Auftreten von Farben, sondern auf der +verschiedenen Löslichkeit+
der einzelnen Alkaloide in +Alkohol+ und +Aether+ etc., teils bei
+saurer+, teils bei +alkalischer+ Reaktion. Es lässt sich durch diese
Methode eine grössere Anzahl von Alkaloiden aus Gemengen mit anderen
Stoffen entweder in reinem Zustande oder in charakteristischen Gruppen
isolieren. Das Verfahren ist im allgemeinen folgendes: Die Alkaloide
bilden mit Säuren, namentlich mit +Weinsäure+, saure Salze, welche in
Wasser und meist auch in +Alkohol+ löslich sind.
a) Aus diesen +sauren+ wässerigen Lösungen nimmt +Aether+ nur auf:
+Digitalin+, +Kolchizin+, +Kantharidin+, +Pikrotoxin+, +amorphes
Akonitin+.
b) Aus der +alkalisch+ gemachten wässerigen Lösung zieht +Aether alle
Alkaloide+ aus mit einziger +Ausnahme+ von +Morphin+, +Apomorphin+,
+Kurarin+.
c) +Morphin+ lässt sich aus diesem Gemenge durch +Amylalkohol+,
+Apomorphin+ durch Salmiaklösung ausziehen, während +Kurarin+
zurückbleibt.
Die genauere Ausführung der =Stas-Ottoschen Methode= ist folgende:
Die zu untersuchenden Massen werden mit der doppelten Menge starken
+Weingeistes+ und mit +Weinsäure+ bis zur stark sauren Reaktion
versetzt, längere Zeit bei 70-75° C. digeriert, warm abgepresst,
der Auszug nach dem Erkalten filtriert, der Rückstand noch 1-2mal
in gleicher Weise mit Alkohol und Weinsäure extrahiert, und dann
die gesammelten Filtrate bei 35° C. eingedampft, bis der grösste
Teil des Alkohols verdunstet ist. Ein etwa entstandener Niederschlag
(Fette etc.) wird durch Filtration entfernt. Schüttelt man nun das
saure Filtrat mit +Aether+, so kann man +Digitalin+, +Kolchizin+,
+Kantharidin+ und +Pikrotoxin+ dadurch isolieren, dass man den
Aetherabzug verdampfen lässt.
Der Rückstand (alle Alkaloide und Glykoside ausser den 4 genannten
enthaltend) wird, nachdem er im Vakuum über Schwefelsäure zur
Trockene verdunstet ist, mit absolutem Alkohol 24 Stunden mazeriert,
filtriert, das Filtrat bei 35°C. verdunstet, der zurückbleibende
Teil in wenig +Wasser+ gelöst und mit +Natrium bicarbonicum+ bis zur
alkalischen Reaktion versetzt, worauf er sofort mit dem 4fachen Volum
reinen +Aethers+ anhaltend geschüttelt, der Aetherauszug abgehoben
und bei gewöhnlicher Temperatur auf einem Uhrschälchen verdunstet
wird. Auf dem Uhrschälchen bleiben +alle Alkaloide+ mit +Ausnahme+
von +Morphin+, +Apomorphin+ und +Kurarin+ zurück; dabei lassen sich
+Nikotin+ und +Koniin+ leicht schon durch ihren +Geruch+ bestimmen,
ausserdem bilden sie im Gegensatze zu den anderen kristallinisch oder
amorph auftretenden Alkaloiden eine +ölige Flüssigkeit+.
Kristallinische oder amorphe +feste+ Rückstände können behufs
Reindarstellung des Alkaloids mit Natron- oder Kalilauge versetzt und
mit frischem Aether ausgezogen werden, der +sogleich+ verdunstet
wird, worauf der Rückstand mit ein paar Tropfen Alkohol gelöst und
die Lösung der freiwilligen Verdunstung überlassen wird, wobei meist
Kristalle erhalten werden. Ist dies nicht der Fall, so löst man den
Rückstand noch einmal in stark verdünnter Schwefelsäure, dekantiert
die wässerige Lösung, verdunstet die Schwefelsäure, neutralisiert
mit reinem kohlensaurem Kali, verdunstet im Vakuum und nimmt den
Rückstand mit absolutem Alkohol auf, worauf nach dem Verdunsten
desselben das Alkaloid meist sehr rein erhalten wird.
+Morphin+ wird aus der alkalischen wässerigen Lösung (vergl. oben
nach dem Zusatze von Natrium bicarbonicum) direkt mit +Amylalkohol+
ausgeschüttelt und nach dessen Verdunsten rein erhalten.
[1] Vergl. auch das neue Lehrbuch der chemischen Toxikologie und die
Anweisung zur Ausmittlung der Gifte von +Gadamer+, Göttingen 1909.
Der physiologische Nachweis der Vergiftungen.
=Allgemeines über die Methoden und den Gang der toxikologischen
Untersuchungen.= Die Angaben über die toxikologische bezw.
pharmakologische Wirkung der einzelnen Gifte auf die verschiedenen
Organe und Tiere sind das Resultat exakter experimenteller Forschung.
Als Versuchsobjekte dienen vor allem Säugetiere (Pferd, Rind, Schaf,
Ziege, Schwein, Hund, Katze, Kaninchen, Meerschweinchen, Ratten, Mäuse
etc.), sowie Geflügel. Für die Zwecke der tierärztlichen Toxikologie
empfiehlt es sich, mit möglichst grossen Säugetieren, am besten mit den
gewöhnlichen Objekten der tierärztlichen Therapie, also mit Pferden,
Wiederkäuern, Hunden und Schweinen zu experimentieren und dabei den
fundamentalen Unterschied zwischen Pflanzenfressern und Fleischfressern
wohl zu beachten. Versuche mit Kaltblütern (Fröschen, Fischen,
Schlangen, Würmern, Egeln, Schnecken etc.) haben ein vorwiegend
theoretisch-wissenschaftliches Interesse. Dies gilt insbesondere für
das Hauptversuchstier der humanen Toxikologen und Pharmakologen, den
Frosch, der übrigens als Kaltblüter auf zahlreiche Gifte ganz anders
reagiert, als die Warmblüter. Zu besonderen Zwecken endlich dienen
als Versuchsobjekte Bakterien, Algen, Amöben, Infusorien, Hefezellen,
Leukozyten, rote Blutkörperchen, höhere Pflanzen, Helminthen. Auch
ausgeschnittene Körperorgane können zu Versuchen verwendet werden, so
namentlich das Herz, die Muskeln und Nerven, die Leber, die Nieren, die
Milz.
Die Feststellung der physiologischen Wirkung und die methodische
Zergliederung der Wirkung der einzelnen Gifte ist oft eine sehr
komplizierte und schwierige experimentelle Aufgabe. In dieser
Beziehung verdienen die nachstehenden kurzen allgemeinen Bemerkungen
Beachtung[2].
=Blutgifte.= Die Wirkung der Gifte auf das Blut kann makroskopisch,
mikroskopisch, chemisch, spektroskopisch und physikalisch, ausserhalb
und innerhalb des Tierkörpers untersucht werden. Sie kann sich entweder
darin äussern, dass die +Blutgerinnung+ und damit die Blutverteilung
im Körper geändert wird, oder darin, dass das Blut selbst in seinen
wichtigsten Bestandteilen umgewandelt und +zersetzt+ wird.
1. Die =Blutgerinnung= wird durch einzelne Gifte gehemmt (Blausäure,
Schlangengifte, Blutegelferment, Chinin), durch zahlreiche andere
gesteigert (Rizin, Abrin, Spinnengift). Manche Gifte heben ferner
die Fähigkeit des Blutkuchens auf, das Serum auszupressen. Bezüglich
der Art der Einwirkung der Gifte auf die Blutgerinnung sind die
Untersuchungen über das Wesen der Gerinnung von Bedeutung. Zur
Fibrinbildung sind bekanntlich mindestens zwei Stoffe nötig: die
aus den Blutkörperchen abstammende sog, fibrinogene Substanz, das
+Fibrinogen+, sowie das +Fibrinferment+. Letzteres ist vorwiegend
im Zellkern der weissen Blutkörperchen enthalten. Die Tätigkeit des
Fibrinferments wird nun durch viele Gifte angeregt oder ersetzt (sog.
fibrinbildende Gifte), durch andere verlangsamt oder aufgehoben. Von
+Gerinnung erzeugenden Stoffen+ bezw. Giften sind besonders zu nennen
das +Rizin+, die fermentartig wirkende Phytalbumose der Rizinussamen,
welches die roten Blutkörperchen zu einem lackartigen Klumpen verklebt
und sogar defibriniertes Blut von neuem zum Gerinnen bringt, das
+Abrin+, das Toxalbumin der Samen von Abrus precatorius mit noch
stärkerer fibrinbildender Wirkung, sowie +das Blut fremder Spezies+.
Die Folgen der Blutgerinnung bestehen in Thrombose, Embolien, Anämie,
Blutstauung, Entzündung, Nekrose, Geschwürsbildung, Hämorrhagien und
anderen durch die Störung der Blutzirkulation bedingten Erscheinungen.
2. Eine =Blutzersetzung= durch Gifte kann entweder in der Auflösung
der roten Blutkörperchen (+Hämolyse+) oder in der Bildung von
+Methämoglobin+ oder in einer +spezifischen+ Einwirkung auf den
Blutfarbstoff bestehen.
Das Hämoglobin wird in den roten Blutkörperchen durch ein
eigentümliches Protoplasma, das sog. Diskoplasma, gebunden. Geht das
Diskoplasma durch irgend eine schädliche Einwirkung zugrunde, so werden
die +roten Blutkörperchen zerstört+ und das Hämoglobin geht frei in
das Blutserum über. Ausserdem wird namentlich bei der Zerstörung der
weissen Blutkörperchen Fibrinferment frei, wodurch die Blutgerinnung
beschleunigt wird. Die lösende Einwirkung der Gifte auf die roten
Blutkörperchen, wodurch das Hämoglobin frei im Serum gelöst wird,
erfolgt zuweilen noch in sehr starken Verdünnungen. Das +Phallin+ löst
sie beispielsweise zum Teil schon in einer Verdünnung von 1 : 500000,
sowie vollständig bei einer solchen von 1 : 125000 auf; ähnlich
verhalten sich das +Saponin+, das wahrscheinlich durch Entziehung
von Cholesterin hämolytisch wirkt, die +Helvellasäure+, das Gift der
Morchel, der +Arsenwasserstoff+ und +Phosphor+.
Als +Methämoglobin+ bezeichnet man ein Oxyhämoglobin mit sehr fest
gebundenem Sauerstoff, welcher infolgedessen für die Atmung nicht
abgegeben wird, im Gegensatz zum gewöhnlichen, die Respiration durch
den nur leicht gebundenen Sauerstoff ermöglichenden Oxyhämoglobin. Das
Methämoglobin hat eine sepiabraune Farbe; unter dem Einfluss der in der
Leiche auftretenden Fäulnisprozesse zersetzt es sich bald.
Die Umwandlung des Hämoglobins in +Methämoglobin+ und dessen
Auflösung im Blutserum kann mit oder ohne gleichzeitige Auflösung
der Blutkörperchen erfolgen. Reine Methämoglobin bildende Gifte
sind +chlorsaures Kali+, +Pyrogallol+, die +Aldehyde+ (Paraldehyd),
+Nitrobenzol+, +Nitroglyzerin+, die +Nitrite+, die +Pikrinsäure+
und ihre Salze, das +Anilin+, +Antifebrin+ und Phenazetin, der
+Schwefelkohlenstoff+, das Toluylendiamin u. a. Das im Blutserum
gelöste Methämoglobin wird teils in der Leber zu Bilirubin zersetzt
(Pleiochromie der Galle), teils als Parhämoglobin in Leber, Milz und
Knochenmark unlöslich deponiert, teils als Hämoglobin mit dem Harn
ausgeschieden (Methämoglobinurie).
Eine +spezifische+ Einwirkung auf das Hämoglobin besitzen endlich
der +Schwefelwasserstoff+, das +Stickoxyd+, die +Blausäure+ und das
+Kohlenoxyd+ (Bildung von Schwefelmethämoglobin, NO-Hämoglobin,
CNH-Hämoglobin, CO-Hämoglobin). Zum Kohlenoxyd hat beispielsweise das
Hämoglobin eine 200mal stärkere Affinität als zum Sauerstoff.
=Leukozytengifte.= Die amöboide Bewegung der weissen Blutkörperchen
wird durch sehr viele Gifte +gelähmt+, z. B. durch Chinin. Eine
Vermehrung der weissen Blutkörperchen (+Hyperleukozytose+) findet
man namentlich nach scharfen Einreibungen (Kantharidensalbe, Senföl)
sowie nach der subkutanen Applikation der Akria. Eine Verminderung
der Zahl der weissen Blutkörperchen (+Hypoleukozytose+) wird durch
Chloroform, Strychnin und andere Gifte bedingt.
=Nervengifte.= Je nach der Art des Giftes, der Applikationsmethode
und Dosis sowie nach der Tiergattung reagiert das Nervensystem auf
die Nervengifte durch sehr verschiedene Erscheinungen, welche im
allgemeinen andeuten, dass man es mit einem Nervinum zu tun hat.
Solche Erscheinungen sind z. B. +Krämpfe+, +Lähmungen+, +psychische
Benommenheit+, +Schlaf+, +Koma+, +Raserei+. Bezüglich des Ortes der
Einwirkung, speziell zur Entscheidung der Frage, +ob das Gift ein
Gehirngift, Rückenmarkgift oder peripheres Gift ist+, muss folgendes
beachtet werden. Schlafsucht, psychische Depression, Anfälle von
Raserei deuten immer auf eine +zerebrale+ Einwirkung hin. Epileptiforme
(eklamptische) Krämpfe entstehen in der Mehrzahl der Fälle in
den +motorischen Grosshirnrindenzentren+ (kortikale Zentren). Es
scheinen indessen auch in anderen Teilen des Grosshirns, so in den
Vierhügeln, im Linsenkern, in den Gehirnschenkeln motorische Zentren
vorhanden zu sein (subkortikale Zentren). +Jedenfalls aber deuten
epileptiforme (eklamptische) Krämpfe auf einen zerebralen Ursprung
hin.+ Hirnkrampfgifte oder Krampfgifte im engeren Sinn sind z. B. Blei,
Atropin, Veratrin, Akonitin und Pikrotoxin (das Strychnin ist dagegen
ein Rückenmarkskrampfgift). Ausserdem können Krämpfe und Lähmungen
vom verlängerten Mark (Kopfmark) und Rückenmark, sowie von den
peripheren Nerven ausgehen. Die von den psychomotorischen Rindenzentren
ausgehenden Krämpfe lassen sich, abgesehen davon, dass häufig die
Psyche mitgestört ist, daran erkennen, dass sie nach Exstirpation
dieser Zentren ausbleiben. Ebenso kommen Krämpfe, welche ihren Ursprung
in der Medulla oblongata besitzen, nach Durchschneidung des Halsmarks
nicht mehr zustande; die hierbei auftretenden Krämpfe müssen spinalen
Ursprung haben. Die motorische Erregung der peripheren Nerven äussert
sich in Form von isolierten, oft fibrillären Zuckungen, welche auch
nach Durchschneidung des zuführenden Nervenastes fortdauern. +Lähmungen
zerebralen Ursprungs+ lassen sich durch das negative Resultat der
elektrischen Reizung der freigelegten motorischen Rindenzentren als
solche feststellen, Lähmungen peripherer motorischer Nerven in
analoger Weise durch das negative Resultat der Reizung der freigelegten
peripheren Nerven, z. B. des Ischiadikus. Lähmungen von Gehirnnerven
erstrecken sich lediglich auf die von den betreffenden Nerven
versorgten Gebiete.
Es lässt sich ferner eine +periphere oder zentrale+ Nervenbeeinflussung
durch Unterbindung der zuführenden Blutgefässe (z. B. der Arteria
femoralis) mit Sicherheit auseinander halten. So erzeugt Strychnin als
zentrales Rückenmarksgift auch nach Unterbindung der Arteria femoralis
Tetanus der Schenkelmuskulatur, solange die periphere Nervenleitung
(Ischiadikus) besteht. Umgekehrt bleiben die Schenkelmuskel erregbar,
wenn bei einem kurarisierten Tiere von vornherein die Femoralis
unterbunden wird, das die peripheren motorischen Nerven lähmende
Kurare somit nicht nach der Peripherie gelangen kann (intramuskuläres
Nervenendgift).
Die Frage endlich, ob eine periphere Lähmung oder ein peripherer
Krampf ihren Sitz im +Nerven oder Muskel+ haben, ist nicht immer
sicher zu entscheiden. Reizzustände der peripheren Nerven lassen sich
durch Kurare beseitigen, weil dasselbe die peripheren motorischen
Nervenendigungen lähmt, nicht aber Reizzustände der Muskelsubstanz.
=Narkose.= Die allgemeine Narkose wird gewöhnlich auf eine zentrale
Einwirkung der Nervengifte auf die +Ganglienzellen+ zurückgeführt.
Nach den Untersuchungen von +Nissl+ (Zeitschr. f. Psychiatrie,
54. Bd.) findet man die Ganglienzellen der Grosshirnrinde bei der
Alkoholvergiftung in rundliche, blass gefärbte Gebilde verwandelt,
in denen die Kerne und Dendriten verschwunden sind. Bei der
Morphiumvergiftung sind die Rindenganglien verkleinert, die
Zellkörperchen (Nisslkörper) spärlich, klein und schwächer gefärbt.
H. +Meyer+ (Arch. für exp. Pathol., Bd. 42, 46 u. 47) und +Overton+
(Studien über die Narkose, Jena 1901) führen die narkotische Wirkung
der Alkohol-Aethergruppe auf die +Lösung+ fettartiger Stoffe
(+Lipoide+) in den Ganglienzellen durch den Alkohol, Aether usw.
zurück (Lezithin, Protagon). Infolge Auflösung der Lipoide können
die Ganglienzellen grössere Mengen von Alkohol usw. aufnehmen und so
narkotisiert werden. Die Reihenfolge der Narkose bei dieser Gruppe
ist gewöhnlich die, dass zuerst die Grosshirnrinde (Sensorium,
Bewusstsein, Empfindung), sodann das Rückenmark (Motilität, Reflexe)
und zuletzt das verlängerte Mark (Atmungszentrum, vasomotorisches
Zentrum) gelähmt werden.
=Herzgifte.= Die Entscheidung der Frage, ob die Wirkung der +Herzgifte+
eine myogene, d. h. auf den Herzmuskel gerichtete ist, oder ob
sie einen neurogenen Ursprung hat (intrakardiale Ganglien, Vagus,
Sympathikus), ist oft sehr schwierig zu entscheiden. Die Digitalis
wird gewöhnlich als ein Muskelgift aufgefasst, das durch starke
Muskelkontraktion systolischen Herzstillstand herbeiführt, während die
Wirkung des Chloroforms als Herznarkotikum zweifelhaft erscheint. Auf
die +Blutgefässe+ wirken manche Gifte verengernd (konstriktorisch),
andere erweiternd (dilatatorisch). Die Verengerung und Erweiterung
der Gefässe wird entweder durch eine zentrale Wirkung auf das
vasomotorische Zentrum im verlängerten Mark (Chloroform, Antipyrin)
oder durch periphere Wirkung bedingt und stellt im letzteren Fall
teils eine Muskelwirkung (Digitalis), teils eine Nervenendwirkung dar.
+Vasokonstriktorische+ Gifte sind die Digitalisglykoside, Strophanthus,
Chlorbaryum und Adrenalin; +vasodilatatorisch+ wirken die Alkohole und
Aether, Chloroform und Chloralhydrat, sowie die Nitrite (Amylnitrit).
Die Art und der Ort der Einwirkung von Giften auf das Herz und
auf den Zirkulationsapparat lässt sich teils durch Bestimmung des
Blutdrucks (Manometer), der Blutgeschwindigkeit (Stromuhr) und der
Gefässweite, teils durch Untersuchung des Pulses und Herzschlages
(Sphygmograph), teils mittels Durchschneidung und Reizung des
Vagus, des Sympathikus und des Halsmarks (vasomotorisches Zentrum),
teils endlich direkt am ausgeschnittenen Herzen (Williamsscher
Apparat) nachweisen. +Steigerung des Blutdrucks+ kann bedeuten: eine
gesteigerte Arbeitsleistung des Herzens (Digitalis, Koffeïn), oder
eine Gefässverengerung infolge Reizung des vasomotorischen Zentrums
in der Medulla oblongata (Zystisin; die Blutdrucksteigerung fehlt
nach dem Durchschneiden des Halsmarks) oder infolge einer Reizung der
peripheren vasomotorischen Nerven (die periphere Gefässkontraktion
tritt auch nach Durchschneidung des Halsmarks ein). Gesteigerte
Arbeitsleistung des Herzens darf als ausschliessliche Ursache des
gesteigerten Blutdrucks nur dann angenommen werden, wenn nach Lähmung
der zentralen (Halsmarkdurchschneidung) und peripheren (Amylnitrit)
vasomotorischen Apparate trotzdem noch Blutdrucksteigerung eintritt.
+Sinken des Blutdrucks+ kann bedingt sein: durch geschwächte
Muskeltätigkeit des Herzens (die Kompression der Bauchaorta vermag dann
den Blutdruck zu steigern), oder durch Lähmung des vasomotorischen
Zentrums (negatives Resultat der elektrischen Reizung desselben),
oder durch Lähmung der peripheren Vasomotoren (negatives Resultat der
elektrischen Reizung des die Gefässe des Kaninchenohrs bei Erregung
kontrahierenden Halssympathikus), oder durch periphere Lähmung der
Splanchnikusendigungen in der Bauchhöhle (die sonst bei Reizung
der peripheren Enden des durchschnittenen Splanchnikus eintretende
Blutdrucksteigerung kommt nicht zustande). +Verlangsamung des Pulses+
(toxische Bradykardie) ist entweder die Folge einer Reizung des im
verlängerten Marke gelegenen Vaguszentrums (Vagusdurchschneidung
beseitigt dann die Verlangsamung), oder der kardialen Vagusendigungen
(die verlangsamende Wirkung tritt auch nach durchschnittenem Vagus
ein; Atropin erzeugt Beschleunigung), oder einer Muskellähmung des
Herzens (Atropin bleibt wirkungslos). Abnorme +Beschleunigung des
Pulses+ (toxische Tachykardie) kann durch Reizung des Nervus accelerans
(Sympathikus), der sog. Beschleunigungsfasern ausserhalb des Herzens
(Durchschneidung des Accelerans beseitigt die Beschleunigung) oder
im Herzen (die elektrische Reizung der peripheren durchschnittenen
Vagusendigungen wirkt dann pulsverlangsamend, weil der Vagus hierbei
intakt bezw. unbetätigt ist), oder durch Vaguslähmung bedingt sein
(Reizung der durchschnittenen Vagusendigungen bleibt erfolglos,
desgleichen Muskarin).
=Atmungsgifte.= Zum Studium ihrer Wirkung bedient man sich
gewisser Apparate (Mareyscher Registrierapparat, Atmungskurve,
Respirationsapparate); ausserdem beobachtet man die Intensität und
Frequenz der Atmung. Von funktionellen Einrichtungen des Körpers
können durch die Atmungsgifte betroffen werden das Atmungszentrum
in der Medulla oblongata (nach neueren Untersuchungen bestehen
ausserdem noch ein Inspirationszentrum in den Sehhügeln, ein
Exspirationszentrum in den Vierhügeln, ein Hemmungszentrum in der
Grosshirnrinde sowie untergeordnete Respirationszentren im Rückenmark),
die Leitungsbahnen der Vagi, die peripheren Vagusendigungen in der
Lunge, die Bronchialdrüsen, Bronchialmuskeln und Kehlkopfmuskeln,
die Atmungsmuskeln (Zwerchfell und Hilfsmuskeln), sowie endlich der
Gefässapparat der Lunge. Die Analyse der Wirkung der Atmungsgifte
ist daher nicht leicht. +Lungenödem+ (Rasselgeräusche, schaumiger
Ausfluss aus der Nasenhöhle und Maulhöhle, Dyspnoe) kann entweder durch
vermehrte Sekretion der Bronchialdrüsen (Pilokarpin, Arekolin) oder
durch abnorme Durchlässigkeit der Lungenkapillaren (Chloralhydrat)
oder durch Blutstauung in der Lunge (Herzgifte) entstehen; man
unterscheidet deshalb genauer ein toxisches und mechanisches
(Herzgifte) Lungenödem. +Beschleunigung+ und +Verstärkung+ der Atmung
kann durch Reizung der Atmungszentren (Blausäure, Kampfer) oder der
peripheren Vagusendigungen in der Lunge (Ammoniak) oder durch Erregung
der Bronchialmuskeln (Eserin) bedingt sein; hört die Beschleunigung
nach Durchschneidung der Vagi auf, so ist eine periphere Erregung
der den Atmungsreflex vermittelnden Vagusenden in der Lunge als
Ursache anzunehmen. +Verlangsamung+ und +Abschwächung+ der Atmung ist
entweder die Folge einer Lähmung der Atmungszentren, wobei häufig das
+Cheyne+-+Stocke+sche Atmungsphänomen vorübergehender Pausierung der
Atmung beobachtet wird (Gehirngifte, Herz- und Gefässgifte mit Anämie),
oder einer Lähmung der Respirationsmuskeln (Kurare, Schlangengift) oder
einer Reizung des zerebralen Hemmungszentrums (Exstirpation desselben
beseitigt die Atmungsschwäche) oder einer Lähmung der Lungenenden des
Vagus (Atropin). Löst die elektrische Reizung der durchschnittenen
Nervi phrenici keine Zwerchfellskontraktionen aus, so handelt es sich
um Lähmung des Zwerchfells als Ursache der Atmungsschwäche. Lähmung der
Vagusendigungen ist anzunehmen bei sehr verlangsamter aber gleichzeitig
intensiver Atmung. Lähmende Gifte für das Atmungszentrum (Asphyktika)
sind namentlich +Blausäure+ und +Schwefelwasserstoff+.
=Nierengifte.= Die Hauptwirkung ist auf das +Nierenepithel+ gerichtet.
In den leichten Graden der Vergiftung entsteht nur eine +Reizung+
des Nierenepithels mit Hyperämie und Beschleunigung des Blutstroms,
welche sich in vermehrter Harnabsonderung äussert (Koffein und andere
Purinstoffe). Die stärkeren Nierengifte erzeugen +Epithelnekrose+
in den Harnkanälchen als Hauptform der toxischen Nephritis mit
Verkalkung des abgestorbenen Epithels (Quecksilber, Salizylsäure)
oder mit nachfolgender Bindegewebsneubildung (Blei). Andere
Nierengifte verursachen in erster Linie eine +Glomerulonephritis+
(Kanthariden). Die Funktionsstörung der Nierenepithelien äussert sich
in +Albuminurie+, die der Glomeruli in Oligurie und +Anurie+. Sind
die Glomeruli intakt und nur die Nierenepithelien der Harnkanälchen
erkrankt, so entsteht +Polyurie+ mit vermindertem spezifischem
Gewicht des Harns (Verlust des Konzentrationsvermögens des Epithels
der Harnkanälchen). Manche Blutgifte wirken gleichzeitig ebenso wie
das freigewordene Hämoglobin als Nierengifte (+Hämoglobinurie+). Die
bei diesen Vergiftungen auftretende +Glykosurie+ hat meist einen
hämatogenen Ursprung (Morphium, Chloroform u. a.) oder sie entsteht in
der Leber (Verlust der Glykogen-Synthese durch Phosphor); in manchen
Fällen scheint jedoch Zucker in den Nieren durch Abspaltung aus dem
Zelleiweisse zu entstehen (Chromsäure, Quecksilber).