Etwa vierzehn Tage später waren die Kreise der Menschen, in denen das
Leben des Tages nur ein langweiliges Verplempern von Zeit ist, vor
Anbruch der Stunde des Spiels, in der die Nerven aus dem Blut Spannung,
Leben und Kraft pumpen, mit der Märe eines Fremden erfüllt, der, wo er
in einen Spielsaal eindrang, sich mit Geld belud.
Es war immer ein anderer. Es war bald ein junger Sportsmensch, bald ein
gesetzter Provinzpapa, bald ein blondbärtiger, wie ein Künstler
zurechtgemachter Mann, bald ein entsprungener Raubmörder ... bald ein
entthronter Fürst ... heute Franzose, morgen aus Leipzig ... er verschob
im Nebenberuf Steinkohlen von der Saar über die Schweiz nach Bayern oder
machte Valutageschäfte mit Neuyork und Rio de Janeiro. Es war immer ein
anderer, aber die Phantasie legte die verschiedenen Bilder übereinander
und machte eines daraus.
Geschlossene Gesellschaften gab es ja nicht mehr. Das Geld war ein
Schlüssel auf alle Schlösser, ein Pelzmantel bedeckte jeden Beruf, wenn
man ihn anhatte, und eine Brillantennadel überstrahlte jeden Charakter.
Man kam, in welche Gesellschaft man wollte.
So war keiner mehr vor dem anderen sicher, und in jeder Gesellschaft
wurde der Sagenhafte, wurde der Glücksspieler an jedem Abend erwartet
und gefürchtet. Jeder Nachbar konnte es sein.
Bei den Behörden liefen Klagen über räuberische Spieler ein. Es konnte
ihnen wohl in keiner Weise Falschspiel nachgewiesen werden. Aber ihr
Glück im Spiel war derart, daß man nicht glauben konnte, es ginge von
allein.
Hull kam jetzt durch die Dame aus der Bonbonniere in mehrere
Gesellschaften, in denen gespielt wurde. Er hörte viel von dem
Spielräuber und von verschiedenen Seiten, denn die Kulissenleute
beschäftigten sich gern mit solchen Erscheinungen, die, wie ihr eigenes
Leben, den Rahmen des ans Alltägliche Gebundenen sprengten, und waren
bedacht, es ins große Phantastische, aus unheimlichen Kräften sich
Nährende abzuschieben.
Aber Hull hatte einen kleinen, alltäglich gescheiten Kopf. Er dachte
wohl noch immer an die Geschichte seiner 20000 Mark, jedoch mehr von dem
heiteren Punkt aus, daß er sie nach einer radikal anderen Richtung
untergebracht hatte als derjenigen, zu der sie bestimmt gewesen waren.
Er wußte heute, wo er sich gänzlich von dem Vergessen-Spuk befreit hatte
und immer mehr zur Überzeugung gekommen war, seine Freunde hätten ihm
mit jener Nacht einen konsequenten, aber schlechten Scherz serviert, daß
sein Schuldschein und die 20000 Mark erledigt seien, und daß das einzig
Anrüchige an der Sache jener Balling gewesen war, der irgendwie mit
seinem Spielglück trotz des Dieners Emil sich nicht sicher gefühlt habe.
Um so mehr war er erstaunt, als sich bei ihm eines Tages ein Herr von
Wenk meldete und ihm die Geschichte aus jener Nacht neu aufgewärmt auf
den Tisch stellte.
Hull verhielt sich ablehnend.
Aber da sagte der andere, er sei Staatsanwalt. Der Herr von Wenk wurde
in den höflichsten Formen sogar zudringlich und zog ein Schriftstück
hervor. Das sei er gezwungen, in seiner Eigenschaft als Beamter
vorzulegen, wie er sagte.
Hätte Hull sich wenigstens mit der Cara Carozza, der Freundin aus der
Bonbonniere, besprechen können, statt allein da vor dem Mann zu sitzen
und allein nachzugrübeln, was zu sagen oder wegzulassen für seine
Bequemlichkeit am zuträglichsten wäre.
Er befand sich wohl in seinem Liebesglück mit Cara Carozza und hielt
nicht im mindesten darauf, im Namen der Tugend des Landes von alten
Speisen zu essen.
»Sie unterhalten, verübeln Sie mir die Einmischung in so persönliche
Verhältnisse nicht, Beziehungen zu Fräulein Cara Carozza von der
Bonbonniere,« sagte nun gar der Besucher.
»Uff, mein Gott!« seufzte es in Hull.
»Können Sie mich mit der Dame zusammenbringen? In Erfüllung meines
Amtes, das mir der Staat übertrug. Wenn ich Sie freilich bitten dürfte,
dem Fräulein gegenüber mich als Privatperson gelten zu lassen. Unnütz,
Ihnen zu versichern, daß ich Sie für einen durch und durch makellosen
Mann halte, der vollkommen unverdächtig ist. Auch über die Dame ist mir
Nachteiliges nicht bekannt. Sie erweisen aber dem Land und
wahrscheinlich sich selber einen Dienst. Sie stehen von heute an
unmittelbar unter dem Schutz der Polizei. Beunruhigen Sie sich nicht.
Noch ist das nichts anderes als eine vielleicht übertriebene Vorsicht.
Sie sollen jedoch sicher sein, in keiner Weise an den Diensten zu
Schaden zu kommen, die Sie Volk und Staat zu erweisen in der Lage sind.«
»Wie soll ich das alles verstehen, Herr Staatsanwalt?« fragte Hull
unsicher.
»Sie werden sich doch Gedanken über Ihren glücklichen Gegenspieler
gemacht haben?«
»Ganz offen gesagt, ich hatte eine Weile Angst, Herr Staatsanwalt. Es
schien mir etwas Unheimliches bei der Sache zu sein. Schließlich habe
ich mein vermutliches Vergessen, daß ich selber jenen Herrn mitgebracht
hätte, auf einen schlechten Spaß meiner Freunde geschoben.«
»Aber dieser Herr Balling, der im Hotel ein anderer war als abends zuvor
im Klub?«
»Der ist mir noch heute unklar. Man gibt sonst falsche Adressen an, um
zu prellen. In diesem Fall aber war es geschehen, um 20000 Mark nicht zu
bekommen.«
»Könnten Sie es sich nicht so erklären,« fuhr der Staatsanwalt fort,
»der fremde alte Herr muß in irgendeiner Weise falsch gespielt haben? Er
begnügte sich, vorsichtig oder gewarnt durch einen Zufall, dessen
Kenntnis sich Ihnen entzieht, mit dem Geld, das er in bar gewonnen
hatte. Er nannte einen Namen, der ihm gerade einfiel und von dem er
durch irgendeinen Zufall Kenntnis hatte. Wenn nicht der Herr Balling vom
Nachmittag im Excelsior nichts anderes als eine Ummaskierung des Herrn
Balling aus Ihrem Klub war. Aber Sie sagen ja, der erste sei ein
kleiner, dicker Mann gewesen, der andere aber von auffallender
Körperform ... Spielen Sie noch, Herr Hull?«
»Ein bißchen, so dann und wann!«
»Zusammen mit Fräulein Carozza? Ich bin mit einem Ihrer Kameraden
befreundet. Mit Karstens! Er wird mich Ihnen vorstellen, und wir werden
eine Bekanntschaft gesellschaftlich erneuern, der amtlich vorgegriffen
zu haben mir nicht allzu sehr verübelt werden möge. Ich hoffe, Sie auf
meine Seite zu bekommen.«
Dann ging Wenk. Er begab sich in sein Amtszimmer.
* * * * *
Wenk hatte einen Monat vor diesem Besuch in einem Prozeß, in dem er als
Staatsanwalt wirkte, zum ersten Male gesehen, wie die Spielwut als eine
Seuche die Stadt fiebern machte. Er selber liebte den Anreiz, den das
Hasardspiel der Phantasie und den Nerven und die Abwechslung, die es
seinem Beruf zwischen Anwälten, Richtern, Angeklagten gab. Früher hatte
er regelmäßig gespielt. Nicht aus Leidenschaft, aber mit einer eifrigen
Liebe, im Spiel die Macht über eigene Beherrschung ausprobierend,
Menschen beobachtend und dem reizvollen, nervenbadenden Zickzack des
Glückes anheim gegeben.
In dem Spielerprozeß hatte er erlebt, welche Gefahr dem Volk durch das
Spiel drohte. Das Auslaufen des Krieges in den keineswegs abspannenden
Zustand, den die Bedingungen von Versailles dem deutschen Volk brachten,
hatte die Phantasie nicht beruhigt, sondern hielt sie angestachelt.
Die Heeresberichte waren vielleicht die erste Schuld gewesen. Sie waren,
oft wochenlang, monatelang, wie eine Lotterie fürs ganze Volk gewesen.
Dann hatte bald jene verhängnisvolle Bewegung eingesetzt, mit der von
den Kriegsbehörden ganze Kreise des Volles systematisch in Spielwut
versetzt wurden, um sie für die Zwecke der Heeresleitung gut gestimmt zu
halten: die gesteigerten Löhne der Kriegsarbeiter und das Nachwerfen von
Geld an die Industrie. Der Handel hinkte nicht lange nach. Überall
wurden Schleusen geöffnet, und in dem Maße, als die Waren seltener
wurden, begann das Geld über alle Dämme zu schwemmen. Es war Wenk klar,
daß jene Menschen in den hohen Stellen der vergangenen Zeit, die
glaubten, die Seele des Volkes mit Geld zu kaufen, schuld an dem
verhängnisvollen Ausgang des Krieges für Deutschland und so auch schuld
an der politischen Entwickelung waren.
Sie hatten an Stelle der unvergänglichen, zu aller Entsagung, zu voller
Pflichterfüllung gegen die Allgemeinheit bereiten Seele einen Götzen --
das Geld gesetzt. Der Tanz um ihn erfaßte das ganze Volk.
Der Krieg hörte auf. Das Geld hatte an Wert verloren und beherrschte
doch mehr als jemals das Leben eines Volkes, dem der äußere Erfolg, der
äußere Glanz genommen worden war.
Hunderttausende waren durch den Krieg an ein untätiges Leben gewöhnt
worden. Dies Leben war durch Jahre nichts anderes gewesen als eine
Lotterie um Sein oder Nichtsein. Es hatte sich in nichts anderem
betätigt als einesteils im Bewußtsein der Macht über Nebenmenschen und
andernteils rein in den Nerven. Hirn wie Gemüt waren verhängt worden.
Sie brachten in die von nun an lebenssicheren Verhältnisse, in die sie
aus dem Krieg herauskamen, die immer zum Spiel gespannte Phantasie. Sie
waren immer gewohnt und entschlossen, auf eine Karte zu setzen. Sie
führten das ehemalige Leben weiter, indem sie die Atmosphäre der
Zufälle, der rasch aber hastig und vorübergehend die Nerven betäubenden
Zustände aus der Kriegszone in das ganze zum Frieden zurückgekehrte Volk
warfen, sein Klima zu ihren Bedürfnissen umschufen.
Das war begreiflich, gewiß! Aber die bestimmt waren, die Geschicke des
Volkes über den laufenden Tag hinaus zu leiten, müßten nun mit letzter
Selbstverleugnung am Werk sein. Dann wäre eine Genesung zu erhoffen.
Der Spielerprozeß hatte Beispiel über Beispiel gezeigt, wie die
Entwickelung sich gemacht hatte.
Dieser Prozeß hatte Wenk weit herum in den Gesellschaften geführt, die
in dem neuen Laster -- im Spiel -- lebten und auch von ihm lebten. Seine
Überzeugungen waren verankert, seine Kenntnis und sein Erkennen der
Gefahr schreckhaft vergrößert worden.
Man spielte im Sous-sol um fünf und im ersten Stock um Fünftausende von
Mark. Man spielte straßein, straßaus, hausauf und -ab. Man spielte mit
Karten, mit Waren, mit Gedanken und mit Genüssen, mit der Macht wie mit
der Schwäche, mit dem Nächsten wie mit sich selber.
Heute spielten auch die Menschen, deren Natur das Spiel nicht lag, die,
bequem und gelassen, gewohnt waren, Gelegenheiten abzuwarten und nicht
sich ihnen entgegenzuwerfen.
Wenk war ein Beamter gewesen, der sein achtunddreißigstes Jahr in einer
ebnen und gut temperierten Karriere erreicht hatte. Im Krieg hatte er
sich bei den Fliegern als Freiwilliger gestellt, weil er Liebe zum Sport
hatte und von seiner lebhaften Jugend her die Erinnerung an den Reiz der
Gefahr in sich bewahrte. Diese Tätigkeit hatte ihn aufgepulvert, und er
ging in seinen Beruf mit heftigeren Gefühlen zurück, als er ihn
verlassen hatte. Der Spielerprozeß und was er in seiner Atmosphäre
gesehen, hatte ihn aufs leidenschaftlichste aufgerührt.
Er war sofort zum Minister gegangen, hatte geschildert, was er gesehen
und erkannt, und ihm dargestellt, daß gegen diese neue Cholera gekämpft
werden müsse, sonst zermürbe sie den Volkskörper. Bei der Wertlosigkeit
des Geldes und den gesteigerten Bedürfnissen könne sich das Volk nicht
anders helfen, als die zahllosen Papierscheine rastlos immer wieder aus
einem Besitz in den andern zu jagen. Der normale Produktions- und
Vertriebsverkehr ergäbe dazu aber nicht das nötige Tempo und beanspruche
auch Arbeit. So geschehe es nach und nach, daß das Spiel den Herzschlag
hergeben müsse, in dem das wirtschaftliche Leben pulsiere.
Der Minister lächelte. Er war ein neuer Mann. Er sagte: »Unser Volk ist
gesund. Sie sind ein Pessimist!«
Aber Wenk fuhr gegen ihn an: »Es ist durch und durch krank! Woher kann
es gesund sein -- nach solchen Jahren und einem solchen Leben?«
Da gab der Minister, der sich unsicher fühlte und nichts unversucht
lassen wollte, nach und schuf einen neuen Posten, den Wenk einnahm.
Der ehemalige Staatsanwalt und Beamte wurde wie in einem Wirbel in sein
neues Amt aufgerissen. Er widmete ihm alle Anstrengung und Energie. Er
schaffte sich nicht zu seinem Titel einen Klubsessel und ein bequemes
Bureau, sondern bildete sein Amt vom geringsten auf, ward Spitzel und
Detektiv, unermüdlich immer sich selber hinausstellend, sammelnd, was er
erreichen konnte. Alles tat er selber. So war er bald, da er das geringe
Ausmaß seiner Kräfte im Kampf gegen die Ausdehnung des Lasters früh
erkannte, auf den Gedanken gekommen, aus den Kranken selber eine Garde
zu schaffen.
Und er fing bei jenen Menschen an, deren Reichtum nicht wie ein
zugelaufener Hund im Haus herumlief, sondern die durch ihren
Zusammenhang mit der Gesellschaftsordnung, die gestürzt war, politisch
und menschlich in die Opposition gedrängt worden waren.
Er wußte: Keines Schuld an den bestehenden Verhältnissen war stärker als
die dieser Menschen, weil sie zu einer Zeit, wo Widerstand nötig gewesen
wäre, feig sich versteckt hatten. Aber er wußte auch, daß in ihnen eine
neue Entschlußkraft emporwollte, daß sie gut zu machen sich sehnten, was
sie gesündigt hatten.
Das waren vor allem die reichen jungen Männer ohne Beruf. In der
Formlosigkeit, in die die Entwertung und Verschiebung des Geldes das
Land gestürzt hatte, war es ihnen verwehrt, ihr bisheriges Leben
fortzuführen. Ihre Gesellschaft hatte sich mit neuen Reichen durchsetzt,
die sie gebrauchten, weil sie sich von ihnen gebrauchen ließen.
Der Staatsanwalt von Wenk hatte sich an ehemalige Korpsbrüder gewandt,
von denen das unterschiedliche Leben seines Amts ihn seit langem
getrennt hatte; und den er zuerst wiedergefunden und auch gewonnen
hatte, war Karstens gewesen. Von ihm hatte er Hulls sonderbares und
verdächtiges Spielabenteuer mit allen Einzelheiten erfahren.
Er verglich die Geschichte Hulls mit dem Material, das sich rasch bei
ihm gesammelt hatte. Es kamen immer neue Klagen über räuberische
Spieler, die so ausgezeichnet arbeiteten, daß ihnen ein Makel nicht
nachgewiesen werden konnte, so andauernd aber gewannen, daß nichts
anders denkbar war, als daß sie dem Glück nachhalfen.
Wenk war geneigt, aus einigen, wenn auch sehr weitläufigen Ähnlichkeiten
alle diese Fälle auf eine zusammenarbeitende Bande zurückzuführen. Ja,
er hatte den Eindruck, als sei hier ein einzelner Mann am Werk. Aber
dieser Eindruck war nur gefühlsmäßig. Hulls Erlebnis war nun in dieser
Reihe das sonderbarste, rätselhafteste und gefährlichste. Aber Wenk
witterte, daß in ihm dafür auch der Schlüssel zu den andern läge.
* * * * *
Als Wenk gegangen war, stritt Hull lange Zeit mit sich. Die
unnachsichtige Form, in der Wenk bei aller Höflichkeit bei ihm auftrat,
hatte auf ihn gewirkt. Er ahnte, was der Staatsanwalt wollte. Denn er
selber mußte sich oft unzufrieden erklären mit seinem Leben, wenn auch
meist die Bequemlichkeit derartige Gedanken von ihm fern hielt.
Er hätte in gewöhnlichen Zeitläuften hemmungslos und ohne Bedenken sein
genießerisches Leben so lange geführt, bis seine Gesundheit ihm das
übliche Ende gesetzt hätte, oder bis es in eine der herkömmlichen oder
unvorhergesehenen Ehen ausgegangen wäre.
Hull stimmte nicht überein mit dem Verlauf, den die Dinge in Deutschland
nach Versailles genommen hatten. Zugleich fragte er sich: Wo warst du
1918, als die Wendung kam? Und früher, als sie sich vorbereitete? Bist
du nicht mit schuld, du, Hull und ihr alle? ... Das meinte der
Staatsanwalt.
Aber Hull sah in sich nicht das geringste jener Persönlichkeit, die zur
Rettung fehlte, und er schüttelte das Bedenken von sich ab, fuhr zu Cara
Carozza und erzählte ihr vom Besuche Wenks. »Um Gottes willen, bringe
uns nicht in die Tinte mit deinem Staatsanwalt, lieber Gardi,« sagte
die.
»Aber ... aber ... spielen wir falsch? Betrügen wir? Wuchern wir,
schieben wir? Wir lassen uns doch nur leben. Wo denkst du hin,
Maidscherl?«
»Gardi, ein aufgefaltetes Spiel Karten ... ein Bankhalter ...
geschlossene Türen und ein Staatsanwalt! Das kann einen an den Galgen
bringen!«
»Ich versprach's ihm aber!«
»Dumm!« sagte sie nur mehr. »Du hättest dich anders herausziehen können.
Die Escha bringt heute ihren Freund mit. Wir gehen zu Schramms. Karstens
telephonierte vorhin, er komme auch.«
»Dann kommt Wenk sowieso. Also gut, es ist nun einmal so!«
Der Oberkellner des kleinen Weinrestaurants von Schramms, das sich
kürzlich in einer der vornehmen Villenstraßen aufgetan hatte und von
einem raffinierten Kunstgewerbler in einem verschrobenen Geschmack
ausgestattet worden war, führte Karstens und Wenk nach dem Nachtmahl in
einer Loge nach hinten und eine Wendeltreppe hinauf in ein Zimmer, das
keinen anderen Ausgang und überhaupt keine Fenster zu haben schien.
In der Mitte des Sälchens stand ein Tisch von einigem Umfang, oval, aber
bei jedem Sessel zu einer Nische ausgehöhlt, in die sich der
Platzinhaber hineinsetzen konnte, so daß die Tischplatte rechts und
links unter seinen Ellbogen ihn umfloß. Die Platte war aus einem barock
geäderten, flammigen Kiefersfeldener Marmor. Nur in der Mitte war ein
vollkommen weißes Oval eingelassen. Um den Tisch herum, hinter den
Sesseln der Spieler erhöhte sich der Fußboden, aber die Wände waren mit
verdehnten Liegediwans ganz angebaut, auf denen mild himbeerfarbene
Polster mit schwarzen Ornamenten aufquollen. Eine gläserne geschliffene
Tonne hing an Messinggestäng tief über den Tisch und erstrahlte von
elektrischen Birnen, die aus silbernen Armen niedergriffen. Die Wände
oberhalb der himbeerfarbenen Polster waren mit demselben freudigen
Marmor belegt, aus dem die Tischplatte bestand.
Wenk wurde der Carozza vorgestellt.
»Ich konnte den Mund nicht halten, Herr Staatsanwalt. Meine Freundin ist
unterrichtet. Verübeln Sie mir das nicht, bitte!«
Wenk machte eine leichte Verbeugung, in der ein Bedauern nicht
unterdrückt war.
Für Karstens und Wenk waren Plätze am Tisch zurückbehalten worden. Sie
setzten sich mit Verbeugungen, aber ohne daß jemand sie weiter
vorstellte.
Man spielte Bakkarat.
Karstens neigte sich zu Wenk: »Nur der junge Mann mit dem blonden
Vollbart ist fremd. Die andern spielen immer hier.«
Wenk warf einen Blick auf den Genannten und traf dessen Augen. Er sah,
daß auch sie ihn anschauten, und er blickte gleich über sie weg in die
Höhe. Aber er fühlte, daß der andere gemerkt hatte, man habe von ihm
gesprochen. So oft in der Folge er nun zu dem Fremden hinüberblickte,
fand er dessen Augen wie aufpassend auf sich liegen.
Der Fremde spielte kühl und zurückhaltend. Er verlor oft. Da ließ Wenk
seine Aufmerksamkeit von ihm und wandte sich den andern zu, die er der
Reihe nach beobachtete. Sie waren alle mit ihren Blicken in dem weißen
Oval, auf das die Karten aufgeschlagen wurden. Selten kehrte einer den
Blick ab. Es waren Herren in Frack und Damen, dekolletiert und übermäßig
modisch gekleidet. Das Spiel hatte sie ins Genick gebissen und ritt auf
ihnen.
Da ist niemand, sagte Wenk sich. Es sei denn der mit dem blonden
Vollbart. Er begann wieder, ihn zu beobachten. Aber es fiel ihm nichts
anderes auf, als daß jener seine Blicke erwiderte. Wenk widmete zugleich
der Carozza seine Aufmerksamkeit. Er sah sie hingegeben spielend neben
Hull sitzen, aus dessen Kasse sie sich bediente, wenn sie verlor. Gewann
sie, so häufte sie aber das Geld vor sich auf. In einem Spieler zu ihrer
andern Seite glaubte er einen bekannten Tenor der Staatsbühne zu
erkennen, dessen Bild oft in den Schaukästen hing.
»Ist das Märker?« fragte er Karstens.
Der nickte.
Wenk gewann etwas. Er spielte nicht länger, als bis er sich überzeugt
hatte, daß für ihn nichts los sei. Dann überließ er seinen Platz einem
älteren Herrn, der schon eine Weile hinter ihm saß und ihm mit
Bemerkungen über seine Art zu spielen lästig gefallen war. Er setzte
sich in eines der Polster und schaute noch ein Stündchen dem Spiel zu.
Dann empfahl er sich. Karstens ging mit. Hull blieb mit der Carozza. Als
Wenk schon einige Stufen hinuntergegangen war, blickte er nochmals zum
Tisch zurück.
Da war es ihm, als ob der Blondbärtige mit seinen großen mausgrauen
Augen gierig sein Fortgehen verfolgte und dann blitzschnell, wie in
einer bezwingenden Drohung die Augen auf die Carozza richtete. Aber es
mochte auch eine Täuschung des Lichts sein. Als Wenk unten an der Treppe
angekommen war, stand er unversehens einen Blutschlag lang Brust an
Brust mit einer Dame, die die Hand schon auf das Treppengeländer gelegt
hatte. Er sah ihr mitten in die Augen. Betroffen trat er zurück, indem
er sich tief wie zu einer Huldigung verneigte, und ging. Er wollte zu
Karstens sagen:
»So schön sah ich nie eine Frau!«
Dann aber kam ihm das wie ein Verrat vor, und er trug, mit Wünschen
umbrennend, das rasche Bild ihrer Erscheinung schweigsam durch die
Nachtgassen. Zu Hause geriet er bald in Schlaf. Doch die zwei mausgrauen
Augen, die viel älter waren als der gepflegte leuchtende Bart, hockten
ihm im Schlaf auf die Brust und versuchten, das rote As unmittelbar aus
seinem Herzblut herauszumischen.
Als er am Morgen erwachte, empfand er jedoch nichts als eine weite
Sehnsucht, die Frau an der Wendeltreppe wiederzusehen.