SECHSTER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Ich habe Talent zum Beichtvater. Diese ganze Familie liegt vor mir wie ein

aufgeschlagenes Buch. Ich sehe sie Alle, Herz und Nieren.

Die Mutter eitel, ehrgeizig, ihn vorwärts stossend, fortwährend thätig, um

mit schmalen Mitteln Gesellschaften zu bestreiten, Toiletten

herauszuschlagen. Daher dann im Hause fortwährende Nörgeleien,

Sticheleien. Das Morgen-, Mittags- und Abendgespräch dieser Familie ist

Geld. Vor jeder Gesellschaft erst ein Zank. Er will nicht mehr, Er ist

alt, müde, mürbe. Er möchte in Arnstadt oder Eberswalde vier Stübchen

haben, Rosen anbinden ... Aber er geht, er zieht den Frack an, er buckelt

und schustert weiter. Auf diese Weise wird er Ministerialdirektor werden.

Das Nixchen steht natürlich auf Seiten der Mutter. „Mama“ ist eine grosse

Frau. Was Mama will, geschieht. Und Mama hat immer recht.

Die beiden Ältesten hat sie glücklich losgeschlagen. Mit der Ersten

haperte es. Die Verlobung dauerte lange, ein entfernter Neffe er, aber er

hatte ja Karriere vor sich. Thränen und Szenen in der Familie. Man hielt

ihn bei der Ehre fest, bis sie glücklich unter Dach und Fach waren.

Seitdem ersticken sie in Brut.

Das ist Mamas Hauptärger. Auch das Nixchen wird ganz naserümpfend: „Wie

kann man nur! Sie könnten doch wirklich „was thun“ – wo er noch nicht mal

Major ist.“ – Über das „was“, das man thun könnte, scheint sie sich

ziemlich im klaren zu sein. Bei Geheimrats geniert man sich nicht, wenn

die Diskussion heftig wird.

Die Zweite war die Schönheit der Familie. Die sollte hoch hinaus, wurde

auf Excellenzen- und Verwandtenbesuch geschickt mit Toiletten und

Dekolettiertheiten. Einem kleinen, sentimentalen Zwischenspiel mit einem

Marinevetter machte die Mama ebenso nachdrücklich wie effektiv ein Ende.

Der Mann ist ein ekelhafter, impotenter Kerl, aber Geld, schweres Geld.

Dada entschädigt sich. Der Marinevetter ist zu seinem Recht gekommen. Das

Nixchen erzählt mir Alles: „Ach, du bist ja nich so“ .... Sie haben eine

Wohnung hier irgendwo.

Es findet Dada nicht zu bedauern.

Der Bruder ist der Liebling der Mutter, der echte Bruder Liederlich, macht

Schulden, jeut, rennt Frauenzimmern nach, mit Einschluss des

geheimrätlichen Küchenpersonals, zur grossen Erheiterung des Nixchens.

Daher fortwährende Szenen. Der reiche Schwager lässt sich nicht anpumpen.

Mama hat Schulden gemacht: „Weisst Du, es ist manchmal unausstehlich bei

uns.“ Ich glaube es gern.

Auch das Nixchen hat einen Freier auf der ersten versuchsweisen Angelreise

eingefangen, ein ländlicher, reicher Mensch, mit vornehmem Namen.

Er scheint etwas dämlich zu sein .. „Dann hat er so grosse Hände!.. Nicht

halb so nett wie Du!“ ....

Sie weint dann thatsächlich, obgleich sie natürlich fest entschlossen ist,

ihn zu nehmen, und wieder weinen wird im Myrtenkranze.

Oh, Weiber!

Arme Natur, wo bist du?

Über die Taktik des „Fangens“ giebt sie einige ganz hübsche Details.

„Natürlich musst du immer thun, als wüsstest du von nichts. Das ist die

Hauptsache. Wenn er kommt, ganz erstaunt sein und weglaufen, um sich die

Haare zu machen, wo Mama schon den ganzen Morgen auf ihn lauert, und ich

meine neue Bluse angezogen habe ... Alles glauben, was er sagt, gar nicht

fragen! Als ob wir uns nicht ganz genau erkundigt hätten, bei Tante Otti,

was er hat und woher er stammt. Mama spricht immer, als ob ich ein Kind

wäre, dass ich noch mal in Pension soll. Dabei hat sie schon alle Zimmer

eingerichtet auf seinem Gute. Sie denkt, dass ich meinem Bruder heimlich

was abgeben soll, wenn wir verheiratet sind. Aber ich werde es grade thun!

Ich habe genug von der poveren Wirtschaft zu Hause!“

Lukretia Borgia und Goneril im Taschenformätchen!

Aber allerliebst ist sie, fast leidenschaftlich in ihrer Art, mit ihren

kleinen, prüden Zärtlichkeiten, das Händchen, das mir über den Schopf

fährt, die Küsse .. sie drückt dann sehr, um sie heiss zu machen. Manchmal

küsst sie mich sogar auf den Mund jetzt: „Ich könnte sterben für dich!

Wahrhaftig!“

Man könnte es fast glauben. Dann stelle ich sie auf die Probe: „Wir

könnten uns doch heiraten“ ....

Sie wird dann sofort wieder Nixchen: „Ein Künstler wie du .. und sieh mal,

er ist Baron und furchtbar reich. Er muss zu Hofe mit mir gehn, hat Mama

gesagt, und ich nehme alle Kleider aus Paris wie Dada. – Man muss doch

vernünftig sein, Schatz.“

Dazu knabbert sie Pralinees, wie eine kleine, weisse, sehr artige Madonna.

Ich liege auf der Chaiselongue und staune.

... „Und sieh mal, Dich _liebe_ ich doch. Du bist doch meine wirkliche,

einzige Liebe. Du _hast_ mich doch.“

Sie ist darin furchtbar naiv, dann kann sie ordentlich sentimental werden:

„Du bist so frivol!... Und ich liebe dich doch so sehr, und Liebe ist doch

nichts Schlechtes.“ ...

Eigentlich könnte man sie durchprügeln.

Aber echt ist sie.

„Warum bist du zu mir gekommen, Nixchen?“

Sie sieht mich ungewiss an, dann verbirgt sie ihr Köpfchen an meinem Halse

und küsst mich: „Du bist so unmoralisch!“ ....

Ich kitzle sie. Voilà.

Weisst Du, an was sie mich erinnert?

Das moderne Kunstgewerbe hat die entzückendsten neuen Ziergläser in den

Handel gebracht, Tiffanys, Koeppings, wie sie alle heissen. Das ist meine

Schwärmerei. Ich habe eine ganze Kollektion davon, Lilienkelche, Tulpen,

hohe geschmeidige Glockenblumen.

Sie liebt sie auch. Sie fasst sie zierlich an mit feinen, spitzen Fingern,

und lässt sie in der Sonne spiegeln. –

Früher sah man die ganz einfach, weiss oder rot oder blau. Das naive Auge

sieht sie noch so .. Aber jetzt sind alle Farben darin, violette, grüne,

alles Schillernde, Flimmernde, Äderchen, Nerven ...

Und teuer sind die Dinger! teuer!.....

Das ist sie.

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 10 / 20 题