II. Reisen durch die Samoa- und Tonga-Inseln.

Das im vorigen Kapitel Gesagte ist das Ergebniß solcher Beobachtungen,

die zu machen ein Aufenthalt am Lande, oder im Hafen von Apia mir

ermöglichte. Viele weitere Einzelheiten, deren Kenntniß der Verkehr

mit den Samoanern und langansässigen Europäern mit sich bringt,

verdienten zwar noch der Erwähnung, indes, da ich in großen Zügen nur

meine Erlebnisse in der Südsee schildern will, muß Unwesentlicheres

zurücktreten; darum sehe ich auch von der Beschreibung einzelner

Fahrten und Reisen durch dieses weite Gebiet ab.

Alle mit mir zugleich auf demselben Segelschiffe angekommenen

Passagiere, die, wie ich, sich auf 3 Jahre der Plantagen-Gesellschaft

verpflichtet hatten, wurden bald nach unser Ankunft ans Land beordert

und nahmen die ihnen zugewiesene Beschäftigung auf. Meine Bestimmung

dagegen lautete, sogleich an Bord des Schooners „Hapai“ zu gehen und

dort vorläufig den Dienst des ersten Steuermanns zu versehen.

Zwei Tage später schon lichteten wir Anker und segelten nach Matautu,

dem Haupthafen der Insel Savai, von dort sollten wir schnell das

daselbst lagernde Kopra, wie solches auf den verschiedensten Inseln von

den Händlern der Gesellschaft aufgekauft wird, abholen.

Auf Savai, das nur durch die Straße von Apolima von Upolu getrennt

ist, erhebt sich die dunkle Bergmasse, gleich der auf Upolu, hoch und

mächtig; ja, aus der Ferne gesehen, scheint ein gewaltiger Höhenrücken

die ganze Insel auszumachen. 4000 Fuß hoch, die höchsten Krater

auf Upolu, den Tofua, Maugalaila, Taitoelau und Sigaele um 1000 Fuß

überragend, erhebt sich diese Kraterregion gleich einer Scheidewand,

die zwar von reichem Pflanzenwuchse bedeckt, aber wenig bevölkert ist;

nur einzelne Pfade führen durch Urwälder und tropische Wildniß über

die von Lava starrenden wildzerklüfteten Berge. Jungfräulicher Boden,

der zu den schönsten Hoffnungen berechtigt und für Kaffee, Vanille,

Baumwolle geeignet ist, liegt brach und unbenutzt, denn es herrscht

vollständiger Mangel an gut geschützten Häfen.

Weniger als auf Upolu bildet das die Insel umgebende Korallenriff

gesicherte Einfahrten, auch die größte vor Matautu wird durch schwer

anrollende See gefährdet. Wohl vertraut mit der nicht so leicht

aufzufindenden Durchfahrt im Riffe, führte mit günstigem Winde der

Führer der „Hapai“ sein Schiff längs der schwer aufrollenden Grundsee

am langgestreckten Riffe hin; die wild schäumende Brandung brach sich

donnernd auf diesem, und die mächtigen Wogen schienen das Schiff dem

Verderben zutragen zu wollen. Ich selber hielt es für sehr gewagt, so

nahe dem gefährlichen Riffe zu laufen, jedoch als wir die Einfahrt nach

Matautu gewonnen hatten, ließen wir bald die wilde Brandung hinter uns.

Weit von Land ankernd, ist es Regel hier, da der Ankerplatz nur ein

tiefer liegendes Riff ist, auf welchem sich einrollende See brechen

kann, weit vom Lande zu ankern und muß man in der unbeständigen

Jahreszeit immer bereit zum Auslaufen sein, sobald westlicher oder

nordwestlicher Wind aufspringt, denn gefährlich würde jedem Schiffe die

direkt einlaufende See werden.

In Hast und Eile ging denn auch das Einschiffen der Ladung vor sich,

da Wind und Wetter wenig Beständigkeit versprach; wohl 70 Savaileute

brachten mit großen Brandungsbooten die oft von der am Strande

laufenden See durchnäßte Ladung an Bord. Längsseit des Schiffes

schöpften die Boote oft noch Wasser, so unruhig war selbst im Hafen

noch die See; wildes Halloh erhoben die Kerle, die höchstens mit einem

Grasschurze bekleidet waren, wenn sie der Länge nach niederstürzten

und es auch deshalb vorzogen, auf das vor seinen Ankern schwer

rollende Schiff zu springen. So kostete es mich viel Mühe, die braunen,

zügellosen Kerle, deren Sprache ich noch nicht verstand, zur Arbeit

anzuhalten.

Obgleich die Bewohner Savai's gleicher Abstammung wie die Upolu-Leute

sind, so herrscht doch zwischen der Bevölkerung beider Inseln

fast immer Hader und Streit. Die Savai-Leute, vielleicht kühner im

Angriffe, bemannen oft genug ihre großen Kriegskanoes und versuchen

einen Ueberfall auf Upolu, um sich gelegentlich für die Schimpfworte,

„Schweine von Savai“, bitter zu rächen.

Schnell nach Apia zurückgekehrt, erhielt das Schiff Weisung, schon am

24. November wieder in See zu gehen und zwar nach der einsamen Insel

Niue, von wo ebenfalls Kopra und ein größerer Segelkutter, der in der

schlechten Jahreszeit für den dortigen Händler nicht recht verwendbar

und an der steilen Küste gefährdet war, abgeholt werden sollte.

Aufkreuzend gegen wieder vorherrschenden Südost-Wind erreichten wir

die Insel erst nach zehn Tagen. Als wir in deren Nähe kamen, waren

die ersten Häuser, die wir sahen, das Missionshaus und die Kirche,

die zurückliegenden Hütten der Eingebornen ließen sich, weil sie durch

Busch und Palmen verdeckt waren, nicht unterscheiden. In einer kleinen

Einbuchtung, wo ein Spalt in der steilen Uferwand allenfalls das Landen

gestattete, 100 Fuß von Land dicht vor der Brandung -- ein Schwingen

des Schiffes vor seinen Ankern war nicht möglich -- ankerten wir am

steilen Korallenriff.

Von der auffallenden Erscheinung, daß durch vulkanische Kräfte

ganze Inseln gehoben werden, giebt die Insel Niue einen Beweis, mir

war sie um so bemerkenswerther, als es die erste war, an welcher

ich die unterseeische Korallenformation erkennen konnte. Wohl 30

Fuß hoch zeigen die Uferwände der Insel die gewaltige Arbeit der

Korallenpolypen, die von neuem, seit der vielleicht viele Jahrhunderte

schon zurückliegenden Hebung dieser Insel, am steilabfallenden

Meeresgrunde weitergebaut und an vielen Stellen wieder ein

zusammenhängendes Riff aufgeführt haben. Später, als ich selbst mit

eigenen Augen die ungeheure vulkanische Kraft, die zeitweise auf diesem

ausgedehnten Kratergebiet in Erscheinung tritt, gesehen, war es mir

klar, daß die schlummernde Naturkraft nicht bloß die Erdrinde und das

Meer zu erschüttern vermag, sondern spielend Inseln hebt.

Die wenigen Tage, die wir vor Niue zu Anker lagen, war eine Zeit

ängstlichen Hastens, weil wir so schnell als möglich mit der aus Kopra,

Fungos, einer Pilzart, und der aus Arrowroot-Wurzeln bestehenden

Ladung fertig werden mußten, denn mit Gefahr für Boot und Ladung war

eine jedesmalige Landung verbunden, da fast in der Brandung jedes Boot

beladen werden mußte. Für das Schiff war Gefahr insofern vorhanden,

als dieses durch auflandigen Wind trotz der Anker leicht aufs Riff

getrieben werden konnte, wir also immer bereit sein mußten, bei einem

Wechsel des Windes, wenn nöthig, schnell die Anker zu schlippen und

die offene See zu gewinnen. Drohende Anzeichen für schlechtes Wetter

gingen aber glücklicher Weise vorüber; übrigens war dieses die letzte

glücklich vollbrachte Reise des Schiffes überhaupt, wenige Monate

später schon lag es zerschellt auf einem Riffe der Neu-Hebriden.

Die Bewohner dieser Insel Niue, ein kräftiger, stattlich gebauter

Menschenschlag, der zwar der Samoa- und Tonga-Rasse an Gestalt und

hohem Wuchs nicht gleichkommt, jedoch mehr Temperament als diese zeigt,

auch Schlaffheit und Unlust zur Arbeit bemerkt man weniger an ihnen.

Als tüchtige Seefahrer, welchem Gewerbe sie mit Vorliebe zugethan

sind, werden sie in Apia, wo mit der Zeit eine Ansiedelung derselben

stattgefunden, gerne als Matrosen angenommen, wenigstens dem Samoaner

bei weitem vorgezogen.

Savages-Eiland, Insel der Wilden, ist die Insel Niue, ihre Heimath,

benannt worden, und soweit meine persönlichen Erfahrungen reichen,

verdienen sie beinahe diesen Namen, als ich bei einem Streite mit ihnen

beinahe das Leben hätte lassen müssen und nur ein Zufall mich aus den

Händen dieser leicht erregbaren Menschen befreite.

Da sie von hellerer Farbe als die Samoaner, stammen sie vermuthlich von

einer weit östlich liegenden Inselbevölkerung ab. Die ersten Ansiedler,

wahrscheinlich vor langer Zeit von ihrem Heimathlande verschlagen,

fanden das rettende Eiland und bevölkerten es allmählich. Der Trieb,

die unbekannte Welt kennen zu lernen, die im Schoße des mächtigen

Ozeans für die fernen Inselbewohner verborgen lag, läßt sie noch heute

oftmals das Wagniß unternehmen, sich mit ihren leichten Kanoes auf die

unendliche See hinauszuwagen. Die Gewalt des Windes und der Strömungen

unterschätzten sie und haben sie einmal Land aus Sicht verloren, sind

sie den Elementen hülflos preisgegeben, so zahlten sie ihre Kühnheit

mit einem qualvollen Sterben, wenn nicht ein gütiges Geschick nach

schrecklichen Leiden sie Land finden läßt.

Die Rettung von 16 solcher vertriebenen Menschenkinder, die ich in

den Karolinen-Inseln auffand und Hülfe brachte, werde ich später

eingehender erzählen.

Mit Vorliebe tragen die Niue-Leute reichen Goldschmuck und zwar als

Ohrgehänge; massive Goldstücke hämmern sie aus und befestigen solche

geschickt an den Ohrlappen; das verdiente Goldgeld wird häufig dazu

verwandt.

Der ganze Südseehandel beschränkt sich in der Hauptsache auf Tabak,

Seife und Zeug, namentlich für Volksstämme, die erst wenig mit dem

weißen Manne in Berührung gekommen sind. So boten auch hier für ein

Geringes die Eingebornen Speere, Muscheln und Nüsse feil, vor allem

war Tabak der begehrteste Artikel. Im Gegensatze zu den Booten der

Samoaner, die solche sich von ganz beträchtlicher Ausdehnung erbauen,

sind die Kanoes dieser Niue-Leute nur klein und behende, aber nett mit

Muscheln und anderem Zierrath ausgeschmückt, der vornehmlich rings

um die Bordwand befestigt ist; auch sind diese Fahrzeuge vorne und

hinten überdeckt, um das Einschlagen der See, wenn sie, zum Fischen

ausziehend, die Brandung passiren müssen, zu verhindern.

Sehr fischreich sind namentlich die Gestade aller Inseln, und wie ich

gelegentlich anführen werde, wissen ihre Bewohner sich mit besonderem

Geschick der wohlschmeckenden, fliegenden Fische zu bemächtigen. Auf

freier See aber herrscht sehr zahlreich der gefürchtete und gefährliche

Hai, ein Zeichen, daß derselbe auch im tiefen Wasser reichlich Nahrung

findet, und solche sich nicht nur in Buchten oder in der Nähe des

Landes zu suchen braucht.

Auf der Rückreise, die durch Windstillen verzögert ward, fanden

wir immer den Hai als treuen Begleiter, und war die See ruhig, die

Fahrt des Schiffes gering, so kamen langsam die Haie durch die klare

Fluth heran, das Schiff nach Beute umkreisend. Wenn wir einen dieser

gefährlichen Gesellen fangen wollten, so wurde die Lockspeise, ein

Stück Fleisch, an starker Leine ins Meer geführt, und war der Hai

hungrig, besann er sich nicht lange, sondern faßte, sich auf den Rücken

legend, gierig zu. War Fleisch und Haken verschluckt, so gab es keine

Möglichkeit mehr für ihn, sich zu befreien; von Schmerz gepeinigt,

peitschte der Hai mit dem kraftvollen Schwanze die Fluthen und es hatte

dann seine Schwierigkeit, das gefangene 8-10 Fuß lange Thier an Deck

zu bringen und nicht eher gelang es, bis es erschöpft war und auch

der Schwanz fest in einer Schlinge lag. An Deck geschafft, peitschte

der Hai die Planken, daß diese erzitterten, und rathsam war es nicht,

sich in seine gefährliche Nähe zu wagen. Erst ein Axthieb, der die

Schwanzflosse vom Rumpfe trennte, führte die Verblutung herbei und

allmählich entfloh das zähe Leben des Thieres.

Auch mit der Schlinge, auf deren Handhabung ich zurückkommen werde,

habe ich viele Haifische gefangen, namentlich wenn ich Samoaner als

Besatzung an Bord hatte, für die der Hai eine Leckerspeise ist, nahm

ich mir dazu die Zeit und fing zuweilen 2-4 Stück hintereinander.

Auffällig war mir dabei, daß die Leute immer erst die Leber eines

getödteten Haies untersuchten; war diese nach ihrer Ansicht zu groß

oder zeigte sie sonst besondere Eigenheiten, so wurde das Thier

nicht gegessen, sondern über Bord geworfen. Aber nicht bloß bei

den Samoanern, auch bei den benachbarten Insulanern fand ich solche

auffällige Untersuchung der Leber des Haifisches. Mitunter wurden

eingehende Betrachtungen über die Lage und Länge derselben vorgenommen;

entstanden Zweifel und Meinungsverschiedenheiten darüber, so war meist

immer der endgültige Beschluß, daß das Thier verworfen wurde.

Fast bin ich jetzt geneigt, da ich nicht dahinter kommen konnte,

was solche Untersuchung zu bedeuten habe, anzunehmen, daß ein

weitverbreiteter Aberglaube damit in Verbindung gebracht, oder daß

der Leber des Haies eine medizinische Eigenschaft zugesprochen wird.

Vielleicht auch erkennen die Eingebornen an bestimmten Zeichen, ob

das Thier gesund oder krank gewesen ist. In den Fällen, wo ich mir

Klarheit darüber zu verschaffen suchte, erreichte ich solche nicht,

möglicherweise aus dem Grunde, weil ich nicht der verschiedenen

Sprachen mächtig genug war, um die Auseinandersetzung zu verstehen.

Die treuen Begleiter der Haie, die Lotsenfische, schön gezeichnete

Thierchen von der Größe eines Makrels, schwimmen gewöhnlich, 2-4 an

der Zahl, über dem Hai, sie suchen, wie angenommen wird, für diesen

Nahrung auf und kehren stets in dessen sichern Schutz zurück. Ein jeder

Hai soll solche Führer haben; indes so häufig ich auch solche gesehen

habe, ebenso oft fand ich, namentlich wenn mehrere Haie beisammen,

diese ohne ihre Begleiter. So viel ist gewiß, der Hai, mag er noch so

hungrig sein, wird sich doch nicht an seinen Wegweisern vergreifen;

zum schnellen Schwimmen selbst zu träge, überläßt er vermuthlich es

den flinken Fischen, für ihn Nahrung zu suchen. Wohl bekannt ist es

den Seeleuten, daß der Pilotenfisch sehr schmackhaft ist, indes nur

einmal war es mir möglich, einen solchen mit Mühe zu erlangen, obwohl

dieselben längere Zeit noch beim Schiffe verbleiben, nachdem der Hai,

den sie begleiteten, weggefangen worden. An Köder beißen die Piloten

nicht, höchstens gelingt es ihrer mit dem Elker, d. h. Wurfeisen,

habhaft zu werden.

Im Anfang des Jahres 1885 mit der Führung eines der kleineren der

Plantagen-Gesellschaft zugehörenden Schiffes betraut, wurde ich

beordert, eine Reise durch die gesammte Tonga-Gruppe, den sogenannten

Freundschafts-Inseln, zu unternehmen. Im Augenblick der Abreise wäre

mir aus Mangel an Raum im kleinen Hafen (Apia) bald die Riffspitze

Kap Horn, worunter vier Jahre später das deutsche Kriegsschiff „Eber“

mit seiner braven Besatzung versank, verhängnißvoll geworden. Durch

die Strömung wurde das Schiff aus seiner Richtung gedrängt, von der

einlaufenden See, gegen welche die Kraft der das Schiff bugsirenden

Mannschaft zu schwach war, nach dem Kap hingeworfen und nur ein schnell

Hülfe leistendes Boot verhinderte die Katastrophe. Da wir schon zu nahe

dem Riff waren, so hätte ein Aufstoß genügt, Ruder und Hintersteven

des Schiffes, schwerbeladen wie es war, auf den Korallensteinen zu

zertrümmern und aus der gurgelnden Tiefe des hier weit unterhöhlten

Riffes hätte es für Schiff und Mannschaft keine Rettung gegeben -- aber

zufällige Hülfe kam zur rechten Zeit.

Nachdem wir die offene See gewonnen hatten, verlor ich mit umlaufenden

Winden, wie sie in dieser Jahreszeit häufig sind, ostwärts steuernd,

bald die in dichten Wolkenschleier gehüllte Insel Upolu aus Sicht.

Bestrebt, westlich von der Tonga-Gruppe zu laufen und so Tonga-tabu zu

erreichen, da der vorherrschend westliche Wind eine schnelle Reise in

Aussicht stellte, hatte ich am dritten Tage bereits die Vulkan-Insel

Amargura gesichtet, eine namentlich an der Süd- und Südostseite steile

Insel mit dem 375 Meter hohen Krater, an dessen Abhängen leichte

Rauchwolken hervorquollen, ein Zeichen, daß er nicht ganz erloschen

ist. Da sprang mit schweren Gewittern und harten Windböen der Wind

südlicher und zwang mich, der zehn Seemeilen südöstlich liegenden 30-40

Meter hohen Insel Toku auszuweichen. Als der Wind immer härter wehte

und schließlich bis zum Sturm wuchs, hatte ich noch Zeit, Schutz unter

der hohen Insel Vavau zu suchen, ehe das Schiff von der wildlaufenden

See zum Beidrehen gezwungen wurde.

Unter dichtgerefften Segeln wurde eine schlimme Nacht verbracht, mit

dem neuen Morgen aber brach sich die Gewalt des Sturmes und eine starke

Nordwestbrise trieb das Schiff durch die wilde See nach Süden, östlich

der Hapai-Gruppe, an den langgestreckten Korallen-Inseln Haano, Foua,

Lefuka und Ouia entlang. Die vielen gefährlichen Riffe dieser Gruppe

meidend, kam am 7. Tage früh die hohe Vulkan-Insel Eoua in Sicht.

Nachdem wir darauf die gleichartige kleine Insel Enaigee erreicht

hatten, kreuzte ich die tiefe östliche Einfahrt, welche zwischen der

großen Insel Tonga-tabu und den vorgelagerten Korallenpatschen und

Inseln hindurchführt, auf und gelangte sicher zum Hafen von Nukualofa.

Im Schmucke immergrüner Palmen liegt die flache, wenige Erhebungen

aufweisende Insel langgestreckt vor den Augen des Beobachters. Kultur

und fortschreitende Gesittung haben auch hier festen Fuß gefaßt, hoch

über die Wipfel der Palmen ragt die Kirche empor; großartig ist der

Königspalast; freundlich aber und heimisch erscheinen die vom Strande

zurückliegenden europäischen Gebäude und bekunden, daß auch hier eine

Stätte regen Handels und Verkehrs geschaffen wurde.

Vor allem ist es die deutsche Factorei, geleitet vom deutschen Konsul

Herrn v. Treskow, die sofort ins Auge fällt; auf Pfeilern errichtet,

wie alle Tropengebäude hier, war derzeit dieses Haus mit seinem

freundlichen Wirth das besuchteste.

Sämmtliche Tonga-Inseln, mit Ausnahme der meist hohen Vulkan-Inseln,

sind Korallengebilde, einige sind von großer Ausdehnung, wie die

Tonga-tabu und die schon erwähnten Haano und Foua. Diese haben

eine fruchtbare Erdschicht und ein reiches Pflanzenleben hat sich

darauf entwickelt; neben der stolzen Palme sind Brotfruchtbäume,

Papiermaulbeerbäume, die den Bewohnern ihre Bekleidung, Tapa genannt,

liefern, Zuckerrohr, Bananen, selbst Baumwollen- und Feigenbäume zu

erwähnen.

Die Eingebornen, derselben Rasse wie die Samoaner zugehörig, zeigen

mehr Verständniß für Landbau und Fischfang, als diese, freilich können

diese Inseln auch nicht mit Samoa einen Vergleich bestehen.

Kein Naturvolk hat so schnell und leicht das Christenthum angenommen

wie diese Tonga-Insulaner, rasch gewannen die Missionare großen

Einfluß, Schulen und Bildungsanstalten förderten das Werk. Das Volk,

bildungsfähig und begabt, hatte bald eigene Lehrer aufzuweisen;

oft habe ich eingeborne Missionare von Insel zu Insel gebracht. Da

die Kirchen und Schulen immer gut besucht, so ist ein Fortschritt

in der Bildung dieses Volkes leicht erklärlich. Was aber leider

ernste Besorgniß erwecken kann, ist der Umstand, daß verschiedene

Religionssekten mit gleichem Eifer bestrebt sind, unter der nicht

zahlreichen Bevölkerung ihren Glauben zu verbreiten. Es ist zu

befürchten, daß auf diese Weise Spaltungen im Volke entstehen, die üble

Folgen haben können.

Der ehemalige englische Missionar Baker, langjähriger Premierminister

des Königs Georg I., entging zwar dem Angriffe einer fanatischen Horde

in Nukualofa, seine erwachsene Tochter aber, die die tödtliche Waffe

traf, ward ein Krüppel. Soweit ich unterrichtet, war dieser Anschlag

eine Ausgeburt wilden Hasses, gerichtet gegen den Vertreter einer

großen Kirchengemeinde, den gefürchteten und gehaßten Staatsmann.

Die ganze weitverzweigte Tonga-Gruppe bildet ein einheitliches Reich,

das damals von dem alten Könige Georg regirt wurde. Neben unserm

ehrwürdigen deutschen Kaiser Wilhelm der älteste Monarch, steht dem

Herrscher eine gesetzgebende Versammlung von angesehenen Häuptlingen

zur Seite, die auch als Statthalter die verschiedenen zum Reiche

gehörenden Inselgruppen verwalten. Sitz der Regierung und Residenz des

Königs ist Nukualofa.

Ein Freundschaftsvertrag ist mit dem deutschen Reiche am 1. November

1876 vom Könige Georg abgeschlossen. Trotz des englischen Einflusses

hätte wohl erwartet werden können, daß die so erworbenen Vorrechte

gewahrt bleiben würden, aber wie in Samoa, so ging auch hier der einst

mächtige deutsche Einfluß allmählich verloren, englische Politik wand

den Deutschen einen fast sicheren Besitz aus den Händen.

Stolz prangt im Königspalaste zu Nukualofa das Reiterstandbild unseres

großen Kaisers in natürlicher Größe, und nicht unbekannt sind diesem

Volke dessen Thaten geblieben; auf dieses Bild sah mit Bewunderung

jeder Insulaner und pries den großen, mächtigen Herrscher der

Deutschen.

Tags zuvor, ehe ich in Tonga-tabu eingelaufen, war der Sohn des Königs

Georg, der Thronfolger, gestorben und große, allgemeine Landestrauer

herrschte überall. Alle Vornehmen des Volkes, soviel ihrer nur die

königlichen Schiffe zu fassen vermochten, waren nach der Insel Ouia,

dem Begräbnißplatze der Königsfamilie, abgesegelt. Der deutsche

Konsul, dem kein eigenes Schiff zur Verfügung stand, unmöglich aber als

Europäer auf den überfüllten kleinen Segelfahrzeugen der Eingebornen

die lange Reise unternehmen konnte, beeilte sich sehr, als sich nun

doch noch Gelegenheit fand, mit meinem Schiffe die Reise zu machen, das

Schiff abzufertigen und nach eintägigem Aufenthalt verließ ich, mit der

Familie des Konsuls an Bord, nordwärts steuernd, Tonga-tabu.

Günstiger, frischer Wind konnte es allein möglich machen, am

Begräbnißtage Ouia noch zu erreichen. Aber obwohl ich den Weg zu

kürzen suchte und durch mir unbekannte Korallenbänke lief, so kam doch

erst am Abend des zweiten Tages Ouia in Sicht. Da ich inmitten von

Korallenriffen nirgends sicheren Ankerplatz fand, die Insel selbst aber

zu weit entfernt war, als daß ich solche gegen Ostwind aufkreuzend,

in der Nacht erreichen konnte, so wurde ich gezwungen, die freie See

wieder aufzusuchen. In dunkler Nacht die gewaltigen Krater-Inseln Kao

(5000 Fuß) und Tasoa (etwa 2500 Fuß), nur durch eine schmale Straße

von einander getrennt, als weit sichtbare Punkte im Auge haltend,

suchte ich das Schiff in der Nähe der Außenriffe zu halten, um mit

Tagesanbruch aufs Neue nach Ouia aufzukreuzen oder wenigstens die

südliche Einfahrt durch die Hapai-Gruppe zu gewinnen.

Während sonst die Tropennächte in der guten Jahreszeit einen

herrlichen Anblick bieten, wenn das Sternenheer magisches Licht

über die weiten bewegten Fluthen streut, drohten in dieser Nacht

gewitterschwere, unheilkündende Wolken und bald nach Mitternacht

umfing uns rabenschwarze Dunkelheit. Dann brach das Unwetter über

uns mit plötzlicher Gewalt herein, als wollte der furchtbare Wind

das kleine Schiff niederpressen. Die heftigsten Stöße fegten von den

hohen Vulkan-Inseln herab. Im Schiffe wurde alles, was nicht niet- und

nagelfest war, durcheinander geworfen und das Fahrzeug schwer auf die

Seite gedrückt; die schnell aufgewühlte See that das Ihre dazu, die

Lage, namentlich für die Familie des Konsuls, recht ungemüthlich zu

machen.

In Lee waren die gefährlichen Riffe, von denen freizukommen die

erste Sorge sein mußte, deshalb bot ich allmählich dem Winde wieder

so viel Leinewand, als das Schiff zu tragen vermochte. Sobald ich

frei von der Insel Kao war, hielt ich nördlicheren Kurs und obgleich

die See schwerer wurde, so konnte ich doch mit volleren Segeln durch

die Wogen pressen und größeren Abstand von den auch mehr ostwärts

abfallenden Riffen gewinnen. Der neue Morgen fand uns westlich von der

niedrigen Insel Otolonga, die, nördlich umsegelt, zur Nordeinfahrt der

Hapai-Gruppe führte.

Als ich nahe genug dieser Insel gekommen war, der einzuschlagende Kurs

bedingte dies, wurde eine ehemalige Niederlassung der Walfischfänger

sichtbar, die vor Zeiten in diesen Gewässern ertragreiche Beute

gefunden, aber auch bald genug die Schaar der gewaltigen Meerbewohner

so gelichtet hatten, daß ein Kreuzen auf Beute zwecklos war. Die

Station wurde deshalb aufgegeben, ihre Trümmer am öden Korallenstrand

sind jetzt werthlos und verkommen.

Der Kurs nach Lefuka führte uns zwischen Inseln und Korallenpatschen

hindurch. Erst am Nachmittage dieses Tages konnten wir die der Insel

Lefuka vorgelagerten Riffe passiren und vor der deutschen Station zu

Anker gehen.

Solch ungünstiger Wind und zum Theil schlechtes Wetter hatten natürlich

den Zweck der Reise vereitelt, noch nach Ouia zu laufen und an dem dort

stattfindenden großartigen Todtenfeste theilzunehmen, war zwecklos. So

entschied sich der deutsche Konsul, hier die Ankunft des Königs Georg

abzuwarten und mit diesem dann die Rückreise nach Nukualofa anzutreten.

Die Insel Lefuka, im Verhältniß zu ihrer Länge nur schmal, zeigt an der

Ostseite, gegen welche der freie Ozean seine gewaltigen Wogen donnernd

wirft, ein Riff übereinandergethürmter Korallenblöcke und Steine;

man sieht hier so recht, wie die Gewalt der Wasser einen Schutzwall

aufgeworfen, der das flachere Land selbst gegen die furchtbarste See

zu schützen vermag. Immer weiter aber baut die Koralle in die offene

See hinaus, immer breiter wird das Trümmerfeld, bis dieses auch durch

Zersetzung zu anbauungsfähigem Lande umgestaltet wird.

Die Erzeugnisse, die Tonga-tabu aufweist, sind hier auch vertreten,

namentlich ist der Ertrag an Kokosnüssen groß auf dieser Insel. Was

ich aber hier zuerst gesehen, war die Zubereitung des Tapa, jenes

Stoffes, welches den Eingebornen zur Bekleidung dient, der schön

gefärbt und gezeichnet ist. Selbst große Stücke, umfangreichen Decken

ähnlich, werden aus dem Papiermaulbeerbaum angefertigt, dessen Bast

dazu verwendet wird. Und zwar werden lappenförmige Streifen im feuchten

Zustand aufeinander angelegt und dann tüchtig geklopft, hierdurch

wird der Stoff geschmeidig und fest; ist dieser in gewünschter Größe

fertiggestellt, wird der Stoff im Schatten getrocknet und nachher mit

brauner oder schwarzer Naturfarbe reichlich bemalt.

Fernhin hört man die Tapa klopfenden Weiber, die mit wuchtigen Schlägen

den Bast bearbeiten; erklärlich ist dieses Geräusch, da sie meistens

auf dem Boden eines umgekehrten Kanoes diese Arbeit vornehmen, wodurch

die dumpf dröhnenden, lauten Schläge hervorgebracht werden.

Wie bei fast allen Naturvölkern, bei denen der Aberglaube weiteste

Verbreitung gefunden, so ist auch namentlich bei den Südsee-Insulanern

das Zauberwort „Tabu“ in allgemeine Anwendung gekommen. Dieses

Wort, eine Macht, ersetzt, möchte man sagen, die in zivilisirten

Ländern nothwendige Sicherheitspolizei. Wenn eine als „tabut“, d. h.

unverletzliche Person, z. B. ein König oder ein Häuptling, irgend etwas

als tabut erklärt, so wird kein Rassenangehöriger es wagen, Person oder

Sache anzurühren, oder eine Oertlichkeit, Haus oder Hütte, zu betreten.

Im Allgemeinen aber findet das Tabu Anwendung, wenn irgend ein

Gegenstand vor Berührung, Wegnahme u. s. w. geschützt werden soll, dann

wird unter bestimmten Zeremonien dieser mit einer Schnur, in der Knoten

mit oder ohne Zaubereien eingeknüpft sind, umgrenzt oder umwunden. Die

Ueberzeugung, daß jedem, der es wagen würde, dieses Schutzmittel zu

entfernen, alle Uebel unfehlbar zustoßen, welche der Knotenschürzer

hineingeknüpft, hält jede unbefugte Verletzung fern. Mehrfach, und

hauptsächlich auf dieser Insel Lefuko, wurden mir Gegenstände, Baum

oder Hütte gezeigt, die so durch das „Tabu“ geschützt waren.

Geschickte Fischer sind die Eingebornen. Sie brachten, ehe der Europäer

ihnen seine Angelhaken zugeführt, folgende Methode in Anwendung: Aus

einer dicken Perlmutterschale verfertigten sie sich durch festes

Verbinden einzelner zurechtgeschliffener Stücke starke Fanghaken,

die, mit einem Bastbüschelchen versehen, an langer Leine hinter

Kanoes geschleppt wurden. Die wie Silber im klaren Wasser schwimmende

Perlmutter lockt größere Fische an, die gierig, vermeinend eine Beute

zu haschen, den Haken verschlucken und so gefangen sind. Heute noch

sind diese Haken im Gebrauch, nur mit dem Unterschied, daß im Büschel

verborgen sich jetzt ein scharfer, eiserner Angelhaken befindet, der

dem Fische ein Losreißen nicht mehr gestattet.

In Mengen halten sich Fische unter den Riffen auf, wo sie Nahrung

suchen und finden, namentlich befinden sich unter diesen zahlreiche

fliegende. Um nun diese flinken Meerbewohner, welche die Natur so

ausgestattet hat, daß sie durch die Größe ihrer Seitenflossen im

Stande sind, eine beträchtliche Strecke über dem Wasser zu fliegen und

dadurch ihren Vorfolgern zu entgehen, auf leichtere Art und Weise, als

mit großen Netzen zu fangen, wendet der Eingeborne folgende Fangart

an: Nachdem die leichten, flinken Kanoes bemannt sind, ziehen die

Eingebornen in dunkler Abendstunde oft in beträchtlicher Zahl ins

tiefe Wasser zum Riffe hinaus. Bald flammen, hell leuchtend, die aus

den Blattrippen des Kokosbaumes verfertigten Fackeln auf; die Kanoes,

bald hier- bald dorthin eilend, schwirren, von kräftiger Hand durchs

Wasser getrieben, als sollte das Schauspiel eines Fackelreigens dort

aufgeführt werden, im Kreise oder durcheinander umher. Die Fische,

bekanntlich durch Feuerschein leicht angelockt, werden durch die grell

leuchtenden Fackeln verwirrt, springen oder fliegen nach diesen, und

sehr gewandt, mit nur kleinem Handnetze versehen, weiß der Fischer sich

die Beute zu sichern.

Meistens, wenn die Fackeln niedergebrannt sind, kehren die Kanoes

zurück, und war der Fang lohnend, bringt jedes reiche Beute heim.

Für wenig Tabak oder Geld bekam ich mitunter so viele von diesen

wohlschmeckenden Fischen, daß es zuweilen der Schiffsbesatzung nicht

gelang, alle aufzuzehren.

Der Ankerplatz vor der Insel Lefuka (die Rhede von Pangal) ist durch

die ringsum liegenden Riffe gut geschützt, aber schwer zugänglich für

größere Segelschiffe; das meistens gegen konträren Wind nothwendige

Einkreuzen in den schmalen, gewundenen Riffeinfahrten ist zudem nicht

ungefährlich und erfordert die ganze Thatkraft einer Schiffsbesatzung.

Die Tonga-Gruppe ist häufiger den verheerenden Orkanen und zeitweiligen

Erschütterungen durch plötzlich in Thätigkeit tretende Vulkane

ausgesetzt, erstere treten namentlich im Süden der Gruppe, um

Tonga-tabu, fast alljährlich einmal auf; zieht, was freilich selten

geschieht, das Zentrum solches furchtbaren Wirbelsturmes direkt über

die Inseln, so ist die ganze Kultur auf Jahre hinaus vernichtet. Nicht

Haus, nicht Hütte, weder Baum noch Strauch verschont der furchtbare

Wirbelsturm; den Weg, den er mit rasender Schnelle genommen, bezeichnen

unzählige Trümmer.

Nach Norden zu werden solche atmosphärischen Erscheinungen seltener.

Hat die Samoa-Gruppe ein Orkan heimgesucht, so herrscht bei den

Eingebornen die Annahme vor, daß erst nach Verlauf von sieben Jahren

ein neuer zu erwarten ist. Solche Voraussetzungen aber sind durchaus

nicht zutreffend; die Orkane treten viel häufiger auf, und je nachdem

sie in näherer oder weiterer Entfernung vorüberziehen, äußert sich ihre

Gewalt mehr oder weniger.

Da mein Aufenthalt in Lefuka nur von kurzer Dauer war, setzte ich,

nachdem Güter u. s. w. gelandet und neue Passagiere für Vavau und

Niuatobutabu an Bord gekommen waren, die Reise fort nach Neiafu, dem

Haupthandelsplatz in der Vavau-Gruppe, diese besteht aus vielen und zum

Theil hohen Inseln, die von Riffen umgeben und hierdurch untereinander

verbunden sind, auch zeigt sich hier auffällig die einstige Thätigkeit

der Vulkane. Steile hochaufstrebende Massen sind die meisten dieser

eng aneinander gelagerten Inseln; nur die Hauptinsel Vavau, nach

allen Seiten steil abfallend, ist eine Hochfläche, auf welcher auf

verwitterter Lava eine unglaublich reiche Pflanzenwelt Fuß gefaßt

und sich entwickelt hat. Dies ist das fruchtbarste Land, abgesehen

vielleicht von der Insel Niua-fu, im ganzen Königreiche Tonga.

Apfelsinenbäume, schwer beladen mit goldgelben Früchten, ausgedehnte

Palmenwälder u. s. w., überhaupt alle herrlichen Tropengewächse der

Südsee sind hier reich vertreten. Dazu giebt die im Sonnenglanze

ausgebreitet liegende Bai, umgeben von hohen Inseln, dem ganzen

Panorama so recht den Anblick einer echten Tropenlandschaft.

Die Einfahrt befindet sich an der westlichen Seite zwischen den Inseln

Hounga und Vavau. Die schmale aber tiefe Wasserstraße windet sich

zwischen den hohen Inseln hin, und dicht unter den steil anstrebenden,

mit Busch und Baum bedeckten Massen, kann man ungefährdet mit einem

Schiffe segeln. Inmitten der Einfahrt nur liegt ein mächtiger

Felsblock, der hunderte Fuß hoch ist und steil aus großer Tiefe

aufragt, auch bemerkt man an diesem, welche zerstörende Einwirkung

die Meereswogen selbst am harten Gestein ausüben können. Sie haben

den Felsen tief unterwaschen und große Spalten ausgehöhlt. In diesen

Höhlen und Riffen braust und zischt selbst die leicht wogende See.

Das Geräusch wächst aber zum Donnern an, wenn sie ihre ganze Wucht

gegen den starren Felsen anbranden läßt, der dann durch den gewaltigen

Anprall wohl in seinen Grundfesten erschüttert werden mag.

Ganz schmal, wenigstens für ein aufkreuzendes Schiff recht beengt, wird

die Straße, sobald die weite Bai vor dem Dorfe Neiafu sichtbar geworden

ist, die wie ein herrlicher, von allen Seiten geschützter Hafen,

geräumig daliegt. Indes nur wenig Raum hat die Koralle übrig gelassen,

die geschäftig fast die ganze Bai aufgefüllt hat und wo tiefes Wasser

vorhanden, ist der Ankergrund schlecht, so daß größere Schiffe es

vorziehen, wollen sie nicht auf 200 Fuß Wassertiefe vor Anker gehen,

inmitten der Fahrstraße vor der Station Tuanuku zu ankern.

Nach wenig Tagen schon verließ ich, da ich allen diesen Stationen in

der Tonga-Gruppe neue europäische Waaren und Proviant zu bringen hatte,

Ladung aber noch nicht einnehmen sollte -- die Hauptstationen, als

Vavau, Lefuka und Tonga-tabu verschiffen direkt Kopra, Baumwolle u.

s. w. nach Europa -- den Hafen von Neiafu, und segelte nordwärts nach

Niuatobutabu (Keppels Eiland), das 180 Seemeilen entfernt ist.

Begünstigt von Wind und Wetter, bekam ich am zweiten Tage bereits die

2000 Fuß hohe Insel Boskaven in Sicht, welcher südwärts davon und durch

eine Straße von etwa einer Seemeile Breite getrennt, die niedrige

Korallen-Insel Niuatobutabu vorgelagert ist. Diese langgestreckte

Insel umgiebt namentlich an der Nord- und Westseite ein mächtiges, 5-7

Kilometer breites Riff, auf derselben sind zwei Kraterkegel, etwa 200

Fuß hoch, die einzig nennenswerthen Erhöhungen.

Nur eine einzige, sehr gewundene und gefährliche Einfahrt, führte

von Norden durch das Riff, und zwar nur eine Strecke weit bis zu

einem tieferen Becken, in welchem aber ein kleineres Schiff geschützt

und sicher liegt. Da der Verkehr mit dem Lande allein zur Zeit des

Hochwassers möglich, der Ankerplatz vor dem Riffe nur in der guten

Jahreszeit einigermaßen sicher ist, suchte ich auf Anrathen des Lotsen,

eines Eingebornen, doch lieber den kleinen gesicherten Hafen auf,

obwohl das Durchbringen des Schiffes, das mehrfach auf Korallenblöcke

fest kam, keine leichte und gefahrlose Arbeit war.

Daß ich es gethan, war ein Glück, denn ein heftiger, plötzlich in

einer der ersten Nächte aufspringenden Nordwestwind hätte das Schiff

im Verein mit der hohen See sicher aufs Riff geworfen und zerschellt;

ein Versuch, in tiefdunkler Nacht die offene See zu gewinnen und gegen

den starken, auflandigen Wind von den Riffen freizukreuzen, wäre schier

unmöglich gewesen.

Nicht minder einsam wie diese Insel im weiten Ozean war das Leben,

welches hier zwei Europäer (ein Deutscher und ein Engländer) führten,

die nur mit der Außenwelt in Verbindung traten, wenn nach langer Zeit

ein Schiff vor der Insel zu Anker ging. Freilich ist an Verkehr mit

Menschen kein Mangel, nur kommt in Betracht, daß die Eingebornen für

einen Europäer doch kein rechter Umgang sind; so freundlich gesinnt,

friedfertig und zum Theil lernbegierig sie sich auch zeigen, so

stehen sie dennoch auf einer zu tiefen Bildungsstufe. Zwar paßt sich

ein einsam lebender Mensch schnell genug den Verhältnissen an, und

in der Folge habe ich ja so viele gefunden, die, obgleich sie noch

abgeschlossener von der Welt lebten, mit ihrem Loose ganz zufrieden

waren. Hier aber kommt dem Europäer das zu statten, daß er hier ein

bildungsfähiges, strebsames Volk um sich hat, dessen Häuptlinge und

Lehrer nach Aufklärung trachten und stundenlang dem weißen Manne

zuhören, wenn er ihnen von anderen Ländern und Völkern erzählt.

So oft ich auch nach dieser Insel beordert worden war, konnte ich

jedesmal die Beobachtung machen, mit wie großem Interesse alle

Neuigkeiten aufgenommen wurden; hatte ich eingeborne Passagiere mit

an Bord, so wurden diese sogleich nach der Landung von den Häuptlingen

begrüßt und ausgefragt. Sonst kamen die Häuptlinge entweder insgesammt

zum Hause der erwähnten Europäer oder luden uns zu sich ein, damit wir

ihnen Abends bei einer Schale Kava Auskunft über etwaige Vorgänge im

Tongareiche gaben.

In langer, vielleicht gänzlicher Unthätigkeit verharren die kleinen,

wohl für immer erloschenen Krater auf dieser Insel, sonst wären sie

eine gefährliche Nachbarschaft, denn eine erhebliche Erschütterung

würde genügen, die Insel in die Tiefe versinken zu lassen. Wo man auch

immer auf der gut bewachsenen Insel geht, klingt jeder Fußtritt hohl

und man gewinnt die Ueberzeugung, daß nur eine verhältnißmäßig dünne

Schicht über wahrscheinlich ausgedehnte Höhlen gelagert liegt.

Nirgendwo sonst auf Korallen-Inseln, deren Fundamente naturgemäß stets

fest aufgebaut sind, habe ich solche Wahrnehmung wieder gemacht; würden

hier nicht die beiden Kraterhügel eine genügende Erklärung für solche

Erscheinung abgeben, ließe sich schwerlich die Ursache dafür ergründen.

Das Eine scheint sicher (wie ich in diesem selben Jahre als Augenzeuge

an einer anderen Stelle feststellen konnte), es sind am Rande eines

hier schon vorhandenen Korallenriffes plötzlich unterseeische Vulkane

in Thätigkeit getreten, die mit sich das Riff emporgehoben haben und

dann nach einiger Zeit erloschen sind.

Außerdem giebt eine vorhandene schmale, aber tiefe Frischwasserrinne,

die im festen Korallengrund eingebettet ist und tieferliegend als

der Meeresspiegel, einen neuen Beweis, daß die Insel hohl ist. Das

Süßwasser in dieser Rinne ist natürlich durch Korallen filtrirtes

Seewasser, aber der Zufluß erfolgt unterirdisch aus dem Innern der

Insel; derselbe soll zu Zeiten stärker, zu Zeiten schwächer sein.

Uebrigens beschleicht den Wanderer, namentlich in stiller Nachtzeit,

ein eigenthümliches Gefühl, wenn jeder Tritt so hohl und dumpf

wiedertönt und ihm zum Bewußtsein bringt, daß er auf einem Boden

wandelt, der über Höhlen oder gar über tiefe Wasserbecken gewölbt

liegt.

Insbesondere weicht die Insel Niuatobutabu in nichts von anderen gut

bewachsenen Koralleninseln ab, mit dem Unterschiede nur, daß auf

dem verwitterten Lavagrunde eine überaus reiche Pflanzenwelt sich

entwickelt hat. Salze und andere Chemikalien, die in der Lava enthalten

sind, scheinen für die Entwicklung des Pflanzenlebens ungemein viel

beizutragen, auch sonst, wo ich im weiten Inselmeer des Stillen Ozeans

vulkanischen Grund betreten, fand ich dies ausnahmslos bestätigt.

Das Thierreich auf allen Inseln ist sehr schwach vertreten, Schweine,

Hühner und Tauben sind fast die einzigen Arten, indes fand ich

auf Niuatobutabu außerdem noch eine große Fledermausgattung, den

fliegenden Fuchs. Da jeder von der Nützlichkeit und noch mehr von der

Harmlosigkeit dieser Thiere überzeugt war, belästigt dieselben niemand,

kein Eingeborner verscheucht sie. Vielleicht kommt auch noch der

Umstand hinzu, daß diesen lautlos erscheinenden Thieren ein gewisser

Aberglaube anhaftet, denn wer nicht mit ihrer Eigenart, unhörbar und

schnell durch die Dunkelheit zu fliegen, vertraut ist, dem wird ein

gewisses Unbehagen zuerst nicht erspart bleiben. Vornehmlich fand

ich diese Füchse in Sträuchern, wo sie sich, Schatten findend, an

dünnen Zweigen an den Hinterfüßen aufgehängt hatten. Den Kopf nach

unten gebogen, umschließen sie mit der großen Flughaut den Körper und

verblieben in dieser Stellung, bis die Dämmerung der nach ganz kurzer

Dauer die Nacht folgt, hereinbricht, dann erst werden sie munter und

suchen, die Luft gleich gespenstigen Schatten durchfliegend, sich ihre

Nahrung. Werden sie am Tage gestört oder berührt man mit der Hand ihr

sammetweiches Fell, schauen die schwarzen, erbsengroßen Augen den

Störenfried wohl an, scheinen aber geblendet zu sein, denn obwohl

unruhig geworden, wagt das Thier doch keinen Flug, verändert seine

Stellung auch nicht und wollte man die Hinterfüße lösen, müßte Gewalt

angewendet werden. Ein Weibchen, das seine beiden Jungen wohlgeborgen

an der Brust hängen hat, die diesen Platz nie verlassen, auch während

des Fluges nicht, wird, wenn es gestört worden, leichter erregt und

beißt wohl mit den kleinen, nadelspitzen Zähnen um sich. So sind

in Folge davon, weil diesen Thieren nie etwas zu Leide geschieht,

dieselben zutraulich und oft habe ich sie, selbst in der Nähe der

Hütten der Eingebornen und vor den Wohnungen der Weißen in Menge

vorgefunden.

Höchst lästig und oft zu einer großen Plage werden hier Schaaren von

Fliegen. In des Wortes vollster Bedeutung kann man sagen, es wimmelt

davon. Ist in Europa die Hausfliege dreist und störend, ist sie dort,

wo die Natur ihr den Tisch gedeckt, unglaublich lästig, und das vor

allem zu der Zeit, wenn die Früchte des Brotfruchtbaumes reif geworden

sind. Diese Früchte, an und für sich sehr schmackhaft, werden, sobald

sie überreif geworden sind, eine wahre Brutstätte für Fliegen. Sind sie

ausgeflogen, so ist jeder Ort, selbst Gras und Busch, dicht von ihnen

besetzt; schon ihr Schwirren und Surren ist höchst lästig.

Sind die Ameisen, vor denen nur mit Mühe Genießbares geschützt werden

kann, schon unangenehm, so treiben es die Fliegen noch zehnfach ärger,

in Wahrheit muß man diesen Plagegeistern jeden Bissen erst streitig

machen, der gegessen werden soll, vornehmlich von solchen Speisen,

die Zucker und andere leicht flüssige Stoffe enthalten, wie Reis,

Brotfrucht, Ananas u. s. w.

Geradezu eine Fliegenwolke schwebt über solchen aufgetragenen

Speisen, selbst fortwährendes Abwehren scheucht diese gierigen

Insekten nicht fort; machte es nicht die Gewohnheit und schließlich

die Gleichgültigkeit, müßte sich Ekel und Widerwillen einstellen,

Nahrung zu genießen, weil diese vom Unrath der Fliegen durchaus nicht

freizuhalten ist.

Die Insel Boskaven, ein mächtiger, unzugänglicher Bergkegel, ist aller

Wahrscheinlichkeit nach, gleich den anderen Inseln, wie Lette, Kao

u. a., ein erloschener Krater, der in der Neuzeit jedenfalls noch in

Thätigkeit gewesen ist. Menschen wohnen darauf nicht, auch hat wohl

noch keines Menschen Fuß den steilen Gipfel dieser Insel erklommen.

An der Südostseite soll im Schutze eines kleinen Riffes an einer

vorspingenden Felsenkante eine schwierige Landung möglich sein und

Fischer von Niuatobutabu wagen es, zu Zeiten sich dort aufzuhalten,

nachdem sie mit ihren leichten Kanoes den breiten Meeresarm, der beide

Inseln trennt, durchquert haben.

Basaltmassen, aus denen sie aufgebaut ist, steigen gleich steilen

Wänden aus dem Meere auf, unterspült zum Theil von den brandenden

Wogen, darüber aber, wo der das Pflanzenleben vernichtende Staubregen

des Salzwassers nicht mehr hinaufreicht, hat sich an den sehr schrägen

Flächen des Kegels ein starker Pflanzenwuchs entwickelt, welcher

die Form und Lagerung der Gesteinmassen verdeckt, ein Zeichen, daß

Eruptionen seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben.

Mein Schiff war, wie erwähnt, inmitten des Riffes, in dem beschränkten

Wasserbecken, gut verankert worden und lag wohl geschützt gegen die

am Außenriff brüllende See. Aber da nach Verlauf von sieben Tagen der

starke, nordwestliche Wind erst nachließ, der die ganze Osterwoche

hindurch geweht hatte, durfte ich, obwohl längst segelfertig, es doch

nicht wagen, in See zu gehen. Erst als günstiger Wind einsetzte,

der stark genug war, das Schiff gegen die draußen anlaufende See

durchzubringen, mußte ich Anstalten treffen und versuchen, die freie

See zu gewinnen. Ohne Anstoßen am Korallenriff ging es in der engen

Durchfahrt freilich nicht ab; eine unberechenbare Strömung, durch die

einlaufenden Seen hervorgerufen, vereitelte alle Vorsicht. Dennoch

gewann ich ohne Beschädigung das offene Meer, habe aber den Versuch nie

wiederholt, sondern lieber vor dem Riffe mit zwei Ankern, diese klar

zum Schlippen, Wind und See ausgeritten, um das Schiff nicht an den

harten Kanten des Korallenriffes zu gefährden.

Von Niuatobutabu hatte ich weiter nach Niua-fu zu segeln, einer hohen

Vulkan-Insel, die in etwa West-Nord-West-Richtung 120 Seemeilen von

hier entfernt liegt. Es war mir schon in Apia mitgetheilt worden,

daß das Auffinden des Ankerplatzes und der Station vor Niua-fu seine

Schwierigkeit habe; auch soll man sofort absegeln, wenn nördlicher Wind

und Seegang einsetze, da dort auf hartem Lavagrund die Anker nicht

genügend Halt finden und ein Freikommen von der Küste sehr schwierig

sei.

Vollauf fand ich denn auch diese Angaben bestätigt, als ich wenige

Tage später unter der steilen, an Stellen mehrere hundert Fuß hohen

Küste entlang segelte und hinter der etwas vorspringenden Nordost-Ecke

nach der sehr hoch gelegenen Station nach einem Ankerplatz suchte. In

der guten Jahreszeit, d. h. wenn der Süd-Ost-Passat weht, hat es keine

besondere Gefahr, so nahe der Küste zu ankern; werden doch selbst große

Segelschiffe hierher beordert, ihre Ladung Kopra aufzufüllen, allein in

den Monaten Januar bis April machen häufig nördliche Winde ein Ankern

und Landen hier unmöglich.

Diese Insel ist etwa 550 Fuß hoch und in ihrer ganzen Ausdehnung ein

vollständiges Lavafeld; man sieht vom Meeresspiegel, wie sich Schicht

über Schicht die fließende Masse gelagert hat und wie steile Abhänge

gebildet wurden, indem die schon erkaltete Lava abgesprengt oder als

noch zähe Masse übereinander geschoben wurde. Unregelmäßig, bald hier,

bald dort, scheinen die Lavaströme sich aufgestaut oder über steile

Abhänge ergossen zu haben, denn nach Gestalt und Form der Abhänge und

Wände zu urtheilen, hat die glühende Masse sich nur langsam fortbewegt.

Auch scheint die Ausdehnung und Dicke der fließenden Lava nur eine

geringe gewesen, dafür aber desto häufiger vorgekommen zu sein. Der

ganzen Natur nach müssen, da der Hauptkrater meiner Schätzung nach

mit dem Meeresspiegel fast gleich liegt, die verschiedenen Ausflüsse

und die Anhäufung der Lava von einer Anzahl parasitischer Seitenkrater

herrühren, die von Zeit zu Zeit, da die ganze Insel als ein Vulkan zu

betrachten ist, hier oder dort die Lavakruste sprengten und flüßige

Massen ausströmten. Es muß dies als feststehend angenommen werden, denn

heute noch befürchten die Eingebornen, es könne sich überall der Boden

plötzlich öffnen; ich selbst habe Stellen gefunden und zwar nahe der

deutschen Station, wo die fließende Lava die starken Kokosbäume mehr

als sechs Fuß hoch umschlossen und vernichtet hatte.

Wie hier in der Nähe der deutschen Station, so habe ich auch an

der Westseite der Insel Stellen gesehen, wo ebenfalls die blühende

Pflanzenwelt zerstört wurde. Auch wird diese Insel sehr häufig von

starken Erschütterungen heimgesucht, so daß die Eingebornen in steter

Sorge leben müssen (die Alten erzählen von schrecklichen Zeiten,

die sie durchgemacht haben). Etwas Unheimlicheres giebt es kaum,

als zu fühlen, wie der Erdboden, auf dem man geht, durch heftige

Erschütterungen wankt, also auf einem thätigen Vulkan zu leben, der

mit furchtbarer Gewalt die Erdkruste zu spalten, Verderben und Tod

auszustreuen im Stande ist.

Der letzte große Ausbruch hatte um das Jahr 1870 stattgefunden,

wohlbebaute Flächen und Dörfer auf dieser etwa eine deutsche

Quadratmeile große Insel wurden zerstört; die Bevölkerung, auch hier

Tonga-Insulaner, ersuchte, von Furcht erfüllt, selbst vorüberfahrende

Schiffe, sie aufzunehmen. Es sind auf der Insel keine, höchstens ein

paar elende Kanoes vorhanden, mit denen auf der fast immer erregten See

kaum eine Fahrt unternommen werden kann. Bin ich recht unterrichtet,

so gab es sogar ein Verbot, das der Bevölkerung geradezu untersagte,

sich Kanoes zu halten, denn es war vorgekommen, daß bei einem Ausbruche

viele Bewohner sich aufs offene Meer hinauswagten, um dem Verderben

zu entfliehen und da sie mit ihren gebrechlichen Nußschalen kein Land

auffinden konnten, ausnahmslos ein Opfer ihrer Angst und Tollkühnheit

wurden. Den schwankenden, von heftigen Stößen erzitternden Boden ihrer

Insel verließen sie, um einen langsamen, qualvollen Tod auf dem Meere

zu finden.

Daß dennoch Niua-fu gut bevölkert ist (es sollen 1200 Tonganer hier

leben), muß der überaus reichen Vegetation zugeschrieben werden;

ist doch die Fruchtbarkeit der verwitterten Lava so ungeheuer, daß

überall, wo nicht jüngere Eruptionen weite Strecken zerstört haben, die

Pflanzenwelt im reichsten Maße sich entwickelt hat, besonders gedeiht

die Kokospalme hier in vorzüglicher Güte. Die größten Kokosnüße, die

ich je gesehen habe, wachsen hier, deshalb ist der Ertrag an Kopra auch

so bedeutend. Thatsache ist indes, daß die Furcht vor einem Ausbruche,

dessen Ausdehnung niemand wissen kann, die Insel zeitweilig entvölkert,

doch kehren die Einwohner immer wieder zurück, sobald die unheimliche

Naturkraft ausgetobt hat und wieder Ruhe eingetreten ist.

Meine Ordre lautete dahin, hier auf dieser Insel das Schiff mit Kopra

aufzufüllen und nach Samoa (Apia) zurückzukehren. Ich hatte demnach

also den Versuch zu machen, trotz der ziemlich unruhigen See, eine

Landung ins Werk zu setzen. Ein Eingeborner, der es gewagt hatte, mit

einem kleinen Kanoe abzukommen, aber kenterte, erreichte schwimmend das

Schiff und zeigte mir alsdann den sicheren Ankerplatz.

Der einzige Landungsplatz an dieser steilen, unzugänglichen Küste

ist ein tiefer Spalt in den massiven Lava-Felsen, den rechts und im

Hintergrunde hohe, senkrechte Wände umschließen, gegen welche die

einlaufende See wild aufschäumt, während zur Linken eine zwar steile,

aber niedrigere Wand mit einer Versenkung diesen einfaßt.

Da der Spalt nur so breit ist, daß ein Boot einfahren kann, so muß

dieses stets an einem sicheren Tau, welches vor der Mündung verankert

und hinten an der Lavawand um einen Felsblock befestigt wird, mit der

See eingeführt werden. Zwei Mann haben nur darauf zu achten, daß sie

das Boot stets recht auf der mit wilder Macht eindringenden Woge halten

und ebenso, daß das mit großem Getöse zurückfluthende Wasser das Boot

nicht herumreißt und zum Kentern bringt.

Ein vorspringender Lavablock an der linken Seite, längst von den ihn

immerwährend umspülenden Fluthen geglättet und abgeschliffen, dient als

Landungsplatz, auf den man aber ohne Hülfe nicht hinauf gelangen kann,

außer wenn man den Sprung wagt, sobald eine einlaufende See das Boot so

hoch gehoben hat, daß es mit dem Block in gleicher Höhe sich befindet.

Wenn das Boot am starken Tau festgehalten wird, ist es natürlich,

daß die See es mit Gewalt gegen den Block preßt und ein unablässiges

Aufpassen der Leute ist nöthig, um ein Kentern zu verhindern. Halb am

Felsen hängend, müßte sich sonst das Boot seitwärts umlegen, sobald die

Woge, welche es gehoben, wieder niedersinkt.

Ein wildes Donnern und Brausen (man kann mitunter sein eigenes Wort

nicht verstehen) erfüllte den Spalt und wie ein mächtiger Sprühregen

fällt der hochaufspritzende Gischt mancher Woge von der Felswand

zurück, an welcher sie ohnmächtig zerstäubt ist, um immer wieder das

Spiel zu erneuern.

Will man zu dem etwa 350 Fuß überm Meeresspiegel liegenden Hause des

deutschen Agenten gelangen, muß man auf Zickzackwegen die steile Höhe

erklimmen; oben angelangt, kann der Blick frei über das endlose Meer

schweifen, während zu Füßen die gewaltigen Formen erstarrter Lavamassen

aufgehäuft liegen, bedeckt mit Aschenstaub oder sprießendem Gras.

Große Erwartungen darf man an die Behausung eines so einsam lebenden

Europäers nicht stellen. Ein solches Gebäude, nur aus Holz hergestellt,

ist, dem Klima entsprechend, luftig und bequem, sonst aber baar aller

Bequemlichkeit. Die einzigen Möbel sind ein paar Stühle und ein Tisch,

alles andere hat sich der mehr oder weniger geschickte Bewohner aus

Kisten und Kasten zusammengezimmert.

Die gefüllten Koprasäcke von solcher Höhe herabzutragen wäre sehr

mühevoll, man pflegt sich aber damit zu helfen, daß über Einsenkungen

und Vorsprünge des Felsbodens hinweg eine Lattenbahn zur Tiefe geführt

wird, auf der, wegen ihrer Steilheit, die Säcke leicht niedergleiten

können.

Ein unverzügliches Angreifen der Arbeit nach Ankunft eines Schiffes

ist unter den obwaltenden Umständen hier eine Nothwendigkeit, man weiß

nicht, was die nächsten Stunden bringen; eine nur gering zunehmende

See macht oft der Arbeit ein Ende. Schwierig und namentlich für die

Besatzung des Bootes gefährlich ist das Einschiffen der Ladung. Sicher

sind die Leute erst, wenn die Oeffnung des Spaltes erreicht ist,

denn oft genug wird das Boot von den einlaufenden Seen überschwemmt,

und ist oft halb mit Wasser angefüllt, ehe es zum Schiffe gelangt.

Gewohnheit aber macht ein Unternehmen weniger gefahrvoll. Um so

mehr war ich erstaunt, daß anfangs meine Boote glücklich aus dem

zischenden, brausenden Schlund herauskamen, mancher Zentner Kopra war

bereits verschifft, da brachte mir unerwartet ein Bote die Nachricht,

Boot und Ladung seien verloren. Sofort von der Höhe herab eilend,

sah ich, wie frei von den Klippen die Mannschaft mit dem gekenterten

Boote umherschwamm und bemüht war, dasselbe so längsseit des Schiffes

zu bringen, was den Leuten auch nach langer Zeit gelang; in den

Felsenspalt selbst aber tauchten die Eingebornen auf und nieder, um die

gesunkene Bootsladung wieder heraufzuholen, indes gelang ihnen dies

nur halb, da die einlaufenden Seen die Säcke gegen die Felsenwände

warfen und diese sich öffneten oder zerrissen wurden. Veranlassung

zum Kentern gab eine schwere See; das Boot wurde gegen den Felsblock

gedrängt und schlug, während das Tau durch die Gewalt des Wassers den

Händen des Mannes entrissen wurde, quer und war im nächsten Moment mit

der Mannschaft und Ladung von der zischenden Wassermasse im brodelnden

Kessel überspült. Das Boot zu retten, ehe es an die Felsenwand

geschleudert und zerschellt wurde, war das Einzige, was die Leute thun

konnten.

Da die Bevölkerung der Insel Niua-fu aus lauter Christen besteht, so

ist die Heilighaltung der Sonn- und Festtage auch hier eingeführt und

die Arbeit ruht. So konnte ich ungehindert dem Wunsche, diese Insel

näher kennen zu lernen und namentlich den im Innern tiefliegenden

Krater zu besuchen, nachkommen. In früher Morgenstunde, die

erfrischende Kühle benutzend, stiegen mit mir der deutsche Agent und

einige Eingeborne bergaufwärts. Wir folgten den Windungen der breiten,

festen Wege, auf denen nur das Eine unangenehm war, der pulverisirte,

feine Aschenstaub, der überall dick lagert und bei jedem Schritte

aufwirbelte. Auf der Höhe fand ich die Kokosbäume nicht besonders

schlank gewachsen, vielmehr hatten viele Stämme eine mehr oder weniger

starke Neigung nach Westen, was auf den Einfluß des mitunter recht

stark wehenden Südostpassates zurückzuführen ist, sonst war der Anblick

der zahllosen Palmen, die Höhen und Abgründe bedeckten, großartig.

Der Weg führte uns bald am Rande eines senkrecht steilen Abgrundes

hin, der hunderte Fuß tief, aber so mit Buschwerk bewachsen war, daß

man nicht bis auf den Grund hinabsehen konnte. Nur eine Stelle gab es,

wo man mühsam, an Gestein und Strauch sich haltend, hinabzusteigen

vermochte, und als diese erreicht war, übernahmen die Eingebornen

die Führung, denen wir, rückwärts rutschend, zu folgen hatten. In der

Tiefe angelangt, zeigte sich ein großartiges Panorama, ringsum steile,

unzugängliche Felswände. Inmitten dieses Randgebirges, wenn ich so

die 4-500 Fuß steilen Wände bezeichnen darf, aber liegt ein weiter,

tiefer See, aus dem sich drei Bergkegel erheben, die leicht rauchenden,

zuweilen in Dampf gehüllten Krater.

Kann diese so ausgedehnte Senkung, in die wir hinabgestiegen waren,

auch als der eigentliche Kraterkessel bezeichnet werden und jene drei

Hügel als die thätigen Vulkane in demselben, so steht doch außer Frage,

daß größere Ausbrüche seit langer Zeit nicht mehr stattgefunden haben,

sondern höchstens starker Aschenregen ausgeworfen ist, der, wie wir

gefunden, überall vertheilt lag. Bei einem stattfindenden heftigen

Ausbruche würde die fließende Lava keinen Schaden thun können, diese

würde vielmehr in den den weiten Krater umgebenden See fließen.

Betrachtet man diesen großen Kraterkessel mit seinen steilen Wänden,

in welchem wir in aller Seelenruhe gemüthlich umherspazirten und uns

am breiten, flachliegenden Ufer des Sees tummelten, so kann man nicht

annähernd die gewaltige Kraft ermessen, die diese Wände aufgebaut hat,

die hier einst gewaltet und alles verändern und zerstören wird, sobald

sie sich hier im Centralpunkt äußern sollte.

Man muß wirklich die unheimliche Gewalt thätiger Krater gesehen, an

solchen mit Schwefeldünsten und mächtigen Rauchwolken gefüllten Kesseln

gestanden haben, um sich ein Bild davon machen zu können, mit welcher

Furchtbarkeit auch hier Feuersäulen, Rauch und Gase emporgeschleudert

worden sind. Was nun diesen salz- und schwefelhaltigen See anbelangt,

dessen Wasser bitter und von keinem organischen Wesen belebt ist --

so weit ich bei meiner flüchtigen Beobachtung das behaupten kann -- so

hat er einst bis an die steilen Lavawände herangereicht; ob aber allein

Verdunstungen oder andere Umstände den Rücktritt der Wasser verursacht

haben, mag dahin gestellt sein. Soviel ist erwiesen, daß die jetzt mit

Strauch und Buschwerk bewachsenen Flächen unter Wasser gestanden haben,

denn feines Geröll, abgestürzte Lavablöcke geben den Beweis dafür.

Es liegt eine wunderbare Kraft im Walten der Natur! Man glaubt todte,

starre Oede dort zu finden, wo giftige Gase fast ununterbrochen den

Schlünden thätiger Krater entströmen; hier aber blüht und wächst durch

der Sonne Gluth, durch periodisch stark fallenden Regen, erfrischt

durch nächtlichen, schweren Tau, selbst auf dem salzhaltigen,

freigelegten Seegrunde eine üppige Vegetation. Das ganze Panorama,

den See zu Füßen, dessen Wasser im Sonnenlicht wie flüssiges

Silber glänzen, durch die Palmen gekrönten Höhen, den steilen,

dichtbewachsenen Wänden, wird durch diese tropische Ueppigkeit ungemein

verschönt. Das sonst schauerliche Empfinden, welches den Menschen

befällt, wenn er sich hineinwagt in die Werkstätten der furchtbarsten

Naturkraft, deren Hauch Land und Wasser erzittern macht, schwindet hier

beim Anblick thätigen, blühenden Lebens.

Die Heilkraft des Wassers, von der die Eingebornen erzählten, wollte

ich auch nicht unversucht lassen; schnell folgten wir Europäer dem

Beispiele unserer nackten Begleiter und tummelten uns in dem warmen

Bade, bis eine wohlthuende Ermattung eintrat; daß den beiden Hunden,

die wir mit uns hatten, das Bad ebenso gut bekam, will ich nicht

behaupten; den Thieren, die mehrfach in das Wasser geschickt wurden, um

ein weit weggeworfenes Holzstück zurückzubringen, schien wenigstens der

bittere Geschmack desselben nicht besonders zu behagen.

Bei näherer Untersuchung habe ich gefunden, daß die Wassertiefe

dieses Sees überall schnell zunahm und nach der Schräge des Bodens zu

urtheilen bis zur Mitte eine ganz beträchtliche sein muß, auch die

Eingebornen bestätigten dies, sie gaben an, es sei in nicht großer

Entfernung vom Ufer in weiter Runde kein Grund mehr zu finden, demnach

wären also die drei Kraterhügel nur die über Wasser ragenden Kuppen

vielleicht gewaltiger Vulkane.

In tiefster Ruhe, im Sonnenglanz gebadet, liegt der weite See, in ihm

schlummern Gigantenkräfte! Wann werden diese wieder erwachen, Menschen

zittern und Felsen erbeben machen! Wir standen hier auf einem Vulkan,

wir wußten das, aber nicht, daß unter uns, rings in der Runde, die

unterirdischen Geister erwacht waren, die die Feuer schürten, um solche

wenige Monate später schon mit verheerender Gewalt über diese Insel

auszuspeien.

Nicht so friedfertigen Sinnes wie heute waren die Tonga-Insulaner,

als sie zuerst mit den weißen Männern in nähere Berührung kamen. Die

erste Entdeckung dieser Insel erfolgte im Jahre 1643, dann wurden sie

erst wieder 1773, also über ein Jahrhundert später, von dem berühmten

Entdecker Cook aufgefunden, in der Folge dann von mehreren kühnen

Forschern besucht, denen aber ihr langer Aufenthalt an einzelnen dieser

Inseln, wie Tongatabu, Lefuka u. a. verhängnißvoll wurde.

Im Vertrauen auf die freundliche Gesinnung dieser Insulaner wurden

die Europäer zu sorglos, dahingegen die Eingebornen aber, welche die

Schwächen der weißen Männer bald genug erkannten, planten Tod und

Verderben. Wohl entgingen viele Europäer dem geplanten Anschlag auf

ihr Leben und waren noch stark genug, ihre Schiffe zu schützen und zu

fliehen, manche aber haben ihre Achtlosigkeit mit Verlusten von Gut und

Leben büßen müssen. Heute hat Gesittung den verrätherischen Sinn der

Eingebornen geändert, sie kennen zur Genüge die Macht des weißen Mannes

und diese Erkenntniß ist der beste Schutz.

III. König Maliatoa. Olosinga. Der Ausbruch eines unterseeischen

Vulkans und die Entstehung einer neuen Insel.

Bei meiner Rückkehr nach Samoa waren die politischen Verhältnisse

auf Upolu noch verwickelter als früher und für die deutschen Beamten

eine stete, ernste Sorge, namentlich da die ansässigen Amerikaner

und Engländer ihre Wühlerei unvermindert fortsetzten. Mir, als einem

Uneingeweihten, fehlt die genaue Kenntniß, um ein anschauliches Bild

der politischen Wirren, der feindlichen Kundgebungen wahrheitsgetreu

wiedergeben zu können -- viel Gutes wäre, nebenbei gesagt, nicht zu

berichten gewesen -- nur so viel sei erwähnt, hätte gehandelt werden

dürfen, wie es uns Deutschen hier zu jener Zeit ums Herz war, mit der

kleinen Zahl jener Abenteurer, die desto lauter schrieen, je mehr sie

beachtet wurden, wäre bald genug aufgeräumt worden; es wäre ein Glück

für Land und Volk, eine wahre Wohlthat für uns Deutsche gewesen!

Es lag mir viel daran, den Mann gelegentlich kennen zu lernen, in

dessen schwachen Händen das Geschick Samoas lag, um dessen Gunst so

viel Ausländer buhlten, dessen Macht ein Schein, dem nur sein Anhang --

die stolzen, selbstbewußten Häuptlinge -- die Königskrone sicherten.

Der Zufall fügte es, daß ich auf einem Spaziergange nach Mulinuu

einen langansässigen Deutschen traf, der mir behülflich sein wollte,

den König sprechen zu dürfen. Während kein Samoaner wagen darf, ohne

Erlaubniß den geheiligten Grund zu betreten, auf welchem sein König

wohnt und auch dann nur unter Beobachtung gewisser Zeremonien, fanden

wir dort ungehinderten Zutritt und, ohne nach unserm Begehr gefragt zu

sein, näherten wir uns dem im Schatten seines Hauses sitzenden Könige

Maliatoa.

Die Gastfreundschaft der Samoaner ist bekannt, und ihr König ist nicht

minder bestrebt, solche seinen Gästen gegenüber auszuüben. Seine braune

Majestät hieß uns willkommen und führte uns in den großen Vorraum

des mit vielem Kunstsinn aufgeführten Palastes und lud uns ein, auf

den mit Matten bedeckten Holzkisten Platz zu nehmen. Darauf rief der

König dienstbare Geister, wohlgenährte Samoanerinnen erschienen und

ließen sich geschäftig im Hintergrunde des Zimmers nieder. Schnell

waren Steine, Becken und Wasser herbeigeschafft, das Zerklopfen der

Kavawurzel begann und nach kurzer Zeit schon wurde durch Händeklatschen

das Zeichen gegeben, daß der Trank bereitet sei.

Mit vieler Grandezza sich auf ein Knie niederlassend, reichte eine junge

Maid dem Könige zuerst die Kokosschale, wurde aber bedeutet, diese

seinen Gästen erst zu reichen. Da nahm ich sie in die Hände und leerte

sie mit einem Zuge, obgleich sie wohl einen halben Liter faßte; das

Wort „_fafataii_“, d. h. danke, war ich kaum im Stande, vernehmbar

auszusprechen, so hatte das etwas starke Getränk mir den Athem

genommen. Während dessen setzte sich der König würdevoll nach samoaner

Art mit untergeschlagenen Beinen, auf weichen, feinen Matten vor uns

nieder und eröffnete erst die Unterhaltung, als auch er die Schale

geleert und seinen Gästen Bescheid gethan hatte.

Mit ausgesuchter Höflichkeit lenkte Maliatoa, nachdem er erfahren,

daß nur der Wunsch uns hergeführt hatte, ihn kennen zu lernen (was

besonders auf mich Bezug hatte), das Gespräch auf unsern großen Kaiser,

er stand auch auf und holte unter anderen Sachen ein wohlgelungenes

Bildniß des Kaiser Wilhelms herbei und fragte uns, ob der mächtige,

deutsche Kaiser mit diesem Bilde sprechende Aehnlichkeit habe, wie

ihm versichert worden sei. Unsere Bestätigung befriedigte ihn, und

für einen Augenblick im Anschauen des Bildes versunken, fragte er dann

plötzlich, wann ich eingelaufen sei und von welcher Insel ich gekommen

wäre. Als ich Niua-fu erwähnte, lobte er die dort wachsenden großen

Kokosnüsse; er wäre immer bestrebt, sagte er, solche zu bekommen und

benutze sie gewöhnlich zur Auspflanzung, wenn anders nicht seine Frauen

dieselben wegnähmen und zu Wasserbehältern oder Kavaschalen benutzten.

Schiffsführer, die Niua-fu anliefen, brächten ihm mitunter schöne,

große Nüsse mit, es wäre aber selten der Fall, weil dort wohl nur

wenige Schiffe zu Anker gingen.

Das Letzte war mehr eine Frage an mich, und die Höflichkeit gebot,

diese so zu verstehen, als sei es ein ausgesprochener Wunsch, darum

erbot ich mich sofort, diesen zu erfüllen, sobald mir Gelegenheit dazu

gegeben wäre; ich wüßte zwar nicht, wohin ich beordert werden würde,

aber solcher geringen Mühe wollte ich mich gerne unterziehen und

gelegentlich Nüsse mitbringen. Dankend nahm Maliatoa das Anerbieten an.

Dann wurde uns auf seinen Wink die zweite Schale Kava von schöner Hand

gereicht, worauf wir uns bald vom Könige verabschiedeten.

Während der kurzen Unterhaltung war es nicht uninteressant, zu

beobachten, wie der König in nichts von den Gewohnheiten seiner

Unterthanen abwich. Wie der Samoaner setzte er sich auf den mit Matten

belegten Erdboden, stützte gewohnheitsgemäß den Oberkörper auf einen

Arm oder gab bei nach vorne geneigter Haltung seinem Körper dadurch

einen festen Stützpunkt, indem er die Ellbogen auf die fast flach

am Boden liegenden Knie setzte. Bei solcher Haltung bleiben dann die

Hände zur Vornahme beliebiger Verrichtungen frei. Wiewohl nach unseren

Begriffen in der Haltung des Königs nicht allzuviel Majestätisches zu

finden war, so gestehe ich doch offen, daß die ganze Erscheinung den

Herrscher verrieth, dessen Blick Gehorsam zu heischen schien.

Einige Monate später, ich war über Niuatobutabu nach Niua-fu beordert

worden, löste ich meine Zusage ein, und kaufte dort die größten Nüsse,

welche ich mit Hülfe des deutschen Agenten auftreiben konnte, für den

König Maliatoa auf. Nach Apia zurückgekehrt, traf ich leider den König

nicht in seinem Palaste bei Mulinuu an, ich gab daher die Kokosnüsse an

anwesende Häuptlinge ab, die solche sogleich den aufwartenden Weibern

einhändigten, somit mag der König wohl Recht haben, daß ihm geschenkte

Nüsse meistens zu anderen Zwecken, als zur Auspflanzung Verwendung

finden.

Bei weiteren Reisen in der Südsee war ich insofern vom Glück

begünstigt, als mir Gelegenheit gegeben wurde, auch die entlegensten

Inseln der Samoa-Gruppe kennen zu lernen und dort Beobachtungen über

Land und Bewohner zu machen. Auf solchen Fahrten zeigte freilich oft

genug der gepriesene Stille Ozean ein recht unfreundliches Gesicht;

widrige, stürmische Winde, gefährliche See, straften solche Bezeichnung

Lügen. Ist man aber mit der wechselnden Eigenart der Witterung erst

vertraut geworden, namentlich mit der unbeständigen, sogenannten

schlechten Jahreszeit, so nimmt der Seemann alles ruhig mit in den

Kauf und sucht dem Unfreundlichsten noch eine gemüthliche Seite

abzugewinnen.

In freier See, wenn dem Schiffe keine Gefahren weiter drohten, als

durch Wind und Wetter, war ich immer zufrieden, hier war des Menschen

Können den Elementen gewachsen, wenn diese es nicht gar zu böse

meinten, hingegen vor gefährlichen Riffen auf schlechtem Ankergrunde,

wo das Schiff gefährdet lag, schlich sich recht oft die Sorge bei mir

ein.

Kräftig hatte der Südost-Passat wieder eingesetzt, vor dessen Hauch

das düstere Gewölk entfloh, das regenschwer oft genug über Land und

Ozean gebreitet lag; ein dauernd heiterer Himmel lachte auf die blaue

Fluth hernieder, deren schaumgekrönte Wellen sich im lustigen Spiele

endlos jagten. Aufkreuzend gegen solchen steifen Wind und einer in

Folge dessen recht bewegten See, brauchte ich, nach der Manua-Gruppe

bestimmt, acht Tage, um die 130 Seemeilen lange Strecke von Apia bis

zur Insel Ofu und Olosinga aufzusegeln; in Wirklichkeit aber hatte das

Schiff annähernd 800 Seemeilen im Zickzackkurse zurückgelegt, ehe das

Ziel erreicht war.

Durchzieht die langgestreckte Insel Tutuila ein mächtiger Höhenrücken,

der wegen seiner Form und Steilheit unübersteiglich ist, eine

Basaltformation von solcher Zerrissenheit darstellend, daß thatsächlich

zwischen der Nord- und Südküste keine Verbindung besteht, so bieten die

beiden kleinen Inseln Ofu und Olosinga fast noch ein verzerrteres Bild

vulkanischer Wildheit dar. Die Massen dieser Inseln, steil und hoch,

gleich senkrechten Wänden aus der Tiefe des Meeres aufragend, zeigen

nicht die stumpfe Kegelform vulkanischer Bildung, sondern die zackigen

Bergspitzen sind hier und dort durchbrochen und getrennt, als wären

diese durch Gigantenhände aufgethürmt worden, sie scheinen das Ergebniß

übergewaltiger Eruptionen zu sein. Diese unzugänglichen Spitzen

und Zacken, gesprengte Lavablöcke, ragen fast 3000 Fuß hoch über

dem Meeresspiegel empor, in Wirklichkeit starre Zeugen einer längst

entschwundenen Zeit, die auch hier einst die unterirdischen Gewalten

schaffen und zerstören sah.

An der Südseite der Insel Olosinga öffnet sich eine von Korallenriffen

eingeengte Bucht, die durch vielzackige sehr steile Basaltfelsen

abgeschlossen wird, namentlich sind drei spitze zusammenstehende Kegel

auffallend und geben ein gutes Merkzeichen. Die große Wassertiefe in

dieser Bucht bedingte es, daß ich sehr weit hineinlaufen mußte und

erst ganz in deren Nähe Ankergrund fand; fast blieb für das Schiff

kein genügender Raum frei von diesen zu schwingen, so nahe der Brandung

war ich zu ankern gezwungen. Zudem war die Verbindung zwischen Schiff

und Land nur zur Zeit des Hochwassers herzustellen, da das Riff ganz

trocken fällt und nur während weniger Stunden des Tages, ebenso wie der

Nacht, konnte Ladung an Bord geschafft werden.

Eine schmale Fläche Landes liegt nur zwischen Strand und steiler

Felswand, noch dazu bedeckt mit großen abgestürzten Lavablöcken,

zwischen denen die Hütten der wenigen Bewohner dieser Insel zerstreut

errichtet sind; aber wie drohend und kahl auch die gewaltigen

Felsmassen von der Höhe herabschauen, ihnen zu Füßen auf fruchtbarster

Erde, ja selbst aus jedem Felsspalt blüht und sprießt eine reiche

Vegetation. Vornehmlich gedeihen hier der Kokosbaum und die Bananen

vortrefflich, jener der genügsam ist, reckt am Felsengrat sowohl wie am

Strande seine stolze Krone in die Lüfte und das in solcher Zahl, daß es

sich verlohnt hatte hier eine kleine Handelsstation anzulegen.

Die Händler an solchen entlegenen Orten, meistens Mischlinge, tauschen

für geringe Waare den Ueberschuß an Nüssen von den Eingebornen ein

und erzielen durch die Verarbeitung derselben zu Kopra für sich einen

Gewinn, der ihnen sogar ermöglicht Ersparnisse zu machen, da ihre

Bedürfnisse sehr gering sind. Zwei höchstens drei mal im Jahre versieht

ein Schiff die Händler mit Tauschartikeln und holt die erhandelten

Erzeugnisse ab, daher ist denn auch das Einlaufen eines Fahrzeuges

immer ein Ereigniß von Bedeutung, sowohl für den Händler wie für die

Eingebornen. In der Station Olosinga, die seit Kurzem durch einen von

der Insel Tau hierher übergesiedelten Zwischenhändler errichtet war,

schien hier ein weißer Mann kaum je gesehen worden zu sein, denn sowohl

der älteste Greis wie der jüngste Sproß waren am Strande versammelt

als ich landete und Neugierde mit auffallender Scheu gepaart, ließ sie

die fremde Erscheinung anstarren; namentlich die Kinderschaar fürchtete

sich und anfänglich genügte eine rasche Bewegung meinerseits schon die

neugierige Menge auseinander zu treiben. Das kleine Haus des Händlers,

mit dem ich den geschäftlichen Theil abzuwickeln hatte, war schon, noch

ehe ich eintrat, voll von Menschen, so daß die Jüngeren herausgetrieben

werden mußten, um Raum zu schaffen.

Angenehm ist solches Anstarren und Umdrängtwerden nicht, und mancher

würde es höchst lästig finden; weiß man aber, daß barsche Worte wenig

nützen, zumal den Erwachsenen gegenüber nicht, so erduldet man schon

solche Unbequemlichkeit, bald kommt man auch zu der Ueberzeugung

wie vortheilhaft es ist, da bald die Neugierde dieser Naturvölker

gestillt ist, Vertrauen erweckt zu haben. Frauen und Kinder laufen

nicht ängstlich davon, Männer gehen nicht mit scheelen Blicken an einem

vorüber, das „_talofa, ali_,“ guten Tag, Herr, hat einen freundlicheren

Klang; ich muß sagen, natürliche oder sogar erzwungene Ruhe, die ein

Europäer zeigt, imponirt den Eingebornen am meisten.

In diesem Falle war es ein kurzer Sprung von auffälliger Scheu bis

zur Vertraulichkeit. Der Händler wurde von allen Seiten mit Fragen

bestürmt, seine Angaben schienen einigen Erwachsenen aber nicht zu

genügen; diese wollten durchaus wissen, ob ich auf der Brust ebenso

weiß sei wie im Gesicht und obwohl die Frage eigenthümlich genug klang,

so war sie doch ernst gemeint, denn sie öffneten mein weißes Hemde und

überzeugten sich selbst davon -- das war ihnen genügend, befriedigt

gingen sie fort. Nun war nach Verlauf einer halben Stunde die erst so

große Neugierde aller gestillt; ein Anstarren, geschweige denn eine

Belästigung kam nicht mehr vor, höchstens trat ein kleiner Bursche noch

heran und wagte mich um ein Stückchen Tabak anzusprechen.

Zu den Pflichten eines Schiffsführers gehört es, stets für den Empfang

einer Schiffsladung die Ladescheine zu zeichnen; so war es auch hier

(gleichwie an anderen Orten war ich der einzige Europäer), es war

meine Aufgabe, die zu empfangende Menge Kopra abzuwiegen. Schon um den

Aufenthalt hier unter den gefährlichen Riffen abzukürzen, wurde die

Verschiffung der Ladung auch während der Nacht bei lodernden Feuern,

die immer von Neuem mit trockenen Palmenrippen angefacht wurden,

ausgeführt. Dabei nun leisteten uns einige Kinder Gesellschaft, die

es vorzogen wach zu bleiben, um die Feuer zu unterhalten. Unter diesen

war ein etwa siebenjähriges Mädchen von auffallender Schönheit, wie ich

noch keins unter farbigen Völkern gesehen; es mag sein, daß die leicht

gebräunte Hautfarbe dies Kindergesicht so anziehend und interessant

machte, so viel wenigstens kann ich behaupten, dieses Naturkind konnte

mit seinen weißen Schwestern wetteifern und sich den Hübschesten seines

Geschlechts an die Seite stellen. Manches hübsche Mädchen habe ich

zwar unter den Samoanerinnen gesehen, ein solches aber, wie dieses in

dieser weltentlegenen Gegend aufgewachsen, nicht wieder. Unter anderem

erhielt ich noch Kenntniß von einem unterseeischen Vulkan, der sich an

der Ostseite der Insel Olosinga befindet. Ich zog darüber Erkundigungen

ein, erfuhr aber nur Folgendes: Die älteren Bewohner haben vor einer

Reihe von Jahren einen Ausbruch desselben beobachtet, dabei aber

nur leichte Erschütterungen des Bodens, sonst nichts Auffallendes

wahrgenommen, und seit jener Zeit sei an der bezeichneten Stelle im

Ozean weiter kein Ausbruch erfolgt. Immerhin ist das Vorhandensein

eines solchen Vulkans, auch wenn ihn die Fluthen des Meeres bedecken,

eine gefährliche Nachbarschaft und ein Zeichen, daß die Naturkraft

fortbesteht, die diese gewaltigen Basaltmassen aufgethürmt hat, wenn

auch längst die Krater dieser Inseln erloschen sind.

Die größte der Inseln in der Manua-Gruppe ist Tau, ebenfalls

vulkanischen Ursprungs, an Umfang aber viel bedeutender noch als Ofu

und Olosinga zusammen genommen; in der Mitte dieser Insel erheben

sich gegen 3000 Fuß hohe Krater, deren Umgebung indeß weniger wild

und zerrissen erscheint, da sie von der Hügel- zur Bergform übergeht

und ausgedehntes Vorland die ganze Erhebung umgiebt. Fraglos ist

es, daß auf gehobenem Korallengrunde im Laufe der Zeiten die flachen

Landstrecken gebildet wurden, die wiederum ein weites Riff umgiebt,

das stetig an Ausdehnung durch den Fortbau der Korallenpolype gewinnt.

Nimmt auch die Kratergegend den bei weitem größten Flächenraum

dieser 16 Seemeilen im Umfang großen Inseln ein, so hat sich doch auf

verwittertem Lavagrunde eine reiche Pflanzenwelt entfaltet und von

See aus gesehen erscheint dieselbe sich bis zu den hohen Bergkuppen

ausgedehnt zu haben; vor allem sind die Umgebungen der Dörfer Tau,

Siufanga, Faleasao an der West- und Nordwestseite von ausgedehnten

Kokospflanzungen umgeben. Bestimmt von Olosinga zunächst nach Tau zu

segeln, mußte ich hier, nachdem mit Schwierigkeit Waaren gelandet,

auch der Vertreter der deutschen Handelsgesellschaft abgeholt war,

nach Faleasao weiter fahren, wo in der guten Jahreszeit der sicherste

Ankerplatz sein sollte. Hier befand sich auch der Hauptstapelplatz

für Kopra. Als ich vor Faleasao ankam, schien mir dort der Ankerplatz

nahe dem Riffe einigermaßen sicher und ein Landen nicht zu schwierig

zu sein. Weht der Südostwind, so hat Faleasao wohl den Vorzug der

gesichertste Ort für ein Schiff zu sein, da sich hier ausgedehnte

Korallenflächen unter Wasser hinstrecken, wenn auch bei schnell

zunehmender Tiefe; weht derselbe aber östlicher, wie ich es fand, so

läuft die schwere See längs der kreisförmigen Insel auf und erzeugt

selbst hier noch eine gefährliche Brandung.

Von einem Schiffe aus gesehen scheint freilich eine Brandung nie so

schwer als sie in Wirklichkeit ist, befindet man sich aber mit einem

Boote in derselben, erkennt man erst die gewaltige Kraft der mit großer

Geschwindigkeit heranrollenden und sich überstürzenden Wogen.

Genöthigt zu warten bis Hochwasser eingetreten war, wodurch am

Riffe die Brandung vermindert wurde, machten wir doch beim ersten

Landungsversuch eine unliebsame Bekanntschaft mit derselben. Obgleich

die Bootsbesatzung tüchtig und geübt war, überlief uns dennoch die

See; in dem Augenblicke, wo es galt, mit aller Kraft zu rudern, um

die hinter uns brechende Woge nicht über das Boot stürzen zu lassen,

unterlief die Kraft der neben dem Boote aufrollenden Vorwelle den

Riemen (Ruder) eines Mannes, den dieser nicht schnell genug zu heben

vermocht hatte. Trotz der Anstrengung des Steuerers wirbelte im

Augenblick das Boot herum, die Welle brach über das breitseits liegende

Boot herein, überschlug dasselbe, und Menschen, Boot und dessen Inhalt

bildeten ein Chaos, daß die brüllende Woge strandaufwärts trug. Weil

ich selbst kein Schwimmer war, und keinen Grund unter den Füßen fand,

so wurde für mich die Lage bald bedenklich, zumal da ich nichts zu

sehen im Stande war, und nur donnerndes Brausen mir in den Ohren

gellte. Ein Spielball des Wassers, mußte ich das Schlimmste befürchten,

wenn die rücklaufende Welle mich mit sich riß; aber plötzlich fühlte

ich einen Halt, ein Eingeborner der Bootsbesatzung hatte mich gefaßt,

ehe es zu spät gewesen, ich fand auch gleich wieder Grund und tummelte

fort, nur beschleunigte die nächste Welle mein Bestreben, den Strand

zu gewinnen dermaßen, daß ich durch den heftigen Stoß ziemlich unsanft

auf die spitzen Korallen geworfen wurde; aber abgesehen von einigen

Verletzungen an den Händen kam ich noch glimpflich davon. Weitere

Verwundung erhielt keiner, nur der Mann, dessen Ungeschick alles

verschuldet hatte, hatte sich den Kopf verletzt. Zum Glück war auch das

große von Tau mitgenommene Brandungsboot unbeschädigt geblieben, die

Besatzung desselben, an solche Fahrten gewöhnt und aus guten Schwimmern

bestehend, wußte mit Geschick einen verderblichen Aufstoß des Bootes

auf den harten Korallengrund zu vermeiden. Schnell war das Mißgeschick

vergessen. Das Boot wurde ausgeschöpft und flott gemacht, dann mit dem

Verschiffen der Ladung begonnen. Freilich manchmal glaubten wir Boot

und Ladung nicht wieder zu sehen, wenn es in der Brandung verschwand

oder in Gefahr war, von einer steilen Woge überworfen zu werden.

Soweit die Leute Grund unter den Füßen hatten, schoben sie das Boot

stets hinaus, dann wurde gewartet, bis drei schwere Seen herangelaufen

waren, sofort aber hinter der dritten schwang sich die Besatzung in das

Boot und ruderte mit aller Kraft der vierten, gewöhnlich schwächsten

Woge entgegen, die passirt sein mußte, ehe sie sich brach; gelang dies

nicht, kam häufig das Boot fast sinkend längsseit des Schiffes und es

entstand dadurch eine Verzögerung.

Dem Manne, der mich flüchtig gestützt, als ich kraftlos ein Spiel

der Wogen gewesen, gab ich auf Anrathen des Händlers eine Hand voll

Stangentaback, kaum aber hatte derselbe begriffen, daß solcher sein

Eigenthum sein solle, als er wie besessen umhersprang, immer wieder

sein „_fafataii_“, danke, brüllend, bis sich seine Genossen um ihn

geschaart und er schnell die Hälfte seines Geschenkes los geworden war.

Das Rauchen ist unter den Eingebornen der Südsee stark verbreitet,

daher ist eigens für sie zubereiteter, kräftiger Taback ein bedeutender

Tauschgegenstand geworden. Selten nur findet man die Tabackpfeife in

Gebrauch, dagegen kommt allgemein die Cigarette in Anwendung, die mit

Vorliebe von beiden Geschlechtern geraucht wird. Sehr oft habe ich

mich ebenfalls derselben bedient und gefunden, daß der Europäer in

der Hütte des Eingebornen stets willkommen ist, der seinen Vorrath mit

ihnen theilt, wenigstens aber so viel abgiebt, um das augenblickliche

Bedürfniß zum Rauchen zu befriedigen. Einfach genug ist die Herstellung

einer Cigarette, als Umhüllung dient ein Streifen vom getrockneten

Bananenblatt; der Taback, aus zusammengepreßten Blättern bestehend

und meistens feucht, wird nach Bedarf auseinander gewickelt, über ein

entzündetes Streichholz oder eine kleine Flamme, auch über Kohlengluth

etwas angeröstet, eigentlich nur dadurch betrocknet und dann in den

bereitgehaltenen Streifen eingewickelt. Auf diese Weise ist eine

Cigarette schnell genug angefertigt; diese geht dann von Hand zu

Hand und hat Jeder durch einige Züge das augenblickliche Verlangen

befriedigt, so wird der Rest der Cigarette von einem der Anwesenden

hinter der Ohrmuschel so lange aufbewahrt, bis sich wieder das

Bedürfniß zum Rauchen einstellt.

Es erwies sich übrigens als leichter, mit einem schwerbeladenen Boote

gegen die starke Brandung zu rudern, als mit dem leeren vor derselben

zu laufen, im letzteren Falle meistens von dem Kamme einer Woge

riffaufwärts getragen, wird das Boot von ihr schließlich überlaufen und

die darauf folgende gefährdet es. Zweimal geschah es während der 60-70

Fahrten, welche das Boot zum Schiffe hin und zurück machen mußte, daß

dieses in der Brandung überworfen wurde, jedoch ohne weiter Schaden

zu nehmen. Ich habe manche Brandung an Korallenriffen mit weniger

tüchtiger Mannschaft und schwächeren Booten passirt, bin aber niemals

später genöthigt gewesen, wie hier, bei so hohem Seegange Ladung

abzunehmen. Diese See, eigentlich nur längs und auf das Riff laufende

Roller, war schon schwer genug; eine Möglichkeit hätte es aber nicht

mehr gegeben, durch die Brandung zu kommen, wenn auch nur ein leichter

Wind die Wogen verstärkt hätte; diese sind übrigens desto gefährlicher,

je weiter vom Strande entfernt abflachender Grund der Wassermasse

gestattet sich aufzurollen.

Des Ungeziefers, welches mit einer Kopraladung an Bord gebracht wird

und sich dort schnell einnistet, habe ich früher Erwähnung gethan,

namentlich der Ameisen und der Kakerlaken. Mich jener zu erwehren,

wenigstens sie möglichst aus der Kajüte zu vertreiben, wurden Fugen

und Ritzen im Holz mit Petroleum angefeuchtet oder gut verkittet;

solche Mittel lohnten zwar nicht viel, aber eine Zeit lang wenigstens

etwas; hingegen die Kakerlaken zu vertreiben, wollte nichts verfangen.

Unglaublich vermehren sich die bis zu 1½ Zoll und darüber wachsenden

Thiere; da sie an feuchten Stellen mit Vorliebe sich aufhalten, ist

ihnen zwischen den Rippen des Schiffes nicht beizukommen. Selbst wenn

ich zeitweilig eine Ausräucherung des ganzen Schiffes mit Kohlengas

vornahm, um die nicht minder lästigen Ratten zu vertilgen, gelang

es wohl, die schlimmen Nager zu tödten, die meistens in der Nähe

der erloschenen Kohlenbecken, wo sie wegen des hierher strömenden

Sauerstoffes am längsten zu leben vermochten, aufgefunden wurden; den

Kakerlaken hingegen schadete solche Ausräucherung nichts.

Bei Tage nicht sichtbar, kommen die Kakerlaken Abends aus ihren

Verstecken hervor, dann aber ist es in geschlossenen Räumen nicht

auszuhalten, so groß ist die Menge der Thiere. Sehr lebhaft aber werden

sie und die, welche fliegen können, schwirren umher, sobald sich eine

Aenderung im Wetter bemerkbar macht; ich beobachtete, daß jedesmal

Regen eintrat, wenn die Kakerlaken zu fliegen begannen.

Doch nicht nur sehr unangenehm und widerwärtig sind diese Thiere,

sondern sie sind auch im Stande, empfindlichen Schaden anzurichten;

man darf kein unreines Zeug oder Leibwäsche frei liegen lassen, soll

solche nicht angefressen werden. Anfänglich, ehe ich dahinter kam, maß

ich den Ratten die Schuld bei, wenn mir gute wollene Hemden verdorben

wurden. Glücklicherweise gab mir der Zufall ein Mittel an die Hand,

diese Kakerlaken nach Möglichkeit zu vernichten. Eine entleerte Flasche

Bier war unabsichtlich in eine leere Koje gesetzt worden und zwar so,

daß es den durch den Biergeruch angelockten Thieren möglich geworden

war, den Hals der Flasche zu erreichen und hinein zu kriechen. Einmal

hinein gab es kein Zurück mehr, und ich fand, einem widerlichen Geruch

nachspürend, diese Flasche ganz angefüllt mit todten Kakerlaken.

Später ließ ich denn auch frisch geleerte Bierflaschen aufstellen

und konnte bald, da oft Hunderte in einer Nacht gefangen wurden, eine

Abnahme bemerken. Auf längeren Reisen, wenn der geringe Vorrath an Bier

ausgetrunken war, setzte ich entweder eine Schüssel mit Seifenwasser

oder mit einem Zusatz von Syrup den Kakerlaken hin und richtete es

so ein, daß sie bequem hineinkommen konnten; war es auf solche Weise

auch nicht möglich, die Thiere auszurotten, weil sie sich zu stark

vermehrten, so wurde doch ihre Zahl sehr vermindert.

In späterer Zeit hatte ich leider nie wieder Gelegenheit, die

Manua-Gruppe anzusegeln und meine Beobachtungen zu vervollständigen,

dagegen wurde ich mit den Tonga-Inseln, ihrer Beschaffenheit und

Bevölkerung, vertrauter, da ich meistens längere Reisen durch diese

ausgedehnte Gruppe zu machen hatte.

Der bereits geschehenen Erwähnung, daß in freier See sowohl, wie unter

den zahlreichen Inseln, eine große Zahl Haifische zu finden ist, wollte

ich noch näher darauf eingehen, in welcher Weise es mir gelang, eine

beträchtliche Anzahl dieser gefährlichen Meerbewohner zu fangen, die

zum Theil dann von meiner Schiffsbesatzung verzehrt wurde. Möglich

ist der Fang des Haifisches nur bei ruhiger See und bei Windstille;

er wird um so leichter, wenn der Hai hungrig ist und nach allem gierig

schnappt, was über Bord geworfen wird. War also Windstille eingetreten,

wiegte das Schiff sich steuerlos auf der blauen Fluth, so währte es

gewöhnlich nicht lange und die Rückenflosse eines oder mehrerer Haie

wurde sichtbar, die langsam näher kamen und entweder hinter dem Schiffe

verblieben, wenn dessen Fahrt vielleicht noch gering war, oder sonst um

dieses herumschwammen.

Kamen die Thiere nicht nahe genug heran, so wurde eine Lockspeise an

dünner Leine befestigt, jedoch so, daß diese der Hai wohl befühlen,

aber nicht erfassen konnte; die Leine wurde nämlich schnell eingeholt,

sobald der Hai sich auf den Rücken legte und zuschnappen wollte.

War der Hai erst gierig gemacht, so folgte er dem Köder schneller,

besonders, wenn es ihm doch gelungen war, ein Stückchen Fleisch zu

erfassen.

Auf diese Weise bis dicht unter das Heck des Schiffes gelockt, schwamm

der Hai achtlos auf die Gefahr, welche ihm drohte, in die weit in

das Wasser reichende Schlinge hinein, schnell diese fallen gelassen

und zusammengeholt, war solch großer Fisch immer gefangen, weil ein

Uebergleiten der Schlinge wegen der unbiegsamen Schwanzflosse nicht

mehr möglich war. Bot sich eine Gelegenheit in der Nähe der Insel Upolu

einige Haie zu fangen, und war das Schiff nicht allzufern dem Hafen von

Apia, gestattete ich der Besatzung meistens die Fische aufzubewahren,

die dann außenbords in den Rüsten oder unter dem Bugspriet aufgehängt

wurden, denn der Fischgeruch war nicht besonders angenehm. Verzögerte

sich die Ankunft aber und hatte die heiße Sonne schon zersetzend

eingewirkt, ließ ich die Haie losschneiden, was von den Samoanern immer

bedauert wurde; hingegen, wenn wirklich ein todter Hai mitgebracht

werden konnte, gab es einen Festschmaus bei den Anverwandten am Lande.

Anstoß an dem strengen, widerlichen Geruch des Fisches nahmen die

Samoaner nicht, vielmehr durch eingetretene Zersetzung ward das Fleisch

desselben mürbe, das sonst hart, zähe und trocken ist. Aus Noth habe

ich auch einmal versucht, das zubereitete Fleisch eines jungen, frisch

gefangenen Haies zu essen, aber es wollte selbst gebraten nicht munden,

obgleich sicher ein gewisser Widerwille das meiste dazu beitragen

mochte.

Das Gebiß eines großen Haifisches ist furchtbar, die vorderen festen

Zähne im Unter- und Oberkiefer sind an der Wurzel breit und flach

und scharf wie ein Messer, die Zähne fassen so ineinander, daß alles,

was der Hai erfaßt, von diesen durchschnitten wird. Hinter den festen

Vorderzähnen liegen noch sechs Reihen ebensolcher, jede kleiner als die

andere und in den Rachenmuskeln beweglich. Faßt der Hai eine Beute,

ist er nicht im Stande, solche wieder fahren zu lassen; die hinteren

Zahnreihen richten sich auf und geben einmal Gefaßtes schwerlich wieder

frei.

Einmal, in der nördlichen Einfahrt von Tongatabu (ich war zwischen den

Riffen von Windstille befallen worden) hielten sich schon längere Zeit

zwei mächtige Haie von seltener Größe beim Schiffe auf. Schließlich

machte ich mich daran, da diese Thiere ohne Scheu längsseit kamen,

einen mit der Schlinge zu fangen. Ohne daß Köder angewandt war,

hatte sich bald eines der Unthiere in der Schlinge festgelaufen; am

Schwanz gefangen, peitschte der Hai wüthend das Wasser und die Leute

hatten zu thun, das starke Thier zu halten, das erst jeden weiteren

Versuch sich zu befreien aufgab, als es ermattet an der Schiffsseite

hochgezogen war.

Der zweite Hai, der anfänglich gleich verschwunden, kam bald wieder zum

Vorschein und so nahe an seinen gefangenen Gefährten heran, daß auch

er nach einigen Versuchen demselben Schicksal verfallen war. Die Leute

sollten nun den zweiten nicht zu nahe dem schon hochgezogenen aufholen,

aber in ihrer Hast zogen sie das heftig um sich schlagende Thier doch

nahe an dem ersten Hai vorbei und dieser, ebenfalls unruhig gemacht,

wohl auch von dem Schwanze des zweiten getroffen, schwang seinen

Oberkörper im Wasser hin und her, dabei den mächtigen Rachen auf- und

zuschnappend.

Solange der Hai noch im Wasser war, sträubte er sich mit seiner ganzen

Kraft und folgte nur widerwillig der angewendeten Gewalt, er entriß

auch den Händen der Leute das Tau, ehe dasselbe befestigt werden konnte

und schoß seitwärts in die Tiefe. Indeß da das Tau, womit der Hai

gefangen worden war, zum Aufhissen eines der Vordersegel diente und an

diesem befestigt war, so vermochte er nicht zu entkommen. Als er wieder

herangeholt war, sollte gewartet werden, bis er sich müde gearbeitet

hätte; aber übereifrig geworden, zogen die Leute weiter und als sie

unachtsam wieder dem ersten Hai zu nahe gekommen waren, hielten sie

plötzlich das lose Tau in Händen. Der hängende Hai hatte nämlich nach

dem Schwanze des zweiten geschnappt, die halbe Flosse mitsammt dem

starken Tau durchbissen und so seinem Gefährten die Freiheit gegeben.

Ein kurzer, aber gewaltiger Schlag war es, den dieser Hai führte, als

er gebissen sich zur Wehr setzte, doch bald schoß er frei mit einer

Geschwindigkeit hinweg, wie man solche diesen sonst trägen Thieren

nicht zutrauen sollte.

Um nun den gefangenen Hai, dessen Körper noch halb im Wasser

niederhing, sicher an Deck zu bringen, mußte ihm eine zweite Schlinge

oberhalb der Rückenflosse umgelegt werden; an dieser wurde das Thier

dann hochgezogen, der Schwanzwirbel durchgeschlagen und erst, als es

sich verblutet hatte, an Deck genommen. Das Thier maß etwas über 13

Fuß und hatte ein furchtbares Gebiß. Dieses sollte später ein Tonganer

für mich präpariren und reinigen, nachdem der Kopf wochenlang in

Salz-Seewasser gelegen und alles Fleisch sich abgelöst hatte; ich sah

aber nie etwas davon wieder, es hieß, die Kiste mitsammt dem Kopfe des

Haies, die am Riffe versenkt worden war, sei verschwunden.

Auf meiner zweiten Reise, von Apia nach Tongatabu, lief ich, von

Vavau kommend, westlich von der ganzen Tongagruppe, und befand mich

eines Tages im Mai 1885, als voraus die Basaltkegel Hunga-hapei und

Hunga-tonga gut in Sicht gekommen waren, nicht allzufern von den in der

Karte angeführten Culebrasriffen. Mein Kurs, der südwärts gerichtet

war, mußte mich gerade darauf führen. Aber als ich die hohen Inseln

Kao und Tofua in Deckung gebracht hatte -- die Kreuzpeilung von der

Insel Namuka und Hunga-tonga ergab, ich müsse zwischen den Riffen mich

befinden -- wollte von den Riffen nichts sichtbar werden. Vergeblich

hielt ich selbst von den Masten aus Umschau, ich konnte weit in der

Runde kein Riff, noch flacheres Wasser sehen und ebensowenig die noch

schärferen Augen meiner Leute.

Fünf Monate später bekam ich auf ebensolcher Reise, die Hapai-Gruppe

anlaufend, in Lefuka einen Lootsen als Passagier an Bord, der sich

erbot, mir den Weg durch die Riffe der Kotu- und Namuka-Gruppe zu

zeigen. Ich nahm das Anerbieten an, schon weil der Weg kürzer war

und ich auch wußte, dieser Mann kenne die Durchfahrten ganz genau. Es

war am Nachmittage des 12. October 1885, die Insel Namuka in Sicht,

hielt ich den Kurs nach der freien See zu, um nicht während der Nacht

zwischen gefährlichen Riffen laviren zu müssen.

Westwärts mit freiem, leichtem Winde zog das Schiff, ich konnte hoffen,

ehe die Nacht hereinbrach, die freie See zu gewinnen, bevor, wie

ich fürchtete, westlicher Wind, der in der Ferne mächtige, drohende

Wolkenmassen aufballte, mein Vorhaben, Namuka zu umsegeln, vereitelte.

Keiner anderen Annahme konnte ich Raum geben, so ungewöhnlich in dieser

Jahreszeit mir auch eine Aenderung in der Witterung erscheinen wollte,

als der, es müsse ein schwerer Sturm heraufziehen. Das schönste Wetter

war um uns, der Himmel blau und klar, ich konnte nicht verstehen,

da auch das Barometer immer noch keine Aenderung zeigen wollte,

was im Westen das Anstürmen der Wolkenmassen, die dunkel wie die

heraufziehende Nacht waren, zu bedeuten habe.

Unverändert, den ganzen Horizont im Südwesten bedeckend, blieb diese

Erscheinung. Wider Erwarten entwickelte sich nicht ein heraufziehender

Sturm, auch nicht das Gewölk, welches ein solcher vor sich hertreibt.

Ein Räthsel war es, dessen Lösung ich nicht fand.

Die Nacht brach herein, herrlich glänzte über uns der Sternenhimmel

einer friedevollen Tropennacht. Nur von den Riffen, die die Insel

umgeben, schallten vereinzelte Stimmen über das stille Gewässer,

dort rüsteten sich die Bewohner zum Fischfange, und bald leuchteten

die Kokosfackeln in den zahlreichen Kanoes auf, eine Beleuchtung,

wie solche stimmungsvoller nicht der ganzen Umgebung angepaßt werden

konnte.

Aber auch die tiefdunkle Nacht in der Ferne wurde erleuchtet,

Feuergarben zuckten zum Himmel empor, momentan die dunkle Masse wie

mit magischem Lichte erhellend. Unerklärlich, wußte ich doch, daß

dorthin auf hunderte Seemeilen kein Land zu finden war; die kleinen

Felseninseln Hunga-tonga und Hunga-hapai lagen südlicher. Es war nicht

der Blitz, der durch die Wolken zuckte, aus der Tiefe des Meeres herauf

glühte es, sekundenlang immer wieder mit graufahlem Schimmer, mit

blitzendem Feuerschein, den Horizont durchleuchtend.

Nichts veränderte sich während dieser Nacht, das Phänomen blieb sich

gleich, auch trotz der größer werdenden Entfernung, bemerkte ich keine

wesentliche Veränderung; erst der neue Tag bleichte den Feuerschein,

der, was ich schließlich als positiv habe annehmen müssen, nur von

einem zum Ausbruch gelangten Vulkan herrühren konnte. In Nukualofa

eingelaufen, erfuhr ich, daß am 11. Oktober ein zeitweise heftiges

Erdbeben die Insel Tongatabu erschüttert habe, und die Feuergarben, die

ich gesehen hatte, waren auch hier beobachtet worden.

Natürlich war jedermann auf Tongatabu in Spannung versetzt, als nach

meinen Angaben, die ich zu machen im Stande gewesen, kein Zweifel

blieb, daß nördlich der Inseln Hunga-tonga und Hunga-hapai der Ausbruch

eines unterseeischen Vulkans stattgefunden habe; das Erdbeben also

hiermit in Verbindung zu bringen sei. Selbst begierig, den näheren

Zusammenhang zu erfahren, kam ich mit Herrn von Treskow überein, das

Schiff so schnell wie möglich abzufertigen, und ich nahm mir vor, so

eingehend als möglich zu erforschen, welche Bewandtniß es mit dieser

Erscheinung habe.

Am 14. Oktober früh, nach eintägigem Aufenthalt, segelte ich wieder

ab, und meinen Kurs direkt auf jene Gegend setzend, fand ich am

Nachmittage, sobald die Felseninsel Hunga-tonga querab lag, daß in

nordwestlicher Richtung eine neue Insel entstanden war, genau auf

derselben Stelle, wo ich vor 5 Monaten vergeblich das in der Karte

angegebene Culebrasriff gesucht hatte. Der frisch wehende Südost-Passat

trieb das Schiff schnell vor sich her und ehe der Abend hereinbrach,

war ich keine halbe deutsche Meile von dieser Insel und dem in

furchtbarer Thätigkeit befindlichen Vulkan entfernt. An der Ostseite

dieser neuentstandenen Erhebung, die etwa 300 Fuß hoch und ¾ deutsche

Meile im Umfang haben mochte, befand sich ziemlich in der Mitte dicht

am Strande der Krater. Am Südende der Insel stieg eine etwa 40 Fuß

hohe, weiße Dampfsäule ebenfalls unmittelbar am Strande auf, die wie

ein mächtiger Springbrunnen ununterbrochen emporschoß, und soweit ich

es unterscheiden konnte, war es heißes Wasser.

Hatte der Anblick dieser entfesselten Naturgewalt schon etwas

Furchtbares, so wurde das grollende Rauschen, der gewaltigsten

Brandung, dem dumpfen Rollen entfernter Donnerwogen vergleichbar, fast

unheimlich. Meine Leute, Eingeborne der Samoa-Gruppe und der Insel

Niue, erzitterten, und ich selbst konnte mich eines Schauders nicht

erwehren. Die Sprache, möcht' ich sagen, ist zu arm, um das Empfinden

bei solchem Anblicke wiedergeben zu können.

Jede Minute brachen fünf gewaltige Rauchmassen aus dem tiefen Schlunde

herauf, abwechselnd ein schwererer, dann ein etwas leichterer Ausbruch,

unter diesen war immer einer, der mit solcher Gewalt zum Himmel fuhr,

daß erst in gewaltiger Höhe die geballte Rauchmasse sich vertheilte;

kaum daß der starke Wind seinen Einfluß ausgeübt hatte, war schon die

nächste aus dem rauschenden, zischenden Schlunde emporgefahren.

Mit diesem günstigen Südost-Winde, der mich, das wußte ich wohl, nicht

im Stiche ließ, hätte ich es gewagt, so nahe als möglich heranzusegeln,

obgleich die See, durch den starken Wind erregt, um mich schäumte und

brüllte; es waren keine langgestreckten Wellen mehr, sondern ein Chaos

weißköpfiger, tummelnder Wogen. Aber wie wohl ich bis zum Strande

nirgends Brandung sah, fürchtete ich schließlich doch, daß mit der

Insel auch Untiefen, die dem tiefgehenden Schiffe verderblich werden

können, gehoben sein möchten.

Ich stand hoch oben im Vordermast und schaute scharf voraus, bis

plötzlich ein Blick unter mir auf die brausende See mich erschauern

machte; einer gewaltigen Stromkabelung nämlich gleich war die See,

durch welche mit schneller Fahrt das Schiff sich Bahn brach. Noch

wartete ich, obgleich ich nicht mehr als eine Seemeile vom Krater

entfernt war, da geschah ein furchtbarer Ausbruch, um den Krater,

der noch immer die schwarzen Massen scheinbar direkt aus der See

herausschleuderte, hoben sich die Wogen, was ich mit einem guten Glase

deutlich unterscheiden konnte, als wallten sie auf von einer gewaltigen

Kraft zurückgeschleudert, das Meer erzitterte, und ich fühlte das Beben

des Schiffskörpers. Nun war es genug, die Unruhe meiner Leute war zu

groß, ich mußte fürchten, ein plötzlicher Befehl würde ungeschickt

ausgeführt werden -- in so unheimlicher Nähe einer solchen Naturgewalt

hätten auch wohl andere Herzen gezittert -- und „hart an den Wind“

durch das Zischen der See, durch das Brausen der Eruption, rief ich

das Kommando. Da ich schwerlich von den Leuten verstanden wurde, war

eine Handbewegung bezeichnender, unter dem Druck seiner Segel fuhr das

Schiff herum und stampfte, seine Fahrt vermindernd, auf und nieder in

dieser wild durcheinander laufenden Wassermasse.

Als ich aber die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß keine Gefahr

vorhanden, die Erschütterung nur durch den heftigen Ausbruch verursacht

worden war, vergrößerte ich den Abstand nicht, und hielt, überall

frei Wasser auch vor mir sehend, wieder nach Norden ab, nur lief ich

nicht näher heran. Bald wurde um das Schiff die See wieder ruhiger,

lief wenigstens gleichmäßiger und als ich die Nordspitze bei gleichem

Abstande umsegelte, hatte ich große Lust, hier im ruhigen Wasser, an

der Westseite zu landen. Doch freiwillig wäre keiner meiner Leute

in das Boot gegangen und, da ich als einziger Europäer -- meinen

Steuermann hatte ich in Apia für ein anderes Schiff abgeben müssen

-- mein Schiff nicht verlassen durfte, hätte der Anbruch des nächsten

Tages abgewartet werden müssen, um eine genaue Ortsbestimmung vornehmen

zu können, für diesen Tag war es zu spät.

Mit dem Lothe die Tiefe zu sondiren und vorsichtig heranzulaufen hätte

uns solche Untersuchung, obgleich auf einer Seemeile Abstand noch

kein Grund gefunden wurde, viel Zeit weggenommen; auch lag eine tiefe

Dämmerung, verursacht durch die über die Insel getriebenen Rauchwolken,

an der Westseite. Einer tiefschwarzen Nacht fuhr ich entgegen, es war,

als läge in ihr das Verderben vor uns.

Diesen Plan gab ich auf, wendete und fuhr, beim Winde haltend, so

weit wieder ostwärts, daß der Krater in seiner unheimlichen Schönheit

vor Augen blieb. Bald kam der Abend, bald entzog die dunkle Nacht, da

ich nun den richtigen Kurs wieder aufgenommen hatte, die Insel unsern

Augen; nur der Krater spie fort und fort seine dunklen Massen empor,

aber nicht mehr wie am Tage, wo das unterseeische Feuer nur hellgrau

den Fuß der emporgeschleuderten Massen färbte, sondern jetzt glühte es,

als wenn ein undenkbar gewaltiger Schlot seine Feuergarben zum Himmel

sendete.

Wie schnell das Schiff auch vor dem Winde seines Weges zog, so

verminderte sich doch nicht diese gewaltige Erscheinung, und während

dieser langen Nacht wandte ich kein Auge von diesem grausig schönem

Schauspiele. Erst die im Osten aufsteigende Morgenröthe eines neuen

Tages, die, wer sie einmal in ihrer Pracht auf dem endlosen Meere

gesehen, nie vergißt, und immer wieder sehen möchte, bleichte den

Schimmer der Feuersäule und in der hier friedevollen Natur zogen wir

beflügelt unseres Weges dem fernen Ziele entgegen.

Andere Schiffe nach mir haben diese Insel in Sicht gelaufen, aber viel

größeren Abstand gehalten, nach den Berichten ist, soweit ich solche

verfolgen kann, die Landmasse noch weiter gehoben worden, und der

Krater noch lange in Thätigkeit gewesen; auch wird berichtet, daß am

Südende später drei Dampfsäulen gesehen worden sind. Sehr leid hat es

mir nachher gethan, daß ich nicht den nächsten Tag abgewartet und nach

einer Möglichkeit gesucht habe, an der Nordwestseite eine Landung zu

versuchen, nicht dem ersten Drange, die deutsche Flagge dort aufstecken

zu lassen, gefolgt bin.

Meinem Berichte über den Ausbruch dieses unterseeischen Vulkans und

die Entstehung dieser neuen Insel, scheint das deutsche Konsulat in

Apia keine Bedeutung beigemessen zu haben, bekannt geworden sind nur

Berichte von englischer Seite und der des deutschen Kriegsschiffes

„Albatros“, das wenige Monate nach mir, am 21. Januar 1886, die neu

entstandene Insel sichtete. Direkt von Tongatabu nach der Insel Niua-fu

bestimmt, fand ich dort die ganze Bevölkerung in großer Aufregung, denn

heftige Erdbeben hatten zur selben Zeit auch diese Insel erschüttert;

ein Ausbruch wurde erwartet. Der Hauptkrater, die drei Hügel im See,

rauchten heftiger, dennoch wurde hier kein Ausbruch vorausgesetzt,

vielmehr befürchtet, an irgend einer anderen Stelle würde ein solcher

erfolgen.

Eine Beruhigung für alle war die Kunde, die ich hierher gebracht, daß

im Süden ein gewaltiger Ausbruch stattgefunden habe, die Annahme,

ein Ausgleich der Naturkräfte hätte sich dadurch ergeben, wirkte

beruhigend auf die Gemüther, zumal da schon während der letzten Tage

die Erschütterungen auf Niua-fu immer schwächer geworden waren.

Aber mag auch der Ausbruch jenes unterseeischen Vulkans ein Ableiter

gewesen sein, am Ende des Jahres 1885 mehrten sich doch wieder die

Anzeichen einer drohenden Gefahr; die heftigen Erschütterungen mehrten

sich, bis plötzlich am Südende von Niua-fu ein sehr starker Ausbruch

erfolgte, und ob ich auch nie wieder diese Insel betreten habe, hörte

ich doch in den fernen Marschallinseln, daß die Verheerung durch

fließende Lava auf Niua-fu furchtbar gewesen sein soll.

Ein beschränktes Feld nur ist es, im Verhältniß zur ausgedehnten

Inselwelt des großen Ozeans, dessen ich hier Erwähnung gethan, und doch

im Gegensatz zu den einzelnen, erwähnten Inselgruppen, den niedrigen

Koralleninseln, muß die beträchtliche Anzahl erloschener, und zum

Theil noch thätiger Vulkane auffällig erscheinen. Sie alle aufzuzählen

scheint mir unnöthig, zumal jede hohe Insel vulkanischen Ursprungs ist,

fast ohne Ausnahme ließen sich auf allen erloschene Krater nachweisen.

Bedenkt man nun, daß schon dieses kleine Gebiet seit grauer Vorzeit

ein ausgedehnter Kraterheerd gewesen ist, worauf der Einfluß der stets

thätigen Naturkraft Veränderungen hervorgerufen haben mag, deren

Größe und Bedeutung wir heute kaum zu ermessen im Stande sind, so

tritt, wenn wir die ganze ausgedehnte Inselwelt in Bereich der Frage

ziehen, welchem Ursprung entstammen diese Ländermassen, unwillkürlich

beim Nachdenken die Möglichkeit heran, wir könnten es hier mit einem

ehemaligen, versunkenen Festlande zu thun haben. Und ganz erklärlich

muß dies erscheinen, sofern nur in Betracht gezogen wird, daß

bedeutende Umwälzungen und Veränderungen auf unserer Erdoberfläche

stattgefunden haben, ehe die heutige Lage und Gestaltung stetig

geworden ist. Wir wissen, daß die Festlande aus der Tiefe der Ozeane

gehoben wurden, die mächtigen Gebirge als vereinzelte Inseln oder

Inselmassen über die Oberfläche der Wasser hervorragten an denen sich

dieselben Vorgänge, während zehn Jahrtausenden vielleicht abspielten,

wie an den Vulkaninseln des heutigen stillen Ozeans.

Fußen wir auf diese Theorie, dann sind die vereinzelten und

zusammenhängenden Bergmassen im großen Ozean, die höchsten Punkte

eines versunkenen, gewaltigen Festlandes deren vulkanischer Charakter

im Laufe der Zeiten zur Erhöhung durch häufige, heftige Ausbrüche viel

beigetragen hat. Die Koralleninseln, ebenfalls unter der Meeresfläche

gesunkene Gebirgsrücken, auf denen es der Korallenpolype ermöglicht

wurde sich anzubauen, haben die Thierchen trotz des langsamen,

allmählichen Sinkens der Ländermassen immer höher und höher zur

Meeresoberfläche gebaut, bis auch hier Stetigkeit eingetreten ist und

ausgedehnte Inseln gebildet wurden.

Die Tiefenverhältnisse im großen Ozean ergeben ein Bild, wonach

mächtige Gebirgszüge diesen durchziehen, ausgedehnte Thäler

umschließend, und zum Theil sehr steil anstreben bis zu 18000 Fuß und

darüber; hohe Inseln im Ozean kämen demnach unsern höchsten Bergen

gleich.

Die Annahme nun, daß die ganze große Inselwelt ehemals eine

zusammenhängende Landmasse gewesen, führt dahin, daß diese auch von

verschiedenen Völkerstämmen bewohnt worden ist; streng geschiedene

Rassen, vielleicht getrennt durch natürliche Grenzen, haben hierauf

weite Strecken bewohnt. Im Westen die schwarze, die Papuarasse, ganz

Melanesien umfassend, östlich davon die kupferfarbene, die Polynesier,

und im Norden von beiden, Mikronesien, Mischarten der Malaien.

Kann angenommen werden, daß die heutige Bevölkerung Ueberreste der

Urbewohner sind, die durch Versinken der Landmassen isolirt wurden,

wäre die Erklärung dafür gefunden, wie allmählich selbst die niedrigen

Koralleninseln bevölkert worden sind. Denn der Drang nach Ausdehnung,

Aufsuchen neuer Wohnsitze, kann nach ostwärts nur im beschränkten Maaße

stattgefunden haben, die Strom- und Windverhältnisse im Ozean mußten

Versuche auf großen Wasserflächen vereiteln, hingegen nach Westen

begünstigen, zumal da bessere Verkehrsmittel als die heutigen Kanoes

schwerlich den einzelnen Stämmen zur Verfügung gestanden haben.

Der in früherer Zeit bei diesen Rassen und einzelnen Stämmen

gebräuchliche Kannibalismus hat alle Spuren vertilgt, die über die

Verbreitung derselben Aufschluß geben könnten, es bleibt also nur die

Gewißheit übrig, daß die einzelnen Rassen ihr ursprünglich bewohntes

Gebiet heute noch innehaben, was namentlich auf die Polynesier und

Melanesier Bezug hat.

Reisen durch die Inselwelt der Südsee · 第 3 / 7 题