Einer sagte: »Basch hat schon wieder verloren!«

Alle schauten nun deutlich auf den blassen, mageren Mann, dem sie

heimlich zugewandt gewesen, als Wenk eintrat.

Basch schob mit einer milden, verschlafenen Bewegung die Geldnoten, die

er in das weiße Oval vor sich gelegt hatte, dem Blondbärtigen zu. Der

hackte danach wie ein Raubvogel. Der Verlierer sank zurück, fingerte

eine neue Tausender-Note heraus und legte sie mit derselben langsamen,

traumhaft befangenen Sanftheit vor sich, mit der er die verlorenen

Scheine fortgeschoben hatte.

»Wieviel verlieren Sie jetzt?« fragte eine Dame vom Polster hinter Basch

her. »Sie werden Glück im Leben haben. Wenn man so verliert! Ich schaue

Ihnen zu wie einem Wettlauf. Sie müssen einen Rekord aufstellen. Im

Verlieren! Dann werden Sie im Leben so glücklich sein, daß ich Sie ...«

Dazu lachte sie verwegen. Da erkannte Wenk mit einem süßen Erschrecken

in seinen Adern in der Sprecherin die schöne Frau, die er gestern an der

Wendeltreppe fast überrannt hatte.

»Alles fertig!« rief der Blondbärtige mit einer strengen Stimme und

schlug der Sprechenden das letzte Wort vom Mund zurück.

Basch hatte ihr nicht geantwortet. Er machte nur, als der Bankhalter

rief, eine melancholische darbietende Bewegung der Hand über seinen

Tausend-Markschein, eine Bewegung, lose, verschwommen und geheimnisvoll,

als wolle er das Papier beschwören, dahinzugehen.

Er schaute seine Blätter an. Er hatte die Hand, und außer ihm hatte

diesmal niemand pointiert.

»Ich gebe,« sagte der Blondbärtige scharf.

Basch wiegte träumerisch: Nein, mit dem Kopf.

Wenk sah den gefärbten, lohenden Haarschopf der Carozza, hoch und lose

aufgetürmt, hinter einem Gesicht leuchten. Aber seine Augen gingen immer

wieder zu der anderen Frau.

Der Bankhalter kaufte eine Figur und deckte seine Karten auf. Er hatte

nur vier. Auch Basch legte seine Karten um, auf einmal, mit einem

fieberhaften Anlauf. Er hatte drei.

»Er spielt, als habe er Äther getrunken!« flüsterte Wenks Nachbarin.

»Bei drei keine Karte zu nehmen! Idiotie!«

Der Blondbärtige im Geldeinziehen warf einen raschen Blick über Wenk.

Der fühlte sich gegen den Gewinner gereizt. Er erhöhte seine Einsätze.

Er gewann, verlor manchmal dazwischen und gewann wieder.

Basch verlor weiter, jedesmal. Wenk nahm innerlich immer mehr seine

Partei. Er setzte sein Geld, als sei es eine Waffe für Basch und gegen

den Blondbärtigen ... als schlüge er damit auf den Blondbärtigen ein.

Wenk sah, der Blondbärtige schaute niemanden an als Basch und ihn. Er

nahm also den Kampf auf. Wenk stürzte kopfüber ins Spiel, heißblütig,

von einer dunklen Kraft bezwungen, die gegen den Bankhalter aus seinem

Blut in sein Hirn wuchs. Er verlor sich von sich selber. Er spielte

nicht mehr, um zu beobachten und zu entdecken. Er war dem Spiel

unterlegen. Er spielte wie alle die Menschen, die er dem Spiel zu

entreißen hergekommen war. Er vergaß sogar die schöne Frau. Als er das

leis zu erkennen begann, schämte er sich, und es kam ihm zum erstenmal

am Abend der Gedanke, im Zimmer umzuschauen, ob Hull das nun sähe.

Aber es war gar nicht Hull, der hinter der Carozza saß. Wenk schaute

vergeblich umher. Hull war nicht da. Die Carozza saß mit einem fremden

Kavalier hinter einem Spieler, mit dem sie gemeinsame Einsätze machte.

Da fand sich Wenk wieder zurück. Er hörte auf zu spielen und verließ

gleich den Saal im Ärger gegen sich.

Als er auf der Wendeltreppe war, sah er, daß auch der Blondbärtige sich

erhob.

Wenk hatte sein Auto zur Villa der Musikfreunde bestellt. Daran

erinnerte er sich erst, als er schon ein Stück Weges der Stadt zu

gegangen war. Er ging also rasch zurück und fuhr heim. Er legte sich

gleich ins Bett. Aber er fand keinen Schlaf, weil ihn der Gedanke nicht

verließ, daß er nicht hätte weggehen, sondern bleiben sollen. Daß er

hätte mit Basch sprechen sollen.

Er stand wieder auf und ging ein Bündel Akten durch, um sein Gewissen zu

beruhigen. Bei diesem Durchlesen von Angaben fremder Menschen bekam er

den Eindruck, sie alle, die in dem Maße verloren hatten, daß sie an

nichts anderes als an Falschspiel glauben konnten, möchten so ähnlich

wie Basch am Spieltisch gesessen haben. Wäre er geblieben und hätte er

sich vernünftig benommen, so hätte er also zum erstenmal Gelegenheit

gehabt, selber zu sehen, was bis dahin sich erst durch fremdes

Bewußtsein durchsieben mußte, bis es zu ihm kam.

Da war Wenk ganz verzagt. Ich muß anders arbeiten, ganz anders! Der gute

Wille genügt nicht. Fleiß genügt nicht. Selbstverleugnung und

unerbittliche Disziplin und ein wenig mehr Schlauheit! Ich muß auch mit

allen Tricks arbeiten, die der Gegner anwendet ... mit Maskierung,

heimlicher Überwachung ... Ich muß mich selber aufs Spiel zu setzen

vermögen ... muß selber Leimrute sein, um nicht als Gimpel darauf

gefangen zu werden ... Der Herr Staatsanwalt mit einem falschen Bart ...

den Browning im Handballen versteckt ... Jockeymütze und Zylinderhut mit

Perücke und so weiter ... wie im Kino ...

Vor dem Spiegel beschaute er sein bartloses Gesicht, und er fand,

Grimassen schneidend, den Mund verziehend, die Kinnladen auseinander

spannend, aus Papierfetzen geschnitzte Bartschemen vorklebend, daß sich

sein Kopf zum Maskieren sehr eignen müsse.

Am nächsten Tage ließ er sich von der Fahndungs-Polizei eine ganze

Ausstattung besorgen. Mit Hilfe eines Fachmannes der Polizei probierte

er alle Requisiten durch, lernte Bärte kleben, durch eine Schminke

Gesichtsfarbe ändern und älter oder jünger machen, Entstellungen durch

Narben und anderes mehr. Er konnte nun als Onkel aus der Provinz, als

roter Eilradler, als Taxameterchauffeur, als Dienstmann, Kellner,

Hausmeister, Fensterputzer, Arbeitsloser und so weiter losgehen. Den

Vormittag über studierte er das kriminalistische Museum durch, das die

Polizei angelegt hatte, begab sich wieder mit Photographien, die er dort

gefunden, zu seinen falschen Bärten zurück und arbeitete mit fanatischem

Eifer.

So verging der Tag, und abends war ihm, als sei er ein stärkerer Mensch

geworden. Er war zugleich bescheidener und wagemutiger. Er wäre am

liebsten gleich durch alle Spielhäuser der Stadt gelaufen.

Aber er ging nur zu Schramms. Lang hatte er sich überlegt, ob er nicht

in irgendeiner Ummaskierung dort erscheinen sollte, mehr um sie ein

erstes Mal auszuprobieren und zu lernen, sich sicher darin zu fühlen,

als um etwa unter ihrer Deckung ans Werk zu gehen. Er wurde auch weniger

durch die Aussicht, etwas zu erreichen, hingeführt, als um ein neues Mal

vielleicht den Blondbärtigen spielen zu sehen: er wollte so sich selber

gegenüber gutmachen, was ihm von seinem Versagen am vergangenen Abend

her so peinigend nicht aus der Erinnerung weichen wollte. Auch Basch

hätte er gern gesehen und versucht, mit ihm über das Kartenpech zu

sprechen, unter dem er so gelitten. Er ging also, wie er war.

Es war schon spät, als er hinkam. Hull war dort. Aber es zeigte sich

weder der Blondbärtige noch Basch. Von dem ersten hörte er nur, er sei

gleich nach ihm fortgegangen, und das sei allgemein aufgefallen. Basch

habe nach dem Weggehen des Blonden wie erschlafft und ohne

weiterzuspielen in seinem Sessel gesessen und sei auf einmal

verschwunden gewesen. Niemand kannte ihn recht. Er sei sonst nie zu

Schramms gekommen.

Die Frau, die hinter Basch gesessen, schätzte seine Verluste auf

dreißig- bis fünfunddreißigtausend Mark. Der Blonde habe das alles

gewonnen. Er habe aber erst gewonnen, als er die Bank selber hielt. Es

sei wohl alles in Ordnung zugegangen. Der Diener, der die Karten

liefere, sei sehr zuverlässig.

Unter den Gesprächen über den gestrigen Abend hörte man auf zu spielen.

Die Carozza sagte: »Es gibt Menschen, die sind zum Spielen geboren, und

wenn sie nur eine Karte in die Hand nehmen, ist es ein As. Sie können

tun, was sie wollen. Es ist stärker als sie. Es ist ihr Geist, ihr

Gott.«

Aber das glaubte die Escha nicht. Sie meinte, ein jeder Spieler treffe

einmal in seiner Laufbahn auf die Serie der Glücksstunden. Sie lägen

vorbereitet vor ihm, langerhand hingehängt von seiner guten Fee. Denn

sie glaube an die gute Fee eines jeden Menschenkindes. Man dürfe es

nicht aufgeben, diesen Stunden entgegenzuspielen. Man werde sie einmal

pflücken können wie Äpfel im Herbst vom Baum ...

Den Blonden kannte keiner. Basch hatte ihn mitgebracht. Am ersten Abend

seien sie auch zusammen fortgegangen. Am zweiten Abend zusammen

gekommen. Man hielt ihn für einen entthronten Fürsten. Er war so

herrenhaft und so kurz in der Sprache. Für einen entthronten Fürsten,

der Geld brauche.

»Es ist mir sonderbar mit ihm,« sagte Hull, »es ist mir, als ob ich

schon einmal mit ihm gespielt hätte ...«

»Blödsinn!« sagte die Carozza.

In seinem Innern jedoch lebten diese Vorstellungen sich weiter aus:

Nicht, als ob ich mit ihm gespielt hätte. Als habe er mich in

irgendeiner Weise beleidigt, ganz schwer, bis ins Blut hinein. Aber wie?

wo? wann? das weiß ich nicht. Es ist mir fast, als sei es in einem Traum

gewesen.

»Böse Augen hat er,« sagte eine Frauenstimme.

Die Stimme schien Wenk bekannt. Er schaute hin. Vor dem hellen Licht

über dem Tisch war der Winkel so finster wie ein Loch. Er sah niemanden

darin.

Die Carozza sagte gegen die Stimme im Dunkeln mit einem Ton, der Wenk

gereizt vorkam: »Böse Augen! Was will das sagen! Beim Spiel schaut

niemand darein wie der heilige Aloysius.«

Aus der finsteren Ecke kam es zurück: »Er sah Basch an wie ein Raubtier

seine zu Tode gehetzte Beute!«

Dr. Mabuse, der Spieler · 第 7 / 58 题