3. Die =physiologischen= oder =dynamischen= Gegengifte sind nicht

gegen das Gift selbst, sondern gegen dessen +Wirkungen+ gerichtet

(Antagonisten) und haben den Zweck, durch Erzeugung einer der

Giftwirkung entgegengesetzten Wirkung (Erregung -- Lähmung) die erstere

aufzuheben. Man unterscheidet einen +einseitigen+ (einfachen) und einen

+doppelseitigen+ oder +wechselseitigen+ (mutuellen) +Antagonismus+.

Einseitig ist derselbe, wenn nur das eine Gift die Wirkung des anderen,

aber nicht umgekehrt, aufhebt, doppelseitig oder wechselseitig, wenn

eine gegenseitige Aufhebung stattfindet. Ausserdem spricht man von

einem +wahren+ (direkten) und +scheinbaren+ (indirekten) Antagonismus,

je nachdem die beiden Gifte auf ein und dasselbe Organ (Nervensystem,

Muskel, Drüsen) oder auf verschiedene Organe einwirken. So ist z. B.

Kurare nur ein indirekter Antagonist des Strychnins, weil es nicht wie

dieses auf das Rückenmark, sondern auf die peripheren Muskelnerven

einwirkt. Das Vorkommen eines wahren doppelseitigen Antagonismus ist

nach neueren Untersuchungen fraglich. Es kann zwar ein lähmendes

Gegengift, wie z. B. das Atropin, die erregende Wirkung eines andern,

z. B. des Eserins auf den Okulomotorius (Mydriasis, Myosis) aufheben,

dagegen lässt sich eine vorhandene Atropinlähmung des Okulomotorius

(Mydriasis) durch die erregende Wirkung des Eserins (Myotikum) nicht

wieder beseitigen.

Die wichtigsten physiologischen Gegengifte sind: a) +Atropin+ als

Gegengift gegen +Morphin+ und +Chloroform+. Der Antagonismus zwischen

Atropin und Morphin ist ein doppelseitiger, aber zum Teil indirekter.

Das lähmende Morphin beseitigt die durch das Atropin hervorgerufene

psychische Erregung durch direkte antagonistische Einwirkung auf

das Gehirn; dagegen wird durch das erregende Atropin die lähmende

Wirkung des Morphins auf das Herz indirekt in der Weise gehoben,

dass das Atropin die nervösen Zentren des Herzens erregt, während

das Morphin den Herzmuskel selbst gelähmt hat. b) +Atropin+ als

Gegengift gegen +Pilokarpin-+, +Eserin-+, +Arekolin-+, +Muskarin-+ und

+Nikotinvergiftung+. c) +Bromkalium+, +Chloralhydrat+, +Chloroform+,

+Koniin+, +Kurare+ als Gegengift gegen +Strychnin+ und +Pikrotoxin+. d)

+Amylnitrit+ als Antagonist des gefässverengernden +Mutterkorns+ und

+Adrenalins+. e) +Koffein+ als Antidot gegen +Morphin+, +Chloroform+

und +Alkohol+.

4. Die =symptomatischen= Gegenmittel bestehen darin, dass einzelne

Hauptsymptome der Vergiftungen behandelt werden. So gibt man gegen

Lähmungserscheinungen Exzitantien (Kampfer, Aether, Alkohol, Wein,

Koffein, Kaffee, Veratrin, Strychnin, Hyoszin, Ammoniak, kohlensaures

Ammonium), gegen schmerzhafte Koliken Morphium und andere Narkotika,

gegen Durchfälle Styptika, gegen Verstopfung Laxantien, gegen starkes

Erbrechen die Opiate, gegen hohes Fieber Antipyretika, gegen Krämpfe

die Sedativa etc.

=Zusammenstellung der Antidote bei den wichtigsten

Einzelvergiftungen.= Die ausführlichere Besprechung der

antidotarischen Behandlung der Einzelvergiftungen ist Sache

der speziellen Toxikologie. An dieser Stelle sollen nur die

bemerkenswertesten Vergiftungen mit ihren Antidoten kurz

zusammengestellt werden.

+Akonitinvergiftung+: Brechmittel, Tannin, Jod, Tierkohle, Atropin,

Digitalis, künstliche Atmung, Exzitantien.

+Alaunvergiftung+: Eiweiss, Milch, Leimlösung, Kalkwasser, gebrannte

Magnesia, Ammoniak, Abführmittel.

+Alkalien, ätzende+: Essig, verdünnte Säuren (Salzsäure,

Schwefelsäure, Phosphorsäure, Zitronensäure), fette Oele, Milch,

Emulsionen, schleimige Mittel, Eispillen, Morphium, Magenausspülung.

+Alkoholvergiftung+: Kaffee, Koffein, Ammoniak, kohlensaures

Ammonium, Kampfer, Atropin, Hyoszin, kalte Begiessungen des Kopfes,

Klistiere, Priessnitzsche Umschläge, warme Einhüllungen.

+Aloevergiftung+: Opium, Tannin, schleimige Mittel.

+Ammoniakvergiftung+: verdünnte Säuren, Fette, Oele, Milch,

schleimige Mittel, Tracheotomie; gegen die Krämpfe Morphium,

Chloralhydrat, Bromkalium.

+Anilinvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien, frische

Luft, kalte Begiessungen.

+Arsenikvergiftung+: Brechmittel, Eisenpräparate, Ferrum hydricum in

aqua (= Antidotum Arsenici), Ferrum oxydatum saccharatum, Magnesia

usta, Tierkohle, Schwefel, Schwefelleber, Schwefeleisen, Eiweiss,

Milch, Schleim, Exzitantien. Zu vermeiden sind Alkalien und fette

Oele (Rizinusöl).

+Atropinvergiftung+ (Belladonna, Bilsenkraut, Stechapfel):

Brechmittel, Gerbsäure, Morphium, Pilokarpin, Eserin, Arekolin,

gegen die psychische Erregung Chloroform, Chloralhydrat, Sulfonal,

Bromkalium.

+Baryumvergiftung+: verdünnte Schwefelsäure, schwefelsaures Natrium

und Kalium, schwefelsaure Magnesia, Brechmittel.

+Bingelkrautvergiftung+: Brechmittel, Eiweiss, Milch, Opium,

Gerbsäure.

+Blausäurevergiftung+: Brechmittel, Eisenoxydhydrat,

Wasserstoffsuperoxyd, übermangansaures Kali, Kobaltnitrat, Atropin,

künstliche Respiration, Exzitantien, kalte Begiessungen.

+Bleivergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, verdünnte Schwefelsäure,

Natrium sulfuricum, Kalium sulfuricum, Magnesium sulfuricum,

Schwefel, Schwefelwasserstoff, Gerbsäure, Eiweiss, Milch,

symptomatische Behandlung (Opium, Morphium). Bei chronischer

Bleivergiftung Jodkalium.

+Brechweinsteinvergiftung+: Gerbsäure, kohlensaures Natron, verdünnte

Säuren, Schwefel, Schwefelleber, Opium, Eiweiss, Schleim, Exzitantien.

+Chlor- und Chlorkalkvergiftung+: Natrium oder Magnesium

subsulfuricum, Einatmen von Schwefelwasserstoff und Ammoniak

(verdünnt); innerlich Liquor Ammonii anisatus, Eiweiss, Schleim.

+Chloroform-+, +Chloralhydrat-+ und +Aethervergiftung+: Exzitantien,

namentlich Atropin, Hyoszin (Skopolamin), Strychnin, Veratrin,

Koffein, Ammoniak, kohlensaures Ammonium, Hautreize, kalte

Begiessungen, künstliche Respiration, Transfusion.

+Chromsäurevergiftung+: Eiweiss, Magnesia usta, Exzitantien.

+Cytisusvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien.

+Digitalisvergiftung+ vergl. Fingerhutvergiftung.

+Eibenbaumvergiftung+: Abführmittel, Exzitantien, Atropin, Hyoszin,

Koffein, Veratrin, Strychnin, Kampfer, Aether, Alkohol, Ammoniak, Jod

(Lugolsche Lösung).

+Equisetumvergiftung+: Abführmittel, Kampfer, Aether, Koffein,

Atropin, Hyoszin, Veratrin, Hautreize.

+Essigvergiftung+: Seifenwasser, Sodawasser, Kreide, kohlensaurer

Kalk, gebrannte Magnesia, Milch, Exzitantien.

+Fingerhutvergiftung+: Brechmittel, Nitroglyzerin, Amylnitrit,

Tannin, Kampfer, Aether, Atropin, Koffein, Liquor Ammonii anisatus,

Wein, Hautreize.

+Gerbsäurevergiftung+: Eiweiss, Leim, Schleim, Abführmittel.

+Glaubersalzvergiftung+: Schleim, Opium, Kampfer, Aether, Ammonium

carbonicum.

+Grubengasvergiftung+: Frische Luft, künstliche Respiration,

Hautreize, kalte Begiessungen, Exzitantien, Transfusion.

+Grünspanvergiftung+: Eiweiss, Ferrozyankalium, Eisenpulver, Magnesia

usta.

+Helleborusvergiftung+: Gerbsäure, Opium, Exzitantien, Kampfer.

+Herbstzeitlosenvergiftung+: Brechmittel, Tannin, Jod (Lugolsche

Lösung), Opium, Morphium, Schleim, feuchtwarme Wicklungen,

Exzitantien.

+Höllensteinvergiftung+: Brechmittel, Eiweiss, Kochsalz, verdünnte

Salzsäure.

+Insektenstiche+: Waschung mit Ammoniakwasser, Chlorwasser, Alkohol,

Bleiwasser, Abführmittel.

+Jod- und Jodoformvergiftung+: Stärkemehl, Mehlwasser, Eiweiss,

Bromkalium, Bromnatrium, Natrium und Kalium bicarbonicum, Natrium

subsulfurosum, Exzitantien, Brechmittel, Abführmittel.

+Kalichlorikumvergiftung+: Brechmittel, Infusion physiologischer

Kochsalzlösung, Exzitantien.

+Kantharidenvergiftung+: Schleimige Mittel, Opium, Exzitantien; keine

fetten Oele!

+Karbolvergiftung+: Brechmittel, Magenausspülung, Sulfate, verdünnte

Schwefelsäure, Seifenwasser, Zuckerkalk, Kalkwasser, Terpentinöl,

Jodtinktur, Eiweiss, Milch, Oel, Exzitantien (Aether, Kampfer,

Koffein, Hyoszin).

+Kichererbsenvergiftung+: Tracheotomie, Koffein, Atropin, Strychnin,

Veratrin, Hautreize, Abführmittel.

+Kochsalzvergiftung+: Viel Wasser, Schleim, Oel, Aether, Kampfer,

Atropin, Koffein, symptomatisch gegen Krämpfe Sedativa.

+Kohlenoxydvergiftung+: Frische Luft, Sauerstoffinhalation,

alkalische Kochsalzinfusion, Nitroglyzerin; Exzitantien, künstliche

Respiration, Hautreize.

+Kokainvergiftung+: Tannin, Jod, Amylnitrit, Chloralhydrat.

+Kolchikumvergiftung+ vergl. Herbstzeitlosenvergiftung.

+Konvallariavergiftung+: Tannin, Exzitantien, Kampfer, Aether.

+Krotonölvergiftung+: Schleim, Eiweiss, Opium, Exzitantien.

+Kreosotvergiftung+: Brechmittel, Schleim, verdünnte Schwefelsäure,

schwefelsaures Natrium, Bittersalz, Seife, Exzitantien.

+Kornradevergiftung+: Abführmittel, Tannin, Schleim, Exzitantien.

+Kupfervergiftung+: Abführmittel, Brechmittel, Eiweiss,

Ferrozyankalium, Eisenpulver, Magnesia usta, Tierkohle, Exzitantien.

+Lakenvergiftung+: Viel Wasser, Schleim, Oel, Exzitantien, Sedativa.

+Leuchtgasvergiftung+: Frische Luft, Sauerstoffinhalation, Hautreize,

künstliche Atmung, Transfusion.

+Lupinenvergiftung+: Futterwechsel, Präparierung der giftigen

Lupinen, verdünnte Säuren (keine Alkalien!), Rizinusöl, Krotonöl.

+Morphiumvergiftung+: Atropin, Hyoszin (Skopolamin), Koffein, Kaffee,

Tee, Hautreize.

+Muskarinvergiftung+: Atropin, Hyoszin.

+Mutterkornvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Chloralhydrat,

Amylnitrit, Gerbsäure, symptomatische Behandlung.

+Nikotinvergiftung+: Abführmittel, Tannin, Jodlösung, Tierkohle,

Exzitantien, Pansenschnitt.

+Oleandervergiftung+: Abführmittel, Schleim, Tannin, Exzitantien.

+Opiumvergiftung+: Atropin, Hyoszin, Koffein, Abführmittel,

Exzitantien.

+Oxalsäurevergiftung+: Kalkwasser, Zuckerkalk, Kreide, Magnesia usta,

Exzitantien, Diuretika.

+Petroleumvergiftung+: Brechmittel, Hautreize, Aether, Kampfer, Wein,

Ammonium carbonicum, Koffein, künstliche Atmung.

+Phosphorvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, altes Terpentinöl,

Kupfervitriol, überhaupt Kupfersalze, Kalium permanganicum,

Kobaltnitrat, Wasserstoffsuperoxyd, Exzitantien, Infusion alkalischer

Kochsalzlösung. Fette und fette Oele sind zu vermeiden.

+Physostigminvergiftung+: Atropin, Hyoszin, symptomatische Behandlung.

+Pilokarpinvergiftung+: Atropin, Hyoszin, Agarizin, Exzitantien.

+Pilzvergiftung+: Abführmittel, einhüllende Mittel, Exzitantien,

Hautreize, Tannin, Jod, Kalomel (bei Fliegenpilzvergiftung: Atropin).

+Ptomainevergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Tannin, Jodwasser,

Tierkohle, Kalomel, Aether, Kampfer, Koffein, Atropin, Wein,

Ammoniak, symptomatische Behandlung.

+Quecksilbervergiftung+: Eiweiss, Milch, Eisenpulver, Schwefel,

Schwefelleber, Schwefelwasserstoff, Magnesia usta, symptomatische

Behandlung; bei chronischen Vergiftungen: Jodkalium, Anregung des

Stoffwechsels.

+Ranunkelvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Tannin, Exzitantien.

+Sabinavergiftung+: Schleimige, einhüllende Mittel, Opium, Morphium.

+Salpetervergiftung+: Schleimige Mittel, Oel, Aether, Weingeist,

Wein, Kampfer, Ammonium carbonicum, Hautreize.

+Salpetersäurevergiftung+: Verdünnte Alkalien, Eiweiss, Schleim, Oel,

Opium.

+Salzsäurevergiftung+: Dasselbe.

+Santoninvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Aether,

Chloralhydrat, Kampfer, Wein, symptomatische Behandlung.

+Schierlingvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Veratrin,

Strychnin, Koffein, Atropin, Aether, Kampfer, kohlensaures Ammonium,

Tannin.

+Schlangengift+: Oertlich Chlorwasser, Chlorkalkwasser, Lösungen

von übermangansaurem Kali, Chromsäure (1proz.), Eisenchlorid,

Ammoniakwasser, Karbolwasser, Kreolinwasser; innerlich Alkohol,

Aether, Kampfer, Atropin, Hyoszin, Koffein, Liquor Ammonii anisatus.

+Schwammvergiftung+: Brechmittel, Abführmittel, Exzitantien,

symptomatische Behandlung.

+Schwefelkohlenstoffvergiftung+: Frische Luft, Exzitantien.

+Schwefelsäurevergiftung+: Verdünnte Alkalien, Kalkwasser, Soda,

gebrannte Magnesia, Kreide, Schleim, Oel, Eispillen, Exzitantien,

Salizylsäure.

+Schwefelwasserstoffvergiftung+: Frische Luft, Aether, Kampfer,

Einatmung von Chlorgas, Exzitantien, Hautreize, Infusion, Aderlass,

subkutane Kochsalzlösung.

+Solaninvergiftung+: Tannin, Abführmittel, Exzitantien.

+Strychninvergiftung+: Chloralhydrat, Chloroform, Bromkalium, Aether,

Sulfonal, Morphin, künstliche Atmung, Tannin, Jodwasser, Brechmittel,

Magenausspülung.

+Tabakvergiftung+ vergl. Nikotinvergiftung.

+Taumellolchvergiftung+: Abführmittel, Aether, Kampfer, Atropin,

Koffein, Hautreize.

+Terpentinölvergiftung+: Schleimige Mittel, Opium, Exzitantien.

+Veratrinvergiftung+: Tannin, Jod, Opium, Sedativa, einhüllende

Mittel, Exzitantien.

+Vergiftung mit wildem Mohn+: Abführmittel, Tannin, Opium,

Morphium, Chloralhydrat, Bromkalium, kalte Sturzbäder auf den Kopf,

evakuierende Klistiere.

+Wurmfarnvergiftung+: Abführmittel, Exzitantien.

+Zinkvergiftung+: Eiweiss, Schleim, Milch, Tannin, Opium, Natrium

und Kalium carbonicum und bicarbonicum, Schwefelleber, Gerbsäure,

Exzitantien.

Spezielle Toxikologie.

I. Mineralische Gifte.

Phosphorvergiftung.

=Chemie des Phosphors.= Der Phosphor findet sich in der Natur

nirgends in freiem Zustande, sondern immer gebunden, meist in der

Form phosphorsaurer Salze. Er ist als freies Element zuerst im

Jahre 1669 von +Brand+ in Hamburg aus Menschenharn dargestellt

worden; aus dem phosphorsauren Kalke der Knochen wurde er erst

im Jahre 1771 durch +Scheele+ gewonnen. Seine Bedeutung für die

Toxikologie beginnt erst mit dem Jahr 1833, dem Zeitpunkt der

Erfindung der Phosphorstreichhölzer. Ausser dem besonders in

den +Knochen+ in grosser Menge (85 Proz. der Asche) enthaltenen

Kalziumphosphat kommen phosphorsaure Verbindungen auch sonst im

Tierkörper z. B. als phosphorsaures Kali vor; es enthalten ferner

alle Pflanzen phosphorsaure Salze; endlich ist der Phosphor ein

normaler Bestandteil der Ackererde und findet sich in grösserer Menge

in gewissen Mineralien, so z. B. im Phosphorit, Apatit, Wawellit,

Vivianit und Grünbleierz. Zur Darstellung des Phosphors wurden

früher ausschliesslich die Knochen benutzt; dieselbe wurde nur von

vereinzelten Fabriken betrieben (Birmingham, Lyon, Kaluga). Die von

Fett und Leim befreiten Knochen wurden gebrannt, mit Schwefelsäure

behandelt und mit Kohle geglüht, worauf die entweichenden

Phosphordämpfe in Wasser aufgefangen, gereinigt und in Stangen

geformt wurden. Neuerdings stellt man den Phosphor aus mineralischen

Phosphaten (Phosphorit) im elektrischen Ofen dar.

Der Phosphor tritt in 3 allotropen Modifikationen auf: 1.

+Gewöhnlicher, giftiger, farbloser Phosphor+, bildet farblose, später

schwach gelbe, durchsichtige, wachsartige Stangen von ozonartigem

Geruch. Er kristallisiert in Oktaedern, ist in der Kälte spröde,

bei gewöhnlicher Temperatur wachsartig und schmilzt bei 44° unter

Wasser zu einer farblosen Flüssigkeit; er verdampft schon bei

gewöhnlicher Temperatur und +leuchtet+ im Dunkeln an feuchter

Luft unter Entwicklung ozonartig riechender Dämpfe (Ozonbildung,

Oxydation zu phosphoriger Säure und Phosphorsäure). An der Luft, beim

Erhitzen und beim Reiben entzündet sich der Phosphor und verbrennt zu

Phosphorsäureanhydrid. In Wasser ist er so gut wie unlöslich; das mit

Phosphor geschüttelte Wasser nimmt aber Spuren von Phosphor auf und

kann daher giftig wirken. Leichter löst er sich in Alkohol, Aether

und fetten Oelen, besonders leicht in Schwefelkohlenstoff, Benzol,

Terpentinöl und ätherischen Oelen. Sauerstoffreiche Verbindungen,

namentlich ozonhaltiges, altes Terpentinöl, Wasserstoffsuperoxyd,

übermangansaures Kali, Kobaltnitrat, Salpetersäure usw. oxydieren den

Phosphor rasch zu Phosphorsäure (PO_{4}H_{3}). Mit Schwefel, Chlor,

Brom und Jod verbindet er sich direkt, ebenso gibt er mit Lösungen

von Kupfer-, Silber-, Gold- und Quecksilbersalzen Niederschläge von

Phosphormetallen (Phosphorkupfer etc.). Bei längerer Aufbewahrung

überzieht sich der Phosphor unter der Einwirkung des Lichtes und

der Luft mit einer Schichte amorphen Phosphors. 2. +Amorpher,

roter, ungiftiger Phosphor+, im Jahre 1845 entdeckt und seit 1852

zur Fabrikation der schwedischen Streichhölzer (Reibfläche der

Schachteln) verwendet, aus dem vorigen dargestellt durch Erhitzen

auf 250-260°, ein amorphes, dunkelrotes, geschmack- und geruchloses

Pulver oder rotbraune, metallisch glänzende Stücke mit muschligem

Bruche, unlöslich in den Lösungsmitteln des gewöhnlichen Phosphors,

nicht leuchtend und sich erst bei 260° entzündend. Der rote Phosphor

ist per os aufgenommen ungiftig, weil er auch in Fett unlöslich ist

und daher von der Magen- und Darmschleimhaut nicht resorbiert wird;

bei intravenöser Injektion erzeugt er jedoch wie der gewöhnliche

Phosphor Leber-und Nierenverfettung. 3. +Metallischer+ oder

+rhomboedrischer Phosphor+, schwarze, glänzende Kristalle durch

Erhitzen des Phosphors bis zur Rotglut dargestellt.

Der +Phosphorwasserstoff+, PH_{3}, ist ebenso giftig wie der

gewöhnliche Phosphor. PH_{3} soll auch die Ursache der Phosphoreszenz

des Fleisches sein und von den Leuchtbakterien erzeugt werden, was

mit Rücksicht auf die Unschädlichkeit des leuchtenden Fleisches

unwahrscheinlich ist. Mit dem Leuchten des Holzes, gewisser Schwämme

und des Meeres hat PH_{3} jedenfalls nichts zu tun. PH_{3} riecht

knoblauchartig.

=Aetiologie der Phosphorvergiftung.= +Toxikologische+ Bedeutung hat

nur der gewöhnliche, giftige Phosphor. Derselbe wird allgemein zur

Herstellung von +Ratten-+ und +Mäusegift+ (Phosphorteig, Phosphorbrei,

Phosphorpaste, Phosphorpillen) in Wohnungen, Stallungen und auf

dem Felde benützt und gibt so Veranlassung zur zufälligen oder

böswilligen Einverleibung. Ausserdem haben namentlich früher die

+Phosphorzündhölzer+ zuweilen Vergiftungen bedingt. Dieselben wurden in

der Weise angefertigt, dass die mit Schwefel überzogenen Hölzchen in

eine Phosphoremulsion getaucht wurden, welche mittels Gummi oder Leim

unter Beimengung von Russ, Mennige etc. hergestellt war. +Auf jedes

dieser Phosphorstreichhölzer kamen pro Kopf etwa 5 Milligramm Phosphor,

so dass also z. B. 20 derselben 0,1 Phosphor, d. h. die für einen

Hund tödliche Dosis enthielten.+ (Die therapeutische Maximaldosis des

Phosphors für den Menschen beträgt 1 Milligramm). Ungiftig sind dagegen

die sog. schwedischen Streichhölzer, welche keinen Phosphor, sondern

ein Gemenge von chlorsaurem Kali und Schwefelantimon oder Mennige

enthalten, während die Reibfläche der Schachteln einen Ueberzug von

amorphem Phosphor besitzt. Endlich können Phosphorvergiftungen durch

+zu hohe Dosierung des Phosphors+ bedingt werden. Die beim Menschen

nach der Einatmung von +Posphordämpfen+ in Fabriken beobachteten

chronischen Vergiftungen sind bei den Haustieren bisher noch nicht

beobachtet worden. Dagegen wurden Fälle von akuter Vergiftung durch

Einatmen von Phosphordämpfen auch bei den Haustieren konstatiert. Die

tödlichen und therapeutischen Dosen des Phosphors für die einzelnen

Haustiere betragen:

+Tödliche+ Dosis +Therapeutische+ Dosis

+Pferd+ und +Rind+ 0,5-2,0 0,01-0,05

+Schaf+ und +Schwein+ 0,1-0,2 0,002-0,005

+Hunde+ 0,05-0,1 0,0005-0,002

+Katzen+ und +Geflügel+ 0,01-0,03 0,0005-0,001

=Krankheitsbild.= Die Phosphorvergiftung (Phosphorismus) kommt bei

allen Haustieren, am häufigsten aber beim Geflügel, bei Schweinen

und Hunden vor. Das Krankheitsbild ist je nach der Form, in welcher

der Phosphor aufgenommen wird (kleinere Stücke, Zündholzkuppen,

Phosphorbrei, Phosphoröl), ferner je nach dem Inhalt und

Füllungszustand des Magens, nach der Applikationsmethode (innerlich,

subkutan), sowie je nach der Tiergattung verschieden. Namentlich

bei Pferden verläuft die Phosphorvergiftung zuweilen ohne besondere

charakteristische Krankheitserscheinungen; auch beim Geflügel (Hühnern,

Enten) werden häufig nur ganz allgemeine Symptome wahrgenommen.

Das typische Krankheitsbild der Phosphorvergiftung, wie es sich

insbesondere bei Hunden und Schweinen entwickelt, setzt sich aus

lokalen und allgemeinen Erscheinungen zusammen.

1. Die +Lokalerscheinungen+ werden durch eine reizende und ätzende

Einwirkung des Phosphors auf die Schleimhäute des Digestions- und

Respirationsapparates bedingt. Sie bestehen in Appetitlosigkeit,

+Erbrechen+ (Phosphorgeruch und Leuchten des Erbrochenen im Dunkeln),

Blutbrechen, Unruheerscheinungen, +Kolikanfällen+, Stöhnen, Winseln,

Durchfall; bei Anätzung der Maul- und Schlundschleimhaut findet

man ausserdem Speicheln, Anschwellung der Zunge, sowie Lähmung des

Schlingvermögens. Nach dem Einatmen von Phosphordämpfen beobachtet man

sehr starken Husten, leuchtenden Atem, Erstickungsanfälle, hochgradige

Atemnot, die Erscheinungen des Lungenödems, sowie beim Rind zuweilen

Hautemphyseme am Hals und Thorax infolge des durch den Husten

entstandenen interstitiellen Lungenemphysems.

2. Die +Allgemeinerscheinungen+ beginnen mit dem Uebergang des

Phosphors ins Blut. Die Resorption des in Wasser unlöslichen Phosphors

wird durch den Fettgehalt des Darminhaltes bedingt. Ausserdem

durchdringt der rasch verdampfende Phosphor die Magenwand und die

benachbarten Organe und bewirkt so eine direkte Degeneration der

Gewebszellen (Magendrüsen, Leber). Der Phosphor wirkt als heftiges

+Zellen-+ und +Stoffwechselgift+ unter Zersetzung der Zellen bezw.

des Körpereiweisses zu +Fett+, Leuzin, Tyrosin, Milchsäure usw.

Dabei erweist er sich vorwiegend als +Drüsen-+ und +Muskelgift+,

indem er eine Nekrobiose sowie fettige Degeneration namentlich

der +Leber-+, +Magendrüsen-+ und +Nierenzellen+, der Muskelfasern

des +Herzens+, der +Skelettmuskeln+, sowie des Endothels und der

Muskelfasern der +Gefässe+ hervorruft. Eigentümlicherweise bleibt

der Phosphor im Blute sehr lange unoxydiert; seine Oxydation zu

Phosphorsäure geschieht vorwiegend in den Geweben (Protoplasmagift).

Die Verfettung der Skelettmuskeln äussert sich in allgemeiner,

+lähmungsartiger Körperschwäche+ und Hinfälligkeit, die des Herzmuskels

in +Herzschwäche+, stark vermindertem Blutdrucke, schwachem,

unfühlbarem Puls und Herzschlag, Sinken der Körpertemperatur und

Herzlähmung. Die Verfettung der Leberzellen wird teils auf eine

Fettbildung in den Zellen selbst, teils auf einen Fettransport

nach der Leber, somit gleichzeitig auf Fettdegeneration und

Fettinfiltration zurückgeführt. Sie kann infolge Vergrösserung der

Zellen zu Vergrösserung der Leberdämpfung, sowie zu Gallenstauung und

+Ikterus+, einem sehr charakteristischen, aber nicht regelmässigen

Symptom der Phosphorvergiftung führen. Die kranke Leber hat ausserdem

die Fähigkeit der Glykogensynthese verloren, was sich durch Auftreten

von Zucker im Harn äussert (+Glykosurie+). Die Nierenverfettung

äussert sich klinisch durch +Albuminurie+ und +Lipurie+. Die fettige

Degeneration der Gefässmuskulatur und des Gefässendothels bedingt

eine Brüchigkeit aller Gefässe und infolgedessen +Hämorrhagien+ auf

den Schleimhäuten (Nasenbluten, blutiger Ausfluss aus der Scheide,

Hämaturie, Hämatemesis) und in die Haut. Als besondere Erscheinungen

beobachtet man endlich bisweilen bei Schweinen Aufregung und sonstige

zerebrale Erregungserscheinungen, beim Geflügel eigentümliche hüpfende

Körperbewegungen, und endlich bei Milchkühen, offenbar als eine Folge

des nekrotisierenden, verfettenden Einflusses des Phosphors auf die

Drüsenzellen, nach überstandener Vergiftung ein absolutes, bleibendes

Versiegen der Milch (+Schindelka+).

Der +Verlauf+ der Phosphorvergiftung ist bei den Haustieren immer

+akut+. Die ersten Allgemeinerscheinungen treten, insbesondere bei

den Pflanzenfressern, wegen der +langsamen Resorption+ des Giftes

meist nicht vor Ablauf mehrerer Stunden, zuweilen erst nach mehreren

Tagen ein. Die kürzeste Krankheitsdauer beträgt 10-15 Stunden; meist

sterben die Tiere am +zweiten+ und +dritten+, häufig aber auch erst

am dritten bis fünften Tage nach der Aufnahme des Phosphors. Zuweilen

tritt der Tod ganz plötzlich infolge von Herzlähmung ein, nachdem sogar

im übrigen Befinden eine wesentliche Besserung vorausgegangen war.

Ausnahmsweise wird ein perakuter Verlauf (3-5 Stunden) beobachtet.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 6 / 50 段