2. +Rinder.+ 4 Kühe hatten Rattengift (arsenikhaltige Brotkugeln)

gefressen. Sie versagten das Futter, verloren die Milch, zeigten

starken Durchfall und waren sehr hinfällig. Eine Kuh starb

nach einigen Tagen; bei der Sektion fand man eine korrosive

Darmentzündung, sowie ein grosses Loch in der linken Seite des

Wanstes mit Austritt des Mageninhaltes in die Bauchhöhle. Die zweite

Kuh war bald wieder hergestellt. Die 3. war 10-14 Tage krank. Die

4. kränkelte ebenfalls längere Zeit; nach etwa 10 Wochen fiel in

der Gegend des Schaufelknorpels ein handtellergrosses Hautstück

mitsamt den unterliegenden Bauchdecken brandig ab, worauf eine

Magenfistel zurückblieb (+Hesse+, Magazin 1857). -- Eine Kuh,

welche Arseniklatwerge gefressen hatte, zeigte nach einigen Stunden

Appetitlosigkeit, Kolik und blutigen Durchfall und starb nach 45

Stunden (+Koch+, Preuss. Mitt. 7. Jahrgang). -- 9 Rinder hatten

grüne Rouleauxlappen gefressen. Sie zeigten unterdrückte Fresslust,

heftigen Durchfall, grosse Schwäche und Angst, Krämpfe in den

Halsmuskeln, Erstickungsanfälle und Pupillenerweiterung. Ein Tier

starb am 3. Tage, die übrigen genasen im Verlaufe einer Woche. Die

Sektion ergab korrosive Gastroenteritis (+Brabänder+, Magazin 1855).

-- Mehrere Kühe hatten alte grüne Tapeten gefressen; eine derselben

starb am Abend desselben Tages, eine zweite in der darauffolgenden

Nacht, 3 andere erkrankten am Tage darauf. Die Erscheinungen waren:

Traurigkeit, Appetitlosigkeit, Speicheln, Kolik, Trippeln, Durchfall,

Tenesmus (+Eilert+, ibidem). -- R. +Fröhner+ beobachtete bei einer

Kuh eine schwere Vergiftung (Aufblähen, Kolik, grosse Schwäche,

Lähmungserscheinungen) nach der Aufnahme von etwa 10 g Schweinfurter

Grün (D. Th. W. 1895, S. 130). -- +Durréchou+ sah bei einer Kuh

nach der täglichen Verabreichung von 5 g Arsenik Kolik und tödliche

Peritonitis infolge Perforation des Pansens an 6 Stellen (Revue vét.

1895 S. 385). -- Eine Labmagenfistel bei einer im übrigen gesunden

Kuh nach der Aufnahme von arsenikhaltigem Weizen haben +Talbot+ und

+Mettam+ beschrieben (The Veterinarian 1897). -- Zur Vertilgung des

Koloradokäfers wurden in Amerika die Felder mit grossen Mengen von

Schweinfurter Grün bestreut. Die stehenden Gewässer daselbst wurden

deshalb nach Regengüssen stark arsenhaltig. 6 Rinder, welche aus

solchen Pfützen tranken, starben nach 1-2 Stunden unter heftigen

Kolikerscheinungen und starkem Speicheln (+Sattler+, Tiermed.

Rundschau 1886/87). -- 4 Mastrinder erkrankten schwer an Kolik.

Die Sektion ergab diffuse Labmagen- und Dünndarmentzündung; in der

Labmagenschleimhaut fanden sich hirsekorngrosse Anätzungen. Die Tiere

hatten Arsenik, gepulvert mit Weizenkleie, als Mastmittel erhalten,

und zwar täglich eine Handvoll dieser Mischung (+Fortenbacher+,

Preuss. Ber. pro 1906). -- Wie Pferde, so können sich auch Rinder an

längere Zeit hindurch verabreichte kleinere Mengen Arsenik gewöhnen.

So fütterte +Körte+ (+Meyers+ Ergänzungsblätter 1869) eine Anzahl

Mastochsen mit steigenden Mengen Arsenik in täglichen Dosen von

0,06-0,36 g während einer sehr langen Mastperiode ohne jede Störung

des Allgemeinbefindens; die Tiere wurden im Gegenteil sehr fett.

+Spallanzani+ und +Zappa+ (Clinica veterinaria 1886) fütterten

Kühe 10 Tage hindurch mit je 0,2 g Arsenik. Während anfangs der

Nährzustand etwas zurückging, trat später Körpergewichtszunahme und

Besserung im äusseren Habitus der Tiere ein. Dieselbe Beobachtung

machten sie bei Schafen und Schweinen (0,05 g pro die) und bei

Tauben (2-4 mg pro die). Sie kamen zum Resultate, dass man täglich

von gepulvertem Arsenik ohne nachteilige Folgen verabreichen kann:

Rindern 0,15 mg pro Kilo Körpergewicht, Schafen 1 mg, Schweinen 0,4

mg und Tauben 1 mg. Bezüglich der Zulässigkeit des +Fleischgenusses+

von Tieren, welche mit Arsenik behandelt wurden, haben die

Versuche von +Spallanzani+ und +Zappa+ ergeben, dass selbst das

Fleisch von Tieren, welche mit Arsenik vergiftet wurden, nicht

gesundheitsschädlich wirkt, viel weniger das Fleisch von Tieren,

welche unter Beihilfe des Arseniks gemästet werden. Einer Kuh

wurden beispielsweise nach und nach 70 g Arsenik beigebracht. Beim

Schlachten enthielt der Körper derselben nur noch ¼ g. Relativ am

meisten Arsenik enthielt die Leber, darauf folgten die Nieren, das

Gehirn, das Fleisch, die Hautanhänge, die Knochen, das Blut und die

Milch. Die für den Menschen giftige Minimaldosis von 0,1 g Arsenik

wäre demnach erst in 9 kg Leber vorhanden gewesen. Dementsprechend

war auch die Verfütterung des Fleisches und der Milch an junge

Schweine und Hunde resultatlos. Die Milch enthielt 0,00005 pro

Mille Arsenik. Ein ähnliches Ergebnis hat eine Untersuchung von

+Sonnenschein+ gehabt. Die Körperteile einer Kuh, welche innerhalb

eines halben Jahres 506½ g Arsenik bekommen hatte, enthielten nach

der Schlachtung an Arsenik: 1 kg Fleisch 0,28 mg, 1 kg Leber 0,12 mg,

1 kg Milz 2 mg, 1 kg Niere 3 mg.

3. +Schafe.+ 150 Schafe wurden in einer Arseniklösung gebadet, welche

in 500 l 3½ kg Arsenik enthielt. Innerhalb der ersten drei Stunden

nach dem Bade starben 30 Stück, in den weiteren 4 Tagen 105 Stück.

Die übrigen Tiere erkrankten zwar, genasen aber (+Nagel+, Berliner

Archiv 1890). -- Eine Schafherde, bestehend aus 229 Stück, wurde

wegen Räude in einer Arseniklösung gebadet. 12 Stück krepierten,

28 Stück zeigten 2 Monate hindurch tiefe brandige Zerstörung und

Geschwürsbildung auf der Haut (The Veterinarian 1852). -- Ein

Schaf erhielt in 2½ Monaten etwa 20 g Arsenik. Nach Verabreichung

von etwa 12 g zeigten sich die ersten Vergiftungserscheinungen:

unterdrückte Fresslust und Munterkeit, sowie eine schmerzhafte

Stelle in der rechten Schaufelknorpelgegend, welche sich später

zu einer bruchartigen, walnussgrossen Geschwulst und schliesslich

zu einer Labmagenfistel mit späterem partiellen Labmagenvorfall

umwandelte (+Haubner+, Sächs. Jahresbericht 1860). -- +Röbert+

hat eine Arsenikvergiftung bei 100 Schafen beobachtet. Dieselben

weideten auf einem Kleefelde, das in allernächster Nähe eines

Hüttenwerkes gelegen war. Bereits nach 2 Stunden zeigten die

Tiere die ersten Krankheitssymptome, welche sich in grosser

Mattigkeit, lähmungsartiger Schwäche, Schwanken, Versagen des

Futters, diarrhoischem Kote, lividem Aussehen der Schleimhäute

äusserten; 1/10 davon ging ein. Der Sektionsbefund war der bei

Arsenikvergiftung übliche. Das Blut war teerartig, schlecht geronnen,

es bestand Ekchymosierung der Schleimhaut des Verdauungsapparates

usw. (Sächs. Jahresber. pro 1892). -- +Scott+ beobachtete eine

Arsenikvergiftung bei Lämmern nach einem Räudebad. 19 Lämmer starben

nach 12-36 Stunden unter Vergiftungserscheinungen (Speichelfluss,

Nasenausfluss, Zähneknirschen, Stöhnen, Schwanken, Durchfall, Koma).

Andere erkrankten 10 bis 12 Tage nach dem Baden. Die Sektion ergab

leichte Entzündung im 4. Magen, subkutane Blutungen, Petechien

und seröse Infiltration in den Muskeln (Vet. Record 1904 S. 853).

-- Auch Schafe können sich an kleinere Dosen Arsenik gewöhnen.

So zeigten die Versuchsschafe von +Weiske+ (Tageblatt der Grazer

Naturforscherversammlung 1875) bei 20tägiger Fütterung von je

0,005-0,18 g Arsenik bessere Ausnützung des Futters und Vermehrung

des Körpergewichts durch Fleischansatz. +Cornevin+ (Journal de Lyon

1886 und 1888) fütterte 9 Schafe je eine Woche hindurch mit 7tägigen

Pausen zuerst 0,3, dann 0,6, dann 1,0 und zuletzt 1,3 g Arsenik

(mithin die grosse Menge von 22,4 g Arsenik pro Schaf innerhalb 2

Monaten). Erscheinungen einer Darmaffektion fehlten hiebei gänzlich;

der Fettansatz wurde jedoch nicht gefördert, und zwar deshalb, weil,

wie +Cornevin+ glaubt, der Arsenik in Pulverform sich in den grossen

Futtermassen der Wiederkäuermägen verliert. Dagegen zeigte sich nach

Verabreichung der +Fowler+schen Lösung, wobei mit 0,25 begonnen und

gradatim bis zu 5,0 gestiegen wurde, insbesondere bei schwächlichen

Schafen eine deutliche Gewichtszunahme.

4. +Schweine.+ Ein halbjähriges Schwein starb nach 1,2 g Arsenik

binnen 40 Stunden (+Gerlach+, Gerichtl. Tierheilkunde 1872). -- 22

Schweine tranken von einer zur Schafwäsche benützten Flüssigkeit und

krepierten sämtlich. Die Sektion ergab starke kruppöse Stomatitis

und Pharyngitis (The Veterinarian 1855). -- Schweine zeigen nach

täglich 2maliger Verabreichung von 0,05 Arsenik nach 8-14 Tagen

Appetitverminderung, Erbrechen, Durchfall, blutige Exkremente, grosse

Mattigkeit, starke Abmagerung und sterben nach etwa 20-30 Tagen

(+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). -- Auch bei Schweinen kommt eine

Gewöhnung an den Arsenik vor. Sie ertragen nach den Untersuchungen

von +Giel+ (Archiv für experimentelle Pathologie 1878), wenn sie

jung, kräftig und gut gehalten sind, ½-2 mg Arsenik pro die ganz

ausgezeichnet, zeigen im Vergleiche zu den Kontrolltieren entschieden

besseres Wachstum, bekommen ein schöneres, glänzenderes Fell, werden

fetter, haben längere und dickere Knochen und werfen grössere,

stärkere Junge.

5. +Hunde.+ Nach 0,2-0,6 Arsenik zeigen Hunde wiederholtes

Erbrechen, Winseln, beschwerliches Atmen, Angst, Unruhe, Entleerung

schwarzrotgefärbter diarrhoischer Kotmassen, grosse Schwäche, Koma;

nach 6-30 Stunden tritt der Tod ein (+Hertwig+; eigene Versuche).

-- Ein mittelgrosser Hund starb auf 0,25 Scherbenkobalt nach 18

Stunden unter den Erscheinungen der Gastroenteritis (+Renault+,

Recueil 1834). -- Ein Hund erkrankte auf 0,6 Schweinfurter Grün

nach ½ Stunde unter Kolikerscheinungen, genas aber nach 4 Stunden;

ein anderer, kleiner Hund starb nach 0,3. Ein junger Hund starb

ferner nach der Verabreichung von 0,6 Scheeleschem Grün nach 1½

Stunden (+Meurer+, Caspers Wochenschrift für Tierärzte 1843). --

Eine Arsenikvergiftung nach der Aufnahme von Feldmäusen hat +Heilig+

bei einem Hunde beobachtet (Oesterr. Monatsh. 1897 S. 169). -- Zwei

Dachshunde erkrankten nach dem Zerzausen eines ausgestopften Fuchses

an schwerer Arsenikvergiftung; einer genas nach Verabreichung von

Magnesia und Eisenoxydhydrat. Bei dem anderen fand sich bei der

Sektion Arsenik als weisses, streusandähnliches Pulver im Magen

(+Röbert+, Sächs. Jahresber. pro 1901). -- Ein Hund starb 1½

Stunden nach der Aufnahme von Rattengift (0,2 Arsenik) perakut;

der Sektionsbefund war mit Ausnahme einer umschriebenen erosiven

Gastritis negativ (+Jakob+, Münch. Woch. 1909). -- Nach der Aufnahme

von arsenikhaltigem Mäusegift erkrankte ein Hund unter Erbrechen und

Lähmungserscheinungen; er genas nach Verabreichung von Antidotum

Arsenici nach 24 Stunden (+Roelcke+, Zeitschr. f. Vet. 1909).

6. +Hühner.+ Von 10 Hühnern eines Weissgerbers, welche von dem

weissen, in Renntierfelle eingestreuten Pulver gefressen hatten,

starben 8 (+Weigel+, Sächs. Jahresber. 1888). -- Nach +Cornevin+

ertragen Hühner 0,02 g Arsenik pro die eine Woche hindurch, sterben

aber bei 0,05 g pro die und einer einmaligen Dosis von 0,1-0,15 g.

Bleivergiftung. Saturnismus.

=Chemie der Bleiverbindungen.= Das Metall Blei wird fast

ausschliesslich aus dem +Bleiglanz+, PbS, hüttenmännisch gewonnen.

Der Bleiglanz findet sich meist mit anderen Erzen, namentlich mit

Silber-, Kupfer-, Zink-, Antimon- und Eisenerzen zusammen auf

Gängen der verschiedensten Gebirgsformationen. Durch Rösten des

Bleierzes wird teils reines metallisches Blei, teils Bleioxyd

gewonnen. Letzteres wird sodann mit Kohle zu metallischem Blei

reduziert. Bleibergwerke finden sich in Deutschland namentlich in

Freiberg (Sachsen), im Harz (Ober- und Unterharz), in Oberschlesien

(Tarnowitz), in den Bezirken Aachen und Köln, in Hannover, Westfalen

und Nassau. Das metallische Blei findet Verwendung zur Herstellung

von Kugeln, Platten, Röhren, Draht, Glasuren und Lötmasse für

Koch- und Essgeschirre, als Ausbesserungsmaterial für Mühlsteine,

sowie zur Darstellung verschiedener chemischer Bleipräparate. Die

wichtigsten +chemischen Eigenschaften+ des Bleies sind folgende.

Vor dem Lötrohr auf Kohle geschmolzen gibt es einen dunkelgelben

Beschlag mit blauweissem Rande. Mit Soda vor dem Lötrohr geschmolzen,

bildet es eine weiche Bleiperle, deren Lösung in Salpetersäure durch

Schwefelsäure weiss gefällt wird. An feuchter Luft überzieht sich

Blei mit einer dünnen Schichte von Bleioxyd. Lufthaltiges Wasser

greift das Blei stark an, indem sich lösliches Bleioxydhydrat bildet;

die gleichzeitige Anwesenheit von Chloriden, Nitraten, Ammoniak und

fauligen Stoffen befördert die Auflösung des Bleis (Gefährlichkeit

der Benützung von Bleiröhren zu Trinkwasserleitungen).

Die für die Toxikologie wichtigsten Bleiverbindungen sind ausser dem

+metallischen Blei+ folgende: 1. Die +Bleiglätte+ (Silberglätte,

Goldglätte, Massikot, Lithargyrum) ist Bleioxyd, PbO, welches in

den Bleihütten durch Erhitzen des Bleis an der Luft gewonnen wird

und je nach dem angewandten Hitzegrade eine hellgelbe (Silberglätte)

oder rotgelbe (Goldglätte) Farbe zeigt. Es ist in Wasser schwer

löslich, in Salpeter- und Essigsäure leicht löslich, löst sich

ferner in Salzsäure und bildet mit Fetten Firnisse, Pflaster und

Kitte. 2. Die +Mennige+ (rotes Bleioxyd, Pariser Rot, Minium),

Pb_{3}O_{4}, wird aus Bleiglätte durch weiteres Erhitzen dargestellt.

Sie hat eine schöne, blendend rote, zuweilen feurig oder orangerote

Farbe, löst sich in Essigsäure, Salzsäure und Salpetersäure, und

wird zu Anstrichen, Glasuren, Kitten, Pflastern, sowie in der

Zündhölzerfabrikation verwandt. 3. Das +Bleiweiss+ (kohlensaures

Blei, Cerussa), PbCO_{3}, wird in ausgedehnter Weise als Malerfarbe

benützt. 4. Der +Bleizucker+ (Bleiazetat, neutrales essigsaures

Blei), Pb (C_{2}H_{4}O_{2})_{2} + 3 H_{2}O, wichtig als Arzneimittel,

sowie zur Darstellung von Firnissen, Farben und Beizen. 5. Der

+Bleiessig+ (basisches essigsaures Blei), Liquor Plumbi subacetici,

aus Bleizucker und Bleioxyd dargestellt, ein äusserlich angewandtes

Arzneimittel.

=Aetiologie der Bleivergiftung.= Eine der häufigsten Ursachen der

Bleivergiftung ist die Aufnahme von +Bleifarben+. Die Literatur (vgl.

S. 84) enthält eine ausserordentlich grosse Anzahl von Beobachtungen,

in welchen Haustiere, namentlich Rinder, durch das Fressen oder

Ablecken bleihaltiger Oelfarben (+Bleiweiss+, +Bleiglätte+, +Mennige+)

erkrankt und gestorben sind. Es handelt sich dabei insbesondere um

frisch angestrichene Futtergeschirre, Trinkeimer, Bottiche, Krippen,

Gitter, Hühnerställe; zuweilen werden sogar grössere Mengen reiner

Oelfarbe aufgenommen. Sehr gefährlich hat sich auch das Einreiben von

Zugochsen mit Salben aus Mennige am Hals erwiesen, indem die Tiere sich

gegenseitig die bleihaltige Salbe ableckten. Auch Vergiftungen durch

die Aufnahme grösserer Mengen roter, bleihaltiger Oblaten sind bei

Rindern beobachtet worden. Ausserdem sind Vergiftungsfälle bei Pferden

und Katzen in Mennige- und Bleiweissfabriken beschrieben worden.

In enzootischer Verbreitung findet man die Bleivergiftung bei

sämtlichen Haustieren in der Umgebung von +Bleihütten+ und

+bleihaltigen Flüssen+. Von Hüttenwerken sind in dieser Beziehung

zu nennen die Ober- und Unterharzer Hütten (Blei- und Zinkhütten in

Stolberg, Kupferhütten zu St. Helens), die Hüttenwerke in Oberschlesien

(Friedrichshütte), Rheinland, Westfalen und in Freiberg (Sachsen),

welche teils durch den sog. Hüttenrauch und Flugstaub die gesamte

Vegetation der nächsten Umgebung mit einer bleihaltigen Staubschichte

überziehen, teils durch fortgewehten und fortgeschwemmten Pochsand und

Haldensand und durch abgefahrenen Bleidünger (Bleiasche) Vergiftungen

nicht bloss unter den Haustieren, sondern unter der gesamten

benachbarten Tierwelt veranlassen. Das im Boden enthaltene Blei geht

sogar unter Umständen in Form organischer Verbindungen in die Pflanzen

über und erzeugt so indirekt bei Pflanzenfressern Bleivergiftung

(vgl. die Beobachtungen in Kärnten S. 9). Aehnlich giftig wirken die

Abwässer von Bleiweissfabriken. Auch die mit städtischen Abfuhrstoffen

(Strassenkot) gedüngte Erde ist zuweilen bleihaltig und dann

gesundheitsschädlich (+Mosselmann+ und +Hébrant+). Von bleihaltigen

Flüssen sind zu erwähnen die +Innerste+ im Hildesheimischen, welche

auf einer Strecke von 50-60 km Blei mit sich führen soll, sowie der

+Bleibach+ in der Rheinprovinz (Aachen, Köln; Kreisen Schleiden und

Euskirchen). Diese Flüsse überziehen namentlich nach Ueberschwemmungen

die umliegende Niederung mit einer Schichte bleihaltigen Schlammes und

Sandes und bedingen so in ihrem gesamten Stromgebiete Bleivergiftungen

durch Aufnahme von bleihaltigem Sand und Erdboden mit dem Futter.

Wird ein derartiger +bleihaltiger Sand+ verladen, so kann er z. B.

in +Reitbahnen+ infolge Einatmens bei Pferden eine chronische

Bleivergiftung (Rohren) herbeiführen.

Das +metallische Blei+ wird in Form von +Schrotkörnern+ und

+Bleistücken+ namentlich von Rindern und vom Geflügel aufgenommen,

wenn es z. B. nach der Verwendung zum Flaschenspülen ins Futter, ins

Trinkwasser oder auf den Dungplatz gelangt ist. Auch durch Weiden in

der Nähe von Schiessplätzen und Aufnahme der daselbst umherliegenden

Bleikugeln sind Bleivergiftungen beim Rind früher veranlasst worden.

Im Magen einer an Bleivergiftung gestorbenen Kuh fand man 300, bei

einer anderen 250 g Bleischrot, in dem einer Taube 4 g; im ersteren

Falle wurde durch Vermittlung der +Milch+ bei dem 1 Monat alten Kalb

ebenfalls eine tödliche akute Bleivergiftung hervorgerufen. Bleikugeln

in Wunden sind dagegen ungiftig (Abkapselung). Vergiftungen durch

bleihaltiges +Trinkwasser+ aus +Bleiröhren+ sind bei den Haustieren

gleichfalls nachgewiesen worden (+Walther+). Bleihaltige Lötmasse

in Vogelkäfigen hat bei Zimmervögeln Veranlassung zu Bleivergiftung

gegeben (+Regenbogen+).

Endlich ereignen sich Bleivergiftungen durch +Verwechslungen+ und

+therapeutische Fehlgriffe+. So sind öftere Male Vergiftungen dadurch

vorgekommen, dass vom Händler (Drogisten) statt Glaubersalz Bleizucker,

sowie dass statt Futterkalk oder Kreide Bleiweiss abgegeben wurde.

In einem Fall verabreichte ein Landwirt seinen 5 Rindern 2½ kg

Bleiweiss; in einem anderen wurden an 10 Rinder irrtümlicherweise

statt Spiessglanz täglich etwa 50 g Bleizucker 3 Tage hintereinander

abgegeben. 5 Rinder erhielten aus Versehen ⅜ kg Bleizucker, welcher zur

äusserlichen Anwendung bestimmt war, in Wasser gelöst zum Trinken. Eine

Kuh starb, als sie innerhalb 3 Tagen 50 g Bleizucker gegen Blutharnen

erhalten hatte. Die +tödliche Dosis+ des +Bleizuckers+ beträgt für

+Rinder+ 50-100 g

+Pferde+ 500-750 „

+Schafe+ und +Ziegen+ 20- 25 „

+Schweine+ und +Hunde+ 10- 25 „

=Krankheitsbild der Bleivergiftung.= Das Blei besitzt in allen seinen

Verbindungen lokal eine +ätzende+ Wirkung (Bildung von Bleialbuminat).

Nach seiner Resorption wirkt es +erregend+ auf die Nervenzentren

der +Grosshirnrinde+ (Psyche, motorische Zentren) und auf das

+vasomotorische Zentrum+. Ausserdem wirkt das Blei infolge einer

primären degenerativen Atrophie der peripheren motorischen Nervenfasern

+lähmend+ auf die +quergestreiften Körpermuskeln+. Bei länger

fortgesetzter Verabreichung beobachtet man +Wucherung+ und +Neubildung+

von +Bindegewebe+ in allen wichtigeren Organen (Darm, Leber, Nieren,

Gehirn, Rückenmark, Retina, Sympathikus), +Degenerationszustände+

in den peripheren motorischen Nerven, namentlich im +Rekurrens+,

und im +Rückenmark+, sowie +Muskelatrophie+ (beim Pferd namentlich

in den Kehlkopfmuskeln). Die Resorption des Bleis findet von allen

Körperstellen aus, selbst von der Haut (Wunden) und von der Lunge aus

statt. Insbesondere wird im Magen und Darm das metallische Blei und

das sonst unlösliche Bleisulfat resorbiert. Besonders rasch ist die

Resorption der löslichen Bleisalze. Dagegen erfolgt die +Ausscheidung+

des Bleis sehr langsam durch die Drüsen (Harn, Speichel, Galle, Milch).

Am empfindlichsten von allen Haustieren gegen Blei ist das +Rind+.

Das Pferd verträgt 10mal grössere Dosen. Ausserdem sind die Vögel

sehr empfindlich. Man unterscheidet eine akute und eine chronische

Bleivergiftung (akuten und chronischen Saturnismus).

1. +Symptome der akuten Bleivergiftung.+ Die wichtigsten

Lokalerscheinungen sind +Erbrechen+, Würgen, starker +Speichelfluss+,

+Kolik+ (Bleikolik), +anhaltende Verstopfung+, Tympanitis,

unterdrückte Futteraufnahme und Milchsekretion, seltener Durchfall.

Die Allgemeinerscheinungen äussern sich zunächst in kortikalen

Gehirnstörungen, nämlich in +Zittern+, +Zuckungen+, +Kaukrämpfen+

und +epileptiformen Anfällen+, neben welchen starke +psychische

Erregung+, Vorwärtsdrängen, choreaähnliche Zufälle, sowie namentlich

bei Rindern förmliche +Tobsuchtsanfälle+ einhergehen (Mania saturnina).

Auf dieses Stadium der Erregung folgt das der Lähmung: +Schwäche+,

+Betäubung+, +Schwindel+, +Schlafsucht+, +Parese+ und +Paralyse+ der

+Nachhand+, +Lähmung+ der +Zunge+, +Lähmung einzelner Muskelgruppen+,

allgemeine oder halbseitige +Anästhesie+, tiefes +Koma+. Der +Puls+ ist

auffallend +hart+, oft +drahtförmig+, seine Frequenz bald vermehrt,

bald verlangsamt. Die Schleimhäute sind anfangs hochgerötet, später

schmutziggrau verfärbt (Bleisaum beim Hund; PbS). Die Atmung ist

erschwert und beschleunigt. Trächtige Tiere abortieren häufig. Die

Dauer dieser Krankheitserscheinungen schwankt zwischen 24 Stunden

(perakuter, milzbrandähnlicher Verlauf) und einigen Wochen (akuter und

subakuter Verlauf). Zuweilen bleiben partielle Muskellähmungen zurück.

2. +Symptome der chronischen Bleivergiftung.+ Bei +Rindern+ äussert

sich die chronische Bleivergiftung in allgemeinen Ernährungsstörungen

und zunehmender +Abmagerung+ (Cachexia saturnina), in hochgradiger

+Körperschwäche+ (Tabes saturnina), intermittierenden, durch eine

Bindegewebswucherung in der Umgebung der Darmganglien hervorgerufenen

+Kolikanfällen+ (Colica saturnina; Bleikolik), +Bewegungsstörungen+

und +Lahmheiten+ (Arthralgia saturnina; Rheumatismus saturninus),

+zerebralen Erregungszuständen+ (Encephalopathia saturnina), welche

sich namentlich in Form +epileptischer Anfälle+ äussern (Eklampsia

saturnina). Auf der Haut findet man zuweilen starkes +Hautjucken+,

sowie +pustulöse Exantheme+. Zuweilen bilden sich ferner +Amblyopie+

und +Amaurosis+ (Amaurosis saturnina), sowie +motorische Lähmungen+

verschiedener Natur (Paralysis saturnina) mit starkem +Muskelschwund+

(Atrophia saturnina), zuweilen auch mit bleibenden +Muskelkontrakturen+

(Contractura saturnina) aus. Die Maulschleimhaut zeigt in manchen

Fällen die Erscheinungen der +ulzerösen Stomatitis+ mit einem sog.

+Bleisaum+ der Zähne (Verdacht der Maul- und Klauenseuche). Daneben

können sich die Erscheinungen eines +Bronchialkatarrhs+ entwickeln.

Endlich beobachtet man habituellen Abortus oder Sterilität.

Bei +Pferden+ zeigt die chronische Bleivergiftung ein wesentlich

anderes Krankheitsbild. Meist beobachtet man als einziges auffälliges

Symptom +Kehlkopfpfeifen+, wodurch die Pferde zur Arbeit unbrauchbar

werden. Die saturnine Hartschnaufigkeit wird namentlich in

Bleigegenden, sowie bei Reitpferden beobachtet, wenn dieselben in

Reitbahnen mit bleihaltigem Sand bewegt werden. Nach den Untersuchungen

von +Thomassen+ wird das Kehlkopfpfeifen bei der Bleivergiftung durch

eine +periphere Neuritis des Nervus recurrens+ mit Degeneration des

Nerven und späterer Bindegewebsneubildung veranlasst (vergl. S. 87).

Nach +Schmidt+ soll sich das saturnine Rohren von dem gewöhnlichen

Kehlkopfpfeifen klinisch dadurch unterscheiden, dass die Dyspnoe beim

Unterbrechen der Bewegung nicht sofort aufhört, sondern eher noch

zunimmt, und dass der ganze Anfall auch dann abläuft, wenn das Pferd

nur bis zum Beginn des Hörbarwerdens der ersten Stenosengeräusche

bewegt worden ist. Wichtiger ist der Umstand, dass beim saturninen

Rohren eine +beiderseitige+ Kehlkopflähmung vorhanden ist.

Beim +Geflügel+ (Hühner, Tauben, Dompfaffen) hat man ausser gastrischen

Störungen, Krämpfen und Lähmungserscheinungen starke +Anschwellung+ und

+Absterben+ der +Zehenglieder+ beobachtet.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 9 / 50 段