Da fragte Wenk: »Wo ist denn das Badezimmer?«

Aber niemand wußte, wo das Badezimmer war.

Und nun schrie es durch alle: Was war das? Was war das?

Die Zimmer wurden kopfüber gestellt. Die losgeschraubten Sicherungen

wurden am Schaltbrett wieder angedreht. Helligkeit wirft sich durchs

Haus. Die Räume glänzen ... Reichtum und Pracht, Gemälde, Teppiche,

Bronzen, Möbel. Das Badezimmer wurde gefunden. Es hatte eine Wanne aus

Marmor.

Aber das ganze Haus war leer!

Wenk raufte sich die Haare. Ihm war, als sei er ein leerer Schacht, und

alles Gute, Schöne, aller Erfolg, Stolz, alles sei durch den Schacht

hinab in ein unauffindbares Loch gefallen.

Man ging mit den Äxten an die Wände. Man vermutete etwas. Und bald hatte

man die Lösung des Rätsels und die geheime rettende Kabine gefunden.

Aber Wenk faßte sich. Es stand noch irgendwo eine zweite Mausefalle. In

Schachen! Die Villa Elise!

Der Staatsanwalt brauste zur Zentrale des Fernsprechamts. Alle Linien

wurden für ihn geschlossen. Er hatte alles bis aufs letzte vorbereitet.

In Strahlen um München herum waren die Landstraßen unter den Augen der

Polizei! Die Strecke München-Lindau hatte acht Posten und jeder einen

Fernsprecher, der in einer Minute die Ereignisse, die vor ihm geschahen,

durch die Nacht nach München warf.

Wenk gab Alarm nach allen Richtungen.

Er hatte durch den Kniff Mabuses reichlich eine halbe Stunde versäumt.

Wenn es ginge, wie er es sich dachte, und wenn er das Auto des

Fliehenden auf achtzig bis neunzig Kilometer schätzte, so blieben zehn

Minuten, bis Buchloe den Durchgang melden mußte.

Aber kaum hatte er das berechnet, mit dem Bleistift am Rand der

Kilometertafel, so meldete Buchloe.

Wenks Herz sang auf.

»Hier Buchloe! Ein Auto gerade durch! Polizeiwidrige Schnelligkeit.

Richtung Kempten. Großer gedeckter Wagen!«

Es war 2 Uhr 10. Eine Viertelstunde später kam Kaufbeuren.

»Großer gedeckter Wagen etwa achtzig Kilometer Geschwindigkeit soeben

durch. Richtung Kempten.«

Es war 2 Uhr 25.

Wenk begann rasch die Schnelligkeit auszurechnen, mit der der Wagen

fuhr.

Aber da meldete sich Buchloe ein zweites Mal: »Ein zweiter Wagen soeben

durch! Kleiner offener Wagen mit einer Person!«

Und zehn Minuten später folgte Kaufbeuren mit derselben Meldung.

Sie fliehen truppweise. Der zweite Wagen fuhr schneller. In ihm wird

Mabuse sein. Im ersten Helfershelfer!

Ober-Günzburg meldete die Durchfahrt der Wagen schon in einem Gespräch.

Der zweite Wagen folgte dem ersten, als der Beamte gerade den Durchgang

des ersten angezeigt hatte.

Einen ähnlichen Bericht brachte Buchenberg.

Da hielt Wenk es an der Zeit, Schachen anzurufen. Er gab die Anweisung,

das Eintreffen von zwei Wagen abzuwarten und dann nach dem

vorgezeichneten Plan loszuschlagen. Der Mann, auf den es vor allem

ankäme, trage wahrscheinlich die Uniform eines Münchener Polizisten. Man

solle sich dadurch nicht irremachen lassen. Das sei Mabuse!

Wir haben sie sicher, sang alles in Wenk, als weiter Meldung auf Meldung

folgte. Und alle Meldungen ihm versicherten, daß der Weg der Fliehenden

auf Schachen ginge.

Ortsnamen auf Ortsnamen glühten vor Wenk an der Namenstafel auf. Aus der

Nacht riefen ihn Dörfer und Städtchen an und banden sich an ihn.

Unsichtbares Geisterband warf er über Landschaften, die bis an die

Grenzen des Reiches gingen. Die heimliche Tat einer weiten Landstraße

riß er so aus der Finsternis an sich, und die Landstraße wußte nichts

davon. Er hatte mit dem kleinen Hebel diese ganze ungemessene, in

Finsternis gehüllte Chaussee, über die die Tat tobte, in seiner Hand.

Die Etappen, die er eingerichtet, hatten ihm nicht versagt ... ihm, dem

Feldherrn. Keine einzige!

»Hergatz« leuchtete es auf, und das kleine Geräusch des Weckers in der

Maschine vor ihm erscholl ihm so vertraut, als sei es sein Name, der

gerufen wurde.

»Ja!« sagte er, »Staatsanwalt Wenk, München!«

»Ein kleines offenes Auto mit großer Schnelligkeit vorbei auf Lindau zu.

Zwei Personen drin. Doch nicht sicher erkannt.«

»Danke. Lassen Sie die Verbindung offen! Es wird noch ein Auto kommen!«

Wenk wartete. Er hörte in den verstummten Drähten alle Geräusche, die

die Nacht zwischen München und einem kleinen Ort Hergatz, in dem er nie

gewesen, summte.

»Sind Sie noch da?« fragte Wenk nach einer Weile.

»Jawohl!«

»Ist das zweite Auto noch nicht vorbei?«

»Nein!«

Nach einer Weile fragte Wenk wieder. »Nein!« hörte er nochmals.

Eine Viertelstunde rief er Hergatz von neuem an.

Es kam kein anderes Auto, antwortete der Beamte.

Da warf Wenk erregt die Landkarte vor sich auf. Er suchte fieberhaft.

Buchenberg -- Isny -- Gestratz -- Opfenbach ... da Hergatz! Und hinter

Isny bog eine Landstraße nach Wangen und dem Württembergischen oder

links eine andere nach dem Österreichischen.

Wenk rief Wangen an. Aber es antwortete nicht. Er wiederholte. Er ließ

zehn Minuten im Sturm läuten. Es war vergeblich. Wangen hatte er nicht

in seine Berechnungen und nicht in seine Vorbereitungen gezogen. Nach

dem Österreichischen aber konnte er keine Weisungen geben. Über diese

Gebiete erstreckte sich die Macht seines Hebels nicht mehr. Ein Auto

entwand sich ihm. Ein Auto wurde ihm von der Nacht gestohlen, von den

fremden, feindseligen, in Finsternis gehüllten Straßen entrissen.

Aber dann überlegte er sich, es könnte eine Panne den großen Wagen auf

den Weg gelegt haben. Ja natürlich war es so. Denn deshalb hatte der

kleine Wagen auf einmal zwei Personen, der bis Hergatz immer nur mit

einer gemeldet worden war. Der neue Umstand durfte nicht mehr stören.

Durfte ihn nicht aus der Glückserie herausdrängen. Er vertraute, und es

mußte losgeschlagen werden.

Er rief Schachen an.

»Wahrscheinlich kommt nur ein Wagen. Lassen Sie ihn einfahren! Warten

Sie zwanzig Minuten, ob nicht der zweite folgt, und umstellen Sie die

Villa dicht. Und dann Schlag auf Schlag!«

Kaum war sein letztes Wort im Sprachrohr verklungen, als der Weckapparat

wieder rief. Die letzte Etappe -- der Bahnhof von Enzisweiler!

Ein kleines offenes Auto sei in rascher Fahrt von der Landstraße

Lindau-Friedrichshafen abgebogen und fahre Schachen zu. Zwei Personen!

Es war vollbracht! Weiteres konnte Wenk selber nun nicht mehr tun!

Er mußte warten. Vielleicht begann in wenigen Augenblicken die Schlacht

am Bodensee, die seine Strategie vorbereitet hatte. Er befahl noch, auf

den zweiten Wagen nicht erst zu warten, sondern beim Eintreffen des

ersten gleich hinter seinen Insassen in die Villa einzudringen, sie zu

fesseln, die Lichter zu löschen und eine Stunde lang noch auf den

zweiten Wagen zu warten.

Wenk schaute auf die Uhr. Er legte sie vor sich. Es war 3 Uhr 18

Minuten.

Eine Unruhe bebte ihm in den Hand- und Fußgelenken und verzitterte in

sein Hirn. Er fühlte sie wie einen schmerzenden Wirbelwind aus seinen

Lenden in den Kopf rasen. Dort blieb sie stehen, ein Weilchen nur. Dann

pumpte sie sich wieder denselben Weg durch und ungezählte Male immer

denselben Weg von den Lenden ins Hirn.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 42 / 58 题