=Sektionsbefund.= Bei dem +akuten+ Saturnismus findet man die

Erscheinungen einer +korrosiven Gastroenteritis+: Rötung, Entzündung,

Verschorfung, Geschwürsbildung auf der Magendarmschleimhaut, graue bis

schwarze Verfärbung der Darmzotten (Schwefelblei), sowie Blässe und

Kontraktion des ganzen Darmrohrs; in den Gehirnkammern, Gehirn- und

Rückenmarkshäuten wird eine Ansammlung seröser Flüssigkeit beobachtet

(Hydrozephalus und Hydrorhachis). Die +chronische+ Bleivergiftung ist

anatomisch ausser durch allgemeine Abmagerung und fettige Degeneration

der inneren Organe durch +Bindegewebswucherung+, namentlich in

der Niere (Nephritis saturnina, Bleiniere, Schrumpfniere), in der

Umgebung der Darmganglien (Mesenteritis saturnina), sowie in der Leber

charakterisiert. Dass speziell auch bei Tieren die beim Menschen häufig

beobachtete Bleiniere (Schrumpfniere, Nierenzirrhose) vorkommt, beweist

ein von +Gilly+ beim Rind beobachteter Fall (vergl. die Kasuistik).

Ausserdem hat man +Kalkinfarkte+ in der +Niere+ bei Versuchstieren

beobachtet.

=Behandlung.= Neben der Verabreichung von Brechmitteln und

Abführmitteln, sowie von Eiweiss, Milch und Schleim gibt man

bei der akuten Bleivergiftung verdünnte +Schwefelsäure+ oder

+schwefelsaure Salze+, namentlich Glaubersalz und Bittersalz, um

die Bildung eines Niederschlags von schwer löslichem schwefelsaurem

Blei herbeizuführen. Die Kolikanfälle, sowie die motorischen und

psychischen Erregungszustände werden +symptomatisch+ mit Morphium oder

Chloralhydrat, die Lähmungszustände mit Exzitantien (Kampfer, Aether,

Alkohol, Atropin, Strychnin, Elektrizität) behandelt. Bei der im

übrigen meist unheilbaren chronischen Bleivergiftung kann versuchsweise

+Jodkalium+ zur Beschleunigung der Ausscheidung des Bleis aus dem

Körper (Jodblei) gegeben werden. Bei Pferden empfiehlt sich ausserdem

die Vornahme der +Tracheotomie+.

=Nachweis der Bleivergiftung.= Da das Blei mit dem Eiweiss des Körpers

eine sog. metallorganische Verbindung eingeht, so können die einzelnen

Bleireaktionen erst nach Freimachung des Bleis aus seiner Verbindung

vorgenommen werden.

Die +Trennung+ des Bleis von den organischen Massen geschieht nach der

früher beschriebenen Methode mit +Salzsäure+ und +chlorsaurem Kali+,

wobei das Blei in Chlorblei übergeht. Die kochend heiss filtrierte,

salzsaure Lösung wird sodann durch +Schwefelwasserstoff+ gefällt,

wobei sich ein Niederschlag von +schwarzem Schwefelblei+ bildet,

welcher schnell zu filtrieren und dann sofort weiter zu untersuchen

ist. Das schwarze Schwefelblei ist zum Unterschied von dem ebenfalls

schwarzen Schwefelquecksilber in +warmer Salpetersäure+ löslich

(Bildung von salpetersaurem Blei), in Salmiakgeist, Schwefelammonium,

Schwefelalkalien und Salzsäure unlöslich. Die Lösung des salpetersauren

Bleioxyds wird durch nachstehende +Bleireaktionen+ weiter untersucht:

a) +Schwefelsäure+ oder schwefelsaure Salze gehen einen Niederschlag

von +weissem+ schwefelsaurem Blei, welcher in Wasser und Säuren

unlöslich ist und durch Schwefelwasserstoffwasser oder Schwefelammonium

+geschwärzt+ wird. b) +Salzsäure+ oder Chloride geben einen +weissen+

Niederschlag von Chlorblei, der durch Salmiakgeist nicht gefärbt wird

(im Gegensatz zu Quecksilber). c) +Jodkalium+ gibt einen +gelben+

Niederschlag von Jodblei, welcher sich in der Hitze auflöst. d)

+Chromsaures+ Kali gibt einen +gelben+, in Kalilauge löslichen

Niederschlag von chromsaurem Bleioxyd. Ausserdem geben +Zyankalium+,

+gelbes Blutlaugensalz+, +Kali-+ und +Natronlauge+, +Salmiakgeist+

und +kohlensaure Alkalien+ einen +weissen+ Niederschlag (Zyanblei,

Bleioxydhydrat, kohlensaures Blei). +Quantitativ+ wird das Blei als

+Schwefelblei+ gewogen; 100 Teile Schwefelblei enthalten 86,6 Teile

Blei.

=Kasuistik.= Die alljährlich anwachsende Kasuistik der

Bleivergiftungen gehört zu den reichhaltigsten im ganzen Gebiete der

Toxikologie. Es soll im Nachstehenden nur eine Auswahl der für die

einzelnen Tiergattungen wichtigsten Vergiftungsfälle wiedergegeben

werden.

1. +Rind.+ 12 Rinder erhielten von einem Landwirt als Mittel

gegen Lecksucht 250 g Bleiweiss. Drei davon, welche am meisten

aufgenommen hatten, erkrankten an hartnäckiger Verstopfung,

Tympanitis, Lähmung der Magen- und Darmperistaltik, sehr starkem

Speicheln, Zittern, Amaurosis, Betäubung, Schwindelanfällen,

Krämpfen, sowie Kolikanfällen 2-3 Stunden vor dem Tode. Durchfall

trat nicht ein. (+Strebel+, Schweizer Archiv 1884). -- 2 Kühe

erhielten gegen Blutharnen in 3 Tagen 48 resp. 52 g Bleizucker.

Die erstere starb. Beide erkrankten nach Ablauf von 7-8 Tagen und

zeigten Muskelschwäche, Zittern, Steifheit der Glieder, Knacken in

den Gelenken, Lähmung der Nachhand, periodische Aufregung, sowie

maniakalische Erscheinungen (+Fischer+, Bad. Mitt. 1885). -- 4

Kühe und ein Bulle erhielten aus Versehen ¾ Pfund Bleizucker in

einem Eimer Wasser gelöst in die Krippe gegossen. Am 3. Tage danach

erkrankten 2 Kühe und mussten am 9. und 10. Tage getötet werden.

Die 3. Kuh erkrankte am 4. Tage, der Bulle am 5. und die letzte Kuh

am 6. Tage; diese 3 Tiere genasen (+Krekeler+, Preuss. Mitt. 1885).

-- Mehrere Zugochsen wurden mit einer Mischung von Mennige und Oel

eingerieben. 6-7 Wochen darauf erkrankten sie, indem zuerst Diarrhöe

und später anhaltende Verstopfung auftrat. Die zufällig bei der

Sektion vorgefundenen Nierensteine färbten sich bei der Berührung

mit Schwefelleber schwarz (+Hodurek+, Oesterreich. Monatsschr.

1883). -- In einer Brennerei waren die Bottiche mit Mennige sehr

dick angestrichen. Die Maische hatte den Anstrich gelöst. Durch

den Genuss der Schlempe erkrankten viele Kühe an Bleivergiftung

(+Magnus+, Preuss. Mitt. 1872). -- 8 Kühe wurden zur Vertilgung

der Läuse mit Bleisalbe eingerieben und auf die Einreibung noch

Bleiweiss eingestreut; sie erkrankten sämtlich (+Schöngen+, Preuss.

Mitt. 1874). -- Rinder, welche Mennige aufgenommen hatten, zeigten

Speichelfluss, Verstopfung, Kaukrämpfe, Amaurose, Rückenmarkslähmung,

einmal Zungenlähmung, ein anderes Mal tiefes Koma, ein drittes Mal

allgemeine Krämpfe (+Lavigne+, Recueil 1883). -- Eine Kuh frass

2 Pfund weisser Oelfarbe. Sie zeigte Stumpfsinn, Verstopfung,

Kolikanfälle, beschleunigtes, schnaufendes Atmen, schnellen, harten,

später unfühlbaren Puls, Sehstörung, plötzliche Unruhe, Krämpfe,

Steifheit der Vorder- und abwechselnd der Hinterfüsse. Dauer der

Krankheit 3 Wochen; Genesung (+van Dommeln+, Het Repertorium 1853).

-- 4 Kühe und ein einjähriges Kalb erhielten gegen die Lecksucht

innerhalb 8 Tagen zusammen 5 Pfund Bleiweiss, 3 mussten getötet

werden. Sie zeigten Aufstützen des Kopfes, Drängen gegen die Wand,

krankhaftes Abbiegen des Halses, Geifern, Zähneknirschen, Schluchzen,

Pupillenerweiterung. Bei der Sektion fand man Erweichung der

Gehirnsubstanz, sowie Flüssigkeit zwischen den Gehirnhäuten (+Hess+,

Schweizer Archiv 1851). -- 10 Kühe erhielten je 250 g Bleizucker,

statt Glaubersalz; alle starben innerhalb 8 Tagen (+Kaumann+, Magazin

Bd. 27). -- 10 Rinder erhielten aus Versehen 3 Tage hintereinander

je zweimal etwa 50 g Bleizucker. 6 Stück krepierten innerhalb 2-6

Tagen; die übrigen 4 mussten nach 5 Wochen infolge eines Rückfalls

getötet werden. Die Krankheitserscheinungen bestanden unter anderem

in Kolik, Muskelzuckungen, Aufstützen des Kopfes, hochgradiger

Mattigkeit und Erschöpfung, starker Abmagerung, lebhaftem Hautjucken,

pustulösem Hautausschlag über den ganzen Körper, Verkalben, Husten,

Speichelfluss, plötzlicher Lähmung (+Prinz+, Magazin 1. Bd.). --

Mehrere Kühe nahmen auf der Weide in einer Gegend, wo Schiessübungen

abgehalten wurden, Bleikugeln auf. Sie magerten ab, gaben wenig

Milch, zeigten trockene Haut und blasse Schleimhäute. Bei der

Sektion fand man 2-8 kg abgeplattete Bleikugeln im Pansen, ausserdem

die Erscheinungen der Leberatrophie und interstitiellen Nephritis

(+Gilly+, Recueil 1889). -- Nach der Aufnahme von bleiweisshaltigem

Dünger auf einer Wiese erkrankten 8 Rinder unter den Erscheinungen

einer schweren Gehirnentzündung; sie zeigten maniakalische Anfälle,

Zwangsbewegungen, Zähneknirschen, Erblindung, starken Speichelfluss

und Zusammenstürzen. Die Sektion ergab starke Gehirnkongestion

(+Laho+ und +Mosselmann+, Belg. Annalen 1893). Dieselben Autoren

gaben einem jungen Stier von 185 kg Gewicht, um experimentell die

Frage der Geniessbarkeit des Fleisches vergifteter Tiere zu prüfen

(vergl. S. 24), 4 Tage lang hindurch je 50 g Bleiweissfarbe, worauf

derselbe am 4. Tage starb. -- 9 Rinder, welche mit dem Futter

abgekratzte alte Mennige aufgenommen hatten, zeigten Speicheln,

Zähneknirschen, anhaltende Verstopfung, Pulsverlangsamung (32 p. M.),

Zittern, partielle Zuckungen, Zwerchfellskrampf, Pupillenerweiterung,

Sehstörungen, Blindheit, schwerfälligen Gang und schwere psychische

Affektionen. Der Tod trat nach 4-10 Tagen ein; die Sektion ergab

einen negativen Befund (+Lehmann+, Berl. Archiv 1893 S. 459). --

Einen ähnlichen Fall bei 2 Kühen (Apathie, Muskelzittern, stossendes

Atmen) hat +Sundt+ beobachtet (ibid. 1894 S. 343). -- Ueber

chronische Bleivergiftung bei Kühen, welche auf einem Schiessfeld

Bleikugeln aufgenommen hatten, berichtet +Magnin+ (Rec. 1893 S. 432).

-- Ein Rind erhielt von einem Pfuscher 120 g Bleizucker verschrieben,

wovon täglich der 3. Teil eingegeben werden sollte. Dasselbe zeigte

starkes Zittern, stieren Blick, Tobsucht, Schäumen und Zähneknirschen

und starb nach 24 Stunden. Die Sektion ergab starke Magen- und

Darmentzündung und Gehirnhyperämie (+Köcher+, Berl. Archiv 1894 S.

343). -- 2 Kühe zeigten nach der Aufnahme von Bleifarbe schwere

Tobsucht und Krämpfe (+Metzger+, D. th. W. 1895 S. 436). -- 3 Kühe,

welche Mehltrank mit Bleischrot vorgesetzt bekamen, erkrankten unter

Erscheinungen der Zerebrospinal-Meningitis, indem sie Krämpfe,

Unruhe, Aufregung und schliesslich Lähmung zeigten (+Pawlat+,

österr. Mon. 1896 S. 145). -- 2 Kühe leckten den Mennigeanstrich im

Stall ab und zeigten Salivation, Krämpfe, Vorwärtsdrängen, sowie

tobsuchtähnliche Anfälle (+Wallmann+, Berl. Arch. 1896 S. 349). --

Nach der Aufnahme von Abwässern einer Bleiweissfabrik erblindeten

2 Rinder auf beiden Augen; bei einem derselben stellte sich nach

14 Tagen das Sehvermögen wieder ein (+Appenrodt+, Berl. Arch. 1897

S. 196). -- 2 Rinder erkrankten 24 Stunden nach der Aufnahme von

Mennigefarbe und starben im Verlauf weiterer 24 Stunden, nachdem

sie Appetitlosigkeit, übelriechenden Durchfall, Vorwärtsdrängen

und Sichüberschlagen gezeigt hatten. Die Sektion ergab hochgradige

Entzündung des Labmagens (+Freitag+, Sächs. Jahresber. pro 1897 S.

146). -- Nach der Aufnahme von ½ l Mennigefarbe zeigte eine Kuh

48 Stunden später Appetitlosigkeit und Verstopfung, am 3. Tage

Kolik, Brechbewegungen, Muskelkrämpfe, Kaukrämpfe mit starkem

Speicheln, Vorwärtsdrängen, epileptiforme Anfälle, Schlafsucht und

allgemeine Schwäche, welche in Lähmung überging und am 5. Tage zum

Tode führte (+Haubold+, ibid. S. 147). -- Nach dem Ablecken von

frischem Mennigeanstrich starben 3 Kühe noch an demselben Tage, 3

wurden am Tag darauf notgeschlachtet; alle zeigten Appetitlosigkeit,

Verstopfung, krampfhafte Kaubewegungen, Vorwärtsdrängen, Schwäche der

Nachhand und Muskelzittern; 1 Kuh tobte, 1 verfiel in Schlafsucht

(+Fasold+, Berl. Arch. 1899 S. 212). -- Mehrere Kühe zeigten

nach dem Ablecken von Mennige und Bleiweiss heftige Aufregung,

Zittern, Salivation, Zähneknirschen, Kolik, Erblindung und Lähmung

(+Hoefnagel+, Holl. Zeitschr. 1899). -- Eine Kuh zeigte nach dem

Ablecken von Malerfarbe Zittern, periodische Zuckungen am Hals

und Kopf, fallsuchtähnliche Anfälle, Vorwärtsdrängen, Durchfall,

Tympanitis, harten Puls und angestrengte Atmung; der Haubeninhalt

des notgeschlachteten Tieres zeigte 2 Prozent metallisches Blei

(+Ebinger+, Schweiz. Arch. 1901 S. 179). -- 4 Kühe starben nach der

Aufnahme von Bleiweiss unter Kolikerscheinungen (+Lebrun+, Recueil

1902). -- Eine Kuh starb nach dem Ablecken einer mit Mennige frisch

bestrichenen Krippe unter Lähmungs- und Krampferscheinungen (Berl.

Tier. Woch. 1901). -- 10 Kühe und 2 Kälber starben bezw. mussten

geschlachtet werden, nachdem sie Leinkuchenmehl erhalten hatten,

dem 2 Proz. Bleiweiss beigemengt war; sie zeigten Vorwärtsdrängen,

Trismus, intermittierende Anfälle von Aufregung und Tobsucht,

Krämpfe, Bewusstlosigkeit und Sopor (+Dahle+, Norweg. Vet.-Zeitschr.

1901). -- Im Kreise Kempen starben 3 Kühe an Bleivergiftung dadurch,

dass der Besitzer Bleizucker statt Glaubersalz mit dem Futter

verabreichte. Derselbe Besitzer hatte 4 Monate vorher 3 Kühe nach

vermeintlicher Verabreichung von Glaubersalz notschlachten müssen

(der Drogist, der den Bleizucker irrtümlich verabfolgte, leistete

1500 Mark Entschädigung). In einem anderen Falle erkrankten von

12 Kühen eines Stalles 7 an Bleivergiftung nach der Aufnahme von

Mennige, mit der eiserne Träger angestrichen waren, wobei viel

Farbe verschüttet wurde. 5 Kühe starben. Die chemische Untersuchung

ergab im Dünndarm und in den Organen Blei. In demselben Kreise

starben 2 Kühe ebenfalls nach der Ableckung einer frisch mit Mennige

angestrichenen Säule; sie zeigten Speicheln, Durchfall, Auftreibung

des Hinterleibs, kleinen, beschleunigten Puls, hohes Fieber,

Zittern, Krämpfe und Tobsucht (Preuss. Vet.-Ber. pro 1899-1901). --

4 Rinder leckten Mennige aus einer Tonne und starben plötzlich unter

milzbrandverdächtigen Symptomen; eines derselben verfiel in Raserei

und starb wie vom Blitz getroffen. 6 andere Rinder starben nach der

Aufnahme von Bleiweiss infolge einer Verwechslung mit Futterkalk

unter Erscheinungen, welche den Verdacht auf Maul- und Klauenseuche

erweckten (ibid. 1904). -- Eine Kuh starb nach mehrtägiger Krankheit

unter Lähmungs- und Krampferscheinungen, nachdem sie einen frischen

Mennigeanstrich abgeleckt hatte (+Haase+, Berl. T.-W. 1901). --

7 Absatzkälber starben unter Tobsuchtserscheinungen, nachdem

der Kälberzwinger mit mennigehaltiger Oelfarbe angestrichen war

(+Steffani+, Sächs. Jahresber. 1902). -- 3 Rinder erkrankten nach

der Aufnahme von Bleifarbe (Mennige) unter Verdauungsstörungen,

Verlangsamung des Herzschlags und Zuckungen (+Mattern+, Woch. f.

Tierh. 1902). -- Eine Massenvergiftung von Kühen nach Verabreichung

von Rüben, deren Standort von der stark bleihaltigen Oker (Harz)

überflutet worden war, hat +Dammann+ beschrieben; 8 Kühe starben, 15

schwerkranke und 19 leichterkrankte genasen nach der Verabreichung

von Glaubersalz und Leinsamenschleim; bei allen Genesenen wurde

starker Rückgang der Milchsekretion beobachtet (D. T.-W. 1904 Nr.

1). -- Alljährlich erkrankten mehrere Jungrinder, welche auf der

Weide den Bodensatz und die Beschläge von Akkumulatoren aufgenommen

hatten, die gereinigt worden waren (Bleisulfat?); die Tiere zeigten

Muskelzittern, Sopor, Speicheln, Zähneknirschen, Durchfall und

Verstopfung (+Rehaber+, Münch. tierärztl. Woch. 1909). -- Weitere

Fälle von Bleivergiftung finden sich in den Jahresberichten der

preuss. beamteten Tierärzte 1902-1909. In einem Falle (Jahresber.

pro 1907) erkrankten und starben 5 Kühe nach der Fütterung von

ungewaschenen Rüben und Rübenblättern, die von einem Felde in der

Nähe von Bleibergwerken stammten; die Vergiftungen hörten auf,

als die Blätter gar nicht mehr und die Rüben nur nach gründlicher

Reinigung gefüttert wurden. Dass im übrigen einzelne Rinder

relativ grosse Mengen von Bleiverbindungen ertragen, zeigt eine

Beobachtung von +Baum+ und +Seliger+ (Berl. Arch. 1895), welche

einer Versuchskuh täglich steigende Dosen von 3-15 g Bleizucker,

innerhalb 80 Tagen insgesamt 520 g, verabreichten, ohne bei derselben

Krankheitserscheinungen wahrzunehmen (!).

Ueber enzootische Bleivergiftungen in der Nähe von Bergwerken und

Flüssen vergl. +Meyer+: Die Verheerungen der Innerste im Fürstentum

Hildesheim. Hottingen 1822. +Fuchs+: Die schädlichen Einflüsse

der Bleibergwerke auf die Gesundheit der Haustiere, insbesondere

des Rindviehs, 1842; +Freitag+: Die schädlichen Bestandteile des

Hüttenrauchs, +Thiel’s+ landwirtschaftliche Jahrbücher 1882;

+Schröder+ und +Reuss+: Die Beschädigung der Vegetation durch Rauch

und die Oberharzer Hüttenrauchschäden 1883.

2. +Pferde.+ Nach der Aufnahme von mit Bleisand verunreinigtem

Futter wurden Pferde von Schweratmigkeit befallen, welche an

Hartschnaufigkeit erinnerte und mit Erstickungsanfällen verbunden

war. Einige Pferde starben an Erstickung. Manche Pferde zeigten so

hochgradige Dyspnoe, dass sie nicht einmal im Schritt geführt werden

konnten. Erleichterung konnte nur durch die Tracheotomie geschafft

werden (+Stolz+, Preuss. Mitt. Bd. III). -- In der Umgebung von

Bleiwerken erkrankten Pferde häufig lediglich unter den Erscheinungen

einer Respirationsbeschwerde, während Ernährungsstörungen und andere

spezifische Erscheinungen vollkommen fehlen (+Schmidt+, Preuss. Mitt.

1879; Berliner Archiv 1885 u. 1886). -- Ein Pferd zeigte auf 500 g

Bleizucker in 2 l Wasser gelöst Kolik, Schwäche, Steifheit, blasse

Maulschleimhaut, kleinen und schwachen Puls, hatte sich jedoch nach

12 Stunden wieder erholt (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- 360

g Bleiglätte tötete ein Pferd (+Dominik+), während 240 g nur eine

geringe Beschleunigung der Pulsfrequenz zur Folge hatten (+Gerlach+,

Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- +Beckmann+ (Zeitschr. f. Vetkde.

1891 S. 253) fand als Ursache des im Winter bei 18 Pferden einer

Eskadron auftretenden Kehlkopfpfeifens das Einatmen von bleihaltigem

Sand der Reitbahn, welcher aus der Nähe eines alten Bleiwerks bezogen

wurde. Der Sand enthielt grosse Mengen von Bleioxyd. Die Pferde

waren sonst durchaus gesund, waren gut genährt und zeigten keinerlei

Störungen im Digestions- und Zirkulationsapparat. Wurden sie wenige

Minuten im Trab geritten, so beobachtete man ein pfeifendes,

inspiratorisches Geräusch und gleichzeitig so hochgradige Atemnot,

dass manche Pferde umzufallen drohten. Nach dem Reiten waren die

Pferde sehr aufgeregt und schwitzten stark. Nach 5-15 Minuten Ruhe

waren die Atmungsbeschwerden verschwunden. Von den 18 Pferden starben

2 an Erstickung, 3 wurden geheilt, die übrigen blieben Pfeifer.

Bei der Sektion der gestorbenen Pferde fand man den hinteren und

seitlichen Ringgiesskannenmuskel geschwollen, die Schleimhaut des

Kehlkopfes verdickt und von neugebildeten Gefässen durchzogen. --

In einem Regimente erkrankten innerhalb 24 Stunden 9 Pferde an

Kolik infolge Beleckens der neuen mit Mennige bestrichenen Barren

(Pr. Mil.-Vet.-Ber. pro 1893). -- 4 Pferde erhielten aus einer

½ km langen Bleirohrleitung, welche 2 Jahre lang leer geblieben

war, Trinkwasser und erkrankten an Verdauungsstörungen, leichten

Kolikanfällen, Muskelschwäche, Steifheit der Glieder, starkem Knacken

der Gelenke, Atmungsstörungen und dummkollerartigen Erscheinungen;

alle 4 Pferde starben (+Walther+, Sächs. Jahresber. pro 1896 S.

148). -- 8 Pferde eines Gutes, welches einen halben Kilometer

von einem Bleiwerk entfernt war, erkrankten der Reihe nach an

Bleivergiftung. Ein 3 Monate altes Fohlen zeigte die Erscheinungen

der Fohlenlähme, zwei andere, ältere Fohlen Steifheit des Rückens

und der Gliedmassen. Eine alte Stute erkrankte an Kehlkopfpfeifen,

welches nach längerer Behandlung mit Jodkalium wieder verschwand;

dasselbe Pferd zeigte später während des Fressens plötzliche

Erstickungsanfälle mit rohrendem Husten, welche rasch zum Tode

führten. 2 andere Stuten zeigten ebenfalls akutes Rohren und Dyspnoe

(durch Jodkalium geheilt). Die Leber der gefallenen Pferde war stark

bleihaltig, desgleichen die untersuchten Futtermittel (+Mosselmann+

und +Hébrant+, Belg. Annalen 1899). -- Fütterungsversuche, welche

+Thomassen+ mit Plumbum carbonicum (5-20 g pro die) bei 2 Fohlen

anstellte, ergaben schon nach 4-6 Wochen das Auftreten von Rohren

unter gleichzeitiger starker Abmagerung und Schreckhaftigkeit. Bei

der Sektion wurde folgendes ermittelt: Der Nervus recurrens war

beiderseits, links aber mehr als rechts degeneriert; er zeigte die

Erscheinungen der parenchymatösen Neuritis mit Zerfall des Myelins

und Achsenzylinders, sowie Bindegewebsneubildung. Auch am Nervus

vagus war starke Degeneration der Markscheide wahrzunehmen. Die

Kehlkopfmuskeln zeigten mikroskopisch atrophische Degeneration. In

der Medulla oblongata und spinalis wurden geringe Veränderungen der

Ganglien (Vaguskerne) gefunden, im Nervus sympathicus partielle

Bindegewebsneubildung. Der beim Menschen zuerst erkrankte Nervus

radialis war normal, desgleichen der Ischiadikus und Tibialis

(Holl. Zeitschr. 1903). -- Militärpferde erkrankten an Kolik und

Darmentzündung nach der Aufnahme mennigehaltigen Trinkwassers aus

angestrichenen Tränkbottichen (+Hentrich+, Zeitschr. f. Vetkde. 1909).

3. +Schafe.+ Ein altes Schaf erhielt 30 g Bleizucker. Dasselbe

erkrankte noch an demselben Tage und starb nach 8 Tagen (+Gerlach+).

-- +Ellenberger+ und +Hofmeister+ (Berliner Archiv 1884) fütterten

2 Schafe mit kleinen Dosen Bleizucker (0,5-3,0 pro die). Das eine

starb nach der Verabreichung von zusammen 150 g nach 3 Monaten,

das andere bei einer Gesamtmenge von 164 g nach 4 Monaten an

chronischer Bleivergiftung. Die Symptome derselben waren nicht

sehr charakteristisch: abnehmende Fresslust, Traurigkeit,

gestörtes Wiederkauen, trockene Wolle, grosse Muskelschwäche,

Unruheerscheinungen, verzögerter Kotabsatz, Durchfall, Verringerung

der Harnsekretion, Abnahme der Harnstoffausscheidung, zuweilen

Albuminurie, jedoch keine Symptome von Enzephalopathie, Arthralgie

und Bleilähmung. Bei der Sektion war chronischer Darmkatarrh,

fettige Degeneration der Leber, diffuse Nephritis, Quellung der

Leber- und Nierenzellen, sowie eine eigentümliche Kerndegeneration

der Nierenepithelien zu konstatieren. Die chemische Untersuchung

ergab, dass am meisten Blei enthielten die Leber, die Nieren, die

Speicheldrüsen, die Milz, die Knochen und das Zentralnervensystem.

4. +Hunde.+ Ein Hund wurde von Arbeitern einer Bleihütte mit Brot

gefüttert, welches Bleiglätte enthielt. Es trat alsbald Unruhe,

Geifern, Würgen und noch an demselben Tage der Tod unter Konvulsionen

ein. Bei der Sektion fand man die Schleimhaut des Magens dunkelrot,

an einigen Stellen trocken und korrodiert, die Schleimhautfalten

wulstig geschwollen, das Gehirn stark hyperämisch (+Dietrich+,

Preuss. Mitt. 1874). -- Ein Hund starb auf 14 g innerhalb 28 Stunden

(+Orfila+, Toxikologie); ein anderer starb auf 8 g Bleifeile nach

18 Tagen. Ferner starben Hunde bei täglicher Verabreichung von

0,2-0,5 Bleizucker nach 5-8 Wochen an chronischer Bleivergiftung

(Gesamtverbrauch 10 bis 30 g). -- 2 Pferde und 1 Hund erkrankten

in der Nähe einer Blei- und Silberhütte schwer an Bleivergiftung

(+Tappe+, Berl. Arch. 1901). -- Die Erscheinungen der chronischen

Bleivergiftungen bei Hunden sind nach den experimentellen

Untersuchungen von +Heubel+ und +Maier+ (Pathogenese und Symptome

der chronischen Bleivergiftung 1871): Appetitlosigkeit, Erbrechen,

Speichelfluss, Durchfall, hochgradige Abmagerung, namentlich

Muskelatrophie am Rücken und an den Hinterschenkeln, vorübergehende

Kolikanfälle, Schwäche der hinteren Extremitäten, Zittern

(eigentliche Muskellähmung fehlte), ausgeprägte Eklampsia saturnina

(in der 4. oder 5. Woche), verzögerter Kotabsatz und Verstopfung.

Bei der Sektion fand sich in allen Organen (Darm, Leber, Nieren,

Gehirn, Rückenmark) eine starke Bindegewebswucherung, zunächst in den

Gefässwandungen mit konsekutiver Kompression der Gefässe, Atrophie

der Darmdrüsen, Darmfollikel und Darmzotten, sowie Atrophie der

Darmganglien.

6. +Schweine.+ Ein ½jähriges Schwein erkrankte nach 8 g Bleizucker,

erholte sich aber wieder nach 4 Tagen (+Gerlach+). -- Mehrere

Schweine leckten ein frisch angestrichenes Stallgitter ab; sie

zeigten Erbrechen, Verstopfung und Krämpfe (+Dinter+, Sächs.

Jahresber. 1864).

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 10 / 50 段