Der andere: »Sie sind nicht mein Herr!«

Da bäumte Mabuse sich auf. »Ich bin nicht ... sagen Sie!« Er brüllte:

»Doch! Sie können heimfahren. Ich brauche Sie nicht mehr. Nie mehr!«

Er wandte sich schon in sein Auto hinein. Da sagte er noch hastig und

drohend: »Sollten Sie etwa Lust verspüren, eine anonyme Anzeige zu

versenden, so wissen Sie, daß in einem Wald eine Tanne wächst. Bis der

Strick vermorscht und Sie in Ihren eigenen Dreck fallen läßt. Wie der

Kollege Haim. Fahren, Georg!«

Das Auto stürzte weiter.

In der Gegend von Bad Schachen, wo Villen mit üppigen Anlagen Automobile

unauffällig machten, war ein Parktor offen, und ohne sich zu besinnen,

fand Georg den Weg in die schwarze Allee, die zur Villa führte. Die

Lichter waren gelöscht.

Spoerri kam, noch während Mabuse und Georg an der Haustür standen.

Als Mabuse aufschloß und im Flur das Licht andrehte, sah er, daß Spoerri

in der Tracht eines Mönches war. »Es ist nebensächlich,« sagte Spoerri.

»Ich mußte heute rasch in die Schweiz hinüber, und drüben im Rheintal

ist die Kutte besser als ein ungefälschter Grenzschein. Der letzte von

mir liegt in St. Gallen. Sie wissen ja, daß ich dort vorzeitig abreisen

mußte. Ich hatte aber bei Xaver die Listen. Die brachte er mir heute

nach Altstätten. Das kann man doch nicht mit der Post schicken,

heutzutage.«

Sie saßen dann in dem großen getäfelten Speisezimmer. Georg brachte ein

Nachtessen, das er zubereitet aus München mitgenommen hatte. Er hatte es

auf dem elektrischen Herd aufgewärmt. Noch essend, sagte Mabuse: »Wir

liquidieren am Bodensee. Die Verluste sind fünf Punkte höher als an

Land, nach den Listen, die geführt wurden. Ich habe fünf Millionen

Stücke italienischer Fünf-Lire-Stücke aufkaufen lassen. Sie kommen nach

Südtirol, müssen über Vorarlberg nach der Schweiz geschafft werden.

Organisieren Sie das, Spoerri. Der italienische Mittelsmann ist Dalbelli

in Meran. Sie müssen morgen hinreisen. Ich gebe einen Monat Zeit. Damit

fangen wir dann zugleich das neue Gebiet an. Die Schweiz ist jetzt

scharf gegen Silbereinfuhr. Darum ist die Konkurrenz im Einkauf

schwächer. Man bekommt genug Fünf-Lire-Stücke in Italien. Ich habe es

auch mit französischem Silber versucht. Aber seit dem Frieden von

Versailles ist in Frankreich eine unmögliche Bande in die Geschäfte

hineingekommen, die niemandem etwas gönnt, weil sie früher keine

Kaufleute gewesen sind. Haben Sie sich gemerkt?«

Spoerri nickte und rechnete heimlich.

»Warten Sie mit dem Rechnen, bis ich alles gesagt habe,« fuhr Mabuse ihn

scharf an.

Spoerri schaute verwirrt auf.

Mabuse fuhr fort: »Mein Vertrauensmann in der Regierung hat mich darüber

unterrichtet, daß die Zwangswirtschaft auf Fleisch im nächsten Monat in

Bayern beseitigt wird. Die Tatsache wird noch geheimgehalten. Die

Preisunterschiede zwischen Bayern und Württemberg sind enorm und werden

die erste Woche wenigstens nach der Aufhebung bedeutend bleiben. Aber

gut ist, man kauft jetzt schon auf. Notieren Sie sich, daß ich bis zehn

Millionen Mark darin anlege. Soviel man bekommt, kaufen. Baldauff ist

tüchtig. Sie fragen Mägerle in Stuttgart wegen der Abnahme an. Daß

beizeiten für die Kleinarbeit des Hinüberbringens genügend Leute mobil

sind! Es muß alles am dritten Tage nach der Ausgabe der Verordnung

erledigt sein. Es wird sich um tausend bis zwölfhundert Stück Großvieh

handeln. Man schaut wieder etwas auf Qualität. Kein Kleinvieh. Das

Risiko ist zu groß. Rechnen Sie es selber aus, bevor Sie Weiteres darin

vornehmen. Es sind 30 Prozent mehr zu lösen. Davon können 10 Prozent als

Ausgaben verwandt werden. Sie müssen genauer rechnen als das letztemal

beim Salvarsan.«

»Ich hatte dabei nicht ...«

»Ich weiß; wie gesagt, nicht genau gerechnet. Pesch scheidet aus. Lassen

Sie ihn von der Beseitigungskommission scharf bewachen. Er ist impulsiv.

Es darf bei dem geringsten Anzeichen nicht gefaxt werden. Er kann zu

Haim gehenkt werden. Man hat den noch heute nicht gefunden ... Wie teuer

haben Sie das Cer-Eisen bezahlt?«

»Es war teurer als ...«

»Es ist immer alles teurer, als ... Polen oder die Sowjets können es

draufschlagen. Wie teuer?«

»Fünfzig Mark!«

»Also fünfzig Schweizer Franken. Sie müssen es haben. Keinen Rappen

nachgeben!«

Es pfiff im Sprachrohr unter dem Tisch. »Ja, Georg,« rief Mabuse hinein.

»So ... gut. Die >Rhein< ist da, Spoerri. Georg, Sie steuern. Die

Wertpapiertasche nicht vergessen. Schluß! Sie reisen doch ohne jede

Gefahr nach Zürich, Spoerri?«

»Sobald ich über die Grenzkontrolle bin, ja! Ich reise dann weiter als

Pater.«

»Wenn Sie mit der >Rhein< fahren, brauchen Sie doch keine

Grenzkontrolle, Sie übernehmen die Aktentasche und bringen ihren Inhalt

auf meine Bank. Konto: Ingenieur Salbaz de Marte. Hier ist die Liste:

eine Million Deutsch-Luxemburger, zwei Millionen Deutsch-Überseer,

fünfhundert Stück Tausendmarkscheine. Diese gleich in Milreis

umwechseln. Es ist günstiger als über Dollars oder Schweizer Franken.

Benachrichtigen Sie Doktor Ebenhügel, daß neue Papiere im Depot sind.

Ich lasse ihm sagen, die erste Konjunktur benutzen und verkaufen, gegen

Milreis ... Es ist noch eine schwierige Sache zu erledigen: die Ablösung

der Leute am Bodensee, die für mich tätig waren. Wenn sie verdienstlos

werden ...«

»Viele wollen sowieso nicht mehr mitmachen,« sagte Spoerri.

»Ich weiß. Das sind die, die satt geworden sind. Sie sind nicht zu

fürchten. Sie haben sich mit meiner Hilfe ihre Häuser schuldenfrei

gemacht. Aber die Not zwang mich manchmal wahllos zu sein. Alle, die

kein eigenes Haus haben, nicht aus den Augen lassen! In Konstanz ist das

Pulverfaß. Da wohnen die jungen Burschen. Wenn wir ihnen den üppigen

Verdienst entziehen, sind sie plötzlich nichts mehr als Gauner, sitzen

in acht Tagen im Gefängnis und reden in der Wut. Sprechen Sie noch mit

Georg darüber, was dort zu machen ist. Er soll morgen hin. Am sichersten

wäre, sie in die Fremdenlegion abschieben. Gehen Sie Magnard aufsuchen,

sobald Sie von Zürich und Meran zurück sind. Auf das Kopfgeld verzichten

Sie natürlich nicht. Sie geben es Georg, damit er es unter die

Betroffenen verteilt ... Beauftragen Sie Böhm, die drei Motorboote zu

verkaufen, die wir außer der >Rhein< noch auf dem See haben. Der trägt

noch immer an der Mütze die Fassade des Königlich Württembergischen

Yachtklubs. Darunter geht das unauffällig. >Rhein< bleibt in der Nähe,

für alle Fälle. Das Boot kann sechzig Kilometer machen, wenn es ihm aufs

Steuer brennt. Wir gehen!«

Georg wartete draußen. Die drei Männer tasteten sich durch die

Dunkelheit des Parks zum Steg. Sie hörten schon den Motor leis atmen.

»Man hat meinen Befehl ausgeführt: Es ist nichts an Bord?« fragte

Mabuse.

»Außer dem Cer-Eisen, nichts!«

»Hinaus damit. Ich bin kein Alteisen-Trödler!«

Georg lief voran. Drei Männer arbeiteten in der Finsternis. Dann stiegen

Mabuse und Spoerri ein, und das Boot fuhr gleich los. Es fuhr vorsichtig

unter der niederen Nacht. Kaum wagte der Motor zu pusten. Leis

schütterte die Kabine, in der Mabuse sich in seinen Pelz hüllte. Dann

ging er auf die hintere Plattform hinaus und dann ungeduldig zum Motor

nach vorn.

Als sie eine Weile fuhren, horchte er hinaus. Es war ihm, als hörte er

einen Lärm. Der Lärm perlte durch die Geräusche des eigenen Bootes an

sein Ohr. »Halt!« befahl er.

Georg stoppte. Da verging der Lärm draußen. Man fuhr wieder an. Es

geschah alsbald, daß auch der Lärm auf dem See um sie von neuem klang

... bald rechts, bald links ... Mabuse ging auf die Plattform, wo das

Geräusch des Motors weniger stark war. Da hörte er es ganz deutlich.

Wir sind verfolgt oder wenigstens beobachtet, sagte er sich. Ist das

schon der Staatsanwalt Wenk? Ruhig und trotzig bereitete er seine beiden

Pistolen. Er überlegte, was er tun sollte, wenn ihn die Verfolger

anriefen. Er bemühte sich, in der Finsternis die kleine Flagge zu

erkennen, die am Heck der >Rhein< flatterte. Aber es war zu dunkel.

»Spoerri!« rief er leise in die Kabine.

Als Spoerri kam, fragte er: »Als was fahren wir? Horchen Sie, wir sind

verfolgt!«

»Nein, nein,« sagte Spoerri, »wir fahren als Schweizer Wachtboot. Ich

habe Warnung, daß die Deutschen heute mobil sind. Da habe ich die drei

anderen Boote herbeordert. Eines fährt hinter uns, die beiden anderen

rechts und links. Es käme niemand durch. Wir sind schon im Schweizer

Fahrwasser.«

»Wieviel verdienen Sie im Jahr bei mir, daß Sie soviel Sorge um mich

haben?« fragte Mabuse mit einem gehässigen Ton.

»Genug!« antwortete Spoerri. »Aber es ist nicht deshalb.«

»Es ist aus Liebe!« geiferte Mabuse. »Wollen Sie mit mir schlafen gehen?

Oder ist es die reine Nächstenliebe, die seit dem Kriege euch Schweizern

so gut steht?«

»Nun ja«, sagte Spoerri nur.

»Ich habe dreiundeinehalbe Million bei mir in der Aktentasche. Wenn Sie

wagten, mich zu erwürgen, täten Sie es. Aber Sie wagen es nicht. Das ist

alles. Das ist die ganze Menschlichkeit und Liebe, Sie haben im letzten

Jahr von mir 85677 Mark bekommen, und nebenbei ... genügt das Ihnen,

kein Mordsgelüst gegen einen Menschen zu haben?«

»Ja!« antwortete Spoerri einfach.

»Dann sind Sie ein Knecht. Mein Knecht. Hören Sie: mein Knecht!«

»Ich höre!«

»Soll ich dich ins Gesicht schlagen? Nein, ich bringe meine Haut nicht

in Berührung mit deinem Knechtsfell. Ich spucke nur durch die Luft!«

Ȇber Bord. Sie bekommen mit niemandem Streit. Der Bodensee hat keinen

^point d'honneur^.«

»^Point d'honneur^ ist ein fabelhafter Ausdruck. Ein Point ist so groß

wie eine halb ausgetretene Wanze. Genau so groß wie die Ehre der

Menschen. Was? Ihre auch, ha? Sie haben wohl solch eine Ehre, wie sie

der Bodensee nicht hat?«

»Ich habe sie nie gemessen!«

»Sprechen Sie anständig mit mir. Ich vertrage Ihren Käsewitz nicht ...«

»Wir kommen aufs Ufer zu.«

»Weichen Sie nicht aus, Sie!«

»Nein!«

»Sie!« rief Mabuse unterdrückt, aufquellend in jäher Erbosung. »Ich

spüre, wie der Haß aus meinen Fingerspitzen sprüht. Ich drücke Sie Ihnen

an den Hals, Sie ... Sie Hund ... Sie Menschengehunds. Als seien Sie ein

elektrischer Draht in einem amerikanischen Hinrichtestuhl. So fallen Sie

um, Sie jämmerliche Kreatur.«

In diesem Augenblick stellte der Motor ab. Der Lärm der Boote hinter

ihnen war seit einer Weile verstummt. »Weshalb fährt er nicht mehr. Habe

ich befohlen?« fragte Mabuse jähzornig.

»Es ist kein Signal am Ufer!«

Da kam Mabuse zu sich. Er stand auf, knirschte mit den Zähnen und

fragte: »Was ist los?«

»Wir müssen warten. Säuli ist sonst zuverlässig. Es ist etwas los.«

»Warten wir! Haben Sie die Waffen bereit?«

»Ja, wenn das Signal nicht kommt, wäre es besser, wir gingen ins

Beiboot. Wir könnten dann zu den anderen Booten zurückrudern.«

Hinter Romanshorn begann ein Scheinwerfer aufzudrehen. Er warf einen

Lichtbalken in den Himmel. Der Balken senkte sich, die Finsternis

durchtastend, genau suchend und verweilend, nach der Seemitte aufs

Wasser. Bald stieg er wieder rasch in den Himmel und fiel erbarmungslos

auf die Stelle zu, wo Mabuses Boot hielt.

Mabuse zitterten die Fußgelenke vor Spannung.

Aber auf einmal blieb die Säule von Licht an einem hervorstehenden Haus

in Romanshorn hängen, dort, wo auf dem Hügel am Ufer die neue Kirche

war. Daraus sahen sie im Boot, daß das andere Fahrzeug weit hinter

Romanshorn sein mußte und keine Gefahr bedeutete. Ihr Boot blieb im

Dunkel. Im Bahnhof am Ufer hingen weit verteilt einige Bogenlampen. Ihr

Schein spielte fern auf dem schwarzen Wasser, wie blaßleuchtende Leichen

schaukelnd, vergehend, wieder emportauchend.

Da sagte Mabuse streng: »Nein, wir bleiben! Sagen Sie Georg, er solle

die Luftdruck-Mitrailleuse an den Motor anschalten.«

Spoerri ging.

Unter dem Polster war ein Giftgas-Apparat. Mabuse zog den Schlauch

hervor. Der Wind kam von Südosten, also dafür aus guter Richtung. Er

bereitete für sich und seine Begleiter die Masken und versuchte den

Öffnungshahn.

Da erschien am Ufer ein Licht, verging schnell, kam wieder, zuckte fort

und blieb dann.

Der Motor knurrte wieder an. Bald fuhr das Boot in den Bach hinein,

zwang sich zwischen Bäumen weiter und stieß dann sacht an. Der Motor

schwieg, und ein Mann reichte vom Land aus ein Tau.

Dann hörte Mabuse den Namen Dr. Ebenhügel. »Ja,« sagte Mabuse, »er soll

ins Boot kommen.«

Eine Gestalt trat aufs Boot herüber. »Doktor Mabuse, ich, Ebenhügel. Ich

komme gerade von Zürich. Mein Auto ist schuld, daß Säuli das Zeichen

nicht pünktlich gab. Die Grenzer-Automobile spuken jetzt jede Nacht

herum. Bekamen Sie mein Telegramm? Es ist etwas los. Der Schreiber hat

gewarnt. Er konnte nicht sagen, was es ist. Er erfuhr nur aus einer

Antwort seines Bureauvorstandes, daß es über das Generalkonsulat in

Zürich von der Münchner Staatsanwaltschaft kam.«

»So,« sagte Mabuse, mit zusammengedrückten Zähnen, »das ist der

Staatsanwalt von Wenk. Warte, Herr Staatsanwalt von Wenk!« Dann wandte

er sich an Ebenhügel: »Ich war nie ohne Gefahr und bin nie darin

untergegangen.«

»Ich wollte sagen, daß man nur von München aus die Gefahr neutralisieren

kann. Es soll nicht heißen, wenn etwas schief geht, wir in Zürich seien

schuld daran.«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 12 / 58 题