Tief im Süden des Indischen Ozeans, auf jenen Breiten, wo der weite
Weg nach Australien durch die Kugelform unserer Erde verkürzt wird
und meistens günstige, westliche Winde die Fahrt eines Schiffes
beschleunigen, zog im Jahre 1884 einsam ein deutsches Barkschiff seines
Weges dem fernen Ziele entgegen.
Monde waren hingegangen, ehe mit Hülfe wechselnder Winde der
Atlantische Ozean von Nord bis Süd durchzogen war; die Hälfte des
nahezu 14000 Seemeilen langen Weges, von der deutschen Küste bis
zu den Gestaden Australiens, war ungefähr zurückgelegt, als der
Längengrad vom Kap der guten Hoffnung 18° 29' Ost von Greenwich auf
etwa 44° Süd Breite passirt wurde und das schöne Passatwetter, das
bis zu der Insel Tristan d'Acunha vorherrschend gewesen, überging
zu kühlerem und unfreundlicherem. Der Winter war auf der südlichen
Halbkugel hereingebrochen; je tiefer südlich das Schiff vor umlaufenden
westlichen Winden lief, desto kälter, ungemüthlicher wurde das Wetter.
Hohe schaumgekrönte Wogen, die zischend längs den Borden des in
bewegter See schwer rollenden Schiffes aufliefen und im wilden
Wettlauf dieses überholten, fegten, vom Winde gepeitscht, ihren Gischt
über das Deck. Kurz waren die Tage und nur selten blickten aus dem
drohenden Gewölk, wenn es plötzlich zerrissen erschien, ein belebender
Sonnenstrahl; die tiefe Bläue des Himmelsgewölbes Tage und Tage lang
nicht gesehen, war dann für den einsam auf dem Weltmeer Hinziehenden
ein Hoffnungsschimmer.
Endlos scheint der Ozean, kein Schiff, kein Segel auf der weiten,
wildbewegten Wasserwüste ist zu entdecken, ebenso einsam scheint der
gewaltige Meerbewohner, der Walfisch, durch die Fluthen zu ziehen,
der von Zeit zu Zeit die warme Athemluft aus seinem einfachen oder
doppelten Spritzloch hervorstößt, um darauf, so lange es ihm an der
Oberfläche gefällt, wieder frische Luft in die Lungen einzuziehen.
In der kälteren Atmosphäre verdichtet sich die ausgestoßene feuchte
Athemluft und bleibt um so länger sichtbar, je kälter die Temperatur
auf der Oberfläche des Meeres ist. Mächtige Thiere sind es, in den sich
überstürzenden Wogen kaum sichtbar, ihre Größe läßt sich nur ungefähr
schätzen, wenn kurz nach dem Sichtbarwerden des Wasserdampfes das Thier
in die Tiefe schießt und über die Wogenkämme emporragend, der Schwanz
durch die Fluthen peitscht.
Die Habsucht des Menschen hat in wenigen Jahrzehnten ungezählte
Schaaren dieser nützlichen Thiergattung vernichtet, selten findet man
heute noch eine Anzahl der mächtigen Thiere beisammen, die einsam über
die gewaltige Meerestiefe hinziehen, welche einst von Abertausenden
belebt war, denen sie reiche Nahrung geboten.
Wind und Wogen sind in den Monaten Juli und August auf diesen südlichen
Breiten meistens immer im Aufruhr; so setzte diesmal auf der Höhe der
Krozet-Inseln ein äußerst schwerer, westlicher Sturm ein. Das Schiff,
von den Fittichen des Windes getrieben, floh vor der brüllenden, wilden
See; aber ob auch den Masten die denkbar größte Last aufgebürdet wurde,
mußten doch nach und nach mit der wachsenden Kraft des Sturmes die
Segel gekürzt werden und acht Tage lang lief das Schiff, während in
der Luft die schwarzen Wolkenmassen dahinjagten wie ein gehetztes Wild,
vor seinen dichtgerefften Sturmsegeln dahin, von den Wellen geschoben,
die Bergen gleich von hinten heranrollten und deren Schaumkronen sich
vernichtend über das in allen Fugen erzitternde Schiff ergossen.
Uebermächtig war die Gewalt der Elemente, und hätte es ohne große
Gefahr für Schiff und Mannschaft geschehen können, so würde der
wilde Lauf vor solcher gefährlichen See durch Beidrehen an den Wind
aufgegeben worden sein.
Jedoch ein guter Renner war die Bark, saß ihr auch die wilde See
drohend und verderbenbringend auf den Fersen, die sie, tief ins
Wogenthal getaucht, kaum abzuschütteln vermochte, so hob sie sich doch
immer wieder siegreich empor, hinjagend durch Nacht und Schrecken.
Weit über den 80. Längengrad hinaus führte der erlahmende Sturm
das wackere Schiff und mit von Norden bis Süd-Westen umspringenden
steifen Winden wurde nach monatelanger Fahrt wieder Land, die Südküste
Australiens, gesichtet.
Im sicheren Hafen von Melbourne, jener jungen, aufblühenden Stadt der
Paläste -- australischen Goldfeldern und dem Strome des Edelmetalls,
der hier sich staute, verdankt sie ihr schnelles Wachsthum -- wurde, um
die werthvolle Ladung zu entlöschen, wochenlang Rast gehalten.
Das Goldfieber, das schon viel Tausende zur Pflichtverletzung
trieb, übte auch auf die Mannschaft des deutschen Schiffes seinen
verderblichen Einfluß aus, und die Hälfte derselben folgte dem
lockenden Rufe nach goldenen Schätzen, den gewissenlose Agenten ertönen
ließen. Gleich vielen anderen folgten die Bethörten und vertauschten
den harten Seemannsberuf mit dem eines Diggers, um unter Entbehrungen,
in harter Arbeit, fern in den wegelosen Steppen des wasserarmen Innern
Australiens nach den begehrlichen Schätzen der Erde zu graben.
Bitter Enttäuschte, die viel ärmer als sie einst ausgezogen, zur Küste
zurückgekehrt waren und nur von Hunger, Durst und schlimmen Erfahrungen
zu erzählen wußten (kaum daß sie im Stande gewesen, das äußerst theure
Leben in der Wildniß zu fristen, so wenig hold war ihnen das Glück
gewesen, so spärlich nur hatten sie Gold gefunden), ersetzten zum Theil
die Flüchtigen. Froh noch konnte mancher Schiffsführer sein, wenn es
ihm gelang, mit Angehörigen anderer Nationen sein Schiff wieder zu
besetzen, da fast ohne Ausnahme jedem, wenn nicht die ganze, so doch
ein Theil der Schiffsbesatzung entlaufen war. So mußten denn ebenfalls
auf dem deutschen Schiffe Norweger, Schweden oder Engländer als Ersatz
mit landesüblicher hoher Löhnung angenommen werden und das Kommando,
sonst im biederen Plattdeutsch geführt, machte nothgedrungen dem
englischen Platz.
Das Schiff, auf welchem sich der Schreiber dieser Zeilen als Reisender
befand, war gleich vor Beginn der Fahrt nach den Samoa-Inseln im
Stillen Ozean bestimmt, und Ende Oktober des Jahres 1884 lichteten wir
die Anker, um von Melbourne weiter die Fahrt nach Apia fortzusetzen.
Widrige Winde in der Baßstraße, zwischen dem Festlande von Australien
und der Insel Tasmanien, unfreundliches Wetter mit kalten Regenschauern
erschwerten das Aufkreuzen in derselben, bis nach Tagen schließlich
raumer Wind das Passiren der in dem östlichen Theile dieser Straße
liegenden Inseln und Felsenrocks möglich machte.
Als wir dann den freien Ozean gewonnen hatten, war es nothwendig,
möglichst weit nach Osten aufzusegeln, und selbst als wir dicht
unter der Nordspitze von Neu-Seeland gekommen waren und die drei
König-Inseln sichteten, wurde noch immer der Kurs mehr östlich als
nördlich gehalten, damit, wenn wir die Region des Süd-Ost-Passatwindes
erreicht hätten, mit freiem Winde nordwärts gesteuert werden konnte.
Schon auf der Höhe der Kermadec-Inseln wurde das Schiff von Windstillen
befallen, die zeitweilig, von schweren Regenböen unterbrochen, nur
ein sprungweises Vorwärtskommen gestatteten, bis auch dieser Gürtel
unbeständiger Winde passirt war und auf etwa 25° S. Br. der Passatwind
kräftig einsetzte.
Jetzt hatte die langdauernde Stille, bei der die Segel in eintöniger
Weise an die Masten klappten, auf einmal ein Ende; die spiegelglatten
Fluthen des Ozeans durch aufspringende Böen zeitweilig aufgeregt,
sprangen übermüthig die Schaumkronen der Wellen an der Bordwand
des Schiffes empor, das unter voller Segelkraft mit schneller Fahrt
dahineilte.
Als wir östlich von den Tonga- (Freundschafts-) Inseln nordwärts
steuerten, war das erste Land, welches in Sicht kam, die Insel Niue,
aber zwei Tage später schon tauchte am Horizonte des tiefblauen
Tropenhimmels die gebirgige Inselmasse der Samoagruppe klar und
deutlich empor, immer höher aus den Fluthen des im Sonnenglanze
blinkenden Meeres aufsteigend, je näher sich beflügelten Laufes das
Schiff seinem endlichen Ziele näherte.
Zur Rechten die Insel Tutuila mit ihren zerrissenen Bergen, einst
thätigen Vulkanen, hebt sich zuerst, wenn man der Straße zwischen der
Insel Upolu und Tutuila zusteuert, die über 30 Seemeilen breit ist,
die mächtige Bergmasse aus den blauen Fluthen des Ozeans, während die
langgestreckte Insel Upolu, massiver und höher, aus der Ferne wie
in weißen Nebel getaucht erscheint, über der die blauen Bergkuppen
vereinzelt emporragen. Immer deutlicher jedoch tritt auch hier das
Unterland hervor, und die hochragenden Kronen der Kokospalmen, einen
Kranz um alles sichtbare Land bildend, erscheinen wie ein endloser
Wald, der sich längs dem Ufer hinstreckt. Sobald auch die Ufer ganz
sichtbar geworden, zieht sich weit von Land ein weißer Silbergürtel
hin, erzeugt durch die das Ufer umsäumenden Korallenriffe, an welchen
sich wilddonnernd die ziemlich bewegte See unablässig bricht.
Ein eigenartiges Bild blühender Tropenlandschaft bietet das Ganze,
man fühlt sich unwillkürlich versucht, anzunehmen, unter diesem blauen
Himmelsdome, unter den im Winde wogenden Palmenkronen müsse ein ewiger
Friede wohnen, müsse die Natur ein Paradies geschaffen haben.
Vorüber ziehen an der Ostseite der nach dem Innern immer höher
sich aufthürmenden Berge dieser Insel, die mächtigen abgesprengten
Rocks gleichenden Inseln Nuulua und Nuutele, und weiter, sobald
nach Nord-Westen das Auge wieder den freien Ozean erblickt, die
riffumkränzte Insel Fanuatapu. Wenn diese umsegelt ist, läuft das
Schiff vor dem Winde nahezu westwärts längs der von Korallenriffen
reinen Küste, und nur die reiche Tropenwelt vom Strande aufwärts bis
zu den sanften Höhen zeigt sich im ewig grünen Schmucke, kein kahles
Gestein wird sichtbar, dicht mit Busch und Wald scheint Thal und Hügel
bedeckt -- als ein gesegnetes Land hebt sich diese Insel aus der Tiefe
des mächtigen Ozeans. Hin und wieder treten zwischen den hohen Stämmen
der schlanken Palmen am Strande wie dunklere Punkte die Hütten der
Eingebornen, am steilen Ufer erbaut, von der grünschimmernden See ab,
ebenso gleitet zeitweilig über eine tiefere Bucht ein Kanoe eilend hin,
von kräftigen Armen vorwärts getrieben, obschon von den Insassen bei so
großem Abstande nichts Genaues zu sehen ist.
Ist man zwölf Seemeilen längs der Nord-Ostküste gesegelt, so öffnet
sich hinter der Nannivi-Spitze der Hafen von Falisa, von hier aber
läuft an der Küste weiter ein mächtiges Korallenriff, an dessen Kante
die See schäumt und brandet. Das Land erhebt sich im Innern der Insel
höher und höher, über die welligen Bergmassen ragt der Berg Fao spitz
empor; ein Bergrücken durchschneidet die ganze Insel von Ost bis
West, dessen einzelne Ausläufer nur hier und dort bis an die Küste
vordringen.
Ist die dem Lande vorgelagerte Riffmasse passirt, so öffnet sich der
von Korallenbänken und Riffen umgebene sichere Hafen von Saluafata,
der zu dieser Zeit schon von den deutschen Kriegsschiffen als bester
Depotplatz und Gesundheitsstation anerkannt und benutzt wurde. Alle
Riffe, von See aus gesehen, scheinen direkt mit dem Lande verbunden
zu sein, wenigstens läßt das grünschimmernde Wasser, sobald die
ausgedehnten Bänke damit bedeckt sind, solches anfänglich vermuthen,
in der That aber bilden diese häufig ein zwar vielfach geformtes,
doch getrenntes Ganze für sich, so daß selbst bei der Ebbe es für
ein Boot möglich ist, dicht unter Land oder in geringer Entfernung
davon innerhalb der Riffe im ruhigen Wasser zu fahren. Selbst die
Kriegskanoes der Eingeborenen, 40 und mehr Mann fassend, benutzen nur
diese Wasserstraßen, um von Ort zu Ort zu gelangen, obwohl diese sich
auch nicht scheuen, mit den leichtgebauten Fahrzeugen auf die offene
See hinauszurudern, wenn das Meer ruhig ist und eine Nothwendigkeit
dazu vorliegt.
Angebracht scheint es mir hier, gleich über die Entstehung,
Fortpflanzung und Bildung der Korallenbänke eine kurze Beschreibung
zu geben, weil im Laufe dieser Erzählung vielfach der gefährlichen
Korallenbänke wird Erwähnung gethan werden.
Die Koralle, eine Polypenart, siedelt sich am häufigsten in den
tropischen Gegenden an, an geschützten Küsten oder auf nicht tiefer als
50 Meter liegendem Meeresgrunde, sind die Bedingungen zur Fortpflanzung
günstig, d. h. reichliche Nahrung und eine nicht unter 18° C. sinkende
Wassertemperatur vorhanden, so breiten sie sich sehr schnell aus
und bilden durch das Absterben der Milliarden kalkhaltiger Thiere
allmählich eine feste steinige Masse.
Sie wächst bis zur Ebbegrenze, d. h. bis zum niedrigsten Stande des
Meeresspiegels, dann hört aus Mangel an genügender Nahrungszufuhr ihr
Wachsthum auf, dafür aber dehnen sie sich nach der offenen See mehr und
mehr aus, selbst die schweren, auf solchem Randriff brechenden Wogen
hindern die Thierchen nicht am Weiterbau. Lücken, durch sehr schwere
Brandung hervorgerufen, füllen sie schnell wieder. Meistens bildet der
äußere Rand eines Riffes eine steile Wand, was namentlich der Fall ist,
wenn an solchem die Wassertiefe schon beträchtlich ist.
Um es zu verstehen, daß selbst auf abschüssigem Grunde ein Korallenriff
an Ausdehnung gewinnen kann, muß man bedenken, wie die Korallenthiere
bis zu der Tiefe von 50 Meter immer weiter an gebildeten Bänken
fortbauen, so über großen Tiefen frei hängende Massen bilden, die
schließlich durch die Gewalt der See oder ihrer eigenen Schwere
abbrechen und versinken. Solche abgestürzten Massen aber, im Laufe
der Zeiten übereinander gethürmt, geben den Thieren immer neue
Ansiedelungspunkte und die Folge ist, daß an vielen Riffen eine steile,
senkrechte Wand gefunden wird, die aus einer Tiefe von mehreren hundert
Fuß bis zur Oberfläche des Meeres aufragt.
Eine eigenthümliche Erscheinung ist ferner, daß an der Mündung von
Bächen und Flüssen die Koralle sich nicht ausbreitet, es erklären
sich hierdurch die kleineren oder größeren Riffpassagen, die man
bei Wallriffen unter Inseln oder Festland immer findet. Der Grund
dafür ist, daß den Korallenthieren durch das Süßwasser die benöthigte
Nahrung entzogen wird und sie naturgemäß absterben, oder, wo durch
brandende See ihnen solche doch noch zugeführt wird, sich nur äußerst
langsam ausdehnen. Ebenso werden die Thierchen an der gedeihlichen
Fortpflanzung unter Land auch dadurch gehindert, daß, während schon an
und für sich das Meer ihnen geringere Nahrung zuführt, die Landwinde
vom Ufer vielen feinen Staub abwehen. Dadurch erklärt es sich, wie
häufig in der Nähe des Landes die Koralle das Weiterbauen eingestellt
hat und Durchfahrten für Boote und Kanoes freigeblieben sind. Orte,
wo die Koralle im Meere nicht gedeiht, sich vielleicht überhaupt nicht
angesiedelt hat, wie man solchen Vorgang an Inseln beobachten kann --
eine Seite derselben ist mit Riffen eingefaßt, die andere nicht -- ist
fast immer auf eine kältere Meeresströmung zurückzuführen, die unter
Küsten oder Inseln hinzieht.
Das ausgedehnte Gebiet des Großen Ozeans, dessen weitverzweigte
Inselwelt vielfach heute noch ein Vulkanheerd ist, bringt hin und
wieder plötzliche Veränderungen hervor, für Jahrtausende beständig
gebliebene Riffe versinken oder heben sich. Tritt solche Verschiebung
ein, sinkt z. B. ein Riff unter die Meeresoberfläche, so baut sich die
Koralle ungemein schnell auch auf schon erstorbenen Flächen wieder an
und führt das Riff zur Meeresoberfläche; hingegen heben sich unter
Wasser gebildete Bänke, was zur Folge hat, daß im größeren Umkreise
auch der Meeresboden gehoben wird, so nimmt die Koralle am Randriff
ihre Arbeit wieder auf, da sie auf einer Tiefenlinie von ungefähr
2000 Meter nicht weiter bauen kann, weil der in solcher Tiefe große
Kohlensäuregehalt des Meerwassers einen Weiterbau verhindert.
Was die Bildung der Korallen-Inseln anbetrifft, so entstehen solche
nur durch Anhäufung losgelöster Korallenblöcke, die durch schwere Seen
bei Stürmen oder Orkanen auf das Riff getragen werden. Ueberwiegt auch
am Riffrande das Wachsthum der Koralle den Verlust, welcher durch die
unablässig anbrandenden Wogen entsteht, die solche Theile und Theilchen
loslösen und auf dem Riffe ebenfalls ablagern, so tragen doch diese
dazu bei, schon etwa über Fluthhöhe angehäufte harte Korallenmassen
zu verbinden und heftige Winde thun das Ihre, zu Zeiten der Ebbe den
leichten Korallenmörtel immer höher aufzuhäufen. Dann fehlt nur noch
die Vegetation; angeschwemmte Kokosnuß und Pandanuß finden fruchtbaren
Boden; Samen, von Seevögeln oder den Wogen zugetragen, keimen auf der
kleinen Fläche, die hierdurch auch immer mehr an Ausdehnung gewinnt,
bis im Laufe der Zeiten Inseln von beträchtlichem Umfange entstehen.
Bei der Beschreibung des Marschall-Atolls und anderer werde ich auf
deren muthmaßliche Bildung zurückkommen, obgleich die Entstehung der
heutigen Inselgruppe auf ganz gleiche Vorgängen zurückzuführen ist.
Sieben Seemeilen weiter westlich von dem, dem Hafen von Saluafata
vorgelagerten Riffe -- die Küste zeigt auf dieser Strecke nur wenig
Korallenbildungen -- erhebt sich von der Vailele-Bai erst wieder das
massive, von hier die ganze Küste westwärts umfassende Korallenriff.
Die brandenden Wogen an denselben mahnen zur Vorsicht, man ist deshalb
gewohnt, einen größeren Abstand zu halten, als bei günstigem Winde
nöthig wäre, da die Wassertiefe fast überall bis dicht unter das Riff
beträchtlich ist.
Erschwert wird daher auch das Auffinden der Einfahrt, die zum Hafen
von Apia führt; namentlich für einen mit den Verhältnissen und den
Strömungen nicht vertrauten Schiffsführer hat die erste Ansegelung
etwas Schwieriges. Wohl geben der Apia-Berg, ferner auf diesem und
die an dessen Fuße auf dem kleineren Waea-Hügel errichtete Baken und
Feuer ein gutes Merkzeichen, doch diese sind nicht immer, wenn Dünste
und feuchte Nebel darüber lagern und tiefhängende schwere Regenwolken
das Innere der Insel verhüllen, aus größerer Entfernung sichtbar und
selbst der Hafenlootse kann sich bei bewegter See auch nicht immer
weit aus dem Schutze der Riffe herauswagen, um dem irrenden Schiffe als
Wegweiser zu dienen. Dazu kommt, daß der nach Westen setzende Strom ein
Schiff leicht über die Peilrichtung der gegebenen Zeichen hinaustreibt,
und manchem Führer geht es so wie es auch mir ergangen ist, daß er,
gegen schwachen Ostwind kreuzend, weit fortgetrieben wird und er Tage
braucht, ehe er die Höhe des Hafens wieder erreicht.
Man bezeichnet auch den durch den im Apia-Hafen mündenden
Vaisigano-Fluß gebildeten Wasserfall, der landeinwärts bei dem Dorfe
Maniani liegt, als gutes Merkzeichen, da er im Sonnenlichte hell
blinkend seine Wasser aus beträchtlicher Höhe abstürzt und auch
weit von See aus sichtbar ist; allein da solche Fälle bei günstiger
Beleuchtung an der Nordseite der Insel mehrere zu sehen sind, so ist
der Vaisigano-Wasserfall kein untrügliches Zeichen. In den Monaten Mai
bis November wird man indes hier meistens immer klares Wetter antreffen
und es dann nicht schwierig sein, die Einfahrt in den gut geschützten
Hafen zu finden.
Es war am 19. November 1884 als wir, schon nach hereingebrochener
Dunkelheit, den sicheren Hafen erreichten und ich nach einer Reise
von 175 Tagen (der Aufenthalt in Melbourne eingerechnet) das Land
betrat, wo für mich eine jahrelange Thätigkeit im Dienste der deutschen
Handels- und Plantagen-Gesellschaft vorgesehen war. Dem Fremdartigen,
das einem in fern entlegenen Ländern entgegentritt, wendet man
anfänglich seine ganze Aufmerksamkeit zu; so fühlte man sich auch hier,
wo schon die reiche Tropenwelt, die ganze Großartigkeit der Scenerie
die Sinne gefangen nahm, versucht, die gewonnenen Eindrücke auf sich
wirken zu lassen, und das Wohlgefälligste, was dem Beobachter hier in
diesem schönen Erdenparadiese entgegentritt, sind die Bewohner dieses
gesegneten Landes selbst.
Stolze, stattliche Gestalten sind die Männer, groß und schlank gebaut,
Klugheit und Kraft verrathend, soweit letztere aus dem stolzen Gang und
dem wohlgenährten Körper ersichtlich ist. Der Körper ist bis auf den
Lendenschurz, den Lava-Lava, den sie gefällig um die Hüften tragen,
nackt, die Beine fast bis zum Unterleib tätowirt, stechen die blauen
Streifen oder Ringe von der lichtbraunen Farbe des Körpers auffällig
ab. Die Frauen sind selten über Mittelgröße, haben hübsche, anmuthige
Gestalten, zeigen Sanftmuth und gefälliges Wesen, vor allem, wenn noch
Jugendreiz sie schmückt und sie ihre Schönheit durch die duftenden
Kinder der hier üppig blühenden Flora zu heben bemüht sind, die sie
kranzartig sich in das starke, mähnenartige, schwarze Haar einflechten.
Ein sorglos glücklich Volk, dem die Natur ihre reichen Schätze ohne
Arbeit und Müh in den Schooß wirft, scheinen diese Ureinwohner zu sein.
Wohin man den Blick wendet, Früchte beladene Kokospalmen, vereinzelt
oder in großen Gruppen, Apfelsinen und Brotfruchtbäume neben der
zuckersüßen Banane, der wohlschmeckenden, nahrhaften Yamswurzel,
dem Zuckerrohr und der Taroknolle, machen die Hauptbestandtheile
der Nahrung der Eingeborenen aus, nur die letzten Arten bedürfen
der Anpflanzung und sehr geringer Pflege. Der Palmenbaum, der Milch,
Oel und saftigen Kern giebt, Gewebe und wohlschmeckendes Getränk, um
Dörfer und Hütten gepflanzt, genügte allein schon den Eingebornen zu
sättigen und zu befriedigen. Nicht die Größe des Flächenraumes schätzt
dieser deshalb hoch, sondern die Zahl der Palmenbäume, die ihm zu eigen
gehören.
Der große Hafen von Apia, durch die vorspringende Matautuspitze und die
weitgestreckte schmale Landzunge Mulinun gebildet, durch die weit in
See sich erstreckenden Riffe eingeengt und eigentlich erst geschaffen,
bietet genügenden Raum und Wassertiefe für eine ganze Anzahl großer
Schiffe; der kleinere Hafen hingegen ist etwas beengt, bietet aber
für jedes Schiff, wenn solches wegen seines Tiefganges nicht im großen
verbleiben muß, eine noch gesichertere Lage. Uebrigens ist der kleine
Hafen eigentlich nur der Ankerplatz für die der Plantagen-Gesellschaft
zugehörenden Schiffe.
Auffällig und sofort ins Auge fallend sind die großen Bauten der
Deutschen Handels-Gesellschaft, vor allem das gefällige Hauptgebäude,
das in seiner Ausdehnung nicht bloß die Kontore, sondern auch die
Wohnung des derzeitigen Chefs, des Herrn Konsuls Weber, sowie aller im
Innern-Dienst Angestellten enthält.
Das Innere des großen Quadrats nimmt ein gefälliger Ziergarten ein,
dessen Bäume und Pflanzen viel dazu beitragen, die heiße Schwüle der
Abende zu mildern und erfrischende Kühle verbreiten. Alle Häuser der
Europäer, aus Holz erbaut, das nach Bedarf von amerikanischen Schiffen
eingeführt wird, stehen um einige Fuß über dem Erdboden erhöht meistens
auf gemauerten Korallenpfeilern. Es ist dies insofern eine zwingende
Nothwendigkeit, als, abgesehen davon, daß während der Regenzeit
vom November bis April, die Feuchtigkeit fern gehalten wird, dem
zahlreichen Ungeziefer nach Möglichkeit gewehrt werden muß.
Ratten in Unmenge, Ameisen zu Milliarden bürgern sich in den Häusern
gar zu gerne ein und namentlich gegen letztere, die durchaus nichts,
was eßbar ist, verschonen, kämpft hier der Mensch vergeblich an.
Um diese kleinen geschäftigen Thierchen, die unter Dielen, in den
Holzfüllungen ihre Heimstätte aufschlagen, nur einigermaßen vom
Genießbaren fernzuhalten, müssen Tischbeine, überhaupt alle Gefäße,
die Eßbares enthalten, in Wasserbehälter gestellt werden, das ist die
einzige Methode, mit einigem Erfolge Speisen, Früchte u. s. w. vor
Verderben durch Ameisen zu schützen.
Ein wahres Heer voll Ungeziefer aber beherbergen die Kopraschuppen,
jene Gebäude, welche aufgespeicherte Vorräthe an getrockneter Kokosnuß
enthalten. Kopra ist der in Stücke geschnittene und an der Sonne
getrocknete Kern der Nuß, jenes werthvolle Erzeugniß, das in Europa
die feinsten Oele, Seifen, Säuren u. s. w. giebt und jederzeit hoch
im Preise steht. In solchen Gebäuden wimmelt es von Ratten, Käfern,
Kakerlaken und Ameisen, die hier überreiche Nahrung finden, Tausendfuß
und anderes gefährlicheres Gewürm, selbst den Skorpion habe ich
zuweilen an anderen Orten bemerkt.
Eine langandauernde Lagerung des Kopras, dessen reicher Oelgehalt
bedeutende Wärme erzeugt, bringt durch Eintrocknen schon einen
Gewichtsverlust mit sich, mehr aber verliert die Güte desselben
durch die erwähnten Thierarten. Bei der Verschiffung des Kopras wird
natürlich solch lästiges Gewürm mit in das Schiff übergeführt und
monatelanges Lagern großer Mengen Kopra in einem Schiffsraume hat zur
Folge, daß namentlich Ameisen und Kakerlaken sich einbürgern, gegen
deren Vertilgung nordische Kälte nur das einzige durchgreifende Mittel
abgiebt.
Die ausgedehnten Bauten der deutschen Factorei und das dazu gehörige
Gelände trägt den Namen „Savala“, die langgestreckte Landzunge, auf
welcher sich mehrere kleinere Dörfer als „Songi“ und ganz am Ende die
Wohnung des derzeitigen Königs „Maliatoa“ befindet, heißt „Mulinuu“.
Gebüsch, Palmen und Brotfruchtbäume bedecken diese Landfläche, die im
Hintergrunde ein dichter Mangrovensumpf umsäumt, die Brutstätte der
lästigen Mosquitos und des zu Zeiten austretenden Malariafiebers.
Das Klima der meerumrauschten Insel ist im Allgemeinen als ein gesundes
zu bezeichnen; wie ich aus eigener Erfahrung weiß, hat der Europäer,
den tödtliches Fieber befällt, es meist immer selbst verschuldet und
zwar dadurch, daß er die in den Zimmern herrschende drückend heiße
Luft durch Oeffnen von Thür und Fenstern während des Schlafes in der
thaukalten Nacht zu mildern sucht, deren feuchte Luft zwar angenehm den
Körper kühlt, aber auch eine verderbliche Einwirkung auf die Gesundheit
ausübt. Wenige Monate nach meiner Ankunft (ein längerer Aufenthalt am
Lande war mir vorgeschrieben) hatte ich durch solche Unachtsamkeit mir
ein schlimmes Fieber zugezogen; zwischen Tod und Leben rang ich lange,
bis doch die Natur, unterstützt durch die Kunst der Aerzte, Sieger
blieb.
Man wandelt nicht ungestraft unter Palmen, das bestätigt sich auch
hier selbst bei den Eingebornen; unter anderen Krankheiten sei nur die
den Körper verunstaltende Elephantiasis angeführt. Häufig tritt diese
Krankheit auf, und wenn sie auch im ersten Stadium noch schmerzlos ist,
so schleppt doch der Betroffene ein meistens sehr dick angeschwollenes
Bein, das ihm äußerst lästig und am Gehen hinderlich ist, herum, selbst
langansässige Europäer befällt zuweilen dieses unangenehme Leiden.
Von der äußersten Spitze der Landzunge Mulinuu führt ein bequemer Weg
rings um die Bai nach Matautu, der als eine eigentliche Straße aber
erst von der deutschen Factorei an zu betrachten ist. Zur Rechten
liegen dort einige gefällige Cottages, im Styl englischer Landhäuser
erbaut, mit vorliegenden Gärten und dem freien Ausblick auf den
Hafen; die Straße selbst wird von hohen Apfelsinenbäumen beschattet,
deren kugelrunde noch unreife Früchte den jungen Samoanerknaben als
Spielbälle dienen, indem diese sich die fast nackende, lebhafte Schaar
mit Geschick zuwirft.
Weiterhin erst im eigentlichen Matafele, wie die Hauptansiedelung
der Europäer benannt wird, reihen sich Häuser zu beiden Seiten der
Straße, Hotels, Gastwirthschaften und Privatwohnungen, hinter diesen
das Samoanerdorf Matafele. Dem Durstigen winkt hier in den geräumigen
Wirthschaften ein kühler Trunk, durch künstliches Eis gekühlt; denn
Durst, durch die Sonnengluth erzeugt, hat Jedermann, auch stehen neben
Versandbier, das ausnahmslos deutsches Erzeugniß ist, Spirituosen, ja
die theuersten Sorten edlerer Getränke jedem zur Verfügung, sofern der
dafür geforderte hohe Preis nicht den Geldbeutel zu bedenklich leert,
da unter einem Sixhenie, d. h. 50 Pfennigen, nichts erhältlich ist,
eine Flasche Bier aber schon zwei Mark kostet und Weine noch bedeutend
höher im Preise stehen.
An Vergnügungen fehlt es auch nicht, die meisten Wirthe, dazumal
vornehmlich Deutsche, haben neben einem Tanzsaal, wo gelegentlich
zum Klavier oder Harmonika jeder mit den hübschen Samoanerinnen,
die leidenschaftlich dem Tanze und Spiel sich hingeben, tüchtig das
Tanzbein schwingen kann, auch für Liebhaber des Kegelsports gute
Bahnen eingerichtet, und diese werden von dem zahlreichen Personal der
Factorei und sonstigen Deutschen auch tüchtig benutzt.
Damit freilich sind die hauptsächlichsten Vergnügungen lokaler Art
erschöpft, Jagdliebhabern bietet sich solches in anderer Weise,
da zahlreiche wilde Tauben und Hühner, selbst verwilderte Schweine
in den Bergen zu finden sind; auch sonntägliche Reitausflüge nach
den Plantagen Vailele, Vaivase, Vaitele, selbst bis nach Molefenua
ausgedehnt, finden viele Theilnehmer, besonders aber sind Picknicks mit
Damen, den Kindern einiger langansässiger Europäer, und Samoanerinnen,
die ihre lichtbraunen Schwestern oftmals noch an Schönheit übertreffen,
für die Jüngeren ein beliebtes Vergnügen, zu deren Veranstaltung
Ausflüge in die schönsten Orte der Umgebung von Apia gemacht werden.
Hierbei fehlt, was ich gleich erwähnen will, gewöhnlich nicht der
bei den Samoanern so beliebte Schweinebraten, und wenn auch sonst der
stolze Eingeborne sich nicht herbei läßt, eine Handreichung zu thun, so
übernehmen bei solcher Gelegenheit die Aufgeforderten doch gerne das
Amt eines Mundschenks und bereiten eigenhändig nach ihrer Weise den
köstlich duftenden Braten.
Nach der Anzahl der Theilnehmer wird ein mittelgroßes Schwein vorher
geschlachtet, sehr sauber gereinigt und zerschnitten bereit gelegt. In
einer Grube, die rings mit Steinen ausgefüllt ist, werden diese durch
ein in derselben entzündetes Feuer glühend heiß gemacht, das Schwein in
große Bananenblätter fest eingewickelt, wird nach Verlöschen des Feuers
dasselbe dann in die Grube gebettet und auch mit ebenso heißen Steinen
zugedeckt, worüber dann Erde geschüttet werden muß, um zu verhindern,
daß die Hitze entweicht.
Von Kraft und Fettgehalt gar nichts verloren, wird nach Verlauf
mehrerer Stunden der äußerst zarte Braten behutsam herausgenommen und
auf frische Bananenblätter gelegt, dann reißt der Vertheiler mit den
Händen das Schwein auf. Allen im Kreise umhersitzenden Theilnehmern am
Mahle sind vorher Bananenblätter als Teller vorgelegt worden. Auf diese
wirft mit vielem Geschick der eine oder andere Gehülfe des Mundschenks
die von diesem mit den Händen in Stücke zerrissenen Fleischtheile,
dabei jedesmal den bezeichnend, dem sein Antheil zugeworfen werden
soll.
Nach unsern verfeinerten Begriffen ist solche Behandlung des Fleisches
sowohl, wie auch der ganze Vorgang etwas unappetitlich, indes stößt man
sich weniger daran, da vor den eigenen Augen alles mit peinlichster
Sauberkeit vorgenommen wird, auch liegt ein gewisser Reiz darin,
Unbekanntes und Eigenartiges kennen zu lernen. So viel ist gewiß,
ein jeder läßt sich das zarte Fleisch eines so bereiteten Schweines,
das nachträglich mit Salz gewürzt wird, vortrefflich schmecken, dazu
die zarten Yamswurzeln und Bananen, duftende Ananas und Orangen als
Nachtisch. So wird solches Essen ein lukullisches Mahl, das mit Bier,
Whisky und Sodawasser heruntergespült wird.
Gewöhnlich aber haben die theilnehmenden Samoanerinnen noch etwas
zur Ueberraschung vorbereitet: nämlich das beliebte, pikante
Palisami. In junge Bananenblätter mehrfach eingehüllt, liegt eine
weiche, weiße Masse, unsern Windbeuteln vergleichbar, die, von den
zartesten Blüthenblättern des Kokosbaumes umgeben, einen scharfen,
aber angenehmen Geschmack hat, erzeugt durch die feinen Blättchen,
die mit gegessen werden. Das Ganze besteht aus ganz fein geriebenen
Kokosnußkernen, durchsetzt mit der weißen Kokosmilch. Der eintretende
Säureprozeß trägt viel zum Wohlgeschmack bei.
Die Fröhlichkeit wird dann durch die ungemein wohlklingenden Gesänge
der blumengeschmückten Samoanerinnen eingeleitet. Einer Vorsängerin,
die Melodien und Text angiebt, folgt der ganze Chor mit einer
auffallenden Richtigkeit, die anmuthigen Bewegungen, das taktmäßige
Wiegen des Oberkörpers nach dem Rhythmus, das Klatschen der Hände auf
den Beinen, Armen, Schultern und Kopf geschieht mit solcher Präzision,
daß nur ein angeborenes Talent solche Fertigkeit hervorbringen kann.
Nicht minder interessant sind die Tänze; wie auf Kommando bewegen sich
die Füße und Gliedmaßen, das Aufreihen und Schließen einer Kette oder
Ringes geschieht mit unfehlbarer Sicherheit, dazu kommt der melodische
Gesang, kurz, es ist ein Genuß, den Bewegungen der graziösen Gestalten
zuzusehen.
Oft habe ich in den Hütten der Eingebornen, wo gerne Gastfreundschaft
geübt wird, bei kredenztem Kavatrunk Tanz und Spiel zusehen können
und über die Sorglosigkeit der Eingebornen Betrachtungen anzustellen
Gelegenheit gehabt, mit welcher die gütige Natur dieses glückliche
Volk ausgestattet hat, das durch schöne Gestalt und heiteren Sinn ganz
besonders bevorzugt ward.
Bei solchen Vergnügungen sowohl, wie bei einem Besuch in der
schmucklosen Hütte des Eingebornen, wird der Nationaltrunk
herumgereicht und ist dieser in folgender Weise zubereitet: die grüne
Kavawurzel, sonst giftig, wird vollständig an der Sonne getrocknet,
bis sie gelb und die Fasern spröde geworden sind, wodurch sie ihre
schädlichen Eigenschaften vollständig verliert. Die eigentliche und bei
den Samoanern beliebte Zubereitung nun ist: es kauen die jungen Mädchen
nach vorgenommener Reinigung des Mundes Theile dieser Wurzel mit ihrem
vorzüglichen Gebiß klein, rollen solche in Kügelchen und legen diese
in die Kavaschale, eine aus dem Holze des Brotfruchtbaumes künstlich
geschnitzte und auf kurzen Füßen ruhende Mulde. Dann werden die
Wasserbehälter, vollständige, möglichst große Kokosnüße, die so lange
in Seewasser gelegen haben oder mit solchem angefüllt gewesen sind,
bis der schmackhafte Kern in derselben sich aufgelöst hat und durch
die kleinen Keimlöcher entfernt ist, herbeigebracht, die nach Bedarf
vorräthig in oder außerhalb der Hütte hängen und nach vorgenommener
Reinigung der Hände wird von ihnen so viel Wasser in die Schale
gegossen, als erforderlich erscheint.
Die den Kavatrank bereitende Frau rührt nun mit einem bereitgehaltenen
Büschel feiner Fasern von der Banane das Ganze durcheinander, bis
das Gebräu eine schmutzig-bräunlich-gelbe Färbung angenommen hat,
dabei ist sie mit dem Büschel bemüht, auch das kleinste Fäserchen
der aufgelösten Kavawurzel zu entfernen. Ist der Trank bereitet, was
durch Händeklatschen den Anwesenden kundgethan wird, so bezeichnet
der Hausherr den vornehmsten Gast durch Aufruf und eines der jungen
Mädchen hält, sich erhebend, eine durch vielen Gebrauch schön polirte
Kokosnußschale über den Kavabehälter und läßt sich den ausgeschwenkten
und wieder eingetauchten Faserbüschel darin ausdrücken, oder richtiger,
das oft über einen halben Liter fassende Gefäß mit dem Getränke
volllaufen. In graziöser Bewegung schreitet das Mädchen dann auf den
Bezeichneten zu und kredenzt, vor dem Sitzenden sich neigend, das
Getränk.
Hierbei ist es Regel (soll in einer Nichtannahme keine Beleidigung
des Wirthes gefunden werden), daß die Schale geleert oder doch daraus
getrunken wird, den Rest kann man seitwärts oder über den Kopf hinweg
ausschütten und dann das leere Gefäß dem wartenden Mädchen zurückgeben.
So geht es in der Runde fort, oft wird auch die große Schale nach
Bedarf mehrmals aufs Neue gefüllt. Gesang, an welchem auch die Männer
sich betheiligen, hilft ein solches Trinkgelage verschönern.
Die Kavawurzel besitzt auch die Eigenschaft, einem kranken und
ermatteten Körper Ruhe zu geben, sowie eine schmerzstillende Wirkung
auszuüben, sie hat deshalb weite Verbreitung als Genußmittel auch bei
den übrigen Südseeinsulanern gefunden.
In größeren Mengen genossen, wirkt der Kavatrank aber doch berauschend,
und bei vollständig klarem Kopfe hat man das Gefühl, als weiche der
Erdboden unter den Füßen, eine Art Gefühllosigkeit macht sich in den
Beinen bemerkbar und kaum spürt man die Berührung mit dem Boden.
Bei einem Ausfluge zu einem landeinwärts lebenden Europäer, wo in
Ermangelung von Bier und anderen Getränken von den gefälligen Samoanern
reichlich Kava kredenzt wurde und ich als Neuling schließlich auch
Gefallen an dem eigenartigen Getränke fand, dessen Wirkung ich nicht
kannte, machte ich auf dem langen Heimwege in dunkler Nacht dann die
Erfahrung, daß ein neckischer Kobold sein Spiel mit mir zu treiben
versuche.
Das Kauen der Kavawurzel ist, wie erwähnt, im Allgemeinen gebräuchlich,
doch bürgert sich, wenigstens wo ein häufigerer Verkehr mit Europäern
stattfindet, mehr und mehr die Methode ein, diese Wurzel zwischen
Steine zu zerklopfen und das unappetitliche Zerkauen mit den Zähnen
unterbleibt. Die Zubereitung des Trankes bleibt sonst dieselbe.
Wie bei den meisten Naturvölkern, so herrscht auch bei den Samoanern
keine strenge Sittlichkeit, doch darf als Beweis die Veranstaltung des
Festes angesehen werden, welches zu Ehren der unbescholtenen Jungfrauen
gefeiert wird. Bei diesem folgt Alt und Jung dem Zuge, an dessen Spitze
die jungen Mädchen im reichsten Blumenschmuck einherschreiten. So
allgemein ist diese Sitte, daß das Fest in jedem großen Dorfe begangen
wird. Die Anwesenheit der Europäer ist bei solcher großen Festlichkeit
sehr erwünscht, sind sie vorhanden, so wird ihnen der Ehrensitz an der
Seite der Jungfrauen zutheil.
In gleicher Weise wie bei den geschilderten Picknicks wird auch
hierbei, nur im großartigeren Maßstab, ein opulentes Mahl im grünen
Grase unter den Wipfeln rauschender Palmen abgehalten, dem Gesang und
Tanz folgt ein Schauspiel in dieser herrlichen, pittoresken Gegend
und Umgebung, wie solches eindrucksvoller und natürlicher von den
frohsinnigen Kindern eines gesegneten Fleckchen Erde nicht vorgeführt
werden kann.
Reinlichkeit des Körpers ist eine Tugend des samoanischen Volkes,
hervorgerufen durch die Anschauung, daß dadurch allerlei Krankheiten
fern gehalten werden, zu jeder Tageszeit in den kühleren Stunden findet
man an den Ufern der aus den Bergen kommenden Flüße und Bäche badende
Mädchen und Frauen; ja dies ist so zu einem Bedürfnisse geworden, daß
selbst Kranke sich zu den erfrischenden Wassern schleppen.
Um Haut und Körper geschmeidig zu erhalten, reiben namentlich Frauen
und Mädchen sich mit Kokosnußöl ein, welches dem Braun der Hautfarbe
etwas Glänzendes giebt; gleichwohl geht auch ein scharfer Geruch von
ihnen aus, der ein empfindliches Riechorgan beleidigen kann; auch eine
aneinandergereihte haselnußgroße Frucht, mit Vorliebe neben Muscheln
und Blumenranken als Schmuck getragen, vermehrt den scharfen Geruch des
Oels, die Gegenwart eines weiblichen Wesens macht sich sofort dadurch
bemerkbar.
Bei beiden Geschlechtern ist das Kopfhaar auffallend stark, andere
Haare am Körper, selbst oft der sprießende spärliche Bart des Mannes,
werden durch Ausreißen entfernt und wo sie sich dennoch zeigen, solche
mit scharfen Glasscherben oder Muscheln abrasirt. Während die Männer
sich nach und nach den ganzen Unterkörper tätowiren, haben die Frauen
nur einzelne Punkte auf der Brust, und ich muß sagen, erstere müssen
bei dem schmerzhaften Verfahren recht starke, wenig empfindliche
Nerven besitzen, denn eine Anzahl dicht aneinandergereihter Nadeln, die
bis auf eine gewisse Länge in die Haut eindringen, werden, befestigt
an einem Holzstück, mit leichten Schlägen eines kleinen Holzhammers
eingetrieben und auf diese Weise die einfache Zeichnung ausgeführt.
Das Kopfhaar der Samoaner ist stark und schwarz; findet man bei den
Männern rothes, so ist dies künstlich erzeugt und beweist einen
gewissen Grad von Eitelkeit. Schlanke Jünglinge, selbst Männer,
erscheinen häufig am frühen Morgen mit einer eigenartig weißen
Perrücke geschmückt, bis über die Schläfe hinaus ist der ganze Kopf
in eine starre, weiße Kalkmasse eingehüllt, was den Trägern solcher
Kopfbedeckung ein eigenthümliches Aussehen giebt. Dabei sind sie auch
noch darauf bedacht, ihre Frisur vor Verletzungen und Unordnung zu
schützen.
Die Folge ist, daß unter beständiger Einwirkung von Kalk, der hier
leicht aus gebrannten Korallensteinen zu gewinnen ist, das Haar
allmählich bleicht und schließlich roth wird, neuer Nachwuchs muß
natürlich immer auf gleiche Weise behandelt werden und die Eitelkeit
legt dadurch dem sonst trägen und zur Arbeit wenig geneigten Samoaner
doch gewisse Beschränkungen auf. Uebrigens ist ein Unterschied in der
Sprache wie in der Bekleidung vorhanden. Während nämlich die Taimua, d.
h. die Vornehmen, sich einer besonderen Sprache bedienen, im Gegensatz
zu der der Faipule, d. h. des gemeinen Volkes, so ist es nur den
Häuptlingen und den Mitgliedern einer Königsfamilie gestattet, weiße
Lava-Lava, d. h. Lendenschurze zu tragen.
Als um das Jahr 1830 die ersten Europäer sich hier festgesetzt und
allmählich der Handel an Ausdehnung gewann, war die Ausfuhr nach Europa
vornehmlich Kokosnußöl, welches die Eingebornen in größerer Menge
bereiteten, davon ist man aber längst abgekommen und führt die viel
billigere Kopra unter Ausnutzung ihrer reichhaltigen Stoffe, die bei
der ursprünglichen Oelgewinnung vergeudet wurden, lieber in Mengen aus.
Die Oelbereitung geschah, wie früher so auch heute noch, auf folgende
Weise: die reife Kokosnuß wird aufgespalten und von der äußeren
fasrigen Hülle befreit, so daß der ölhaltige Kern nur noch von der
harten festen Schale umgeben bleibt, der Kern wird dann durch Hin- und
Herscheuern auf einem wie eine Säge ausgezackten Stück Bandeisen oder
hartem, schmalen Holz klein gerieben und die gewonnene Maße dann in
eine Mulde oder alten Kanoe geschüttet. Dann wird sie mit Seewasser
übergossen und dem Gährungsprozesse überlassen. Das Oel sammelt
sich überm Wasser und kann leicht abgeschöpft werden. Es ist sehr
säurehaltig, wird deshalb leicht ranzig und eignet sich schlecht zum
Gebrauch, der widrige Geruch hat auch etwas unangenehm Belästigendes an
sich.
Um zu dem schon erwähnten Palisami oder zu einer Reisspeise,
selbst Hühnersuppe, die benöthigte weiße Milch zu erhalten, braucht
die kleingeriebene Kernmasse nur in einem Stückchen Zeug oder in
Ermangelung dessen in einer weichen, feingewobenen Matte ausgedrückt
zu werden, der weiße, wohlschmeckende Saft fließt durch das Gewebe ab,
der Rest dient den Hühnern und Schweinen als Nahrung, die sehr gierig
nach solchem Futter sind; namentlich muß vor letzteren die auf Matten
ausgelegte Kopra geschützt werden, denn mit besonderer Vorliebe eignen
sich diese Thiere den wohlschmeckenden, ihnen so mundgerecht gelegten
Vorrath an.
Die Kokospalme ist überhaupt der von der gütigen Natur für viele
Volksstämme gespendete Universal-Baum; diese erhabene, majestätische
Bauart, die vielfältig dem Menschen Nahrung, Kleidung und Obdach
giebt, hat auch den zivilisirten Europäer nach Gegenden gezogen, die
ein einsam freudloses Dasein bieten, wo er oft mit wilden, selbst
kannibalischen Stämmen, schwere Kämpfe bestehen mußte, ehe ein
Tauschhandel um die werthvolle Kokosnuß eingeleitet werden konnte.
Die Kokospalme wächst überall in den Tropen, auf Korallen, wo sonst
kein Gras noch Strauch zu sehen ist, senkt sie ihre Wurzeln tief ins
Gestein und saugt das für sie nöthige Wasser auf, auch auf Hügeln und
Bergen, wo der Boden gut ist und genügend Feuchtigkeit halten kann,
findet man sie bis zu 500 Fuß überm Meeresspiegel. Auf verwittertem
Lavagrunde gedeiht der Baum am besten; ist genügend Raum zur Ausdehnung
vorhanden, so erreicht der astlose, schlanke Stamm oft eine Höhe von 90
Fuß, über dem sich die mächtige frucht- und blätterreiche Krone stolz
in den Lüften wiegt.
Auf den Plantagen geht man in einem Tempel, der scheinbar endlos
sein grünes Dach über viel Tausend Säulen wölbt; man ist wie in einem
hehren, mächtigen Dome, unter dessen Wölbung ein reiner, stiller Friede
waltet, ein Etwas, das jedem die Majestät der schaffenden Natur vor
Augen führt.
Die Blätter der Palme, bis zu 30 Fuß Länge reichend, dienen, ineinander
geflochten und schichtweise aufeinander gelegt, dem Eingebornen zur
Bedachung seiner Hütten, die meistens rund oder oval nur aus einer
Anzahl in den Boden gesetzter Palmenstämme bestehen, in der Mitte
ist ein höherer Stamm, der das schräge Dach zu unterstützen hat.
Die Wandbekleidung sind aufrollbare Matten, die Nachts, wenn der
mattenbelegte Raum als Schlafstätte benutzt wird, niedergelassen
werden, höchstens giebt es ein abgetrenntes Heiligthum in jeder Hütte,
das Schätze birgt und profanen Blicken nicht zugänglich ist, sonst ist
bei Tage das Innere einer Hütte meist immer sichtbar.
Große Geschicklichkeit zeigen die Samoaner im Flechten der Matten,
ihrer praktischen Fächer u. s. w. Auch hierfür giebt ihnen die
Palme wieder das Material. Die feinen Blätter werden aufgerollt,
eine zeitlang gut gewässert, und dann mit einem flachen Stein oder
Holz geklopft. Dann verliert sich die Sprödigkeit und jedes Blatt,
selbst zu feinen Streifchen leicht auftrennbar, giebt einen weichen,
handlichen Stoff. Körbe zum Heimschleppen etwaiger Feldfrüchte oder
Nüsse verfertigt sich der Samoaner erst an Ort und Stelle, ein Theil
des gewaltigen Palmenblattes genügt dazu, und zwar reißt er die starke
Mittelrippe des Blattes so auf, daß er zwei Theile erhält, flicht die
schmalen Blättchen in einander, so daß beide Theile nun ein Ganzes
bilden, biegt die geschmeidigen Rippen, befestigt sie und in wenig
Minuten ist ein starker, fester Korb hergestellt.
Die zähen, biegsamen Rippen der schmalen, langen Blattstreifen werden
auch nicht verworfen, sondern dienen, in Bündel gebunden, als Besen.
In Ermangelung besserer habe ich mir häufig solche zum Schiffsgebrauch
anfertigen lassen, die sich auch gut bewährten.
Die Blüthe der Palme tritt unterhalb der Blätterkrone in länglicher
blattähnlicher Form am Stamme hervor, in ihr sammelt sich der süße Saft
und zwar in solchen Massen, daß, wenn die Blüthe angeschnitten wird und
man die Wunde nicht vernarben läßt, weit über die Dauer der Wachszeit
hinaus der Saft fortwährend läuft. Solch ein Baum, dessen Blüthen zur
Gewinnung dieses Saftes einmal angeschnitten sind, bringt in Folge
davon keine Früchte, giebt aber den wohlschmeckenden, süßen Stoff
„Toddy“, den jeder gerne trinkt; frisch ist er ein angenehm kühles
Getränk, in Gährung übergegangen, was bald geschieht, wirkt er aber
stark berauschend.
Der Palmenbaum wird durch die Entziehung des Saftes natürlich
geschädigt, und wenn mit Nachlässigkeit verfahren wird, kann man sagen
verblutet sich derselbe und stirbt langsam ab. Meistens werden immer
dieselben Bäume zur Gewinnung des Toddy verwendet, da der Eingeborne
den Werth der Palme ebenso wie der Europäer wohl zu schätzen weiß, auch
ist das Toddystehlen, wozu der Samoaner große Neigung hat, arg verpönt
und wird ein Europäer dadurch geschädigt, steht auf Toddy-Raub eine
empfindliche Strafe.
Die junge Kokospalme bedarf eines fünfjährigen Wachsthums, ehe sie
Früchte bringt, und auch dann muß der Boden gut sein; auf Korallengrund
gepflanzt, entwickelt sie sich langsamer und braucht etwa sieben Jahre.
Von dieser Zeit aber an trägt sie auch immerwährend Nüsse, obwohl man
eigentlich bei den zwei Mal im Jahr eintretenden Haupternten den Ertrag
des einzelnen Baumes auf durchschnittlich 100 Nüsse rechnen kann. Drei
Nüsse werden gemeinhin auf ein Pfund Kopra gerechnet.
Reife, abgefallene Nüsse treiben, wenn sie längere Zeit unbeachtet
bleiben, leicht Keime. Häufig sah ich Haufen Nüsse, die mit jungen
Schößlingen bedeckt waren, auf freier Erde liegen, es bedurfte nur
einer Auspflanzung und der Entwicklung der anspruchslosen Pflanze stand
nichts im Wege. Regel ist, daß jeder Baum 30 Fuß Spielraum erhält,
aufeinandergedrängt entwickeln die Palmen sich schwerer, wenigstens ist
der Ertrag kein guter. Jung und grün gepflückt ist die äußere Schale
der Nuß noch verhältnißmäßig weich und inwendig ganz mit farbloser,
wohlschmeckender Milch gefüllt.
Diese, wohlschmeckend, kühl und angenehm, stillt zwar den Durst, doch
darf man nicht zu viel und zu häufig davon trinken, da sich dann leicht
Unterleibsbeschwerden einstellen. Das innere, zarte Fleisch der Nuß,
der in der Bildung begriffene Kern, ist für Mensch und Thier nicht
minder angenehm.
Zur Zeit der Fruchtbildung, wenn die Faserhülle noch weich und
dünn ist, machen sich mit Vorliebe die Ratten daran, die die Bäume,
namentlich die etwas geneigten, selbst die höchsten, erklimmen und die
Nüsse anschneiden und der angerichtete Schaden ist ganz beträchtlich.
Gegen diese Nagethiere vermag der Pflanzer die Früchte nur dadurch
einigermassen zu schützen, daß er seine Bäume mit Blechstreifen, über
welche die Ratten schlecht hinwegkommen, benagelt, auch gefallene Nüsse
möglichst schnell aufsammelt, da die scharfen Zähne der Ratten selbst
die zähe Faserhülle und die äußerst harte Schale der Nuß durchzufressen
vermögen. Ein Laie, der in den Besitz einer beinahe reifen Nuß gelangt
ist, wird schwerlich solche leicht öffnen können, da das Durchschneiden
der zähen Faserhülle selbst mit einem scharfen Messer kaum möglich ist.
Der Eingeborne bedient sich dazu eines 2-3 Fuß langen Stockes, den
er an beiden Enden zugespitzt hat; dann stößt er das eine Ende in die
Erde, faßt die Nuß mit beiden Händen und schlägt damit gegen die Spitze
des Stockes, sodaß dieser tief in die äußere Hülle eindringt. Alsdann
bricht er, mit der linken Hand den Stock festhaltend, mit der anderen
die Schale auf indem er die Nuß kräftig zur Seite biegt; wenige Schläge
genügen, und die Nuß ist von der zähen Hülle befreit. Um nun auch die
harte innere Schale zu öffnen, schlägt man mit einem Stein oder Messer
oder einer anderen Nuß dagegen, dann springt an der getroffenen Stelle
die spröde Schale leicht auf, Kern und Milch wird frei.
Soll die fasrige Hülle zu Matten oder Tauwerk verwendet werden, so
wird solche für längere Zeit in einen Frischwassertümpel gelegt;
die Fasern lösen sich dann auf und lassen sich, gereinigt, leicht
auseinander ziehen. Gewöhnlich spinnen die Eingeborenen daraus den
Cajar, einen zweidrilligen Faden, aber auch starkes, zähes Tauwerk,
jener dient ihnen namentlich dazu, ihre Hütten zu befestigen, die mit
Cajar gebunden, selbst vom wirbelnden Orkan nicht leicht niedergefegt
werden können. Zuletzt sei noch die harte Kernschale erwähnt, diese,
an und für sich nicht weiter verwendbar, wird zur Feuerung benutzt. Sie
entwickelt, da sie leicht brennbar ist, eine ganz beträchtliche Hitze.
Lehrreich ist es, zu beobachten, wie gewandt der Samoaner selbst die
höchsten Palmen zu erklimmen vermag und die hochhängenden Früchte
dieses Baumes zu erlangen versteht. Ein Hinaufklettern ist es freilich
eigentlich nicht, eher ein Vorwärtsschieben des Körpers mit Händen
und Füßen. Dabei weiß der Eingeborne sich auf eine einfache Weise
zu helfen. Der Stamm der Palme, obgleich ziemlich glatt, hat doch
eine beträchtliche Zahl leicht vorstehender Ringe, die ehemaligen
Blätteransätze, diese geben dem Kletternden dann einen gewünschten
Halt, wenn er sich mit dem erwähnten Cajar die Knöchel der Füße
so verbindet, daß vielleicht sechs Zoll Abstand bleibt. Wird die
Fußsohle gegen den Stamm gedrückt, so findet dieses kurze Tau an
den vorspringenden Ringen Halt; mit den Händen immer höher greifend,
schiebt sich der Körper bis zur schwankenden Höhe hinauf.
Der hohe Werth der Kokospalme, den auch der Europäer sehr zu schätzen
weiß, läßt sich aus dem Gesagten entnehmen; kein größerer Schade kann
daher dem Eingebornen zugefügt werden, als wenn man seine Palmen
vernichtet, was leider die Samoaner unter sich bei ihren häufigen
Parteikämpfen nicht unterlassen. Der siegende Theil schlägt, wenn er
Zeit findet, die Anpflanzungen der Besiegten nieder und fügt dadurch
dem Unterliegenden einen unersetzlichen Verlust zu.
Auffallend schnell hat der Samoaner sich dem Christenthume
zugeneigt, da er sehr empfänglich für das Neue und mit schnellem
Auffassungsvermögen ausgestattet ist. Das evangelische und katholische
Bekenntniß zählt zahlreiche Anhänger, man kann sagen, dem Namen nach
sind die meisten Bewohner der Samoagruppe Christen.
Um so leichter hat der Eingeborne die göttliche Lehre angenommen, als
er in ein Labyrinth von Göttern und Götzen gerathen war, aus dem ihm
selbst seine reiche Phantasie durch Umstürzen alter und Aufstellung
neuer Götter schwer einen Ausweg schuf. Im Allgemeinen war die
Anschauung der Allbeseelung der Naturwelt und der Menschen in ihm
lebendig.
Etwas eigenartig liegen die politischen Verhältnisse auf Samoa.
Das tapfere Volk, in Stämme und Parteien getheilt, schwingt trotz
seiner monarchischen Staatsverfassung immer aufs Neue die Fackel des
Bruderkrieges, schnell ist es zum Kampf bereit, schnell auch wieder zur
Versöhnung, die es durch großartige Feste feiert. Den Frieden aber, der
eigentlich nur ein Waffenstillstand ist, können geringfügige Vorfälle
leicht wieder stören.
Die Kriege sind, als noch Lanzen, Keulen und Schlachtbeile mehr im
Gebrauch waren, wohl nie sehr blutig gewesen, da Mann gegen Mann
gefochten wurde und schon bei einem geringen Verluste die schwächere
Partei das Feld räumte, die erbeuteten Köpfe der gefallenen Krieger
nahm der Sieger als Trophäe mit und legte sie seinem Oberhäuptling oder
dem Könige zu Füßen.
Von dieser scheußlichen Gewohnheit, den Todten und Verwundeten die
Köpfe abzuschneiden, lassen die Samoaner auch heute noch nicht,
zum mindesten wird, wenn keine Zeit vorhanden ist, die Schändung
vorzunehmen, schnell ein Ohr abgeschnitten, dann hat nämlich der Kopf
für einen anderen keinen Werth mehr. Missionare und strenge Gesetze
sind machtlos dagegen; von der Gewohnheit ihrer Vorfahren, solche
Trophäen heimzubringen, wollen sie durchaus nicht lassen.
Besser wurde die Lage auf Samoa auch nicht nach der Ansiedelung
der Europäer, und haben die Deutschen als die ersten auch großen
Einfluß gewonnen, so hat doch die Nebenbuhlerschaft der Engländer und
Amerikaner das Parteiwesen nur verschlimmert. Die Einfuhr von Waffen,
namentlich des Winchester Gewehrs, haben den begabten Samoaner, der
Landbesitz und große Mengen Kopra für die Erlangung solcher Waffe
hergab, zu einem nicht zu verachtenden Gegner gemacht.
Ja der Haß der Fremden gegen die Deutschen, welche den werthvollsten
Theil der Insel Upolu in ihren Besitz gebracht hatten, ging so
weit, daß sie trotz ihrer geringen Anzahl offen Partei gegen unsere
Landsleute nahmen und die Samoaner gegen ihre einstigen Freunde
aufstachelten, wodurch deutsches Eigenthum schwere Schädigung erlitt.
Es ist genugsam bekannt, wie thatkräftig die Regierungen eingreifen
mußten, um die blutigen Fehden einzuschränken, die blinder Haß und
Neid entfacht hatte. Da der deutsche Reichstag im Jahre 1878 den Plan
des eisernen Kanzlers, die Samoa-Inseln an Deutschland zu bringen,
zunichte machte, als diese noch herrenlos und durch politische Wirren
geschwächt waren, hat uns später viel Blut und Leben gekostet; damals
war es eine geringe Summe, um welche es sich handelte, hätte man sie
bewilligt, die Perle des Großen Ozeans wäre deutsch gewesen!
Unsere aufblühenden Kolonien, die kaum ein Jahrzehnt in deutschem
Besitz sind, haben gezeigt, daß der Deutsche auch in seinem eigenen
außereuropäischen Besitzthum der rechte Mann der That sein kann, also
nicht bloß versteht, anderen Nationen die leicht erworbenen Länder zu
bebauen und zur Größe und zum Wohlstand zu verhelfen. Wahrlich genug
deutsche Kraft und Einsicht ist anderen Völkern zu gut gekommen, so daß
es fürwahr an der Zeit war, dem erstarkten deutschen Volksbewußtsein
weitere Kreise zu ziehen, wie es der Begründer des neuen Reiches als
ernste Nothwendigkeit erkannte; hemmen läßt sich der gewaltige Trieb
einer aufflammenden Volkskraft wohl, aber niederhalten, in andere
Bahnen lenken, niemals! Wie später die deutschen Pioniere in Afrika
alles daransetzten, für ihr deutsches Vaterland das zu schützen, was
das Schwert erkämpft hatte, so würde damals ein gut bebautes, reiches
Land schnell unter den Fittichen des deutschen Aars den Frieden und das
Volk die Ruhe nach langem Hader und blutigen Kämpfen gefunden haben.
Dagegen wurde den drei betheiligten Mächten Deutschland, England,
Amerika die Oberhoheit zugesprochen, dem kleinen Volke aber die
Selbständigkeit gelassen. Ohne Zweifel ging das Bestreben dahin, auf
diese Weise dem Volke den Frieden zu geben aber die Eifersucht der
Fremden vereitelte die gute Absicht. Vor allem gönnten die Engländer
und Amerikaner, so geringen Antheil sie auch an Samoa hatten, den
Deutschen nicht die Früchte ihrer Mühen, und was im hohen Rathe der
Mächte eine Möglichkeit schien, Land und Volk den Frieden zu geben,
vereitelte auf Samoa selbst die Eifersucht der Ansiedler. Willkommen
war jeder Anlaß, dem vorherrschenden deutschen Einflusse den Boden zu
entziehen und dessen Ansehen zu schädigen.
Fürsten und Volk der Samoaner lauschten den Einflüsterungen
übelgesinnter Eingewanderter, welche den Zwiespalt der Parteien schlau
benutzten und die Fackel des Aufruhrs und der Widersetzlichkeit
entflammten. Daß die Deutschen endlich dieses Treibens müde wurden
und 1885 auf Mulinuu, dem Gebiete des übel berathenen und feindlich
gesinnten Königs Maliatoa, die deutsche Reichsflagge hißten, war
ein Akt zwingender Nothwendigkeit. Standen auch 2000 Krieger um Apia
bereit, die Flagge niederzureißen und die erklärte Schutzherrschaft
aufzuheben, so wurden diese doch durch die Geschütze der deutschen
Kriegsschiffe und die beträchtliche Zahl der bewaffneten Deutschen von
einem Angriffe zurückgehalten.
Wie jubelten wir alle der stolzen Flagge zu! Ein großer Festtag war es,
als, geschützt durch Wall und Graben, durch die Waffen der deutschen
Matrosen das Reichspanier sich hoch am schlanken Maste entfaltete.
Jener 6. Januar 1885 schien endlich das Sehnen der Deutschen auf Samoa
erfüllt zu haben.
Es kam wirklich nach Hissung der Flagge ein kurzer Zeitabschnitt,
wo Ruhe und Friede auf der Insel Upolu einzukehren schien; das
thatkräftige Einschreiten der deutschen Beamten, der einheitliche
Wille, der den Verhältnissen voll gewachsen war, sowie die entfaltete
Macht, die den Eingebornen Achtung einflößte, schien bessere
Verhältnisse herbeizuführen. Aber anders war es im Völkerrathe
beschlossen. Kurz war die Freude aller Deutschen, kurz der Traum von
Ruhe und Frieden. Muthlosigkeit, bittere Enttäuschung erfüllte alle,
aussichtslos war der weitere Kampf, die Freudigkeit am Ringen um den
Preis so hohen Gutes war dahin, als die deutsche Flagge niederging.
Der Versuch, den deutschen Einfluß, der einst die ganze Inselwelt
der Südsee beherrschte, zu brechen, war gelungen, wohl niemals wieder
werden wir uns denselben in der ganzen Größe und dem ganzen Umfange wie
einst erringen können. Die feste Hand, der starke Wille, dem Fürst und
Volk Samoas allein sich unterordnen, fehlt hinfort und fehlt bis heute.
Welche Kämpfe gefolgt sind -- keinem System, als dem der unbeschränkten
Macht wird der Samoaner sich beugen -- hat die Folgezeit gezeigt.
Um der Todten, um des deutschen Blutes willen, das den Boden Samoas
getränkt, möge noch einmal die Zeit kommen, in welcher kräftig und
dauernd der deutsche Aar sein Kleinod festhält und es niemals wieder
fahren läßt.