Aber Mabuse sagte nur ein Wort dagegen: »Nein!«

»Herr Doktor,« flehte Spoerri, »in der Schweiz können Sie nicht bleiben.

Die Münchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekündigt. Wir kämen

nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurück!«

»Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts

Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine

früheren Befehle an die Beseitigungskommission zurück.«

»Merkwürdige Freundschaften schließt der Herr Doktor, hihihi!« lachte

Spoerri.

»Ruhig! Unter meiner Garantie!« befahl Mabuse, und sie fuhren durch die

flache Ebene zu dem Bauernhaus.

Die Gräfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der österreichischen

Grenze zu. »Was für Passierscheine haben Sie für uns?« fragte Mabuse.

»Schweizerische! Nehmen Sie bitte!«

Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter

Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getäuscht, aber nie klüger

wurde.

Um drei Uhr fuhr das Auto über die Landstraße Bregenz-Kempten nach

Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach

München gemeldet worden war, daß es vorbeigerast sei, und fuhr aufs

Württembergische zu.

Die Reisenden übernachteten in einem Städtchen südlich von Stuttgart.

Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: »Für

mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den

Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine

Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Gräfin und ich bleiben

morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen

Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht

einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei

kontrolliert, muß er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Buße zu

zahlen. Haben Sie Kognak da?«

Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei

Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. »Natürlich haben Sie Kognak

da!« sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte.

Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte.

Spoerri mußte sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gießen.

Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch,

der ihn am Hals faßte und unter das Wasser drückte ... als gäbe man ihm

einen Mühlstein als Schwimmgürtel.

Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, daß es nicht ging.

»Haben Sie nicht mehr?«

»Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit über die Grenze zu nehmen!«

Da lachte Mabuse.

»Glänzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen

Kokain, drei Freudenhäuser voll Mädchen über die Grenze gebracht, aber

beim Kognak reicht sein Mut nicht über drei Flaschen hinaus. Leeren Sie

Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?«

Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie

zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurück, das die Gräfin neben

dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem

heißgelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen

Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen.

Er trat zur Gräfin ans Bett. »Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast

ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!«

»Ja!« sagte sie kleinlaut.

Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem

Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die

Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand

zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in

ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das

Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören

und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.

Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und

erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem

sie anheimgegeben war -- -- -- unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise

betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der

Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den

Tod.

Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den

er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er

hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück.

Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die

seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den

Wald.

Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden

Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr

Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht

hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren

Tränen sich in das Nichts zu erlösen.

* * * * *

Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach

Berlin.

Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die

Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und

benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung

wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte

ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn

herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.

Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem

bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war:

von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es

unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land

aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen

Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer

Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die

Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine

Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen

verlangte.

Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in

Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre

Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er

hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre

Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war

wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber

zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang

entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller

menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An

diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem

Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...

Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik

bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören

konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen

Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde

verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf

ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn

zum Kaiser krönen.

Aber er wäre wie abgestandenes Wasser für den Rest seines Lebens

verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht

und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstört hätte. Sein

eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder

Nichtsein.

Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk.

Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plänen gegen ihn, konnte

er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurückdämmen, und er sagte der

Gräfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen würden:

»Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er

wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!«

Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war

seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit

sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dämonischer aufgerührt

als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen.

Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring,

unaufhaltsam ...

* * * * *

Wenk saß in München.

Georg hatte man dorthin ins Gefängnis geliefert. Er spielte den

Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm

gehört. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus

Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in

die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen.

Keiner zögerte einen Augenblick, ihn zu erkennen.

Er blieb stumm.

Eines Tages fand man ihn an seinen Hosenträgern erhängt. Er hatte ein

Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das ein General Napoleons nach

der verlorenen Schlacht von Waterloo berühmt gemacht hatte.

Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur

einige Beweise, daß Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub

gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mächtigem Stil weiter

vervielfältigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behörden, da

man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie

wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zürich. Dann

und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren

so streng geschult, daß keiner ein Wort des Verrats über die Lippen

brachte.

Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, daß dort ein Spieler arbeitete,

dessen Ähnlichkeit mit Mabuse so groß war, daß er sofort hinreiste. Aber

als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spüren.

Drei Tage später wurde Wenk aus Köln, dann aus Düsseldorf, darauf aus

Essen und schließlich aus Hannover alarmiert.

Wenk war immer unterwegs. Es bestand für ihn kein Zweifel, daß es Mabuse

war, der so vor ihm davonwich. Er mußte Aufpasser in München haben, die

Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk ließ keine Vorsicht außer acht.

Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Züge,

Autos, Flugzeuge für jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der

Verdacht sich nicht mehr abweisen ließ, daß Mabuse unter Wenks eigenen

Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte

seinen Chauffeur, seine Haushälterin, änderte Fernsprechnummer und

Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswärts.

Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war

dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage später in der

Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des

Räubers schon zu einer Sage aus.

Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dämonie des

tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die

Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort.

Die Polizei schritt in allen Städten gleich zu Massenverhaftungen. Aber

sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige

dabei, um den man alle Verbrecher sämtlicher Gefängnisse hätte laufen

lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf -- die Geographie!

Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu.

Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub aus Bayern und setzte

sich mit den preußischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als

Spezialisten nach Berlin holten.

Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus

dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde später seine Wohnung.

Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache

gewünscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie

verlassen. In allen den Städten, in denen Wenk seiner Spur nachging,

waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm

unterrichtet und abgesandt. München war zu klein für das, was Mabuse

vorhatte. Die Abgründe Berlins waren das sichere Jagdgebiet.

Die Jagd begann schon am zweiten Tag.

* * * * *

Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner

Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten

sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen

zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den

Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen,

war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten.

Abends, nachdem Wenk in der »Traube« zu Nacht gegessen hatte, ging er in

ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die

Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer

Haustür, entfernt von der Laterne. »Bitte!« sagte der Mann.

»Was wollen Sie?« fragte Wenk unwillig zurück.

»Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?«

Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam

dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn.

Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit

diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus

dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich

aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause.

Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der »Traube« durch die

Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und

her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat

ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: »Wünschen Sie

Nackttänze zu sehen?«

Wenk blieb stehen. Er sagte: »Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein

Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal

mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!«

»Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix

hinterher vonwejen die Polizei!«

Wenk versprach es zu tun.

Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und

ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch

einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten

Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn

nicht fand. Er schaute dann spähend rundum.

Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und

vorwurfsvoll: »Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von

die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!«

Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür

öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß

sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur

beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen

kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß.

Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz.

Der Mann war verschwunden.

Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit,

in der es geschah.

Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: »Also

mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr

Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die

Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!«

Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: »Das weißt du ja nicht,

ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche

Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen

sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...«

Wenk horchte gespannt zu.

Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch.

Man nannte sich Beruf, dann Namen.

Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet

hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter.

Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis.

Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die

heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand

genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter

werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten.

Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich

vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine

Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei

gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule.

Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur

einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend.

»Wir haben,« nahm ihm der Budapester das Wort ab, »bei uns jüngst einen

ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante

und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr

weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose

als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir

ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich

nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen

Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also

ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf

deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im

Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht

nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das

ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor

die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus

Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht

schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn

hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich

ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte

hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von

seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete

ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von draußen!

Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den

Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten,

ihn in kurzem an den Strick zu liefern.«

Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen

starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht

erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte.

»Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete

Persönlichkeiten?« fragte der Polizeidirektor.

»Ungemein!« antwortete Wenk.

»Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von

seinen Gaben sehen?«

»Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!«

»Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine

Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen

Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!«

Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb

unterdrückten: »Gewiß!«

»Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil

er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also

abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?«

Wenk nannte seine Nummer.

Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und

Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere

Laster gepflogen wurden.

Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. »Hier Polizeidirektor Vörös!

Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem

Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieber ^entre

nous^ etwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es

genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen

betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus.

Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind

mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles

Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr

ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.«

»Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,«

antwortete Wenk zurück. »Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.«

»Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,« lachte die andere

Stimme zurück. »Also es ist abgemacht!«

»Abgemacht!«

Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand

sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie für den Kommissar

aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.

Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er

zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die

Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an

Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die

ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz

ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den

Gesellschaftsanzug anzulegen.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 45 / 58 题