Hull ging, und Wenk, allein gelassen mit dem Eindruck des Erlebnisses
dieses Abends, fragte sich: Weshalb hat die schöne Frau auf die
geheimnisvolle Weise fortgehen müssen? Habe ich wiederum versagt
vielleicht? Habe ich mit der Hilfe zur Flucht selber vielleicht die Hand
gegeben gegen mich und mein Werk? Er geriet in eine steigende Bewegung.
Er schob den zweifelnden Gedanken an die Frau fort. Nein, er fühlte,
ihrer konnte er sicher sein. Und nun setzte das Erkennen der
Zusammenhänge, die sich zwischen Hull und dem Spieler und anderen
Erscheinungen und diesem aufgedeckt, sein ganzes Hirn in eine
beschwingte Fruchtbarkeit. Er hörte über seinem Leben den Flügelschlag
eines neuen, starken und vergrößerten Daseins. Er bestand Kämpfe des
Leibes, der Phantasie, der Nerven, des Spürsinns, der Energie und
Ausdauer, der Menschenkenntnisse und des Menschenbeherrschens.
Aus seinem Mund lösten sich die Rauchwölkchen der Zigarre, die er eine
nach der anderen verbrannte, und schwebten über ihm. Es lenzte, stürmte,
Sonne schien, Sturm prallte ihm durchs Blut. Seine Muskeln tanzten in
eingebildeten, heldenhaft überstandenen Kämpfen mit dunklen großen
Riesen, die Mitmenschen erwürgen wollten. Er hatte jemanden bei einem
falschen, rotblonden, Männlichkeit vortäuschenden Bart gefaßt.
Aus der nachtbesessenen Stadt stürzte die Zeit herauf in das Zimmer, die
mit Gefahren, Forderungen, neuen Spannungen wie eine Hochstromleitung
geladene Zeit. Verlangte Menschen. Verlangte von allen Menschen allen
Ehrgeiz, alle Selbstzucht, Intelligenz, Selbstverleugnung ...
Selbstverleugnung ... Ihn sollte sie nur nehmen! Da war er, entkleidet
allen Dünkels wie aller Bequemlichkeit! Er wußte nicht, sagte er sich in
seinen ekstatischen Selbstgesprächen, war das eine neue, erlösunggebende
Demokratie? War das jenes Ziel, zu dem das Dunkel dieser Zeit die
Menschen erzog? Hob er sich auf die sturmrollenden Wogen?
Nicht mehr in dem blassen Idealismus, dem Vaterland zu dienen, floß er
nun. Nein, er stand auf eigenen Beinen: Kampf! Kampf! Nicht dienen!
Selbstlos und bis zum letzten Tropfen Bluts das zu sein, was er gelernt
hatte, und bis zum letzten roten Tropfen das herzugeben, was er
herzugeben hatte.
Er hatte nicht seine Laufbahn, aber dies Einzige einzusetzen, was
Menschen gemeinsam haben, gemeinsam im Kampf gegeneinander, gemeinsam in
der Hilfe des einen zum andern: dies rote schäumende Meer, das an den
Küsten des Menschseins in einer Dunkelheit, über die niemand Herr war,
zu Gut oder Böse verbrannte. Ein Verbrecher hörte auf für den
Staatsanwalt von Wenk in dieser Nacht ein Mensch niederer Ordnung zu
sein. Er wurde ein Wesen mit gesteigerten Impulsen, mit von der Kraft
der Hölle gespeisten Sinnen, deren gelüstige, dämongesättigte, sich
selber übertrumpfende Taten in der Hand des Staatsanwalts ins Nichts
zurückgebrochen wurden, so wie Jesus die Sünden der Menschheit in seinem
Wesen ertrinken ließ. Der Kämpfer wuchs am Gegner.
Mit der Phantasie hatte Wenk den Blondbärtigen nun ins Genick gebissen.
Wenk hatte in ihm einen großen Gegner. Das ahnte er noch mehr, als er es
bereits wußte. Konnte er ihn von der Menschheit abtrennen, so hatte er
ein Werk geleistet, an dem er sich zu Weiterem nährte.
Das Lied, das so zwei Stunden lang durch Wenks Herz sang, schien ihm auf
einmal vertraut. Und staunend erkannte er, daß der Zustand, in den er
geraten war, aus seiner Jugend hervorlief, vor Universität, Korps und
Examina, als nichts von Menscheneinrichtungen noch sein Blut gemischt
hatte. Da war er betroffen, und durch sein Leben, das er unbeweibt
geführt hatte, stieg, wie ein Saft, eine starke, wehmütige Sehnsucht
nach seinem Vater, der nicht mehr lebte.
* * * * *
Von Hull erbat sich Wenk am nächsten Tage eine Liste aller heimlichen
Spielhäuser, deren Adressen mit Hilfe der in diesen Dingen bewanderten
Carozza zu erfahren waren. Er bekam von Hull aber das Versprechen, dem
Mädchen gegenüber dabei nicht genannt zu werden.
Wenk besuchte die Häuser Abend für Abend. Er ging dabei in der
Verkleidung eines reichen älteren Herrn aus der Provinz. Diese
Verkleidung hatte er als die erste gewählt, weil er für sie in einem
Onkel ein Modell hatte, das er sich bloß zu kopieren bemühte. Der ältere
Herr gab sich den ungezwungenen Anschein, die Großstadt aus vollen Zügen
zu genießen.
Wenk hatte einige Helfershelfer aus Karstens Bekanntschaft. Er bat sie,
unter der Hand zu verbreiten, daß er, der Provinzonkel, von einem
unglaubhaften Reichtum sei, von dem er, einmal in den Sattel gehoben, in
der rechten Weise Gebrauch mache. Er dachte sich, der Spieler von
Schramms und andere, die auf Raub ausgingen, könnten so, wie eine
Nachtmotte von der Lampe, angelockt werden. Ab und zu spielte er nun
eine halbe Stunde lang unsinnig und der Laune des Spiels angemessen,
gewann er dann feste Summen, die er das nächstemal wieder dem Spiel ins
Maul warf. Dabei verlor er aber niemals mehr den Überblick über sich und
die Mitglieder, und sein Hirn arbeitete über Karten und Spiel hinweg mit
einer Schärfe, die ihm Genugtuung verschaffte.
Als er an einem Abend der zweiten Woche, in der er dies Leben führte, in
ein Spielhaus der inneren Stadt kam, das ihm durch die Zusammensetzung
der Besucher, die hier noch unvermittelter war als anderswo, etwas zu
versprechen schien, sah er am Spieltisch einen alten Herrn sitzen, der
ihm durch seine Hornbrille auffiel. Diese Hornbrille hatte ein ganz
ungewöhnliches Ausmaß. Der alte Herr wurde mit Professor angeredet. Als
der alte Herr seine Karten in die Hand nahm, setzte er die Hornbrille ab
und tauschte sie gegen einen Kneifer von ungewöhnlicher Form.
Da bemerkte Wenk, daß die Brille, die nun auf dem Tisch lag, keine der
üblichen modernen Hornbrillen, sondern aus Schildpatt sehr kunstvoll
geschnitzt war. Der alte Herr versenkte sie dann in eine geräumige Dose,
die mit grüngepunkteter Haifischhaut überzogen war. Er machte alle
Bewegungen mit einer eindringlichen Langsamkeit, so daß Wenk viel Zeit
zum Beobachten blieb. Das ist ja eine chinesische Brille, sagte er sich
auf einmal, sich an China erinnernd, wohin er vor dem Krieg einmal eine
Reise gemacht hatte. Die plötzlich auftauchende Erinnerung war so
heftig, daß er laut aussprach, was er sich eigentlich nur hatte für sich
selber sagen wollen.
Der Professor saß ihm gegenüber, nickte ihm ernst zu und sagte mit einer
Stimme, die hart war und die er nicht aus so greisenhaftem Mund erwartet
hatte: »Sie ist aus Tsi nan fu!«
Er wiederholte betonend und skandierend: »Tsi ... nan ... fu ...« Als
sei der Name ein Lied und Erinnerung dahinter, die hart auf ihn
einströme und die er im Klang des fremden Wortes genösse. Er schaute
dazu Wenk an, als werfe er ihm einen Schlag zu aus seinen hinter den
Gläsern vergrößerten Augen.
Wenk war sofort in einem besonderen Verhältnis zu dem alten Professor.
»Tsi nan fu!« sagte die harte Stimme nochmals, wie mit einer besonderen
Bedeutung; ja so, als wolle er mit den drei Silben nach etwas werfen,
nach immer demselben unsichtbaren Ziel hinter Wenk. Dreimal denselben
unsichtbaren Punkt in der Dunkelheit treffen, die sich jenseits des
Lichtkreises der Lampen über seiner Stirn errichtete wie eine Öffnung in
der Wand.
Wenk griff unwillkürlich mit der Hand an seinen Hinterkopf und schaute
sich einmal um. Schaute er nach dem Ziel der drei Silben? Hatten die
drei Silben, fremd und aus fremdem Mund wie rote Bälle kommend, das Ziel
getroffen?
Wie Wenk sich so umschaute, sah er, daß hinter seinem Spielnachbar die
Frau saß, der er bei Schramms zu der sonderbaren Flucht verholfen hatte.
Es schien ihm, als blicke sie ihn spöttisch an. Er wußte nicht, wie er
sich zu ihr benehmen sollte. Da fühlte er an seinen Fingern die
Spielkarten, die ihm inzwischen hingelegt worden waren. Aber als er sich
daraufhin dem Tisch wieder zukehrte, um die Karten aufzunehmen, ward er
schläfrig. Dunkel spürte er, daß die starren Augen des Professors schuld
an dieser Schläfrigkeit waren. Er vergaß die schöne Frau.
Wenk verscheuchte diese Schläfrigkeit. Er setzte sich steif auf und
schaute auf die grüne Haifischhaut der chinesischen Brillenschachtel. Es
war ihm, als lägen die durch das Glas so sehr vergrößerten Augen des
alten Gelehrten auf ihm, verschwimmend, und eine dämmerige Erinnerung an
einen Reisetag entstieg ihnen und verflog in Wenks Bewußtsein. Eines
Morgens auf seiner Reise nach China schaut er durch das Ochsenauge
seiner Kabine und sieht ein dünnes Ufer wie ein Staubband zwischen dem
Meer und dem Himmel. Das ist die Mündung des Jangtsekiang. Ja, des
Jangtsekiang ...
Wenk nannte eine Summe, der Erinnerung folgend. Er gewann und ließ das
Geld stehen. Eine wohlige Erschlaffung begann sich in seinem Körper
einzunisten. Wenk streckte sich aus und genoß sie.
Dann wurde er wieder wach, spielte und beobachtete. Das Bankhalten ging
reihum. Es war Wenk, als erwarte er nur den Augenblick, daß der alte
Herr die Bank übernehme. Er fragte sich: Weshalb erwarte ich das? Das
ist sonderbar, daß ich das erwarte! Es gibt Regungen, die man nicht bis
zu ihren letzten Wurzelfasern verfolgen kann.
Wenk entschied sich, daß er das erwarte, weil ihm der Professor durch
die chinesische Brille, durch seine ganze hier so fremde Erscheinung
interessanter sei als alle andern, und daß dies Erwarten einem Gefühl
der Anteilnahme und Sympathie entspränge.
Je weiter der Abend voranschritt, um so inniger und vorherrschender
wurde die geheime Bindung, in die er zu dem Unbekannten geriet. Es ist
kindisch, sagte er sich noch, es ist sentimental. Es ist jugendlich!
Wohin wird das geraten?
Da übernahm der alte Herr die Bank, und es ging wie eine Erlösung durch
Wenk ... wie die Erlösung von einer unsinnigen und unnatürlichen
Spannung. Jetzt wird alles in Ordnung ausgehen, sagte er sich. Er setzte
eine kleine Summe und wollte damit betonen, daß er sich nicht als Gegner
des Bankhalters empfinde, daß er nur für die Form gegen ihn mitmache ...
Er gewann. Er hatte acht. Und stellte dann fest, daß er eine viel höhere
Note gesetzt, als er beabsichtigt hatte. Deshalb schob er Einsatz und
Gewinn zu neuem Einsatz hin.
Er zog einen König und eine Fünf. Er kaufte bei einer Fünf nie eine
Karte hinzu. Das war so feststehend in ihm, daß, als die Reihe an ihm
war, Ja oder Nein zu sagen, er überhaupt nichts sagte.
»Sie nehmen!« hörte er auf einmal in seine Zerstreutheit hinein. Es war
eine große, gewaltvolle Stimme, die das sprach. Sie klang fast wie ein
ihn bedrohendes Erbrausen. Aber es war ihm sonderbarerweise, als käme
sie von dort, wo vorhin die drei Laute »Tsi nan fu« das unsichtbare Ziel
getroffen hatten.
Da flüsterte Wenk verschüchtert: »Bitte!« Im selben Augenblick fuhr er
gegen eine innere Zersplitterung auf. Aber es war zu spät. Er hatte eine
Fünf bekommen, die, zu den fünf gezählt, sein Spiel wertlos machte.
Der Bankhalter deckte für sich eine Vier mit einer Dame auf, zu denen er
keine Karte genommen und infolgedessen gewonnen hatte. »Der Onkel aus
der Provinz verliert!« hörte Wenk eine Frauenstimme.
Wenk war erstaunt über die flüchtige Begebenheit. Er drehte sich noch
einmal herum und schaute in die Dunkelheit hinauf. Dann wurde er
unruhig. Und zugleich war es ihm, als senkte sich ein Flügelschlag über
seine Augen. Flügelschlag, sagte er sich, als das Bild erschien. Ja, er
saß doch in einem Vogelkäfig. Er bekam sieben.
Das ist nichts, redete ihm etwas ein, obschon es fast sicher gewonnenes
Spiel war. Aber Wenk widerstand und sagte deutlich: »Keine Karte!«
Ihm war es, als fielen ihm die Augen zu über der Anstrengung, dieses
Nein gesagt zu haben ... Dünne Stäbe versuchten sich wie Gitter durch
seine Augendeckel zu rammen, um sie ganz zu schließen.
Da, in einer letzten Auflehnung seines Willens gegen die unnatürliche
Müdigkeit erkannte er, wie die Hand des Professors auf den Karten lag.
Sie drückte sich mit einem leisen Erzittern an die obere Karte an,
inbrünstig sie an ihn abgeben wollend, und es ging ein heimlicher,
heißer Strom von dieser Hand auf ihn über, der ihn zwingen wollte, die
Karte zu nehmen, obgleich er schon Nein gesagt hatte.
Mit dieser Erkenntnis wurde er plötzlich ganz wach. Er empfand, als
sänken hinter seinen Augen Ketten durch, die bestimmt gewesen waren,
seinen Geist zu fesseln, und mit offenen Augen schaute er den Professor
an, auf einmal von einem unbegreiflichen, gierigen und aufreizenden
Mißtrauen gegen ihn befallen. Er war versucht, aufzuspringen und die
bebenden Finger von der Karte fortzuschlagen.
»Sie nehmen!« sagte die harte, große Stimme, wie einen Befehl. Es war
dieselbe Stimme, die er vorhin gehört hatte.
Da antwortete Wenk, übermäßig laut, sich vergessend und unwillig: »Nein,
ich habe schon gedankt!«
Die vergrößerten Augen in den Scheiben der Gläser blieben stehen, lagen
einen Blutschlag lang auf ihm, sprangen zurück wie Hunde vor einem
mächtigeren Angreifer. Der alte Herr legte sich etwas nach vorn, bat um
Wasser und Kognak und in rascher Folge darum, das Spiel aufgeben und die
Bank abtreten zu dürfen. Ein plötzliches Unwohlsein ...
Alle kümmerten sich um ihn, scharten sich um seinen Platz.
Wenk blieb sitzen. Er war betroffen durch den Zusammenhang seines
kleinen Erlebnisses mit dem Schwächezustand des Greises. Hing das
zusammen? Er fühlte sich verantwortlich für das Zusammenklappen des
alten Herrn. Irgendwo in seinem Unterbewußtsein deckte sich verdunkelt
eine Vorstellung auf, als habe er mit jenem einen Kampf ausgefochten,
und die Folge sei nun das Unwohlsein. Er überlegte, wie er helfen könne
...
Da langte er in die Westentasche und suchte das Fläschchen mit
Englischem Salz hervor. Er nahm den Stöpsel ab und hielt es hinüber,
indem er sagte: »Vielleicht Englisches Salz? Ich habe grade ...«
Aber da war er sehr erstaunt zu sehen, daß der alte Herr schon fort war.
Das jähe Mißtrauen von vorhin kam zurück. Er erhob sich rasch und
drängte sich durch die herumstehenden Spieler. Er wollte dem Manne nach
und ihn einholen. Einer erhob die Hand gegen ihn und sagte etwas
Unverständliches, als sei er, Wenk, schuld am Zustand des alten Herrn
Professors. Aber Wenk fuhr mit der Hand zu seinem Revolver in die
Brusttasche. Die Carozza trat ihm entgegen. Er umging sie hastig, den
anderen mitziehend. Mit der freien Hand löste er dann den fremden Griff
gewaltsam, all seine Kraft einsetzend, von seinem Arm. Befreit eilte er
in den Flur hinaus, der lang und halb verdunkelt seitwärts aus dem Haus
ging. Er hörte, sobald er ihn betreten hatte, Schritte hinter sich,
hastete weiter, schloß eine Tür hinter sich ab, die er durchgehen mußte,
und mündete bald in die Nebengasse, wo die Automobile warteten.
Im Schein einer Laterne bemerkte er noch den alten Herrn, nun keineswegs
mehr gebückt, sondern mit kräftiger Eile in eines der Autos steigend.
Seinen eigenen Chauffeur sah er auch schon das Fahrzeug ankurbeln. Er
rief ihm leise zu: »Hinter dem dort her!«
Sie flogen ihm nach. Es war ein großer, überlegener Wagen. Aber da es
noch früh am Abend war, war viel Verkehr in den Straßen. Der andere
konnte seine volle Schnelligkeit nicht geben, und sie blieben
hintereinander hängen. Bald wurden sie in eine Kette von Autos und Wagen
eingeschlossen, die von einem Theater kamen, und Wenk konnte bequem und
unverdächtig bis zum Palasthotel folgen. Vor diesem Hotel hielt der
Wagen des Professors. Bevor noch Wenks Fahrzeug stoppte, sah Wenk den
andern hastig in die Hotelhalle hineingehen. Er drehte sich einmal ganz
flüchtig um. Wenk eilte ihm nach.
Ein Zufall schloß ihn in eine ins Hotel einkehrende größere Gesellschaft
ein. Sie deckte ihn. Er sah beim Bureaufenster den alten Herrn eine
Depesche hastig aufreißen. Das Lesen hielt jenen fest.
Wenk hatte Zeit, sich einen deckenden Beobachtungsposten auszuwählen. Er
sah von dort aus, wie der alte Herr verstohlen über sein Telegramm
hinweg den Vorraum musterte. Dann ging jener rasch zum Lift, riß die Tür
auf und verschwand hinein. Aber Wenk sah, daß im Innern ein Führerjunge
gesessen hatte.
Er wartete, bis an der kleinen Lichtscheibe das Stockwerk aufleuchtete,
an dem der Lift hielt. Er sah ihn im Zwischengeschoß durchfahren, im
ersten Stockwerk halten. Dann läutete er den Lift herab.
»Erster!« sagte er dem Bediener. Sie fuhren allein hinauf.
»Ist das nicht der Herr aus Zimmer Nr. 15 gewesen, der grade
hinauffuhr?« fragte Wenk den Jungen.
»Nein, mein Herr, es ist der holländische Professor von Nr. 10.«
»Dann hab ich mich verschaut! Danke!« sagte Wenk.
Langsam schlenderte er durch den Flur. Er kam an 10 vorbei, verweilte
einen Augenblick, indem er sich vorsichtig gegen die Tür hinüber beugte,
ging dann weiter und lauschte rückwärts nach der Tür von Nr. 10. Er
hörte eine Tür sich öffnen. Es konnte 10 sein. Er verweilte, indem er
etwas an seinen Hosen richtete, und als die Tür sich wieder geschlossen
hatte, drehte er sich um.
Da sah er, daß vor 10 ein Paar Schuhe stand.
Er ging zurück und hatte einen ungewöhnlichen Einfall. Er wollte bei 10
anklopfen und den alten Herrn fragen, ob sein Unwohlsein vorüber sei.
Ihn so überrumpeln. Denn es war sicher, daß dieser Mann für eine
Verhaftung reif sei.
Dieser Gedanke schien Wenk sehr kühn und aussichtsreich zu sein. Aber
als er vor 10 stand, sah er, daß die Schuhe, die hinausgestellt worden,
ein Paar Damenschuhe waren. Da gab er den Gedanken auf, begab sich
hinunter und verlangte den Direktor des Hotels zu sprechen. Er zeigte
ihm die nötigen Ausweise und erkundigte sich nach dem Bewohner von Nr.
10.
Man brachte das Gastbuch. »Nr. 10, sehen Sie hier, Herr Staatsanwalt,
Professor Groich, Haag.«
»Nach ihrem Buch wohnt er allein.«
»Jawohl.«
»Wohnt er immer oder nur vorübergehend allein und gelegentlich mit
weiblicher Gesellschaft?«
»Ich übernehme jede Garantie, Herr Staatsanwalt. Wir sind sehr streng
darin gegen unsere Gäste.«
»Dann hat dieser Gast trotz seines beträchtlichen Körperbaus sehr kleine
Füße.«
»Wie meinen Herr Staatsanwalt?«
»Er trägt nämlich Damenschuhe!«
»Herr Staatsanwalt belieben zu scherzen.«
»Kommen Sie mit, Herr Direktor.«
Die beiden fuhren zusammen hinauf. Vor Nr. 10 standen Damenschuhe mit
hohen Stöckeln, elegante Lackschuhe mit Einlagen von hellem Rehleder.
Da entsicherte Wenk seinen Browning und öffnete ohne zu klopfen die Tür.
Er trat rasch ein. Der Direktor folgte ihm. Das Licht brannte. Aber das
Zimmer war leer. Die beiden Fenster waren geschlossen. Das Badezimmer,
das offen stand, hatte kein Fenster. Wenk durchsuchte sofort alle
Schränke, das Bett, die Läden. Nirgends lag mehr ein Faden. Er hastete
auf die Straße hinab. Das Auto des Fremden war verschwunden.
Er ließ den Direktor fragen, wer in den letzten zehn Minuten das Hotel
verlassen habe. »Nur der Bureauchef!« sagte der Portier.
In dem Augenblick aber kam der Bureauchef aus einem hinteren Raum und
wollte davongehen. Der Portier sah ihn betroffen an. »Sie sind ja eben
schon weggegangen!« rief er.
»Ich? -- Ich war bis vor einer Minute im Bureau!« antwortete der
Angestellte.
Da wußte Wenk genug und suchte nicht mehr weiter. Der Zusammenhang war
ihm sofort klar. Der Verschwundene hatte sich für den Fall der Not die
Maskierung eines im Hotel bekannten Mannes vorbereitet. Die Damenschuhe
hatte er vor die Tür gestellt, weil er richtig berechnete, daß der
Verfolger, bevor er ins Zimmer eindränge, auf die unerwarteten
Damenschuhe hin noch einmal ins Bureau nachfragen ginge. Und diese Zeit
hatte er dann gut genutzt. Wenk hatte es mit einem Meister zu tun. Er
bewunderte die Schlagkraft, mit der jener arbeitete. Es lag nahe, dabei
an den rotblonden Mann von Schramms zu denken und an den Herrn Balling
von Hull.
Wenk durchforschte auf der Heimfahrt und dann zu Haus in der Erinnerung
alles, was ihm von jenem Blondbärtigen noch vorhanden war, und versuchte
es zu vergleichen mit dem, was er von dem Professor behalten hatte. Aber
sonderbarerweise, so viele Einzelheiten ihm von dem Manne bei Schramms
haften geblieben waren, ganz deutlich und unverwischbar, so
verschwommen, ändernd und ungewiß war das, was er von dem alten
Professor in seinem Hirn zurückfand, obgleich diese Begegnung kaum eine
Stunde hinter ihm lag.
Über dem wurde er schläfrig. Es war ihm, als habe er sich von einer
ungeheuren Strapaze, die er im Verlauf des Tages ausgestanden hatte, zu
erholen. Er zog sich aus. Eine Mattigkeit überfiel ihn wie nach
einem starken Blutverlust. Jenes Gefühl von einem inneren
Leichtergewordensein, das er vom Schluß von Mensuren so wohlig in der
Erinnerung behalten hatte: die Abspannung der Nerven nach dem letzten
Gang zusammen mit dem Blutverlust nahm ihn vollständig in Besitz.
Er ergab sich ihr und schlief ein, noch bevor er vermocht hatte, sich
ganz auszukleiden. Er fühlte sich dabei leise umbaut wie von einem
rätselvollen Schloß. Und er wußte, in den drei Zauberlauten »Tsi nan
fu«, wenn man sie richtig deutete, oder wenn man das Loch in der Wand
erkennen konnte, wohin sie aus dem Mund des Haager Professors zielten,
lag der Schlüssel, um das Tor des verzauberten Schlosses zu öffnen.
* * * * *
Wenk ging die nächsten Abende in kein Spielhaus. Er fuhr als sein
eigener Chauffeur in Lederjoppe und Sturmkappe in der Stadt herum,
stellte seinen Wagen vor eines der bekannten Lokale und beobachtete im
Schutz des Führersitzes die Menschen, die eintraten oder gingen.
Einmal, als er auf der Fahrt zu dem ersten der Häuser war und langsam
die Dienerstraße hinabfuhr, wurde er durch eine Verkehrsstockung
aufgehalten. Als er so dastand, sah er in einem Zigarrenladen, an dem er
gerade hielt, etwas, das ihm einen zweiseitig geschärften Schrecken
durch den Leib trieb. Denn das war er! Der Blondbärtige! Er drehte den
Rücken und kaufte Zigarren. Aber das war er! Er suchte langsam und
wählerisch, als ob er der Gefahr, entdeckt zu werden, trotze. Ein Auto
hielt vor der Tür. Wenk besah es sich genau. Aber es war ihm unbekannt.
Er schrieb sich die Nummer auf.
Der Chauffeur verließ es einmal, um hinten am Wagen etwas nachzusehen.
Wenk, der hinter ihm hielt, rief ihn an. Der Chauffeur schaute auf,
machte aber mit den Händen Zeichen an seinen Mund, als ob er stumm sei.
Der im Laden nahm sein Paket auf, drehte sich um, der Tür zu. Da war es
aber ein ganz anderes Gesicht. Wenk hatte es nie gesehen. Leute schoben
sich zwischen den Fremden und seine Blicke. Er sah ihn nur eine Sekunde.
Die Verkehrsstockung war in demselben Augenblick behoben. Die Reihe der
Wagen fuhr an. Das Auto vor ihm nahm einen mächtigen Sprung, als wolle
es ihm enteilen.
Wenk aber wollte sich nicht trennen von seinem Glauben. Er folgte ihm.
Sobald das andere Auto aus der Kette los war, nahm es gleich eine
größere Schnelligkeit und bog in die Maximilianstraße. Wenk vermochte
nicht Schritt zu halten. Die Straße war weithin leer. Er sah, als er
selber noch auf dem Maximilianplatz war, daß das Auto die
Wiedenmeierstraße nahm. So fuhr er, immer weiter zurückbleibend, aber in
der hellen Nacht ihn nie aus dem Blick verlierend, hinter ihm die ganze
Wiedenmeierstraße her. Als Wenk auf der Max-Josef-Brücke ankam, sah er,
wie das andere Auto um den freien Platz auf der anderen Isarseite eine
sausende Kurve fuhr und plötzlich mit donnerndem Motor auf die Brücke
zurück und an ihm vorbeistürzte. Er fuhr wieder die Wiedenmeierstraße
hinab, die er gerade heraufgekommen war.
Das war natürlich verdächtig, und Wenk gab sich nun alle Mühe, den
Anschluß an ihn zu behalten. Noch auf der Brücke machte er kehrt. Wieder
bog der andere Wagen in die Maximilianstraße hinein. Diese war nun von
Fuhrwerken belebt, und es gelang Wenk, mit seinem Wagen an den andern
heranzukommen.
Das fremde Auto hielt vor einem Varietétheater. Wenk sprang jenseits der
Straße aus dem Wagen, und wie der andere sein Auto verließ und, Wenk den
Rücken kehrend, in das Theater hineinging, bekam Wenk wieder den
därmezerreißenden Schrecken: Das war er doch! der Blondbärtige! ... Das
ist er doch!
Von einem Fieber gepackt, schob er durch die Menschen ihm nach ins
Theater hinein. Er sah, daß er den Fremden im Foyer überholte. Dann
wartete Wenk mitten zwischen Menschen, drehte sich auf einmal um, als
der andere bei ihm angekommen sein mußte ...
Aber Wenk sah ein breites, bartloses Gesicht mit einem brutalen Mund und
brennenden großen Augen. Es war ihm fremd. Und fremd und gleichgültig
schauten ihn die großen Augen an. Wenk, zornig und enttäuscht, drückte
sich beiseite und wollte wieder hinaus zu seinem Auto.
Einige Verspätete hasteten um ihn herum zur Garderobe. Es war genau acht
Uhr, und die Klingeln gingen zum Zeichen des Beginns. Wenk malte sich in
diesem Augenblick aus, was für ein Taumel es für ihn geworden wäre, und
was für ein Aufsehen es erregt hätte, wenn er ihn mitten aus den
Menschen heraus verhaftet hätte.
Unfähig, sich von dem enttäuschenden Fremden zu trennen, wandte er sich
noch einmal um. Er sah, wie sich der andere gerade aus einem Rudel
Menschen trennte, die in den Saal stoben, und ruhig nach der linken
Seite der Logen ging. Dort waren die fünf Parterrelogen. Das wußte Wenk.
Da entschloß er sich kurz und kaufte einen der Logenplätze. Er bekam den
letzten. In jeder Loge waren fünf Sitze, sah er auf dem Plan.
Er ging zu seinem Auto zurück, schmuggelte sich hinein, kleidete sich
drin in den Frack, telephonierte vom Theaterbureau seinem Chauffeur, das
Auto holen zu kommen, und begab sich zu den Logen.
Es war dunkel, als er eintrat. Er versuchte gleich, in dem ungewissen
Licht die Gesichter zu unterscheiden und den Fremden herauszufinden.
Aber er fand ihn nicht.
Als die Nummer vorbei war und das Licht wiederkam, gelang es ihm jedoch
ebensowenig, den Fremden unter den zwanzig Herren und Damen zu finden,
die in der Loge saßen. Das war durchaus unglaubhaft. Der Flur führte nur
auf die fünf Logen. Die Logen waren über mannshoch höher als der Saal.
Wo war jener Mann hingekommen?
Von einem Argwohn erfaßt und unruhig eilte Wenk auf die Straße, um zu
schauen, ob das Auto des Fremden noch da sei. Ja, es stand noch da. Gott
sei Dank!
Wenk atmete auf und wollte zu seinem eigenen Fahrzeug gehen und in ihm
abwarten, wohin der fremde Wagen später fahren werde. Da sah er, daß der
Wagen auf einmal eine Taxameteruhr hatte. Er hatte sich vorhin das Auto
genau angeschaut. Es hatte bestimmt keine Uhr gehabt.
Wenk, schon im Vorbeigehen, überlegte nicht mehr lange, trat auf den
Chauffeur zu und fragte: »Sind Sie frei?«