Dann erzählt sie: Es entrollt sich vor mir eine ganze soziale
Unterschicht, von der wir keine Ahnung haben, eine Haremswelt, weisse
Pensionatsbettchen, in denen man sehr dicht aneinander schläft,
Dienstbotengeschichten, am Schlüsselloch Erlauschtes, eine spielerische,
knabbernde Lüsternheit an Büchern und Eindrücken. Selbst der Humor dieser
Welt hat etwas Verstecktes, Kicherndes, Heimtückisches, ein Humor von
Hinterhof und Watteauboudoir. Sie erzählte mir eine Geschichte von einer
Bekannten, einer vierzigjährigen Frau und mehrfachen Mutter, die ihrem
Ehemann vor der Nase mit einem Geliebten aus dem Cirkus durchging, während
er mit ihrer Reisetasche und ihrem Regenschirm auf dem Perron stehen
blieb. Dieser Regenschirm und diese Reisetasche erheiterten sie, kitzelten
sie in ihrer kleinen, perfiden, unschädlichen Bestienhaftigkeit.
Dann hat man Brüder, Vettern ... Der „Vetter“ verdiente eine extra
Naturgeschichte. Sowas ist nicht mehr ganz Bruder und noch nicht ganz
„fremder Mann“. Es hat Vertraulichkeiten, ohne frech werden zu brauchen.
Sowas kompromittiert nicht und verpflichtet zu nichts. Die Natur scheint
es ganz extra geschaffen zu haben, ein Halb- und Mittelwesen, für diese
delikaten, schummrigen Übergangsstadien, éclaireur-Dienste,
Terrainsondierungen ... Sie ist nicht besonders explizit in dem Punkte.
Sie hat Angst vor mir. Manchmal spüre ich die Vorarbeit des „Vetters“.
Irgendwo und irgendwann ist er überall mal dagewesen. Du magst noch so
früh aufstehn und noch so fein deduzieren: Im Anfang war der Vetter. Ich
gebe Dir das als Axiom.
Dann will sie Abenteuer von mir wissen. Darin ist sie unersättlich. Es ist
die Phantasie eines kleinen Ungeheuers, die sich zu befriedigen sucht:
Notzucht, Incest, Unnatur. Die ganze Weltgeschichte, die ganze Kunst, die
halbe Religion mindestens ist für sie nur das. Das merkt sie sich, das hat
sie behalten. Und sie hat in dieser stupiden Einseitigkeit etwas
Imponierendes und Schreckliches: Der Pfeil, der sehr grade abgeht, mitten
ins Leben, in den Herzpunkt, die Achillesferse: „Das ist dumm, Liebchen! –
Das ist so langweilig, das mag ich nicht ...“
Alle Details meiner Junggesellenwirtschaft interessieren sie, Whipchen,
Martin, der bric à brac.
Und Küssen zwischendurch!
Der Sekt macht keinen Eindruck auf sie. Dazu ist sie zu subtil, zu wenig
Natur.
Das ist Alles spielerisch wie bei einer jungen Katze. Sie lässt sich
küssen, streicheln, anfassen ....
Dann eine Bewegung wie ein Schlängchen, die Angst vor dem Wehthun, dem
Baby, die Heiratschance.
Dann wird sie geschäftsmässig: „Wir haben kein Vermögen. Else und Dada
haben auch geheiratet.“
Die Heirat sieht sie ohne alle Illusionen. Das ist das Vernünftige, die
Versorgung.
Vielleicht wird sie sogar eine ganz treue Ehefrau.
Schliesslich kann man es ihnen verdenken?
Die falsche, unnatürliche Erziehung, die Heimlichthuerei. Was haben die
Würmer zu hoffen? Einen Mann, der sie gar nicht reizt, den sie sich nicht
mal selbst aussuchen können, der sie sich bezahlen kann, ebenso brutal wie
eine Cocotte. Kann man sich verwundern, wenn sie vorher etwas
Champagnerschaum schlürfen wollen?
Und wie klug sie dabei verfährt, instinktiv, so ’n kleines, dummes Ding,
nicht für zehn Pfennig Grips in ihrem Gehirnchen, total ungebildet, wie
eine orientalische Haremsdame!
Und so ’n kleines Gänsegehirnchen sagt sich ganz instinktiv: „Der ist der
Richtige. Der versteht etwas von der Sache. Il sait aimer.“
„– Wenn es rauskäme!“ das ist ihre einzige Angst, eine süsse, gruselige
Angst. Dann kichert sie über die dummen Menschen, Papa, Mama, die Leute,
da unten auf der Strasse, – dass sie hier oben allein ist, in seiner
Wohnung, mit einem verworfnen Junggesellen.
Davon ist sie tief durchdrungen: „Du bist so unmoralisch!“ ..
Dann küsse ich sie wieder.
Sie legt mir die Ärmchen um den Hals, nennt mich Engelchen, Liebling,
süsses Herz – und dass sie mich ewig, ewig lieben wird.
Kleine Kanaille! – Na, das sind sie Alle.
Bewunderungswert bleibt eigentlich nun immer die Dummheit der Männer, der
Glaube an das Wunder, und dass er der Eine, Einzige ist, dem das Wunder
passiert.