Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.
Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir
vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.
Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.
Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die
einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.
Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach,
eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den
praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen
Beschluss.
Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum
Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch
und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt
doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt,
wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über
die Stränge geschlagen hat.
Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur
Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein
Bruder, der Bruder ihres Bruders?
Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns
nicht nur leere Phrase sein soll.
Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen
Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm
das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen
Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber
und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie
sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb
haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines
Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,
denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.
Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.
Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden.
Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas
Aussergewöhnlichem, Nahendem.
Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am
liebsten zu Füssen gefallen wäre.
Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat.
Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.
Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich
ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser,
weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens
Stübchen.“
Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während
sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.
Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen
Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben,
Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische
Tauchnitzromane ...
Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart
genug zu sein, hochherzig, ritterlich!
Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden
zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön.
Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch
anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die
Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote
stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.
Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr
Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tüchtiger und
strebsamer Offizier.
Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um
der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der
heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben,
der Stimme des Herzens zu folgen.
Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch
hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der
Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt
niederkniet, gläubig und erlöst.