ACHTER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Ich habe sie bei mir im Bett gehabt. Ich habe sie nackt gesehen.

Das machte sich so ganz natürlich. Ich hatte mir das Knie ausgerenkt und

lag im Bett, als sie kam. Das amüsierte sie, dies Schlafzimmer des Mannes,

mit den Bildern in weissen Holzrahmen, dem grossen Spiegelschrank, dem

brennenden Kaminfeuer, den dunkeln, herabgelassenen Vorhängen, durch die

man undeutlich einen Lärm vom Hofe aufsteigen hörte.

Sie liess sich ein bischen bitten erst. Dann handelte sie: „Aber nicht

das, Liebchen ... nicht wahr, das nicht ...“ Förmlich Angst hatte sie. Sie

haben eine ganz extravagante Vorstellung von unserem Mangel an

Selbstbeherrschung. In diesen kleinen Mädchenerzählungen sind wir Oger,

wilde Tiere, die sich auf Alles stürzen, schön und hässlich, jung und alt,

jede Nacht eine Andre, grässliche Orgien feiernd.

Aber sie lieben das. Das kitzelt sie ... Das Kraftgelüst, das das

dekadente Weib und die dekadente Zeit peinigt, ein Bekenntnis der

Impotenz, die des Fortreissenden erst bedarf um handeln zu können, eines

Bismarcks alle Tage.

Sie machte das sehr niedlich, ordentlich der Reihe nach, wie ein kleines

Pensionsmädchen, das sich auszieht des Abends. Korsett, Unterröckchen,

Höschen, die Strumpfknipser, die Haarnadeln hübsch zusammengelegt auf das

Nachttischchen.

Dabei plauderte sie. Sie wusste ganz genau, was an ihr hübsch war. Sie

mussten das oft besprochen haben. „Meine Arme sind noch zu dünn, aber in

ein paar Jahren werden sie sein. Hier habe ich ein kleines, braunes

Leberfleckchen. Das ist ganz niedlich. Elisabeth hat bildschöne Schultern.

Dada ihre Füsse – sie hat ein Mal auf der Seite – das ist hässlich! Kathi

solltest Du sehen! Die ist wunderhübsch, rund und weiss überall. Aber sie

weiss es auch.“

Sie ist ganz nah bei mir, nackt, weich, duftig ... Ich küsse sie. Ich

halte ihren zarten, glatten Leib. Ich presse sie an mich ....

Sie lässt sich Alles thun mit einer Art schläfrigen Wollust. Vielleicht

denkt sie an den „Vetter“. „Nicht wahr, Du bist verständig, Liebchen“ ...

Ich empfinde nichts, gar nichts für sie, eine Art lässigen, physischen

Wohlbehagens.

Manchmal bin ich rauh. Ich spreche hart mit ihr. Ich schelte sie.

Dann wird sie ängstlich und flehend. Zuletzt fängt sie an zu weinen,

hülflos, wie ein kleines Kind.

Doch versucht sie es wieder hervorzurufen. Die Drohung kitzelt sie. Sie

hat dann ungefähr das Gefühl, das man hat, wenn man seine Hand dem Löwen

in den Rachen legt.

Manchmal traut sie mir auch nicht ganz: „Du liebst mich gar nicht. Du

spielst nur mit mir. Oh, ich weiss es! Ich weiss es.“ Dann thut sie

eifersüchtig oder versucht mich zu beleidigen.

Kleine Kanaille, die! Ich glaube, wenn sie dächte, ich erschösse mich

ihretwegen, das würde sie noch mehr kitzeln.

Sie würde dann mit einem deliziösen Mörderinnengefühl in ihre vornehme,

ehrbare Ehe gehen.

Manchmal versuche ich sie zu erschrecken: „Wenn ich dich nun nicht

freigäbe? Wenn ich dich verriete?“

Sie schmiegt sich noch dichter an mich, ganz dicht, mit weichen,

flechtenden Gliedern. Ihre Augen, die meine suchen, sind wie Sterne: „Das

thust Du nicht, dazu bist Du viel zu anständig, zu sehr Gentleman, mein

lieber, süsser Herri!“

Wie klug sie ist. Fischschwanz!

Und manchmal denke ich, man müsste sie hernehmen, ihr weh thun, sie es

fühlen lassen, das ganze Leid, die ganze Schande ..

Dann würde vielleicht noch was aus ihr, dann würde sie ein Weib.

Ah, das grosse, das adelige Weib, das ihr Kind an die Brust nimmt und

Mutter ist, schweigend, der ganzen johlenden, feigen Gesellschaft zum

Hohne!

Aber sind wir denn nicht ebenso – Halbmänner – Gentlemen – auf Kosten

unsrer Mannheit?

Bin ich nicht selbst ein Nix, ein Wassermann, der ich ein süsses, junges,

warmes Weib in den Armen halte und sie nicht nehme, nicht mit Gewalt

nehme, kraft der Urgewalt meiner Leidenschaft?

Was ist aus uns geworden, wenn die Gefühle, die uns das Leben gaben, zur

Spielerei geworden sind, raffinierte Specialitäten. Delikatessen, die man

mit den Zähnen kostet.

Ach, das grosse, adelige, echte Volk, arbeitend, liebend, Kinder zeugend,

die triumphierende Arbeit des Lebens thuend, über den Tod hinweg – und die

Toten!

Mein Herz zieht sich zusammen in schmerzlich-bitterem Erlösungsdrang. Ich

fasse sie fester. Ich atme stärker .....

Sie murmelt: „Nur kein Baby, Liebchen! Nicht wahr, du thust mir

nichts?“ ....

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 12 / 20 题