Wenk rief: »Genau denselben Eindruck hatte ich!«

Lebhaft erhob er sich und ging auf den Winkel zu, trat in die dunkle

Nische und schrak zurück. Denn die Sprecherin war die schöne fremde

Frau. Wenks Gesicht überströmte Blut. Sein Herz begann zu klopfen, daß

ihm war, als ob die Schläge aus der Brust heraus rundum in den Raum

klopften. Da faßte er sich. Er sagte sich: Das ist nun ganz toll! Ich

suche Verbrecher und bin im Begriff, mich in jemand zu verlieben, den

ich morgen vielleicht ins Gefängnis bringen muß. Das ist blöde! Er nahm

seine Geistesgegenwart zusammen, verbeugte sich vor der Fremden und

fragte: »Es würde mich interessieren, wieso die Gnädigste zu einem

Eindruck kommen, der bis aufs Bild meiner Vorstellung entsprach?«

»Das kann nichts anderes sein,« entgegnete die Frau lächelnd, »als eine

ungewöhnliche innere Übereinstimmung zwischen mir und dem Herrn

Staatsanwalt!«

Staatsanwalt? Wenk erschrak. War er hier bekannt? Aber ja doch, durch

die Carozza! Ein Staatsanwalt, Hüter des Gesetzes, Rächer der gestörten

Ordnung und ... selber die Gesetze übertretend. Das war malerisch. Ja,

die Carozza! Er sah aus der Nische in das feurig beleuchtete Zimmer. Der

gefärbte Schopf der Tänzerin flammte zwischen den Köpfen. So, du!

schimpfte er ergrimmt bei sich. Du willst mir meine Mühe verderben, du

...

Da erinnerte er sich des Blickes, den der Blondbärtige auf sie geworfen

hatte, an jenem ersten Abend, und er vollendete: Du Anreißerin! Denn nun

war ihm der Zusammenhang klar. Die Carozza schleppte dem Blondbärtigen

Opfer herbei. Er drohte: Warte du, ich passe auf!

»Unsere Übereinstimmung scheint Sie betroffen zu machen,« sagte die

fremde Dame in seine Gedanken hinein.

»Meine Gedanken wurden in der Tat abgelenkt. Verübeln Sie, bitte, das

mir nicht, gnädige Frau,« bat Wenk, »es ist unverständlich, daß eine

fremde Macht die Kraft Ihrer Nähe zu durchbrechen vermag. Aber es ist

erklärlich ...«

Er vollendete nicht. Zwei Vorstellungen drängten sich plötzlich in ihm

herauf: Diese Frau war zweifellos eine vorzügliche Beobachterin. Wenn er

eine solche Frau zur Helferin hätte! Aber die andere Vorstellung kam

weit her aus seinem Blut: Wäre es nicht lohnender, all dies Suchen,

Spähen, Listen hinter schlechten Menschen aufzugeben und diese Frau zu

lieben? Sie ist schön wie eine Königin! Sie sieht stolz aus wie eine

Göttin!

Da spürte er, wie mit einer heftigen Bewegung ihre Hand seinen Arm traf.

»Still!« zischte sie, »bitte!« Zugleich sah Wenk drei Herren in den

hellen Kreis des Zimmers treten. Voran ging ein junger Mann, den er vom

Sehen kannte, weil vor einigen Tagen in einer Ausstellung kubistischer

Maler ihm aufgefallen war, daß jemand die ungewöhnlichsten dieser Bilder

zusammenkaufte. Er fragte nach dem Namen des Käufers. Der Saaldiener

sagte: »Der Graf Told ist es. Dort steht er.« Dieser Graf Told war der

junge Mann, der den anderen voranging.

»Herr Staatsanwalt,« hörte er die Frauenstimme flüstern, »wollen Sie mir

einen großen Dienst erweisen?«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung!«

»Herr Staatsanwalt, ich will ungesehen in den nächsten Minuten diesen

Saal verlassen haben. Können Sie mir dazu verhelfen?«

»Ja,« antwortete Wenk.

»Wie kann ich dies machen?«

»Das ist einfach. Merken Sie sich den Durchgang zur Treppe. Es sind nur

einige Schritte, sehen Sie. Sie müssen sich ihn so merken, daß Sie ihn

im Dunkeln finden. Ich habe mich vergewissert, wie das elektrische Licht

funktioniert. Die Anschalter sind über dem ersten Treppenabsatz. Ich

gehe hin, drehe aus, Sie benutzen die Dunkelheit, um auf die Treppe zu

kommen. Sind Sie an mir vorbei, stelle ich mich jedem in den Weg, der

zur Treppe will, um Sie zu verfolgen oder um an die Schalter zu kommen.«

»Gut! Ich danke Ihnen!«

Die Flucht glückte. Als Wenk die Frau unten ankommen sah, drehte er

wieder an, trat mit einem Lächeln ins Zimmer zurück und sagte: »Eine

Spielerei, die nicht die Folgen der gänzlichen Finsternis voraussah.

Verübeln Sie, bitte, es mir nicht.«

Man lachte. Aber die Carozza stand bleich am Ausgang zur Treppe, wohin

sie mit einem Sprung in der Dunkelheit gekommen war. Sie erholte sich

rasch und begab sich zu Hull zurück, ihn auffordernd, sie heimzuführen.

Wenk schloß sich ihnen an.

Im Begriff, die Speiseräume zu durchschreiten, sah er, wie der

Oberkellner Hull einen Brief übergab. Hull trat an einen leeren Tisch

unter eine Lampe, riß die Umhüllung auf und zog einen kleinen Zettel

hervor.

Dann war es, als ob ihn ein unsichtbarer Hieb auf den Sessel

niedergeschlagen hätte. Die Carozza trat auf ihn zu. Er knüllte den

Zettel in die Tasche, erhob sich und folgte der Gesellschaft.

Draußen trennte man sich.

Hull kam nochmals zu Wenk zurück und sagte ihm mit hastiger,

aufzitternder Stimme: »Ich muß mit Ihnen sprechen. Noch heute nacht!

Können Sie mich in Ihrer Wohnung empfangen in einer Stunde? Es ist

furchtbar. Ich werde verfolgt!«

»Da schauen Sie!« sagte Hull, als er kam.

Er warf mit einer verzweifelten Gebärde ein Kuvert auf Wenks Tisch. Der

öffnete es und entzog ihm ein Kärtchen. Darauf stand:

»Bestätige, Herrn Balling

20000 Mark

(_Zwanzigtausend_)

zu schulden, zahlbar bis 21. November 4 Uhr nachmittags.

_Gerhard Hull._«

»Mein Schuldschein,« sagte Hull tonlos. Und nach einer Weile: »Drehen

Sie um!«

Auf der Rückseite las Wenk: »Sie sind gewarnt. Meine Sache allein ist

es, daß ich die 20000 Mark nicht einkassierte. Spiel ist Spiel! Eine

Angelegenheit zwischen Ihnen und mir, und kein Staatsanwalt hat etwas

dabei zu suchen.«

Wenk war erschüttert. »Ja, ja, ja,« rief er immer wieder und fand keinen

andern Laut, um den inneren Sturm auszudrücken.

Dann nach einer Weile, in der er um Fassung kämpfte: »Wir haben neben

ihm gesessen. Sie, ich! Wir hätten ihn am Arm fassen können, ein jeder

an einem Arm! Sie ... ich! Begreifen Sie?«

»Ich bin verfolgt!« flüsterte Hull, der für nichts anderes als für seine

eigene Bedrängnis Gefühl hatte.

»Begreifen Sie! Wissen Sie, wer Balling ist? Ihr Balling? Ihr alter

vornehmer Herr? ... Der mit dem blonden Bart ist es, von Schramms der.

Das ist auch Ihr Balling! Himmel ... Himmel ... Wir hätten ihm die Hand

auf die Schulter legen können!«

Hull öffnete nur den Mund. Jetzt wußte er, weshalb ihm der Blondbärtige

bekannt vorgekommen war: die großen grauen, brutalen Augen! »Ja,« sagte

er nur, »es ist derselbe!«

»Er ist entwischt!« rief Wenk. »Jetzt kommt er nicht mehr zu Schramms.

Und Sie, Herr Hull, müssen wir weiter unter unsere Obhut nehmen. Aber

kommen Sie uns entgegen und seien Sie nie unvorsichtig.«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 8 / 58 题