Spoerri hatte die Gräfin aus der Villa im Westen, in der sie eine halbe
Stunde lang gewohnt hatte, ins Auto gerissen.
Mabuse hatte mit seinem neuen kleinen Wagen das große Fahrzeug zwischen
Kaufbeuren und Günzburg eingeholt. Sie fuhren, ohne anzuhalten, weiter.
Es war alles zwischen ihnen seit langem so festgelegt.
Als die Straße nach Wangen von der Lindauer Chaussee abbog, hielt mit
einem Schlag der vorfahrende große Wagen. Das kleine Auto fuhr dicht an.
Die Gräfin wurde herübergehoben. Mabuse raste weiter. Spoerri fuhr nach
Österreich.
Mabuse hatte angeordnet, von hier aus die Flucht geteilt vorzunehmen.
Spoerri sollte über den Rhein in die Schweiz. Ein jeder mußte Dr.
Ebenhügel in Zürich seine Adresse geben, der sie dann beiden austauschen
könnte. Mabuse und die Gräfin fuhren nach der Villa Elise. Dort wartete
Georg, der durch Brieftauben unterrichtet war, mit dem Koffer, in dem
die Dokumente und Edelsteine gesammelt waren, die Mabuse mit auf die
Flucht nahm. Sie sollten dann zu dreien ohne Verzug über den See in die
Luxburger Ach fahren und mit einem Auto, das dort wartete, auf der
Romanshorner Straße weiter nach Zürich. Für Zürich war nur ein kurzer
Aufenthalt vorgesehen, in dem Geschäfte erledigt wurden.
Es war zu erwarten, daß die bayerischen Behörden die Schweiz baten, nach
den Flüchtigen zu fahnden. Mabuse wollte deshalb den Aufenthalt in der
Schweiz so kurz wie möglich halten und gleich zur italienischen Grenze
weiter eilen. Pässe hatte er für sich und die Gräfin auf einen
portugiesischen Namen anfertigen lassen.
Ein italienischer Beamter war gekauft. Von ihm an fielen alle
Schwierigkeiten zu Boden wie Blätter im Herbst.
Die Gräfin lag im Hintersitz des Wagens. Sie war verborgen von der
auffallend hohen Karosserie. Vor sich sah sie unbewegt wie ein Urgestein
Mabuse sich über das Steuer errichten. Das werfende Federn des rasenden
Wagens und die ungewisse Nachtdüsternis ließen die Umrisse seiner
breiten Gestalt ins Gespenstische verfließen. Nur diese Umrisse hatten
Leben. Mabuse machte nicht die geringste Bewegung. Er war dort vor ihr
herausgewachsen wie ein Felsblock aus einer Wiese.
Straßenalleen, Bauerngehöfte, Dörfchen flogen zurück. Der Bodensee kam
in die Nacht. Einige Lichter, an fernen Ufern verteilt, Flächen,
versinkend in der Finsternis, von der Ahnung der Menschen ertastet, ein
Wechsel der Luft, die man einatmete und die das Gesicht badete ... Zwei
ferne Städtchen schwammen wie erleuchtete Schiffe auf dem Meer. Das war
schon die Schweiz.
Lindau blieb abseits. Villenstraßen bogen sich über das sausende
Fahrzeug.
Und dann kam die letzte Minute. Der Wagen prallte über das Geleis am
Enzisweiler Bahnhof, tobte auf die Villa Elise zu. Mabuse sah von weitem
durch die Nacht mit seinen scharfen und geschulten Augen, daß das
Gartentor weit offen stand.
Die Tauben waren also richtig und rechtzeitig angekommen. Ihm war, als
ob er aus dem Brausen der Schnelligkeit heraus, das hinter ihm
zusammenschlug, in der Finsternis eine fremde Bewegung empfunden hätte.
Es war kurz nach halb vier Uhr. Er paßte mit allen Sinnen rund um sich,
ohne die Schnelligkeit zu bremsen.
Als er ins Tor einbiegen sollte, warf er, und er ließ dem Wagen seinen
vollen Lauf dabei, die Bremsen alle mit äußerster Kraft einen Augenblick
lang zu. Der Wagen schlug wie ein Fisch hinten auf, warf herum und
schoß, wieder losgelassen, grade ins Tor hinein und in den Gartenweg.
Eine bleierne Finsternis fiel über Mabuse.
Da fühlte er, daß etwas den Wagen angesprungen war. Eine Gestalt schwang
von der Bremserseite über die Tür, preßte sich zwischen die Seitenlehne
und Mabuse. Zwei Hände fuhren über seine Hände, entrissen ihm das
Steuer. Ein heißer Mund, wild, schwarz, hinreißend wie die Nacht,
flüsterte in ihn hinein:
»Herr Doktor! Ich. Georg. Geben Sie das Steuer. Wir sind umstellt.
Gleich in den See ...«
Mabuse ließ das Steuer, warf sich von den Bremsen. Der Wagen in der
neuen Faust dröhnte wie Schnellfeuergeschütze an die nachtgrauen Wände
der Villa, schnob um eine Ecke, setzte auf einen Rasen, tollte halb über
den Rasen, halb durch den Kies eines Gartenweges auf die Mauer zu, die
sich vor dem See errichtete, niedrig, den hohen Garten vom Wasser
abhaltend. Der Wagen schwänzelte einmal wie ein wildes Pferd und tobte
einen geneigten Holzsteg hinab, dessen Bretter unter ihm donnerten wie
ein Gewitter.
Einen Augenblick später schlug er die Nase ins Wasser. Der See kreischte
auf.
Georg machte einige blitzschnelle Griffe, von Mabuse unterstützt. Den
Schrei der Gräfin warf die Nacht zurück. Dann fuhr das Fahrzeug, mit
einigen wilden Schwankungen zuerst, aber bald ruhig, nur vorwärts
drängend, im Wasser weiter.
»Es funktioniert wie Zauber!« rief Georg.
Denn dieser Wagen war eine Erfindung von ihm. Man konnte ohne Aufenthalt
mit ihm von der Landstraße ins Wasser; ein paar Hebelgriffe verwandelten
ihn in ein Motorboot.
»Die Tauben sind schuld!« sagte Georg, als er das Fahrzeug ganz in
seiner Gewalt hatte. »Als sie in der Dunkelheit kamen, vor einer Stunde,
da hörte ich auf einmal, als ginge eine flüsternde Stimme in einem
Buschwerk. Ich paßte scharf auf. Ich glaubte zu bemerken, daß eine
Bewegung um den ganzen Park herumschlich. Hier ... dann zwanzig Schritte
weiter ... dann wieder zwanzig Schritte weiter ... im Kreis herum, ganz
im Kreis herum, und da wußte ich, daß wir umstellt seien. Na, ich kam
unbemerkt wenigstens bis ans Gartentor. Fünfzig Minuten habe ich
gebraucht für die hundert Meter. Wenn wir den Bootwagen nicht hätten,
säßen wir jetzt mit Handschellen drinnen in der Villa Elise ...«
Die Polizeibeamten, die sich mit aller erdenklichen Vorsicht um die
Villa herum verteilt und bis zum Schließen des Ringes vier Stunden
gebraucht hatten, da einer nach dem anderen gekommen war, hörten das
Auto durch die Nacht heranbrausen. Sie lagen gespannt auf ihren Posten
und warteten auf den Pfeifenruf, der sie über das Haus und die
Verbrecher loswerfen sollte.
Es war ein kleines Intermezzo vor einer Stunde eingetreten. Ein Vogel
war auf einmal durch einen Baum geflogen und im Dachwerk des Hauses
verschwunden. Einer der Beamten, die dem Haus zunächst lagen, hatte ihn
wahrgenommen. Er hatte gesehen, wie der Vogel am Dach herumflatterte und
auf einmal irgendwie verschwand, ohne daß er das Dach wieder verlassen
hätte. Seine Vermutung, es könnte eine Brieftaube gewesen sein, wurde
bald durch die Erscheinung eines zweiten Vogels bestätigt, der auf
dieselbe Weise im Dachwerk verschwand.
Der Beamte schlich sich zum Kommissar zurück und meldete, was er gesehen
und vermutete. Der Kommissar erfaßte sofort die Bedeutung, die diese
Boten haben konnten: daß Poldringer von München her und von den dort
Geflohenen gewarnt wurde.
Er ließ deshalb mit großer Vorsicht einen Beamten von Posten zu Posten
gleiten und die Tatsache mitteilen, daß der Hausinsasse nun
wahrscheinlich gewarnt sei und daß man mit doppelter Vorsicht, aber auch
vervielfältigter Schlagkraft in der gegebenen Minute los müsse.
Diese Bewegung, die der Bote des Kommissars um das Haus zog, war es, die
Georgs feine Witterung empfunden hatte.
... Das Auto Mabuses sprang in den Park. Der Kommissar mit zitternden
Fingern hob schon die Signalflöte an die Lippen. Er wollte im
Augenblick, wo die Insassen den Wagen verlassen und die Tür der Villa
hinter sich zuziehen wollten, das Zeichen geben.
Zwei Beamte lagen in den Sträuchern links des Hauseinganges und waren an
der Tür, bevor im Innern der Schlüssel umgedreht werden könnte. Aber der
Kommissar war nicht zum Flöten gekommen.
Das Auto umbrauste die Ecke und hielt nicht an der Tür. Es stürzte ums
Haus herum, als wollte es Hals über Kopf sich in den See werfen. Der
Kommissar, in der Aufregung und Enttäuschung alle Vorsicht aufgebend,
sprang hervor, ihm nach und sah nun wirklich, daß das Auto in den See
hinein verschwand. Es hob sich gleich einem unheimlichen Amphibium über
das Mäuerchen, donnerte den Holzsteg hinab und sprang in die Nachtflut.
Da erst pfiff er. Die Beamten liefen von allen Seiten herbei und eine
Weile durcheinander. »Ans Ufer!« brüllte der Kommissar.
Sie sahen kein Auto mehr. Sie hörten schon zweihundert Meter vom Ufer
entfernt ein Motorboot in die Finsternis entlaufen. Sie suchten unter
dem Steg, das Ufer hinab und hinauf, kopflos und erschüttert, aber
vergeblich.
Da erst verstand der Kommissar, was vor sich gegangen sein mußte. Die
unendlichen Mühen, Anstrengungen und Hoffnungen eines ganzen Monats
waren zerschlagen. Der große Fang war ihm entglitten. Er war so
zerdrückt von diesem wahnsinnigen Gedanken, daß er den Revolver, den er
nackt in der Hand hielt, unbewußt an seine Schläfe führte, als habe er
sein Leben durch das Mißglücken des Unternehmens verwirkt.
Er riß ihn eine Sekunde später wieder weg, und der Schuß fuhr, seine
Haare versengend, vergeblich in die Nacht. Auf dem See blinkte ein
Lichtzeichen auf. Weiter ein zweites. Der Schuß hatte die Aufpasserboote
mobil gemacht.
Da erst erinnerte sich der Kommissar dieser Helfer, die er im Ansturm
der Verzweiflung ganz vergessen hatte. »Die Morselampe!« schrie er. War
es möglich, daß er die Boote vergessen hatte?
Die verabredeten Lichtzeichen wurden zu den beiden Booten gesandt:
»Flüchtlinge in Motorboot auf den See entkommen!«
»Verstanden!« blinkte es zurück, und einige Augenblicke später schlugen
die Scheinwerfer über das finstere Wasser.
Es ging nicht lange, so hatten sie das fliehende Boot entdeckt, aber
auch gewarnt. Denn es war im Begriff gewesen, in sie hineinzurennen.
* * * * *
Mabuse und Georg bemerkten sofort die Gefahr. Die beiden Scheinwerfer
kamen ihnen entgegen wie die geöffneten Kiefer eines Ungeheuers, das
nahte, um sie zu verschlucken. Georg trieb das Steuer nach Backbord, das
Boot fiel geneigt in voller Fahrt in die neue Richtung. Das Wasser
strömte am Steuerruder auf wie ein Hügel und leuchtete brausend in der
Nacht. »Es bleibt nur eins,« sagte leise Mabuse, »die Rheinmündung!«
Er überlegte kühl und rasch. Er stand wieder in einer Lage, die ihm
bekannt war, weil er sie ungezählte Male in Gedanken durchlebt und
besiegt hatte. Am deutschen Ufer, an das sie leicht hätten zurückfahren
können, war wohl weitab alles gegen sie mobil. Am österreichischen lag
nur Bregenz, das die Scheinwerfer leicht auf die Beine brachten. Die
Rheinmündung hatte zwischen zwei Ländern ein breites, fast unbewohntes
Gebiet. Sie konnten in zwanzig Minuten drüben an Land sein und zwischen
Österreich und der Schweiz wählen. Glückte es, das Fahrzeug so gut aufs
Land zu bringen, wie es ins Wasser gekommen war, so hatten sie einen
Vorsprung, der ihre Rettung sicher machte.
Aber eins der verfolgenden Boote lag weit im See. Es schien die Absicht
der Fliehenden zu erraten. Es folgte ihnen nicht direkt. Es glitt über
Steuerbord, Fahrt mit ihnen haltend, dem Schweizer Ufer zu, als wollte
es im günstigen Augenblick ihnen den Weg verlegen.
Vielleicht wollte es aber auch nur sich zwischen sie und die Schweiz
legen. Die Scheinwerfer der beiden Boote schlugen zusammen über Mabuses
Boot her. Der Motor schrie. Über dem Pfänder lag ein kaum merkbarer
Streifen des kommenden Tages. Schüsse klangen hinter ihnen. Das eine der
Boote lag nun in ihrem Kielwasser, blieb aber leicht zurück. Die beiden
Verfolger signalisierten durch Morselampen miteinander.
Georg steuerte eine Weile in leichten Zickzacklinien. Das Fahrzeug warf
hin und her unter dem oft wechselnden Druck des Steuers auf das Wasser.
Georg wollte vortäuschen, als versuchte es, nach der Schweiz
durchzubrechen. Aber er war auch von den Scheinwerfern erregt. Es gelang
ihm nicht, auch nur auf Augenblicke aus der Lichtbahn herauszukommen.
Das eine der Boote, das ihnen im Rücken fuhr, ging wohl nur deshalb
jetzt so langsam, weil es keine andere Aufgabe hatte, als sie unter
Licht zu halten und ihnen den Rückweg nach dem deutschen Ufer
abzuschneiden? Die Morsezeichen waren geheim. Weder Georg noch Mabuse,
die sich sonst auf derartiges gut verstanden, weil sie beide viel auf
See gewesen, verstanden sie.
Auf einmal erlosch auf dem Fahrzeug, das steuerbordseits mit ihnen fuhr,
der Scheinwerfer. Sie hörten über dem Höllenlärm, den ihr eigener Motor
machte, wie die Maschine dieses Bootes gegen vorher um einen Ton heller
und näher klang. Ihr eigener Motor stand auf seiner Höchstleistung.
Die Schüsse hatten aufgehört. Über den Geräuschen ihres Bootes erhob
sich ein anderer Lärm. Mabuse hielt seine beiden Ohren hin, ihm
entgegen, stahlkalt und aufgereckt, grell beleuchtet von dem
Scheinwerfer. Er trug noch die Polizistenuniform, die ihm die Flucht
ermöglicht hatte.
Die Gräfin hatte anfangs in einer halben Ohnmacht am Boden gelegen. Die
Schüsse, das schießende Dröhnen des Bootes, die Eile, die Aufregung der
beiden Männer hatten sie nach und nach wach gereizt. Sie begann zu
erfassen, was geschah. Sie auch hörte über dem Lärm ihres Fahrzeuges ein
zweites Geräusch. Sie richtete sich auf. Sie hob den Kopf über Bord und
hielt das Ohr in die Dunkelheit, woher der zweite Ton kam.
»Was ist das?« fragte sie Mabuse, der neben ihr stand, mit dem Rücken
gegen die Fahrt, breitbeinig und sicher scheinend. An die Reeling mit
den Händen gestützt, ließ er das Licht des Scheinwerfers auf sich
liegen, nur um zu horchen ...
»Nichts!« zischte er zurück. »Schweig'!«
»Was ist das?« fragte die Frau noch einmal mit scharfer Stimme, und ein
Ton klang auf in dieser Stimme, den sie lange nicht mehr an sich gehört
hatte.
Ihr war, als löste sich ein Stein, der ihr Herz eindeckte, langsam in
eine breiige Masse auf. Sie gab sich diesem Vorgang, der halb außer
ihres Bewußtseins lag, immer heftiger hin. Sie erkannte immer
deutlicher, was in ihr zu geschehen im Begriff war. Da schrie sie auf
einmal, sprang auf und stellte sich gegen Mabuse: »Jetzt aber! ...«
Und hörte den verfolgenden Ton von See und Nacht über sich herfallen wie
ein Glück, das außer Rand und Band geraten war. Sie saugte sich mit den
Ohren und mit dem Herzen an das leichte, süße Geräusch ... Sie spürte,
wie es sekundenweise stärker wurde. Sie verstand:
Der Verfolger fuhr rascher als sie, kam näher ...
»Was ist: jetzt aber?« rief Mabuse sie heftig an. »Schweig' und setz'
dich!«
»Was ist das für ein Ton ... dort?« fragte sie mit einer singenden
Stimme.
»Der Tod ... vielleicht!« sagte Mabuse ruhig zurück.
»Für dich!« schrie die Frau über das kreischende Heulen des aufgewühlten
Wassers in sein Gesicht. »Ich darf dich abschütteln! Ich werde gerettet
vor dir! Der Werwolf wird gefangen. Deine Macht über Menschen und über
mich ist aus!«
»Das will ich dir zeigen,« raunte Mabuse ihr zu, sich dicht über sie
bückend.
Dann geschah es, so rasch, daß sie kaum auseinanderhielt, was vor sich
ging.
»Georg!« rief Mabuse. Nur dies eine Wort. Dann zog er sich die
Polizistenuniform von den Kleidern und warf sie hin, und schon hatte
Georg sie angezogen und stand neben der Gräfin, sich dem Licht des
Scheinwerfers preisgebend, Mabuse aber am Steuerrad.
Sie hörte einen Ruf nahe. »Anhalten!« schrie nochmals eine Stimme aus
dem zweiten Ton heraus, der so wollüstig in ihr Ohr gesaugt lag.
»Anhalten!« ...
Eine Kugel zwitscherte. Ein Knall zerspellte die Luft.
Georg schoß zurück. Das Boot schwankte auf. Aber dann hatten es
plötzlich zwei hohe Dämme eingefaßt. Wo war der See? Wo war die weite
Nacht? Es rauschte. Es kämpfte gegen die Frühjahrswasser des Rheins.
Der Scheinwerfer war verschwunden. Eine sachte, milde Grauheit hob die
Flut und die Dämme aus der Finsternis. Sie waren glatt wie Eisenbalken.
Eine Brücke stellte sich quer über sie. Der Schall des Motors schoß von
ihrem Gewölbe herab auf sie nieder.
Da schlug eine fremde Kraft die Gräfin zu Boden. Das Boot bohrte sich
mit einem rasenden Schlag hinten in die Höhe. Aber die Frau wurde aus
dem Niederstürzen aufgefangen. Etwas nahm sie hoch. Das fühlte sie noch.
Etwas lief. Schreie erstickten in einem roten Nebel.
* * * * *
Georg lag an Land. Er hatte einen Arm gebrochen. Er hob mit der gesunden
Hand den Polizistenhelm auf und stülpte ihn auf seinen Kopf. Er war von
dem Fall leicht betäubt. Aber er hätte fortlaufen können. Dennoch blieb
er liegen.
Es dauerte nicht lange, so sah er zwei Revolver auf sich gerichtet. Zwei
elektrische Laternen brannten ihre Kreise in seine Augen. »Es ist der
mit der Uniform!« sagte eine Stimme.
Georg blieb ruhig. Er wurde vom Land in ein Boot gerissen, an eine Bank
gefesselt. Ein Motor setzte an. Das Fahrzeug raste auf der Strömung
hinab. Es fuhr quer dann über den See nach Schachen zurück.
Der Tag begann, als sie Georg den Holzsteg hinaufschleppten. Sie zogen
ihn in die Villa hinein und schlossen ihn in einen Raum, der vergitterte
Fenster hatte und aus dem er nicht hätte fliehen können, selbst wenn
nicht zwei Männer bei ihm geblieben wären.
Der Kommissar sagte: »Das ist er, Gott sei Dank! In der
Polizistenuniform! Gott sei Dank!«
* * * * *
Wenk stieg um fünf Uhr in der Früh mit dem Wasserflugzeug in München auf
und landete zwei Stunden später vor Schachen. Er flog die Treppen hinauf
in die Villa Elise und zu dem Raum, in dem der gefangene Räuberkönig
seiner wartete ... des Besiegers ...
»Hier ist der Doktor Mabuse!« schrie ihm der Kommissar entgegen. »Jetzt
haben wir ihn, Gott sei Dank!«
Wenk, ganz Musik, ganz Rauschen, Sieg, Kraft und Trompeten, trat in die
Tür und sah auf den an den Stuhl festgebundenen Polizisten.
»Wo?« fragte er.
»Dort ... auf dem Stuhl der!«
Wenk schaute genauer hin.
Schon wußte er: Entkommen! Schon fiel alles wieder zurück in den
endlosen, leeren schwarzen Schacht, noch bevor er ein weiteres Wort
hörte oder sprach.
Auf einmal sagte der Kommissar: »Aber das ist doch der Poldringer, den
wir hier überwacht haben!«
»Ja, das ist der Poldringer!« antwortete Wenk traurig.
Mabuse war entkommen.