VIERTER BRIEF.

Herbert Gröndahl an Achim von Wustrow.

Das Abenteuer fängt an, mich zu interessieren, mehr von der

psychologischen als von der persönlichen Seite. Ich bin schon so weit. Das

bringt das Handwerk mit sich, die Seziergewohnheit.

Also am Mittwoch ein zierliches, rosa Billetchen, Höheretöchterschrift,

steil, zimperlich, kapriziös: Mein Herr! Erwarten Sie mich morgen um

dieselbe Zeit. Ich komme allein. Ihre J.

Ich öffnete selbst. Das erhöht das Geheimnisvolle und sieht aufmerksam und

erwartungsvoll aus. Da stand sie in ihrem dunkelblauen Kleidchen mit

schwarzem Astrachan, glühendrot.

Diesmal küsste ich sie natürlich.

Du weisst, dass ich Küssen für eine Kunst halte. Einige Menschen werden

sie nie kapieren, Du zum Beispiel! Im Kuss liegt Alles: Anfrage,

Bestätigung – Grenze ... Die ganze künftige Liebesmelodie im leisen,

leichten Voranschlag. Man macht dann keine Dummheiten und

Ungeschicklichkeiten hinterher.

Sie liess es sich gefallen, nicht viel erwidernd, aber stillehaltend. Das

Herzchen bupperte zum Zerspringen, halb von der Angst. „Es merkt es doch

auch niemand?“

Ich beruhigte sie: Eine Etage höher wohnt ein Photograph, da hätten Sie

immer hingehen können, wenn Ihnen jemand auf der Treppe begegnet. Das

Schlafzimmer hat einen zweiten Ausgang nach dem Hofe. Martin ist

verschwiegen wie das Grab.

Sie hatte über das Alles nachgedacht. Sie liess sich noch mal so nett

küssen hinterher.

Dann die moralischen Garantien.

„Du denkst doch auch nichts Schlechtes von mir, dass ich wegen „dem“

gekommen bin?“ (in Parenthese – hast Du schon jemals eine Frau getroffen,

die „wegen“ mit dem Genitiv konstruierte? Traue ihr nicht! Sie trägt

Jägerwäsche und philosophiert im Bette.) „Sage: Nicht. Wahrhaftig nicht!

Es ist doch nur, weil ich Deine Bücher gelesen habe – und es ist so

schrecklich langweilig zu Hause, und weil Du so nett bist.“

Ich sage: wahrhaftig nicht! und küsse sie, küsse ihr die weisse Kehle rot

und beisse sie ins Ohrläppchen.

Was für Brüstchen sie hat! weiss, fest und zuckrig wie Apfelhälften! und

das Hälschen so fein angesetzt! Ärmchen, die umstricken und festhalten,

dünn, weich und unzerreissbar wie Seidenstränge ... Es ist ein kleiner,

rührender Kinderton in ihrer Stimme, Lockung und Klage. Der Sirenenton.

Ich habe jetzt auch einen Namen für sie: Wassernixchen. „Nixchen“ passt

ausgezeichnet. Es charakterisiert das ganze Genre, lüstern, spitzbübisch,

zur Liebe geschaffen, unfähig im Grunde. Der Fischschwanz!

Eiskalt – das ist sie trotz aller Liebesbeteuerungen. Das geht zu glatt:

„Ich liebe Dich, Herri! Ich hab’ Dich furchtbar gern! Du bist der

einzigste, himmlischste Mann, den es giebt.“ Aber nett klingt’s doch.

Dazu kein lautes Wort, keine hässliche Geste, immer kleine Dame, so

sauber, weiss und duftig, das ganze, zerbrechliche, feine Dingelchen! Ich

habe die Kerle nie begriffen, die sich in Schwarzenseifengeruch und

wattierte Unterröcke verliebten. Ich bin zu sehr Ästhetiker dazu.

Und dann das Psychologische! das ist einfach unbezahlbar.

Dann wird sie Meister und ich demütiger Schüler. Ich staune, was der Balg

weiss. Und woher weiss sie es?

Nixchen. Ein Beitrag zur Psychologie der höheren Tochter · 第 7 / 20 题