Der Polizeidirektor Vörös war pünktlich.
»Wissen Sie, ich muß Ihnen nun noch einiges über unsere Gastgeber und
meine Landsleute draußen bei Nikolassee sagen,« begann er gleich, als
das Auto anfuhr. »Es ist ein ehemaliger Fürst von Komor und Komorek, und
er hat eine Tänzerin von der Wiener Oper geheiratet. Gegen die Familie
natürlich! Sie haben es ihm so bunt gemacht, daß er ihnen eines Tages
sagte: >Gut! Da habt's ihr euern Fürsten. Ich pfeif' euch drauf. Von
heut an heiß' ich Komorek.< Und ist dann ausgewandert. Reich war er
sowieso und nicht von der Familie abhängig. Das einzige, was er noch vom
Fürsten hat, ist eine fürstliche Villa da draußen. Sie werden sie ja
sehen. Er wohnt schon an die zehn Jahre dort. Und die Frau ist schick
und apart. Aparter als eine Fürstin. Nur natürlich nicht mehr ganz jung.
Haben Sie schon zu Nacht gegessen?«
»Nein!«
»Ist auch nicht nötig. Man ist gastfrei bei Komorek. Sie werden etwas an
Delikatessen erleben.«
Wenk fragte sich: Weshalb ist er so gesprächig? und ließ den peinlichen
Gefühlen gegen den Ungarn wieder freien Lauf.
Wenk war heimlich erregt. Es war schwül in seinem Gemüt. Die Augen
schmerzten trotz der Dunkelheit im Auto immer mehr. In ihren Winkeln saß
eine unaufhörlich siechende Wundheit, die ihn unglücklich machte. Die
tausend Lichtbilder drehten drin durcheinander wie verrückt gehandhabte
Signalscheiben, die immer wieder versuchen, sich aufeinanderzupassen,
obschon es unmöglich zu machen war.
»Läge ich doch in meinem Bett!« flehte er.
Das Auto fuhr durch Gegenden, die er nicht kannte. Es war ihm sonderbar.
Gerade die Fahrt nach Nikolassee hatte er früher oft gemacht, und er
dachte, er kenne die Gegenden, die hinter Friedenau lagen. Aber heut war
ihm alles fremd. Machte das die dichte Finsternis der heutigen Nacht und
die seit dem Krieg so spärlich gebliebene Beleuchtung, oder war eine
innere Stimmung schuld daran?
»Wir müßten doch eigentlich schon in Nikolassee sein!« sagte er.
»Ich kenne mich nicht aus!« antwortete Vörös.
»Früher hatte ich Freunde draußen, zu denen ich oft im Auto fuhr. Aber
das war ja vor dem Krieg!«
»Ha, jaso, vor dem Krieg. Da war alles anders!« Dann schwiegen sie.
Wenk schaute auf die Uhr. Aber die Finsternis war zu stark. Er erkannte
nicht einmal das Zifferblatt. Laternen kamen seit einer Weile keine
mehr.
Nach längerem Schweigen sagte Wenk: »Der fährt doch nicht etwa drüber
hinaus!«
»Es ist ein Berliner Taxameter. Er hat mir gesagt, er kenne sich gut
aus.«
Wenk nahm das Sprachrohr: »Chauffeur, Sie wissen doch, Nikolassee ...
Villa Komorek?«
In diesem Augenblick schwenkte der Wagen, und Lichter erschienen in der
Tiefe einer Allee.
»Wir sind da!« sagte der Polizeidirektor.
Bald hielt das Auto zwischen anderen Wagen, die vor einer Freitreppe
nebeneinander standen. Die Freitreppe selber war nicht beleuchtet, aber
es fiel Licht genug aus den drei hohen Glastüren, die sich auf sie
öffneten.
Wenk ging rasch hinan ins Licht hinein. Vörös führte ihn zur Garderobe,
die stark mit Kleidungsstücken überfüllt war. Eine Uhr in der Halle
schlug zehn mit einem grellen, hastigen Schlag. Es war, als peitschte
sie die Stunden aus sich heraus. Wenk konnte nur mühsam mit Zählen
nachkommen.
Zehn Uhr ist es, sagte er bei sich. Wir sind eine Stunde gefahren. Ich
hatte den Eindruck, als ob der Wagen seine fünfundvierzig Kilometer
machte. So weit ist Nikolassee doch nicht! Ein umwölktes Mißtrauen
erfüllte ihn.
Er sah nach dem Ungarn. Der lachte ihm freundlich zu. Dann gingen sie
auf die große Flügeltür los.
»Sie erlauben, ich trete vor. Ich werde Sie gleich zur Fürstin bringen!«
Ein Diener zog die Tür auf. Wenk trat hinter dem Polizeidirektor in
einen mäßig großen Saal. Die Beleuchtung war stark gedeckt. Das war das
erste, was Wenk auffiel. Dann sah er eine Bühne klein und halbrund sich
aus einer Ecke erheben. Sie war mit einfarbigen Stoffen und asiatischen
Teppichen geradezu kostbar hergerichtet. Einige Stühle und ein Tisch
standen drauf. In den Stuhlreihen, die den Saal füllten, bewegten sich
Menschen in Abendtoiletten. Herren und Damen, aber viel mehr Herren
waren es, und die Damen waren alle auf eine auffällige Art modisch
gekleidet.
Da sagte Vörös: »Die Fürstin!« Er stellte Wenk vor.
»Ihr Freund, den Sie uns ankündigten?« fragte die Dame mit einem
gewinnenden Lächeln. »Sie sind uns willkommen, Herr von Wenk. Ich
glaube, wir brauchen nicht in Sorge darüber zu sein, daß Sie den Abend
in unserem Hause ohne Anregung verbringen. Darf ich die Herren meinem
Mann übergeben? Pflichten als Hausfrau, Herr Staatsanwalt, nicht wahr!
...«
Die Frau trat einen Schritt näher in den Kreis eines der Lichter, die in
tiefen Seidenschirmen sich verbargen. Da sah Wenk, daß die Frau, die er
für sehr jung gehalten hatte, stark geschminkt und gepudert war. Ihr
Kleid war entsetzlich grell, so daß er erschrak, als sie ihn plötzlich,
sich von ihm trennend, mit einem übermäßig freundlichen Lächeln
anblickte.
»Mein Gatte!« sagte sie dann.
»Fürst, grüß' Gott!« lärmte der Polizeidirektor auf den Herankommenden
los. Der verbeugte sich vor Wenk. Etwas geziert, wie es dem Staatsanwalt
schien. Und als der Gastgeber den Kopf wieder emporrichtete, sah Wenk in
ein Gesicht mit einem schwarzen Schnurrbart, das dem Bild glich, das
sich in ihm am Abend aus der Vermischung der Verbrecherbildnisse
zusammengestellt hatte.
Die Dame des Hauses war verschwunden.
Der Fürst, wenn auch im Aussehen von einer weichlichen Gewöhnlichkeit,
war von den vollkommensten Manieren. Er hatte die selten gewordene Gabe,
zu unterhalten, ohne etwas zu sagen. Seine Gesprächsstoffe lagen
sozusagen außerhalb von ihm. Er nahm sie nur auf, scheinbar um ihnen
eine Form zu geben. Sonst wären sie unbeachtet liegen geblieben.
Das ist alte Rasse, sagte sich Wenk. Mäßige Gaben, aber diese feine
Sehnsucht nach Form, die die größte Trivialität mit solcher Grazie
schaumig macht. Aber wie er aussieht!
Der Fürst leitete ihn in die erste Stuhlreihe.
Man wurde gebeten, Platz zu nehmen. In der Gesellschaft selber war
Weltmann, den Wenk an der Einhändigkeit ja erkannt hätte, nicht zu
sehen.
Wenk saß zur Linken der Hausfrau. Rechts von ihm blieb der
Polizeidirektor, der sich an ihm festzuklammern schien.
Eine Woge ging durch die reichen Tuchbehänge, und es trat ein breiter,
großer Mann mit einem etwas gewölbten Rücken heraus. Er war mit bester
Eleganz gekleidet. Er trug im Gegensatz zu den Gästen, die alle im Frack
und Dekolleté waren, einen dunkelgrauen Straßenanzug aus englischer
Wolle. Man sah gleich, daß die eine mit einem grauen Handschuh bedeckte
Hand leblos war. Der Mann war ein Ungar. Wer das leugnet! sagte sich
Wenk. Trotz des deutschen Namens.
Weltmann hatte den Schnurrbart schwarz und dicht und an den Enden
hängend. Die Augenbrauen bogen sich in buschigen, dunkeln Winkeln rasch
über den Aughöhlen auf. Die Haare wie schwarzer Draht, hochgekämmt und
umgelegt.
Weltmann sprach einige wenige Worte schmucklos und fast grob. Er sagte:
Die Gaben, die er vor den Gästen der Fürstin und des Fürsten Komorek
zeigen wollte, seien Gaben der Tat, und er zweifle auch nicht daran, daß
den Gästen Tatsachen nähergingen als der Versuch, erst mit Worten etwas
zu erklären zu versuchen, das wahrscheinlich nie erklärt werden könne.
Er wolle sich selber zuerst als Objekt vorführen und jemanden bitten,
einen Herrn und eine Dame unter den Anwesenden zu nennen. Frau Fürstin
sei vielleicht bereit.
Die Fürstin rief: »Als Herrn erbitte ich meinen Nachbar, den Herrn von
Wenk!«
»Und die Dame? Vielleicht bezeichnet der Fürst die Dame!«
Der Fürst sagte ohne langes Besinnen: »Wen soll ich anders bezeichnen
als meine Gattin?«
Weltmann setzte sich auf einen Stuhl. Er legte die künstliche Hand in
auffälliger Weise vor sich auf ein Knie. Die andere vergrub er in der
Tasche seiner Jacke.
»Frau Fürstin,« sagte er nach einer Weile, in der er sich gesammelt
hatte, »habe ich jemals Ihre Uhr in der Hand gehabt? Die kleine Uhr, die
Sie in Ihrer Handtasche bei sich tragen?«
»Ich wüßte nicht!« antwortete die Fürstin.
»Diese Uhr hat die Nummer 56403. Sie ist eine ovale Omega-Uhr!«
Die Fürstin zog die Uhr heraus, öffnete den Deckel, schaute und nickte.
Sie zeigte sie ihren beiden Nachbarn und sagte lebhaft: »Es stimmt!«
»Denken Sie sich bitte eine Farbe und schreiben Sie sie auf einen
Zettel. Zeigen Sie ihn Ihren Nachbarn!«
Die Fürstin überlegte. Dann schrieb sie: Die Farbe des Amethysts in
Herrn von Wenks Ring! Sie gab Wenk den Zettel.
Weltmann brauchte eine Weile. Dann sagte er zögernd: »Es ist eine Farbe,
die Sie in Ihrer Nähe ausgesucht haben. Sie ist aber unentschieden. Sie
ist durchsichtig, also wahrscheinlich von einem Stein. Ich kann nicht
genau sagen, aus welchen beiden Farben sie sich zusammensetzt. Violett
ist dabei!«
»Heben Sie Ihren Ring ins Licht, Herr von Wenk,« bat die Fürstin, und
man sah, daß der Stein sich wirklich von einem dunklen Violett in ein
durchsichtiges Blauweiß umfärbte.
»Welchen Herrn nannte die Fürstin?« fragte Weltmann.
»Meinen Nachbar, den Herrn von Wenk!«
»Mein Herr, Sie haben,« sagte Weltmann fast ohne Besinnen, ja, nur einen
ganz kleinen Ruck hatte Wenk seinen Kopf machen sehen, »in Ihrer
Brusttasche rechts Ihre Brieftasche. Darin befinden sich zwei
Tausendmarkscheine, Ausgabe 1918, Serie D, Nr. 65045 der eine und der
andere Serie E, Nr. 5567. Soll ich fortfahren, oder wollen Sie zuerst
kontrollieren, ob es stimmt?«
Wenk griff lächelnd nach der Tasche. »Nein,« sagte Weltmann, »ich habe
die rechte Tasche gemeint, nicht die linke. In der linken haben Sie
Ihren Browning, Fabrikmarke von Serraing, Herstellungsnummer 201564.«
Nun sah Wenk betroffen zu Weltmann hinauf. Denn es war wahr. Er hatte in
der linken Brusttasche seinen Browning, und der war von Serraing. Man
beugte sich von allen Seiten zu ihm. Die Fürstin neigte sich herüber. Er
roch das Parfüm ihres Puders. Sie sagte: »Nun, Herr von Wenk?«
Der Suggestor lächelte auf ihn herab und sagte noch: »Sie können den
Revolver unbedenklich herzeigen. Sie haben ja in einem anderen Fach
Ihrer Brieftasche den Waffenschein, der Ihnen das Tragen der Waffe
erlaubt. Er ist in München erneuert worden am ersten Januar 1921. Er hat
die Nr. 5. Sie haben es eilig gehabt, sich einen Waffenschein ausstellen
zu lassen.«
Höhnte dieser Mensch ihn in einem Traum?
Er legte alles heraus. Es stimmte alles.
»Genug!« sagte Weltmann. »Sie erlauben mir nun, zu Experimenten der
Willensübertragung überzugehen. Bitte einen der Herren!«