Die Frage der =Geniessbarkeit des Fleisches vergifteter Tiere= ist

auf Grund zahlreicher experimenteller Untersuchungen und praktischer

Beobachtungen zu +bejahen+. Die von +mir+ und +Knudsen+ (Monatshefte

für prakt. Tierheilkunde I. u. II. Bd.) mit den giftigsten

Alkaloiden Strychnin, Eserin, Pilokarpin und Veratrin bei Hammeln

und Kaninchen angestellten Versuche haben gezeigt, +dass das Fleisch

der vergifteten Tiere entweder gar kein Gift oder nur so minimale

Spuren enthält, dass es durchaus unschädlich ist+ (+Selbstversuche+,

+Versuchstiere+). Diese Tatsache erklärt sich einerseits aus +der

reduzierenden Einwirkung der Muskeltätigkeit und des Blutes+ auf

die Alkaloide, andererseits aus der Entgiftung des Körpers durch

zahlreiche Sekretionsorgane (Nieren, Leber, Darmdrüsen, Milchdrüse).

Zu demselben Ergebnis ist bezüglich des Strychnins +Schneider+

gelangt (Monatshefte für prakt. Tierheilkunde XI. Bd.); danach wurden

je 5 Gänse und Enten, ferner 6 Hühner und 8 Tauben mit Strychnin

vergiftet und sämtliche an Strychninvergiftung gestorbenen Tiere ohne

Schaden verzehrt (Selbstversuche). Aehnliche Beobachtungen haben

bezüglich Strychnin, Eserin und Apomorphin +Feser+, bezüglich Arsenik

+Sonnenschein+, +Spallanzani+ und +Zappa+, bezüglich Oleandrin

+Veronesi+ (Selbstversuche), bezüglich Brechweinstein +Harms+,

bezüglich Blei +Albrecht+, +Laho+ und +Mosselmann+ veröffentlicht.

Die letzteren (Brüsseler Annalen 1893) vergifteten einen jungen

Stier mit Bleifarbe; bei dem am 6. Tage gestorbenen Tier wurde in

+den Muskeln überhaupt kein Blei gefunden+. Hunde, welche wochenlang

mit dem Fleisch des Stieres gefüttert wurden, zeigten nicht die

geringsten Störungen des Allgemeinbefindens. Ueber weitere Fälle

von Unschädlichkeit des Fleischgenusses vergifteter Tiere berichtet

+Ostertag+ (Handbuch der Fleischbeschau).

Anders liegen die Verhältnisse bezüglich der +Leber+, der +Nieren+,

des +Magens+ und +Darmes+, sowie des +Euters+ bezw. der +Milch+.

In den genannten Drüsen und Organen findet eine Ausscheidung der

Gifte aus dem Blute statt; dieselben sind daher mehr oder weniger

gifthaltig und ihr Genuss unter Umständen +gesundheitsschädlich+.

Dies gilt insbesondere für den Darmkanal, die Nieren und das Euter.

Die Leber ist namentlich für metallische Gifte ein Depositorium,

während die Alkaloide in der Leber, ähnlich wie im Fleisch,

zersetzt werden (+Schiff+, +Roger+, eigene Beobachtungen). Das

Euter und die Milch sind von den genannten Exkretionsorganen am

giftreichsten. Dies wird auch durch die tierärztliche Erfahrung

bewiesen, wonach mehrfach +Erkrankungen durch die Aufnahme der+

=Milch= +vergifteter Tiere+ beobachtet worden sind. So erkrankten

Saugkälber und Fohlen nach der Verabreichung von Arsenik an die

Mutterkühe bezw. Mutterstuten (+Spinola+, +Huxel+), Lämmer und Hunde

nach der Aufnahme der Milch einer mit Brechweinstein behandelten Kuh

(+Harms+), Saugkälber nach der Verfütterung von radehaltigem Mehl

an die Muttertiere (+Tabourin+), desgleichen nach Verfütterung von

Rizinuskuchen (+Bollinger+). Die Milch von Kühen, welche Kolchikum

aufgenommen hatten, zeigte sich auch dann giftig, wenn die Kühe keine

auffallenden Krankheitserscheinungen aufwiesen (+Ungar. Vet.-Ber.+

1900). In der Milch von Kühen, die mit alkoholhaltiger Schlempe

gefüttert worden waren, wiesen +Weller+ und +Teichert+ bis zu 1 Proz.

Alkohol nach. +Klingemann+ fand nach Verabreichung von 100-200 g

Alkohol bei Kühen, dass 0,5 g davon durch die Milch ausgeschieden

wurden. Aehnliche Vergiftungsfälle sind beim Menschen nach dem

Genusse der Milch von Tieren beobachtet worden, welche Giftpflanzen

und andere Gifte aufgenommen hatten (vgl. +Fröhner+, Ueber die

Bedeutung der Milchmittel, Monatshefte für prakt. Tierheilkunde II.

Bd.). Dagegen ist bei der +therapeutischen+ innerlichen Verabreichung

des Bleis und Kupfers, sowie bei der fortgesetzten Einwirkung

kleiner Dosen der Blei- bezw. Kupfergehalt der Milch so gering, dass

eine gesundheitsschädliche Wirkung nicht möglich ist (+Baum+ und

+Seliger+, Berl. Arch. 1895 u. 1896). +Storch+ (B. T. W. 1902), sah

trotz lange fortgesetzter medikamenteller Dosen von Chloralhydrat

bei Kühen (50,0) und Schafen (8-15,0) keine schädigende Wirkung auf

die säugenden Jungen oder Versuchstiere, nicht einmal der Chlorgehalt

der Milch stieg nach der intravenösen Injektion von Chloralhydrat.

Nach +van Itallie+ (Holl. Vet.-Zeit. 1904) sollen von Arzneimitteln

überhaupt nicht in die Milch übergehen: Morphium, Eserin, Pilokarpin,

Jod, Salizylsäure und Terpentinöl.

Klinisch-anatomische Diagnose der Vergiftungen.

Die durch die Einverleibung von Giften hervorgerufenen

Krankheitserscheinungen und pathologisch-anatomischen Veränderungen

sind im allgemeinen nicht sehr leicht von den gewöhnlichen Krankheiten

zu unterscheiden. Die sichere, zweifelsfreie Beantwortung der Frage,

ob im gegebenen Fall eine Vergiftung vorliegt oder nicht, lässt sich

in der Mehrzahl der Fälle nicht auf klinisch-anatomischem Wege,

sondern nur mit chemisch-physikalischen Hilfsmitteln bewirken.

Sehr häufig bietet aber doch der Krankheitsbefund allein wichtige

Anhaltspunkte dafür, dass eine Vergiftung mutmasslich oder sehr

wahrscheinlich vorliegt, und vereinzelt lässt sich wohl auch eine

solche auf rein klinischem Wege mit Sicherheit nachweisen, wie z. B.

die Strychninvergiftung. Viel weniger Schwierigkeiten sind natürlich

für die Beurteilung derjenigen Vergiftungen vorhanden, bei welchen

die Natur des Giftes im voraus bekannt ist, so namentlich bei den

Arzneivergiftungen.

=Klinische Symptome.= Die für die klinische Diagnose wichtigsten Punkte

sind kurz zusammengefasst folgende:

1. Das +plötzliche+ Auftreten einer schweren Erkrankung +ohne

nachweisbare Ursache+ (Erkältung, Infektion, Ueberanstrengung) mit

raschem, oft tödlichem Verlauf. Das Auftreten dieser Krankheit

im unmittelbaren Anschluss an die +Futteraufnahme+, sowie das

+gleichzeitige+ Erkranken anderer Tiere ist besonders wichtig

(Anamnese).

2. +Gastrische Erscheinungen+: Appetitlosigkeit, gestörte Rumination,

+Speicheln+ (Merkurialismus, Pilzvergiftung), +Kaukrämpfe+ und

Zähneknirschen (Blei-, Kochsalz-, Lakenvergiftung), +Trismus+

(Strychninvergiftung), Stomatitis (Aetzgifte, Pilzvergiftung,

Quecksilbervergiftung), Trockenheit der Maulschleimhaut und

+Schlinglähmung+ (Belladonna, Pilzvergiftung), Würgen und +Erbrechen+,

Hämatemesis, +Kolikerscheinungen+ (Acria und Acria-Narcotica),

+Verstopfung+, +Aufblähen+, Tenesmus, +Durchfall+, blutiger,

schleimiger, schaumiger, übelriechender Kot, Aufhören der

Milchsekretion, +Ikterus+ (Phosphorvergiftung, Lupinose).

3. +Nervöse Erscheinungen+: +Depression des Sensoriums+, Benommenheit,

Schläfrigkeit, rauschartige Narkose, +Schwindel+ (Chloroform, Alkohol,

Lolium temulentum), +psychische Erregung+, Unruhe, Schreckhaftigkeit,

Aufregung, Tobsucht (Bleivergiftung, Alkoholvergiftung), +zerebrale

Krämpfe+ (Eklampsia saturnina), +spinale Krämpfe+ bezw. +Tetanus+

(Strychnin, Nikotin), +Zwangsbewegungen+ (Extractum Filicis),

zerebrale, spinale und periphere +Lähmungen+ (Bleilähmung,

Taxusvergiftung), +Schwächezustände+, +Zittern+, +Kehlkopflähmung+

(Kichererbse, Bleivergiftung), +Blasenlähmung+, Mastdarmlähmung,

+Amaurosis+ (Bleivergiftung), Mydriasis, Myosis, Ptosis, Nystagmus

(Lakenvergiftung), Hyperästhesie, +Anästhesie+, +Kollaps+.

4. +Kardiale Erscheinungen.+ Dieselben treten namentlich bei den

Herzgiften (Digitalisgruppe) in Form einer Beeinflussung der Frequenz,

Stärke, sowie des Rhythmus der Herztätigkeit auf und äussern sich

in +Verlangsamung+, +Beschleunigung+, +Unregelmässigkeit+ des

Herzschlages und Pulses, in +Herzklopfen+, verminderter Herzkraft,

+Schwäche+ des +Pulses+, +Unfühlbarkeit+ desselben und schliesslicher

+Herzlähmung+. Weitere Störungen der Zirkulationsorgane sind +Zyanose+,

+Temperaturverminderung+ oder +erhöhte Körpertemperatur+.

5. +Harnveränderungen.+ Eine Reihe von Giften erzeugt charakteristische

Veränderungen des Harns. So beobachtet man +Polyurie+ (Pilzvergiftung),

+Oligurie+, +Strangurie+ und +Anurie+ mit Urämie (toxische Nephritis

bei Kantharidenvergiftung), +Hämaturie+ (Baumwollsamenvergiftung),

+Hämoglobinurie+ (Vergiftung durch Kali chloricum, Nitrobenzol,

Bienenstiche), +Braun-+ und +Grünfärbung+ (Karbol- und Teervergiftung),

+Glykosurie+ (Morphium-, Chloroform-, Aether-, Kohlenoxyd-,

Oxalsäurevergiftung).

Von sonstigen für die Diagnose wichtigen allgemeinen

Krankheitserscheinungen sind zu erwähnen die teils direkt infolge von

Blutveränderungen oder Lähmung der Respirationsorgane teils indirekt

infolge von Herzlähmung eintretende +Dyspnoe+ (Blausäurevergiftung),

+Exantheme+ (Quecksilber-, Brom-, Schlempevergiftung), +Urticaria+ und

+Hautnekrose+ (Rostpilze, Kernpilze), +Ernährungsstörungen+ (chronische

Blei-, Arsenik-, Quecksilberkachexie), +Abortus+ (Sekale- und andere

Pilzvergiftungen, sowie bei schweren Vergiftungen überhaupt infolge

Veränderung der Blutverteilung oder Dyspnoe), +Sterilität+ (chronische

Arsenikvergiftung).

6. +Oertliche Reizerscheinungen+, bestehend in Rötung, Schwellung,

Entzündung und +Verätzung+. Dieselben sind charakteristisch für die

Akria und lassen sich während des Lebens auf der Haut, sowie auf der

Schleimhaut der Maul- und Rachenhöhle nachweisen. Manche scharfe Gifte

sind durch eine besondere Farbe des +Aetzschorfes+ ausgezeichnet, so

die Salpetersäure durch einen +gelben+, das Formaldehyd durch einen

+braunen+, die Salzsäure durch einen +grauweissen+, die Essigsäure

durch einen +weissen+ Schorf.

=Anatomische Veränderungen.= Ihre Bedeutung für die Diagnose der

Vergiftungen ist beschränkt. Sehr viele Gifte, welche während des

Lebens ausgeprägte klinische Erscheinungen bedingen, so die ganze

Reihe der reinen Narcotica, hinterlassen keinerlei anatomisch

erkennbare Veränderungen im Tierkörper. Das einzig Charakteristische

ist daher bei ihnen der +negative Sektionsbefund+. Im Gegensatz

hierzu findet man bei den scharfen und scharfnarkotischen Giften

auf der Schleimhaut des Digestionsapparates die Erscheinungen der

+Entzündung+ und +Korrosion+ (Rötung, Schwellung, Hämorrhagien,

Erosionen, Geschwüre, kruppöse, diphtheritische Beläge, Perforation).

Ausser diesen lokalen Veränderungen in den ersten Wegen beobachtet man

als wichtigste Allgemeinveränderungen +Verfettung+ der +Muskeln+ und

+Drüsen+ (Phosphor-, Arsenikvergiftung), +Nephritis+ und +Zystitis+

(Kanthariden, Terpentinöl), +Nierenverkalkung+ (Quecksilber,

Blei, Kupfer, Wismut, Jod, Jodoform), +akuten Hydrozephalus+ und

+Hydrorhachis+, +Hämorrhagien+ in verschiedenen Organen, sowie zuweilen

spezifische Veränderungen des +Blutes+: lackfarbige Beschaffenheit

(Blutgifte), kirschrote Farbe (Kohlenoxydvergiftung), hellrote Farbe

des Venenblutes (Blausäurevergiftung). Man hat sich indessen vor

Verwechselungen mit postmortalen gewöhnlichen Veränderungen sehr

zu hüten. Die Erscheinungen der Suffokation (Blutüberfüllung der

Lungen und des Herzens) findet man auch bei Tieren, welche nicht an

Vergiftung, sondern eines gewöhnlichen Todes verstorben sind.

=Differentialdiagnose der Vergiftungen.= Zahlreiche Krankheiten

können teils wegen ihres +plötzlichen+ Verlaufs (apoplektiforme

Krankheiten), teils wegen der +gleichzeitigen+ Erkrankung mehrerer

Tiere (Infektionskrankheiten), teils wegen der auffallenden

+nervösen+ Symptome (Nervenkrankheiten) mit Vergiftungen verwechselt

werden.

1. =Apoplektiforme= Krankheiten sind namentlich Ueberhetzung

bei Pferden, Rindern und Schweinen, Hitzschlag, Sonnenstich,

Herz-, Lungen- und Gehirnlähmung, Milzbrandapoplexie, perakut

verlaufender Schweinerotlauf und Schweineseuche (Schweinepest), sowie

Geflügelcholera, perakute Septikämie, Magen- und Darmruptur, sowie

innere Verblutung (Aorta, Leber).

2. =Infektionskrankheiten= sind Milzbrand, Rinderpest,

Schweinerotlauf, Maul- und Klauenseuche, Kälberruhr, Pocken

(Pilzvergiftung, Schlempevergiftung, Quecksilbervergiftung),

seuchenhafter Abortus (Mutterkornvergiftung), Tuberkulose, Wut

(Bleivergiftung), Leberegelseuche (Lupinose).

3. =Nervenkrankheiten= sind Starrkrampf (Strychninvergiftung),

Eklampsie und Epilepsie (Bleivergiftung), Gehirnentzündung

(Klatschrosenvergiftung), zerebrale und spinale Lähmungen

(Pilzvergiftung, Equisetum- und Loliumvergiftung), Kehlkopflähmung

(Blei-, Kichererbsenvergiftung).

Endlich können Todesfälle nach +Räudebädern+ bei Schafen infolge

Aspiration der Badeflüssigkeit und Erstickung, Ueberhitzung oder

Erkältung mit Vergiftungen verwechselt werden (Arsenik-, Tabak-,

Kreolinvergiftung).

Der chemisch-physikalische Nachweis der Vergiftungen.

Die überwiegende Mehrzahl der Vergiftungen lässt sich

mit wissenschaftlicher Sicherheit nur auf dem Wege der

chemisch-physikalischen Analyse nachweisen. Als Untersuchungsobjekte

dienen in erster Linie der Inhalt des Magens und Darmes, sodann das

Blut, ausserdem die Leber, Nieren, Muskeln und der Harn, alle in

möglichst frischem Zustand. Anorganische Gifte sind, weil sie sich

während der Untersuchung nicht verändern und in ihren Reaktionen besser

studiert sind, wesentlich leichter nachweisbar als die zersetzlichen,

noch sehr wenig charakterisierten organischen Verbindungen, namentlich

die Alkaloide und Glykoside. Der chemische Nachweis der Vergiftungen

beginnt mit einer Vorprüfung, der die eigentliche Analyse folgt.

1. =Die Vorprüfung.= Vor der eigentlichen chemischen Untersuchung

sind Vorversuche darüber anzustellen, welche Art oder Klasse von

Giften in dem zu untersuchenden Material etwa vorhanden sein könnte.

So lassen sich schon durch den gewöhnlichen +Gesichtssinn+ oder

mittels der +Lupe+ oder des +Mikroskops+ Jodoform, Kalomel, Arsenik,

roter Präzipitat, Kanthariden, sowie sehr viele Pflanzenteile (Semen

Strychni, Semen Colchici, Folia Digitalis, Folia Belladonnae,

Herba Hyoscyami, Folia Nicotianae) sowie der Phosphor (Leuchten im

Dunkeln) nachweisen. Auch die +Farbe+ kann bei Pikrinsäure (gelb),

Quecksilberjodid (rot), Kupferoxyd (schwarz), Kalomel (weiss) usw. auf

die Art der Vergiftung hinführen. Die +Reaktion+ lässt Säuren und

saure Salze, sowie Basen erkennen. Durch den +Geruch+ lässt sich die

Anwesenheit von Blausäure, Phosphor, Karbolsäure, Kreosot, Jodoform,

Chloroform, Kampfer, Terpentinöl, Aether, Alkohol, Nikotin feststellen;

dieser für die einzelnen Gifte charakteristische Geruch wird namentlich

beim Erwärmen des Untersuchungsmaterials mittels Säuren, am besten bei

der Destillation, wahrgenommen. Die kristalloiden Körper (Metallsalze,

alle löslichen Salze, Alkaloide, Säuren, Alkalien) lassen sich ferner

auf dem Wege der +Dialyse+ trennen. Metalle (Blei, Quecksilber) können

ausserdem durch +Elektrolyse+ nachgewiesen werden. Zu diesen Vorproben

wird nach +Dragendorff+[1] nur etwa 1/20 des Untersuchungsmaterials

verwandt. Das übrige wird in 4 Teile geteilt; das erste Viertel wird

der +Destillation+ unterworfen und auf flüchtige Gifte (Blausäure,

Phosphor, Chloroform, Karbolsäure, Alkohol, Aether) untersucht, das

zweite durch +Ausschütteln+ auf Alkaloide und sonstige organische

Gifte, das dritte auf schwere Metalle durch +Lösung+ derselben nach

+vorhergegangener Zerstörung der organischen Substanz+ und teilweiser

Behandlung mit +Schwefelwasserstoff+, das vierte durch einfaches

+Ausziehen+ mit +Wasser+ (Alkalien und Säuren).

2. =Der Nachweis der schweren Metalle.= Während die Salze der

Alkalien und die Säuren von dem Untersuchungsmaterial sehr leicht

durch einfaches Ausziehen mit Wasser zu trennen und dann auf ihre

Spezialreaktionen zu untersuchen sind, lassen sich die schweren Metalle

und ihre Salze (+Arsen+, +Quecksilber+, +Blei+, +Kupfer+, +Zink+,

+Antimon+) nicht ohne weiteres aus dem Körper der vergifteten Tiere

extrahieren, weil sie mit dem Körpereiweiss sogen. metallorganische

Verbindungen (Metallalbuminate) gebildet haben, in welchen die

betreffenden Metalle ihre charakteristischen Reaktionen verloren

haben. Die Metalle müssen daher aus diesen organischen Verbindungen

durch ein vorbereitendes Verfahren zuerst wieder frei gemacht werden.

Dieses +Freimachen+ der Metalle aus ihren Albuminatverbindungen

geschieht durch +Zerstören+ der +organischen Substanz+ mittels +Chlor+

oder +Salpeter+ oder +anorganischen Säuren+. a) Mit +Chlor+ werden

die organischen Beimengungen in der Weise zerstört, dass man sie mit

+Salzsäure+ und +chlorsaurem Kali+ zusammenbringt, welche zusammen

Chlor entwickeln. Die zerkleinerten Substanzen werden etwa mit

demselben Gewichte Salzsäure versetzt, nötigenfalls mit destilliertem

Wasser verdünnt und in einem geräumigen Glaskolben, welcher damit

nur etwa zur Hälfte gefüllt wird, im Wasserbade erhitzt, nachdem sie

einen Zusatz von etwa 2 Proz. Kali chloricum erhalten haben. Das

Dunkelwerden der Flüssigkeit beim Erwärmen zeigt den Zeitpunkt an, dass

das chlorsaure Kali verbraucht ist und ersetzt werden muss. Man bringt

dann vorsichtig, um das Aufschäumen zu vermeiden, von Zeit zu Zeit etwa

ein Gramm chlorsaures Kali hinzu. Wird nach einem ¼-½stündigen Erhitzen

die Flüssigkeit nicht mehr dunkler, so genügt die Chloreinwirkung

und die Zerstörung ist beendet. Die Flüssigkeit wird sodann in einer

Porzellanschale erwärmt, bis das Chlor entwichen ist, heiss filtriert

und der Rückstand mit heissem destilliertem Wasser ausgewaschen. Im

Filtrate sind dann Arsen als +Arsensäure+, Quecksilber als +Sublimat+,

Blei als +Bleichlorid+, Antimon als +Antimonchlorid+, Kupfer als

+Kupferchlorid+, Zink als +Chlorzink+ enthalten. -- b) Mit +Salpeter+

wird nach vorherigem Erhitzen der Untersuchungsmasse mit gleichem

Gewichte +Salpetersäure+ und Neutralisieren der Säure mit Aetzkali

oder kohlensaurem Kali die Masse ebenfalls etwa in gleichem Gewichte

versetzt, ausgetrocknet und in kleinen Portionen im Porzellantiegel

+geglüht+, wobei neue Portionen erst nach dem Verpuffen und Weisswerden

der vorhergehenden eingefüllt werden. Der Rückstand wird mit heissem

Wasser aufgenommen. Diese Methode, welche auf einer +Oxydation+ beruht,

ist stärker als die vorhergehende; sie verwandelt die Metalle in

Oxyde resp. Kalisalze: +arsensaures+, +antimonsaures+, +chromsaures

Kali+, +Bleioxyd+, +Kupferoxyd+ etc. -- c) Mit +anorganischen Säuren+:

Salzsäure, Königswasser, Schwefelsäure, Salpetersäure, Schwefelsäure

und Salpetersäure etc., zerstört man die organischen Substanzen durch

+Erhitzen+.

Sind die Metalle auf diese Weise frei gemacht und in +Lösung

übergeführt+, so werden sie aus der erkalteten, noch freie Salzsäure

enthaltenden klaren Flüssigkeit durch +Schwefelwasserstoff+ als

Schwefelmetalle (Sulfide) +abgeschieden+. Zu diesem Zwecke leitet

man gewaschenen, arsenfreien Schwefelwasserstoff ein, bis die

Flüssigkeit vollständig damit gesättigt ist, lässt dieselbe 24 Stunden

stehen, sättigt noch einmal mit Schwefelwasserstoff, filtriert den

entstandenen +Niederschlag+ ab und wäscht ihn anfangs mit gesättigtem

Schwefelwasserstoffwasser, dann 2-3mal mit gekochtem destilliertem

Wasser aus.

Die einzelnen Metalle geben hierbei folgende Niederschläge:

I. +Arsen+ einen +gelben+, in Schwefelammonium löslichen, in

Salzsäure unlöslichen Niederschlag von Schwefelarsen.

II. +Antimon+ einen +orangegelben+, in Schwefelammonium und in warmer

Salzsäure löslichen Niederschlag von Schwefelantimon.

III. +Quecksilber+ einen +schwarzen+, in Schwefelkalium und

Königswasser leicht, in Schwefelammonium wenig, in Salzsäure schwer

löslichen Niederschlag von Schwefel-Quecksilber.

IV. +Blei+ einen +schwarzen+ (anfangs roten oder rotbraunen), in

Salpetersäure ziemlich leicht löslichen, in Schwefelalkalien nicht,

in konzentrierter Salzsäure schwer löslichen Niederschlag von

Schwefelblei.

V. +Kupfer+ einen +schwarzen+, in Zyankaliumlösung, Salpetersäure

und in Salzsäure löslichen, in Schwefelammonium und siedender

verdünnter Schwefelsäure (1 : 5) ziemlich unlöslichen Niederschlag

von Schwefelkupfer.

Das Filtrat, welches von den obigen Niederschlägen abfiltriert wurde,

enthält noch Zink und Chrom, welche nur aus essigsaurer, resp.

alkalischer Lösung durch Schwefelwasserstoff ausgefällt werden.

Deshalb wird das (salzsaure) Filtrat mit so viel +essigsaurem Natron+

versetzt, bis alle freie Salzsäure in Chlornatrium verwandelt und

+Essigsäure+ frei geworden ist. Hierauf fällt Schwefelwasserstoff

VI. +Zink+ in Form eines weissen Niederschlages von Schwefelzink,

aus, der sich in verdünnter warmer Schwefelsäure farblos löst.

Endlich fällt Schwefelwasserstoff aus dem durch +Aetzammoniak+

alkalisch gemachten Filtrate

VII. +Chrom+ als grünbläulichen, in Kalilauge löslichen Niederschlag

von Schwefelchrom.

3. +Der Nachweis der Alkaloide und Glykoside.+ Die einzelnen Alkaloide

und Glykoside geben zwar mit einer grossen Anzahl von Reagentien

Niederschläge und Farbenreaktionen, diese letzteren sind jedoch

nicht sehr charakteristisch und kommen häufig mehreren Alkaloiden

gleichzeitig zu. Der Nachweis der Alkaloide wird daher nicht sowohl auf

chemischem, als vielmehr auf physikalischem Wege in der Weise erbracht,

dass man das verschiedene Verhalten der einzelnen Alkaloide gegen

bestimmte Lösungsmittel untersucht (Abscheidungsmethode der Alkaloide

nach +Stas-Otto+). Es sollen hier zuerst die allgemeinen Reagentien

der Alkaloide und dann das spezielle Abscheidungsverfahren besprochen

werden.

I. Allgemeine Reagentien auf Alkaloide und Glykoside.

Die Alkaloide und Glykoside geben mit einer grossen Anzahl von Körpern

+Niederschläge+. Von solchen Reagentien sind zu nennen: +Gerbsäure+

(bildet mit den meisten Alkaloiden farblose oder gelbliche tanninsaure

Salze), +Jod+, +Jod-Jodkaliumlösung+ und +Jodtinktur+ (gibt mit den

meisten Alkaloiden einen kermesfarbigen Niederschlag, mit Chinin,

Atropin, Nikotin einen rotbraunen, mit Koffeïn einen schmutzig

dunkelbraunen, mit trockenem Kolchizin bei sehr starker Verdünnung

des Reagens eine violette Farbe, mit Solanin in saurer Lösung dagegen

keinen Niederschlag), +Platinchlorid+ (gibt 1 : 3000 mit Strychnin

sofort einen gelben, in kalter Salzsäure nicht löslichen Niederschlag,

mit Nikotin einen fast weissen, in Salzsäure löslichen Niederschlag,

mit Morphin und Kolchizin anfangs eine geringe Trübung, nach 24 Stunden

einen kristallinischen Niederschlag, mit Koniin, Digitalin, Solanin,

Atropin, Eserin, Veratrin, Akonitin keinen Niederschlag), +Goldchlorid+

(meist gelbliche oder weisse Niederschläge), +Phosphormolybdänsäure+

(aus molybdänsaurem Ammoniak in saurer Lösung durch Mischen mit

einer salpetersauren Lösung von phosphorsaurem Natron dargestellt

und den sauren Lösungen der Alkaloide tropfenweise zugefügt,

gibt amorphe weissgelbliche Niederschläge), +Metawolframsäure+,

+Phosphorantimonsäure+, +Formalinschwefelsäure+, +Sublimat+,

+Kalium bichromicum+, +Kalium permanganicum+, +Kaliumplatinzyanür+,

+Kaliumsilberzyanid+, +Kaliumkadmiumjodid+, +Kaliumwismutjodid+,

+Kaliumquecksilberjodid+, +Chlorjod+, +Brombromkalium+,

+Natriumsulfantimoniat+ etc.

Weiter geben viele Alkaloide mit gewissen Reagentien eigentümliche

+Färbungen+. Die wichtigsten dieser Farbenreaktionen, +welche

übrigens im allgemeinen für den Nachweis der Alkaloide wenig

beweiskräftig sind+, weil sie häufig mehreren Alkaloiden gleichzeitig

zukommen, sind folgende: +Schwefelsäure+ mit Zusatz von +Kalium

bichromicum+ zur schwefelsauren Lösung des Alkaloids färbt +Strychnin

violettblau+, +rot+ und +grün+. +Reine konzentrierte Schwefelsäure+

färbt +Veratrin+ anfangs grüngelb, später blutrot, nach einer halben

Stunde prachtvoll +karminrot+; Strychnin, Koffeïn, Chinin, Morphin,

Atropin, Akonitin bleiben ungefärbt. +Rauchende Salpetersäure+ färbt

+Pilokarpin+ blassgrün. +Ammoniak+ färbt +Eserin+ beim Eindampfen

im Wasserbade blau oder blaugrau. +Schwefelsäure+ mit Zusatz von

salpetersaurem +Wismut+ färbt +Morphium+ dunkelbraun. +Konzentrierte

Schwefelsäure mit molybdänsaurem Natron+ (0,01 pro cm) = +Fröhdes

Reagens+ löst Morphin sogleich prachtvoll violett; die Farbe wird

später grün, braungrün und gelb. Auch die +spektroskopische+

Untersuchung benützt man zuweilen zum Nachweis von Alkaloiden und

anderen Giften; das keine spezifische Farbenreaktion besitzende

+Akonitin+ zeigt im ultravioletten Teil des Sonnenspektrums

charakteristische Absorptionsstreifen.

II. Die Stas-Ottosche Abscheidungsmethode der Alkaloide.

Lehrbuch der Toxikologie für Tierärzte · 第 3 / 50 段