Wenk erwachte an einem Gefühl von Kälte, das ihn mit Schauern
überhüpfte. Er zog den Mantel fest, in der Meinung, es sei die
entglittene Bettdecke. Bald ward er seinen Irrtum gewahr. Er erhob sich.
Ein taumeliges Gefühl bohrte sich, noch Erinnerungen erstickend, durch
seine Adern. Langsam besann er sich. Er sah gleich, wo er war. Die
Schloßgebäude durchleuchteten die Nacht.
Er sprang heftig auf und ging davon. Halb erstarrt. Er mußte rechts und
links und hin und her springen, um seinem Körper wieder Wärme
zuzuführen. Wie spät war es?
Er griff nach der Uhr. Sie fehlte. Dann durchsuchte er seine Taschen.
Seine Brieftasche fehlte ebenfalls, und mit ihr sein Geld und sein
Notizbuch. Er war einem Räuber in die Hände gefallen. Sonderbar ... wie
war es gegangen, daß er mit dem Leben davongekommen war?
Da auf einmal empfand er einen wilden Schrecken. Er faßte sich an den
Kopf und drückte die Schläfen fest, um des verzweifelten Gefühls Meister
zu werden. Sein Notizbuch fehlte auch. In diesem Notizbuch standen
Adressen, Beobachtungen, Mitteilungen, Anweisungen, Pläne ... Das erste,
was er sich davon erinnerte, war die erste Seite, auf der die ganze
Geschichte mit Hulls 20000 Mark stand ...
Wenk lief jetzt gradaus. Als ob er sein Notizbuch einholen könnte! Er
stürmte, daß ihm der Atem verging. Etwas lief ihm davon. Er hielt an und
fragte sich: Was ist jetzt zu tun? Auf den nächsten Bahnhof? Aber wie
spät ist es? Vielleicht ist es fünf Uhr, vielleicht erst eins! Und der
erste Zug? Warten ... vier, fünf Stunden vor einem geschlossenen Bahnhof
warten!
Sollte er nicht jemand im Schloß wecken? Dann müßte er erzählen.
Nein, das hätte keinen Zweck. Jetzt Lärm machen! Der Chauffeur hatte im
Auftrag des Blondbärtigen gearbeitet. Das war zweifellos! Hatte jener
ihn in seiner Verkleidung erkannt und das Werk so geschickt und kühn
voraussehend in den Weg geleitet? Oder war es System, daß einer, der
irgendwie verdächtig erscheint, von vornherein einmal auf diese Weise
auf die Nieren geprüft wurde? Oder konnte es doch vielleicht nur Raub
sein, bei dem das Buch mitgegangen war? Dadurch, daß er sich ins Polster
setzte, öffnete er wohl die Gasleitung; denn es war kein Gas im Wagen,
als er einstieg. Das war so vorgesehen. Nein, so war es nicht. Es war
viel einfacher und sicherer. Der Führer konnte den Gashahn öffnen von
seinem Sitz aus. Natürlich war es so!
Währenddessen ging Wenk schon auf der Landstraße, und zwar erst im
halben Bewußtsein seines Entschlusses, zu Fuß in der Richtung auf
München zurück. Er ging, so schnell er konnte. Manchmal mußte er stehen
bleiben, um ein Gefühl des Taumels abzuwarten und abzuwehren, das sich
seiner bemächtigen und ihn auf der Straße niederpressen wollte.
Das war wohl eine Nachwirkung des Gases. Was war das für ein Gas, das so
rasch wirkte und so unschädlich war? Man hätte ihn ebensogut in ein
tödliches Gas setzen können. Dann wäre man ihn sicher los gewesen!
Weshalb nur in ein betäubendes Gas?
Sollte es eine Warnung sein?
Jetzt hatte man sein Notizbuch! Vielleicht wollte man nichts anderes von
ihm als sein Notizbuch! Ein Anschlag auf sein kleines Notizbuch! Was
stand noch drin? Welche Namen hatte er noch drin? Karstens ... Und alle
Erlebnisse in den Spielhäusern mit dem Blondbärtigen und dem alten
Professor und im Palasthotel. Und alle Häuser, in denen gespielt wurde!
Es war klar. Nur sein Buch wollte man haben. Das war geglückt. Das war
davon. Es war ihm ein liebes kleines und bewegtes Buch gewesen.
Er ging schneller und schneller. Die Häuser schliefen in der Landschaft.
Die Ortschaften schliefen. Die Vorstadtstraßen schliefen. Sie kamen ihm
wie blasse Lindwürmer durch die Nacht entgegengekrochen, schliefen auf
den flachen Äckern, in denen Reste von Schnee eingenistet lagen und in
der Finsternis zur Straße heraufleuchteten, als seien sie in einem
geisterhaften Halbleben an den Weg geworfen worden, um zu beobachten,
wer darüber ginge. Es schauderte Wenk.
Als aber dann ein Trambahnwagen kam, beruhigte er sich. Bald kannte er
sich aus und eilte in die Stadt hinein und seiner Wohnung zu. Er kam
vollkommen erschöpft in seinem Zimmer an, legte sich in den Kleidern
aufs Bett und verfiel einer zweiten Bewußtlosigkeit, aus der heraus er
unvermittelt in stärkenden Schlaf glitt. Erst am Abend wachte er auf.
Der erste Einfall, der ihm kam, war der, daß sein Leben von jetzt an auf
dem Spiel stand. Er nahm ihn ruhig hin. Das war selbstverständlich. Er
kämpfte mit dem Bösen. Dessen Schlachtplatz lag immer da, wo die Grenze
zwischen Sein und Zerstören war. Er fragte sich, ob der Gegenstand des
Einsatzes wert sei, und antwortete sich selbst im nächsten Augenblick:
Darüber gibt es kein Nachdenken. Die Menschen sind losgelassen aus der
Menagerie. Es war sein Amt, seine Pflicht, seine Daseinsberechtigung,
mitzuhelfen, sie gefahrlos zu machen. Keine Menschenfurcht! Keine des
Leibes, wie er keine der Seele hatte, seitdem es seinem Geist geglückt
war, sich in die krisenhafte Zeit des neuen Deutschlands hineinzufühlen
... sich mitverantwortlich zu sehen an dem Entstehen dieser Zeit, aber
auch an ihrer Überwindung.
Aber eins: War er dem andern gewachsen? Sollte er sich nicht dahinter
verschanzen müssen, daß er sein Leben und seine Kraft von vornherein in
ein vergebliches Wagnis setzte? Der Gegner schien ihm überlegen. Der
Gegner arbeitete im Finstern.
Waren Wenks Hände stark genug, da hineinzugreifen und festzuhalten, was
an dunkeln Mächten sich ihnen entgegenwälzte, um sie zu zerquetschen?
War er stark genug gegen diese Zeit? Denn sein Gegner war mehr als
Falschspieler, Verbrecher ... war die ganze Zeit, die von der
Kriegskatastrophe losgerissen worden war aus dem Höllenschoß der
Schöpfung und heraufbrach über die Welt und seine Heimat.
Er sah ein, daß er gegen einen solchen Gegner die Netze weiter spannen
mußte, wenn er dran denken wollte, ihn zu fangen. Er mußte seine
Organisation gegen die des Verbrechers stellen. Er durfte dabei nicht,
wie bisher, in seinen Bundesgenossen geistige Kräfte berücksichtigen,
die er auf einen Klang mit sich selber bringen wollte. Er mußte Helfer
im Lager des Feindes holen gehen.
Sofort dachte er an die Frau, der er zu der sonderbaren und
zweifelhaften Flucht verholfen hatte. Er fuhr gleich zu Schramms. Ja,
sie saß da. Wie immer schaute sie nur zu. Er setzte sich zu ihr. »Sie
spielen nicht, Herr Staatsanwalt?« fragte sie.
»Nein, Ihr Beispiel hat mir das Beobachten interessanter gemacht als das
Spiel.«
»Das Beobachten,« lachte sie leis zurück, »ist bei einem Staatsanwalt
nicht gut ... für die Mitspieler!«
Wenk hatte einen leisen Verdacht, als ob das mit einer Nebenabsicht
gesagt sei, spöttisch oder lauernd, darüber fand er sich nicht zurecht;
jedenfalls im Dienst eines andern. Der saß wohl da und spielte mit. Ja,
vielleicht wirkten die beiden heimlich zusammen.
Er beobachtete sie. Sie saß aber gelassen und untätig da. Sie gab ihre
funkelnden Blicke nach allen Richtungen. Er sagte ihr abtastend: »Sie
sahen einen Staatsanwalt selber in den Krallen des Spielteufels. Sein
Bann ist beschworen für den Mitspieler!«
Er sagte für »den« Mitspieler und dachte: jetzt zuckt sie auf, stutzt,
blickt ihn rasch an. Er weiß etwas von ihr. Er wunderte sich, daß er so
kühl berechnend mit ihr verkehren konnte.
Aber sie blieb ruhig sitzen und nahm seine Worte nur mit einem
gesellschaftlichen Lächeln entgegen.
Sie ist schön, und es ist etwas von heimlicher, zurückhaltender Kraft an
ihr. Die Männer spielen um Geld. Es wäre männlicher, wenn sie um diese
Frau spielten, dachte er sich.
Nach einer Weile beugte sie sich auf dem Polster etwas zu ihm herüber
und sagte leise und mit einer spielerischen Eindringlichkeit: »Ich war
an dem Abend hier, als Basch verlor!«
»Ich weiß ja,« antwortete Wenk befremdet und fragend.
»Da haben Sie auch gespielt, Herr Staatsanwalt.«
»Nun ja, ich habe gespielt. Ich sagte das ja eben!«
»Ja, ich meine, da haben Sie gespielt! Am ersten Abend, als Sie mit Hull
kamen, haben Sie auch gespielt. Aber das war nicht gespielt. Und am
Abend mit dem alten Professor, weiß ich nicht recht, da war eine
atmosphärische Störung ... Nicht wahr?« fragte sie auf einmal mit einer
schmelzenden und ganz damenhaften Liebenswürdigkeit.
Wenk war betreten. Er fragte zurück: »Am Abend mit dem alten Professor?
Mit welchem alten Professor?«
»Als Sie als Ihr Onkel aus der Provinz kamen,« lächelte sie schelmisch.
Da sah Wenk ein, daß sie ihn erkannt hatte. Er machte ein enttäuschtes
Gesicht. Aber sie bat ihn, nicht darüber traurig zu sein, daß sie ihn
erkannt habe.
»Sie waren gut maskiert,« sagte sie. »Aber ich konnte nicht glauben, daß
in München zwei solcher kleinen süßen Affen auf einem Pfirsich seien,
die ein chinesischer Steinschneider aus einem Amethysten gezaubert hat.
Der Ring hatte mir das erstemal, als ich ihn sah, zwischen den dummen
Brillanten an den dummen Männerfingern so wohlgetan.«
Wenk blickte sie abwartend an. Wer war sie? Sie fuhr dann fort: »Daß es
nämlich auch in unsern Kreisen« -- wobei sie rund um den Tisch blickte
-- »Männer gab, die so etwas wie Geschmack hatten ...«
»Ihre sprudelnde Ironie,« entgegnete Wenk, auf ihren Ton eingehend,
»verlangt wohl kein Nein oder Ja! Schon daß Ihnen mein Ring auffiel und
daß Sie seine Heimat so richtig schätzen, verlegt auch Sie in andere
Kreise als die, in denen Sie sich zeigen.«
»Ich war Stewardeß auf einem Ostasiendampfer. Aber der Krieg hat uns ja
nun Schiffe und Beruf weggenommen!«
»Darf ich Ihnen dann das Kompliment machen, daß Sie sich von Ihrem
früheren Beruf lobenswert fortentwickelt haben?«
»Ich bin nicht dumm!« lächelte sie.
»Es gibt nichts, was unnötiger zu versichern wäre, Frau Gräfin.«
Da gab es einen ganz kurzen Augenblick im Auge der schönen Frau, in dem
es wie unmerklich gestaut in ihm stillstand. Hatte er gewußt, wer sie
war? Hatte er ein wenig mit ihr spielen wollen, und wird er jetzt sich
dick tun mit seinem Wissen, daß sie an solchen Orten heimlich verkehrte?
Wenk lachte heraus: »Oder kommt Ihr mit der Krone verziertes Taschentuch
aus dem Koffer einer nach Ostasien gereisten Gräfin? ... sagte Sherlock
Holmes. Wir sind quitt, Gnädigste. Wir wollen beide uns bessern und
vorsichtiger sein, wenn wir unter die Sterblichen gehn. Ich stecke einen
dummen Brillanten an den Finger. Sie sticken ein Monogramm ohne Krone in
Ihre Taschentücher, Frau Gräfin ...«