SIEBENTER BRIEF.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Ich glaube, dass sie anfängt, mich zu lieben.

Sie muss es ja gefühlt haben, dass seit Wochen mein ganzer Sinn sich in

ihr konzentriert, dass ich nur von ihr lebe, nur für sie leben möchte.

Jede Frau, auch die unschuldigste, argloseste fühlt das.

Es ist in ihrem Wesen ein Nachgeben. Diese grosse Liebe, die in sie

eindringt, sie an sich reisst. Sie richtet das Wort an mich. Sie fängt an,

für mich mitzusorgen. Ich habe meinen Platz am Tische, meine Tasse, meinen

Serviettenring, die sie kennt.

Ich habe sie geküsst .......

Meine Lippen haben diese weichen, frischen Lippen berührt, die

Rosenrundung der Wangen gestreift.

Sie erglühte. Ich fühlte sie zittern. Der erste Kuss, den eines Mannes

Mund ihr aufdrückt! Wie unendlich viel reiner und heiliger ist dieser Akt

beim Weibe wie bei uns!

Mir fiel eine hässliche Episode ein. Das Mädchen des Gärtners in Templin.

Ich war noch ein Knabe. Es war Heu gemacht worden am Tage, und der Heuduft

lag in der Abendstille. Das Mädchen hatte frische Lippen und weisse

Zähne ..... Ich küsste sie ...

Ich will würdig werden.

Ich bin es schon.

Sie ist jetzt meine Braut, noch nicht in den Zeitungen. Das Offizielle,

Tanten- und Basengratulation, erschreckt mich. Du kennst meine

Schüchternheit. Mama, liebenswürdig wie immer, ging auf meinen Wunsch ein.

Ich sehe sie jetzt täglich. Sie trägt meinen Ring. Wir nennen uns „Du“ und

mit Vornamen. Ich habe das nicht gehört seit Mamas Tode. Ich könnte es

immer von ihren Lippen hören.

Sie ist noch immer die Rosenknospe. Ich möchte sie nicht erschrecken.

Diese plumpen, öffentlichen Zärtlichkeiten, mit denen Brautpaare einander

überhäufen, sind mir widerwärtig, das unwürdige, lüsterne Spielen und

Tändeln um den einen Punkt. Die Edelblüte erschliesst sich in einer Nacht.

Grade so soll sie sein, wenn die Schleier fallen, meine weisse, zarte,

jungfräuliche Braut, vor dem heiligen Mysterium der lebenschaffenden

Liebe.

Ein junger Vetter, der hier Jura studiert, kommt zuweilen. Mathilde spielt

Klavier mit ihm. Sie nennen sich „Du“, lachen zusammen, Ereignisse und

Namen einer gemeinsam verlebten Kindheit werden zurückgerufen, an denen

ich keinen Teil habe .. Ich möchte nicht eifersüchtig sein. Es ist eine

Beleidigung dieser Unschuld des süssesten, holdesten Geschöpfes.

Aber ich küsse sie heiss, leidenschaftlich.

Ich war unglücklich hinterher.

Ich sprach mit Mama. Wir haben die Hochzeit für bald festgesetzt. Es ist

besser so, obgleich sie sehr jung ist.

„Weil Sie ein so guter, edeldenkender Mensch sind,“ sagte Mama, als sie

einwilligte.

Bin ich gut? Ich will es sein.

Mein Weib soll die Liebe nie anders als heilig empfinden, ein Sakrament in

sich, wo Himmel und Welt ineinanderfliessen. Nie die Scham! Um Gottes

willen keine Scham!

Ich bin freundschaftlich gegen Fritz Rönne. Ich lade ihn ein. Er soll zur

Jagdsaison bei uns Hirsche schiessen.

Er ist ein lieber, gescheiter, taktvoller Mensch.

Das Vertrauen ist der feste Anker der Liebe, an dem sie sicher ruht im

tiefen Grunde.

Das ist das Schöne, das Adelige der Ehe, das sie unterscheidet von

flüchtigen Verhältnissen, Feststimmungen der Leidenschaft, um die ich die

seligen Götter nicht beneide.

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 11 / 20 题