XX

Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.

»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und

meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als

das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und

er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie

natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages

sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von

heut an heiß' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er

sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom

Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja

sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick

und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung.

Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«

»Nein!«

»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an

Delikatessen erleben.«

Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen

Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.

Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen

schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß

eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die

tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte

Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen,

obschon es unmöglich zu machen war.

»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er.

Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar.

Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er

dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war

ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und

die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine

innere Stimmung schuld daran?

»Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er.

»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös.

»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber

das war ja vor dem Krieg!«

»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie.

Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte

nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine

mehr.

Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber

hinaus!«

»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut

aus.«

Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ...

Villa Komorek?«

In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der

Tiefe einer Allee.

»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor.

Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe

nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber

es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie

öffneten.

Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe,

die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle

schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte

sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen

nachkommen.

Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich

hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer

machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen

erfüllte ihn.

Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie

auf die große Flügeltür los.

»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!«

Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in

einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das

erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich

aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen

Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch

standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich

Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren

waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch

gekleidet.

Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor.

»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem

gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich

glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend

in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem

Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr!

...«

Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in

tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er

für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr

Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich,

sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln

anblickte.

»Mein Gatte!« sagte sie dann.

»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden

los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt

schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in

ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das

sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse

zusammengestellt hatte.

Die Dame des Hauses war verschwunden.

Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit,

war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe,

zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen

sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen

eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.

Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine

Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie

schaumig macht. Aber wie er aussieht!

Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.

Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war

Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu

sehen.

Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der

Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.

Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter,

großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester

Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack

und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer

Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte

Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich

Wenk. Trotz des deutschen Namens.

Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden

hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch

über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und

umgelegt.

Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte:

Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek

zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß

den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas

zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.

Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten,

einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin

sei vielleicht bereit.

Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von

Wenk!«

»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!«

Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen

als meine Gattin?«

Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in

auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der

Tasche seiner Jacke.

»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt

hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die

Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?«

»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin.

»Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!«

Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte.

Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!«

»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen

Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!«

Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in

Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.

Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe,

die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie

ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht

genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett

ist dabei!«

»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und

man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein

durchsichtiges Blauweiß umfärbte.

»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann.

»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«

»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen

ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer

Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei

Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der

andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst

kontrollieren, ob es stimmt?«

Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe

die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie

Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.«

Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in

der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man

beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er

roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?«

Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den

Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach

Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe

erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat

die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen

zu lassen.«

Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?

Er legte alles heraus. Es stimmte alles.

»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der

Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 46 / 58 题