripelphosphatbildung).
=Kasuistik.= Eine 300 kg schwere Simmentaler Kuh hatte gegen
Pansenüberfüllung vom Besitzer in 2stündiger Pause je 750 g, also
zusammen 1500 g Glaubersalz erhalten. 3 Stunden darauf stellte sich
ein besorgniserregender, wässeriger Durchfall ein. Ausserdem bestand
abnorm häufiger Harnabsatz, indem alle 3-4 Minuten je 300-500 g Harn
zur Entleerung gelangten. Weitere Vergiftungserscheinungen waren
heftige Kolik, starkes Drängen, hochgradige allgemeine Schwäche,
Lendenlähme, Tremor, Benommenheit des Sensoriums, Herzklopfen und
Dyspnoe. Infolge der eingeleiteten Behandlung trat am 5. Tage
Heilung ein (+Hess+, Schweiz. Arch. 1896 S. 245). -- Eine Kuh
erhielt innerhalb eines Tages 3 kg Glaubersalz; sie zeigte Kolik,
wässerigen Durchfall, Unvermögen aufzustehen, Körperhaltung wie beim
Kalbefieber, sowie subnormale Körpertemperatur. Bei der Sektion
fand man eine hochgradige hämorrhagische Entzündung im Labmagen und
Dünndarm; die Schleimhaut erschien wie mit roter Tinte bespritzt
(+Lungwitz+, Sächs. Jahresber. pro 1898). -- Ein Hengst erhielt
in 2-3 Tagen 3500 g Glaubersalz gegen Verstopfungskolik und starb
nach 5 Tagen unter hochgradigem Durchfall und Lähmungserscheinungen
(+Kettritz+, Berl. Arch. 1897 S. 196). -- +Gmeiner+ (Monatshefte f.
prakt. Tierhlkde. IX. Bd. 1898 S. 472) hat in zahlreichen Fällen,
in welchen die Besitzer Rindern 3 Pfd. Glaubersalz auf einmal
oder mehrere Tage hintereinander 1-2 Pfd. gegeben hatten, leichte
Vergiftungserscheinungen in Form von allgemeiner Schwäche und
oft wochenlang anhaltendem lähmungsartigem Zustand der Darmwand
beobachtet. -- Nach +Hess+, +Schaffer+ und +Lang+ (Schweiz. landw.
Jahrb. 1893) zeigt die Milch eigentümliche Veränderungen, wenn
Glaubersalz in mittelgrossen Dosen längere Zeit an Milchkühe
verabreicht wird. Sie gibt dann beim Melken keinen Schaum und
besitzt einen glaubersalzähnlichen Geschmack; das Kasein der
Milch zeigt eine erheblich verminderte Gerinnungsfähigkeit, der
Fettgehalt der Milch ist dagegen gestiegen. Alle Kühe zeigten ferner
auffällige pathologische Veränderungen am Euter (Katarrh, Mastitis,
Zystenbildung).
Eine Vergiftung durch +Bittersalz+ bei einem Ochsen, der binnen
2 Tagen 4 kg eingeschüttet erhielt, hat +Schultz+ beobachtet
(Wochenschr. f. Tierhlkde. 1895 S. 150).
Vergiftung durch Kainit.
=Allgemeines.= Der Kainit ist ein in den Steinsalzlagern von
Stassfurt, Leopoldshall etc. vorkommendes, aus +schwefelsaurem
Kalium+, +schwefelsaurer Magnesia+ und +Chlormagnesium+ bestehendes
Mineral von der Formel K_{2}SO_{4} · MgSO_{4} · MgCl_{2} + 6 H_{2}O,
welchem im Rohzustande ausserdem noch Kochsalz, Gips und Ton,
sowie Spuren von Eisen beigemengt sind, infolgedessen er schmutzig
hellrote Stücke mit beständig feuchter Oberfläche bildet. Er stellt
das Rohmaterial für die Kaliumindustrie dar und wird wegen seines
hohen Kaligehaltes auch als sehr wertvolles Düngermittel in der
Landwirtschaft verwendet. Hierbei sollen sich wie beim Chilisalpeter
Vergiftungen ereignen. Ueber solche Fälle haben +Schilling+ (Berliner
Arch. 1887), +Schwaneberger+ (ibid. 1889), +Möbius+ (Sächs.
Jahresber. 1893 u. 1902) und +Nörner+ (Kgl. Forstzeitung 1904)
berichtet. +A. Feser+, +Schneider+ und +Stroh+ bezweifeln dagegen auf
Grund ihrer Versuche das Vorkommen von Kainitvergiftungen (vergl. S.
126).
=Krankheitsbild und Sektionsbefund.= Von 5 Kühen, welche von dem im
Stall und auf der Düngerstätte ausgestreuten Kainit geleckt hatten,
starben 2 ganz plötzlich, 3 wurden sehr krank. Sie zeigten starkes
Speicheln, +Durchfall+, +Mattigkeit+, ziegelrote Schleimhäute,
sowie hohes Fieber (40,8° C). Bei der +Sektion+ fand man die
Schleimhaut aller 4 Mägen gerötet, insbesondere war die des Labmagens
dunkelrot und mit tiefdunklen, stecknadelkopf- bis markstückgrossen
+Hämorrhagien+ durchsetzt. Die Dünndarmschleimhaut war blutrot,
geschwollen und ebenfalls von zahlreichen Ekchymosen durchsetzt, die
Dickdarmschleimhaut zeigte katarrhalische Schwellung. Die Milzpulpa war
kirschrot, die Nieren waren von hämorrhagischen Punkten durchsetzt,
unter dem Endokard und Epikard zeigten sich ebensolche Blutungen.
Das Krankheitsbild sowohl, wie auch der Sektionsbefund zeigten viel
Aehnlichkeit mit dem der Salpetervergiftung (+Schilling+). -- Von 12
erkrankten Ochsen starben 3; die Krankheitserscheinungen bestanden
in kolliquativem Durchfall, blassen Schleimhäuten und Geschwüren am
Zahnfleisch und in der Nase (+Schwaneberger+). -- Schafe zeigten
nach der Aufnahme von Kainit Lähmung, Durchfall und Darmentzündung
(+Nörner+), Hühner und Tauben starben angeblich infolge Streuens von
Kainit auf Aeckern und Wiesen (+Möbius+). Andere Fälle sind in den
preussischen Jahresberichten (1906) beschrieben. -- +Riechelmann+
(Berl. Archiv 1893) vermutet bei 13 Rehen, welche kurz hintereinander
tot im Walde gefunden wurden, eine +Kainitvergiftung+, da ein grösseres
Areal des Forstes behufs Besamung mit Kainit gedüngt worden war. Die
Sektion ergab u. a. Hämorrhagien im Labmagen. -- +Wagner+ (Bad. Mitt.
1888) warnt vor dem Einstreuen von Kainit in den Stallungen, weil er
+Verätzung+ der +Hufkronen+ und +Klauenkronen+, sowie des +Euters+
erzeuge.
Im Gegensatze hierzu konnte +A. Feser+ (Beobachtungen über
vermeintliche Kainitvergiftung. Diss. 1903) bei angeblich vergifteten
Rehen Strongylen als Todesursache nachweisen. Er ist ferner auf Grund
von Versuchen bei Wiederkäuern und Geflügel der Meinung, dass diese
Tiere freiwillig so grosse Mengen von Kainit gar nicht aufnehmen, dass
sie dadurch Schaden leiden könnten. Ein Schaf erhielt 950 bezw. 3750
g Kainit in 37 bezw. 40 Tagen, ein Jungstier 2250 bezw. 3800 g in 6
bezw. 8 Tagen, ohne etwas Krankhaftes zu zeigen (nur der Kot war ab
und zu etwas weicher). +Schneider+ und +Stroh+ (Deutsche tierärztl.
Woch. 1906) sahen beim Schaf nach 200 g, beim Rind nach 500 g Kainit
keine Wirkung; auf 600 g Kainit zeigte das Rind Kolik. Sie sind der
Ansicht, dass Kainit nur giftig wirke, wenn Giftstoffe beigemengt sind
(Schwefelsäure, Fluorwasserstoff, Arsenik, Aetzkalk, Rhodanammonium).
=Vergiftung durch phosphorsauren Kalk.= 6 Rinder eines Bäckers,
welche aus Versehen statt Mehl je 2 Kilo phosphorsauren Kalk
erhielten, erkrankten an heftigem Durchfall und auffallender
Schwäche; 2 Kühe starben am 5. bezw. 8. Tag der Krankheit (+Braun+,
Woch. f. Tierheilkunde 1909).
=Vergiftung durch Ammoniak-Superphosphat.= 2 Pferde, welche
grössere Mengen zusammen mit +Chlorkalium+ aufgenommen hatten,
zeigten schwankenden Gang, Schwäche, kalten Schweiss, unterdrückte
Peristaltik, Puls- und Atmungsbeschleunigung. Bei der Sektion fand
man entzündliche Rötung der Schleimhaut des ganzen Darms bes. des
Dickdarms, sowie Anätzungen der Magenschleimhaut (+Gensert+, Berl.
tierärztl. Wochenschr. 1892). -- Aehnliche Fälle haben +Gips+ (Berl.
Arch. 1892) und +Sourrel+ (Revue vét. 1897) bei Rindern beobachtet.
+Schneider+ und +Stroh+ (D. T. W. 1906) verneinen auf Grund von
Versuchen die Giftigkeit des Superphosphats und Thomasphosphatmehls.
Ersteres erzeugte bei Schafen 30 Tage lang zu je 10 g und 10 Tage
lang zu je 100 g (= 1000 g), letzteres in 10 Tagen zu 1000 g
verabreicht, lediglich Appetitstörung.
Vergiftung durch Barytsalze.
=Allgemeines.= Die Verbindungen des Baryums sind mit Ausnahme des
schwefelsauren Baryums oder Schwerspats (BaSO_{4}) sehr stark
giftig. Von giftigen Barytverbindungen kommen in Betracht: 1. Das
+Baryumoxyd+ (Aetzbaryt, Baryt), BaO, eine weisslichgraue, poröse,
leicht zerreibliche Masse von stark alkalischer Reaktion, welche sich
unter Bildung von Baryumhydroxyd in Wasser löst; sog. Barytwasser.
2. Der +kohlensaure Baryt+ (Baryumkarbonat, Witherit), BaCO_{3},
ein weisses, geruch- und geschmackloses, in Wasser kaum lösliches
Pulver, welches u. a. zur Vertilgung von Ratten und Mäusen Anwendung
findet. 3. Das +Chlorbaryum+, ein in Wasser leicht lösliches Salz von
unangenehmem, scharfem Geschmack (wichtiges Reagens). Ausserdem sind
stark giftig das salpetersaure, essigsaure und chromsaure, sowie das
Schwefelbaryum. Nach +Crawford+ (Amer. Jahresber. 1908) sollen ferner
die die sog. Lokokrankheit verursachenden Astragaluspflanzen giftige
Baryumsalze enthalten. Barytvergiftungen sind neuerdings namentlich
bei Pferden infolge der Anwendung des Chlorbaryums als Kolikmittel
häufig vorgekommen.
=Wirkung.= Die Baryumsalze wirken auf die Magen- und Darmschleimhaut
zunächst +reizend+ und +ätzend+ (Erbrechen, Kolik, Durchfall). Die
allgemeinen Erscheinungen der Baryumvergiftung, welche am raschesten
nach der Verabreichung leicht löslicher Barytsalze (Chlorbaryum,
salpetersaures und essigsaures Baryum) auftreten, bestehen in
+tonisch-klonischen und eklamptischen Krämpfen+, +Darmtetanus+,
+Herzlähmung+ (digitalisähnliche Wirkung), sowie in +lähmungsartiger
Muskelschwäche+, vorwiegend der Extremitäten. Im übrigen sind die
Erscheinungen der Chlorbaryumvergiftung sehr verschieden, je nachdem
das Mittel intravenös, subkutan oder per os verabreicht wird. +Bei
der intravenösen Injektion giftiger Dosen sterben Pferde meist
plötzlich oder im Verlauf weniger Minuten unter Vorwärtsdrängen,
Zusammenstürzen und Krämpfen infolge von Herzlähmung (apoplektischer
Tod).+ Bei der innerlichen oder subkutanen Einverleibung lässt
sich die spezifische +Krampfwirkung+ des Baryums auf die glatte
Muskulatur des +Darmes+ und die quergestreiften +Muskeln+, sowie die
digitalisartige, lähmende Wirkung auf das +Herz+ genauer verfolgen.
Der +Darmtetanus+ äussert sich durch schwere, schmerzhafte +Kolik+
mit heftigem +Durchfall+ und Entleerung grosser Mengen dünnflüssiger
Kotmassen. Gleichzeitig beobachtet man Kaubewegungen, Speicheln,
Würgen, Erbrechen, mitunter auch Schreien. Die Reizung der motorischen
Zentren hat +strychninartige+, +tetanische+, sowie +klonisch-tonische
Muskelkrämpfe+ zur Folge, welche in Anfällen namentlich die
Rückenmuskeln und die Muskeln der Extremitäten befallen und bald in
+motorische, allgemeine Lähmung+ übergehen (Taumeln, Kreuzschwäche,
Zusammenstürzen, Bewusstlosigkeit). Die Lähmung des +Herzens+ endlich
äussert sich in hochgradiger +Pulsbeschleunigung+ und Dyspnoe.
=Sektion.= Bei derselben findet man den Darmkanal leer, wie
ausgewaschen, die Schleimhaut zuweilen entzündlich geschwollen, das
Herz parenchymatös verändert, wie gekocht. Bei perakutem Verlauf
(intravenöse Injektion) ist der Befund rein negativ.
=Behandlung.= Dieselbe besteht in akuten und subakuten Fällen wie bei
der Strychninvergiftung in der Anwendung +krampfstillender+ Mittel
(Morphium, Opium, Bromkalium, Chloroform, Chloralhydrat), sowie von
Atropin (Herzexzitans). Bei perakuten Fällen ist sie erfolglos.
=Kasuistik und Experimentelles.= Die grundlegenden
Experimentaluntersuchungen über die Wirkung der Baryumsalze, speziell
des Chlorbaryums, stammen von +Böhm+ (Arch. f. exper. Path. u. Pharm.
Bd. III). Danach ist das Chlorbaryum vor allem ein Krampfgift,
welches bei intravenöser Injektion Hunde in Dosen von 0,1-0,2,
Katzen in Dosen von 0,03-0,05 unter sofortigen tonisch-klonischen,
alle Körpermuskel befallenden +Krämpfen+ und äusserst intensiver
+Entleerung des Darminhaltes+ tötet. +Bei kleinen, nicht tödlichen
Dosen kommt es bloss zu starken Kotentleerungen+ und vorübergehenden,
unbedeutenden Schwächezuständen der Körpermuskulatur. Nach +Kobert+
(Lehrbuch der Intoxikationen) kommt die tetanische Wirkung des
Baryums auf den Darm teils durch die Reizung der Auerbachschen und
Meissnerschen Plexus, teils durch direkte Muskelwirkung zustande;
sodann bewirkt das Baryum Reizung der motorischen Gehirnzentren und
besitzt ausserdem eine digitalisartige Wirkung auf das Herz und die
Gefässe.
Eine zufällige Chlorbaryumvergiftung beim +Pferd+ hat +Dieckerhoff+
(Berl. tierärztl. Wochenschr. 1895) beobachtet. 2 Brauereipferde
leckten verschüttetes, in Säcken verpacktes Chlorbaryum und
erkrankten beide ¾ Stunden darauf an sehr heftiger Kolik; eines
derselben starb bereits 1 Stunde nach der Aufnahme des Salzes unter
allgemeinen Lähmungserscheinungen, das andere starb nach 14 Stunden.
Bei der Sektion des zuerst gestorbenen war die Schleimhaut des
Magens und Darmes entzündlich gerötet und geschwollen und der ganze
Digestionsapparat wie ausgewaschen. Im Anschluss hieran angestellte
experimentelle Untersuchungen bei +Pferden+, +Rindern+ und +Schafen+
ergaben folgendes: +Pferde+ zeigen nach innerlicher Verabreichung
von 6-12 g, sowie nach der intravenösen Injektion von 0,5-1,25 g
Chlorbaryum unter Kolikerscheinungen sehr starke Darmentleerungen.
Bei der intravenösen Applikation stellt sich die darmentleerende
Wirkung augenblicklich ein; bei gefülltem Mastdarm werden die darin
vorhandenen Kotmassen schon innerhalb der ersten Minute abgesetzt,
bei leerem Mastdarm werden nach 3-5 Minuten geballte oder breiförmige
Kotmassen ausgeschieden. Die Dauer dieser entleerenden Darmwirkung
beträgt 2-6 Stunden. Bei innerlicher Anwendung des Chlorbaryums in
flüssiger Form erfolgt die Kotentleerung erst nach 15-45 Minuten,
in Bolusform erst nach 1½-2 Stunden. Dosen über 8-12 g innerlich
gegeben, wirken beim Pferd giftig bezw. tödlich (allgemeine
Lähmung). +Rinder+ ertragen dagegen innerlich 40 g und intravenös 3
g Chlorbaryum. 2 +Schafe+ ertrugen 4 g Chlorbaryum innerlich ohne
nachteilige Wirkung, dagegen starb ein Bock und ein 4 Monate altes
Lamm nach 6 g. Die Vergiftungserscheinungen traten hierbei erst nach
20 Stunden ein und äusserten sich hauptsächlich in Schwäche und
Lähmung.
Die hierauf im Jahr 1895 von +Dieckerhoff+ empfohlene +Anwendung des
Chlorbaryums als Kolikmittel beim Pferd+ hat namentlich in der ersten
Zeit zahlreiche tödliche Chlorbaryumvergiftungen zur Folge gehabt.
Insbesondere nach der intravenösen Injektion sind häufig Pferde
augenblicklich oder innerhalb weniger Minuten tot zusammengestürzt.
Solche Fälle sind von +Angerstein+, +Mollereau+, +Müller+, +Ries+,
+Podkopajew+, +Freitag+, +Simon+, +Schatz+, +Röder+, +H. Feser+,
+Kunze+ u. a., sowie namentlich in der +preuss. Armee+ beobachtet
worden (Zeitschr. f. Vetkde. 1896; Pr. Mil.-Vet.-Ber. pro 1896-1899.)
Im Jahr 1895 sind nicht weniger als 8 Pferde in der preussischen
Armee an Chlorbaryumvergiftung gestorben. Diese Fälle sind folgende:
1. Ein kräftiges, gut genährtes Pferd erkrankte leicht an Kolik. Es
verschmähte das Futter, sah sich wiederholt nach dem Hinterleibe um
und warf sich häufig nieder. Die Zahl der Pulse betrug 40 in der
Minute, der Puls war weich und kräftig; die Atmung nicht erheblich
beschleunigt. Die Darmtätigkeit lag etwas danieder. Patient erhielt
eine Injektion von Chlorbaryum 0,7 in 10,0 Wasser (destilliert)
gelöst. Das Eindringen von Luft in die Vene war ausgeschlossen, weil
die Einführung der Hohlnadel mit grösster Vorsicht vorgenommen wurde.
Das Pferd fiel gleich nach der Einspritzung nieder, sprang nochmals
auf, stürzte dann um und verendete. Bei der Zerlegung wurden im Magen
und Darmkanale keine Veränderungen gefunden. Das Herz war schlaff,
erweitert, in den Herzfurchen befanden sich viele kleine Blutungen.
Die Herzkammern waren mit dunklem, locker geronnenem Blute gefüllt.
An den übrigen Organen konnten keine Veränderungen nachgewiesen
werden.
2. Ein Pferd zeigte mässige Unruhe, etwas aufgetriebenen Hinterleib,
gespannte Bauchdecken und unterdrücktes Darmgeräusch. Die Zahl
der kräftigen, gleich- und regelmässigen Pulse betrug 46, die
der Atemzüge 16 in der Minute. Unter genauer Befolgung aller
Vorsichtsmassregeln -- Abscheren der Haare, Desinfektion der Haut an
der Einstichstelle und der Instrumente, vorheriges Entfernen der
Luft aus der Kanüle und Spritze -- erhielt Patient eine Einspritzung
von 1,0 Chlorbaryum, in 10,0 destilliertem Wasser gelöst, in die
rechte Halsvene. Gleich nach der Injektion fing das Pferd an zu
taumeln, stürzte nieder und starb unter Erscheinungen höchster
Atemnot innerhalb 5 Minuten. Die Zerlegung ergab starke Füllung
des Magens und der unteren Grimmdarmlagen mit Inhaltsmassen und am
Herzen ausser Verdickung der Ränder der Mitralklappen die Zeichen der
Herzlähmung.
3. Ein Pferd erkrankte nachmittags an Kolik. Es lag ausgestreckt
in seinem Stande und stöhnte, den Kopf häufig nach dem Hinterleibe
umdrehend. Nach energischem Antreiben stand das Pferd auf und
schwankte beim Gehen. Der Puls war wenig fühlbar; es wurden 82
Pulse und 22 Atemzüge in der Minute gezählt. Schweissausbruch.
Darmgeräusche unterdrückt. Patient erhielt eine intravenöse Injektion
von 0,75 Chlorbaryum in 10,0 destilliertem Wasser gelöst. Ungefähr
7 Minuten nach der Applikation des Mittels stürzte Patient nieder
und verendete. Die Zerlegung ergab hämorrhagische Entzündung der
Dünndarmschleimhaut. Am Herzen bestanden die Merkmale der Herzlähmung.
4. Ein grosses und kräftiges Pferd, welches seit 2 Stunden an Kolik
litt, zeigte normale Färbung der Bindehaut, 40 gleichmässige,
kräftige und weiche Pulse, etwas verminderte Darmperistaltik und
mässige Unruhe. Es erhielt eine Aloepille und intravenös 1,0
Chlorbaryum. Nach 10 Minuten stürzte das Pferd, welches im Schritt
geführt wurde, um und verendete. Ausser einer leichten Rötung der
Dünndarmschleimhaut konnten am Verdauungsapparate keine Veränderungen
festgestellt werden. Das Herz zeigte eine auffällige Erschlaffung,
beide Herzkammern waren stark mit Blut gefüllt.
5. Bei einem kolikkranken Pferde, bei welchem nach einer subkutanen
Eserininjektion keine Wirkung eingetreten war, wurde schliesslich
Chlorbaryum intravenös appliziert. Bald nach der Injektion stürzte
das Pferd zusammen und verendete. Die Zerlegung konnte nicht
vorgenommen werden.
6. Ein Pferd, welches seit etwa 2 Stunden krank war, zeigte grosse
Unruhe, war aber nur wenig im Hinterleibe aufgetrieben. Die Anwendung
der peristaltikerregenden Massnahmen, Einreibungen des Hinterleibs
mit Terpentinöl, Klistiere usw. hatte keinen Erfolg. Darauf wurde
dem Patienten eine Chlorbaryumlösung (0,8 g Chlorbaryum) intravenös
appliziert. Die Injektion wurde mit grosser Vorsicht ausgeführt.
Einige Minuten später stürzte das Pferd nieder und starb. Bei
der Zerlegung wurden im Magen und Darmkanale keine Veränderungen
gefunden, welche den Tod des Tieres hätten herbeiführen können. Das
Herz war mit tiefdunklem locker geronnenem Blute gefüllt.
7. Bei einem kolikkranken Pferde trat nach einer Injektion von
0,8 Chlorbaryum in die Drosselvene apoplektisch der Tod ein.
Die Zerlegung ergab pralle Füllung des Magens mit Futtermassen,
im übrigen keine auffallenden Veränderungen. Der Puls war nicht
erheblich beschleunigt gewesen, dabei kräftig.
8. Ein älteres, leicht an Kolik erkranktes Pferd erhielt intravenös
0,7 Chlorbaryum in 10,0 destilliertem Wasser injiziert. Nach einigen
Minuten stürzte das Pferd nieder und verendete.
Versuche bei +Schweinen+ ergaben nach +Kabitz+ (D. T. W. 1905),
dass das Baryumsulfat und die Steinchenform des Karbonats ungiftig
sind, dass jedoch das reine Baryumkarbonat Schweine in Dosen von 1 g
pro Kilogramm Körpergewicht rasch tötet (Kaubewegungen, Knirschen,
Speicheln, Apathie; kein Durchfall).
Vergiftung durch chlorsaures Kali.