Schnell, als wollten die Spanier sich ihres neuen Besitzes auf alle
Fälle sichern, und was sie in Jahrhunderten versäumt hatten, jetzt
plötzlich nachholen, entfalteten sie ihre Macht auf allen Mittelpunkten
d. h. auf den Inseln Yap, Ruck, Ponapè und anderen. Wenig Rücksicht
nahmen sie auf die Gefühle bisher ganz unabhängiger Stämme, sie führten
jene bekannte Gewaltherrschaft ein, durch welche Spanien im Laufe der
Zeiten sich um seine blühendsten Kolonien gebracht hat. Durch Militär-
und Priesterherrschaft sollte die Kultur dem freien Volke aufgedrängt
werden.
Da den Eingebornen keine Zeit gelassen ward sich allmählich an die
neuen Verhältnisse zu gewöhnen, so fühlten sie den ihnen auferlegten
Zwang doppelt hart. Die Strenge, die angewendet wurde, sie zum
Gehorsam und zur Ergebenheit zu zwingen empörte sie; Wege und andere
Bauten auszuführen, wie sie es für die langansässigen, amerikanischen
Missionare freiwillig gethan, weigerten sie sich, sie fügten sich auch
nicht gutwillig der Forderung, umsonst schwere Tagesarbeit zu leisten.
Grollend zogen sich die Eingebornen zurück, im Herzen Wuth und Rache
schnaubend. Ganz sorglos müssen die Spanier gewesen sein, oder sie
haben gar zu gering einen möglichen Widerstand geachtet, sonst hätten
sie den Anzeichen eines kommenden Sturmes, der warnenden Stimme eines
hier ansässigen spanischen Abkömmlings von der Insel Guam, Manuel de
Tores, mehr Beachtung geschenkt.
So nahte das Verhängniß, durch Gewalt und Ungerechtigkeit
heraufbeschworen. Die beleidigten Häuptlinge, der zumeist betroffenen
Bezirke im Norden von Ponapè, nämlich Jokoits, Nut, Mants, Tohuak und
andere, sammelten ihre Schaaren, und es wurde beschlossen die Spanier
einfach aus dem Lande zu jagen. Festgesetzt als Tag der Rache wurde der
vierte Juli 1887; also nach nur wenigen Monaten hatten die Spanier sich
schon so verhaßt gemacht, daß die Eingebornen verzweifelt zu den Waffen
griffen und sich ihre Freiheit um jeden Preis erkaufen wollten.
Gegenüber der Insel Lungur, der deutschen Station, nach Süden am festen
Lande war das spanische Regierungsgebäude errichtet worden und war in
gewisser Hinsicht durch die Kanonen der im Hafen liegenden spanischen
Korvette „Maria de Melina“ gedeckt, obwohl 130 Soldaten, meistens
Malayen von den Philippinen-Inseln, als persönliche Bedeckung dem
Statthalter zur Verfügung standen.
Am 1. Juli 1887 (vorher war schon manche Versammlung der Eingebornen
verboten und zersprengt worden) sandte der Statthalter zum gleichen
Zwecke eine Abtheilung unter den Offizieren Don Ricardo Martinez und
Don Alferes ab, um abermals eine große Versammlung aufzulösen, auch
hatten die Führer wohl den Auftrag, den Häuptling des Bezirks mit
sich zu bringen. Auf welcher Seite nun die Schuld gewesen, das bleibe
dahingestellt; die Eingebornen sagen, wie mir später ein Theilnehmer
erzählte, die Spanier hätten auf sie gefeuert, wenn dies der Fall
gewesen, so war es das Signal für die zu hunderten versammelten
Bewohner, den Kampf schon jetzt zu eröffnen.
Wer diese Schluchten und Berge gesehen, die oft mit undurchdringlichem
Gebüsche bewachsen sind, worin jedes Felsstück jeder Baum einen
Hinterhalt bietet, kann sich denken, daß ein Widerstand gegen diese
einsichtigen, gut bewaffneten Bewohner vergeblich war.
In kurzer Zeit endete der Kampf mit der gänzlichen Vernichtung der
Spanier, auch der den Eingebornen auf Ponapè und uns Weißen so wohl
bekannte Dolmetscher Manuel de Tores fiel; ihm, einem langjährigen, mit
allem wohl vertrauter Händler, war bittere Rache zugeschworen worden,
weil er sich in die Dienste der Spanier gestellt; er wurde buchstäblich
in Stücke gehauen.
Nur zwei verwundete Malayen entkamen dem Blutbade und brachten die
Schreckenskunde von der Niedermetzelung der Abtheilung zum Fort. Zur
Stunde, als im Fort noch nichts über diese Vorgänge bekannt geworden,
weilte der Vertreter der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Ruß beim
Gouverneur, der ihn zu sich gebeten, um über die gefährliche Lage, die
keinem unbekannt geblieben, zu berathen; auch sollte Herr Ruß so viele
Gewehre und Schießbedarf übersenden, als er irgend entbehren konnte.
Da traf die schlimme Kunde ein. Herr Ruß übernahm es, dem Kommandanten
des Kriegsschiffes die traurige Botschaft zu bringen, deren Tragweite
keiner ermessen konnte, und der ersucht wurde die nothwendigen
Maßregeln sofort zu treffen; Herr Ruß aber fuhr zu seiner Station und
übersandte dem Gouverneur das Gewünschte.
Die Eingebornen, durch den ersten Erfolg kühn gemacht, und längst
vorbereitet, den verderblichen Schlag zu führen, stürmten nun bald zu
tausenden nach dem Fort, und umstellten es so, daß kein Entkommen mehr
möglich war. Ihre Führer waren der Häuptling Lab in Nut und Nanamariki
von Jokoits.
Der Kommandant der „Maria de Melina“ führte sofort, auf die ihm
gewordene Nachricht, fast seine ganze Besatzung (nur 28 Mann blieben
an Bord zurück), in sämmtlichen Boten dem Statthalter zu Hilfe, aber
die flinken Eingebornen hatten das Fort schon umzingelt und warteten im
sichern Hinterhalt nur, so lange bis alle Boote in Schußweite gekommen,
um die Besatzung niederschießen zu können.
Kein Einziger der Offiziere und Soldaten kam mit dem Leben davon, die
meisten lagen alle todt in ihren Booten und die, welche schwimmend sich
zu retten suchten, traf die tödtliche Kugel im Wasser. Die Gemahlin
des Kommandanten, die sich an Bord befand, wurde durch solchen Anblick
tief erschüttert und vor Angst wahnsinnig. Der überraschende Erfolg
mochte wohl die Aufständigen stutzig gemacht haben oder sie waren über
die Zahl der Besatzung der „Melina“ ungenügend unterrichtet, denn sie
führten ihren Plan, das Schiff zuerst zu nehmen, nicht aus. Wären sie
gleich in der entstandenen Verwirrung mit ihrer Uebermacht vorgegangen,
würde es ihnen ein leichtes gewesen sein das Schiff zu nehmen.
So aber langwierige Berathungen pflegend, ließen sie den Ueberlebenden
an Bord Zeit, sich so zu verschanzen, daß ein Angriff auf das Schiff
nur unter schweren Verlusten noch möglich war.
Das Boot, welches Herr Ruß von Lungur mit Waffen und Munition
abgesandt, wurde auf dem Wege zum Fort angehalten und weggenommen,
dadurch bekamen die Häuptlinge den Beweis in die Hände, daß der
angesehenste aller Händler auf Ponapè die Spanier unterstützt hatte;
deshalb beschlossen sie, auch die Deutschen, welche auf ihrer Station
bisher nicht gefährdet waren, nieder zu machen.
Noch aber war das Fort erst umschlossen, in welchem eine kleine Schaar
sich vorbereitete, ihr Leben so theuer als möglich zu verkaufen. Hätten
die Feinde es unternommen am Tage die leichte Feste zu nehmen, wären
die Eingeschlossenen nicht ungerächt gefallen, so aber wählte der
verschlagene Feind die Nacht zum Angriffe, und nahm den größten Theil
der Befestigungen ein, nur wenige der Eingeschlossenen sahen den neuen
Morgen wieder, doch auch diese kleine Zahl sank vom tödtlichen Blei
getroffen, ehe aufs Neue Dunkelheit die Erde deckte.
Einen letzten verzweifelten Ausfall mit denen die die Schreckensnacht
überstanden hatten, unternahm der Statthalter am 2. Juli. Priester und
Klosterbrüder voran, verließen alle die unhaltbare Feste, um sich zum
Strande durchzuschlagen, aber der hinter Stein und Baum gedeckte Feind
mähte fast alle bis auf die durch ihre Kleidung kenntlichen Priester
nieder. Nur der Statthalter mit wenigen erreichte den Strand, fand aber
den Tod mit den letzten Getreuen, ehe er ein rettendes Boot erreichen
konnte, und wurde, ebenso wie der Dolmetscher de Tores, in Stücke
gehauen.
Später sah ich selbst die Klosterbrüder, die keine Waffe geführt und
deshalb unbelästigt das Schiff erreicht hatten, an Bord der „Melina“,
und ich muß sagen, auf ihren bleichen Gesichtern waren noch nicht alle
Spuren jener schrecklichen Tage und Stunden verwischt.
Der Eingeborne scheut den offenen Kampf, seine liebsten Waffen sind
Verschlagenheit und List. Das bewies auch die Botschaft, welche
die Häuptlinge am 2. Juli nach Lungur sandten, die die Zusicherung
enthielt, den Deutschen würde nichts geschehen. Wenn die Spanier
alle todt wären, wollten sie kommen und die deutsche Flagge wieder
aufhissen, es solle wieder so wie früher sein. Doch aus anderen
Nachrichten, welche überbracht wurden, war mit Sicherheit zu schließen,
daß alles nur ein Vorwand wäre, sogar, daß der Häuptling Lojap auf
Lungur schon Befehl erhalten hätte, die Station zu nehmen, keinesfalls
aber die Umschlossenen fliehen zu lassen.
Um das zu verstehen, muß man die Sinnesart der Eingebornen
berücksichtigen, Verschwiegenheit, auf die bei einem planmäßigen
Vorgehen gegen Feinde alles ankommt, kennen sie nicht, sie verrathen
sich und ihre Absichten selbst. So soll es auch ein offenes Geheimniß
gewesen sein, daß am 4. Juli ein Ueberfall auf die Melina geplant
war, der den Aufstand einleiten sollte; sie wollten wie sonst mit
Tauschgegenständen an Bord fahren, nur in größerer Zahl, und im
gegebenen Augenblick die ahnungslose Besatzung überwältigen.
Wären sie so vorgegangen, so hätten die Spanier unverzeihlich sorglos
sein müssen, wenn sie nicht im Kampfe Sieger geblieben wären und
die unbewaffneten Eingebornen von Bord geschlagen hätten. Dann
hätte der Aufstand auch einen ganz anderen, für die Spanier sicher
vortheilhafteren Ausgang genommen; ihr Verderben war jene erzwungene
Auflösung der am 1. Juli stattgehabten Versammlung.
Wie vorbereitet der Aufstand war, ist daraus zu schließen, daß selbst
die Bewohner der Inselgruppe Parkim, die 26 Seemeilen von Ponapè in
WNW.-Richtung gelegen ist, sich daran betheiligen wollten und alle
Vorbereitungen trafen, zum bestimmten Tage auf Ponapè einzutreffen.
Der deutsche Händler auf jenen Inseln Namens Schmidt, fuhr aber
unauffällig, wie schon sehr oft, als wüßte er nichts von allem, in
der Nacht zum 2. Juli ab und traf mit seinem Boote und seiner Familie
auf Lungur ein, gerade als Herr Ruß die bedenkliche Botschaft der
Häuptlinge empfangen hatte. Jetzt zu dreien auf der Station mit einer
Anzahl nicht einheimischer Arbeiter beschlossen diese, wenn möglich,
die Station zu halten. Doch am nächsten Tage wurde ihre Lage sehr
ernst, nach vollbrachter Niedermetzelung der Spanier, sammelten sich
die Aufständigen, um den Deutschen dasselbe Schicksal zu bereiten. Alle
anderen Händler auf Ponapè in den verschiedenen Häfen als Mants, Kiti
und anderen ansässig, waren gleich auf die Nachricht hin, die Spanier
seien alle gefallen mit ihren Booten auf die weite See entflohen,
mit Recht befürchtend, sie würden demselben Schicksal und der Rache
der Eingebornen verfallen, die jetzt, bis auf die amerikanischen
Missionare, jeden Fremden tödten wollten und sich bemühten, völligen
Kehraus zu halten.
Daß der Häuptling Lojap allein nicht einen Angriff auf die deutsche
Station unternommen hatte, lag daran, daß er wußte, wie gefährlich
im offenen Kampf die Waffe in der Hand der Deutschen war und, daß sie
die Drohung, auf jeden, der sich nähern würde, zu feuern, wahr machen
würden. Hatte er doch häufig genug unsern Schießübungen beigewohnt,
wenn wir auf bewegtem Wasser Flaschen oder andere Gegenstände
zerschossen und selten nur das Ziel verfehlten.
Die Häuser der Station, nur aus Holz erbaut, waren freilich
insofern ein ungenügender Schutz, als jede Kugel die schwachen Wände
durchschlagen mußte und so war die erste gemeinsam durchwachte Nacht
aufregend genug, da die Umschlossenen wohl bemerkten, wie die Feinde zu
ihrer Orientirung umherschlichen, ohne jedoch zum Angriff überzugehen.
Jene erwähnte Eigenschaft der Eingeborenen, nichts geheim halten zu
können, versetzte die Eingeschlossenen in die Lage, durch Kundschaft
die Absichten ihrer Feinde kennen zu lernen und zwar wurde die Frau
des Händlers Schmidt, eine Eingeborene von Ponapè am nächsten Morgen
ausgesandt, um sichere Nachrichten einzuholen. Dieselbe brachte denn
auch die Gewißheit, daß in der kommenden Nacht der erwartete Angriff
würde ausgeführt werden -- die Eingeborenen sammelten sich am Ostende
der Insel Lungur.
Dem gewissen Tode zu entgehen gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit --
es mußte versucht werden, mit den Booten die offene See zu erreichen,
und wenn das gelungen war, dem Schicksale vertraut werden. Die drei
Deutschen, zwar bereit zu kämpfen, hatten doch aber auch Weiber und
Kinder zu schützen und sahen wohl ein, daß es ein Unding sei, die
große Station gegen eine hundertfache Uebermacht zu halten. Darum
wurden so geheim als möglich alle Vorbereitungen getroffen, um mit der
hereinbrechenden Dunkelheit die Flucht zu wagen.
Da die deutsche Station ziemlich frei gelegen war, konnte ungesehen
so leicht keiner herankommen, auch war es möglich, mit Schußwaffen
alle Seiten zu bestreichen. So führten denn die Arbeiter ungehindert
die Aufträge ihres Herrn aus und brachten so unauffällig als möglich
Lebensmittel u. s. w. zum Werfthause und legten Bootsgeschirr, Segel
und Ruder bereit.
Aber trotzdem wurde dies alles doch vom Feinde bemerkt und die Absicht
erkannt. Da die Werft ganz links von der Station lag, so konnte
nicht bemerkt werden, wie einige durchs Gebüsch und durchs Wasser
längs derselben sich hinschlichen und sämmtliche Boote, drei an Zahl,
losschnitten und treiben ließen. Die Bedrängten, die nun ihre letzte
Hoffnung schwinden sahen, setzten, als der Vorgang gleich darauf
bemerkt wurde, alles daran, die Boote wieder zu erhalten und einige
Arbeiter, tüchtige Schwimmer, brachten denn auch nach vieler Mühe zwei
derselben zurück.
Die Boote wurden nun auf dem Riffe gegenüber der Station im Bereich
der Waffen festgelegt, aber da man nicht daran gedacht hatte, daß
sie mit der ablaufenden Ebbe festkommen mußten, so kostete es viel
Zeit und Mühe, als um 8 Uhr Abends alles bereit war, nur eins der
Boote wieder abzubringen, und dieses, zum Ende der Werft gerudert,
sollte dort bemannt werden. Mit größter Vorsicht wurden die Frauen und
Kinder dorthin gebracht, die Männer trugen Geld, Bücher und Waffen
hin und fast schien es, als würden sie unbelästigt entkommen. Herr
Ruß aber, der als der letzte das Wohnhaus verschloß und zwei Behälter
mit Trinkwasser dann zum Boote schleppen wollte, wurde von einem
Kundschafter gestellt und angehalten, der schnell erkennend, was hier
vorging, seine Genossen durch einen lauten Ruf herbeizulocken suchte.
Wie groß die Gefahr, sah Herr Ruß schnell ein, er setzte also
die Behälter schnell nieder, und zwang mit gezogenem Revolver den
Verräther, der unbewaffnet war, dies Wasser selber in schnellster
Gangart zum Boote zu tragen. In größter Eile wurde darauf ins Boot
geworfen, was zur Hand war, vor allem Korallensteine aus der Werft
gerissen, um das Boot zu beschweren, dann sprangen die Nahestehenden
hinein und losgeschnitten trieb das Boot in die Nacht hinaus. Die
meisten der Arbeiter, die zurückbleiben mußten, sprangen seitwärts auf
das Riff und flohen strandaufwärts.
Keine Minute zu früh waren die Flüchtlinge entkommen, denn von allen
Seiten stürmten die Feinde heran; schnell folgten flinke Kanoes
den Fliehenden, die aber den Vorsprung ausnutzend und mit rasch
entfaltetem Segel vor dem Winde laufend, durch die Riffenge die offene
See gewannen, wo im bewegtem Wasser kein Kanoe ihnen mehr zu folgen
vermochte.
Man könnte fragen, warum die Deutschen sich nicht auf die „Maria
de Melina“ geflüchtet haben. Solcher Versuch aber wäre wohl
fehlgeschlagen, denn die Spanier hätten höchst wahrscheinlich auf das
in der Dunkelheit sich nähernde Boot Feuer gegeben. So würden sie den
Feinden entronnen, von Freunden niedergeschossen worden sein. Auch war
ihnen bekannt, daß in dieser Nacht der Versuch gemacht werden sollte,
die so schwach vertheidigte Korvette zu nehmen. Daß dieses unterblieb,
das hatte die schwache Besatzung der geglückten Flucht der Deutschen
zu danken, denn da diese nun den Händen der Aufständigen entgangen
waren, so wurde die Unschlüssigkeit unter den Häuptlingen wieder groß,
die vermeiden wollten, daß über die Vorgänge auf Ponapè irgend welche
Nachricht verbreitet würde. Sobald die Deutschen die freie See gewonnen
und keine Verfolgung mehr zu befürchten war, wurde beschlossen nach
der 75 Seemeilen von Ponapè in Südwest-Richtung liegenden Inselgruppe
Ngatik zu segeln, dem nächsten Land außer Parkim. Sie wurden aber durch
die Verhältnisse gezwungen diesen Plan aufzugeben, denn wie gut nämlich
auch alles vorher bedacht und überlegt worden war, in der Hast war
im letzten Augenblicke nicht darauf geachtet worden, was in das Boot
hineingeworfen wurde und nun stellte sich, als auf bewegtem Meere eine
Untersuchung vorgenommen wurde, zum allgemeinen Schrecken heraus, daß
nur sehr wenig Mundvorrath im Boote war.
Es blieb also nichts übrig, als den Kurs nach Parkim zu nehmen, wo es
vielleicht noch möglich war, aus dem Hause des Händlers Lebensmittel zu
holen, sofern die Eingeborenen es noch nicht erbrochen und ausgeraubt
hatten. Der frische Wind trieb das schnelle Boot durch die Wogen und
schon nach Mitternacht fanden die Flüchtlinge sich in der Nähe der
Station. Hier ließen Ruß und Schmidt ihr Boot mit seinen Insassen
zurück und gingen mit einigen Leuten auf Kundschaft aus; der dritte
Deutsche und ein Eingeborener von Guam (Marianen-Archipel) San Jago,
der mit den Deutschen alle Gefahren redlich theilte, blieben im Boote
zurück und bewachten einen der Parkim-Leute, der zur Bootsbesatzung
des Herrn Schmidt gehörte, und da ihm nicht zu trauen war, nicht
freigelassen werden durfte.
Was Eßbares noch im unversehrten Hause vorgefunden wurde (wenig genug
war es), wurde so schnell und geräuschlos als möglich fortgeschafft,
ebenfalls noch frische Kopra und zahlreiche Kokosnüsse. Alles ging gut,
in früher Morgenstunde konnte wieder abgesegelt werden, um jetzt den
Kurs südwärts nach Ngatik zu richten. Der gefangen gehaltene Mann wurde
vorher frei gelassen, schon um einen Esser weniger zu haben, es waren
ihrer im Boote doch genug.
Es war ein gefährliches Unternehmen. Die in dieser Jahreszeit
eintretenden Windstillen, die unbekannten Meeresströmungen, sowie
öfters sturmartige Böen von langer Dauer machten es mehr als
zweifelhaft, ob es den Seefahrern überhaupt gelingen würde, so
niedriges Land, wie die kleinen Koralleninseln es sind, aufzufinden;
doch im schlimmsten Falle konnte man das hohe Land von Ponapè immer
wieder aufsuchen, das bei klarem Wetter doch beinahe 60 Seemeilen weit
sichtbar blieb.
Mit dem seetüchtigen Boote war es auch nicht so sehr gefährlich
große Strecken zu machen, dennoch mag ihnen allen nicht sonderlich zu
Muthe gewesen sein, da keiner auf dem Ozean die Wege, die zu Land und
friedlichen Menschen führten, kannte.
So kam der Tag mit seiner Gluth, einsam zogen sie auf weitem Meere
dahin -- es kam die Nacht und brachte einen Gewittersturm, der sie
weit aus ihrem Kurs verschlug -- und wieder kam trostlos ein Tag für
sie; nun wußte keiner mehr wohin, auf bewegtem Ozean irrten sie umher,
kein Land in weiter Runde -- die Inselgruppe Ngatik fanden sie nicht
und mußten nun, um bloß zu wissen, wo sie sich befanden, nach Osten
gegen den Wind aufkreuzen. Tage sahen sie kommen und gehen, bis endlich
Ponapè wieder in Sicht kam.
Der Insel nahe, erkannte Herr Ruß, daß sie sich an der Südseite von
Ponapè befanden und wollte nun versuchen, in Kiti-Hafen einzulaufen,
wo, wie er wußte, im Hause des dort ansässig gewesenen amerikanischen
Händlers sich eine Seekarte befand, die, wenn noch vorhanden, ihnen
wenigstens einen Anhalt bot, wo sie weiter Land finden könnten. Wohl
erinnerte sich Herr Ruß, daß ich ihm den genauen Kurs nach Mokil, der
nächsten östlich von Ponapè liegenden Insel, einst angegeben hatte,
aber muthlos geworden, mit wenig Mundvorrath im Boote -- Wasser hatten
sie sich bei verschiedenen Regengüssen mit ihrem Segel aufgefangen --
mochte keiner mehr zu einer neuen Irrfahrt rathen.
Im Kiti-Hafen eingelaufen, bemerkten sie, daß die dortigen Bewohner,
die längst das sich nahende Boot erkannt, die Absicht hatten, mit
Kanoes ihnen den Weg zu verlegen, und nur mit genauer Noth entgingen
sie zum zweiten Male ihren Verfolgern. Auf Ponapè durften sie also
nirgends landen, sie segelten deshalb wieder nordwärts unter dem
Außenriffe hin und suchten die Parkim-Inseln abermals auf.
Ueberrascht, am Strande vor der Station das Boot des Herrn Schmidt
zu finden, erfuhren sie bald, daß die auf Ponapè zurückgebliebenen
Arbeiter noch in derselben Nacht, als sie selbst geflohen waren, dem
Beispiel ihres Herrn gefolgt und das zweite Boot mit steigender Fluth
vom Riffe frei gemacht hatten, um ihr Heil auf dem Meere zu suchen; ein
ungewisses Schicksal zogen die Leute dem gewissen Tode von der Hand der
erbitterten Feinde vor.
Die Deutschen fanden die Hauptinsel gänzlich verlassen, die Eingebornen
waren mit ihren Kanoes abgesegelt, nachdem sie die Station gänzlich
ausgeraubt hatten, um sich am Aufstand auf Ponapè zu betheiligen. So
konnten sie denn in Ruhe sich nach Lebensmitteln umsehen, sie fanden
fast nur Kokosnüsse und Brotfrucht, doch gelang es ihnen auch noch
einige Schweine zu schießen und Hühner einzufangen, die sie zubereitet
mit sich nahmen.
So ausgerüstet, wollte Herr Ruß zum zweiten Male versuchen Ngatik
aufzufinden. Auf Parkim durften sie nicht bleiben; die siegestrunkenen
Eingebornen hätten sie nach ihrer Rückkehr sicher nicht geschont. Sie
segelten also mit beiden Booten wieder ab und vertrauten sich abermals
dem Ozean an. Aber als der zweite Tag anbrach, fanden sie wieder
kein Land -- schon muthlos, zum Theil verzweifelt, wollten sie jetzt
das Boot westwärts laufen lassen, auf gut Glück einem unbestimmten
Schicksal entgegen gehen.
Doch nur kurze Zeit hielten sie diesen Kurs, da entdeckte einer
ihrer Leute, der auf den schwankenden Mast geklettert war, mit seinen
scharfen Augen in weiter Ferne südwärts die Kronen hoher Palmenbäume
über den im Sonnenlicht glitzernden Wogen, sein Ruf „Land, Land“ riß
alle aus ihrer Versunkenheit empor -- nach Stunden schon lag vor ihnen
das ersehnte und so vergeblich gesuchte Ziel -- hier wenigstens waren
sie sicher vor ihren einst so guten Freunden, nun aber um so mehr
erbitterten Feinden. --