Mabuse antwortete schroff: »Wie sprechen Sie?«

»Die Sache ist für mehrere Menschen wichtig.«

»Für wen denn noch?«

»Zum Beispiel für mich!«

Mabuse zog eine weitläufige wegschiebende Gebärde durch die Luft.

Ebenhügel sog geräuschvoll die Luft ein.

»Ich habe nicht getrunken,« fuhr ihn Mabuse an. »Wie können Sie mich

wegen einer solchen Nichtigkeit diese Reise machen lassen!«

»Ich hielt es für wichtig, Sie selber zu unterrichten. Alle Post wird

heute kontrolliert, Menschen sind unzuverlässig.«

»Wer bezeugt mir, daß Sie zuverlässig sind? Sie sind auch ein Mensch.«

»Unsere gemeinsamen Interessen, Herr Doktor. Ich wollte nur sagen, die

Gefahr droht von München aus. In der Schweiz wären Sie sicher. Sie haben

ja Reichtümer aufgestapelt, die Ihnen erlauben, in jedem Land zu leben.

Bleiben Sie hier. Bei uns sind Sie sicher.«

»Was wissen Sie davon? Sie haben mein Vermögen zu verwalten, sonst

nichts. Nur zu verwalten! Basta! Noch etwas?«

Der Rechtsanwalt berichtete über seine letzten finanziellen Operationen

für Mabuse. Mabuse nahm die Aufzeichnungen, die jener mitgebracht hatte,

an sich. Er schritt dann am Bachufer fünf Minuten auf und ab, allein, um

sich nach dem langen Fahren zu ergehen.

»Ist Spoerri noch da?« fragte er. »Sie brauchen dann nicht nach Zürich

zu reisen,« sagte er ihm. »Ebenhügel nimmt die Mappe mit. Wir fahren

zusammen nach Schachen zurück.«

Auf der Rückfahrt vermochte Mabuse nicht sitzen zu bleiben. Er ging

ununterbrochen auf der kleinen Plattform hin und her. Ein Lichtzeichen

blitzte vor ihm auf. Die drei Konvoiboote pochten wieder um sie. Ihr

Lärm ging verborgen in der Finsternis wie von Geistern.

Mabuse telephonierte durchs Sprachrohr nach vorn: »Georg, Kognak!« Das

hörte Spoerri, und er erschrak.

Mabuse trank in der halben Stunde, die die Fahrt dauerte, die Flasche

leer. Er war betrunken, als sie an Land gingen. Er torkelte durch die

Finsternis dem Hause zu, den andern voran, die nach seinem Befehl fünf

Minuten warten mußten, bevor sie ihm folgten. »Wir trinken weiter,«

befahl er im Speisezimmer. »Bring! Georg!«

Spoerri überfiel ein Gruseln. Er wußte, wie es ging. Der Doktor wurde,

je mehr er trank, immer nüchterner und grausamer. Spoerri selber mußte

sich bis zur Bewußtlosigkeit betrinken. Sie tranken nun Sekt zur Hälfte

mit Kognak gemischt.

»Das ist aufgelöstes Gold,« stammelte Mabuse. »Her! Größere Gläser!

Georg! Die Pokale! Spoerri, ein Zug! Reisläufer-Sohn! auf einen Zug!

Hundeblase, hinab! In deine Hundeblase!« Er trank vor. »Gefehlt!« schrie

er, da er vor Spoerri fertig war. »Noch einen! Du mußt kotzen! Ich muß

dich kotzen sehn! Deine Seele ausspucken sehn, du halbverdautes

Menschenaas!«

Spoerri trank, und in den Augwinkeln drehte alles kopfüber in eine Tiefe

hinab, in die er selber zu fallen drohte.

»Hast du gehört, der Herr von Wenk? Staatsanwalt in München! Dein

Notizbuch! ... Beseitigungskommission ... Befehl des Generals, nein des

... Fürsten ... Staatsanwalt Wenk. Nein, warte ... Zuerst der Herr Hull.

Der fing an ... Spoerri, Landsknecht, Gedärm, sauf'! So wie ich! ... Ja

... Hull, Hull, schreib': Gerhard Hull! Hubertusstraße 34. Ab mit ihm!

Der Reihe nach. Der zuerst! Wie sie's selber gemacht haben. Georg macht

es. Du hilfst! Die Carozza fädelt es ein. Such' Helfer! Schreib'! Befehl

des ... Fürsten! Trink' ... Du ... des Fürsten, hast du? Hä, welches

Fürsten, Gedärm, beschmierter Stiefel, welches Fürsten? du ... des

Fürsten, des Kaisers von Eitopomar in Süd-Brasilien. Ein Wort aus seinem

Mund, und tausend Weibern bluten die Rippen, und fünfhundert Männer

können nicht mehr zeugen. Ein einziges Wort! Eine Gebärde! Grinse nicht,

oder ich kastriere dich mit dem Glasscherben!«

Er zerschlug seinen Pokal und bedrohte Spoerri mit den Scherben.

»Schreib' i... ich,« stöhnte der, »schreib' i... ich schon.«

»Tausend Weiber und fünfhundert Männer!« schrie Mabuse.

»Doktor?« fragte Spoerri zaghaft und durch seine sinnenfressende

Betrunkenheit voll Dumpfheit erschreckend. »Weiß i... ich jetzt nicht

... weiß ... Hull! Ich? Hubertusstraße 34 ... Ich? Ist dir ernst,

Doktor?«

Da stand Mabuse auf einmal, so betrunken er war, kerzengrad. Er brüllte:

»Dir?« Dann schlug er Spoerri von oben herab mit der Faust auf die

Stirn, daß der mit seinem Stuhl langhin auf den Boden fiel.

»Will schlafen gehn, Georg!« schrie er hinaus, von Wut zersprengt. Er

ließ Spoerri bewußtlos liegen, wie er hingefallen war, und ging.

Am nächsten Morgen saß Spoerri schon im Eßzimmer, als Mabuse kam. Mabuse

hatte im Bett gefrühstückt. »Zeigen Sie Ihre Notizen!« befahl er barsch.

Er durchflog sie, fand Hulls Adresse mit trunken fallenden Buchstaben

dazwischen geschrieben und gab Spoerri das Buch zurück.

»In Ordnung!« sagte Mabuse.

Spoerri umkroch ihn wie ein Hund auf der ängstlichen Lauer vor der

Stiefelsohle.

Das tat Mabuse wohl. Das beruhigte und versöhnte ihn. Er wurde

gesprächig. Spoerri ging es auf wie ein taubes kleines Glück, daß der

Herr freundlich zu ihm ward, daß der furchtbare Wille, der aus dem

großen Kopf dieses machtvollen Mannes auf ihn hämmerte, freundliche

Worte für ihn herausbrachte und ihm Anerkennung gab.

»Spoerri,« sagte Mabuse, »ich geh' mit Ihnen nach Konstanz. Es ist

wichtig, daß die jungen Leute uns keine Dummheiten machen!«

Da leuchtete Spoerri. »Ja, wenn sie den Herrn Doktor sehen, dann ist

nichts zu fürchten.«

Die beiden blieben tagsüber in der Villa. Mabuse trank, zwang Spoerri

aber nicht mehr mitzutun. Vor dem Mittagessen schon war er betrunken.

Spoerri war, müd in Hirn und Blut von dem schweren Rausch der

vergangenen Nacht, auf eine überweiche Art um Mabuse besorgt. Er

versuchte heimlich mit naiven Kniffen, ihn vom Trinken abzuhalten. Aber

Mabuse merkte das bald. »Weg da! Die volle Flasche her! Daß das nicht

noch einmal versucht wird!« sagte er.

Er mußte trinken. Er trank und feuerte seinen bösen, starken Geist an.

Seine Phantasie fand im Rausch die Einfälle der großen Geschäfte, wenn

sie von seinem Willen alle Ablenkung nach außen fernhielt und der Rausch

ihn in sich selber einschloß wie in eine Burg aus Tausendundeiner Nacht.

Das verstand niemand. Der Alkohol war ihm ein Märchenerzähler, war ihm

der Strom, der in der Tiefe den Saft des Lebens trug und zum Schöpfen

hinreichte. Er badete in ihm wie in der Liebe zu einer Frau, in

fließenden Abspannungen, neue Bahnen erspringend, ununterbrochen. Löste

alle Gesetze auf und ließ ihn im Eignen uneingeschränkt, hemmungslos

wachsend, über alle Grenzen sich dehnen ... sein eignes System, seine

eigne Welt und Sonne.

»Spoerri, wie gefällt dir Europa?« lallt er.

»O gut, Herr Doktor!« antwortet Spoerri entgegenkommend unbesonnen.

Da brüllt Mabuse ihn an: »Du gehst nicht mit nach Eitopomar, meinem

Reich! Europa ist eine Filzlaus. Einer kriecht dem andern ins Fell. Alle

überkriechen sich. Sie ertränken sich mit Petroleum. Alle die Filzläuse,

die Schmarotzer, die Stinker, die Heimlichen, die Hautjucker. Mit

Petroleum, weil sie wissen, daran krepiert man nicht. Eine Hautpore ist

schon ein Krater für sie. Aber wenn ich in Eitopomar sein werde ...

Spoerri, du gehst nicht mit! Ich geh' jetzt schlafen. Bis nachher.«

Mabuse torkelte hinaus. Im Schlafzimmer auf seinem Bett, angekleidet,

ließ er noch einige Minuten, als sei er selber Weltall, befreit von

Grenzen und Räumen, die Ausbrüche seines Willens über sich fließen, Lava

und Urschlamm, kochend durch tausend Nächte dem einen Tag entgegen, der

ihm in dem fernen Reich alle Macht über Leben und Tod von Tieren,

Wäldern und Menschen in seine beiden gierigen Hände geben sollte.

Abends, als die Dämmerung eingebrochen war, fuhren sie nach Konstanz.

Mabuse war nüchtern, schweigsam und mürrisch. Seine Vorstellungen

bearbeiteten schon mit harten Schlägen, die in seinen Nerven fühlbar

widerzitterten, das Rudel junger Burschen, das in dieser Stadt, die in

die Grenze eingespießt lag wie eine Zecke, seit dem Waffenstillstand für

ihn tätig gewesen war. Von dieser selben Stadt aus hatte er begonnen,

als der Krieg ihn aus dem eignen und selbstherrlichen Reich seiner

Pflanzung auf der Salomonen-Insel nach Europa zurückgeworfen hatte und

er sich hier mit der sprengenden Macht seines Willens nicht besser

zurechtfand als damals, da er, nach dem Examen, die Südsee gegen eine

Arztkarriere in einer süddeutschen Stadt getauscht hatte.

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 13 / 58 题