=Chronische Phosphorvergiftung.= Dieselbe tritt in verschiedenen

Formen auf. 1. Als sog. +Phosphornekrose+ des Unterkiefers

und Oberkiefers wurde sie früher häufig beim Menschen in

Phosphorzündholzfabriken beobachtet. Namentlich bei Arbeitern mit

schlechten Zähnen entstand eine nekrotisierende Kieferperiostitis,

indem sich der Phosphor mit den bei jeder Eiterung entstehenden

eiweissartigen Stoffen zu stark reizenden Phosphorptomainen

verband. Experimentell wurden diese Erscheinungen auch bei

Kaninchen nach längerer Einatmung von Phosphordämpfen, sowie nach

subkutaner Injektion von Phosphoröl erzeugt (+Gelenkvereiterung+,

Korneaabszesse). 2. Die +Phosphorzirrhose+ der +Leber+ und +Niere+,

d. h. eine chronische interstitielle Hepatitis und Nephritis

mit Bildung einer Schrumpfleber und Schrumpfniere lässt sich

experimentell bei Tieren durch lange fortgesetzte Fütterung kleiner

Phosphorgaben hervorrufen. In der zirrhotischen Phosphorleber hat man

Neubildung von Gallengängen beobachtet.

=Sektionsbefund.= Bei sehr raschem Verlauf können charakteristische

Veränderungen in den inneren Organen fast vollständig fehlen.

Der anatomische Befund ist ferner je nach der stärkeren oder

schwächeren Lokalwirkung (Aetzwirkung) des Phosphors verschieden,

indem gastroenteritische Veränderungen in einzelnen Fällen, z. B.

nach Aufnahme von Phosphoröl, nicht auftreten. Auch die ikterische

Verfärbung der Schleimhäute kann fehlen. In der Mehrzahl der

Vergiftungsfälle lässt sich jedoch ein sehr prägnanter anatomischer

Befund konstatieren. Meist findet man die +Schleimhaut+ des +Magens+

und +Dünndarms+ (zuweilen auch die der Maulhöhle, des Schlundkopfes

und Schlundes) höher gerötet, geschwollen, von Blutungen durchsetzt,

erodiert, geschwürig verändert und zuweilen sogar umschrieben

verschorft. Die +Magendrüsen+ sind fettig-körnig degeneriert

(Gastritis glandularis). Die +Leber+ ist stark geschwollen und

vergrössert, brüchig, ikterisch, die Leberzellen sind verfettet;

gleichzeitig entsteht das Bild der Fettleber durch Einwanderung von

Fett aus anderen Fettdepots in die Leberzellen, so dass die Leberzellen

infolge der zahlreichen Fettröpfchen oft gar nicht mehr zu erkennen

sind. Die +Nieren+ sind vergrössert, das Nierenepithel verfettet. Der

+Herzmuskel+ und die +Skelettmuskeln+ sind ebenfalls verfettet und

von Hämorrhagien durchsetzt, die Schleimhäute und das Bindegewebe

ikterisch. Die Fettdegeneration der Leberzellen lässt sich schon 6-8

Stunden, die der Nierenzellen 12 Stunden nach der Einverleibung des

Phosphors nachweisen. Viele Organe weisen +Hämorrhagien+ auf, so

namentlich die Pleura, das Perikard, das Mittelfell und Gekröse, die

Lunge, das subkutane und intermuskuläre Bindegewebe. Der Magen- und

Darminhalt zeigt im Dunkeln +Phosphoreszenz+ und fällt durch seinen

knoblauchartigen +Geruch+ auf (PH_{3}). Zuweilen beobachtet man

auch Leuchten der Leber. Nach der Einatmung von Dämpfen findet man

Laryngitis, Bronchitis, Lungenhyperämie und Lungenödem.

=Behandlung.= Bei Schweinen, Hunden und Katzen gibt man möglichst

rasch eine Auflösung von +Kupfervitriol+ als Brechmittel (Schweinen

0,5-1,0, Hunden 0,1-0,5, Katzen 0,05-0,2). Ein zweites, ebenfalls sehr

wirksames Gegengift besteht in +altem, ozonhaltigem Terpentinöl+,

welches als Emulsion mit schleimigen Mitteln in grossen Dosen

verabreicht wird (Rindern eine einmalige Dosis von 100-250,0, Pferden

50-100,0, Schafen und Schweinen 25-50,0, Hunden 5-10,0, Katzen

und Hühnern 5 bis 10 Tropfen); man nimmt an, dass eine ungiftige

Verbindung, die terpentinphosphorige Säure entsteht. Neuere Gegenmittel

sind das +übermangansaure Kali+ (KMnO_{4}) in ⅕-⅓proz. Lösung, das

+Wasserstoffsuperoxyd+ (H_{2}O_{2}) in 1-3proz. wässeriger Lösung und

das +Kobaltnitrat+ (Co(NO_{3})_{2}), sauerstoffreiche Verbindungen,

welche den Phosphor zu ungiftiger Phosphorsäure oxydieren. Ausserdem

gibt man gegen die Lähmungserscheinungen, besonders gegen die mit

starkem Sinken des Blutdrucks verlaufende Herzschwäche +Exzitantien+

(Aether, Kampfer, Wein, Kaffee, Tee, Koffein, Atropin, Hyoszin,

Veratrin, Strychnin). +Zu vermeiden ist die Verabreichung von fetten

Oelen und von Milch+, weil dieselben den Phosphor lösen und die

Resorption desselben befördern.

=Nachweis der Phosphorvergiftung.= Der chemische Nachweis des Phosphors

hat entweder den Phosphor in Substanz, oder leuchtende Dämpfe,

oder den Phosphorwasserstoff zu konstatieren. Die Trennung von dem

Untersuchungsmaterial erfolgt durch +Destillation+; wegen der raschen

Oxydation des Phosphors hat die Untersuchung möglichst frühzeitig

stattzufinden. Die wichtigsten qualitativen Methoden des Nachweises

sind die von +Mitscherlich+, +Scheerer+, +Dussard+ und +Blondlot+,

sowie von +Fresenius+ und +Neubauer+.

1. Nach +Mitscherlich+ wird das Untersuchungsmaterial nach

vorausgegangener Zerkleinerung und Zusatz einiger Tropfen Schwefelsäure

in einer geräumigen Kochflasche mit Wasser erhitzt, wobei der Phosphor

mit den Wasserdämpfen überdestilliert und mittels eines Glasrohrs in

einen Kühlapparat geleitet wird. Wenn die Flüssigkeit auf etwa 90-100°

erhitzt ist, geht der Phosphor in Form von im Dunkeln +leuchtenden

Dämpfen+ durch das eingeschaltete Glasrohr über. Mit 1 mg Phosphor

in 200000facher Verdünnung lässt sich noch ein deutliches Leuchten

erzielen.

2. Nach +Scheerer+ lassen sich Phosphor und phosphorige Säure

durch ihre Eigenschaft, +Silbersalze zu reduzieren+, nachweisen.

Ihre Dämpfe +schwärzen+ nämlich Filtrierpapierstreifen, welche mit

+salpetersaurem Silber+ getränkt sind (Reduktion zu metallischem

Silber). Da jedoch Schwefelwasserstoff infolge der Bildung von

Schwefelsilber eine ähnliche Reaktion gibt, muss gleichzeitig eine

Probe auf etwa vorhandenen +Schwefelwasserstoff+ durch +Bleipapier+

(mit Bleizuckerlösung getränktes Papier) vorgenommen werden. Statt

Bleipapier kann auch ein mit Arsenik oder Brechweinstein getränkter

Papierstreifen verwendet werden. Die Methode wird in der Weise

ausgeführt, dass in die mit der phosphorhaltigen Substanz gefüllte

Flasche zwei Papierstreifen, ein Silber- und ein Bleistreifen, gebracht

und durch den Stöpsel festgehalten werden. +Alleinige Schwärzung

des Silberstreifens beweist die Anwesenheit von Phosphor+; bei

gleichzeitiger Schwärzung des Bleistreifens ist die Methode, und hierin

liegt der Hauptnachteil derselben, nicht anwendbar.

3. Nach +Dussard+ und +Blondlot+ wird der Phosphor als

+Phosphorwasserstoff+ nachgewiesen, welcher mit +grüner+ Flamme brennt.

Zu diesem Zweck versetzt man die zu untersuchende Flüssigkeit in einer

Flasche mit doppelter Oeffnung mit +Schwefelsäure+ und reinem +Zink+,

worauf sich Wasserstoff in statu nascente und Phosphorwasserstoff

entwickelt, der, durch eine Glasröhre geleitet und beim Austreten aus

derselben angezündet, mit grüner Flamme brennt. Vor dem Anzünden muss

das Gas behufs Reinigung von Schwefelwasserstoff eine U-Röhre mit

Bimssteinstücken gefüllt passieren, welche mit Kalilauge befeuchtet

sind. Da die Glasspitze durch ihren Natrongehalt eine gelbe Flamme

erzeugt, wodurch die grüne Flamme des Phosphorwasserstoffs verdeckt

wird, muss am Ende des Glasrohres eine Platinspitze befestigt werden.

4. Nach +Fresenius+ und +Neubauer+ wird die zu untersuchende

Substanz in einer Kohlensäureatmosphäre der Destillation unterworfen

(+Mitscherlich+). Hierbei kann schon durch das Leuchten im Dunkeln der

Nachweis des Phosphors geliefert werden. Das Destillat wird dann mit

einer Lösung von salpetersaurem Silber versetzt (+Scheerer+), auch wenn

kein Leuchten zu sehen war. Der Niederschlag von Phosphorsilber wird

gesammelt und in den Wasserstoffapparat gebracht (+Dussard-Blondlot+),

hierauf der gebildete Phosphorwasserstoff angezündet und an seiner

grünen Flamme erkannt. Diese Methode, welche die sämtlichen übrigen

miteinander kombiniert, ist als die beste zu bezeichnen, weil sie

selbst kleinste Mengen von Phosphor nachweist und auch in solchen

Fällen Resultate gibt, in welchen die Methode von +Mitscherlich+

versagt. Ausserdem eignet sich die Methode auch zur +quantitativen+

Analyse; hierbei wird der in der Silberlösung befindliche Niederschlag

von Phosphorsilber durch Königswasser oxydiert und die entstandene

Phosphorsäure durch Zusatz von Magnesialösung als +pyrophosphorsaure

Magnesia+ ausgefällt, gewogen und auf Phosphor (100 : 28) berechnet.

=Kasuistik.= Ein Pferd, welches von einer als Rattengift

aufgestellten Phosphorlatwerge 2 g Phosphor gefressen hatte, zeigte

erst nach 3½ Tagen Krankheitserscheinungen, welche in Kolik,

Speicheln, Verdrehen der Augen und Zuckungen bestanden; schliesslich

stürzte es zusammen und starb nach 3 Stunden (+Haubner+, Sächs.

Jahresber. 1860). -- Ein rotziges Pferd erhielt 6 Dosen von 0,5

Phosphor in Leinöl innerhalb 3 Tagen; es starb, ohne sichtbare

Krankheitserscheinungen gezeigt zu haben, plötzlich am 4. Tage

(+Lowag+, Magazin 1860). -- 16 Ferkel erkrankten gleichzeitig an

Phosphorvergiftung; dieselben wurden matt und elend, 10 davon lagen

hilflos und steif im Stalle, waren unfähig aufzustehen, und zeigten

in regelmässigen Intervallen Zuckungen am Unterkiefer. Die 6 anderen

liefen wie berauscht im Stalle umher und schrien bei jeder Berührung.

Sämtliche Tiere verendeten; eines am 2. Tage, sechs am 3. Tage, die

anderen neun am 10. bis 12. Tage. Bei der Sektion fand man auf der

Magenschleimhaut eine scharf begrenzte, zehnpfennigstückgrosse Stelle

dunkelbraunrot gefärbt und mit einem trockenen, ziemlich festen

Schorf bedeckt (+Hodurek+, Oesterr. Vereinsmonatsschrift 1885).

-- Ein Pferd, welches infolge des Einatmens von Phosphordämpfen

gestorben war, zeigte bei der Sektion die Erscheinungen des akuten

Lungenödems, sowie fettig-körnige Entartung des Herzmuskels

(+Csokor+, Oesterr. Vierteljahrsschrift 1885). -- Eine Schafherde

erkrankte an Phosphorvergiftung nach dem Weiden auf einem Kleefelde,

auf welchem zur Vertilgung der Mäuse Stücke von Mohrrüben mit

Phosphorlatwerge bestrichen in die Mäuselöcher gelegt worden

waren. 35 Schafe starben am 2-5. Tage darauf (+Schöngen+, Mitt.

a. d. tierärztlichen Praxis in Preussen, Bd. 14). -- Hunde und

Schweine starben nach Gaben von 0,03-0,09 Phosphor innerhalb 2-5

Tagen; dieselben waren traurig, matt, ohne Appetit, einzelne

zeigten Erbrechen, Unruhe und Winseln. Hühner und Enten starben

nach der Aufnahme von 7½ mg Phosphor, ohne andere Erscheinungen

als Traurigkeit zu zeigen (+Hertwig+, Arzneimittellehre 1872). --

Phosphorvergiftung beim Rind wurde einmal bei einem zur Sektion

eingelieferten Rinde festgestellt, das plötzlich beim Austrieb auf

die Weide zusammengebrochen und verendet war, nachdem es vorher

noch gesund und munter seine Mittagsmahlzeit im Stalle verzehrt

hatte. Neben deutlicher, aber mässiger Magendarmentzündung fand sich

beginnende Leberverfettung. Durch Anwendung der Mitscherlichschen

Probe, der eine kleine Menge Panseninhalt unterworfen wurde,

konnten eine Stunde lang andauernde, ganz intensiv leuchtende

Phosphordämpfe hervorgerufen werden. Hiernach muss die Menge des

Giftes sehr gross gewesen sein und dies erklärt den höchst akuten

Verlauf. Der Besitzer hatte zu fraglicher Zeit Phosphorlatwerge

zur Vergiftung von Mäusen aufgestellt und ist jedenfalls das Tier

durch Zufall direkt über einen Topf mit Latwerge geraten (+Walther+,

Sächs. Jahresber. pro 1895). -- Ein Pferd, welches phosphorhaltiges

Rattengift (Brotscheiben) gefressen hatte, wurde morgens gelähmt

am Boden liegend gefunden. In kurzen Zwischenräumen traten Krämpfe

und krampfartige Bewegungen des gelähmten Unterkiefers ein. Die

Zunge hing gelähmt aus dem Maul heraus. Die Pupillen waren ad

maximum erweitert, die Kopfschleimhäute zyanotisch. Ausserdem wurden

periodisch auftretende Brechbewegungen beobachtet. Nach dreistündiger

Krankheitsdauer starb das Pferd (+Müller+, Sächs. Vet.-Ber. pro

1900). -- Hühner hatten von Phosphorpaste (Rattengift) gefressen

und starben nach vorausgegangener Abmagerung und Hinfälligkeit

schlagartig, indem sie tot von der Sitzstange fielen oder im Laufen

begriffen plötzlich starben; die Sektion ergab fettige Degeneration

des Herzens und der Leber, sowie tief ziegelrote Färbung der

Eingeweide (+Graham-Gillam+, Journ. of comp., Bd. XV). -- Ein Hund

hatte auf unerklärte Weise Phosphor zu sich genommen; dem Geruche

nach zu urteilen, war die aufgenommene Menge ziemlich gross. Das

Tier zeigte Mattigkeit und Erbrechen; die ausgebrochenen Massen

waren stark schleimig und rochen deutlich nach Phosphor. Das Tier

erhielt Cupr. sulfuric. 1,0, Aqu. destill. 50,0 viertelstündlich 1

Esslöffel. Das Erbrechen hielt noch ca. 1½ Stunden an, es liessen

jedoch die Vergiftungserscheinungen nach ca. ½ Tag allmählich nach,

und nach Verlauf von 2 Tagen war das Tier wieder wohl und munter

(+Otto+, Sächs. Jahresber. 1902). -- Hühner, welche Phosphorlatwerge

gefressen hatten, zeigten ein Krankheitsbild, das den Verdacht der

Hühnercholera erweckte, andere Hühner zeigten Taumeln, Durchfall

und Koma (+Hocke+, +Träger+, Jahresb. d. preuss. Tierärzte

1904). -- Nach der Aufnahme von verschlepptem Rattengift starb

ein Schwein an blutiger Magendarmentzündung, desgleichen zeigten

48 Hühner Durchfall und Leberschwellung (+Dosse+, +Schaumkell+,

ibid.). -- 3 Pferde starben, wahrscheinlich infolge Aufnahme von

Rattengift, nach vorausgegangenen Kolikerscheinungen. Die Sektion

ergab korrosive Schlundentzündung, fleckige Rötung der Magen- und

Darmschleimhaut, sowie Schwellung und braungelbe Farbe der Leber

(+Keller+, ibid. 1907). -- Einem 10 kg schweren Versuchshunde gab

ich vormittags 11 Uhr 0,1 Phosphor in 50,0 Lebertran ein. 2 Stunden

nach der Verabreichung zeigte sich derselbe traurig und erbrach von

Zeit zu Zeit schleimige Massen. Das Abendfutter wurde mit Appetit

aufgenommen. Der Puls war um diese Zeit etwas beschleunigt und

deutlich schwächer geworden. Am andern Morgen war die Futteraufnahme

ebenfalls noch eine gute. Das Tier zeigte jedoch allgemeine

Mattigkeit und Traurigkeit, die Atmung war sehr angestrengt, der Puls

äusserst schwach, die Schleimhäute anämisch, schmutzig grau gefärbt.

Gegen Mittag wurde der Gang schwankend und taumelnd, die Psyche

stark eingenommen, der Puls sank von 72 auf 56 Schläge p. M., die

Temperatur von 38,0 auf 37,5° C. Die Atmungsbeschwerden steigerten

sich gegen Mittag, das Tier konnte sich nicht mehr vom Boden erheben,

der Puls wurde unfühlbar, es trat heftiges Erbrechen, Stöhnen,

Umsehen nach dem Leibe ein. 28 Stunden nach der Verabreichung des

Phosphors starb das Tier unter komatösen Erscheinungen, nachdem eine

halbe Stunde vor dem Tode krampfartige Zuckungen der Halsmuskulatur

vorausgegangen waren. Die +Sektion+ ergab: hämorrhagische

Gastroenteritis und Nephritis, parenchymatöse Hepatitis und

Lungenödem, ausserdem partiellen Leberikterus. Mikroskopisch

zeigte sich Fettdegeneration der Leber- und Nierenzellen, sowie

ausgesprochene körnige Trübung der Muskelfasern des Herzens neben

beginnender Trübung der Skelettmuskulatur.

Arsenikvergiftung.

=Chemie der Arsenverbindungen.= Das Metall Arsen kommt in der Natur

in grosser Verbreitung teils in reinem Zustand, teils an Sauerstoff,

Schwefel und an Metalle gebunden vor. Das reine Arsenmetall (As)

findet sich gediegen kristallisiert oder in nierenförmigen traubigen

Massen als +Scherbenkobalt+ oder +Fliegenstein+. Die wichtigsten

Schwefelverbindungen sind das +Realgar+ (As_{2}S_{2}) und das

+Auripigment+, Operment oder +Rauschgold+ (As_{2}S_{3}). Mit

Sauerstoff zusammen kommt Arsen in der Natur vor als +Arsenblüte+

(As_{2}O_{3}). Metallverbindungen (Arsenerze) sind der +Arsenkies+

oder +Misspickel+ (AsFeS und AsFe_{2}S_{2}), der +Speisskobalt+

(As_{2}Co), +Glanzkobalt+ (AsCoS), +Kupfernickel+ (AsNi),

+Kupfernickelglanz+ (AsNi_{2}S_{2}), das +Weissnickelerz+ (As_{2}Ni).

Ausserdem kommen kleinere Mengen von Arsenmetall in den meisten

Mineralerzen vor, so in den Eisenerzen, Silbererzen, Kupferkiesen, im

Bleiglanz, in der Zinkblende, in den Antimonerzen etc.

Der =Arsenik= (weisser Arsenik, arsenige Säure, As_{2}O_{3}) findet

sich in der Natur in kleinen Mengen als Ueberzug auf arsenhaltigen

Erzen; sog. +Arsenblüte+. Gewöhnlich wird er aber hüttenmännisch

durch Oxydation der Arsenerze dargestellt. Er kann z. B. durch

Rösten (Oxydation) des Arsenkieses gewonnen werden. Meist wird er

jedoch als +Nebenprodukt+ beim Rösten anderer arsenhaltiger Erze,

so namentlich von Silbererzen, Kupfererzen, Bleierzen, Zinnerzen,

Kobalterzen erhalten. Beim Erhitzen dieser Erze an der Luft (Rösten)

wird das Metall Arsen zu arseniger Säure (As_{2}O_{3}) oxydiert,

wobei letztere als weisser Rauch (+Hüttenrauch+) in Verbindung

mit anderen flüchtigen Stoffen sich verflüchtigt. Wird dieser

Hüttenrauch in sog. Giftkammern aufgefangen, so schlägt sich dort

der Arsenik als feuchtes Pulver, sog. Giftmehl nieder, welches durch

Sublimieren gereinigt und in eine glasartige Masse umgeschmolzen

wird. Der Arsenik ist teils amorph, teils kristallinisch, beide

+Modifikationen+ gehen leicht ineinander über; während der frisch

sublimierte Arsenik eine farblose oder schwach gelbliche, amorphe

Glasmasse darstellt, trübt sich der ältere mit der Zeit und

bildet eine trübe porzellanartige, kristallinische Masse. Beide

Modifikationen besitzen eine +verschiedene Löslichkeit+ in Wasser;

der kristallinische Arsenik löst sich 1 : 80, der amorphe dagegen

schon 1 : 25 in kaltem Wasser. Da nun die Präparate des Handels

inkonstante Gemenge von kristallinischem und amorphem Arsenik

darstellen, lässt sich eine genaue Löslichkeitsziffer für dieselben

nicht angeben. In der Technik benützt man namentlich die Arsensäure

und das arsenigsaure Kupfer. Offiziell ist eine 1proz. Arseniklösung

in Pottasche = Liquor Kalii arsenicosi.

Für die Toxikologie sind die nachstehenden +Eigenschaften+ des

Arseniks von Bedeutung. Beim Erhitzen auf Kohle verbrennt der Arsenik

unter Reduktion zu Arsen mit Knoblauchgeruch. Erhitzt man Arsenik in

einem Glasrohr neben Kohle, so schlägt sich das metallische Arsen

in Form eines sog. Arsenspiegels als grauschwarzer Belag innen am

Glase nieder. Das Arsen wird ferner als grauschwarzes Pulver aus

sauren Lösungen durch Zinn ausgefällt. Schwefelwasserstoff fällt

aus salzsauren Lösungen gelbes Schwefelarsen. Mit Alkalien bildet

der Arsenik in Wasser lösliche Arsenite (arsenigsaure Salze), z. B.

mit Pottasche arsenigsaures Kalium (AsO_{3}K_{3}); dagegen bildet

er mit Metallsalzen, namentlich mit Eisenoxydulsalzen, in Wasser

unlösliche und daher ungiftige Arsenite (arsenigsaures Eisen; vergl.

das Antidotum Arsenici).

Der =Arsenwasserstoff=, AsH_{3}, unterscheidet sich in seiner

Giftwirkung ganz wesentlich vom Arsenik (vergl. S. 70).

=Aetiologie der Arsenikvergiftung.= Die Ursachen der bei den Haustieren

ziemlich häufigen Arsenikvergiftungen sind mannigfaltiger Natur. Wie

beim Phosphor gibt ausgelegtes +Rattengift+ in Form von arsenikhaltigen

Brotkugeln oder Arsenikpasten Veranlassung zu Vergiftungen, namentlich

in Viehstallungen. Sodann kommen Vergiftungen teils aus +Zufall+

und +Versehen+, teils aus +böswilliger Absicht+ zustande. 15 Pferde

erhielten z. B. aus Versehen je 80 Gramm Arsenik; Hühner starben,

als sie nach dem Ausklopfen von Renntierfellen den eingestreuten

Arsenik aufnahmen; Schweine krepierten, als sie arsenikhaltige

Badeflüssigkeit tranken. Am häufigsten geben +Arsenikbäder+ bei Schafen

Veranlassung zu Vergiftungen, wenn dieselben zu frühzeitig nach der

Schur angewendet werden. Auch +Arsenikwaschungen+ bei +Pferden+ haben

oft Vergiftungen zur Folge, wenn pro Pferd mehr als 500 Gramm einer

1proz. Lösung (= 5 Gramm Arsenik) verwendet werden. Namentlich in

der Provinz Schleswig-Holstein und in den Marschländern der Provinz

Hannover sind von alten Zeiten her 2malige Arsenikwaschungen pro Jahr

bei den grösseren Haustieren gegen Läuse und sonstiges Ungeziefer im

Gebrauch. Meist wird folgende Mischung genommen: 5 Liter Wasser mit 15

Gramm Arsenik werden reichlich mit Pottasche versetzt; diese Menge der

⅓prozentigen Arseniklösung ist für ein Pferd oder Rind berechnet. Trotz

der starken Verdünnung sind Vergiftungen sehr häufig. Gefährlich sind

die Waschungen insbesondere dann, wenn zufällig Hautwunden vorliegen,

wenn die Lösungen warm oder bei stark erhitzten Tieren oder in sehr

warmen Ställen zur Anwendung gelangen. Auch durch die +vorausgehende

Anwendung von konzentrierten Karbollösungen+, wodurch die Haut

angeätzt und ihr Resorptionsvermögen erhöht wird, sind mehrmals

Arsenikvergiftungen beim Behandeln räudiger Pferde beobachtet worden.

Eine sehr grosse Bedeutung, insbesondere für die chronische

Arsenikvergiftung, besass namentlich früher der +Hüttenrauch+.

Bekannt ist in dieser Hinsicht die als chronische Arsenikvergiftung

aufzufassende sog. Hüttenkrankheit unter dem Viehbestand im Bereiche

der Freiberger Hütten in Sachsen. Der Hüttenrauch daselbst enthielt

neben schwefliger Säure und geringen Mengen von Bleioxyd und Zinkoxyd

grössere Mengen von Arsenik, welcher als Flugstaub die gesamte Flora

der Umgebung überzog und mit dem Futter aufgenommen wurde, was unter

dem dortigen Viehbestand eine gewissermassen enzootische, die Viehzucht

jener Gegend schwer schädigende chronische Arsenikvergiftung zur

Folge hatte. Weitere Vergiftungen ereignen sich durch +arsenikhaltige

Farben+. Unter denselben sind zu nennen das +Scheelesche Grün+

(arsenigsaures Kupfer, Mineralgrün, Smaragdgrün) von der Formel Cu_{3}

(AsO_{3})_{2}, und das +Schweinfurter Grün+ (Wiener Grün, Mitisgrün),

eine Verbindung von arsenigsaurem und essigsaurem Kupfer. Auch

+arsenhaltige Anilinfarben+ können Vergiftungen veranlassen. Diese

Farbenvergiftungen ereigneten sich früher, als die +grünen Tapeten+

die oben genannten Farbstoffe enthielten, häufiger als in der neueren

Zeit; sie kamen z. B. bei Kühen vor, wenn die alten abgerissenen

Tapeten auf den Dünger geworfen oder als Streumaterial verwendet und

von den Tieren gefressen wurden. Neuerdings sind durch die Anwendung

von Schweinfurter Grün gegen den Coloradokäfer in Amerika zahlreiche

Vergiftungen bei Haustieren vorgekommen. Seltener sind die Vergiftungen

durch die übrigen Arsenverbindungen, wie +Kobalt+ (als sog. schwarzer

Schwefel von Pferdehändlern und Stallknechten zur Aufbesserung der

Ernährung verabreicht) und +Operment+. Ebenfalls nicht sehr zahlreich

sind die Fälle, in welchen säugende Tiere durch die arsenikhaltige

Milch der +Muttertiere+ vergiftet wurden. Ein 14 Tage altes Fohlen

erkrankte z. B. 12 Stunden nach der Aufnahme von Arsenik durch die

Mutterstute und starb 1½ Stunden darauf, während das Muttertier die

ersten Krankheitserscheinungen erst einige Stunden nach dem Tode

des Fohlens zeigte (+Huxel+, Berl. Archiv 1886). In gleicher Weise

sah +Hertwig+ nach der Verabreichung von Milch einer Ziege, welche

innerhalb zwei Tagen 3 Gramm Arsenik erhalten hatte, bei zwei Hunden

starkes Erbrechen. Endlich sind manche +Arzneimittel+ arsenikhaltig

(Brechweinstein, Spiessglanz, Goldschwefel).

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 7 / 50 段