V. Reisen durch die Marschall- und Karolinengruppe.

Wie erwähnt, weisen sämmtliche Atolls der Marschall-Gruppe dieselbe

Eigenthümlichkeit auf, nur in Form und Größe sind sie verschieden;

auffallend aber ist, daß fast bei allen die Leeseite der Atolle, d. h.

also die, welche dem schweren Anprall der Ozeanwogen, die der oft sehr

starke Nordost-Passat an diese Gestade treibt, nicht ausgesetzt sind,

größere Landmassen aufweisen, hingegen an der Luv, d. h. Nordostseite,

nur dort sich Anhäufungen von Sand und kleine oder größere Inseln

sich finden, wo die Koralle ein weites mächtiges Riff erbaut hat. Ich

habe nachgewiesen, daß Korallen-Inseln allein nur durch losgelöste

Rifftheile entstanden sind, naturgemäß also die Wind- oder Wetterseite

zuerst solche aufweisen müßte, daß dies nun auf diesen Atolls

weniger der Fall, liegt daran, daß der starke Wind den von den Wellen

gebildeten Korallensand hinwegfegt, über die Lagunen treibt und eine

Anhäufung an der Leeseite begünstigt. Deshalb sind auch, mit wenigen

Ausnahmen alle Stationen und Ansiedelungen der Weißen dort angelegt,

zumal da dort bequeme Zugänge zu den Lagunen sich befinden, theils für

die Schiffahrt günstiger Ankergrund vorhanden ist.

Da die Lagunen eine ganz beträchtliche Ausdehnung haben, zwischen 5

bis 70 Seemeilen lang sind, wird es erklärlich, daß in den Einfahrten

sowohl bei Fluth, als auch Ebbe, eine starke und unter Umständen sehr

starke Strömung vorhanden ist. Die Einfahrten im Jaluit-Atoll und auch

in anderen sind gewöhnlich, weil sie nur schmal, für ein Segelschiff

nicht zu passiren, so lange der Strom mit großer Kraft ein- oder

ausläuft; erst kurz vor oder nach eingetretenen Stillstand, d. h.

wenn Fluth oder Ebbe wechselt, sucht man ein- oder auszulaufen; und am

besten ist es, wenn Durchfahrten auch bei niedrigstem Wasserstand noch

tief genug sind, mit steigendem Wasser dies zu unternehmen; man sieht

dann die Riffe besser und läuft auch keine Gefahr, wenn das Schiff an

oder auf einem Riffe festkommen sollte, sitzen zu bleiben.

Im Jaluit-Atoll wird meistens die zwischen den Inseln Jabor und

Enübor befindliche Südost-Passage, als Einfahrt, und die von hier nach

Südwesten, zwischen Ai und Medjerrurik, liegende Passage, als Ausfahrt

benutzt, seltener die Nordost-Passagen. Gegen widrige Winde diese engen

Fahrstraßen zu benutzen ist für ein größeres Schiff schier unmöglich,

ich habe es mit einlaufendem Strome öfter versucht, nie aber gewagt ein

großes Segelschiff auf diese Weise, wenn ich in Jaluit anwesend, und

zeitweilig als Lootse thätig war, ein- oder auszubringen.

Sehr häßlich ist es, wenn zwischen zwei Inselspitzen der vorher starke

Wind plötzlich abflaut, oder sogar für den Augenblick entgegengesetzt

weht; hat dann das Schiff keine genügende Fahrt oder ist sogar

Gegenstrom vorhanden, ist die Lage für einen Führer oder Lootsen

geradezu peinlich. Für den Schiffsführer der aus der Südwest-Ausfahrt

von Jaluit segeln will, bedarf es einer genauen Kenntniß der

Oertlichkeit, vor allem namentlich am Nachmittage, wo er die Sonne

recht voraus hat, die das Wasser wie eine Silberfluth erscheinen läßt.

Als ich einst beordert war eine Bark hier hinaus zu lootsen, wurde

der Wind zwischen den Inseln Ai und Medjerrurik still, die Untersegel

schlugen back, während die Oberbramsegel noch den vollen Wind hatten

und das Schiff trieb dem nahen Riffe zu. Nichts war dagegen zu

machen, da aber jede Zögerung die Gefahr vergrößerte, so gab ich kurz

entschlossen die nöthigen Befehle. Die Raaen flogen an den Wind, die

klar gehaltenen Boote rauschten ins Wasser und wurden schnell voraus

gebracht, nachdem das Schiff mit Tauen an ihnen befestigt war, ruderten

kräftige Seemannsfäuste aus Leibeskräften, um das steuerlose Schiff

wieder in Fahrt zu bringen. Bald half der stoßweise umspringende Wind,

bald hemmte er, doch ging es langsam vorwärts, bis die Brise wieder mit

voller Kraft einfiel und es ermöglichte, das Schiff zu regieren.

Als ich mit meinem Boote zurückkehrte, hoffte ich die zehn Seemeilen

weite Entfernung bis Jabor aufkreuzen zu können, da brach aber in

einer Böe der Mast, und die zwei Mann im Boote konnten gegen Strom

und Wind nicht vorwärts kommen. Nirgends war wegen der Riffe Land

zu erreichen, so mußten wir ohne Wasser und Lebensmittel wachend

die Nacht verbringen. Am nächsten Vormittage mußte irgendwo Land

aufgesucht werden, wir landeten auch an einer unbewohnten Stelle, wo

wir, nachdem meine Leute aufgefundene Kokospalmen erklettert hatten,

Durst und Hunger an jungen Nüssen stillen konnten. Darnach als hiervon

genügend Vorrath eingesammelt war, ruderten wir in heißer Sonnengluth

längs der Riffe weiter, erreichten aber die Station erst in der frühen

Morgenstunde des dritten Tages.

Die erste Reise im Marschall-Archipel hatte ich nach Ebon, Namorik,

Kili u. a. zu unternehmen und besuchte auf dieser zuerst die kleinsten,

aber auch fruchtbarsten Atolle. Die einzige Einfahrt in der Ebon-Lagune

liegt an der Südwestseite zwischen den Inseln Juridi und Meidj, diese

ist zwar tief, aber sehr schmal und ausgedehnte Riffpatschen nach innen

machen diese sehr schwer zugänglich, dazu läuft ein wirbelnder Strom

ein und aus, der einem Schiffe gefährlich werden kann, wenn dieser in

voller Stärke einsetzt, ehe frei Wasser gewonnen ist.

Der Wind ist zum Durchsegeln dieser Einfahrt selten günstig, ein

Ankern außerhalb am Riffe nicht immer rathsam, und so begegnete es mir

beim Einkreuzen, daß der über das Riff auslaufende Strom das Schiff

innerhalb der langen Einfahrt an das Riff trieb, und dieses auf der

schräg abfallenden Korallenwand sitzen blieb. Das Wasser fiel und, kam

ich nicht frei, mußte das Schiff schließlich sich auf die Seite legen,

umfallen und volllaufen. Deshalb wurde schnell ein Anker ausgebracht,

der auf hundert Fuß Wassertiefe erst den Grund erreichte, und nun

versucht, das Schiff abzuwinden; allein die starke Leine riß sehr bald

von scharfen Korallen durchschnitten entzwei, und der Anker, an dem

die Bojenleine zu kurz gewesen, war verloren. In Ermangelung eines

schweren geeigneten Ankers, wurde nun als letzter Versuch schnell

einer der Buganker zum gegenüber liegenden Riffe gebracht und gut

hinter Korallensteine versenkt, dann versuchten wir aufs neue, das sich

langsam neigende Schiff mit aller Gewalt abzubringen, und es gelang.

Wäre diese Anordnung erfolglos geblieben oder nochmals die Leine

gerissen, so hätte ich nur noch versuchen können, schnell Gaffeln oder

Segelbäume abzutakeln von den Masten, und senkrecht an der gefährdeten

Seite im Wasser aufzustellen; wären diese an der Bordwand festgebunden

worden, so wäre vielleicht durch solche Stützen, wenn das Wasser nicht

zu tief fiel, ein Unglück vermieden worden sein.

Ich war fast jedesmal gezwungen, in der Ebon-Lagune einzulaufen, selbst

später mit dem größten Schiffe der Gesellschaft und bin immer ohne

besondere Schaden weggekommen. Nur einmal in dunkler Abendstunde in

der Ost-Durchfahrt, der kleineren, aufkreuzend, lief ich noch, von den

Riffen frei, auf Anrathen eines guten Lootsen, den der König von Ebon,

der Häuptling Nelu, mir gestellt hatte, der mit seinem ganzen Gefolge

sich an Bord befand, weiter nach der Insel Eninaitok, zwischen vielen

Riffpatschen und Untiefen hindurch. Als die Insel in Sicht kam, war

wegen der Dunkelheit der Abstand vom Lande schwer zu schätzen, und

hätte ich mich nur auf die Kenntniß des Lootsen verlassen, und nicht

lothen lassen, würde dieser mir das Schiff mit voller Fahrt aufs Riff

gesetzt haben. Plötzlich nur drei Meter Wassertiefe findend, jagte

ich gerade noch zur rechten Zeit das Schiff in den Wind und brachte es

zum Stillstand; darauf segelte ich vom Lande ab und ging auf größerer

Tiefe zu Anker, mich wenig daran kehrend, daß nun die Häuptlinge etwas

länger im Boote sitzen mußten und die Ausschiffung länger dauerte. Um

die schon tagelang an Bord befindlichen Eingebornen noch ans Land zu

bringen, hätte ich, vertrauend der besseren Kenntniß derselben, bald

mein Schiff arg gefährdet gesehen.

Manchem anderen Schiffe ist es beim Einkreuzen in dieser Lagune nicht

sonderlich gut ergangen, Beschädigungen am Schiffsboden, leichter

oder schwererer Art, waren nicht selten, und wer nicht durchaus hinein

segeln mußte, vielleicht nicht unter der Insel Juridi ankern durfte,

kreuzte lieber tagelang vor der Einfahrt hin und her; was ich mitunter

auch that, wenn in der schlechten Jahreszeit die See am Riffe zu schwer

oder nur wenig Ladung zu landen oder abzunehmen war.

Die Lagune selbst bietet, sobald man die schlechte Durchfahrt

durchsegelt hat, einem Schiffe überall sichern Ankergrund; ein

geschützter Hafen ist das weite Becken, in welchem heftiger Wind nur

selten das ruhige klare Gewässer erregen kann.

Ein flüchtiger Ueberblick auf dieses weite Becken läßt vermuthen,

daß nur noch wenig Riffe mehr, außer den der Ausfahrt vorgelagerten,

vorhanden sind, und doch befindet sich eine große Zahl kleiner und

größerer Riffpatschen in demselben; die Thätigkeit der bauenden

Koralle, welche im Laufe der Zeit diese Lagune verschließen wird,

ist in vollem Gange. Recht in die Augen fallend erweist sich diese

Thatsache, langsam zwar, aber immer weiter bauen die Polypen, und

nach menschlicher Voraussicht wird sich hier von allen offenen Atolls

zuerst der Vorgang abspielen, daß diese Lagune für jeden Schiffsverkehr

durch die unzerstörbare Arbeit der winzigen Thierchen geschlossen

wird. Fahrten durch die ganze Lagune von Insel zu Insel bestätigten

mir diese Annahme, da ich unter Land sowohl wie auch im großen freien

Wasserbecken weit ausgedehnte Riffe vorfand.

Die meisten der langgestreckten Inseln dieses Atolls sind flach und

ohne besondere Erhebungen, der Unterbau, Korallensteine, die aber

schon so hoch mit einer Humusschicht bedeckt sind, daß solche wenig

sichtbar werden, auch hat die reiche Vegetation, das Eindringen der

Pflanzen im Gestein, das ihre zur Verwitterung desselben beigetragen.

Ueberhaupt habe ich kaum auf einem anderen Atoll so dichtes Gebüsch,

hohe Bäume und wuchernde Pflanzen angetroffen, wie auf Ebon; anzunehmen

ist, daß dazu der reichlich fallende Regen, der die Verwesung in der

Pflanzenwelt befördert, viel beigetragen hat.

Vor allem erwähnenswerth ist hier neben den sehr zahlreichen

Kokospalmen der mächtige Brotfruchtbaum, dessen schmackhafte Frucht

eine Hauptnahrung der Eingebornen ist. Der Baum wird über 60 Fuß

hoch und trägt auf hohem Stamme, der oft mehrere Fuß im Durchmesser

hat, eine gewaltige Krone, er könnte in seinem Bau mit unserer Eiche

verglichen werden. Seine Früchte, am Ende der Zweige hängend, haben

eine länglich runde Form und werden ein bis zwei Pfund schwer. Sie

werden gewöhnlich zwischen heißen Steinen oder am Feuer geröstet und

bieten selbst dem weißen Manne einen Ersatz für Brot und Kartoffeln,

vor allem auf Inseln, wo die Jamswurzel oder Taro nicht erhältlich

sind.

Hier auf Ebon, wo ich öfter an den Mahlzeiten der Eingebornen

theilnehmen mußte, lernte ich eine neue Art der Zubereitung dieser

Brotfrucht kennen, wodurch dieselbe ganz besonders schmackhaft gemacht

wurde. Das Herz der Frucht wird mit einem Stückchen Holz oder mit den

Fingern entfernt, in die entstandene Höhlung dann weiße Kokosnußmilch

gefüllt, und so in Blätter eingewickelt, zwischen heißen Steinen

gebacken. Das goldgelbe Fleisch, dessen Nährgehalt durch die Milch noch

erhöht ist, wird so ein noch vorzüglicheres Nahrungsmittel. Auf anderen

Inseln wo man diese Art der Zubereitung nicht kannte, fanden alle

vereinzelt lebenden weißen Händler stets ganz besonderes Wohlgefallen

an der auf diese Weise zubereiteten Brotfrucht.

Aeußerst fischreich ist auch die Ebon-Lagune, namentlich in der

starken Strömung der Einfahrt hält sich ein wohlschmeckender,

giftfreier Fisch auf, ähnlich unserem Blei. Um solche Fische nun zu

erhalten, die weder nach der Weise der Eingebornen, noch mit Angeln zu

fangen sind, benutzen hier die Händler von San Franzisko eingeführte

Dynamitpatronen, die angezündet und zur rechten Zeit ins Wasser

geworfen, durch Zerspringen alle am Orte befindlichen Fische betäuben.

Diese kommen dann für wenige Minuten an die Oberfläche und werden, ehe

sie wieder sinken, in die Kanoes oder Boote schnell eingesammelt; ist

das Wasser nicht zu tief, werden die Fische durch Taucher vom Grunde

heraufgeholt.

Die Verwendung solcher Patronen bedingt aber große Vorsicht; ein

Verpassen des rechten Augenblickes, eine fehlerhafte Zusammenstellung

des Sprengstoffes, bringt immer große Gefahr für den, der nicht

ganz genau mit der Anwendung Bescheid weiß. Mehrfach habe ich Leute

getroffen, denen durch das explodirende Dynamit, wenn eine solche

Patrone nicht gut geladen war, mehrere Finger weggerissen waren, einige

aber auch, die ihre Unkenntniß oder Ungeschick mit dem Verluste der

rechten Hand bezahlt haben.

Als ich einst unter der Insel Juridi vor Ebon zu Anker lag, erbat sich

mein Steuermann Kitimatu, ein Japaner, die Erlaubniß, mit dem Boote

fischen zu dürfen. Da mir unbekannt war, daß derselbe sich von einem

Händler Dynamitpatronen gekauft hatte -- übrigens eine verbotene Waare,

die nur im Geheimen zur Einführung gelangt -- wurde ich erst durch

den dumpfen Knall darauf aufmerksam gemacht. Bald sah ich, wie die

Besatzung des Bootes in das Wasser sprang und eine beträchtliche Menge

großer Fische in dasselbe hineinwarf. Der Japaner, ein vorzüglicher

Taucher, holte vom Grunde immer mehr herauf, so daß nach der Zahl der

angesammelten Fische zu urtheilen, mehrere hundert derselben betäubt

oder getödtet sein mußten.

Dulden durfte ich nicht, daß fernerhin solche Art von Fischerei

betrieben wurde, vor allem nicht die Mitführung des gefährlichen

Dynamits an Bord, und obwohl mir, wie auch der Mannschaft, die große

Menge schöner Fische nicht unwillkommen war, so mußte für die Folge

doch die Verwendung solcher Patronen unterbleiben. Ziemlich erstaunt

war daher der Japaner und die Freude seines Erfolges gedämpft, als ich

vor seinen Augen die mir ausgehändigten übrigen Patronen über Bord

warf; es wollte ihm nicht recht einleuchten, wie ein so nützlicher

Gegenstand anderen gefährlich werden könne.

Ehe ich meine Angaben über den Ebon-Atoll schließe, will ich noch

eines Vorganges erwähnen, der mir später an den Außenriffen leicht

den Verlust des Schiffes „Futuna“ eingetragen hätte. Leichter,

südwestlicher Wind wehte, als ich einst in der schlechten Jahreszeit,

im Anfang Oktober, vor Ebon anlangte und wegen einiger Bootsladungen

Güter nicht erst einlaufen wollte, sondern die Boote an Land sandte und

durch den Steuermann das Geschäftliche erledigen ließ. Darauf segelte

ich, da ich von hier nach den Karolineninseln beordert war, beim Winde

liegend längs der Riffe nordwestwärts; zwar nahe dem Riffe, jedoch frei

genug, um gegebenen Falls ein Segelmanöver ausführen zu können. Querab

der Insel Toka aber, als ich schon hoffen konnte das Riff nach kurzer

Entfernung mehr nach rechts abfallen zu sehen, wurde das Schiff von

einer unerwarteten Strömung dem Riffe, auf welchem eine mittelmäßige

Brandung lief, zugedrängt und erkennend, ich würde nicht frei davon

kommen, gab ich Befehl zum wenden.

Nie hatte der Schooner, selbst in gefährlichen Engen, eine Wendung

versagt, jetzt aber ging er nicht durch den Wind. Ein zweiter Versuch,

mit ganzer seemännischer Geschicklichkeit ausgeführt, schlug wieder

fehl; einen dritten wagen, da ich schon der Brandung sehr nahe gekommen

war und der sicher fehl gehen mußte, da das Schiff nicht mehr Raum

genug hatte um gute Fahrt zu gewinnen, hieß es geradezu aufs Riff

setzen. Verloren schien das Schiff auf jeden Fall, da ich wegen des

kurzen Abstandes vom Riffe keine Möglichkeit mehr sah, dieses vor den

Wind herumzubringen, welches ja das einzige Manöver ist, wenn Strömung

und schwerer Seegang ein Wenden verhindern. Doch um alles zu thun,

mußte ich auch dies wagen; wie ich auf das Riff kam, angetrieben, oder

mit vollen Segeln vor dem Winde, war jetzt gleichgültig; einmal in

der Brandung mußte das Schiff doch nach kurzer Zeit am steilen Riff

zerschlagen und in die Tiefe sinken; die einzige Aussicht war, daß sich

die Mannschaft noch unter Umständen retten könnte.

Es ist ein Haupterforderniß für den Seemann auch in der gefahrvollsten

Lage nicht den Kopf zu verlieren, sondern entschlossen zu handeln, so

gab auch ich ohne Besinnen ehe noch das Schiff durch den Druck seiner

Segel wieder an den Wind gekommen war, den Befehl, das Ruder hart

Backbord zu legen, die Raasegel vierkant zu führen, alle Schooten der

Schratsegel los zu werfen, und siehe wie ein Schwan mit ausgespannten

Fittichen lief das Schiff mit schneller Fahrt seinem Verderben

entgegen. Noch aber war seine Stunde nicht gekommen; das wackere

Schiff, mit dem ich noch manche Noth und Sturm durchkämpfen sollte,

ehe es in diesem Ozean an einer anderen Insel „Kili“ in die Tiefe sank,

gehorchte über Erwarten gut dem Steuer. Die 150 Fuß, die das Schiff vom

Riffe entfernt gewesen, hatte es noch nicht durchlaufen, als es durch

den Druck der sehr schnell hantirten Segel wieder an den Wind gebracht

war. Zwar lief die hohle See schon unter dem Kiel und hob das Schiff

zum vernichtenden Stoße, -- keine zehn Fuß hinter dem Heck donnerten

die Schaumkronen der Brandung -- und doch, mit freiem Winde die Fahrt

beschleunigend, entkam ich dem sicher erwarteten Verderben.

Auf einer Fahrt von Jaluit nach Ebon und zurück, traf ich in der

Ebon-Lagune den Häuptling Launa mit einigen seiner Proas an, mit

denen er, zur Abreise nach Jaluit gerüstet, nur auf gutes Wetter

wartete. Da die Gelegenheit günstig war, mit dem deutschen Schiffe nun

die Ueberfahrt zu machen, trat Launa mit mir in Unterhandlung wegen

des Fahrgeldes, dessen Höhe ihm zwar gut genug bekannt, das er aber

herabgesetzt wissen wollte. Als ich darauf nicht eingehen konnte,

erklärte er mir, dann solle auch keiner seiner Leute mit mir fahren,

er segele mit seinen Kanoes billiger. Thatsächlich ging er am Abend

desselben Tages in See und erreichte glücklich Jaluit.

Die Kunst, mit Geschick und Verständniß, solche nicht ungefährliche

Fahrten in leicht zerbrechlichen Kanoes zu unternehmen, ist heute nur

noch wenig Inselbewohnern eigen, obwohl sie früher im Bereich dieses

Archipels nichts Ungewöhnliches waren. In der Nalik-Kette bedienen sich

die Häuptlinge aber mehr der europäischen Segelschiffe, auch besitzt

der König Kabua, eigentlich Nelu, ein solches, mit dem sie von Insel zu

Insel fahren und es auch selber, ohne Hilfe eines Weißen führen.

Dieses Verständniß der Navigirung nur war einst ein streng gehütetes

Geheimniß erfahrener Häuptlinge. Der es den Weißen verrieth, büßte es

mit dem Tode. Obgleich die Inselbewohner sich auf ihren Fahrten nach

dem Stand der Sonne und des Nachts nach den Sternen richten, worüber

sie zu ihrem Zwecke genügend Bescheid wissen, haben sie sich doch eine

Seekarte angefertigt, die unzweifelhaft beweißt, daß sie über die

Lage der einzelnen Gruppen sowohl, wie über Wind und Strömungen gut

unterrichtet waren.

Diese Karte besteht nur aus geraden oder gebogenen dünnen untereinander

verbundenen Stäben, auf denen an bestimmten Stellen die einzelnen

Inseln durch kleine Muscheln oder Steine angezeigt werden, die

gebogenen Stäbe geben den Strom oder auch den Seegang an, was

gleichbedeutend mit der Windrichtung sein würde. Alle Atolle sind

auf diese Weise bezeichnet, und die Abstände derselben von einander

verhältnißmäßig ziemlich genau angegeben. Hieraus ersieht man, daß

in früheren Zeiten ein reger Verkehr im Bereiche dieses Archipels

stattgefunden hat, die Eingebornen von Insel zu Insel segelten und so

ihre Kenntnisse erweiterten; die vor sehr langer Zeit einfach genug

gewesen sind, z. Z. als die heutigen Atolle noch nicht vorhanden waren,

oder doch deren Ränder noch hohe zusammenhängende Landmassen bildeten,

die im Laufe der Zeiten erst gesunken. Keine oder nur sagenhafte

Ueberlieferungen haben diese Eingebornen, von denen die eine Beachtung

verdient, daß nach der vor langer, langer Zeit an Stelle der jetzigen

Atolle hohe Inseln gestanden haben, aber welche Veränderungen hier

stattgefunden, was ihre Vorfahren geschaut, darüber schweigt ihr Mund!

Der Namorik-Atoll, in Nordwest-Richtung etwa 70 Seemeilen von

Ebon entfernt, ist einer der wenigen, die durch die Korallen schon

geschlossen sind. Nur zwei langgestreckte Inseln, von einander durch

Riffe getrennt, die früher den Zugang zur Lagune gestatteten, bilden

die ganze Landmasse, sind aber ebenso fruchtbar und ertragreich, wie

die Inseln des Ebon-Atolls.

Steile Korallenwände, an denen kein Ankergrund gefunden werden kann,

heben sich aus großer Tiefe empor. Und wenig angenehm ist es für einen

Schiffsführer, sich stets unter Segel hier halten zu müssen; oft habe

ich daselbst tagelang an der Westseite unter Land kreuzen müssen, ehe

mit Booten, die häufig am steilen Strande gefährdet sind, die Ladung

abgenommen war. Wohl ist heute noch das Wasser in der Lagune klar

und rein, da von außen über die Riffe hinweg der Ozean seine Wogen

hineinspült und damit der noch langsam bauenden Koralle frische Nahrung

zuführt; wird dies aber einst durch Anhäufungen von Gestein und Sand

unmöglich, so muß durch die heiße Sonne eine Verdunstung und damit eine

Versumpfung eintreten.

Diesen Prozeß hat bereits die von Namorik in Ost-Richtung etwa 65

Seemeilen entfernt liegende Insel „Kili“ durchgemacht. Eine Seemeile

lang, ist die kleine Lagune schon vollständig umschlossen und ein

großer Sumpf, in welchem die Pflanzenwelt Fuß gefaßt hat und überreich

wuchert. Anfänglich war das Eiland unbewohnt, weil Kokospalmen und

Pandanus nur spärlich vorhanden waren und einzig wilde Hühner und

Schweine dort ungestört hausten; jetzt hat man mit der Lichtung

des wilden Busches begonnen, und die Anpflanzung einer ausgedehnten

Kokosplantage verspricht einen lohnenden Ertrag.

Die Insel ist ebenso steil und unzugänglich wie Namorik, nur am Südende

erstreckt sich ein langes Riff in die See hinein, auf welchem stets

schwere Brandung steht und beim Kreuzen unter Land einem Schiffe

gefährlich werden kann. Auf diesem ging auch der, einst von mir

geführte Schooner „Futuna“ gänzlich in einer dunklen Nacht verloren.

Solche Schiffsverluste sind gewöhnlich auf unbekannte Strömungen

zurückzuführen, die vorherrschend sind oder zeitweise auch von den

Winden hervorgerufen werden. Muß man sich des Nachts unter Land halten,

um nicht zu weit abzutreiben und dadurch Zeit zu verlieren, so ist

es immer nöthig, sich über die Stromverhältnisse erst Gewißheit zu

verschaffen.

In dieser Hinsicht ist die auf 0° 25' Süd-Breite und 167° 10'

Ost-Länge liegende Insel „Pleasant-Eiland“ besonders bemerkenswerth,

da dort der starke Aequatorialstrom, sobald der Wind nachläßt, jedes

Schiff hinwegführt und Tage auch Wochen hingehen, ehe die Insel

wieder erreicht werden kann. Fast jedem Schiffe, das dorthin Reisen

unternommen hat, ist diese Strömung verhängnißvoll geworden, auch

mir, unter den sechs Malen, daß ich dort habe anlaufen müssen, in zwei

Fällen.

Anfang April 1886 nach Pleasant-Eiland beordert, erreichte ich die

Insel mit günstigem Winde schnell. Da auch hier nirgends Ankergrund

gefunden wird, ist es Gebrauch, sich Tag und Nacht ganz dicht unter

Land zu halten, vor allem nicht nord- oder südwärts über die Insel

hinauszusegeln, sonst führt der starke Strom das Schiff mit sich fort

und kann nur bei frischem Winde und ein guter Segler den verlorenen

Abstand wieder gewinnen.

Die Insel ist sehr fruchtbar, daher auch die Kopraausfuhr recht

bedeutend; aber eigenthümliche Verhältnisse unter der Bevölkerung

schädigen den Handel sehr, da zwischen den Bewohnern der elf Bezirke

fast fortwährend gekämpft wird, und das Niederschlagen der Palmen durch

den Sieger, das Aufblühen dieses gesegneten Ländchens verhindert. Die

Eingebornen waren anfänglich den Fremden feindlich gesinnt und haben

lange der Niederlassung europäischer Händler widerstanden; erst als

ihnen die Wirkung der Feuerwaffen, die namentlich von Amerikanern

eingeführt wurden, bekannt war, gelang es einzelnen Fremden, dort Fuß

zu fassen.

Im Innern dieser etwa 15 Seemeilen im Umfange haltenden Insel erheben

sich zwei kegelförmige Krater, einige hundert Fuß hoch, die längst

erloschen sind und auf deren verwitterten Lavafeldern sich eine überaus

reiche Pflanzenwelt entfaltet hat. Selbst ein Kratersee ist vorhanden,

in dem die Eingebornen Fische züchten; auch Höhlen sollen vorhanden

sein, die wahrscheinlich durch vulkanische Erhebungen entstanden sind.

An jenem Tage, als ich die Nordspitze zum ersten Male umsegelte und

dicht unter dem etwa 200 Meter breiten Riffe mich aufhielt, hörte man

am Nordende der Insel fortwährendes Gewehrfeuer. Die Eingebornen waren

wieder in einen Kampf verwickelt. Zum Glück wußte ich wie harmlos im

Grunde genommen solche Kämpfe sind, daß es in der Hauptsache dabei

nur auf zweckloses Knallen, wildes Geschrei und lautes Geschimpfe

ankommt. Selten fällt ein Gegner, auch genügen einige Verwundungen, um

die Kampflust zu befriedigen, und bald beenden feierliche Verträge,

die nie gehalten werden, die Raufereien. Das Schlimmste dabei ist,

daß die anfänglich zügellose Wuth dieser wilden Menschen den Europäer

gefährdet, daher ist dessen Haus gewöhnlich eine kleine Festung,

geeignet, im Nothfall sich dahinter zu vertheidigen; sie fürchten aber

auch die Treffsicherheit des weißen Mannes und wagen es daher selten,

Wunden oder Tod sich durch einen Angriff zu holen.

Ist ein Kampf eröffnet, so nimmt der ganze Stamm daran theil; auch wenn

der Europäer selbst nicht gefährdet ist, kann er zu solcher Zeit keine

Arbeiter erhalten, um Ladung in Empfang zu nehmen oder zu verschiffen.

So war es auch an diesem Tage. Der Superkargo, Herr Tuchtfeldt, ein

Beamter der Gesellschaft, den ich abgesetzt hatte, theilte mir mit,

daß nichts zu machen sei; ich hatte also zu warten, und unablässig

mit vollen Segeln auf- und abkreuzend d. h. ich ließ das Schiff eine

gewisse Strecke treiben und segelte dann wieder dem Lande zu. Als nun

die dunkle Nacht hereinbrach, deren Schatten die Insel den Blicken

entzog und es schwer wurde, den sichern Abstand vom Lande zu schätzen

auch vor Mitternacht noch die Kraft des Windes nachließ, erkannte ich

bald, daß die Fahrt des Schiffes geringer sei als der entgegenlaufende

Strom.

Mehr und mehr verschwanden die dunklen Umrisse der Insel, und als

der Morgen tagte, sah ich nichts mehr von dieser, nur vom hohen Maste

aus entdeckte ich, weit im Osten noch einen dunklen Punkt. Fünfzehn

Seemeilen hatte der Strom das Schiff schon nach Westen getrieben,

und Tage, dachte ich, würden hingehen, ehe ich diese Entfernung mit

frischem Winde wieder aufgekreuzt hätte. Ich konnte über Backbord

Bug am meisten Ost gewinnen, deshalb segelte ich 24 Stunden in

Südost-Richtung fort.

Hatte ich aber geglaubt, südlich weniger Strom zu finden, so war dies

eine bittere Täuschung, denn ich ermittelte am nächsten Mittag, daß

das Schiff einen Grad in Südsüdwest-Richtung versetzt worden war,

mithin ein Strom von vier Seemeilen in der Stunde nach Westen lief.

Eine solche Stärke des Stromes von dessen Vorhandensein ich ja Kenntniß

hatte, kam mir unerwartet, doch brachte sie mich nicht in Verlegenheit,

besonders da nichts zu ändern war.

Unter den Schiffsführern, die bereits abgetrieben waren, war wie ich

später erfuhr die Ansicht verbreitet, daß man in solchem Falle nicht

gegen den Strom kreuzen dürfte, sondern sofort über den Aequator

hinauszukommen suchen müsse, weil man erst auf 4 bis 5 Grad nördlicher

Breite mit dem Gegenstrome erfolgreich nach Osten aufsegeln könne. Daß

ich dies nicht wußte, hat mir großen Nachtheil gebracht, denn als ich

nun überzeugt, daß ich auf südlichem Kurse nichts gewinnen würde und

wieder nordwärts auf Nordnordwest Kurs beim Winde lag, wurde dieser

immer schwächer, so daß ich nur wenig Nord gewann. Am dritten Tage erst

hatte ich wieder den Breitengrad der Insel Pleasant-Eiland erreicht,

befand mich aber bereits 70 Seemeilen weit von dieser entfernt; was

ich befürchtet und in dieser Gegend nicht selten ist, traf ein, der

Wind wurde ganz still und auf dem spiegelglatten Meere, das kaum

eine langgezogene Dünung bewegte, trieben wir unter der brennenden

Sonnengluth immer weiter westwärts, mit einer Geschwindigkeit von

durchschnittlich 72 Seemeilen in 24 Stunden.

Jeden Lufthauch, der hin und wieder aufsprang nutzte ich aus, um bloß

aus dieser häßlichen Lage herauszukommen, denn am zehnten Tage (die

Linie war wieder passirt) war das Schiff bereits 750 Seemeilen von

der Insel abgetrieben worden. Am 14. Tage auf etwa ein Grad nördlicher

Breite angelangt, fand ich keinen oder nur noch sehr geringen Strom,

aber kein Wind wollte aufkommen; was aber das Schlimmste war, der

Wasservorrath ging zu Ende; das Tagesmaß war längst schon so weit

herabgesetzt worden, daß jeder Mann nur einen Tassenkopf voll per Tag

empfing, und nach einigen Tagen war kein Tropfen mehr an Bord.

Der Grund, daß dieser Mangel eintreten konnte, war folgender: es hatte

in Jaluit längere Zeit nicht geregnet, die Wasserbehälter, die das von

den Dächern abfließende Wasser auffangen, waren fast leer, so ging

ich mit wenig Wasser in See, fest darauf rechnend, in der Nähe des

Aequators Regen anzutreffen. Die Wassernoth an Bord wurde schließlich

sehr groß, hatte ich doch außer der Mannschaft noch 6 Eingeborne von

Pleasant-Eiland mit mir, die während der Ladezeit als Arbeiter helfen

sollten und vom Händler, damit er dieser Leute sicher wäre, sofort mit

dem ersten Boote abgeschickt worden waren.

Um die Qual des Durstes zu stillen, durchsuchten die Leute alle

Räumlichkeiten des Schiffes, wo eine Kokosnuß verborgen sein konnte,

und in der höchsten Noth war ein Tropfen halb verdorbener Kokosmilch

ein Labsal für uns alle. Die nächste Insel „Greenwich-Eiland“ sollte

etwa 120 Seemeilen östlich von uns liegen, aber auch wenn ich Wind

gehabt, hätte ich Tage gebraucht, diese niedrige Koralleninsel zu

erreichen. So von Tag zu Tag hoffend, daß endlich eine Aenderung

eintreten oder doch Regen kommen werde, suchte ich mit den schwachen

Lüften, die das Schiff kaum eine Seemeile in der Stunde durchs Wasser

trieben, nur nördlich zu kommen. War ich erst hoch genug und ständiger

Wind wieder vorherrschend, konnte ich die nächste Insel in der

Karolinen-Gruppe aufsuchen, fand ich voraussichtlich dort auch kein

Wasser, so würden doch Kokosnüsse zu erhalten gewesen sein.

Regenschwere Wolken hingen am Horizonte schon tagelang, und wie

sehnsuchtsvoll nach dem Himmelsnaß ausgeschaut wurde, daß jene Wolken

heraufkommen und sich öffnen möchten, kann nur der ermessen, der

qualvollen Durst gelitten hat und bereits die Verzweiflung in den Augen

der Gefährten blitzen sah, die lechzend nach Wasser riefen.

Doch Gottes Hilfe ist am nächsten, wenn die Noth am größten. Drei

Wochen waren hingegangen, da setzte ein frischer Ostwind ein, neue

Hoffnung beseelte uns, in 36 Stunden konnte ich die Mortlok-Inseln

erreichen, und alle Noth hatte ein Ende. Aber noch gnädiger war der

Himmel, nach dem Winde kam bald der Regen und so reichlich, daß alle

Behälter gefüllt werden konnten; die furchtbare Qual des Durstes war

vorüber. An der Grenze der äquatorialen Gegenströmung, mit der ich

jetzt auf etwa 4 Grad nördlicher Breite schneller ostwärts zu kommen

suchte, fand ich verhältnißmäßig schlechtes und kühles Wetter vor,

schwere Regenböen nöthigten mich häufig nur gereffte Segel zu führen.

Ueber fünf Wochen waren hingegangen, ehe ich wieder Pleasant-Eiland

sichtete und diesmal mich drei Tage dort halten konnte. Ein besserer

Segler, ein amerikanischer Schooner, war bald nach mir eingetroffen,

derselbe trieb auch in den ersten Nächten ab, kehrte aber in drei

Wochen wieder zurück und, da dies das einzige Schiff blieb, welches in

diesem Zeitraum die Insel angelaufen, hatte der Vertreter der Firma

dasselbe nicht zur Rückreise nach Jaluit benutzt, sondern auf meine

Rückkehr gewartet. Somit fand ich denselben wohlbehalten dort wieder

vor, wiewohl sich schon bei den Weißen die Ueberzeugung Bahn gebrochen,

es müsse meinem Schiffe etwas zugestoßen sein; auch nach Jaluit

zurückgekehrt, fand ich dort die Nachricht verbreitet, ich sei verloren

gegangen.

Weitere Reisen nach der Ratak-Kette, zunächst nach dem Milli-Atoll,

machten mich auch dort mit den staatlichen Verhältnissen bekannt.

Bald sah ich, daß die Bewohner weniger Nutzen von der vordringenden

Civilisation gehabt hatten, als die der Ralik-Kette. Während erstere

die monarchische Regierungsform zur Einigung geführt und Auflehnungen

einzelner Häuptlinge verhindert hat, hat auf der Ratak-Kette die

Herrschsucht der Häuptlinge viele Unzuträglichkeiten geschaffen, vor

allen wenn zwei oder mehrere sich in den Landbesitz eines Atolls zu

theilen hatten.

Vielfach fand ich auch um Dörfer und an den Grenzen einzelner

Besitzungen, gerade oder in Kreisform aus Korallensteinen aufgeführte

Mauern. Diese bilden die Grenzscheide, wo gelegentlich Belagerer, die

immer die stärkeren sind, und Belagerte zusammentreffen. Es ist kein

Kriegführen, nur ein Zerstören, als das Gebiet des Unterliegenden

außerhalb der Mauer vernichtet wird. Selten, wiewohl die Eingebornen

bereits europäische Waffen in Menge besitzen, selbst die Häuptlinge

die besten Hinterlader haben, fällt aus Zufall ein Gegner von einer

verirrten Kugel getroffen. Fertigkeit im Zielen haben sie noch nicht

erlangt, was ein Glück ist, denn hätten sie diese, so würden sie, mit

ihrem scharfen Gesicht sehr gefährliche Gegner sein.

Eigenthümlich ist, daß der Belagerer fast nie die Mauer zu nehmen wagt

und ein Handgemenge möglichst vermeidet, eher versucht der Belagerte

nächtliche Ausfälle, freilich ohne dabei etwas zu gewinnen. Der

Streit endet gewöhnlich durch Uebergabe oder Aushungern, auch durch

freiwilliges Abziehen des Stärkeren, der bei der Zerstörung der Palmen

und Pandanusbäume sein Müthchen gekühlt hat; nicht selten aber auch

durch so unvernünftige Handlungen eine Hungersnoth heraufbeschwört.

Helden sind die Männer alle nicht, sinn- und zweckloses Schießen ist

ihnen die Hauptsache, mehr noch das gegenseitige Beschimpfen und die

Aufführung kriegerischer Tänze. Nicht genug aber, daß verschiedene

Häuptlinge sich auf einem Atoll bekriegen, sie rüsten sich auch mit

ihren Proas Kriegszüge nach anderen Atolls zu unternehmen. Noch im

Jahre 1885 zogen von Majuro 16 Kanoes mit 300 Mann unter Lailik aus um

einen Häuptling auf Aurh zu bekriegen. Diese große Zahl Menschen ist

aber niemals dort angekommen, obwohl der Abstand beider Atolle nicht

besonders groß ist, sondern nur etwa 70 Seemeilen beträgt, es müssen

Wind und Strömungen sie vertrieben haben, wenigstens wurde nie wieder

etwas über das Schicksal dieser Schaar bekannt. Ich fand einmal sechs

Monate nach jenem Aufbruche zwischen den nördlichen Atolls einen Theil

eines großen Kriegskanoes treiben, theilte dieses den Händlern später

auf Majuro mit und die Eingebornen entnahmen aus dieser Mittheilung,

daß sie nun völlig ihre Angehörigen als verloren zu betrachten hätten.

Unter den Häuptlingen der Ratak-Kette war der angesehenste der

verstorbene Kaibuke, dessen Neffe Leaugnat über Milli herrschte,

andere, der junge Kaibuke, neben dem Häuptling Jiberik herrschte

auf Majuro, auf Maloebab, Murijil; außer diesen war noch eine ganze

Anzahl kleinerer Despoten vorhanden, die durch persönliche Zänkereien

die Entwicklung der Inseln hinderten und auf einem Atoll oft

solche Zustände schufen, daß jahrelang ein Verkehr einzelner Stämme

untereinander unmöglich ward.

Zwar ist nach der Besitzergreifung der Marschall-Atolle durch

Deutschland entschieden Wandel geschaffen worden, das Erscheinen der

großen Kriegsschiffe, oft innerhalb der ausgedehnten mit Untiefen

besäeten Lagunen, hat gewaltigen Eindruck gemacht. Jetzt, wo eine neue

Obrigkeit vorhanden, haben die Privatkriege zu unterbleiben, jetzt gilt

nicht mehr das Recht des Stärkeren, sondern die Streitigkeiten müssen

vor das deutsche Gericht gebracht werden. Mancher Häuptling, der die

Einmischung der Weißen in seine Angelegenheiten, d. h. in die eines

muthwillig herbeigeführten Streites, unbequem fand und widersetzlich

wurde, hat zum eigenen Nachtheil empfinden müssen, daß Verletzung der

Pflichten und Gewaltthätigkeiten schwer geahndet werden.

Von Apia aus hatte ich einen langjährigen Diener des Herrn Konsuls

Weber an Bord, ein Marschall-Insulaner, mit Namen Angenang, der in

seine Heimat zurückbefördert werden sollte und so lange an Bord die

Pflichten eines Kochs zu versehen hatte, bis sich Gelegenheit gefunden,

ihn auf Milli abzusetzen. Es hatte diesem im Dienste der deutschen

Gesellschaft so gut gefallen, daß er mit dem Plane umging, seine ganze

Verwandtschaft zu beeinflußen, ebenfalls auf drei Jahre sich nach Samoa

zu verpflichten. Als sich nun die Gelegenheit bot, den Milli-Atoll

anzulaufen, erhielt ich Weisung die Anwerbung der freiwillig sich

Meldenden an Bord vorzunehmen. Mehrere Tage in der Milli-Lagune hin

und her segelnd, (es waren allerlei Förmlichkeiten mit einzelnen

Häuptlingen zu erledigen) landete ich schließlich im Nordosten unter

der Insel Ennanlik. Nicht lange währte es, bis sich einige Familien,

Männer und Frauen, im ganzen 26 Personen, bereit fanden, auf einige

Jahre nach einem fernen, unbekannten Lande auszuwandern, das freilich

im Gegensatz zur öden, wenig fruchtbaren Korallen-Insel ein Paradies

war.

Den Abschied zu verkürzen, der endlos zwischen den Scheidenden und

den Zurückbleibenden zu werden drohte -- viel Herzlichkeit, wie ich

solche den Eingebornen kaum zugetraut, zeigten sie gegen Verwandte und

Eltern -- beschleunigte ich die Abreise und befand mich am ersten Abend

bereits weit von Milli entfernt, als sich ein Vorfall ereignete, der

Schiff und Mannschaft, sowie Fahrgästen einen schrecklichen Tod hätte

bereiten können.

Da wenig Ladung Kopra im Raum war, hatte ich, um die kaum bekleideten

Menschen Nachts nicht unnütz an Deck frieren zu lassen, auf alten

Segeln eine Lagerstatt bereiten lassen. Aber anstatt die Ruhe zu

suchen, unterhielten sie sich nach alter Gewohnheit, dabei war ihnen

die Dunkelheit im Schiffsraume wohl nicht genehm, sie suchten also

aus ihrem wenigen Gepäck eine einfache Petroleumlampe, von deren

Vorhandensein ich nichts wußte, hervor und zündeten sie an. Lampe

und Brennmaterial war recht schlechte Waare, von Händlern auf Milli

eingetauscht, von deren Gefährlichkeit diese Naturkinder natürlich

keine Ahnung hatten, und so kam es, daß die auf den Kopra gesetzte

Lampe umfiel und explodirte.

Schon waren nach 8 Uhr Abends längst die Wachen abgelöst. Die Wache

an Deck hatte ihre Posten, Ausguck und Ruder bezogen, und unter dem

sternenklaren Himmel einer friedevollen Nacht herrschte völlige Ruhe

auf dem einsam durch den Ozean ziehenden Schiffe. Da plötzlich ein

gellender Aufschrei, ein helles Aufblitzen einer Feuerwelle -- wie ich

vom Hinterdeck aufgesprungen bin und im Augenblick die Größe der Gefahr

erkannt habe, wußte ich nachher selber nicht. Die Männer, welche vor

den Frauen die befestigte Leiter emporkletterten, stieß ich mit Gewalt

zurück und sprang, der von allen Seiten herbeistürzenden Mannschaft

befehlend, mir zu folgen, mitten unter die vor Schrecken gelähmten

Menschen.

Zum Glück war nur die Hauptluke geöffnet geblieben, kein Luftzug

regte die Flammen an, der von hinten wehende Wind trieb den schnell

entwickelten beißenden Qualm zum leeren Vorraum; da glücklicher Weise

die Lampe auf unbedeckten Kopra, von den Sachen und der Schlafstätte

der Leute, weit entfernt aufgestellt gewesen war, so brannte auch erst

das umhergespritzte Petroleum allein und von diesem mit entzündet der

oelhaltige Kopra. Als einziger Europäer an Bord, (ich hatte nur einen

Insulaner als Bootsmann, Lajibid, da es eigentliche Steuerleute nicht

gab, vielmehr oft genug solchen Posten irgendwo entlaufene Matrosen,

die das Schicksal bis hierher verschlagen, ausfüllen mußten) galt es

zuerst die im Hinterraum zusammengedrängten Frauen herauszubringen,

was ich schnell dem Lajibid übertrug, während ich mit den inzwischen

ebenfalls herabgesprungenen Leuten die Schlafmatten ergriff, und

solche ausgebreitet in das Feuer schleuderte, um es etwas zu dämpfen.

So erreichte ich es, daß die nackten Leute, welche sich sonst der

entwickelten Gluth nicht nähern konnten, muthig vordrangen und so

schnell Matte auf Matte deckten, daß diese selbst nicht anbrennen

konnten, auf die Weise wurde das Feuer erstickt.

Ueber dem Feuerheerde wurden dann alte Segel ganz ausgebreitet und

nun, da hilfreiche Hände genug vorhanden waren, (den Milli-Leuten ließ

ich nicht lange Zeit sich zu besinnen) wurden Ströme Wasser mit Eimern

oder mit dem was gerade zur Hand war ausgegossen. Nachdem dann dem

furchtbaren Rauche durch Oeffnen aller Luken Abzug geschafft war, wurde

schnell mit Schaufeln, freiliegende Kopra haufenweise über Segel und

Matten aufgeschüttet; als auch diese wieder durchnäßt war, war nach

mehrstündiger Arbeit jede Gefahr beseitigt.

Welch ein Schicksal aber wäre uns beschieden gewesen, wenn wir des

furchtbaren Elementes nicht Herr geworden wären! Nicht die Hälfte der

Leute hätte ich retten können, das einzige Boot würde mit 20 Menschen

schon bei bewegtem Seegange überladen gewesen sein und ehe es möglich

geworden wäre Land zu erreichen, -- Jaluit lag noch annähernd 120

Meilen vor uns, zurück gegen Wind und See zu rudern war ausgeschlossen

-- wären wir sicher eine Beute der Haie geworden wie alle anderen.

Selbst für den mit allen Gefahren der See vertrauten Seemann --

Gefahren von denen der Landbewohner sich nichts träumen läßt -- sind

solche Augenblicke schrecklich, vor allem für einen Führer, der weiß,

daß Menschenkraft im Kampfe gegen drei Elemente erliegen muß. Er selber

harrt auf seinem Posten aus und stirbt, wenn er das Schicksal der ihm

anvertrauten Wesen nicht mehr wenden kann, aber er weiß auch, daß die,

die sich vielleicht auf Trümmern gerettet, einem grausamen Geschick

verfallen sind.

Solche Gedanken geben einem Menschen übernatürliche Kräfte und

Fähigkeiten -- die Gefahr liegt vor ihm, Tod oder Leben hängt von

seiner Entschlossenheit und seinem Können ab -- und mit dem Muthe der

Verzweiflung stürzt er sich ihr entgegen, um die Planke zu schützen,

auf der er steht, die ihn und die Gefährten über die blau schimmernde

Tiefe, über den Ozean trägt.

Nach Jaluit zurückgekehrt, fand ich dort mein früher geführtes Schiff,

das von Apia hierher beordert worden war, als Ablösung vor und hoffte

schon die Milli-Leute nach Samoa bringen zu können; indeß ich hatte nur

die Schiffe zu wechseln und befand mich bald wieder auf einer Monate

langen Reise durch die Karolinen-Gruppe. Da die Mannschaft, Niue-Leute,

für längere Zeit an Bord zu verbleiben verpflichtet war, so hatte ich

nun wieder eine geübte Besatzung.

Ich muß mich darauf beschränken von dieser ausgedehnten Gruppe hoher

Vulkan-Inseln und zahlreicher Korallen-Atolle ein begrenztes Bild zu

entwerfen und kann nur aufrichtig bedauern, daß den zur Kolonialarbeit

wenig tauglichen Spaniern diese reiche Inselwelt zurückgegeben war und

über ein zukunftreiches Gebiet die entfaltete deutsche Flagge wieder

eingezogen wurde. Die Atolle der Karolinen, zwar nicht an Umfang

denen der Marschall-Inseln gleich, sind aber doch ebenso reich an

Erzeugnissen wie diese, auch meist in größerer Ausdehnung bebaut, da

die Bevölkerung zahlreicher ist.

Die hohen Basalt-Inseln wie Yap, Ruk, Ponapè, und Kufat, Stammvesten

der Bevölkerung, sind dagegen in Wahrheit Edelsteine im weiten Ozean,

die an Fruchtbarkeit in nichts den Samoa-Inseln nachstehen, vielmehr

diese noch übertreffen. Die überreiche Natur wartet nur der fleißigen

Hand, welche die aufgespeicherten Schätze heben soll. Soll man ein

Urtheil über die gesammte Gruppe abgeben, so trifft noch immer der von

früheren Entdeckern gethane Ausspruch zu „Das ganze Meer ist besät mit

Edelsteinen, gerade wie der Spiegel des sternenbesäten Himmels über

diesem.“ „_The whole is studded with ocean gems, as if the mirror of

the starry sky above it._“

Wenn ich hauptsächlich bei den östlichen Inseln verweile, so geschieht

es darum, weil auch ich mit diesen besser bekannt geworden und hier

zum Theil Augenzeuge von Vorgängen gewesen bin, die wenigen noch in der

Erinnerung, vielen nie wahrheitsgemäß geschildert worden sind.

Zunächst nach Ponapè bestimmt, sah ich diese weithin sichtbare große

Insel bereits am sechsten Tage. Einen hochwillkommenen Anblick boten

die hohen Felsenmassen dem einsam auf weitem Meere hinziehenden

Schiffer; geschmückt mit ewigen Grün vom höchsten Bergesgipfel bis

zum blauen Ozean, breitete sie sich gleich einem Paradiese aus vor

den staunenden Augen, wie solches von der Hand der Natur nicht schöner

geschaffen, wie es einem sorglos glücklichen Volke nicht besser geboten

werden kann.

Wie ausgestorben, scheinbar unbewohnt, liegt im smaragdenen Kleide

im Ozean gebettet die Insel da, nichts als das Laub zahlloser Bäume

ist sichtbar, aus dem vom Strande aufwärts die hochragenden Palmen

sich vereinzelt oder in Massen abheben. Wenn man dicht unter die weit

abliegenden Riffe, die mit schmalen Inseln besät sind, vorübersegelt,

erblickt man hinter diesen ein weites ruhiges Becken, das von den

draußen stürmenden Wogen des Ozeans nicht im geringsten bewegt wird

und, wie weit man auch an diesem Riffe und Inselkranze entlang segelt,

sich immer gleich bleibt. Zwischen dem dichten Laube der Bäume wird

keine Hütte sichtbar, doch Rauch steigt hier und dort auf; unter

den steilen Felswänden zieht phantastisch ein Kanoe, um bald zu

verschwinden.

Ein bloßer Punkt auf meiner Karte, war diese 60 Seemeilen im Umfang

große Insel. Sie war nur nicht genau bekannt, auch wußte ich nicht wo

ich die Einfahrt zur deutschen Station zu suchen hatte, darum lief ich

unter der Ostküste nach Süden und suchte westwärts weiter nach einer

Durchfahrt. Da das Wasser still war, wagte ich es als ich gegen Abend

eine ganz schmale Durchfahrt zwischen zwei Riffinseln fand, für mein

Schiff gerade breit und tief genug, einzulaufen. Zwar lagen anfänglich

schlecht sichtbare Riffpatschen umher, die gefährlich werden konnten,

doch näher dem Lande verschwanden auch diese, und bald lag wie im

sichersten Hafen das Schiff ruhig vor seinem Anker.

War vorher nichts von Menschen sichtbar gewesen, so erschien jetzt

bald hier und dort ein Kanoe, und nicht lange währte es, dann lag eine

Anzahl derselben längsseit; Hühner, Eier, Yams, Ananas, Bananen,

Fische und Kokosnüsse, sowie Perlmutterschalen u. s. w. wurden zum

Kaufe angeboten, gegen wenig Tabak konnten von den nackten Eingebornen

die wohlschmeckenden Erzeugnisse dieses reichen Landes eingetauscht

werden. Lungur-Eiland, den Bestimmungsort, mir zu zeigen, ließen sich

willig einige Leute gegen geringes Entgelt bereit finden, sie meinten

eine freie Durchfahrt führe innerhalb der Riffe dahin.

Wohl segelte ich am anderen Morgen einige Stunden weiter nördlich im

ganz stillen Wasser, doch unter der 1000 Fuß hohen senkrechten Felswand

von Jocoits an der Nordseite, fand ich zwischen den hier zahlreichen

großen und ausgedehnten Riffen nur schmale gewundene Engen, die mit

konträrem Winde nicht gut zu durchsegeln waren. Ich nahm deshalb

das Kanoe der Eingebornen an Deck, und suchte durch eine Oeffnung

im Hauptriffe wieder die freie See auf, um so nach der eigentlichen

Jocoits-Einfahrt zu gelangen. In der That wurde bald Lungur-Eiland und

die Station erreicht.

Durch dieses theilweise Umsegeln der ganzen Insel, ward mir die

Gelegenheit gegeben, die mächtigen Felsenpyramiden sowohl, wie auch

die überaus reiche Pflanzenwelt aus der Nähe zu beobachten; machte

ich mich später auch mit dem Innern der Insel näher bekannt und sah

die Großartigkeit der Natur in ihrer vollen Pracht und Wildheit, so

schwächte dies doch nicht den zuerst gewonnenen Eindruck ab.

Die Insel muß in früherer Zeit eine öde Felsenmasse gewesen sein, bis

die allmähliche Zersetzung der Lava und Basaltmassen auf der Oberfläche

für das Pflanzenleben fruchtbaren Boden geliefert hat. Heute krönt

die Höhen ein fast undurchdringlicher Urwald, reicher Humus hat sich

abgelagert, die Verwesung der Pflanzen, die gestürzten Baumriesen

erzeugten ihn, hohe Schichten der fruchtbarsten Erde deckten Thal und

Höhen überall. Kurze reißende Ströme, aus tausend Quellen genährt,

stürzen zu Thal, an ihren Mündungen weite Flächen abgeschwemmtes

Land wieder ablagernd, das oft weithin bis zum Fuße der Felsen mit

Seewasser überdeckt wird und doch dem Mangroven-Baum und vielen anderen

ein Fortkommen gestattet, so daß, gleichwie in der Höhe, auch hier,

mächtige Wälder sich ausgebreitet haben.

Silberklar und kühl ist das herrliche Wasser dieser Flüsse, oft

bin ich, so weit ich nur mit einem Boote kommen konnte, diese

hinaufgefahren, um die Großartigkeit der Urnatur zu betrachten; selbst

im Innern des dunklen Erdtheils (Afrika) habe ich in den jungfräulichen

Urwäldern kaum solche eigenartige Schönheit der Natur gefunden, wie sie

sich hier auf so kleinem Raume dem Auge darbot. Gestürzte Baumriesen

lagen, gestützt auf ihre mächtigen Zweige, von Ufer zu Ufer, Brücken,

auf denen die zahllosen Insekten hin und her wanderten; auch See- und

bunt gefiederte Singvögel liefen ohne Scheu auf solchen auf und ab.

Tausende von Luftwurzeln, Lianen und Schmarotzerpflanzen strebten von

den Bäumen herab zur Erde, um sich wieder in endloser unentwirrbarer

Kette zu heben. Girrend lockt die Taube überall, nicht erkennbar wegen

ihres dunklen Gefieders, im dichten Laub der Bäume, und nur das scharfe

Auge des Eingebornen weiß sie zu finden und mit sicherem, unfehlbarem

Schusse aus der luftigen Höhe herab zu holen.

Die Arten der Pflanzen und Bäume mit ihren Abarten, die Nahrung und

Kleidung geben, sind sehr zahlreich; hauptsächlich aber sind es von den

Bäumen Brotfrucht, Pandanus, Kokosnuß und Bananen, von den Erdpflanzen

Yams, Taro, Ananas und andere, die ohne jegliche Pflege überall wachsen

bis weit hinaus auf dem Inselkranz, woran gleich einer schäumenden

weißen Linie die Wogen des Ozeans sich unablässig brechen.

In geologischer Hinsicht weist Ponapè besondere Merkmale auf. Der

Unterbau ist fester Basalt, darüber thürmen sich aus gleichem Gesteine

2-3000 Fuß hohe Bergkuppen und Höhenzüge auf und darauf wieder

vielfach schichtweise gelagerte Lavamassen. Ebenso fand ich auch im

südlichen Theil der Insel, nahe dem Kiti-Hafen, als ich zu den schwer

zugänglichen Höhen aufstieg, zu Tage tretenden rothen Lehm in ziemlich

starken Schichten abgelagert vor, sicher ein Erzeugniß vulkanischer

Ausbrüche. Auffallend aber ist, daß das Berggefüge in seiner Masse

sowohl, wie in einzelnen Theilen, ein Spielball furchtbarster

Naturkräfte gewesen zu sein scheint, denn entkleidet des überaus

reichen Pflanzenwuchses böte sich dem Auge des Beobachters ein Gemenge

übereinander gethürmter Felsen und Gesteine dar. Nicht die alles

zersetzende Zeit allein hat ihnen hier ihren Stempel aufgedrückt,

vielmehr sind die zahllosen Sprengstücke, mit denen die ganze Insel

besät ist, sicher nur Erzeugnisse der gewaltigsten Erschütterungen und

Umwälzungen schon erstarrt gewesener Massen.

Der Hauptheerd der vulkanischen Thätigkeit muß an der Nord- und

Nordostseite gelegen haben, da hier eine Reihe kleinerer und größerer

Inseln, die getrennt von der gewaltigen Masse der Insel Ponapè liegen,

sich als muthmaßliche Krater erwiesen haben. So die Inseln Mutok,

Yokocts, 800-1000 Fuß hoch, Yarum, Momts, Takain und Lungur. Die

genannten sind alle Basaltgebilde, oft steil und schwer zugänglich,

und steigen bis zu 300 Fuß und darüber. Allerdings habe ich keine

Krateröffnungen gefunden, wohl aber Lavageschiebe, wenn auch nur in

geringerer Menge.

Eine von Fachleuten unternommene Durchforschung der Inselgruppe

dürfte zur Bestätigung meiner Ansicht führen. Diese stützt sich auch

namentlich darauf, daß Lungur ein stumpfer von allen Seiten steil

abfallender Kegel ist (ich habe ihn öfter an steiler Wand erklettert)

und oben im Gestein eine geschlossene kahle Vertiefung zu Tage tritt.

Auch ist das weite fruchtbare Vorland mit mächtigen Felsblöcken

bedeckt, die von der Hauptmasse eine gewaltige Kraft abgesprengt haben

muß.

Auffallend ist die oft bedeutende Tiefe innerhalb des mächtigen

Riffes, welches die ganze Insel in einem Umkreise von 60 Seemeilen

umgiebt; einzig erklärlich dadurch, daß in früherer Zeit ein Sinken der

Gebirgsmasse stattgefunden hat, ein neuer Anbau der Korallen aber durch

das frische Wasser der Flüsse verhindert wurde und nur dort die Polypen

den äußeren Riffwall schaffen konnten, wo ihnen der Ozean reichlich

Nahrung bot, so daß schließlich um die ganze Insel Ponapè eine Lagune

entstanden ist.

Das Innere der Insel mit seinen Urwäldern ist zum Theil selbst für

den Eingeborenen noch unzugänglich und unbekannt, nur wenige schmale

Thäler, gebildet von steilen Felswänden, führen durch die einzelnen

Gebirgspartien; auch längs der Flüsse, deren Wasserkraft sich im

Gestein breite Wege gebahnt hat, ist ein Aufstieg zu den steilen Höhen

möglich. Aber der Eingeborene trägt kein Verlangen, sich in der Wildniß

umzuschauen, überall in gleich großartiger Weise tritt sie hervor.

Am Strande wie auch am Fuße der unzugänglichen Höhen und verborgen im

Gebüsch, an Felswänden, im Schatten gewaltiger Bäume hat er sich seine

Dörfer erbaut.

Die Entdeckung der Karolinen-Inseln ist den Spaniern zuzuschreiben

und zwar soll Quirosa bereits im Jahre 1595 Ponapè gesehen haben.

Versuche der Spanier im 17. Jahrhundert, auf den westlichen Inseln Fuß

zu fassen, scheiterten aber gänzlich an der Wildheit der Eingebornen,

die stets die Priester und Kolonisten ermordeten. Die Folge war, daß

das weite Gebiet bis zum 19. Jahrhundert fast ein unbekanntes Land

geblieben ist. Jedenfalls war der Anspruch der Spanier auf diese reiche

Inselgruppe unberechtigt, da sie sich nie darum bekümmert haben, auch

kaum Kenntniß von dem dort verborgenen Reichthum hatten. Deutschen und

Amerikanern blieb es überlassen diesen Völkern die Gesittung zu bringen

und sie an den Anblick des weißen Mannes zu gewöhnen.

Ueberfälle und Wegnahme einzelner Schiffe haben auch hier wie anderswo

in früherer Zeit stattgefunden. Die Eingeborenen, lüstern nach

fremden Schätzen, bemächtigten sich meist durch Verrath der fremden

Fahrzeuge, nachdem ihrer Uebermacht die Besatzungen erlegen waren.

Nach Ueberlieferungen haben die Spanier mehrmals Ponapè besucht, sind

aber, da sie den Eingebornen vertrauten, in deren Hände gefallen und

niedergemacht. Unter anderen soll im Süden der Insel, wahrscheinlich

im Kiti-Hafen, ein Schiff genommen sein, dessen Leute nicht anders

getödtet werden konnten, als dadurch, daß man ihnen die Augen ausstach;

sie hätten eine solche feste Haut gehabt, daß sie vor jeder Verletzung

geschützt gewesen wären. Unzweifelhaft sind es in Panzern gehüllte

Spanier gewesen, die hier der Uebermacht erlagen.

Auch im Metalanim-Hafen soll ein Schiff gestrandet sein und die

ersten Hühner zu dieser Insel gebracht haben. Die Angabe scheint

richtig zu sein, denn man fand später in den Händen der Eingebornen

eine Messingkanone, ein silbernes Kruzifix, einen kupfernen Kessel,

spanisches Geld u. a. m. Die eigentliche Entdeckung Ponapès

erfolgte aber erst im Jahre 1828 durch die russische Korvette

„Seniavina“ (Commandant Lutke) und die genauere Kenntniß verdanken wir

amerikanischen Walfischfängern und den Missionaren.

Die Bewohner Ponapès, deren Zahl 5000 nicht überschreiten mag, sind,

soweit ich sie kennen gelernt, im Umgange ein friedliches Völkchen,

gefällig und gastfreundlich; trotzdem zeigen sie dem Europäer gegenüber

eine gewisse Zurückhaltung im Benehmen. Etwas Lauerndes liegt in ihrem

Gesichtsausdrucke, sie verleugnen das malayische Blut nicht, das, zum

Theil wenigstens, durch ihre Adern rollt. Es ist die gezähmte Wildheit,

die in dem funkelnden Blick der schwarzen Augen liegt; wie dem Malayen

gegenüber hat der Fremde das unbestimmte Gefühl, als hätte er es mit

einer Katzennatur zu thun und die scharfen Krallen könnten unerwartet

den Arglosen packen.

Der freie Mann duldet kein Unrecht, Blut allein ist die Sühne dafür;

bin ich recht unterrichtet, so ist unter diesen Eingeborenen die

Blutrache weit verbreitet, auch heute noch ersteht in manchen Familien

immer wieder ein Rächer für die beleidigte Ehre oder für das einst

vergossene Blut.

Unter sich, im Verkehr mit einander und im Familienleben sind die

Eingeborenen gütig und liebevoll, ganz anders als im Verkehr mit dem

Fremden, dem gegenüber sie nicht selten sich unfreundlich und abstoßend

zeigen; sie haben nur zu wohl dessen Selbstsucht begriffen, daher

treten sie auch kalt und zurückhaltend ihm entgegen. Wohl findet der

Europäer überall in den Hütten Schutz und Obdach, Speise und Trank und

konnte zu jener Zeit unbelästigt wandern, wohin er wollte, aber solche

geübte Gastfreundschaft ist nicht selbstlos, der Gastgeber erwartet

stets eine Entschädigung, die seiner Mühe entsprechend ausfallen muß,

und zwar ein Gegengeschenk, das in seinen Augen werthvoll genug ist.

Von kräftigem Körperbau, stehen die Männer nach Gestalt dem Weißen

nicht nach, ebenso ist Klugheit ihnen nicht abzusprechen; auch

gewisser Wissensdurst macht sich bei ihnen bemerkbar, und solche, die

Gelegenheit gefunden, andere Länder und Völker zu sehen, stehen bei

ihnen in hoher Achtung. Dennoch scheint die eingedrungene Gesittung

niederdrückend auf das jetzige Geschlecht eingewirkt zu haben, sei

es auch nur, daß sie mehr und mehr grollend, sich in sich selbst

zurückziehen. Die große Fruchtbarkeit, welche diese hohen vulkanischen

Inseln aufweisen, ist durch reichlichen Regenfall bedingt. Ueber

der Gebirgsmasse lagert sehr oft ein dichter Wolkenschleier, der

vorübergehend heftige Regenschauer herabsendet. Im Jahresdurchschnitt

sollen nur 97 schöne, klare Tage vorkommen, 155 bedeckt mit

Regenschauer und 72 Tage ständiger Regen.

Selten sind elektrische Ansammlungen, Blitz und Donner, und nach dem

Glauben der Eingeborenen besucht dann ihr Gott „Ani“ die Insel und

kündet seine Nähe durch zuckende Blitze und rollenden Donner an.

Ganz auffallend ist, wie wenig Ueberlieferung bei diesen Volksstämmen

vorgefunden wird, nichts vernimmt man von großen Thaten, nichts von

hervorragenden Häuptlingen; das Leben und Wirken früherer Geschlechter

ist einfach ausgewischt, selbst im Gedächtnisse der Alten. Ob so

geringe Theilnahme vorhanden, ob wirklich nichts Wichtiges in Sagen

und Gesängen zu überliefern war, steht dahin, jedenfalls ist das,

was an Ueberlieferungen vorhanden ist, so gering und unbestimmt, daß

kein Schluß daraus auf das Vorleben dieser Stämme zu machen ist. Nur

die Steine reden, wo der Menschen Mund schweigt -- gewaltige Bauten,

heute noch ausgedehnte Ruinen, stehen als Wahrzeichen einer längst

entschwundenen Zeit und bezeugen die Thatkraft und Klugheit, welche

den vergangenen Geschlechter innegewohnt hat. Woher sie stammen,

darüber fehlt jede Spur; so staunend der Europäer die gewaltigen von

Menschenhand errichteten Werke betrachtet, ebenso kopfschüttelnd

und zweifelnd steht der heutige Eingeborene vor den Werken seiner

Vorfahren. Die Antwort, die ich auf meine Frage erhielt, wer diese

gewaltigen Mauern und Bauten aufgeführt habe, wie es möglich gewesen

sei, Felsblöcke so übereinander zu thürmen und genau in passende Lage

zu bringen, war; daß habe Niemand gethan; vor langer, langer Zeit habe

ein schöner junger Mensch, ein Gott, in den Bergen gewohnt, der habe

zu den Steinen gesagt, sie sollten sich aufeinander legen und so wären

diese Mauern und Bauten entstanden.

Ich ging durch die Ruinen von Kusai, als ich diese Antwort erhielt;

der Eingeborne, der sie mir gab, schien mir einer der aufgeweckteren zu

sein, überzeugen aber ließ er sich von der Nichtigkeit seiner Angaben

nicht und ich erhielt damit den Beweis, daß diese von den Vorfahren

aufgeführten Werke heute von den Nachkommen als etwas Unnatürliches

angesehen werden.

Aus gleicher Veranlassung müssen sowohl auf Ponapè wie auf Kusai vor

Jahrhunderten diese Bauten errichtet worden sein und demselben Zweck

gedient haben, da die Lage und Wahl des Ortes auf beiden Insel die

gleiche ist. Diese am Metalanim-Hafen auf Ponapè und im Lela-Hafen auf

Kusai liegenden Ruinen erzählen eine Geschichte, mit Felsentrümmern

aufgeführt, mit Steinen geschrieben und sind eine Ueberlieferung aus

der großen längst entschwundenen Zeit eines einsichtigen Volkes. Die

Eingebornen, von einem einheitlichen Willen einst beherrscht und

geleitet, haben wahrscheinlich diese sowohl zur Vertheidigung wie

zum Wohnsitz geeigneten Bauten aufgeführt. Weniger auffällig wäre

es, wenn aus kleinerem Gestein solche mächtigen Mauern, die große

Quadrate umschließen, aufgeführt worden wären. Das ist aber nicht der

Fall, Felsstücke von ungeheurem Gewichte sind aufeinander gethürmt;

Zwischenräume mit kleineren ausgefüllt; 20 Fuß hoch und 12 Fuß breit

liegen Gesteinmassen in dieser Höhe, die mit ungewöhnlichem Aufwand von

Kraft und Geschick hinaufgeschafft sein müssen.

Selbst wenn man annimmt, die mächtigen Blöcke seien auf schrägliegender

Unterlage aufgerollt worden, so fehlt doch die Erklärung dafür, auf

welche Art diese an Stelle geschafft wurden, zumal da auf der Insel

Lela die Steine erst über eine weite Wasserfläche haben geschafft

werden müssen. Möglich ist auch, daß die Eingeborenen die so großen

und schweren Felsstücke auf Flöße gerollt und weiter geschafft haben,

aber dann müssen solche auch eine ganz bedeutende Tragfähigkeit

besessen haben. Jedenfalls muß der Gedanke, daß dies alles ohne unsere

heutigen Hülfsmittel ausgeführt ist, jeden, der diese Bauten gesehen,

in höchstes Erstaunen versetzen. Jedes Quadrat in den Ruinen ist durch

Gänge mit einander verbunden, es führen lange Kanäle zum Wasser, und

an der Südseite von Lela münden diese in eine Art von künstlichen

Hafen, dessen Umrisse zwar noch erkennbar, doch zum größten Theil

durch Anschwemmungen verwischt und mit Mangrovengebüsch bedeckt sind.

Uebrigens, als der Aufbau dieser Steinmassen vor nicht festzustellenden

Jahrhunderten begonnen, ist die heute verschwemmte weite Bucht des

Lelahafens bis zum Fuße der Bergmassen auf der Insel Kusai frei

gewesen, heute erstrecken sich dagegen in der Runde große ausgedehnte

Mangrovensümpfe, durch die nur einige wenige Wasserstraßen führen, und

sind höchstens mit einem Kanoe bis zum festen Lande befahrbar.

Ein Beweis dafür, welch ein gewaltiger Zeitraum hingegangen ist, seit

diese Werke ausgeführt wurden, ist, daß das Innere der Ruinen sowohl,

wie selbst die Steinwälle vollständig überwuchert sind. Hohe Bäume

stehen auf den Mauern, tief sind deren Wurzel ins Gestein eingedrungen

und haben selbst die mächtigen Blöcke durch ihr Wachsthum auseinander

gesprengt. Wie lange diese Ruinen als einstige Residenz der Könige

gedient haben, sei dahingestellt, sie wurden schließlich ein Mausoleum

der großen Todten und sind heute noch die Grabstätte der „Tokesau“

(Häuptlinge).

* * * * *

Die Insel Kusai, die östlichste der Karolinen-Gruppe, unterscheidet

sich von Ponapè nach Form und Größe, sowie dadurch, daß das diese

Insel umgebende Riff bei weitem nicht die lagunenartige Bildung

aufweist, sondern mit dem Lande mehr verbunden bleibt, und nur größere

Ausdehnung an der Nordwest, Nord und Nordostseite hat. An der ersteren,

durch einen Durchbruch im Riff, wird dort der Coquille-Hafen, an

der letzteren durch die Insel Lela „Nin-molchon“ von den Eingebornen

genannt, der Lelahafen gebildet, während im Süden durch Inselchen auf

dem Riffe selbst, durch eine Einbuchtung der Felsenmassen, die hiervon

umgeben sind, der kleine aber sichere Lottin-Hafen entstanden ist.

In jeder Hinsicht stimmen sonst die beiden Inseln überein, was von

der einen gesagt, gilt auch von der anderen; dieselbe Großartigkeit

der wilden Natur, dieselbe Unzugänglichkeit zu dem Innern und zu den

steilen Bergen, wie auch dieselbe furchtbare einstige vulkanische

Thätigkeit.

Vorauszusetzen ist, daß auf dieser so fruchtbaren Insel eine ebenso

zahlreiche Bevölkerung gelebt hat, wie auf Ponapè; selbst im ersten

Drittel dieses Jahrhunderts war die Zahl der Bewohner noch mehr als

doppelt so groß wie heute. Früher sollen sogar nach Angabe der ältesten

Eingebornen viel tausende rings auf der Insel gelebt und gewohnt haben.

Die einst zahlreich genug waren, stark bemannte Schiffe zu nehmen, und

im heißen Kampfe die gut bewährten weißen Männer zu überwältigen, sind

heute nur noch ein kleines Häuflein Menschen, 300 an Zahl.

Furchtbar hat eine schreckliche Seuche, eingeschleppt durch

amerikanische Walfischfänger, unter dieser Bevölkerung besonders

gehaust. In absehbarer Zeit wird auch der letzte Bewohner Kusais bei

seinen Vätern versammelt sein, denn keine menschliche Hilfe kann dem

Aussterben derselben mehr halt gebieten.

Schrecklich war es solche Kranke zu sehen, noch schrecklicher ihnen

mit Rath und That beizustehen. Manchem verband ich die Wunden, andere

lehrte ich wie solche rein zu halten und zu behandeln sind. Dafür waren

sie auch sehr erkenntlich; lag ich im Hafen von Lela, wurde mir von

Fischen, Schweinen und Schildkröten immer ein Antheil vom Könige Keru,

der mit christlichem Namen Georg II. hieß, an Bord gesandt. Es ist

nämlich Gebrauch, daß alle Speisen für den König sowohl, wie für die

Angesehensten insgesammt, bereitet werden, diese werden dann vor das

Haus des Königs gebracht und dieser bestimmt jedem seinen Theil.

Sehr unterwürfig sind die Unterthanen gegen ihren mit unbeschränkter

Gewalt ausgerüsteten König, keiner wird unaufgefordert dessen

hochgelegenes und kunstvoll aufgebautes Haus betreten, tief verneigt

sich jeder Vorübergehende; hat einer aber ein persönliches Anliegen,

kniet er auf der untersten Stufe der Treppe, die zum Hause hinaufführt

nieder und bringt in solcher Stellung sein Anliegen vor. Des Königs

Ausspruch ist Gesetz; so oft ich auch bei solcher Gelegenheit im

Königshause anwesend war, fand ich dies bestätigt.

Durch beiderseitiges Entgegenkommen stand ich mit dem Könige und den

Häuptlingen auf besonders gutem Fuße, was darauf zurückzuführen war,

daß ich auch ihnen unentgeltlich Arznei gab, ihre Wunden verband

und Schmerzen linderte. Sie lohnten mir dafür mit den Erzeugnissen

des Landes, oft brachten sie mir so viel, daß meine Leute kaum

alle Nahrungsmittel zu verzehren im Stande waren. Bei einer solchen

Gelegenheit erhielt ich Kenntniß von einem merkwürdigen Aberglauben.

Ich war im Lelahafen eingelaufen, und da ich Wassermangel an Bord

hatte, fuhr ich sofort mit einem Boote durch das Mangrovengebüsch den

Fluß hinauf zum festen Lande um die mitgenommenen Fässer auffüllen zu

lassen. Im Flußbett bemerkte ich auf klarem sandigen Grunde viele Aale,

die aber zu gewandt waren, als daß sie mit den Händen zu greifen waren,

nur ein mächtiges Thier von 4 Fuß Länge, dessen Schwanz wahrscheinlich

von einem Hai abgebissen war, konnte sich nur mühsam fortbewegen.

Diesen Aal im flachen Wasser zu ergreifen wäre zwecklos gewesen,

deshalb befestigte ich, um ihn doch zu erhalten, ein starkes Messer an

einer Stange, stieß dieses dem Aale durch den Kopf und nagelte ihn am

Grunde fest. Bald waren die Kräfte des Thieres erschöpft, und es gelang

die Beute zu sichern.

Zurückgekehrt zum Schiffe, fand ich dort eine ganze Zahl Eingeborner,

auch Häuptlinge versammelt, die wieder Geschenke gebracht hatten; kaum

aber hatten die Niue-Leute den großen Aal, den sie essen wollten, an

Deck gebracht und aufgehängt, als die Eingebornen zum großen Theil

auffällig verschwanden, ohne ihr Anliegen vorgebracht zu haben. Ich

las in aller Mienen Abscheu und Furcht, und einen Häuptling befragend,

warum sie sich vor solchem todten Thiere fürchteten, sagte er mir,

daß in den Aalen, die von niemand gegessen werden, der böse Geist sich

aufhalte, und wer solches Thier tödtet oder gar davon ißt, wird sicher

gestraft.

Dieser Ausspruch war genügend, um die gewiß von thörichtem Aberglauben

erfüllten Niue-Leute stutzig zu machen; sie ließen den Aal, dem sie die

Haut schon abgezogen hängen, und wiewohl ich sie thöricht und unklug

schalt, wollte doch keiner mehr etwas damit zu thun haben, viel weniger

davon essen; es blieb nichts anderes übrig als den „bösen Geist“

über Bord zu werfen, worauf dann erst die in ihren Kanoes wartenden

Eingebornen an Bord zurückkehrten.

Bemerkenswerth ist, daß Hundefleisch als besonderer Leckerbissen auf

Ponapè gilt und werden Hunde dort gerne eingetauscht und gemästet.

Ich hatte gelegentlich einmal einen elenden alten Hund, der mir von

Eingebornen der Marschall-Inseln angeboten wurde, angenommen, um das

Thier nicht elendiglich verkommen zu lassen; da es aber gar nichts

werth, dazu bissig und häßlich war, so nahm ich in Ponapè das Angebot,

es für zwei große Schweine abzugeben, an, zufrieden auf solche Weise

den Hund loszuwerden, dem keiner nahen durfte und der mit Vorliebe

seine Zähne in die nackten Beine der Leute einzugraben liebte.

Zeigen die Marschall-Insulaner im Flechten der Matten u. a. ganz

besonderes Geschick, so übertreffen die Frauen und Mädchen auf Kusai

in einer Hinsicht diese dennoch. Auf einem kleinen Webestuhle,

der eigenartig gebaut ist, weben sie aus feinem Baumbast sehr

kunstvolle Lendengurte, so fein und sauber -- die Zeichnungen und die

Zusammenstellung der verschiedenen Farben sind sorgfältig ausgeführt

-- wie es die kunstfertige Hand einer europäischen Dame nicht

fertigbringen würde. Als Schere, um die oft kaum zolllangen Fädchen

abzuschneiden, bedienen sie sich der messerscharfen Kante einer kleinen

Seemuschel.

Staunend habe ich oft in ihren Hütten dieser kunstvollen mühseligen

Arbeit zugeschaut. Wie der Knabe von Jugend auf sich mit dem Speere

übt, den schnellen Fisch im Wasser zu tödten, so sitzen die Mädchen

im jugendlichen Alter schon flechtend und webend, um ihre einfache

Kleidung so schön wie möglich zu schmücken, denn wie alle Evastöchter

sind auch diese einfachen Naturkinder nicht gänzlich frei von

Eitelkeit.

Daß früher schon die Bewohner Kusais unter sich nicht allein

Tauschhandel getrieben, sondern eine Art Werthgegenstand als Geld

benutzten, gleichwie afrikanische Völker die Kauri-Muschel, ist

erwiesen, und zwar haben sie die werthvolle Perlmutterschale dazu

benutzt, die auf tiefem Korallengrunde, namentlich in Ponapè häufig

gefunden wird. Von einer großen, sauber bearbeiteten Schale hatte

das Kernstück, nach Größe und Breite, einen entsprechenden Werth,

ein solches, etwa zwei Zoll breit und 6 bis 7 Zoll lang, wurde einem

Arbeiter als Tagelohn ausbezahlt, die kleineren Stücke galten weniger.

Wann aber dieses Geld, von dem ich einige Stücke noch in Lottin-Hafen

bekam, in Kurs gewesen, darüber konnte ich gewisses nicht erfahren.

Einst nach längerer Abwesenheit nach Jaluit zurückgekehrt, erfuhr

ich, daß in der Zwischenzeit, ein mir auch bekannter Europäer am

Strande ermordet worden sei. In dunkler Abendstunde aus einer der

Wirthschaften, deren zwei vorhanden waren, heraustretend, sei er von

Malayen die irgend ein Schiff zurückgelassen, überfallen und getödtet

worden. Ein Racheakt sei es gewesen und eine Verwechslung habe in

der Dunkelheit stattgefunden, und ihr sei dieser junge Mann zum Opfer

gefallen.

Der Mörder und seine Mitschuldigen waren schnell gefaßt und dem

eingelaufenen deutschen Kriegsschiffe „Bismarck“ ausgeliefert worden;

der Thäter büßte seine Schuld mit dem Leben.

Am Abend jenes Tages, an welchem ich in Jaluit eingelaufen war, folgte

ich der Aufforderung des Leiters unserer Gesellschaft, den Abend

mit Billardspielen gemeinschaftlich hinzubringen. Um diese Absicht

auszuführen begaben wir uns zu dem Hause des deutschen Wirthes, das

gewöhnlich von den Europäern besucht wurde. Nicht weit davon lag die

Wirthschaft eines Schwarzen, der mehr Zuspruch von den zu Zeiten im

Hafen anwesenden Schiffsbesatzungen hatte; hier pflegte es öfter auch

recht lebhaft zuzugehen. Es mochte etwa 9 Uhr abends geworden sein, als

ein wilder Lärm von jenem Hause herüberschallte, unter anderen hörte

ich die lärmenden Stimmen meiner Niue-Leute heraus. Daß einige an Land

gegangen waren wußte ich, ich hatte ihnen selber Urlaub gegeben, daß

aber der Steuermann, ein von mir in Ponapè aufgenommener Matrose, der

dort von einem Schiffe krank zurückgelassen worden war, ein Norweger,

entgegen meiner Weisung die ganze Besatzung an Land gelassen und ihr

noch dazu Geld zu Schnaps gegeben hatte, ahnte ich nicht.

Sogleich unterbrach ich das Spiel und eilte in der Meinung meine Leute

seien mit anderen in Händel gerathen, zu dem anderen Wirthshause. Als

ich schnell das Haus erreicht, fand ich in der Schenkstube eintretend

allerlei Volk vor, darunter meine ganze Besatzung. Alle waren

angetrunken und zwei Parteien befanden sich im heftigen Streite, der

augenblicklich verstummte, als ich meinen Leuten befahl, sofort an Bord

zu gehen. Aber nur einige waren vernünftig und folgten der Weisung,

vier weigerten sich entschieden zu gehorchen; als sie auch einer

zweiten Aufforderung nicht Folge leisteten, faßte ich schließlich,

durch die Widersetzlichkeit aufgebracht, einen an, und schob ihn der

Thüre zu. Kaum aber war meine Absicht den Umstehenden klar, als ich

von hinten gefaßt und mit Faustschlägen zu Boden gestreckt wurde;

im Fallen riß ich den Angefaßten mit mir, der auf mich fiel, dieser

Umstand rettete mich, denn so kurz die Zeit auch war, bis der Mann aus

meinen Händen befreit werden konnte, sie genügte um die Schaar, welche

mit gezückten Messern und dem Rufe „tödtet den weißen Mann“ „_kill the

white man_“, von der Mordthat zurückzuhalten.

Wider Erwarten war ich plötzlich frei und von dem Eigenthümer des

Hauses, einem riesigen Neger, aufgerichtet sah ich, wie ein Weißer

einen wuchtigen Stock auf die Köpfe der braunen Gesellen niedersausen

ließ, die durch Fenster und Thüren entflohen. Der Retter in der Noth

war ein amerikanischer Schiffsführer, von Honolulu, der gegen Abend

noch in den Hafen eingelaufen, hier zufällig vorbeigekommen und mit

angesehen hatte, wie ich niedergeschlagen wurde.

Meine Leute, soviel ich gesehen, waren es nicht gewesen, welche

die Messer gezogen, die Uebelthäter aber wollten oder konnten sie

nicht nennen, wenigstens konnten diese nicht ermittelt werden. Der

deutsche Konsul mußte sich also damit begnügen die vier Mann, die

Widersetzlichkeit gezeigt, dafür drei Tage lang in Eisen zu legen.

Nicht lange nach diesem Vorfall war mein Schiff wieder segelfertig, um

eine Reise nach den Karolinen anzutreten; ich wurde von verschiedenen

Seiten gewarnt, mit solcher Besatzung wieder in See zu gehen, denn dem

rachsüchtigen Charakter der Niue-Leute sei nicht zu trauen. Indes ich

verließ mich darauf, daß es keiner wagen würde, eine Meuterei an Bord

auszuführen, da sie wohl wußten, daß sie vielleicht elendig auf See

verhungern müßten, wenn sie ihren Führer überfallen und tödten würden.

Wieder ging ich, ohne einen Europäer an Bord zu haben (der vorige wurde

nach jenem Vorfall an Land sofort abbezahlt) in See, machte dafür aber

einen der Niue-Leute jetzt zum Bootsmann, und als am Horizonte das

letzte Land verschwunden war, rief ich die Leute alle zusammen und

machte ihnen den Standpunkt klar.

Ihr vier, Bela, Sepona, Fiticefu und Mißcoffi, erklärte ich, seid dafür

bestraft worden, was ihr in der Trunkenheit an Land begangen habt,

zehnfach härter aber fällt die Strafe aus, wenn ihr ein Gleiches an

Bord versuchen solltet. Für mich ist die Sache abgethan und ich hoffe

für euch ebenfalls, doch, da ich euch nicht unbedingt vertrauen kann,

so bin ich auf alles gefaßt und vorbereitet; zeigt ihr Ungehorsam oder

gar Widersetzlichkeit, dann fallen die Folgen auf euch, also thut wie

früher eure Pflicht.

Und die Leute thaten sie. Ich hatte nicht zu klagen, es schien als

wollten sie durch Willfährigkeit gut machen, was sie in einer schwachen

Stunde, als sie nicht Herr ihrer Sinne mehr gewesen, begangen hatten.

Auf dieser Reise nun lief ich die Insel Kusai zuerst an, um dann über

Ponapè nach dem Providenz-Atoll weiterzusegeln. Nach erfolgter Ankunft

im Lela-Hafen kamen am anderen Morgen 16 Eingeborene der Gilbert-Gruppe

mit einem großen Brandungsboote zu mir an Bord und baten, ich möchte

sie nach Jaluit mitnehmen.

Sie wären, erzählten sie, vor wenigen Tagen auf Kusai gelandet, nachdem

sie zehn Tage auf dem Ozean zugebracht, kraftlos und nahezu verhungert,

hätten sie die größten Qualen erduldet, ehe sie an dieser Insel in

dunkler Nacht angetrieben wären. Ihre Heimath, die Insel Apamama,

hätten sie mit ihrem Boote verlassen, um nach der nördlicher gelegenen

Insel Maiana zu segeln, der starke Aequatorialstrom aber hätte sie

weggeführt.

Bis ihre letzten Kräfte erschöpft gewesen, so lange hätten sie

verzweifelt gegen Strom und Wogen angekämpft, dann aber, als die

wenigen im Boot befindlichen Kokosnüsse aufgezehrt waren, Hunger und

Durst sich eingestellt, hätten sie ihr Segel gesetzt und wären immer

vor dem Winde laufend, nach Westen gesegelt, wo, wie sie früher gehört,

große Inseln liegen sollten. Einsam auf dem unendlichen Ozean in einem

offenen Boote fahrend, den schrecklichsten Leiden preisgegeben, hätten

sie keine andere Hoffnung gehegt, als die, vielleicht im fernen Westen

Land zu finden. Aber nie hätten sie Land angetroffen. Da alle zum Tode

erschöpft waren, so würden sie so, wenn sie nur wenige Meilen südlich

von Kusai, vorbeigetrieben wären, in wenig Tagen schon dem Hunger und

Durst erlegen sein.

Welche Qualen diese 10 Männer und 6 Frauen erduldet hatten konnte man

daran sehen, daß die Hölzer im Boot mit den Zähnen angebissen waren;

das Grüne, welches sich durch faulendes Wasser im Boot angesetzt hatte,

war mit den Fingernägeln ausgekratzt worden, selbst ihre mangelhafte

Bekleidung aus Grasschurzen bestehend, hatten sie aufgegessen und damit

den furchtbaren Hunger zu stillen versucht. Daß das Boot am Riffe in

der Brandung nicht zerschlagen, die zum Tode erschöpften Menschen nicht

am sicheren Gestade zu Grunde gingen, hatten sie einzig dem Zufall zu

danken. Todesmatt waren sie von Bewohnern Kusais aufgefunden, gespeist

und getränkt, nicht nach Art eines barbarischen Volkes als Feinde

angesehen worden; sie wurden zum König nach Lela gebracht, der ihnen

Speisen geben und eine Wohnstätte auf der Hauptinsel anweisen ließ, wo

sie warten könnten, bis ein Schiff sie mitnehmen würde. Ihren Wunsch

gleich mitgenommen zu werden mußte ich freilich auch abschlagen, da

ich noch eine weite Fahrt vor mir hatte, allein ich versprach, sie auf

meiner Rückreise von den Providenz-Inseln, abzuholen, und verwandte

mich beim König Keru für sie, daß derselbe sie auf einige Wochen noch

behalten möchte.

Von Ponapè segelte ich weiter nach Ujelang, der Hauptinsel im

Providenz-Atoll, die etwa 240 Seemeilen nordost von der hohen

Karolinen-Insel entfernt liegt, hier auf diesem einsamen Atoll fand

ich nur etwa 40 Menschen vor, weißköpfige Greise unter ihnen, die

erzählten, daß ihre Voreltern von den Marschall-Inseln mit Kanoes

vertrieben seien, diese wären einst auf der einsamen Insel gelandet und

hätten viele, viele Jahre verlassen gelebt, bis der weiße Mann gekommen

sei und sich hier niedergelassen habe.

Einsam und trostlos genug fließt die Zeit und das Leben den wenigen

Bewohnern auf dieser weltentlegenen Insel hin, vor allem für den

Europäer, einem Deutschen, der höchstens alle acht Monate einmal, wenn

ein Schiff einläuft, sich mit einem gebildeten Menschen unterhalten und

freuen kann. Die Aufgabe die diesem Manne gestellt, ist nicht leicht,

ein arbeitsames Leben muß ihn vor Schwermuth bewahren; die eigentliche

Kultur soll er hier einführen und auf dem steinigen Korallenboden

Kokosplantagen anlegen, deren Ertrag in späterer Zeit die aufgewendete

Müh' und Arbeit lohnen soll.

Alle Bewohner dieser Insel leben nahe der deutschen Station und

arbeiten für diese und von Fleiß und stetiger Arbeit zeugt es,

daß 70000 Kokosnüsse und junge Bäume in weniger als zwei Jahren

ausgepflanzt worden sind. Heute stehen auf einst ödem Korallengrunde

Palmenhaine, deren Wipfel stolz im Winde rauschen, ein melodischer

Gesang zu der donnernden Woge, die sich ewig in ohnmächtiger Wuth an

diesen Gestaden bricht. Auch hier werden in ferner Zukunft einst, wenn

die jetzt schon mit Korallenpatschen dicht besäte Lagune geschlossen

worden ist, sich ausgedehnte Landflächen bilden, auf denen die

Tropenwelt ihre ganze Pracht entfalten kann. Der Lebensunterhalt der

wenigen Bewohner besteht aus der Kokosnuß, Taro, Fischen und Hühnern,

letztere sind in großer Zahl vorhanden, ebenso Enten, die, da kein

Eingeborner auf allen diesen Koralleninseln die Eier als Nahrung

betrachtet, sich stark vermehren können. Jedesmal erhielt ich in

Ujelang hunderte in Seesalz aufbewahrte Eier, die mir stets willkommen

waren.

An solchen einsamen Gestaden halten sich auch mit Vorliebe die

mächtigen Riesenschildkröten auf, um zur Brutzeit am Strande ihre Eier

im Korallensande einzuscharren, die allein die heißen Strahlen der

Sonne auszubrüten vermag. In der Brutzeit kommt das Weibchen dreimal

an's Land und setzt jedesmal etwa 140 Eier ab, hält sich aber stets in

der Nähe auf, um die aufgekommenen Jungen, die instinktmäßig dem Wasser

zustreben, zu schützen. Wie mir versichert wurde, lauert das Männchen

der jungen Brut auf und frißt eine große Zahl der jungen Thierchen,

denen außerdem auch von großen Seevögeln viele Gefahren drohen, in

Wirklichkeit gelangen aus der großen Anzahl Eier nur verhältnißmäßig

wenige zur Entwicklung.

Der Fang solcher Riesenschildkröten, der in mondhellen Nächten

ausgeführt wird, ist nicht so ganz ungefährlich, gewandt und schnell

muß man dabei verfahren, das Thier von der Seite am Panzer zu fassen

suchen und es auf den Rücken werfen. Um nicht durch Bisse oder die

scharfen Krallen verwundet zu werden, bedienen sich die Eingebornen

gewöhnlich bei großen Thieren starker Stöcke, die sie unter den

Brustpanzer schieben und so das Thier umzuwerfen versuchen, das auf

ebenen Boden dann unfähig ist, sich wieder umzuwälzen und zu entkommen.

Bei Gelegenheit meiner zweiten Anwesenheit auf Ujelang wurde einer

großen Schildkröte nächtlicherweile aufgelauert, deren Brutstätte

bekannt geworden war, es gelang uns wirklich, das mächtige Thier

abzufangen. Nachdem das Thier mit schweren Knütteln getödtet war, wurde

ihm der Brustpanzer mit scharfen Messern abgelöst; neben dem fetten

wohlschmeckenden Fleische fanden wir 140 reife Eier vor, die kugelrund

und mit einer weichen, lederartigen Schale umgeben sind. Letztere

werden als besondere Leckerbissen angesehen, doch fand ich, daß sie,

gekocht oder gebraten, einen etwas strengen Geschmack haben; wenn auch

sehr nahrhaft, so sind sie doch nicht frischen Hühner- oder Enteneiern

gleichzustellen. Diese Schildkröte wog etwas über 500 Pfund, doch waren

auf Ujelang schon größere und schwerere gefangen worden. Zieht man bei

solchen Thieren ihr langsames Wachsthum in Betracht, so müssen solche

Meerbewohner ein hohes Alter erreichen.

In keinem Atoll habe ich so viele ausgedehnte Riffpatschen gefunden wie

gerade hier, deshalb hat das Hindurchwinden mit einem Schiffe seine

Schwierigkeit, ehe man von der Hauptdurchfahrt aus die Insel Ujelang

erreicht. Mir fehlte es stets an Zeit und Gelegenheit nachzuforschen,

ob die Angaben der Bewohner, im Westen der 12 Seemeilen langen Lagune

steigen zeitweilig heiße Dämpfe auf, wahr seien, was auf vulkanische

Thätigkeit schließen lassen würde. Daß solchen Angaben etwas

Richtiges zu Grunde liegen müsse, daran zweifelte auch der deutsche

Händler nicht, besonders deshalb, weil die Bewohner nur ungern den

westlichen Theil der Lagune aufsuchten; hat dort jedoch wirklich eine

unterseeische Kraft sich geäußert, so liegt ein stattgehabter Ausbruch

doch jedenfalls eine Reihe von Jahren zurück.

Von Ujelang segelte ich geradewegs nach Kusai zurück, holte dort die 16

vertriebenen Gilbert-Insulaner ab und brachte sie mit ihrem Boote nach

Jaluit, von wo sie später mit einem anderen Schiffe in ihre Heimath

zurückbefördert wurden.

Es war gegen Ende des Jahres 1886, als ich von der Karolinengruppe

zurückkommend Kusai auf dem Rückwege anzulaufen hatte, um dort vom

Könige Georg eine alte Schuld einzufordern, die aus einem Quantum

von 20000 Pfund Kopra bestand. Ich lag allein im Lela-Hafen und

weilte gerade auf dem höchsten Punkte der Insel, Nin-moschon, als von

Eingebornen der Ruf erscholl ein „Schiff in Sicht“. Wirklich kam von

Norden mit schneller Fahrt ein in diesen Gewässern nicht oft gesehenes

Fahrzeug, ein Dampfer, heran. Als dieser näher gekommen war, erkannte

ich ein deutsches Kriegsschiff, das dem Anscheine nach im Lela-Hafen

einlaufen wollte. Ehe ich aber vom Berge herab an Bord meines Schiffes

gelangen konnte, hatte es vor der Einfahrt beigedreht und nur ein

niedergeführter Kutter nahte sich mit raschen Ruderschlägen. Das

Boot fuhr geradezu zum Hause des Königs, es landete ein Offizier mit

mehreren der Bootsbesatzung und, noch erstaunt, was der plötzliche

Besuch zu bedeuten habe, sah ich bald nach kurzer Verhandlung mit dem

Könige und den Häuptlingen, wie mit kräftigen Axtschlägen das deutsche

Protektoratsschild niedergeschlagen wurde.

Für uns Deutsche in dieser weltentlegenen Inselwelt, die stets der

Ansicht waren, daß die einmal gehißte stolze deutsche Flagge nimmermehr

würde niedergeholt, die reichen Karolinen-Inseln für alle Zukunft

ein Theil des deutschen Reiches bleiben würden, war die unerwartete

Rückgabe derselben an ein Volk, das sich nie um den beanspruchten

Besitz und um sein zweifelhaftes Recht gekümmert hatte, ein harter

Schlag. Wie auf Samoa, so mußten auch hier die Deutschen ihr kühnes

Hoffen, auf deutschem Grund und Boden zu streben und zu ringen, so

bald zu Grabe tragen. Ja, was ich später erfuhr, auf Ponapè haben

die weißen Händler, als das Niederholen der Flagge angekündigt war,

trauernd am Fuße des Flaggenmastes auf Lungur-Eiland gestanden und

über sich die Flagge halbstocks wehen lassen, aus Leid darüber, daß die

lange, friedevolle Zeit vorüber, daß ein Volk, dessen Ansprüche keiner

begreifen konnte, fortan hier herrschen sollte.

Und es kam der gefürchtete Kampf, furchtbar und ernst, verhängnißvoll

für die, welche ein freies unabhängiges Volk geknechtet, das noch

nie den Weißen hatte gehorchen gelernt, unheilvoll auch für die, die

Jahrzehnte schon in Frieden hier gelebt hatten.

Der kommandirende Offizier kam später zu mir an Bord und ich vernahm

die traurige Nachricht, daß von nun an die Karolinen-Inseln unter

spanischer Oberhoheit gestellt seien. Nach kaum zwei Stunden zog der

„Albatros“, der auf allen Inseln die deutsche Flagge niedergeholt

hatte, seines Weges weiter, und das, was wir Deutsche mit Stolz unser

genannt, es war dahin! --

Noch am selben Abend besuchte ich den König, um das Nähere wegen der

Einschiffung der Ladung mit ihm zu verabreden, doch kam ich jetzt bei

diesem schön an, er weigerte sich entschieden, die Schuld zu bezahlen,

unter dem Vorwand, er stünde nicht mehr unter deutscher, sondern

spanischer Protektion. Eine Verständigung über den streitigen Punkt war

nicht möglich, der sonst immer freundlich und entgegenkommende König

kehrte plötzlich ganz andere Seiten heraus, mir blieb nichts übrig,

als die Forderung fallen zu lassen und unverrichteter Dinge abzusegeln.

Aber daß der König und seine Häuptlinge ein volles Verständniß von dem

Protektoratswechsel gehabt haben, bezweifele ich -- doch wie so bald

sollten sie den Unterschied kennen lernen.

Dahin war die Zeit friedevoller Ruhe, dahin die Zeit, wo wir Weiße

sicher in den Hütten der Eingebornen aus- und eingehen konnten, der

besten Gastfreundschaft, des Schutzes und der Führung gewiß. Was die

neuen Herren ihnen angethan, das reizte sie zur hellen Empörung, weckte

die schlummernde Rache, und nicht diese allein sollten dem Verderben

geweiht werden, sondern auch alle Fremden, weiße oder braune.

Reisen durch die Inselwelt der Südsee · 第 5 / 7 题