»Herr Doktor,« flehte Spoerri, »in der Schweiz können Sie nicht bleiben.
Die Münchener Polizei hat Sie jetzt schon hier angekündigt. Wir kämen
nicht bis nach Toggenburg. Eher noch nach Deutschland zurück!«
»Etwas anderes will ich auch nicht! Spoerri, das Leben des Staatsanwalts
Wenk steht von heut ab unter meiner Garantie. Sie ziehen sofort meine
früheren Befehle an die Beseitigungskommission zurück.«
»Merkwürdige Freundschaften schließt der Herr Doktor, hihihi!« lachte
Spoerri.
»Ruhig! Unter meiner Garantie!« befahl Mabuse, und sie fuhren durch die
flache Ebene zu dem Bauernhaus.
Die Gräfin stieg gleich ein, und das Auto eilte der österreichischen
Grenze zu. »Was für Passierscheine haben Sie für uns?« fragte Mabuse.
»Schweizerische! Nehmen Sie bitte!«
Er reichte die beiden Heftchen, in denen eine Anzahl nachgemachter
Stempel ein Vertrauen erweckte, das stets getäuscht, aber nie klüger
wurde.
Um drei Uhr fuhr das Auto über die Landstraße Bregenz-Kempten nach
Bayern hinein. Fuhr an einem Haus vorbei, in dem in der Nacht nach
München gemeldet worden war, daß es vorbeigerast sei, und fuhr aufs
Württembergische zu.
Die Reisenden übernachteten in einem Städtchen südlich von Stuttgart.
Abends kam Mabuse nochmals zu Spoerri in dessen Zimmer und sagte: »Für
mich gibt es jetzt nur noch ein Ding in Deutschland, in Europa ... den
Staatsanwalt Wenk lebendig in die Hand zu bekommen. Lebendig wie eine
Fliege in einem Glas. Merken Sie sich das! Die Gräfin und ich bleiben
morgen hier. Sie fahren nach Stuttgart und kaufen um jeden Preis einen
Flugapparat mit zwei Sitzen. Wir sind hier sicher. Der Wirt hat nicht
einmal unsere Namen einschreiben lassen. Wenn also die Polizei
kontrolliert, muß er uns verschweigen, sonst bekommt er eine Buße zu
zahlen. Haben Sie Kognak da?«
Spoerri erschrak. Seine Marter kam wieder. Aber er hatte trotzdem drei
Flaschen mit aus der Schweiz geschmuggelt. »Natürlich haben Sie Kognak
da!« sagte Mabuse, bevor noch Spoerri antworten konnte.
Mabuse trank aus dem Reiseglas, das er stets in der Tasche hatte.
Spoerri mußte sich das Wasserglas vom Waschtisch voll gießen.
Mabuse sehnte sich nach einem Rausch, nach einem bleischweren Rausch,
der ihn am Hals faßte und unter das Wasser drückte ... als gäbe man ihm
einen Mühlstein als Schwimmgürtel.
Er sah, als er die zweite Flasche geleert hatte, daß es nicht ging.
»Haben Sie nicht mehr?«
»Es ist alles. Ich wagte nicht mehr mit über die Grenze zu nehmen!«
Da lachte Mabuse.
»Glänzend. Spoerri hat drei Eisenbahnwagen voll Salvarsan, zwei Wagen
Kokain, drei Freudenhäuser voll Mädchen über die Grenze gebracht, aber
beim Kognak reicht sein Mut nicht über drei Flaschen hinaus. Leeren Sie
Ihr Glas in das meine. Verdient er nicht genug am Kognak?«
Als die dritte Flasche leer war, begab sich Mabuse, klar im Kopf wie
zuvor, aber feuriger im Blut, zum Zimmer zurück, das die Gräfin neben
dem seinigen hatte. Er war verstimmt. Es war ihm wie einem
heißgelaufenen Motor. Alles verdampfte auf den in Glut geratenen
Zylindern, und sie waren nicht in Gang zu bringen.
Er trat zur Gräfin ans Bett. »Wir haben einen Vertrag zusammen. Du hast
ihn gebrochen. Du warst bereit, mich zu verraten!«
»Ja!« sagte sie kleinlaut.
Da überfiel den Mann eine mörderische Raserei. Er erfaßte sie aus dem
Bett, hob sie, wo er sie zu packen bekam, mit einem Ruck hoch in die
Luft über sich, als wollte er sie wie eine morsche Kiste an der Wand
zerschellen. Er haßte sie. Sie war die Fleischwerdung aller Schwächen in
ihm. Sein Willen war an ihr gebrochen zehn Minuten lang, als das
Wachtboot ihnen auf den Fersen war. Und jetzt konnte er sie zerstören
und den Kopf, der ihn verraten hatte, an der Wand einschlagen.
Die Frau, mit einem leisen Schrei, sah sich in der Luft hängen und
erkannte die Kraft der Arme und die Unbezwinglichkeit des Willens, dem
sie anheimgegeben war -- -- -- unentrinnbar! Sie wünschte den Tod. Leise
betete sie einen Satz aus dem Ave Maria, den sie behalten hatte aus der
Kinderzeit, und wußte, stürbe sie jetzt, so zöge sie den Mann mit in den
Tod.
Aber in Mabuse, da er so seine Macht über den Leib der Frau spürte, den
er hochgestemmt hielt, kühlte sich unvermittelt der rasende Anlauf. Er
hatte wieder den Anschluß an sein Leben, an seine Rettung und ihr Glück.
Er ließ sie nieder, fast sanft, und begrub sich in sie mit Taumeln, die
seine Adern durchklangen, wie die tausendjährige Eiche im Sturz den
Wald.
Die Gräfin blieb mit einer irren Enttäuschung im Leben zurück. Jeden
Flecken ihrer Haut fühlte sie erniedrigt, entweiht, verpestet. Und ihr
Gemüt floß aus wie ein Bach von Blut ... stundenlang ... die ganze Nacht
hindurch ... tränenlos, wo sie nur den einen Wunsch hatte, mit ihren
Tränen sich in das Nichts zu erlösen.
* * * * *
Am Morgen des nächsten Tages flog Mabuse mit ihr von Stuttgart nach
Berlin.
Dort lebte er, eingedeckt in die unentwirrbaren Schlüsse, die die
Millionenstadt und seine Bande, deren Instinkte er ausbildete und
benutzte, um ihn legten, nur dem einen Ziel entgegen. Eine Vorstellung
wuchs wie ein einsamer, machtvoller Baum aus seinem Blut und überragte
ihn. Ein Gedanke ließ ihn ununterbrochen in seinem eigenen Gehirn
herumkreiseln in taumeliger, alles verzehrender Schnelligkeit.
Dieser Gedanke, die Vorstellung, das Ziel bekamen ihr Blut von dem
bösesten und stärksten Trieb, der mit diesem Mann geboren worden war:
von der Herrschsucht! Es gab einen Menschen in der Welt, der es
unternommen hatte, seinen Wegen zu folgen, der ihn in seinem Land
aufgefunden und aus seiner Burg ausgestöbert hatte. Es gab einen
Menschen nur, der es gewagt hatte, sein Ziel zu stören, ihn zu einer
Flucht zu nötigen, die sein Leben in Gefahr gebracht hatte. Es war die
Schuld dieses Menschen, daß sich ganze Organisationen in seine
Rechtsprechung gegen die Menschen mischten, deren Entfernung sein Willen
verlangte.
Er hatte der ersten Frau, die ihn bis auf den Grund seines Wesens in
Flammen gesetzt, ihren Willen abgerungen gegen alle Macht, die ihre
Persönlichkeit gegen ihn aufgeworfen hatte. Das war sein Stolz. Er
hatte ihr Dasein, ihre Schönheit, ihre Selbständigkeit, ihre
Ausschließlichkeit in die Hand gerissen und an sich befestigt. Das war
wie der höchste geistige Ausdruck des Bildes seiner Fähigkeiten. Aber
zwischen ihm und ihr gab es zehn Minuten, in denen sie seinem Zwang
entfallen war, in denen er auf den Besitz dieses Symbols aller
menschlichen und aller männlichen Kraft hatte verzichten müssen. An
diesen leeren zehn Minuten, die wie ein Loch unauffüllbar in seinem
Leben lagen, war dieser Mensch schuld ...
Seine Flucht mit der Frau aus Deutschland und über den Atlantik
bereitete er von Berlin aus so vor, daß nur das Schicksal Tod sie stören
konnte. Sein Fürstentum Eitopomar wartete mit Urwäldern, schwarzen
Tigern, Klapperschlangen, in denen der Tod in einer Sekunde
verabreichbar war, mit Gebirgen und Wasserfällen, mit wilden Stämmen auf
ihn, um ihn von Europa zu befreien ... zu erlösen. Jeder Tag konnte ihn
zum Kaiser krönen.
Aber er wäre wie abgestandenes Wasser für den Rest seines Lebens
verdorben gewesen, wenn er nicht mit aller Grausamkeit der Herrschsucht
und des Hasses diesen Mann an sich gerissen und zerstört hätte. Sein
eigenes Leben und das dieses Mannes liefen um die Wette nach Sein oder
Nichtsein.
Dieser Mann war der Staatsanwalt Wenk.
Einmal, wie Mabuses Adern schwollen von seinen Plänen gegen ihn, konnte
er die Flut nicht mehr von seinem Mund zurückdämmen, und er sagte der
Gräfin, die ihn fragte, wann sie Deutschland denn nun verlassen würden:
»Ich fange ihn lebend. Ich fange ihn wie eine Meise auf der Rute. Er
wird in meinem Leim zappeln. Eher nicht!«
Die Frau wandte sich scheu ab. Sie vermutete nur, wen er meinte. Sie war
seit jener Auflehnung und den Hoffnungsaugenblicken auf Freiheit
sklavischer ihm verfallen, traumhaft grausamer, dämonischer aufgerührt
als zuvor. Sie wagte nicht, etwas zu entgegnen noch zu fragen.
Mabuses Unternehmen gegen Wenk wuchs langsam. Aber Ring um Ring,
unaufhaltsam ...
* * * * *
Wenk saß in München.
Georg hatte man dorthin ins Gefängnis geliefert. Er spielte den
Taubstummen. Seit seiner Verhaftung hatte kein Mensch ein Wort von ihm
gehört. Man stellte ihn zusammen mit den Beamten, mit den Kaufleuten aus
Schachen, die ihn wochenlang gesehen hatten, mit den Burschen, die er in
die Fremdenlegion hatte ausliefern wollen.
Keiner zögerte einen Augenblick, ihn zu erkennen.
Er blieb stumm.
Eines Tages fand man ihn an seinen Hosenträgern erhängt. Er hatte ein
Wort an die Wand der Zelle geschrieben, das ein General Napoleons nach
der verlorenen Schlacht von Waterloo berühmt gemacht hatte.
Die Durchsuchung der Villa Elise brachte wenig zutage. Man fand nur
einige Beweise, daß Mabuse die Gelder, die er durch Spiel und Raub
gewann, sofort in einer Schmuggelorganisation in mächtigem Stil weiter
vervielfältigte. Man arbeitete zusammen mit den Schweizer Behörden, da
man annahm, Mabuse halte sich in der Schweiz auf oder habe sie
wenigstens durchreist. Wenk fuhr alle vierzehn Tage nach Zürich. Dann
und wann packte man einen Nebenmann von Mabuses Garde. Aber alle waren
so streng geschult, daß keiner ein Wort des Verrats über die Lippen
brachte.
Von Frankfurt kamen Nachrichten an Wenk, daß dort ein Spieler arbeitete,
dessen Ähnlichkeit mit Mabuse so groß war, daß er sofort hinreiste. Aber
als Wenk ankam, war nichts mehr von dem Mann in Frankfurt zu spüren.
Drei Tage später wurde Wenk aus Köln, dann aus Düsseldorf, darauf aus
Essen und schließlich aus Hannover alarmiert.
Wenk war immer unterwegs. Es bestand für ihn kein Zweifel, daß es Mabuse
war, der so vor ihm davonwich. Er mußte Aufpasser in München haben, die
Wenk beobachteten und ihm folgten. Wenk ließ keine Vorsicht außer acht.
Er wandte alle Listen an, die er erfinden konnte. Er benutzte Züge,
Autos, Flugzeuge für jede Reise durcheinander. Er kontrollierte, als der
Verdacht sich nicht mehr abweisen ließ, daß Mabuse unter Wenks eigenen
Leuten Helfershelfer hatte, diese aufs hinterlistigste. Er wechselte
seinen Chauffeur, seine Haushälterin, änderte Fernsprechnummer und
Wohnung, logierte im Hotel, bei Freunden, auswärts.
Sobald er aber in die Stadt kam, aus der der Spieler gemeldet wurde, war
dieser spurlos verschwunden und tauchte einige Tage später in der
Nachbarschaft auf. Das ganze Reich dehnte das Dasein und Wirken des
Räubers schon zu einer Sage aus.
Dr. Mabuse, der Spieler! zog wie eine Ballade, aus der alle Dämonie des
tiefsten Widerstandes der Menschen gegen Gesetz und Ordnung in die
Phantasien verschwelte, von Ort zu Ort.
Die Polizei schritt in allen Städten gleich zu Massenverhaftungen. Aber
sonderte man die Eingefangenen aus dem Netz, so war nie dieser Einzige
dabei, um den man alle Verbrecher sämtlicher Gefängnisse hätte laufen
lassen wollen. Aber eines fiel Wenk bald auf -- die Geographie!
Unverkennbar zog Mabuse im Kreis durch das Reich auf Berlin zu.
Wenk erbat von seiner vorgesetzten Behörde Urlaub aus Bayern und setzte
sich mit den preußischen Gerichten ins Einvernehmen, die ihn als
Spezialisten nach Berlin holten.
Er reiste sofort hin und mietete sich im Zentrum ein. Mabuse sah ihn aus
dem Bahnhof gehen und kannte eine Stunde später seine Wohnung.
Nun hatte er ihn hier, wohin er ihn zur Vollendung seiner Rache
gewünscht und gelockt hatte. Mabuse hatte in Wirklichkeit Berlin nie
verlassen. In allen den Städten, in denen Wenk seiner Spur nachging,
waren falsche Mabuses aufgetreten, Leute seiner Truppe, von ihm
unterrichtet und abgesandt. München war zu klein für das, was Mabuse
vorhatte. Die Abgründe Berlins waren das sichere Jagdgebiet.
Die Jagd begann schon am zweiten Tag.
* * * * *
Wenk hatte diesen Tag über mit einem jüngeren Kollegen von der Berliner
Polizei seine Akten über den Fall Mabuse durchgesprochen. Sie hatten
sich über einen Wirkungsplan unterhalten, waren aber in ihren Gesprächen
zu keinem Ergebnis gekommen als zu dem Entschluß, in der ersten Zeit den
Spieler selber handeln zu lassen. Ins Blinde hinein nach ihm zu zielen,
war höchstens angetan, den Stand des Jägers vorzeitig zu verraten.
Abends, nachdem Wenk in der »Traube« zu Nacht gegessen hatte, ging er in
ein Café und dann, ermüdet von den langen Gesprächen, durch die
Taubenstraße seiner Wohnung zu. Da hielt ihn ein Mann an, in einer
Haustür, entfernt von der Laterne. »Bitte!« sagte der Mann.
»Was wollen Sie?« fragte Wenk unwillig zurück.
»Ist dem Herrn vielleicht Äther gefällig?«
Wenk ging weiter, ohne zu antworten. Er sah, der Mann folgte. Er kam
dann aber in das Leben der Friedrichstraße und verlor ihn.
Wenk machte sich bald Vorwürfe, so davongegangen zu sein. Er hätte mit
diesem Hausierer der Lasterhaftigkeit sprechen sollen. Denn der kam aus
dem Land, in dem Mabuse daheim war. Er wollte wieder zurück, ließ sich
aber von seiner Müdigkeit abhalten und ging nach Hause.
Am nächsten Abend kam er denselben Weg von der »Traube« durch die
Taubenstraße. Aber der Mann war nicht da. Wenk verweilte noch hin und
her. Wie er dann in die Nähe seiner Wohnung am Gendarmenmarkt kam, trat
ihm ein Mann aus einer Haustür entgegen und flüsterte: »Wünschen Sie
Nackttänze zu sehen?«
Wenk blieb stehen. Er sagte: »Sie kommen mir gerade recht. Ich bin kein
Berliner. Ja, so ein echtes Berliner Nachtleben möchte ich einmal
mitmachen. Wo sind Ihre Tänzerinnen? Los!«
»Foljen Sie mir. Ick jeh voran! Und wo ick rin mach, da man fix
hinterher vonwejen die Polizei!«
Wenk versprach es zu tun.
Der Mann ging um die Ecke, horchte stehenbleibend, ob er folgte, und
ging dann weiter. Auf einmal war der Mann verschwunden. Wenk ging noch
einige Schritte geradeaus. Der Mann mußte doch in eine der nächsten
Haustüren eingetreten sein. Wenk verlangsamte seine Schritte, als er ihn
nicht fand. Er schaute dann spähend rundum.
Plötzlich sagte in seinem Rücken die Stimme des Mannes leis und
vorwurfsvoll: »Det nenn ick nu jar nich fix. Sie wollen sich wohl von
die Polypen rankriejen lassen. Also man rasch herin!«
Der Mann schob ihn in ein Haus weit zurück, zog ihn in eine Tür. Die Tür
öffnete sich in einen finstern Flur. Unversehens und geräuschlos schloß
sie sich sofort hinter ihm, und im selben Augenblick war der Flur
beleuchtet. Vom Flur ging es in ein Wohnzimmer, von dort in einen
kleinen Saal, der gedrängt voll Menschen saß.
Zwei Herren, nahe der Tür, machten Wenk liebenswürdig Platz.
Der Mann war verschwunden.
Was Wenk sah, war eindeutig und hatte nur Interesse in der Heimlichkeit,
in der es geschah.
Er horchte den Gesprächen seiner Tischnachbarn zu. Der eine sagte: »Also
mich interessiert daran nur, wie dieser Unternehmer hundert und mehr
Personen so jahraus, jahrein in das Haus locken läßt, ohne daß die
Polizei es merkt. Nu, sag' du mir das mal als Mann vom Fach!«
Der andere antwortete in einem fremden Deutsch: »Das weißt du ja nicht,
ob das Lokal der Polizei bekannt ist oder nicht. Es gibt solche
Anstalten, die die Polizei duldet, weil sie für sie Verbrecherfallen
sind, ja geradezu Verbrecherfallen! Bei uns in Budapest ...«
Wenk horchte gespannt zu.
Die Herren zogen ihn in ungezwungener Weise bald selber ins Gespräch.
Man nannte sich Beruf, dann Namen.
Der eine der Herren war, wie Wenk aus dem Gespräch gleich vermutet
hatte, ein höherer Polizeibeamter. Man traf sich öfter.
Der Ungar erzählte interessante und verwickelte Fälle aus seiner Praxis.
Er erzählte von den Lasterhöhlen von Budapest, streifte auch die
heimlichen Spielhäuser, die seit Kriegsausgang überall so überhand
genommen hätten, und ereiferte sich gegen die immer unverschämter
werdende Kühnheit, mit der Verbrecher und Gesindel hervorträten.
Wenk, in einem letzten uneingestandenen Mißtrauen, verhielt sich
vorsichtig und behauptete, er sei nur auf Urlaub in Berlin. Seine
Tätigkeit liege in München. Aber Berlin, als das größte Sumpfnest, sei
gerade für ihn als Münchener Staatsanwalt eine gute Schule.
Wenk streifte das Dasein Mabuses, ohne seinen Namen zu nennen und nur
einige seiner grauenhaften und frechen Taten erzählend.
»Wir haben,« nahm ihm der Budapester das Wort ab, »bei uns jüngst einen
ähnlichen Abenteurer festgemacht, und zwar auf eine etwas extravagante
und nicht gerade gesetzmäßige Weise. Aber wir kamen anders nicht mehr
weiter. Wie bei Ihnen ist auch in Ungarn die Zuhilfenahme der Hypnose
als rechtliches Zwangsmittel verboten. Wir hatten den Mann, von dem wir
ziemlich genau wußten ... aber Herr Staatsanwalt, Sie verraten mich
nicht, doch mich rechtfertigt das Interesse, das Sie solchen abseitigen
Existenzen entgegenbringen, beruflich entgegenbringen müssen ... also
ziemlich genau wußten, daß er derjenige sei, der eine Bande leitete, auf
deren Lasten schon mehrere Morde lagen. Wir hatten ihn, wie gesagt, im
Gefängnis. Er stellte sich taubstumm. Wir konnten seine Papiere nicht
nachkontrollieren. Niemand kannte ihn. Aber wir waren fast sicher. Das
ist eine ganz scheußliche Lage für einen Fachmann, wie? Denn wenn er vor
die Geschworenen gekommen wäre, wäre die Gefahr eines Freispruchs aus
Mangel an Beweisen Sicherheit geworden. Das wollte mir nun gar nicht
schmecken. Ich hatte über ein halbes Jahr drangesetzt, ihn
hochzukriegen. Sein Unschädlichmachen war meine Leistung. Da hab' ich
ganz etwas Verwegenes unternommen. Einer meiner Freunde hatte
hypnotische Gaben. Er war Rechtsanwalt und hatte manchmal einiges von
seinen Fähigkeiten in Privatgesellschaften vorgeführt. Ich überredete
ihn, mit ins Gefängnis zu kommen. Er sagte aber: Ich mach's von draußen!
Und wirklich: eine Viertelstunde später wußte ich, daß wir wirklich den
Bandenchef hatten, und es wurden mir Dinge verraten, die mir erlaubten,
ihn in kurzem an den Strick zu liefern.«
Der Ungar wurde Wenk bei dieser Erzählung unangenehm. Er empfand einen
starken seelischen Widerwillen gegen ihn. Aber er konnte sich nicht
erklären, was einen solchen Umschwung in seinem Gefühl verursacht hatte.
»Interessieren Sie dergleichen mit suggestiver Kraft ausgestattete
Persönlichkeiten?« fragte der Polizeidirektor.
»Ungemein!« antwortete Wenk.
»Möchten Sie einmal mit meinem Freund zusammenkommen und etwas von
seinen Gaben sehen?«
»Ist er denn in Berlin? Gewiß, das wünsche ich aufs lebhafteste!«
»Ja, er ist hier. Er hat seine Praxis aufgegeben und zeigt seine
Fähigkeiten öffentlich. Er ist rasch berühmt geworden. Den Namen
Weltmann haben Sie gewiß schon gehört!«
Wenk genierte sich Nein zu sagen. Er antwortete mit einem halb
unterdrückten: »Gewiß!«
»Nun, dieser berühmte Weltmann ist es. Sie wissen, er ist bekannt, weil
er nur eine Hand hat. Die andere liegt in den Karpathen -- 1915! Also
abgemacht! Ich werde ihn morgen benachrichtigen. Haben Sie Telephon?«
Wenk nannte seine Nummer.
Die beiden Herren gingen dann in ein Haus, in dem Äther, Kokain und
Opium zu bekommen waren, im Durchschnitt aber viel handgreiflichere
Laster gepflogen wurden.
Am nächsten Tag schon wurde Wenk gerufen. »Hier Polizeidirektor Vörös!
Es trifft sich wie bestellt für Sie, Herr Staatsanwalt. In einem
Privathaus bei einem Landsmann von uns, über den ich Ihnen lieber ^entre
nous^ etwas Persönliches sage, gibt Weltmann heut abend eine Soiree. Es
genügt, daß Sie den Wunsch äußern, und Sie können sich als eingeladen
betrachten. Ohne weitere Formalität. Es ist ein sehr gastliches Haus.
Sie werden sich nicht im geringsten als Fremder fühlen. Es sind
mindestens sechzig bis siebzig Leute geladen. Ich übernehme alles
Weitere, und wenn es Ihnen recht ist, hole ich Sie per Auto um neun Uhr
ab. Die Villa liegt etwas weit draußen. Hinter Nikolassee.«
»Ich danke Ihnen vielmals. Sie überhäufen mich mit Liebenswürdigkeiten,«
antwortete Wenk zurück. »Und ich kann es Ihnen gar nicht entgelten.«
»Wir Ungarn halten es immer so. Es macht uns Freude,« lachte die andere
Stimme zurück. »Also es ist abgemacht!«
»Abgemacht!«
Wirklich, wie liebenswürdig die Ungarn sind! sagte sich Wenk. Er fand
sich undankbar, daß er auf einmal seine Sympathie für den Kommissar
aufgegeben hatte. Es war ihm peinlich vor sich selber.
Den Nachmittag verbrachte Wenk im Archiv der Kriminalpolizei, wo er
zusammen mit dem Herrn, der mit ihm den Fall Mabuse behandelte, die
Lichtbildersammlung des Erkennungsdienstes durchschaute. Gesicht an
Gesicht zog an seinen Augen vorbei. Er wollte nicht aufhören, bis er die
ganze Sammlung durchgesehen hatte, und als er nach Hause kam, ganz
ermattet von der langwierigen Arbeit, hatte er gerade nur noch Zeit, den
Gesellschaftsanzug anzulegen.