Da stieg Wenk ein, indem er seine eigene Adresse nannte. Er wollte sich
auf der Fahrt überlegen, was er weiter tun müsse. Da fiel ihm auf, daß
der Führer, der in der Dienerstraße stumm gewesen war, hier auf einmal
gesprochen hatte.
Das Auto fuhr an. Ein süßlicher Duft begann sich im Innern auszubreiten.
Wenk fühlte von ihm seine Schleimhäute gereizt.
Also etwas war doch los! Vorhin stumm, jetzt kann er sprechen, überlegte
Wenk. Vorhin privat ... jetzt Taxameter. Wonach roch es so stark? Es
brannte ihm förmlich in Nase und Augenwinkel.
Wenk zog, um das herauszufinden, einige volle Züge ein. Er wollte dann
das Fenster öffnen. Er hielt den Geruch nicht länger aus. Wonach roch es
denn? Er hob seinen Arm. Aber er sah, der Arm ging nicht hoch, gehorchte
einfach nicht. Zugleich war ihm, als sei ihm ein Brett vor die Augen
gepreßt.
Da bekam er eine Angst, die wie ein glühender Ball ihn durchplatzte.
Nicht mehr fähig, sich zu wehren, begann er laut zu brüllen, warf sich
hin und stieß mit dem Fuß nach der Klinke der Tür. Er traf sie nicht.
Er lag nur noch wenige Augenblicke am Boden, in denen rasch sich
verdunkelnde Lichtfetzen von Bewußtsein sein Blut durchflogen. Dann
erloschen auch sie, und eine Ohnmacht, die sein Gehirn wie mit Blei
ausgoß, preßte ihn auf den Bodenteppich des bald in rasender Fahrt die
Straßen durchtobenden Automobils.
Der Chauffeur fuhr mit dem betäubten Staatsanwalt von Wenk in der Nacht
nach Schleißheim. Dort lud er ihn auf eine Bank und fuhr nach München
zurück. Er fuhr zur Xenienstraße und hielt vor einer alleinstehenden
Villa. Auf einem Schild war zu lesen:
_Dr. Mabuse_
Psycho-analytische Behandlung.
Gleich kam ein Mann von massiger Gestalt, pelzverhüllt aus der Tür und
rasch durch das Gärtchen auf die Straße. »Er liegt im Schleißheimer
Park. Hier ist das Notizbuch,« sagte der Chauffeur.
»Haben Sie die Gasflaschen aus dem Wagen entfernt?«
»Jawohl, Herr Doktor!«
»Fahren Sie!«
Doch in diesem Augenblick trat eine verhüllte Frau aus der Nacht auf das
Auto zu, hielt die Tür an und flüsterte bettelnd: »Du.« Mabuse zuckte
unwillig auf: »Was willst du? Betteln?«
Die Frauenstimme antwortete mild und traurig: »Ja, du weißt es, um
Liebe!«
»Du kennst meine Antwort.«
»Es ist doch einmal gewesen! Weshalb ...?« flehte die Frauenstimme.
Mabuse, erbost: »Gewesen ist gewesen! Du hast zu folgen. Mein Befehl ist
klar. Es gibt nichts zwischen Nein und Ja! Du weißt von Georg, was ich
will. Georg, fahren!«
Er war schon im Wagen. Die Frau sank ans Geländer des Gartens, barg sich
in ihre Pelerine und schluchzte dem rasenden Auto nach: »Und wenn ich
nicht aufhören kann zu lieben? ...«
Da schlug ein zweites Auto dicht bei ihr in die Bremsen. Ein Mann sprang
ab, auf sie zu: »Was wollen Sie hier?« fragte er drohend. »Ach so! Cara,
du! Nun denn! Hast du mit dem Doktor gesprochen?«
Sie nickte nur verzweifelt.
»Da ist nichts zu machen. Sein Wille ist wie ein Keulenschlag vor die
Stirn. Also folge! Adje, ich muß ihm nach!«
Und Cara Carozza hob sich in den dunklen Kleiderhüllen hoch, ging davon,
schmerzhaft gefaßt, dumpfwillig und opferte sich für ihn. -- --
»Wo sind wir?« fragte Mabuse durch das Sprachrohr.
»Landsberg vorbei!« antwortete Georgs Stimme.
Die Pläne in Mabuses Kopf wuchsen aneinander wie Wälder, in denen er
weiter jagte und die nicht aufhören wollten. Immer neue Halden, immer
neue Schluchten! Pläne? Sind es Pläne? Sind es nicht Träume? fragte er
sich mit einem plötzlichen Erkalten seiner heißgelaufenen Gedanken.
... Fünf Millionen Schweizer Franken sind jetzt etwa 25 Millionen Lire,
sind fünf Millionen italienische Fünf-Lire-Stücke. Ein jedes im Gewicht
von 20 Gramm. Fünf Millionen, genügt das? Der Gedanke ist gut. Es ist
dabei brutto zu gewinnen auf jedes Fünf-Lire-Stück, das ich nach dem
heutigen Kurs mit einem Schweizer Franken kaufe, vier Franken; ganzer
Gewinn also vier Millionen Schweizer Franken. Abgehen 30 Prozent Spesen.
Gut! Ein jedes 20 Gramm, wie gesagt ... Fünf Millionen mal 20 Gramm,
wieviel Kilogramm sind das? Hundert Millionen Gramm? Weshalb kann ich so
einfache Rechnungen nicht klar ausdenken? Habe ich Angst?
Ja, da stand er in einem neuen Wald. Habe ich Angst? Angst? Wenn ich
Angst habe, stürze ich schon. Wer ist denn Hull? Wer ist Wenk? Das sind
Lachhaftigkeiten! Angst?
Er faßte seine Gedanken wie mit der Faust zusammen und stürzte sie
zurück auf den Weg, von dem sie sich entfernt hatten ...
... Hundert Millionen Gramm sind 100000 Kilo. Ein Schmuggler trägt
jedesmal, je nach der Gegend, 10 bis 15 Kilo. Wieviel Menschen lasse ich
leben auf diesem einzigen Geschäft? In einem Monat muß die Summe aus
Italien in Südtirol und von dort in der Schweiz sein. Über Österreich
ist die Grenze leichter, wenn ich auch zweimal Personal haben muß. Das
Risiko hat Spoerri, nach den Polizeiberichten, mit nur 3 Prozent
berechnet, gegen 10 Prozent über den Bodensee oder auch über die
Tessiner Grenze, wo die Grenzwächter ja schon im Frieden alle glaubten,
sie müßten Füchse sein.
Mabuses Vorstellungen drohten wieder auseinanderzuwachsen. Soll ich
nicht versuchen, doch zu schlafen? »Wo?« rief er ins Sprachrohr.
»Buchloe!«
... Buchloe bis Röthenbach sind 18 Kilometer. Zwei Stunden. Das täte
wohl. Um zwei Uhr müssen wir in Schachen sein. Dazwischen Spoerri in
Opfenbach und Pesch in der Lindauer Steige. Dann sind wir gleich in
Schachen. Dann gibt es keinen Schlaf mehr.
Aber er fand doch keine Macht über sich. Er stand unter dem Druck von
Wenks Verfolgungsversuchen. Im Palasthotel war er ihm nur um zehn
Minuten voraus.
Er wollte es sich nicht eingestehen. Er rechnete aus, daß der Schmuggel
von fünf Millionen Fünf-Lire-Stücken von Italien und Südtirol über
Vorarlberg nach der Schweiz zweihundertfünfzig Menschen am Tage
beschäftigte an jeder Grenze. Das waren fünfhundert Menschen für den
Schmuggel allein. Rechnete er die Aufkäufer dazu und die Sammler in
Bozen, so kam er auf siebenhundert Menschen. Mit ihren Familien rund
viertausend Menschen, die er erhielt. Das war eine kleine Stadt. Eine
kleine Stadt stand in seiner Faust, gebannt im Bösen, und schlich durch
lichtlose Nächte, ausgetrocknete Bergbäche hin und durch verwachsene und
vereiste Winterwälder unter dem Hammer seines Willens und an den
Gewehröffnungen der Grenzwächter vorbei. Und hatten keine Gedanken in
sich als ihn, den Besitzer des Silbers, den Ernährer, den Befehlshaber,
den Herrn der Macht.
Ihr Leben wagten sie für ihn. Er hatte nie einen von ihnen gesehen. Wie
wäre es erst, wenn sie ihn sähen, wenn er mit ihnen spräche, auf einmal
auf ihrem Schmuggelweg aus der fremden Nacht auf sie stoßend, und sie
glaubten, sie seien abgefaßt, und es sei dann gerade er, der sie im
Dienst hatte, ihr Herr!
Viertausend Menschen, eine ganze Gegend. Aber in Eitopomar wird es noch
anders sein! Wenn er über den gestürzten Urwald ritte und die
Waldmenschen, die Botokuden, und wie sie alle heißen, unter seine
Peitsche nähme und das aasige kleine Europa hinter ihm versunken läge!
Da wäre weitum nichts anderes als sein Wort. In Eitopomar, wo der Traum
sich erfüllen wird, der ihn seit seiner Knabenzeit beschlich ... und der
sich einst zu erfüllen begonnen hatte drüben auf der einsamen großen
Insel, die in die Freiheit der Meere gespannt lag wie in eine wollüstige
Schaukel, deren Seile aus Wellenbändern bestanden. Da hatte er Menschen
besessen, da war die Natur sein gewesen, da siegte er mit seinen Segeln
über das Meer, mit seinen Muskeln und seinem Blut über die Menschen, mit
seinem Willen über die Natur, die Palmen seiner Pflanzungen überwuchsen
ihn mit einem Reichtum, wachsendes Gold, er konnte es verachten, weil er
es nicht nötig hatte, da er so, so frei war, König und Gott ...
Aber der Krieg stöberte ihn aus seinem Paradies und trieb ihn in das
verhaßte kleine Europa zurück. Er konnte nicht leben in diesen Ländern.
Er fühlte sich, wie in eine Weide eingespannt, Gras fressen wie die
dummen Kühe! Das vorgeschriebene, eingehagte Gras! Nein! so vermochte er
nicht zu leben. Deshalb hatte er unterhalb der Organisation des Staates
einen Staat für sich gegründet mit Gesetzen, die er allein ausgab, mit
Macht über Leben und Tod von Menschen. Mit seiner Hilfe wollte er Geld
erraffen, um sein Kaiserreich in den Urwäldern Brasiliens zu gründen,
das Reich Eitopomar.
Er war sich selber genug. Was waren ihm die Menschen? Sein Wille
zerspritzte sie. Aber drüben in der Zukunft, in Eitopomar, gab es
niemanden, der seinem Willen vorgesetzt war.
Allmählich, unter den gesteigerten Vorstellungen, war Mabuse in einen
Schlaf geglitten, der seine Glieder, geballt zwischen die Polster, und
seine Phantasie verloren an Träume fesselte, die alles Schwergewicht der
Materie aufhoben. Zwei Stunden lang schlief er, in die schwarzen Meere
seiner Träume versunken.
Dann war es ihm, als schlüge ein Hämmerchen auf seinen Schädel. Immer
auf dieselbe Stelle seines Schädels. Es war lästig. Es war unerhört. Er
hatte nur zwei Stunden zu schlafen zwischen Buchloe und Röthenbach. Wer
wagte, diesen Hammer an seinen Kopf zu schlagen?
Mit einemmal war er wach. Der Hammer war die Signalpfeife des
Sprachrohrs. »Ja!« rief Mabuse in den Sprecher.
»Ein Auto ist hinter uns!«
»Gezeichnet?«
»Grauer Fleck auf der rechten Laterne.«
»Wie spät?«
»Halb eins!«
»Wo sind wir?«
»Zwei Kilometer vor Röthenbach!«
»Halten Sie! Es ist Spoerri!«
Das Auto hielt. Gleichzeitig verloschen die Scheinwerfer. Sofort
verloschen auch die des folgenden Autos. Dieses fuhr dicht auf. Dann
stoppte es. Eine Stimme hustete herüber.
»Kommen Sie!« rief Mabuse.
Einer kam durch die Nacht heran. Mabuse hatte die Mauserpistole aus der
Manteltasche genommen. Der Wagenführer setzte eine kleine elektrische
Lampe an, und man sah im Lichtkegel einen mantelverhüllten Menschen.
»Spoerri?«
»Ja, Herr Doktor!«
Die Hand ließ die Pistole in die Tasche zurückgleiten. »Spoerri, halten
Sie hier eine Viertelstunde oder fahren Sie auf einem andern Weg nach
Schachen. Sie müssen kurz nach mir dort sein, halb zwei bis zwei. Ich
bin zu großen Änderungen entschlossen, die ich Ihnen mitteilen muß,
bevor wir in die Schweiz hinüberfahren. Sonst? ...«
»Alles in Ordnung. Ich habe noch hundert Kilogramm Cer-Eisen im Wagen.«
»Los! Halb zwei bis zwei!«
Sie fuhren wieder. Die Scheinwerfer blieben eine Weile, wo die
Landstraße sich der österreichischen Grenze näherte und Grenzwächter
patrouillierten, gelöscht. In Schlachters brannten sie wieder an, und
das Dorf sank mit hastiger Gespensterhaftigkeit in ihren Lichtkegeln
zurück.
Halbwegs Lindau, wo der Wald auf die Lindauer Steige stößt, hielt es
wieder. »Niemand da?«
»Nein, Herr Doktor!«
»Pesch?«
»Ich sehe niemanden!«
Mabuse verließ ungeduldig den Wagen. »Ich will ihn züchtigen. Ich will
absolut, daß alle pünktlich sind!«
Er wartete weiter. Die Minuten krochen. Mabuse schlug mit der Faust in
der Manteltasche auf die Schenkel. Warten lassen! ... Warten lassen ...
der Schmuggler! Ungeduld verbrannte ihn. Er war tief beleidigt,
irgendwie an seiner Ehre gekränkt. Ein Schmuggler ließ ihn warten ...
den Herrn.
Nach fünf Minuten tönte ein Auto über den Nebenweg. Es fuhr mit
schwachen Lichtern. Auf der Landstraße hielt es. »Pesch!« schrie Mabuse.
Ein Mann wand sich aus dem offenen Wagen. »Ja, hier! Ich bin es, Herr
Doktor! Pesch!«
»Es ist 1 Uhr 45. Um 1 Uhr 35 sollten Sie hier sein.«
»Auf zehn Minuten kommt es nicht an. Ich habe auch schon gewartet!«
antwortete auflehnend die Stimme aus der Finsternis.
»Wenn ich eine Peitsche hier hätte, würde ich Sie durchprügeln. Zehn
Minuten sind fünfzehn Kilometer Vorsprung vor einer Verfolgung, Sie
Esel! Sie verdienen in dieser Nacht zweitausend Mark von mir.«