VI

Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern

überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die

entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich.

Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch

seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die

Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.

Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und

links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme

zuzuführen. Wie spät war es?

Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen.

Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein

Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie

war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war?

Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den

Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister

zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen

Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste,

was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze

Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...

Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er

stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und

fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie

spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der

erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof

warten!

Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.

Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im

Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener

ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn

voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der

irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise

auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub

sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster

setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen,

als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war

viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von

seinem Sitz aus. Natürlich war es so!

Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im

halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf

München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen

bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich

seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.

Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so

rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein

tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen!

Weshalb nur in ein betäubendes Gas?

Sollte es eine Warnung sein?

Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von

ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was

stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle

Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten

Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde!

Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war

davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.

Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft.

Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm

wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf

den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in

der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem

geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten,

wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.

Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er

sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam

vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern

aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er

unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.

Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf

dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er

kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze

zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des

Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:

Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der

Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung,

mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des

Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt

war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen

... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber

auch an ihrer Überwindung.

Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter

verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in

ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der

Gegner arbeitete im Finstern.

Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was

an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen?

War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als

Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der

Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der

Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat.

Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen

mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine

Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht,

wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen,

die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer

im Lager des Feindes holen gehen.

Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und

zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja,

sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. »Sie

spielen nicht, Herr Staatsanwalt?« fragte sie.

»Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das

Spiel.«

»Das Beobachten,« lachte sie leis zurück, »ist bei einem Staatsanwalt

nicht gut ... für die Mitspieler!«

Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht

gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht;

jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja,

vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.

Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre

funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: »Sie

sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein

Bann ist beschworen für den Mitspieler!«

Er sagte für »den« Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt,

blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so

kühl berechnend mit ihr verkehren konnte.

Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem

gesellschaftlichen Lächeln entgegen.

Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an

ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese

Frau spielten, dachte er sich.

Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber

und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: »Ich war

an dem Abend hier, als Basch verlor!«

»Ich weiß ja,« antwortete Wenk befremdet und fragend.

»Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.«

»Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!«

»Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull

kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am

Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine

atmosphärische Störung ... Nicht wahr?« fragte sie auf einmal mit einer

schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit.

Wenk war betreten. Er fragte zurück: »Am Abend mit dem alten Professor?

Mit welchem alten Professor?«

»Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,« lächelte sie schelmisch.

Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes

Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn

erkannt habe.

»Sie waren gut maskiert,« sagte sie. »Aber ich konnte nicht glauben, daß

in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien,

die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat.

Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen

Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.«

Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: »Daß es

nämlich auch in unsern Kreisen« -- wobei sie rund um den Tisch blickte

-- »Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...«

»Ihre sprudelnde Ironie,« entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend,

»verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und

daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere

Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.«

»Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja

nun Schiffe und Beruf weggenommen!«

»Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem

früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?«

»Ich bin nicht dumm!« lächelte sie.

»Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.«

Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem

es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie

war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich

dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte?

Wenk lachte heraus: »Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch

aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Gräfin? ... sagte Sherlock

Holmes. Wir sind quitt, Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und

vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen

dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in

Ihre Taschentücher, Frau Gräfin ...«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 14 / 58 题