hauptsächlich den Verlauf und die Dauer einer Vergiftung; je
rascher das Gift den Körper wieder verlässt, um so kürzer ist auch
die Krankheitsdauer und umgekehrt. Langsam, erst etwa im Verlauf
einer Woche ausgeschieden werden z. B. die Glykoside der Digitalis
(Digitoxin) und das Strychnin, weshalb die Nachwirkung bei beiden
Giften ziemlich lang ist (kumulative Wirkung bei wiederholter
Einverleibung). Ausserdem sind durch eine sehr verlangsamte, Wochen
und Monate dauernde Ausscheidung die Salze der schweren Metalle
(Blei, Quecksilber, Kupfer, Arsen) charakterisiert, indem dieselben
organische Verbindungen mit dem Eiweiss der Körperzellen eingehen
(sog. Organdepositorien). Dieser Umstand erklärt auch die Tatsache,
dass chronische Vergiftungen am häufigsten Metallvergiftungen sind.
Am schnellsten werden die Chlor-, Brom- und Jodverbindungen der
Alkalien ausgeschieden (Chlornatrium, Bromkalium, Jodkalium); die
Hauptmenge derselben verlässt den Körper durch den Harn innerhalb 24
Stunden. Die Ausscheidung der Gifte aus der Blutbahn geschieht durch
die Nieren, die Leber, die Speicheldrüsen, die Pankreasdrüse, die
Milchdrüse, die Darmdrüsen, Schweissdrüsen, Talgdrüsen, Schleimdrüsen
und die Lunge. Die meisten Gifte werden durch den Harn ausgeschieden.
Die Schwermetalle und das Strychnin werden dagegen in der Hauptsache
durch die Leber (Galle), das Morphium durch den Magen eliminiert. --
Auch durch die Verlangsamung oder Beschleunigung der +Resorption+
kann die Wirkung der Gifte beeinflusst werden. So tritt z. B. bei der
Kolchikumvergiftung die Wirkung des Giftes später ein, als bei anderen
Intoxikationen, weil das Kolchizin ein sehr schwer resorbierbares
Alkaloid ist.
6. Die =Tiergattung=. Eine Reihe von Giften wird in ihrer Wirkung
wesentlich modifiziert durch die Tiergattung. Zunächst zeigen im
Vergleich zum +Menschen+ die Haustiere mehreren Giften gegenüber ein
ganz verschiedenes Verhalten. Während für den Menschen wegen seines
hoch entwickelten Gehirns und Nervensystems viele Nervenmittel,
namentlich die Alkaloide Morphium, Atropin, Hyoszin und Koniin sehr
starke Gifte sind, erweist sich deren Giftigkeit bei den Tieren als
eine ganz erheblich schwächere. Beispielsweise ertragen Hunde und
Pferde pro Kilogramm Körpergewicht 10mal mehr, Tauben 500mal mehr
und Frösche sogar 1000mal mehr Morphium als der Mensch. Während beim
Menschen schon 5 mg Atropin eine schwere Vergiftung bedingen können,
bleiben Hunde und Kaninchen nach Dosen von 500 mg, also nach der
hundertfachen Dosis, am Leben.
Unter den einzelnen Tiergattungen selbst machen sich ebenfalls
bedeutende Unterschiede im Verhalten gewissen Giften gegenüber geltend.
So sind für Pflanzenfresser, besonders aber für die +Wiederkäuer+
(Rind, Schaf und Ziege) die +Metallsalze+ viel stärkere Gifte,
als für die Fleischfresser und Omnivoren (Hund, Katze, Schwein).
Wahrscheinlich ist die Erklärung dieser Tatsache in dem Umstande zu
suchen, dass bei der eigentümlichen Einrichtung des Verdauungsapparates
der Pflanzenfresser, namentlich der Wiederkäuer, die eingeführten
Metallgifte viel längere Zeit (mehrere Wochen) im Magendarmkanal
verbleiben und daher ausgiebiger zur Resorption gelangen als bei den
Fleischfressern, bei welchen der Inhalt des Verdauungsschlauches nur
etwa einen Tag in demselben verweilt. So ist z. B. die tödliche Dosis
des Kalomels für das Rind nicht wesentlich höher als für das Schwein
(10 g), Ochsen sterben nach der Einreibung einer Gewichtsmenge grauer
Salbe, welche von Hunden ohne Schaden ertragen wird (30 g). Ebenso
empfindlich wie gegen Quecksilber sind die Wiederkäuer gegen Blei.
Während die tödliche Dosis des Bleizuckers für das Pferd zwischen 500
und 700 g beträgt, sind für ein gleich schweres Rind zuweilen schon
50 g tödlich. Aehnliches beobachtet man bezüglich der Kupfersalze.
Umgekehrt sind die Wiederkäuer viel weniger empfindlich bezw. bis
zu einem gewissen Grade unempfindlich gegenüber der stomachikalen
Einverleibung der +Digitalisblätter+, weil die Digitalisglykoside in
den Vormägen zersetzt und unwirksam gemacht werden (bei intravenöser
Einverleibung besteht kein Unterschied!). Während z. B. Pferde nach
der innerlichen Verabreichung einer einmaligen Dosis von 25-30 g
getrockneter Digitalisblätter an Digitalisvergiftung sterben, ertragen
Kühe diese Dosis 4 Tage hintereinander, zusammen also 120 g Folia
Digitalis, ohne überhaupt darauf zu reagieren (20 g Digitalisblätter
im Infus intravenös eingespritzt wirken dagegen auch beim Rind
tödlich). Weitere Beispiele sind das ausserordentlich verschiedene
Verhalten der einzelnen Tiergattungen gegenüber dem +Chloroform+,
welches namentlich für die Wiederkäuer ein gefährliches Narkotikum
bildet, die starke Giftigkeit des Krotonöls und Brechweinsteins
für Pferde im Gegensatz zum Hund, die grosse Empfindlichkeit der
Katzen gegenüber der Karbolsäure und ihre geringe Empfindlichkeit
gegenüber dem Apomorphin, von welchem sie als Emetikum eine 10mal
grössere Dosis bedürfen, als grosse Hunde (während beim Schwein gar
kein Erbrechen dadurch hervorgebracht werden kann); die relativ
geringe Empfindlichkeit der Kaninchen gegen Belladonna und der Hühner
gegenüber der Brechnuss; die Empfindlichkeit der Vögel gegen Aether;
die Unempfindlichkeit des Igels gegen Kanthariden, Giftschlangen und
Giftpflanzen, der Frösche gegen Kurare, sowie der Insekten gegen
Muskarin, Kohlenoxyd und andere Gifte.
7. Die =Grösse= und das =Alter= der =Tiere=. Im allgemeinen ist die
Giftwirkung einer und derselben Dosis um so schwächer, je grösser die
betreffenden Tiere sind. Setzt man die grösseren Haustiere, Pferd und
Rind = 1-2, so ergeben sich als entsprechende Verhältniszahlen für
Schafe, Ziegen und für Schweine = ½-⅕, für Hunde (und Menschen) =
1/10, für Katzen und Geflügel = 1/20. Ebenso nimmt im allgemeinen mit
dem Alter die Widerstandsfähigkeit gegen Gifte zu, das höchste Alter
ausgeschlossen. Ist z. B. die tödliche Dosis eines Giftes für ein
ausgewachsenes 6jähriges Pferd = 1, so beträgt sie für ein einjähriges
= ½, für ein halbjähriges = ¼, für ein vierteljähriges = ⅛, für ein
einen Monat altes = 1/16 usw. Ausnahmen kommen auch von dieser Regel
vor; so ertragen junge Hunde grössere Kalomeldosen als erwachsene.
Junge Hunde (Säuglinge) sind jedoch dem Santonin gegenüber 100mal
empfindlicher als erwachsene Hunde.
8. Von sonstigen, die Giftwirkung beeinflussenden Momenten sind zu
erwähnen das =Geschlecht= (Kühe ertragen häufig grössere Giftdosen als
Ochsen, weil durch die Milch das Gift zum Teil aus dem Körper entfernt
wird; vergl. die Schlempevergiftung), die =Konstitution= (kräftige,
schwache) sowie eine bei manchen Tieren vorhandene +individuelle
Empfindlichkeit+ oder =Idiosynkrasie=. Die letztere besteht darin,
dass manche Individuen gegen gewisse (giftige oder ungiftige) Stoffe
auffallend überempfindlich sind, wie z. B. einzelne Pferde und Rinder
gegen Chloroform, Morphium, Eserin, Arekolin und Pilokarpin oder
manche Hunde gegen Kalomel, Filixextrakt und Arekanuss.
Eine +Angewöhnung+ an Gifte als modifizierender Faktor der Giftwirkung,
wie sie beim Menschen beobachtet wird (Morphium, Alkohol, Nikotin,
Koffein, Kokain, Chloralhydrat, Arsenik, Rizinusöl) kommt bei den
Haustieren seltener vor (Arsenik, Santonin, Morphin, Rizin). Das
Zustandekommen der Angewöhnung ist dunkel (gesteigerte Fähigkeit
der Zersetzung? Bildung von Antikörpern? Zelluläre Immunität?).
Manche Tiere scheinen ferner gewissen Giften gegenüber, ähnlich
wie bei Seuchen, eine individuelle +Immunität+ zu besitzen (Rade,
Schimmelpilze, Rostpilze, Brandpilze, Saponinsubstanzen).
Die +kumulative+ Wirkung einzelner Gifte (Strychnin, Digitalis), d. h.
die Tatsache der Summierung der Effekte mehrerer Einzeldosen erklärt
sich teils aus der langsamen Ausscheidung dieser Gifte aus dem Körper,
teils aus dem langsamen Abklingen der Wirkung der einzelnen Dosen.
=Die Gewöhnung an Gifte.= Höhere Organismen (Menschen, Tiere) können
sich ebenso an einzelne Gifte gewöhnen („giftfest“ oder „immun“
werden), wie niedrige, einzellige Organismen (Hefe, Bakterien,
Protozoen). Von der +Hefe+ ist bekannt, dass sie sich besonders an
Flusssäure und Fluoride, ausserdem an Formaldehyd, Kupfersalze und
Alkohol gewöhnt. Das sog. Effrontsche Flusssäureverfahren steigert
sogar die Gärkraft der Hefe aufs zehnfache und hält andere schädliche
Bakterien ab; dabei beruht die Gewöhnung an das Fluor auf der
Umwandlung des in die Zellen eindringenden löslichen Fluorammoniums
in unlösliches Fluorkalzium. +Bakterien+ gewöhnen sich an Borsäure,
Karbolsäure, Sublimat, Arsenik, Lithiumsalze usw. Pathogene Bakterien
werden sogar widerstandsfähiger durch Sublimat, Milzbrandbazillen
passen sich an Arseniklösungen an. Dasselbe gilt für +Schimmelpilze+,
namentlich für Penicillium glaucum, welche sich überhaupt leicht
an Metallsalze (Kupfer, Quecksilber, Nickel, Kobalt), ausserdem
an Chinin, Morphin, Kokain, Atropin, Alkohol, Pyrogallussäure
usw. gewöhnen. Unter den +Protozoen+ gewöhnen sich namentlich
die +Trypanosomen+ bald an Arsenpräparate, speziell an Atoxyl
(atoxylfeste Stämme), ferner an Fuchsin, Trypanrot und Trypanblau;
andere Protozoen gewöhnen sich an Chinin, Sublimat und konzentrierte
Kochsalzlösungen.
Von den höhern Organismen gewöhnen sich +Menschen+ im allgemeinen
leichter und häufiger an Gifte als +Tiere+. Diese Gewöhnungen stellen
indessen zum Teil chronische Vergiftungen dar, indem sie mehr oder
weniger erhebliche Störungen des Allgemeinbefindens bedingen. Am
bekanntesten ist die Gewöhnung an das +Morphium+. Während jedoch
der Mensch sich an die 25fache Dosis gewöhnen kann, liessen sich
Versuchshunde nur an die 3fache tödliche Menge gewöhnen (Faust,
Arch. f. exp. Path. 1900); die Ursache der Gewöhnung scheint
auf einer Zerstörung oder Zersetzung des Morphins durch die an
dieses Gift gewöhnten Individuen zu beruhen. Die beim Menschen
so häufige Gewöhnung an +Alkohol+ ist bei Tieren, speziell bei
Hunden, Schweinen und Kaninchen bisher nicht gelungen (negative
Versuche von Dahlström, Strassmann, Dujardin-Beaumé u. a.). Dagegen
gewöhnen sich Menschen und Tiere an +Arsenik+. Aehnlich wie bei den
steiermärkischen Arsenikessern liessen sich Hunde an grosse Dosen
Arsenik, bis zu 0,4 g pro Kilo, gewöhnen, jedoch nur bei innerlicher
Verabreichung; bei subkutaner Injektion waren die arsenikfesten
Hunde ebenso empfindlich gegen das Gift wie die an Arsenik nicht
gewöhnten (Hausmann, Cloëtta). Ueber die Gewöhnung an +Rizin+
(„Rizinfestigkeit“) vergleiche das Kapitel Rizinusvergiftung. --
Genaueres über die Gewöhnung an Gifte findet sich bei +Hausmann+,
Ergebnisse der Physiologie, VI. Jahrgang, 1907.
Allgemeines über Wirkungsweise und Schicksale der Gifte im Tierkörper.
Man unterscheidet herkömmlicherweise zwischen örtlicher Giftwirkung
und Fernwirkung der Gifte. Die +örtliche+ Giftwirkung besteht in
Rötung, Schwellung, Entzündung, Verätzung, Anästhesierung der Haut,
Schleimhäute und Wunden. Eine grössere Anzahl von Giften besitzt
nur eine solche Lokalwirkung, so namentlich die einfachen Akria
und die Aetzmittel. Die reizende Wirkung der Akria wird durch die
Einwirkung auf die Nerven und Gefässe (Hyperämie, Entzündung,
Blasen-, Pustel-, Eiterbildung), die Aetzwirkung durch Ertötung
der Gewebe bedingt (Eiweissgerinnung durch Säuren und Metallsalze,
Auflösung des organisierten Eiweisses durch Laugen, Wasserentziehung
durch gebrannten Kalk und Schwefelsäure, Wasserstoffentziehung
durch Chlor). Dabei wird der Unterschied zwischen der reizenden
und ätzenden Wirkung häufig nur durch die Konzentration der Lösung
bedingt, indem bei gewissen Konzentrationsgraden keine Nekrose mehr
entsteht, sondern eine reparable entzündliche Reaktion. Auch im
bakterienfreien, sterilisierten Zustand erzeugen die Akria, unter
die Haut gespritzt, Eiterung ohne Mitbeteiligung von Eiterbakterien
(Versuche mit Krotonöl). Die +Fernwirkung+ der Gifte wird nicht durch
die Nervenleitung, sondern durch das Blut vermittelt, durch welches
dieselben in die einzelnen Körperorgane übergeführt werden. Danach
beginnt die Fernwirkung (Allgemeinwirkung) mit dem Uebergang der
Gifte ins Blut. Sie besteht in einer Einwirkung der Gifte auf die
Parenchymzellen der einzelnen Organe, also der Ganglienzellen des
Gehirns, der sezernierenden Leber-, Nieren-, Drüsenzellen, und kann
daher in gewisser Beziehung ebenfalls als Lokalwirkung aufgefasst
werden.
Die +elementare Giftwirkung+, d. h. die Reaktion zwischen
chemischem Stoff und lebendem Protoplasma besteht entweder in einer
gegenseitigen chemischen Bindung mit Schädigung und Zerstörung des
Protoplasmas oder im osmotischen Eindringen des Giftes in die Zellen
ohne chemische Veränderung der letzteren. Das schnelle Eindringen
mancher chemisch indifferenter Stoffe (Alkohol, Aether) in das
Protoplasma wird auf das Vorhandensein fettähnlicher Bestandteile
(Lipoide) im Protoplasma zurückgeführt, welche die Aufnahmefähigkeit
der Zellen für Alkohol etc. bedingen (Overton). Dabei verhalten
sich die verschiedenen Arten von Protoplasma gegen ein und dasselbe
chemische Agens verschieden (+spezifische Affinitäten+). Das
Strychnin z. B. besitzt eine spezifische Affinität zum Rückenmark,
das Morphium und Atropin zum Gehirn, das Kohlenoxyd zum Hämoglobin.
Die Giftreaktion äussert sich dabei entweder in einer Steigerung oder
in einer Verminderung der Zellfunktion.
Die +Resorption+ der Gifte ins Blut kann vom Darmkanal, von der
Haut und von der Lunge aus folgen. Die Resorption im +Darmkanal+
geschieht teils aktiv durch die intra- und interepitheliale
Resorption und durch die Leukozyten (lipoidunlösliche Stoffe:
Salze, Metalle, Proteine), teils durch passives Passieren der
Epithelien (lipoidlösliche Stoffe: Alkohol usw.). Von der entzündlich
veränderten, also beschädigten Darmschleimhaut aus erfolgt die
Resorption besonders schnell (Giftigkeit des sonst unschädlichen
Saponins und Wismuts, Giftwirkung normaler Brechweinsteindosen bei
gleichzeitiger Verabreichung von Aloe). Die unverletzte +Haut+
besitzt ein sehr geringes Resorptionsvermögen für Gifte, indem das
Fett der Talgdrüsen und die verhornten Epidermiszellen wässerige
Lösungen abhalten (nach Beseitigung des Fetts durch Aetherwaschung
findet eine geringe Resorption wasserlöslicher Stoffe statt). Die
bisher angenommene Durchlässigkeit der intakten Haut für Gase wird
neuerdings bestritten (die Haut der einzelnen Versuchstiere scheint
sich verschieden zu verhalten). Eine sehr intensive Resorption
findet dagegen nach Entfernung der Epidermis statt. In der +Lunge+
werden Gase und Dämpfe durch die feuchten Alveolarepithelien und die
Gefässendothelien rasch resorbiert (Chloroform). Nach der Aufnahme
der Gifte ins +Blut+ erfolgt sofort die innere Absorption von seiten
der Gewebe (ein wenige Minuten danach vorgenommener Aderlass vermag
die tödliche Vergiftung wegen der bereits erfolgten Fixierung des
Giftes in den Geweben nicht mehr aufzuhalten).
Die Schicksale, d. h. die +chemischen Veränderungen+, welche die Gifte
im allgemeinen bei ihrer Wanderung durch den Tierkörper erfahren, sind
sehr mannigfaltiger Art. Nur wenige derselben passieren den Körper
in unverändertem Zustande (Kochsalz, Glaubersalz). Zum grossen Teil
beruht die toxische Wirkung eben auf diesen chemischen Umsetzungen. Im
Nachstehenden sind die wichtigsten derselben kurz zusammengestellt.
1. +Veränderungen der Gifte im Digestionsapparate.+ Bei einzelnen
giftigen Glykosiden findet bereits in der Mundhöhle unter der
Einwirkung des +Speichels+ eine Zersetzung statt (Amygdalin).
Wichtiger sind die im +Magen+ durch die Einwirkung des Magensaftes
und des Mageninhaltes bedingten Umsetzungen. Die Salzsäure des Magens
macht z. B. die im Zyankalium enthaltene Blausäure frei nach der
Formel: CNK + ClH = CNH + ClK; sie verwandelt ferner manche an sich
unlösliche Metalle (Blei) zu löslichen Chloriden (Chlorblei). Aehnlich
wirkt die im Magen vorhandene Milchsäure. Der Mageninhalt wirkt
teils durch seine Menge, teils durch einzelne seiner Bestandteile
modifizierend auf die Gifte ein. In ersterer Beziehung gilt der
schon erwähnte Satz, +dass die meisten Gifte bei vollem Magen (und
daher namentlich bei den Wiederkäuern) weniger stark wirken, als
bei leerem oder wenig gefülltem+. Die Erklärung hierfür ist in der
starken Verdünnung, verminderten oder verlangsamten Resorption, sowie
in der teilweisen Zersetzung der Gifte durch den Mageninhalt (z. B.
des Brechweinsteins durch das in vielen Futterpflanzen enthaltene
Tannin) zu suchen. Von den Bestandteilen des Mageninhalts befördern
die Albuminate die Resorption vieler Metalle (Quecksilber, Blei,
Zink, Kupfer, Chrom), indem sie dieselben in Metallalbuminate
überführen. Auch der Kochsalzgehalt des Mageninhaltes kommt in
Betracht, indem z. B. Sublimat sich in die leichter resorbierbare
Sublimat-Chlornatriumverbindung umwandelt. Im +Darmkanal+ bedingen
der alkalische Pankreassaft und die Galle, sowie die im Dickdarm
eintretenden Fäulnisprozesse (Entwicklung von Wasserstoff in Statu
nascente) verschiedenartige chemische Umsetzungen. So wird unter
der Einwirkung des alkalisch reagierenden Dünndarmsaftes die schwer
lösliche arsenige Säure (Arsenik, As_{2}O_{3}) zu leicht resorbierbarem
arsenigsaurem Kali (AsK_{3}O_{3}) umgesetzt; das unlösliche und daher
an sich wenig giftige Santonin verwandelt sich in leicht lösliches
santoninsaures Natrium und Kalium. Die Galle befördert die Löslichkeit
giftiger Oele und Harze, indem sie dieselben verseift (Krotonöl,
Rizinusöl, Aloe, Jalapen). Der im Dickdarm gebildete Wasserstoff führt
den Schwefel in Schwefelwasserstoff, den Phosphor und Arsenik in
Phosphor- und Arsenwasserstoff über. Endlich findet bei vorhandenem
Fettgehalt der Nahrung im Darmkanal eine Auflösung mancher Gifte durch
das Fett und infolgedessen leichtere Resorption derselben statt;
hierher gehören namentlich der Phosphor und das in den Kanthariden
enthaltene Kantharidin.
2. +Veränderung der Gifte im Blute und in den Geweben.+ Beim Uebergang
der Gifte ins Blut finden die wichtigsten Veränderungen der Gifte
statt. Es sind zunächst einfache +chemische Bindungen+, welche
manche Gifte eingehen; so verbindet sich die Oxalsäure in den Nieren
mit Kalk zu oxalsaurem Kalk, der Arsenik mit Kalium oder Natrium zu
arsenigsaurem Kalium und Natrium, das Chlor, Brom und Jod ebenfalls mit
diesen Alkalien zu Chlorkalium, Bromkalium, Jodkalium; das Kohlenoxyd
verbindet sich mit dem Hämoglobin. Von +Synthesen+ sind zu erwähnen
die namentlich in der Niere vor sich gehenden Aetherschwefelsäure-,
Glykuronsäure- und Uraminosäure-Synthesen. Hierher gehört die Bildung
von Sulfonverbindungen (Umwandlung der Karbolsäure und der Kresole
zu phenolsulfonsaurem und kresolsulfonsaurem Kali), von gepaarten
Glykuronsäuren (Umwandlung des Chloralhydrats in Urochloralsäure, des
Kampfers in Kamphoglykuronsäure), sowie von Uraminosäureverbindungen
(Umwandlung der Salizylsäure in Salizylursäure, der Benzoesäure in
Hippursäure). Sehr zahlreich sind ferner +Oxydationen+ der Gifte
im Blut und in den Geweben. So wird Phosphor zu Phosphorsäure,
Schwefel zu Schwefelsäure, Blei zu Bleioxyd, Alkohol, Aldehyd und
Essigsäure zu Kohlensäure und Wasser, Benzol zu Phenol, Naphthalin
zu Naphthol, Karbolsäure zu Brenzkatechin und Hydrochinon oxydiert.
Daneben kommen unter der Einwirkung der Muskel- und Drüsentätigkeit
im Körper +Reduktionen+ vor. Namentlich alle an Sauerstoff sehr
reichen Salze (chlorsaures Kali, Nitrate, Chromsäure) werden zu
niedrigen Oxydationsstufen reduziert. Desgleichen beobachtet man
bei einer grösseren Anzahl von Giften im Blute sowie in den Muskeln
und in der Leber +Spaltungen+ und Zersetzungen. Dieselben betreffen
hauptsächlich die Alkaloide und Glykoside (Eserin, Pilokarpin,
Morphium, Koffein, Amygdalin). Endlich findet man bei einer nicht
geringen Anzahl von Giften +Assimilationen+ von seiten des Tierkörpers.
So ist es beispielsweise bekannt, dass im Knochen die Phosphorsäure
(phosphorsaurer Kalk) durch arsenige Säure (arsenigsaurer Kalk) ersetzt
werden kann. Hierher gehört auch die +Ablagerung+ (Deposition) der
Metalle in verschiedenen inneren Organen, namentlich des Quecksilbers
in der Leber (Organdepositorium), wo sie in Form von Metallalbuminaten
gewissermassen assimiliert werden (Bindung an die Nukleoalbumine und
Nukleine).
3. +Verhalten der Gifte bei der Ausscheidung aus dem Körper.+ Die
wichtigsten Ausscheidungsorgane des Körpers sind die +Nieren+ und
die +Leber+. Durch die +Nieren+ werden namentlich die Salze der
Halogene (Jodkalium, Bromkalium) in so kurzer Zeit aus dem Körper
ausgeschieden, dass die Hauptmenge innerhalb 24 Stunden mit dem Harn
aus dem Körper entfernt wird. Viel langsamer werden die Salze der
Schwermetalle durch die Nieren ausgeschieden (Wochen, Monate). Wegen
ihrer Beteiligung an der Ausscheidung der Gifte sind die Nieren und
die Leber bei sehr vielen Vergiftungen in erster Linie gefährdet,
wie die schweren Nierenaffektionen bei Kanthariden-, Terpentinöl-,
Kolchikum-, Quecksilbervergiftung, sowie die krankhaften Entartungen
der Leberzellen bei Phosphor- und Arsenikvergiftung beweisen. Für die
gasförmigen und flüchtigen Gifte (Chloroform, Alkohol, Kohlenoxyd,
Grubengas) sind die +Lungen+ das Hauptausscheidungsorgan. Neben
diesen Drüsen wirken jedoch noch andere, nicht minder wichtige, bei
der Ausscheidung der Gifte mit. Es sind namentlich die +Magen-+
und +Darmdrüsen+ zu erwähnen. Dieselben besitzen speziell für die
Eliminierung des Morphiums (Magen), Phosphors, Arseniks, Quecksilbers,
überhaupt der Schwermetalle eine viel grössere Bedeutung als die
Nieren und erkranken deshalb sehr häufig im Verlauf der Vergiftung
(sog. Gastro-Enteritis glandularis oder Adenitis parenchymatosa).
Weiter beteiligen sich an der Ausscheidung von Giften die +Talg-+
und +Schweissdrüsen+ der Haut, welche ebenfalls bei dieser
Tätigkeit schwere Beschädigungen erleiden können (Hautexantheme
bei Merkurialismus, Bromvergiftung, Jodvergiftung, Schlempemauke),
die +Speicheldrüsen+ (Salivation bei Quecksilbervergiftung), die
+Schleimdrüsen+ der Respirationsschleimhaut (Bronchitis, Laryngitis,
Rhinitis bei Quecksilber- und Jodvergiftung), die +Tränendrüse+
und, was namentlich für das Rind von grosser Bedeutung ist, die
+Milchdrüse+. Die gesteigerte Funktion dieser letzteren Drüse bedingt
es, dass Milchkühe manchen Vergiftungen gegenüber widerstandsfähiger
sind als andere Tiere (Schlempemauke), weil durch die Milch das
eingedrungene Gift rasch und in reichlicher Menge aus dem Körper
entfernt wird. Auf der anderen Seite können die milchsezernierenden
Drüsenzellen durch manche Gifte (Phosphor, Jod) so stark bei der
Ausscheidung derselben betroffen werden, dass eine Atrophie der
Milchdrüsen mit dauerndem Versiegen der Milch die Folge ist.