Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.
Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein
aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.
Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um
mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten
herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien,
Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist
Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist
alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen
haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt
und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.
Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse
Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.
Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten
haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er
hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt
ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren.
Seitdem ersticken sie in Brut.
Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie
kann man nur! Sie könnten doch wirklich „was thun“ – wo er noch nicht mal
Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich
ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn
die Diskussion heftig wird.
Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde
auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und
Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem
Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende.
Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld.
Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das
Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine
Wohnung hier irgendwo.
Es findet Dada nicht zu bedauern.
Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht
Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des
geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens.
Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.
Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei
uns.“ Ich glaube es gern.
Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise
eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.
Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht
halb so nett wie Du!“ ....
Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist,
ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.
Oh, Weiber!
Arme Natur, wo bist du?
Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details.
„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die
Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die
Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich
meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht
fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,
was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind
wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer
eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich
was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun!
Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“
Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!
Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren
kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf
fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal
küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich!
Wahrhaftig!“
Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir
könnten uns doch heiraten“ ....
Sie wird dann sofort wieder Nixchen: „Ein Künstler wie du .. und sieh mal,
er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama
gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch
vernünftig sein, Schatz.“
Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.
Ich liege auf der Chaiselongue und staune.
... „Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche,
einzige Liebe. Du _hast_ mich doch.“
Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:
„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch
nichts Schlechtes.“ ...
Eigentlich könnte man sie durchprügeln.
Aber echt ist sie.
„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“
Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse
und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....
Ich kitzle sie. Voilà.
Weisst Du, an was sie mich erinnert?
Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den
Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine
Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen,
hohe geschmeidige Glockenblumen.
Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern,
und lässt sie in der Sonne spiegeln. –
Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge
sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne,
alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ...
Und teuer sind die Dinger! teuer!.....
Das ist sie.