IV. Die Marschall-Inseln.

Sowie im Bereich der deutschen Handelsgesellschaft die ausgedehnte

Tonga-Gruppe, früher auch die Vitji-Inseln, gezogen wurden, sind

nördlich und westlich von Samoa in der Phoenix, Ellis, Gilbert-Gruppe,

auf Una und Rotomah Handelsbeziehungen eröffnet worden und die Schiffe

der Gesellschaft hielten auf diesem weiten Gebiet den Verkehr aufrecht.

Verbindungen mit den Neu-Hebriden und Salomon-Inseln wurden ferner zu

dem Zwecke unterhalten, um dort die Anwerbungen der so sehr benöthigten

Plantagenarbeiter vorzunehmen, da der träge Samoaner sich zur dauernden

Arbeit nicht bereit finden läßt. Ein Gemisch verschiedener Stämme,

zu denen Rotumah- und Tapituwea-Leute (Gilbert-Inseln), sowie auch

Marschall-Insulaner sich gesellen, findet man auf den deutschen

Plantagen, und doch genügt oft die Arbeitskraft nicht, da nicht immer

für heimbeförderte Arbeiter, nach Ablauf ihres dreijährigen Vertrages

hinreichender Ersatz geschafft werden kann.

Die Marschall-Inseln und, im Zusammenhang mit diesen, die weite

Karolinen-Gruppe und die Gilbert-Inseln bildeten in den achtziger

Jahren getrennte Niederlagen für sich, gleichwie ein solches auch

in Matupi (Neu-Pommern) errichtet war, unter Leitung von Beamten

der deutschen Gesellschaft. Den Handelsverkehr hielten auf diesen

Stationen, ebenso wie in Apia, die daselbst stationirten Schiffe

aufrecht. Ablösungen der Schiffe erfolgten je nach Maßgabe der

Verhältnisse, oder sobald sie reparaturbedürftig geworden waren, dem

nur in Apia, der Hauptstation, abgeholfen werden konnte.

Aus dem Grunde schon, um meine Kenntniß über die Inselwelt des stillen

Ozeans zu bereichern, begrüßte ich freudig die Weisung, mit einem

anderen Schiffe auf den Marschall-Inseln stationirt zu werden, und

im Anfang Januar 1886 segelte ich von Apia nach Jaluit, um erst nach

Verlauf von zwei Jahren nach Samoa zurückzukehren.

Ziemlich nordwärts durch die Phönix-Gruppe ging mein Kurs, dem

zu Folge die Marschall-Inseln weit westlich bleiben mußten, wenn

keine oder nur schwache Aequatorialströmung vorhanden gewesen wäre;

auch war es nöthig, wegen des nördlich vom Aequator zu erwartenden

Nordost-Passatwindes, möglichst östlich von der Gilbert-Gruppe zu

bleiben, um, sobald dieser einsetzen würde, mit freiem Winde die Fahrt

des Schiffes zu beschleunigen; denn wenn diese Inseln in Lee blieben,

wäre es zwecklos gewesen, gegen den starken Strom und Wind nordwärts zu

kreuzen.

Wider Erwarten fand ich schon nördlich der Phönix-Gruppe einen starken

Strom, der in 24 Stunden das Schiff 70-80 Seemeilen nach Westen

versetzte, dessen Gürtel so schnell als möglich passirt werden mußte,

wollte ich nicht in absehbarer Zeit gezwungen werden, mir durch die

Gilbert-Gruppe hindurch einen Weg zu suchen. Zum Glück aber trat

keine Windstille ein, der östliche Wind blieb beständig, wenn auch

leicht, bis ich aus dem stärksten Strom heraus mit immer nördlichem

Kurs die Insel Milli sichtete; ich hatte also in Wirklichkeit durch

die Stromversetzung einen nordwestlichen Kurs gesegelt. Gerade drei

Wochen waren vergangen, als ich den Bestimmungsort Jaluit erreichte,

und begünstigt von anhaltend schönem Wetter die 1800 Seemeilen lange

Entfernung in dieser Zeit zurückgelegt hatte.

Zum allgemeinen bessern Verständniß und, ehe ich zu einzelnen

bemerkenswerthen Reisen durch die Marschall-Gruppe übergehe, scheint

es mir angebrachter, vorher schon eine kurz gefaßte Uebersicht von

diesen Inseln und deren Bevölkerung zu geben, um so mehr als besondere

Eigenthümlichkeiten in der Bildung und Entstehung dieser Inseln zu

erwähnen sind. Eine Gruppe verschieden geformter Atolls, oft von

beträchtlicher Ausdehnung, umfassen, vom 4-12° nördlicher Breite und

166-172° östlicher Länge, die Marschall-Inseln ein weites Gebiet. Ihrer

Bauart nach, sind es Randriffe der verschiedensten Bildung, die ein

mehr oder weniger tiefes Korallenbett umschließen. Und wenn ich auf

ihre Entstehung hinweisen soll, so haben wir die viel tausendjährige

Arbeit der Korallenpolypen vor uns, die aus großer Tiefe Schicht auf

Schicht bis zur Meeresfläche aufgebaut haben, und schwere See, Wind und

Witterungseinfluß haben mit der Zeit zwar schmale, aber langgestreckte

Inseln in beträchtlicher Zahl auf den Randriffen gebildet.

Die eigentliche Bezeichnung dieser Randriffe wäre Korallenwälle, da

diese sehr steil bis zu einer großen Tiefe abfallen, und jeder Atoll

erscheint wie ein langgestreckter, steiler Bergrücken, in einzelnen

Fällen auch wie eine Bergkuppe, sofern man sich die thatsächliche

Bildung des Meeresbodens vergegenwärtigt. Da nun die Koralle nicht

tiefer als etwa 200 Fuß zu bauen beginnt, müssen in der That diese

Erhebungen gleich Bergkuppen aus der Tiefe des Meeres aufragen, worauf

als Grundlage die Polypen ihre Werke aufgebaut haben. Aber erwiesen

ist es, daß die Korallenwälle viel hundert Fuß tief sich unter der

Meeresfläche erstrecken, mithin kann der schichtweise Aufbau aus so

bedeutender Tiefe nicht begonnen worden sein.

Es bleibt also nur die Annahme übrig, fast die Gewißheit, daß auch

hier versunkene Höhen, besser gesagt Gebirgskuppen, das Fundament

abgegeben haben, auf welchem die Koralle sich ansiedelte. Hätte nun

nach erfolgtem Verschwinden der höchsten Bergspitzen ein Tiefersinken

der Landmassen nicht stattgefunden, würden feste Riffflächen

entstanden sein, auf denen sich im Laufe der Zeiten niedrige Inseln

gebildet hätten, eine Bildung der heutigen Atolle würde naturgemäß

dann nicht möglich gewesen sein. Einen anderen Anschein hingegen

gewinnt es, sofern man der Vermuthung Folge giebt, daß, worauf ich

schon hingewiesen, die ganze ausgedehnte Inselwelt des stillen Ozeans

einst aus verschiedenen mächtigen Gebirgszügen, mit sehr zahlreichen

thätigen Vulkanen bestanden hat, deren Kratersenkungen oft einen sehr

bedeutenden Umfang gehabt haben müssen.

Wird dieses als erwiesen betrachtet, dann sind sämmtliche Atolls einst

für lange Zeit noch über die Meeresfläche ragende Krater gewesen,

Inseln, an deren Rändern die Koralle fortgebaut hat. Je tiefer die

Kraterinseln langsam versanken und ein gänzliches Erlöschen der

Vulkane die Folge war, ebenso schnell baute die Koralle fort und

füllte schließlich die weiten Oeffnungen aus. Die Randriffe schon weit

im Vorsprung konnten diese durch die bessere Ernährung der Polypen

auch schneller anwachsen, aber der innere Aufbau und die allmähliche

Auffüllung blieb zurück, was natürlich war, sobald das allmähliche

Sinken der Landmassen aufgehört hatte, denn jetzt gestatteten die

zusammenhängenden Randriffe den bauenden Polypen nicht mehr oder

doch zum Theil nur, durch die von der Strömung offen gehaltenen

Durchfahrten, die Zufuhr frischen Meerwassers und mit diesem frische

Nahrung.

Die eine Gewißheit aber liegt bestimmt vor, ehe die heutige

Beschaffenheit der Atolle herbeigeführt worden ist, sind große

Zeiträume hingegangen, die alle Spuren der Entstehung verwischt haben.

Geht man von der Annahme aus, daß auffallende Veränderungen nicht mehr

stattfinden, vor allem ein weiteres Sinken seit vielen Jahrhunderten

unterblieben ist, dann müssen, da kein Stillstand im Schaffen

der Natur eintreten kann, der einst sämmtliche Atolls durch die

theils an der Innenseite, theils an den Außenriffen weiter bauenden

Korallen geschlossen werden, wie es bei zwei kleineren Atolls in der

Marschall-Gruppe bereits geschehen ist. Es werden, wenn dadurch auch

der innere Aufbau der Korallen zum Stillstand gekommen ist, mehr oder

weniger tiefe Wasserbecken zurückbleiben, die naturgemäß versumpfen

müssen, sobald der vordringende Pflanzenwuchs festen Fuß faßt. Es ist

erwiesen, daß starke Strömungen, wie solche durch den gleichmäßigen

Wechsel von Ebbe und Fluth hervorgerufen werden, der Koralle am

Weiterbau hinderlich sind, wenigstens nur langsame Fortschritte

gestatten, dagegen findet man bei solchen Atolls, wo nur noch durch

enge Zufahrten ein Zugang möglich, daß die Koralle diese von innen

zu verbauen sucht. Begünstigt durch die immerwährend frische Zufuhr

an reichhaltigen Nährstoffen, führen die Polypen in der Nähe der

Durchfahrten allmählich kleinere Bänke auf, und bauen so weiter, bis

jede Oeffnung im Randriff schließlich verschlossen wird, was bei den

südlich liegenden Atolls zunächst zu erwarten ist.

Die Marschall-Gruppe bildet zwei nahezu parallel laufende Ketten

von Insel-Atolls in Nord-Nord-West- und Süd-Süd-Ost-Richtung, die

östliche die Ratock-, die westliche die Ralik-Gruppe; die Bezeichnung

beider Ketten ist der Sprache der Marschall-Insulaner entlehnt. Die

Ralik-Kette zählt 15, die Ratock- 14 Korallengruppen, unter denen sich

einige kleinere Inseln befinden, die keine Atolle sind.

Soweit die geschichtliche Kunde reicht, soll bereits im Jahre 1529

der spanische Kommandant Alvaro de Saavedra einige Atolls gesehen und

besucht haben; nähere Nachrichten liegen aber erst seit 1788 vor und

zwar von den englischen Befehlshabern Marschall und Gilbert, nach denen

auch die beiden großen Inselgruppen benannt worden sind. Trotzdem nun

in den folgenden Jahrzehnten der stille Ozean mehr und mehr von Kriegs-

und Kauffahrteischiffen befahren und erforscht wurde, sind doch nur

spärliche Nachrichten von jener fernen Inselwelt zu uns gekommen;

bisweilen meldeten sie auch von dort verschollenen oder ermordeten

Schiffsbesatzungen.

So befand sich im Jahre 1824 der amerikanische Walfischfänger „Globe“

in der Nähe der Insel Milli, wo der größte Theil der Besatzung

dieses Schiffes meuterte und landete. Es gelang zwar einigen von der

zahlreichen Mannschaft, die gezwungen den Meuterern hatten folgen

müssen, ihr Schiff wieder zu erreichen und die offene See zu gewinnen,

auch waren diese, obschon es ihnen an Offizieren fehlte im Stande

die Sandwich-Inseln zu erreichen; auf ihren Bericht hin wurde dann

im folgenden Jahre der Schooner „Delphin“ ausgesandt, um wenn möglich

die Meuterer zu ergreifen. Aber nur zwei ganz junge Leute, die keinen

Antheil an der Meuterei gehabt, wurden noch lebend vorgefunden, alle

übrigen waren von den Eingebornen erschlagen worden, weil diese die

ihnen überlassenen Frauen roh behandelt hatten, sie verfielen der Rache

der Eingebornen und ernteten so den Lohn ihrer Thaten.

1834 landete Kapitän Dowsett auf den Marschall-Inseln. Dieser

unterhielt freundlichen Verkehr mit den Eingebornen und nichts

befürchtend, landete er eines Tages, und ging allein in ein Dorf, nicht

ahnend, daß inzwischen seine Mannschaft am Strande ermordet worden war.

Die an Bord zurückgebliebenen, die den Vorgang mit ansahen, waren der

Meinung, ihr Führer sei auch erschlagen worden. Sie lichteten sofort

die Anker und entflohen. Als das Schiff nach Honolulu zurückgekehrt

war, wurde sogleich die „Waverley“ ausgerüstet, um nach Kapitän

Dowsett oder dessen Schicksal zu forschen. Es wurde aber nichts weiter

gefunden, als einige dem verschollenen Kapitän gehörende Sachen, und

sein, in die Rinde verschiedener Bäume eingeschnittener Name. Die

Eingebornen, mit denen wohl schwer eine Verständigung erzielt werden

konnte, erzählten, der Kapitän sei mit seinem Boote in See gegangen;

jedoch der Führer des „Waverley“ glaubte ihnen nicht und ließ eine

ganze Anzahl niederschießen. Darauf segelte das Schiff weiter nach

Ponape, der größten Insel der Karolinengruppe, und lief auch die

östlichste dieser Inseln, „Kusai“ an, hier aber ereilte alle das

Schicksal, das Schiff wurde von den Eingebornen genommen und die ganze

Besatzung getödtet. Späteren Nachrichten zu Folge hat Kapitän Dowsett

noch im Jahre 1843 auf einer Insel in der Ralikkette, die er mit

seinem Boote erreichte, gelebt, wahrscheinlich aber hat er von hier die

Karolinen erreicht und ist auf einer dieser Inseln getödtet worden.

Ich könnte noch mehrere solcher Fälle anführen, wo an verschiedenen

Inseln Schiffe genommen, oder der Versuch dazu gemacht wurde, selbst

schiffbrüchige Seeleute wurden nicht verschont; noch im Jahre 1852

wurde vor der Insel Ebon ein Schiff erobert, dessen Besatzung der Rache

der Eingebornen verfiel, weil Jahre vorher dort von Weißen ein großer

Häuptling getödtet worden war.

Selbst auf Jaluit, der heutigen Hauptinsel, wurde, wie ich aus

sicherster Quelle erfahren, wenige Jahre später ein amerikanisches

Handelsschiff die „See-Nymphe“ genommen. Es ankerte in der Lagune unter

der Insel „Medjado“, und, hier mit den Bewohnern Tauschhandel treibend,

ließ sich der Führer hinreißen, einen Häuptling thätlich zu beleidigen.

Die Folge war, daß dieser mit seinen Verwandten und seinem Anhang

einen Ueberfall plante, der, sobald die Mannschaft des Schiffes wieder

landete, ins Werk gesetzt wurde. Es heißt, der damals noch junge Kabua,

der jetzige König in der Ralik-Kette, habe selbst den nichtsahnenden

Schiffsführer auf seinen Schultern über das Riff getragen, andere

Eingeborne trugen auf gleiche Weise die Besatzung zum Lande. Weit

genug vom Schiffe entfernt, wehrlos in die Gewalt der Eingebornen

gegeben, wurden die Ahnungslosen auf ein gegebenes Zeichen hinterrücks

niedergeschlagen. Das Schiff wurde darauf ausgeraubt und es entging

keiner dem Tode.

Die Ursache dieser Metzeleien, der so viele Unschuldige zum Opfer

gefallen sind, ist in der Roheit zu suchen, welche die Führer

amerikanischer Walfischfänger, die in diesem Gebiete reiche Beute

erjagten, an Eingebornen verübt haben. Sie litten es, daß oft mit

Gewalt den Eingebornen die Weiber entrissen wurden, auch verhängten sie

ungerechte Strafen. Mehr aber noch haben die zügellosen Mannschaften

solcher Schiffe, deren brutales Auftreten die Führer nicht zu hindern

vermochten, verschuldet, und bitteren Haß gegen den weißen Mann in die

Herzen der Inselbewohner gesät.

Schlimmer noch, sie hinterließen scheußliche Krankheiten, die sich

von Geschlecht zu Geschlecht vererbten, tausende hinwegrafften und ein

gesundes Volk zur Verzweiflung brachten. Erst nachdem die Meerbewohner

vernichtet, die Walfischjagden nicht mehr lohnend genug geworden

waren, wurden die Marschall-Insulaner seltener belästigt. Als dann die

Missionare kamen, (zuerst 1857 auf der Insel Ebon) predigten diese das

Evangelium und fanden willige Hörer bei denen, die so oft ihre Hände

in das Blut des weißen Mannes getaucht hatten; eifrig befolgten die

Eingebornen die göttliche Lehre und vergaßen ihre Rachsucht.

Heute, unter deutschen Schutz gestellt, mögen diese Insulaner, die so

manche gute Eigenschaft besitzen, aufathmen, und sich in Sicherheit,

ihres Daseins freuen; aber leider ward mit der Zivilisation auch der

Todeskeim ausgestreut, langsam, aber sicher geht diese Menschenrasse

dem endlichen Verfall entgegen.

Sowie geographisch der Marschall-Archipel in zwei Gruppen getheilt

wird, so kann dies auch in Bezug auf Bevölkerung und politische

Verhältnisse geschehen, denn sowohl die Ralik- als auch die Ratak-Kette

ist in dieser Beziehung jede für sich als ein getrenntes Ganzes zu

betrachten. Schon die Sprache beider Gruppen ist verschieden, nicht in

ihrem Bau, vielmehr im Dialekt, und gleiche Unterschiede zeigen sich in

den politischen Verhältnissen der Bewohner. Während auf der Ratak-Kette

fast jeder Atoll von einem, oder mehreren Häuptlingen beherrscht

wird, die oft in gegenseitiger Fehde leben und sich der Herrschaft zu

bemächtigen trachten, selbst zur Eroberung anderer Gruppen (Atolls)

lang vorbereitete Kriegszüge unternehmen, liegt die ganze Macht auf der

Ralik-Kette in den Händen eines Königs, jenes schon erwähnten Kabua,

besser gesagt, in den Händen seiner Familie.

Die Macht richtet sich hier nach Besitz und Anhang, und obgleich Kabua

nicht der reichste der Häuptlinge, ist er doch als der älteste als

König anerkannt worden, zumal da die Besitzungen seiner Stiefsöhne

und deren Einfluß sein Ansehn erhöhte. Sein Stiefsohn Nelu (Lojab),

dessen Bruder Lagajime, Litokua und neben diesen Launa sind die

einflußreichsten Häuptlinge auf der Ralik-Kette; namentlich Nelu, seine

Brüder und seinen Anhang habe ich häufig an Bord gehabt und mit diesen

Reisen von Atoll zu Atoll gemacht.

Bei den meisten ungebildeten, sogenannten wilden Völkern findet man,

daß das Weib nicht als gleichberechtigt angesehen wird, vielmehr

die Sklavin des Mannes ist, auf deren Schulter alle Lasten und Mühen

abgewälzt werden. Doch die Polynesier zeichnen sich darin aus, daß

sie das Weib höher stellen, mehr noch ist dieses bei den Mikronesiern

der Fall; vor allem bei den Marschall-Insulanern, bei welchen es volle

Gleichberechtigung hat, d. h. keine Beschränkung im Handeln, in Haus

und Hütte, und soweit des Weibes Einfluß reicht, der, da Rang und Würde

nur vom weiblichen Geschlechte abgeleitet wird, häufig groß ist.

Die Bevölkerung ist zum großen Theil besitzlos, aller Landbesitz

liegt in den Händen der Häuptlinge, deshalb ist es den Bewohnern nur

gestattet, eine Frau zu haben, wo hingegen die Häuptlinge mehrere

haben dürfen, doch bleibt die erste Frau, sofern sie Kinder hat, die

rechtmäßige; sie ist bei den Vornehmen gewöhnlich die Tochter eines

Besitzenden. Steht die Frau im Range höher als der Mann, so erhält

dieser auch eine höhere Würde, nur über das Eigenthum der Frau hat

er kein Verfügungsrecht, das verbleibt als mütterliches Erbtheil den

Kindern. Die Tochter eines Häuptlings kann einen gewöhnlichen Mann

heirathen, durch diese Verbindung wird derselbe ebenfalls in den

Häuptlingsrang erhoben, auch auf die Kinder geht diese Würde über.

Dem Häuptlinge steht es frei, sich die Frau eines seiner Untergebenen

anzueignen, nie aber kann ein Besitzloser sich wiederum eine

Häuptlingsfrau (also Wittwe) zum Weibe nehmen.

Etwas auffallend will es mir scheinen, daß nach meiner eigenen

Wahrnehmung selbst im Innern Afrikas, bei den Völkern am Nyassa-See

und oberen Schire, die ganz gleiche Einrichtung der weiblichen

Erbfolge besteht, nur daß dort nicht direkt der Sohn als Nachfolger

bestimmt wird, sondern der Neffe, und trotz des dem Weibe zugestandenen

Vorrechtes, dieses doch nur sehr gering geachtet und mehr als Sklavin

betrachtet wird.

Die Ehe bei den Marschall-Insulanern ist nur ein lockeres Band,

leicht geschlossen und leicht gelöst. Der Eingeborne nimmt sich das

Mädchen zur Frau, die ihm gefällt, sofern die Eltern desselben damit

einverstanden sind, gefällt sie ihm aber nicht mehr, so schickt er

sie einfach fort und sucht sich eine andere. Zwar hat wie in anderen

Gewohnheiten auch hierin der Einfluß der Missionare Wandel geschaffen,

namentlich auf den südlicheren Atolls, wo das Christenthum große

Verbreitung gefunden hat, doch hat auf Gesittung die neue Lehre wenig

Einfluß gehabt; Keuschheit ist keine Tugend der Insulaner, schon sehr

jung verkehren, ohne daran gehindert zu werden, die Geschlechter mit

einander und üble Folgen bleiben nicht aus, ebenso ist selbst die

nächste Verwandtschaft kein Hinderungsgrund für solchen Umgang.

Als Beweis recht lockerer Sitten gilt der Umstand, daß es keiner Frau

verargt wird, wenn sie sich einen anderen Verkehr sucht, sobald der

Mann auf längere Zeit abwesend ist oder sich auf Reisen befindet;

indeß schwinden solche Gewohnheiten immer mehr und mehr, häufiger

trifft man sie nur noch auf den nördlicheren Atolls an. Von Erziehung

kann eigentlich keine Rede sein, den Kindern wird in jeder Hinsicht

volle Freiheit gelassen, Arbeit lernen die Kinder nicht kennen, das

einzige was ihnen vielleicht von Seiten der Eltern beigebracht wird,

ist die Einübung der Tänze und Gesänge. Auffallend ist auch die große

Sterblichkeit unter den Kindern, wohl eine Folge zu geringer Aufsicht

und schon früh entwickelter Krankheitskeime; die stetige Abnahme der

Bevölkerung ist darauf zurückzuführen.

Der Körperbau der Männer überschreitet selten das Mittelmaß; die Weiber

sind durchweg von kleinerem Wuchse. Diese verlieren auch schnell ihre

Reize, schon im Alter von zwanzig Jahren ist alle Schönheit vergangen,

wenn überhaupt von solcher die Rede sein kann, obgleich im jugendlichen

Alter vielen der Reiz der Anmuth eigen ist, aber im Alter werden sie

recht häßlich.

Daß auf den nördlichen Atolls sich ein kräftiger Menschenschlag

erhalten hat, liegt wohl daran, daß dieser mit einer etwas rauheren

Natur zu kämpfen, auch weniger durch die von Weißen eingeführten

Krankheiten zu leiden gehabt hat. Auch zeichnen sich hier die Könige

und Häuptlinge meistens von ihren Untergebenen durch eine stattlichere

Gestalt aus, weil sie bemüht sind, möglichst reines Blut in ihrem

Kreise zu erhalten, wovon freilich der bereits erwähnte große Häuptling

Nelu eine Ausnahme macht, denn fast klein und schwächlich gebaut, hat

er durchaus nichts Achtunggebietendes an sich.

Um Sitten und Gewohnheiten dieser Insulaner zu erforschen, muß man

sich zu solchen Inseln und Atolls wenden, wo noch nicht der Einfluß

der Zivilisation bemerkbar geworden ist, was besonders in Bezug auf

Trachten der Fall. So tragen auch heute noch sowohl Männer als Frauen

langes Haar, das stark und schwarz, von jenen am Hinterkopfe in einem

Büschel oder Knoten zusammengebunden wird, die Frauen tragen es dagegen

lose. Als besonderen Schmuck bei feierlichen Gelegenheiten, Tänzen

und auch Kriegszügen, bedienen sich die Männer der Hühnerfedern; die

tätowirten Gestalten mit aufrechtstehenden Federn in den Haaren, und

oft unnatürlich erweiterten Ohrlappen geben sich dadurch ein wildes,

Furcht erweckendes Aussehen.

Die Tätowirung ist allgemein und wurde früher mit Festlichkeiten

verbunden, heute, wer die Kosten erschwingen kann, läßt solche ohne

weiteres vornehmen, und entspricht eine solche dem Stande, welchem

der Mann angehört. Dieses schmerzhafte Verfahren -- ich habe oft,

wenn hunderte Nadelstiche in die Haut getrieben wurden, die Nerven

der Eingebornen bewundert -- wird nach und nach auf dem ganzen Körper

vorgenommen, sodaß die eigentlich helle Kupferfarbe der Haut unter den

blauen Streifen verschwindet, sogar die Ohren, Augenlider, selbst

die Finger werden tätowirt. Die Zeichnung ist immer streifenförmig,

die Striche sind auf einem bestimmten Körpertheil stets gleichmäßig,

entweder wagrecht oder senkrecht; auf Brust und Rücken laufen die

Streifen meistens unter einem Winkel zusammen.

Wie bei den Samoanern, so benutzt man auch hier ein Instrument, das aus

vielen Nadeln zusammengesetzt ist und die Breite der Streifen hat. Die

Häuptlinge sind auch im Gesicht tätowirt und haben auf den Schultern

undeutliche verschwommene Zeichnungen. Die Frauen sind weniger

gezeichnet, in gleicher Weise höchstens an den Beinen, die Arme und die

Brust werden seltener tätowirt.

Nicht zufrieden mit solcher langwierigen, schmerzhaften Operation,

setzten diese Insulaner einen gewissen Stolz darin, unnatürlich

erweiterte Ohrlappen auf künstlichem Wege herzustellen. Schon von

früher Jugend an wird in beide Ohrlappen ein Loch geschnitten

und dieses durch Einzwängen von einem Streifen des dehnbaren

Pandanusblattes allmählich erweitert. Auf diese Weise wird das Loch im

Ohrlappen bis vier Zentimeter und darüber lang, genügt dies nicht, wird

der Fleischring dicht an der Backe abgeschnitten und mit einem Schnitt

im Backenfleisch weiter unterhalb des Ohres verwachsen gelassen.

Ist die Heilung erfolgt, so wird nun im Backenfleische selbst weiter

geschnitten, bis ein Ring entstanden ist, durch den man bequem die Hand

hindurchstecken könnte. Wird solches Loch nun mit einem aufgerollten

Pandanusblatte ausgedehnt, so gewinnt es den Anschein, als hingen zwei

hohle Röhren an den Backen herunter, was freilich etwas besonderes

vorstellen soll, aber gewiß nichts zur Schönheit, vor allem nicht beim

weiblichen Geschlechte beiträgt, bei alten Frauen und auch Männern

sogar recht widerlich aussieht.

Uebrigens habe ich solche Erweiterung der Ohrlappen nur bei ganz alten

Leuten gefunden, ein Zeichen, daß die Operation seit vielen Jahren

fortgesetzt wurde; gewöhnlich aber ist das Loch nur einige Zentimeter

groß und dient als Aufbewahrungsort für Schmuckgegenstände, als

Muscheln, Blätter und Blumen, namentlich einer lilienartigen Blüthe,

auch für Tabak, Pfeifen u. a.

Die Willkürherrschaft der Häuptlinge, unter denen der reichste auch

der mächtigste ist, hat dahin geführt, daß, wie schon erwähnt, die

Bevölkerung nur in zwei Klassen, die Besitzenden und Besitzlosen,

zerfällt und der großen Masse eigentlich nichts gehört, diese vielmehr

vollständig von den Landbesitzern abhängig ist. Ein solcher giebt dem

Besitzlosen ein Stück seines Landes, auf welchem jener seine Hütte

erbauen, sowie die Erzeugnisse, als Pandanus, Brotfrucht und Taro

verwerthen kann, nur die Kokospalmen gehören ihm nicht.

Für Land, Schutz und Obdach ist der Besitzlose verpflichtet, gemeinhin

sechs Monate zu arbeiten und zwar während dieser Zeit die Kokosnüsse

für den Besitzer einzuernten, den Ertrag der Palmen in der anderen

Jahreshälfte kann er für sich selbst verwenden, aber, da die Kokosnuß

so gut wie baar Geld im Tauschhandel ist, muß er häufig noch seinen

Antheil abgeben und ihm verbleibt nur wenig.

Dennoch kennt der Eingeborne keine Nahrungssorgen, und will er nur

verwenden, was die Natur so reichlich ihm zugedacht hat, so kann er

mit geringer Müh' und Arbeit sich ein sorgenloses Dasein schaffen,

Bequemlichkeit, oft Gleichgültigkeit jedoch verhindern ihn daran,

er ißt, was er gerade hat und sobald er das Bedürfniß fühlt, sich zu

sättigen, ihm genügen schon die Milch und der Kern einer Kokosnuß, oder

die süße Pandanus.

Letztere Frucht, die ich überall auf den Marschall-Inseln gefunden

habe, dient namentlich zur Zeit der Reife als ein Hauptnahrungsmittel.

Sehr zuckerhaltig, wird der süße Saft aus der fasrigen, prismatisch

geformten Frucht, aufgesogen und da dieser nahrhaft genug ist, genügt

er schon zur Sättigung. Mehr aber noch eignet sich der darin enthaltene

Zuckerstoff zur dauernden Erhaltung einer Art Speise Pyru genannt.

Dieselbe wird aus der Arrowroot-Wurzel, Brotfrucht und Kokosnuß

hergestellt; auf heißen Steinen gebacken, durch den reichlichen Zusatz

von Pandanussaft äußerst dauerhaft gemacht, hat sie einen der Feige

ähnlichen Geschmack. Die Masse wird in etwa Zolldicke auf Blättern

zubereitet, fertiggestellt wird sie dann aufgerollt und sehr dicht in

trockenen Pandanusblättern eingepackt und mit dem schon beschriebenen

Cajar kunstvoll verschnürt. So erhält man eine angenehme Dauerspeise,

die jahrelang sich hält, selbst im Wasser nicht verdirbt.

Die so verfertigten Rollen, von gewöhnlich einem Meter Länge und

fünfzehn Zentimeter Durchmesser, haben ein beträchtliches Gewicht,

sie werden im Haushalte nur verbraucht, wenn Mangel an anderen

Nahrungsmitteln eintritt; gewöhnlich aber dient diese Speise dazu, um

auf weiten Seereisen oder an entlegenen Orten, wo nichts Genießbares

erhältlich ist, die benöthigte Nahrung zu ersetzen.

Der Pandanusbaum, ein schlanker, fester Stamm, der zuweilen die Höhe

einer mittelhohen Palme erreicht, trägt eine Blätterkrone, deren

Zweige ähnlich den einzelnen Blattstreifen einer Kokospalme, tief

herabhängen; die Frucht, ein bis 70 Pfund schwerer Kolben besteht aus

vielen prismatisch geformten, nach innen spitz zulaufenden, faustgroßen

Fruchtkernen, die, gut gereift, sich leicht loslösen lassen.

Für die Marschall-Insulaner, kann man sagen, ist dieser Baum fast

werthvoller als die Kokospalme; mit den Blättern deckt er das

Dach seiner Hütte, der Stamm giebt ihm die Stützen, die Frucht

nahrhafte Speisen, und aus dem Blatte verfertigt er sich seine

kunstvoll gearbeitete Kleidung, dazu geben Handstöcke und Knüttel

die Luftwurzeln. Das Pandanusblatt läßt sich, wenn es getrocknet

ist, nach Belieben in ganz feine Streifen zertheilen; um diesem aber

die Sprödigkeit zu nehmen, wird das Blatt erst für längere Zeit

in Frischwassertümpel gelegt, dann aufgerollt und feucht tüchtig

geklopft. Dadurch gewinnt der Eingeborne einen dauerhaften Stoff zu

seinem Mattengewebe und zu Hüten die dem echten Panama an Güte fast

gleich kommen und lange halten. Ueberhaupt entwickeln die Frauen im

Handflechten eine Geschicklichkeit, die kaum übertroffen werden möchte.

Sucht sich der Mann keine angemessene Beschäftigung -- Trägheit ist

ihm angeboren -- so hilft er den Frauen beim Flechten der Matten, oder

bereitet das Material dazu vor, auch übernimmt er wohl selbst solche

Arbeit. Hierbei bedienen sie sich nicht allein der Hände, sondern auch

die Füße müssen helfen, und zwar dienen die beweglichen Zehen dazu, die

Gewebe fest und straff zu halten.

Die Tracht der Frauen ist einfach genug, ihre ganze Bekleidung

besteht bei Erwachsenen aus zwei lang herunterhängenden Matten,

von denen eine vorne, die andere hinten angebracht ist und zwar so,

daß sie übereinander fassen und mittels eines Gürtels um die Hüften

festgehalten werden. Dieser Gurt, ein weiß und schwarz gesprenkeltes

dünnes Tau, häufig mehrere Meter lang, wird um den Leib gewickelt und

der obere Theil der Matten um dieses eingesteckt, so bleibt von diesem

nichts sichtbar. Junge Mädchen tragen eine kürzere, ebenso befestigte

Matte, aber nur nach vorne und je nach Alter und Größe ist eine solche

breiter oder schmäler; der Oberkörper bleibt unbedeckt, Kinder sind

ganz nackt. Aehnlich wie die Samoaner, tragen auch die Männer einen

Bastrock, verfertigt aus den Fasern des Boa-Busches, indeß ist die

Herstellung eines solchen kostspielig und seltener habe ich solche

Bekleidung gefunden; gewöhnlich macht eine zwischen die Beine gelegte

und um den Leib mit einer Schnur befestigten Matte den ganzen Anzug des

Mannes aus. Von meiner Schiffsbesatzung, die meistens nur aus diesen

Insulanern bestand, hatten die meisten selten mehr in ihrem Besitz als

solch Bekleidungsstück und eine Schlafmatte; liebten es aber, sobald

ihr Verdienst groß genug geworden, der gewöhnlich 52-60 Mark monatlich

betrug, sich nach europäischer Art, mit Hose und Hemd zu bekleiden.

Was den Bau der Wohnungen der Marschall-Insulaner anbetrifft, so findet

man sowohl recht ärmlich und einfach, als auch großartig und kunstvoll

aufgeführte Bauten. Oft genügen ihnen als Aufenthaltsort sogar die

denkbar einfachsten Hütten; ein schrägliegendes Dach, das vorne auf

Stützen, hinten auf der Erde ruht, und mit Wänden aus Flechtwerk

hergestellt ist. Dennoch ist die Bauart der Hütten und Häuser auf

einigen Atolls verschieden, nicht in der Form vielmehr in der Größe

und Festigkeit, größere Häuser sind mit bemerkenswerthem Geschick

erbaut. Das Dach, das gewöhnlich aus einem Geflecht von Pandanus- oder

Kokosblättern wasserdicht hergestellt wird, ist eine feine Arbeit.

Man findet das Innere eines Hauses meistens reinlich und sauber,

oft auch mit feinen Matten ausgeschmückt; der Boden ist mit kleinen

Korallensteinen bedeckt und gewöhnlich mit großen, reinlichen Matten

belegt. Auch die nähere Umgebung zeugt von einem Sinn für Reinlichkeit,

der Erdboden ist ringsum geebnet und ebenfalls mit kleinen Steinen

besät. Man kann sagen, je nach Zahl der Familienglieder begnügt sich

der Eingeborne entweder mit einer unscheinbaren Hütte oder er baut sich

ein stattliches Haus.

In größeren Bauten ist meistens auf den Sparren noch eine besondere

Schlafstätte für das Ehepaar oder vornehmere Gäste errichtet, sonst

schlafen alle durcheinander auf dem mit Matten bedecktem Fußboden.

War ich gelegentlich gezwungen die Gastfreundschaft der Eingeborenen

in Anspruch zu nehmen, dann wurde stets ein besonderes Lager für mich

hergestellt.

Geschick und Kunstfertigkeit der Insulaner lassen sich erst recht

beurtheilen, wenn man in ihre Kirchen eintritt; alles Schöne, was

sie durch ihrer Hände Arbeit herzustellen im Stande sind, ist darin

vereinigt und eine wahre Ausstellung weisen die langen Wände auf,

die ganz mit feinen, in Form und Muster verschiedenen Matten behängt

sind. Es finden sich darunter Gewebe, die Zeugniß ablegen von großer

Geschicklichkeit und außerordentlichem Fleiße.

Die Lebensweise der Eingebornen ist ein sorgloses Dahinträumen, das

nur unterbrochen wird, wenn sie sich gelegentlich zur ernsten Arbeit

aufraffen. Vor Tagesanbruch, wenn noch frische Kühle über Meer und

Land gebreitet liegt, sorgt der Insulaner schon für den täglichen

Unterhalt, d. h. er erklettert die hohe Palme und bricht genügend Nüsse

ab oder schafft andere Lebensmittel herbei; er liebt nicht die heißen

Sonnenstrahlen und sucht Kühlung und Schatten unter seiner Hütte oder

unter breitästigen Bäumen. Auch mehrmaliges Baden am Tage in der See

ist ihm zur Gewohnheit geworden, als tüchtiger Schwimmer und Taucher

scheut er selbst nicht vor schwerer Brandung zurück. Sonst, wenn keine

Nothwendigkeit zur Arbeit vorliegt, verträumt er den Tag, und essen,

schlafen, rauchen, gelegentliche Handreichung, füllt die Tagesstunden

aus. Lebendig und lebhaft wird er erst, sobald das Tagesgestirn zur

Rüste geht, der Hauch vom endlosen Ozean ihm Kühlung zufächelt, auch

sucht er erst zur späten Nachtstunde sein Lager auf; vor allem liebt

er es in mondhellen Nächten im Kreise Vertrauter zu rauchen und zu

plaudern, wobei es recht laut und lebhaft hergeht. Für den Europäer,

der die Ruhe der Nacht nicht gestört wissen will und gerne schlafen

möchte, was oft Mosquitos und drückende Schwüle verhindern, sind solche

Ausführungen, Gesang und Tänze, nächtlicher Weile, manchmal recht

unangenehm.

Die Gesänge sind eintönig und wenig melodienreich; im Chor gesungen,

werden sie stets langsam und halblaut begonnen, allmählich aber lauter

und schneller, begleitet mit Händeklatschen und dem taktmäßigen Wiegen

des Oberkörpers, bis sie schließlich zu einem Tempo übergehen, das

mehr Aehnlichkeit mit Schreien als mit Singen hat. Vor allem haben die

Frauen große Fertigkeit darin, und jede Bewegung mit der Hand oder dem

Körper wird stets sorgfältig ausgeführt, genau wie bei den Samoanern;

freilich habe ich auf diesen Inseln die Frauen nie tanzen sehen,

nur Männer zuweilen, mit Federbusch, Muscheln und sonstigem Zierrath

geschmückt, führten vor meinen Augen Tänze auf, zu denen die Frauen im

Chor sangen.

Anlaß zu Tänzen und Aufführungen giebt jedes geringe Vorkommniß, z. B.

das Eintreffen eines Europäers, eines Schiffes u. a.; der Vorsänger

erzählt darüber, was ihm gerade in den Sinn kommt, oft den tollsten

Unsinn, und zwar in kurzen Sätzen, hinter denen der Chor irgend einen

Kehrreim unermüdlich absingt, bis der Gegenstand erschöpft ist und der

Schluß durch lautes Klatschen schon allseitige Zustimmung gefunden hat.

Auch von Häuptlingen aufgeführte Einzeltänze sind nicht selten, solche

haben aber immer ein kriegerisches Gepräge; wilde Geberden, Sprünge,

Gliederverrenkungen, ein möglichst wildes Aussehen gehören dazu und

können bei dem Zuschauer das Gefühl erwecken, als würde man es im

Ernstfalle mit einem furchtbaren Gegner zu thun haben. Der Gesang ist

mehr Geheul, ein Rühmen nie ausgeführter Thaten, zu dem ein Chor von

Männern und auch Frauen ein entsprechendes Lied oder den passenden

Kehrreim absingen.

Eine Eigenthümlichkeit dieser Insulaner ist ferner, daß sie ihre Todten

nicht der Erde, sondern dem Meere übergeben, wobei sie eine Ausnahme

mit den Häuptlingen machen. Ist ein gewöhnlicher Mann gestorben, wird

er in Matten fest eingehüllt und bereits am zweiten Tage mit einem

Kanoe in die See hinaus geführt, wo, fern dem Lande unter Beobachtung

einiger Zeremonien der Todte den Wellen übergeben wird. Ans Land wird

die Leiche wohl sehr selten wieder angeschwemmt, dafür sorgen schon

die zahlreichen Haie, welche diese als willkommene Beute ansehen und

schnell genug damit aufräumen.

So lange die Beerdigung am Lande oder in der See nicht erfolgt ist,

werden Klagelieder um den Todten gesungen, auch Tänze aufgeführt, dann

aber ist es Sitte, daß die Verwandten die Hinterbliebenen besuchen und

beschenken.

Die Grabstätten der Häuptlinge werden gewöhnlich außerhalb eines

Dorfes angelegt, wenn möglich in Korallensand gegraben; ist das Grab

zugeschüttet, wird der Hügel abgeflacht und mit Steinen glatt bedeckt.

Unter Palmen und Gebüsch liegen solche Stätten, oft nur noch erkennbar

an den Steinhaufen, aus denen als einziges Zeichen verwitterte

Kanoe-Paddeln hervorragen, die der Todte einst geführt oder angefertigt

hat. Einem Todten wird alles mögliche mit in das Grab gelegt, Eßwaaren,

Tabak, Pfeifen, u. a. m., damit derselbe auf der langen Reise, die er

angetreten hat, nichts entbehrt. Auf frischen Gräbern habe ich fast

immer Tabak und Nahrungsmittel vorgefunden, die dem Todten gespendet

waren, sie dienen freilich nur dazu, die zahllosen Ratten, die gierig

über solche Speisen herfallen zu sättigen.

Eine gewisse Scheu hat der Eingeborne auch davor, die Gräber der

Verstorbenen zu öffnen; da er glaubt, der Geist des Todten könne ihm

Uebels thun, so läßt er sich nicht dazu bewegen. So ist die deutsche

Station auf der Insel Jabor (Jaluit) auf einem verfallenen Kirchhofe

erbaut worden, die Zeit hat aber alle äußeren Spuren verwischt

und nichts mehr deutet darauf hin, daß hier vor langen Jahren die

Angesehensten und Vornehmsten der Bevölkerung begraben worden sind.

Ich wußte es auch nicht eher, als bis ich, mit der Aufrichtung eines

hohen Flaggenmastes betraut, mit meiner Mannschaft die nöthigen

Vorbereitungen dazu treffen wollte. Die Leute weigerten sich aus den

angeführten Gründen, an der bezeichneten Stelle eine Grube zu graben,

und, unnöthiger Weise einen Zwang befürchtend, entfernten sie sich,

und kehrten erst zum Schiffe und ihrer Pflicht zurück, nachdem der

Flaggenmast errichtet war. Sie ernstlich zu tadeln wäre thöricht

gewesen, da sie sonst stets willig und gehorsam waren, und nur

abergläubische Furcht sie hinweggetrieben hatte, worauf eben Rücksicht

genommen werden mußte.

Als die Ausschachtung von Arbeitern der Station

(Neu-Hebriden-Insulanern) vorgenommen ward, in der eine feste Mauerung

aufgeführt werden sollte, um das Grundwasser vom Fuß des Mastes

fernzuhalten, stießen diese auf ein Grab; vorsichtig ließ ich das

gefundene Skelett freilegen und gedachte den Schädel zu erhalten,

aber das vermoderte Knochengerüst fiel zusammen und da nichts

davon verwendbar war, wurden die Ueberreste an einer anderen Stelle

vergraben.

Wie im weiten Ozean, und namentlich unter den Riffen und Inseln

viele Fischarten angetroffen werden, so sind auch die Lagunen sehr

fischreich. Schillernd in den schönsten Farben findet man hier die

merkwürdigsten Arten und Größen. Aber leider was das Auge erfreut, ist

dem Magen nicht dienlich, der Genuß solcher schönen Meerbewohner bringt

dem Menschen den Tod oder langes Siechthum.

Durch das klare Meerwasser bis auf den Grund schauend, sieht man auf

wachsenden Korallenriffen ein wunderbares Gebilde, bunte Sträucher,

kleine Bäume, schöne Blumen, ein bunter, blühender Garten dehnt sich

in der Tiefe aus; Gewächse in einer Mannigfaltigkeit, wie sie auf

der Erdoberfläche schwerlich könnten zusammengestellt werden. Und

alles dies ist nur das Werk der unscheinbaren Korallenpolype, die

die wunderbarsten Gebilde auf dem tiefen Grunde erbaut. Ein reges,

ungeahntes und nie geschautes Leben herrscht weiter unten, vieltausend

Thiere, nicht sichtbar für des Menschen Auge leben und weben in

dieser verborgenen Welt. Stahlblaue Fischlein spielen umher, bald hier

bald dort an einem Strauche oder einer Blume naschend; naht sich ein

größerer Fisch oder erschreckt sie irgend etwas, fliehen sie im Nu in

das Labyrinth der Pflanzenwelt, oder suchen Schutz und Deckung zwischen

den Zweigen, unter den Aesten der vielgestaltigen Korallenformen, wohin

kein Feind ihnen zu folgen vermag.

Das Wenige, was in dieser unterseeischen Welt sichtbar ist, die

Schönheit derselben und ihre Bewohner, kann keine Feder schildern,

selbst wenn man die Phantasie zu Hilfe nähme, würde man hinter der

Wirklichkeit zurückbleiben. Stundenlang über den Bord meines Bootes

geneigt, achtlos die Angel in der Hand, trieb ich oft über ein

Korallenfeld, und ward gefesselt von der Schönheit dessen, was ich

unter mir vorüberziehen sah. Geradezu Wunderwerke erbaut die Koralle,

die nicht vergehen und die Zeit die rastlose Schaffenskraft der Natur,

selbst zu Inseln gestaltet, auf denen der vergängliche Mensch, der

Schöpfung vollkommenstes Wesen, leben und auch leiden kann -- die Werke

von Menschenhand verfallen, die der winzigen Polype bleiben bestehen!

Nicht selten ist unter dem Schönen und Schönsten, was die Natur

erschaffen, ein bitterer Kern, ein Tropfen Gift enthalten; so birgt

auch die Koralle, unter einer schönen Hülle, ein tödtliches Gift, das

den Meerbewohnern, den bunt schillernden Fischen nichts schadet, diese

selbst aber giftig und gefährlich macht. So finden sich denn unter

der großen Zahl von Fischen viele Arten, die nicht gegessen werden

dürfen; stets muß ein gemachter Fang dem Gutachten eines erfahrenen

Eingeborenen unterbreitet werden, will der Europäer nicht Gefahr

laufen, Gesundheit und Leben zu gefährden.

Trotzdem machen die Eingebornen den Versuch, die Beschaffenheit eines

ihnen unbekannten Fisches durch Essen zu erproben, bezahlen diesen

aber, da sie keine Gegenmittel haben, oft mit dem Leben.

Tüchtige Fischer sind aber diese Insulaner doch, durch Erfahrung

klug gemacht, stellen sie gewöhnlich nur solchen Fischen nach, die

ungefährlich sind, unter anderen einem der Sardine ähnlichen Fische,

der in größeren Schwärmen in den Lagunen angetroffen wird. Ist ein

solcher Schwarm entdeckt und nahe genug dem Lande, treiben sie ihn

mit Kanoes allmählich dem Strande zu; schnell werden dann Matten

und Schnüre zwischen den einzelnen Fahrzeugen ausgespannt, der Kreis

immer dichter gezogen, und die Fische, durch Geschrei, Schlagen mit

den Paddeln gezwungen, in Massen auf ein Riff oder dem flachen Lande

zu laufen, wo sie mit Matten, Körben und Händen leicht eingefangen

werden können.

Beim Einzelfang auf großer Tiefe bedienen sie sich ihrer aus Perlmutter

gefertigten Haken, die denen der Samoaner ähnlich sind; tauschen sich

aber mit Vorliebe auch von den Weißen eiserne Angelhaken ein, die dem

Zwecke besser entsprechen. Den fliegenden Fisch, der seltener in den

Lagunen zu finden ist, fangen sie sich außerhalb der Riffe in ganz

gleicher Weise wie ich es bei den Polynesiern gesehen und beschrieben

habe.

Seit jeher waren die Marschall-Insulaner kühne entschlossene Seefahrer

und verdienten den Namen „Schiffer“ eher, als die Samoaner. Sie sind

nicht bloß in den Grenzen ihrer Inselwelt geblieben, sondern weit

über diese hinaus, haben sie sich dem trügerischen Meer anvertraut und

namentlich mit den Bewohnern der Karolinengruppe Verbindungen gesucht.

Welch ein Zusammenhang zwischen diesen beiden Volksstämmen bestanden

haben mag, die in Sprache, Gebräuchen und Sitten sehr vieles gemeinsam

haben, ist schwer zu sagen.

Am glaubwürdigsten scheint es, daß durch Wind und Strömungen große

Kanoes (Proas) von den Marschall-Inseln verschlagen wurden, deren

Insassen dann auch glücklich Land gefunden haben. So soll noch im

Jahre 1855 eine kleine Flotte die östlichste der Karolinen-Inseln

„Kusai“ erreicht haben und nach monatelangem Aufenthalt wieder nach den

Marschall-Inseln zurückgekehrt sein; auch noch größere Entfernungen,

wie berichtet, sollen sie zurückgelegt und glücklich ihr Heimathland

wieder gefunden haben. Aber so einsichtig und wagemuthig in dieser

Hinsicht der Eingeborne auch ist, so ist doch anzunehmen, daß nur

glückliche Zufälle es gewesen sind, die ihn nach langer Irrfahrt haben

Land finden lassen. Darnach zu urtheilen, daß sie oft viele Wochen

gebraucht haben, um von einer Insel zur anderen zu gelangen, müssen

ihre Kenntnisse in der Seefahrt doch recht bescheidene sein; was aber

jedenfalls für viele verderblich geworden, ist die Gewohnheit, sobald

sie nach längerem Suchen ihr Ziel nicht finden können, die Segel

niederzuführen und sich ihrem Schicksale zu überlassen.

Besondere Beachtung nun verdienen die Fahrzeuge, mit denen der

Inselbewohner sich auf den gefährlichen Ozean hinauswagt. Den

Kanoebau muß man entschieden als ihre bedeutendste Leistung ansehen,

Geschick, ja Kunstfertigkeit ist ihnen dabei nicht abzusprechen.

Schon die Anforderungen, die sie an ihre größeren Fahrzeuge stellen,

bedingen eine eigenartige Bauart; ihnen genügen nicht mehr ausgehöhlte

Baumstämme, wie sich andere Völker solcher bedienen, hier gilt es

vielmehr einen regelrechten Bau aufzuführen. Und zieht man in Betracht,

daß früher (und heute noch vielfach) ihre einzigen Werkzeuge die

Meermuschel und die Fischgräte waren, und das mit Geschick verwendete

Feuer bei solcher Arbeit ihr bester Helfer ist, so kann man sich

vergegenwärtigen, was es heißt, solche Fahrzeuge, die oft 50 und mehr

Menschen zu fassen vermögen, herzustellen.

Ihre Geschicklichkeit und Ausdauer finden deshalb staunende Anerkennung

bei den Fremden, ja ich möchte den Europäer sehen, der an die Stelle

der Eingebornen gestellt, sich mittelst Feuer und Muscheln aus einem

dicken Baumstamm eine Planke verfertigen könnte!

Die Kanoes, zu deren Bau das nicht sehr harte Holz des Brotfruchtbaumes

verwendet wird, sind aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt. Der

Kiel wird aus einem Stücke gefertigt, dies ist so ausgehöhlt, daß er an

und für sich schon ein kleines Kanoe bilden würde; auf diesem werden

dann die scharfen Vorder- und Hintertheile aufgesetzt, und dazwischen

wieder die oft aus mehreren Stücken bestehenden Seitenwände eingefügt;

die Höhe eines mittelgroßen Kanoes beträgt etwa 4 Fuß.

Alle Theile werden stumpf auf- und aneinander gesetzt; aber um die

dauernde Befestigung derselben, die Dauerhaftigkeit des Ganzen zu

erreichen, dazu gehört eine wahre Engelsgeduld, denn um dieses zu

erreichen müssen durch zolldicke Wände oft viele hundert Löcher

mittelst Fischgräten oder Knochen gebohrt werden, die nahe aneinander,

in den einzelnen Theilen sich stets gegenüber liegen.

Naturgemäß können mit so unvollkommenen Instrumenten, Werkzeugen

gearbeitete, stumpf aufeinander stoßende Hölzer nicht dicht halten,

auch glatte Flächen sind damit nicht herzustellen; um aber dennoch

eine gewisse Dichtigkeit zu erzielen, werden die Nähte mit zwischen

gelegten trockenen Pandanusblättern ausgefüllt, dann werden durch die

einander gegenüber liegenden Löcher Cajarfäden eingezogen und diese

sehr fest angeholt. Die große Zahl solcher Laschungen ermöglicht

es, jeden Theil des Kanoes dauernd und gut zu befestigen, und was

Menschenkraft nicht fertig bringt, thut das Wasser, indem durchnäßt,

sowohl die Pandanusblätter aufquellen, als auch die Cajarfäden sich

zusammenziehen.

Finden sich sichtbare Undichtigkeiten, namentlich in den Löchern, so

bereitet sich der Erbauer aus fein geriebenem Holz und dem klebrigen

Safte der Pandanusfrucht eine Art Kitt, mit dem er gefundene lecke

Stellen zustopft und verkittet. Da unbedingte Dichtigkeit natürlich

nicht herzustellen ist, so lecken ohne Ausnahme alle Kanoes ziemlich

stark, indeß mit einer aus demselben Holze hergestellten Mulde,

einer Art Schöpfkelle, die der Eingeborne geschickt zu handhaben

weiß, bewältigt ein Mann bequem ohne sonderliche Anstrengung das

eingedrungene Wasser leicht; auch Kokosnußschalen, Blechbüchsen, selbst

die hohlen Handflächen dienen ihm als geeignete Schöpfgefäße.

Alle Kanoes haben an einer Seite einen Ausleger, ein dem Kanoe parallel

gelegtes und dem Bau desselben entsprechendes Stück Holz, mit diesem

durch eine Anzahl biegsamer Zweige, die über beide Seitenwände des

Kanoes hinreichen, verbunden ist. Weit genug abstehend, dient dieser

als eine Art Schwebe, ein Kentern der scharf gebauten Fahrzeuge wird

dadurch verhindert; namentlich beim Segeln giebt er ein Gegengewicht

ab. Bei großen Kanoes liegt der Ausleger oft 6-8 Fuß von der Bordseite

entfernt und besteht aus einem schweren Holzstücke, das, an sich

möglichst stark, durch Träger und schräg liegende Gegenstützen,

am Kanoe befestigt ist. Auf solchen Trägern, d. h. den einzelnen

Verbindungen mit deren Ausleger, die unter sich ebenfalls gut verbunden

sind, findet man oft noch eine kleine Hütte erbaut, worin für mehrere

Mann Raum vorhanden ist, sie dient dem angesehensten der Besatzung

gewöhnlich als Aufenthalt. Auch wenn befürchtet wird, der starke Wind

könnte durch seinen Druck auf das Segel das Kanoe trotz des Auslegers

zum Kentern bringen, setzen sich außerhalb der Bordwand mehrere

Insassen auf das Flechtwerk des Trägers, so daß durch ihr Körpergewicht

ein gewisser Gegendruck erzielt wird.

Im ruhigen Wasser, oder in leicht bewegter See, sind diese Kanoes

sehr schnelle Fahrzeuge. Ein europäisch gebautes Boot muß sehr gute

Eigenschaften haben, wenn es eine Wettfahrt mit ihnen aufnehmen will,

würde aber stets, sobald ein Ziel windwärts erreicht werden sollte,

also ein Aufkreuzen gegen den Wind nöthig wäre, glänzend geschlagen

werden; denn die scharf gebauten Kanoes mit ihren Mattensegeln

liegen so dicht am Winde und werden dennoch so schnell durchs Wasser

getrieben, wie es mit einem gewöhnlichen Boote nicht möglich ist.

Ich habe in den großen Lagunen, Majuro, Arno, Malonlab u. a., wenn

ich auf entfernteren Inseln in solchen Atolls kleinere Aufkäufe an

Kopra oder Nüssen machen wollte, des öfteren diese Kanoes benutzt

und muß bezeugen, flinkere Fahrzeuge habe ich bei keinem ungesitteten

Volksstamme gefunden.

So praktisch der Ausleger aber auch ist, ja so nothwendig für größere

Fahrzeuge, um das Segeln mit diesen zu ermöglichen, so wird er doch

auf freier und bewegter See oft verhängnißvoll. Obgleich er nach

Möglichkeit zwar festgefügt und durch Cajar mit dem Kanoe verbunden

ist, so löst er sich doch und bricht jede Verbindung leicht und geht,

wenn die Wellen unablässig diesen hin und her zerren, verloren. Da

eine Ausbesserung kaum vorgenommen werden kann, so ist, sobald diese

Stütze verloren gegangen, das Schicksal der Insassen eines Kanoes auch

besiegelt. Und diese Gefahr liegt immer vor, sie wächst mit dem Winde

und den Wellen.

Ich habe erwähnt, daß diese Proas sehr scharf gebaut sind, sie sind es

aber nicht nur vorne und hinten, sondern auch längs des ganzen Kiels;

was aber besonders von Verständniß und Nachdenken zeugt, ist die Form,

welche solchen Kanoes gegeben wird. Beim Vorwärtstreiben durch Wind

und Paddeln ist der Ausleger, der zwar ebenso scharf geformt ist, doch

naturgemäß ein Hinderniß und würde ein Kanoe immer nach der Seite

hin abweichen, an welcher sich dieser befindet. Diesem Uebelstande

abzuhelfen, baut nun der Insulaner sein Kanoe so, daß die Seite, an

welcher der Ausleger nicht angebracht werden soll, vom Kiel aufwärts

bis zur Bordwand fast ganz flach verläuft, die andere dagegen ist

erhaben ausgebaut. Natürlich ergiebt sich daraus, daß im Verhältniß zur

Länge ein Kanoe nur sehr schmal sein kann, aber durch die flache Seite

wird der Vortheil gewonnen, das tiefgehende Kanoe kann beim Segeln am

Winde nicht oder nur sehr wenig abgedrängt werden.

Zudem bleibt der Ausleger stets an der Windseite, andernfalls würde

durch den Druck des Segels das Kanoe sofort kentern; ein wenden,

wenn eine andere Kursrichtung genommen werden soll, geschieht nicht,

vielmehr wird das gehißte Segel nur von vorne nach hinten oder

umgekehrt geschiftet. Der Mast, in der Mitte des Kanoes in einer Spur

feststehend, wird vom Ausleger aus durch Cajartaue gehalten, ist aber

beweglich, so daß er nach vorne oder hinten geneigt werden kann, was

stets beim Umschiften des immer in der Spitze festgesetzten Segels

geschehen muß. Das Tau, mit dem das an langer Raa befestigte Segel

gehißt ist, dient gewöhnlich nach hinten zu dem Maste als Stütze,

seltener sind noch Hilfstaue angebracht.

Ein Reffen, d. h. verkleinern der Mattensegel, sowie diese gebildet

sind, ist nicht wohl angängig; wird der Wind zu stark oder überrascht

eine starke Böe ein Kanoe, kann man nichts weiter thun, als das Segel

einfach niederzuführen, oder frei im Winde peitschen zu lassen. Im

ersteren Falle kommt es oft vor, daß das vom Winde aufgebauschte

Segel ins Wasser zu liegen kommt, und wüßten die Eingebornen nicht

so geschickt mit den Fahrzeugen umzugehen, müßte häufig genug, wenn

die nicht selten äußerst heftigen Windböen einfallen, ein Unglück

eintreten. Für einen Europäer wäre das Kentern eine unangenehme

Sache, der Eingeborne dagegen macht sich nicht viel daraus, er bringt

schwimmend sein gekentertes Kanoe wieder in Ordnung.

Die Mattensegel, stets dreieckig, sind aus einem Geflecht von

Pandanusblättern hergestellt, das aus etwa zehn Zentimeter breiten

Streifen besteht, die sauber zusammengenäht, dicht und biegsam sind.

Von Religion kann bei diesen Inselbewohnern eigentlich keine Rede

sein; sie haben nur eine unbestimmte Vorstellung von einem höheren

Wesen, welches ihnen Gutes und Böses zufügen kann, sonst sind sie

wie alle ungesitteten Völker dem Aberglauben verfallen. Da sie nur

wenige Ueberlieferungen besitzen, so beschränkt sich ihr Gottesdienst

lediglich auf einige Gebräuche. Gewöhnlich wenn ein Unternehmen

geplant ist, z. B. eine Reise, ein Kriegszug, wahrsagen weise Männer

aus loderndem Feuer und das gute oder böse Vorzeichen ist für die

Ausführung oder Unterlassung maßgebend; auch wird zum Weissagen ein

zusammengefaltetes Pandanusblatt angewandt, man fängt an dem einen Ende

zu kniffen an und benutzt die so gewonnene Breite als Maßstab für die

übrige Blattlänge, bleibt nichts übrig, so ist es ein gutes Zeichen, im

anderen Falle ein schlechtes.

Erklärlich ist, da Götter und Gottheiten nicht vorhanden, die Insulaner

nur eine sehr beschränkte Vorstellung von einem höheren Wesen hatten,

daß sie, als die Missionare unter ihnen erschienen, willig der neuen

Lehre lauschten, und sich zu ihr bekannten. Das Ansehen der Missionare

war groß; diese verwandten dann ihren Einfluß dazu, der Unsittlichkeit,

der Vielweiberei und anderen Lastern entgegen zu treten, sie haben aber

nur dort Erfolg gehabt, wo sie selbst ansässig waren, d. h. auf den

südlicheren Atolls, als Ebon, Jaluit und Milli.

Anscheinend ist das Begriffsvermögen des Eingebornen nicht groß,

er erfaßt bei weitem nicht alles, was ihm gelehrt wird, auch hat

er nur eine unklare Vorstellung von allem, was außerhalb seines

Gesichtskreises liegt, und nur das natürliche Empfinden von Recht und

Unrecht ist bei ihm geschärft worden; er folgt zwar aus Furcht vor

einer strafenden Gerechtigkeit nicht so willig mehr den natürlichen

Trieben, erliegt aber trotzdem leicht einer Versuchung.

Ausgebildete einheimische Missionszöglinge sind heute die eigentlichen

Lehrer, und es ist zu hoffen, daß unter dem Schutze der deutschen

Verwaltung das Christenthum mehr und mehr an Ausbreitung gewinnt, das

ist um so eher zu erwarten, wenn erst die Häuptlinge bekehrt sind und

durch maßvolles Vorgehen, unparteiische Rechtspflege, das Vertrauen der

Eingebornen ganz gewonnen ist.

Da die Marschall-Inseln heute deutsches Besitzthum, die Bewohner also

in gewissem Sinne unsere Landsleute sind, so mag es vielleicht an der

Stelle sein, hier in ihrer Sprache das Gebet des Herrn, das „Vater

unser“, anzuführen.

_Yememuij i lon, en kwojarjar etom. Ea itok am ailin. Yen komonmon

ankil am i lol enwot dri lon._

_Ranin, letok non kim kijim ranin: Im jolok annuij jerawiwi, enwot

kimuij jolok an armij jerawiwi jen kim. Im jab tellok non mon, ak

drebij kim jennana, Bwe am ailin, im kajur, im wijaak in driv._

Erwähnt habe ich bereits, daß eine Stammverwandtschaft zwischen den

Bewohnern der Marschall-Inseln und der Karolinen-Gruppe besteht, ihre

Sprache und Sitten in vielen übereinstimmen. Deshalb will ich das

gleiche Gebet auch in der Sprache dieser Inselbewohner, mit denen

ich oft genug zusammengekommen und die auch zu jener Zeit, leider nur

vorübergehend, unter dem Schutze der deutschen Flagge gestanden haben,

hier anführen. Es lautet:

_Papa tumus su in kosav, E'los val payi. Pogasai lalos tuku. Orek ma nu

fwalu, ou elos oru in kosav. Frite kit len si ini ma kut mono misini:

et nunok munas nu seske ma koluk las, oanu kut nunok munas sin met orek

ma kuluk nu ses. A tie kot kit kut in mel, a es kit la liki ma koluk,

tu togusai lalos, a ku, a mwolanu, ma patpat._

Mit dem Versuche, in obiger Schilderung ein anschauliches Bild von den

Marschall-Inseln zu geben, möchte ich noch gleichzeitig eine wichtige

Frage, nämlich die Deportationsfrage, verbinden.

Unzweifelhaft wird auch in unserem Vaterlande einst entschieden

werden müssen, ob Deutschland nicht auch, wie seit langem Rußland

und Frankreich, die Deportation als ein Mittel ansehen muß, um sich

der Elemente der Bevölkerung zu entledigen, die heute die Zucht- und

Gefängnißhäuser anfüllen, wenigstens die unverbesserlichen Individuen

und schweren Verbrecher auszustoßen und solche, so der menschlichen

Gesellschaft, ihrer Gefährlichkeit halber, zu entziehen. Zwar wird in

Deutschland wohl nur die zwingende Nothwendigkeit dahin führen die

Deportation rechtskräftig zu machen, zumal die Ansicht, mit dieser

sei sowohl das geistige wie körperliche Verderben eines Individuums

verbunden, noch eine allgemeine ist. Indeß man kann doch zu einer

anderen Beurtheilung der Frage gelangen, wenn zugleich mit der

zweifellos harten aber gerechten Strafe die Menschlichkeit durchaus

gewahrt wird und ein Deportirter nicht als ein bereits dem Tode

Verfallener anzusehen ist, eher noch die Möglichkeit vorliegt, ein

solcher kann der menschlichen Gesellschaft wieder als ein nützliches

Mitglied zugeführt werden.

Wohl zu berücksichtigen ist natürlich bei einer in Frage kommenden

Deportation, daß eine der Hauptbedingungen, der nöthige Abschluß

von jeder Gesellschaft ist und dabei doch, anders als in Zucht- und

Gefängnißhäusern, den Verurtheilten ein bestimmtes Maß der Freiheit

gegeben wird. Das Nächstliegende, um solche unerläßliche Vorbedingung zu

erfüllen, wird immer das sein, daß man naturgemäß einsame, dem Verkehr

entzogene Landstrecken, wie es größere oder kleinere Inselgruppen

sind, dazu in Aussicht nimmt. Und nicht mit Unrecht, denn der schwer

zu bändige Trieb nach persönlicher Freiheit wohnt jedem Wesen inne und

wird daher bei verwegenen Naturen weit eher zum Durchbruch kommen.

Indeß, ist eine natürliche, unübersteigliche Grenze gezogen, stellt

dem menschlichen Willen und Wollen sich ein Element, der Ozean,

entgegen, ist die Folge, daß bei nicht gänzlich empfindungslosen

Naturen schon der großartige Anblick des Weltmeers, die ruhige oft aber

wildgrollende Sprache des Ozeans, eine wirksame Besserung im Naturell

eines Verbannten erwarten läßt. Und fraglos werden demjenigen, dessen

Gesichtskreis nicht enge Zellen beschränken, sondern dem sich die

Wunder der Natur, der Ozean und das Firmament, in ihrer erhabensten

Schönheit zeigen, sich Empfindungen aufdrängen, die schließlich die

Erkenntniß herbeiführen, daß der Mensch dazu berufen ist, im Einzelnen,

wie in der Gesammtheit einem höheren Zwecke zu dienen.

Wohl läßt sich erwarten, daß prinzipielle Fragen sich einer

gesetzlichen Deportation entgegen stellen werden, indeß, mögen sich

auch noch so große Einwendungen dagegen erheben lassen, eines ist

sicher, dem in Freiheit gebornen, wenn auch verbrecherisch veranlagten

Menschen, bringt nicht die Strafe, bringt nicht die enge Zellenhaft,

sondern die goldene, wenn auch beschränkte Freiheit zur besseren

Erkenntniß. Um nun zu begründen inwiefern die Deportationsfrage

nicht so ohne weiteres als unausführbar abzuweisen ist, ziehe ich

die Möglichkeit in Betracht, daß die einsamen sehr wenig bevölkerten

und dem Weltverkehr entlegenen Marschall-Inseln als eine Heimstätte

für schwerer Verbrechen wegen Verbannte angesehen werden könnten und

zwar aus triftigen Gründen 1. als das Klima auf diesen Inseln als ein

gesundes anzusehen ist; 2. die Ernährung, selbst für eine große Zahl,

mit Leichtigkeit durchzuführen ist; 3. die Bewachung auf so einsamen

von jeder Verbindung abgeschlossenen Inseln keine strenge zu sein

braucht; 4. Feste Häuser unnöthig sind und nur Baracken des milden

Klimas wegen in Frage kommen können. Sollten aber dennoch feste Häuser

nothwendig sein, sind solche leicht durch das im Ueberfluß vorhandene

Korallenmaterial herzustellen; 5. geregelte Thätigkeit wird durch

Anbau von Kokosplantagen, Anpflanzung tropischer Gewächse als Taro,

Arrowroot etc. der Züchtung von Schweinen und Hühnern und schließlich

Bereitung der Kopra, der Herstellung von Matten und Tauwerk aus den

Fasern der Kokosnuß etc. für zahlreiche Verbannte vorhanden sein und

mit der Zeit sich aus Anpflanzungen Erträge ergeben, die die zweifellos

anfänglich erheblichen Kosten reichlich decken werden.

Was speziell die Ernährung anbetrifft, die für einen Europäer

besondere Beachtung verdient, so würde solche durch Zufuhr geeigneter

Nahrungsmittel in Verbindung mit den leicht zu züchtenden und zu

erhaltenden Schweinen und Hühnern eine ausreichende sein, zudem bietet

der Ozean selbst durch seinen überaus großen Fischreichthum eine

beliebige Abwechslung dar, und für keinen Kenner jener Koralleninseln

kann ein Zweifel bestehen, daß dort nicht ausreichende gesunde

Nahrungsmittel vorhanden sind. Anders freilich würde die Frage betreffs

des guten Trinkwassers zu lösen sein, da das gefundene Grundwasser

(durch Korallen filtrirtes Seewasser) auf die Dauer doch schädlich sein

könnte, auch angelegte Cisternen in regenarmer Zeit nicht ausreichen

möchten. Jedoch die Anlage von Condensatoren, die Seewasser in

Süßwasser verwandeln, das auf großen Passagierschiffen fast ausnahmslos

verwendet wird, würde jeden Bedarf decken.

Der berechtigte Einwand, den auf tiefer Kulturstufe stehenden

Eingebornen sollte man nicht, um nicht das Ansehen der Europäer zu

schädigen, den Transport gefangen gehaltener Weißer vor Augen führen,

wird bei der Anlage einer Verbrecherstation auf den gedachten Inseln

hinfällig. Denn wie erwähnt ist die Bevölkerung eine geringe und manche

Korallen-Inseln sind fast unbewohnt auf denen aber nicht minder die

Anlage von ausgedehnten Kokosplantagen möglich ist. Zieht man das

Facit, so kann der Gedanke, auf einsamen Inseln der Marschall- resp.

Browns-Gruppe Deportirte unterzubringen, durchaus nichts abschreckendes

haben, zumal alle Vorbedingungen gegeben sind und neben der großen

Entlastung der Zellengefängnisse käme der Vortheil dazu, daß mit einer

verhältnißmäßig billigen Arbeitskraft ein Kulturwerk gefördert würde,

das die Eingebornen niemals zu vollbringen im Stande sein werden;

auf solche Weise der Werth der Marschall-Inseln für Deutschland ganz

besonders gesteigert werden würde.

Reisen durch die Inselwelt der Südsee · 第 4 / 7 题