FÜNFTER BRIEF.

Achim von Wustrow an Herbert Gröndahl.

Weisst Du, dass ich manchmal förmlich Mitleid mit Dir habe, dass es mir

vorkommt, als müsste ich Dich bekehren.

Mathilde würde Dich bekehren. Du würdest glauben und niederknieen wie ich.

Schon wenn ich das Haus betrete, das friedliche, wohlgeordnete. – Die

einigen Eltern. Nie ein spitzes Wort; nie eine Meinungsverschiedenheit.

Wenn er erst männlich auf seinem Prinzipe steht, dann giebt sie wohl nach,

eine echte und kluge Frau, um vielleicht im geeigneteren Moment den

praktischeren Vorschlag wieder anzubringen, ihn zu suggerieren als eignen

Beschluss.

Ich habe jetzt auch den Bruder kennen gelernt, der augenblicklich zum

Telegraphendienst hierher kommandiert ist. Ein echtes Reiterblut, frisch

und frei mit vortrefflichen, ehrenfesten Ansichten. Das ist und bleibt

doch das Band, das Altpreussen zusammenhält, dem Einzelnen Kandare giebt,

wenn er auch ab und zu, wie er mir selber freimütig gestand, etwas über

die Stränge geschlagen hat.

Natürlich stellte ich ihm für vorkommende Fälle meinen Kredit zur

Verfügung, ganz unter uns, als Bruder und Kamerad. Bin ich denn nicht sein

Bruder, der Bruder ihres Bruders?

Er musste mir in die Hand versprechen, dass dies Abkommen zwischen uns

nicht nur leere Phrase sein soll.

Mathilde ist der Sonnenschein des Hauses. Sie kennt die kleinen

Liebhabereien des Vaters, wieviel Zucker er in die Tasse nimmt, bringt ihm

das Feuerzeug. Der Mutter geht sie hilfreich zur Hand in den kleinen

Arrangements für Gesellschaften. Sie schmückt dann die Tafel, legt Silber

und Krystall auf, immer mit der ihr eignen, stillen, gehaltnen Anmut. Wie

sie Alle lieben! Und ich liebe sie Alle, weil sie meinen Liebling lieb

haben, weil ich nie eine eigne Familie gekannt habe, die Süssigkeit eines

Kreises teilnahmsvoller, geistesverwandter Menschen, die zu mir gehören,

denen ich etwas bin. Sie sollen Alle die Meinen werden.

Man schenkt mir sehr viel Zutrauen.

Neulich war ich allein mit ihr. Es hatte sich ganz zufällig so gefunden.

Sie schien ängstlich zu werden, im unbestimmten Gefühl von etwas

Aussergewöhnlichem, Nahendem.

Ich bemühte mich, ganz Gleichgültiges zu sprechen, wo ich ihr doch am

liebsten zu Füssen gefallen wäre.

Eine kleine Episode, die mich ausserordentlich gerührt hat.

Ich habe Mathildens Stübchen gesehen.

Ich kam wohl zu etwas ungewöhnlicher Stunde. Gesellschaftsklug werde ich

ja nie. Frau von B. war im Hause thätig, mit vorgebundner, grosser,

weisser Schürze. „Wir haben die Gardinen neu aufgemacht in Mathildens

Stübchen.“

Ob sie meine Gefühle ahnte? Sie liess mich in der Thüre stehen, während

sie selbst am Fenster den bauschenden, weissen Mousseline ordnete.

Ein kleines Nestchen, ganz weiss in weiss. Über dem Bett die Raphaelschen

Engelsköpfchen, – ein Bücherbrettchen, Geibel, Frauen-Liebe und Leben,

Schillers Werke, Ekkehardt, Irrlichter, ein paar englische

Tauchnitzromane ...

Wie soll ich es nur anfangen, dies zarte Gebilde nicht zu zerstören, zart

genug zu sein, hochherzig, ritterlich!

Auch die zweite Schwester, Frau Buderus, ist jetzt aus dem Süden

zurückgekehrt. Der Mann nimmt noch in Spaa die Bäder. Sie ist sehr schön.

Ein Schatten von Schwermut macht dies schöne, stolze Gesicht fast noch

anziehender. Die Ehe ist kinderlos geblieben. Aller Reichtum, die

Zerstreuungen der grossen Welt, die ihr in so reichem Masse zu Gebote

stehen, können ja einem Frauenherzen dafür keinen Ersatz geben.

Bei der ältesten Schwester ist das freudige Ereignis nun eingetreten. Ihr

Mann ist Hauptmann im Generalstab, ein ausserordentlich tüchtiger und

strebsamer Offizier.

Sie müssen sich einschränken. Wie ich sie liebe, diese Einschränkung um

der Liebe willen, diese braven, tapferen zwei Menschen, die trotz der

heutigen Anforderungen des Lebens und der Gesellschaft es gewagt haben,

der Stimme des Herzens zu folgen.

Ich liebe Frauen, die viele Kinder haben, Mütter sind. Es ist solch

hübsches Symbol, die Madonna mit dem Kinde, die wahre Erfüllung erst der

Frau, die Erfüllung überhaupt des Lebens, vor der die ganze sündige Welt

niederkniet, gläubig und erlöst.

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 9 / 20 题