Setzte sich Hairaddin nun, mit untergeschlagenen Beinen,
Auf den schwellenden Pfühl, und um ihn, auf gebreitetem Teppich,
Saßen die Feldherrn all', ihm dort aufhorchend in Demuth.
Eh' er begann, durchfuhr sein Flammenauge den Halbkreis,
Forschend in jeglichem Blick', und der Kühnst' erbebte dem Furchtbar'n.
Jetzt durchwühlt' er den röthlichen Bart, tiefsinnend, und jetzo
Faßt' er des Tulbands Bund, des Kaftans glänzenden Zobel;
Doch nun ruhte die Link' an des Säbels goldenem Griffblatt --
Ruhte die Recht', auf den Schenkel gestützt, und also begann er:
»Ehre dem einigen Gott, Ruhm sey dem großen Propheten!
Gott, der Gläubige schirmt, Ungläubige schnell in den Staub wirft,
Wie, herbrausend im Donnersturm, der prasselnde Hagel
D'raußen im Saatenfeld die wogenden Halme zerschmettert,
Hat nun eurem entsetzlichen Schwert den mächtigsten Fürsten
Unserer Gegner, am Bord viel hundert gerüsteter Schiffe
Nahe gebracht, und ihn der Rache zum Opfer erlesen:
Denn so will der Prophet sein Volk, nach seiner Verheißung,
Jetzt verherrlichen, so schlug er den Gegner mit Blindheit:
Daß er den Angriff wag' in diesen gefürchteten Monden,
Wo in des Himmels Gluth auch die Landesgebornen verschmachten?
Und ihm erläge der Fremdling nicht in der lastenden Rüstung?
Sprech't, wie soll dieß feige Geschlecht, im Sande versinkend,
Halten im blutigen Kampf die hochgepriesenen Reihen?
Wie begegnen zugleich den Säbeln der Janitscharen
Und dem mordenden Stahl der Araber, Mauren, Numiden,
Welch' im Grauen der Nacht, in der Helle des Tages ihn drängen?
Wir ersiegen uns bald ein unvergängliches Denkmaal
Heldenruhms, wenn Carl, der größte der Christenbeherrscher,
Büßend die Kühnheit, mit seinem Heer' in Stücke gehau'n wird,
Oder, als ein Gefangener, uns erliegt auf dem Schlachtfeld.
Hebe dich, Abu-Sa-id! Dir folg' auch Muhamed Temtes:
Eil't, und verkündet den Euren, ein jeglicher freudigen Aufrufs,
Daß sie, der Beute bedacht, zum entscheidenden Kampfe sich rüsten!«
Aber die beiden erhoben sich schnell, und Muhamed Temtes
Sprach, sich beugend zuvor, mit demuthheuchelnden Blicken:
»Er, der Himmel und Erd' erschuf, verläng're dein Leben
Fern' in die kommende Zeit. So wie die Sterne des Himmels,
Wie der Sand an dem Meer, sey deiner Erzeugten Erzeugung,
Und es erfülle dein Ruhm die fernsten Räume des Weltalls!«
Jen' enteilten, und Hairaddin sprach: »Wohl kenn' ich die Falschen.
Trugvoll ist ihr Gemüth, und keines ausharrenden Muthes,
Fähig ihr Volk, das unzählige, das, uns feindlich gesinnet,
Nur durch Verheißungen großen Gewinns zum Heere gelockt ward.
Aber uns ziemt: die Krieger Suleymans, des Prächtigen, Großen,
Welchem die Erde sich beugt, uns ziemt die Heldengesinnung,
Kämpfend mit eisernem Muth', ihm hier zu erhalten die Herrschaft,
Und zu erhöhen den Ruhm der Söhne des großen Propheten.«
All' aufschrie'n, das Schwert von der Hüfte sich reißend, und riefen:
»Gott ist Gott, und Muhamed sein erhab'ner Gesandter:
Hairaddin sey die Treu' und dem Feinde die Rache geschworen!«
Froh des dräuenden Schwurs, begann jetzt Hairaddin wieder:
»Sinam, dir werde Goletta vertraut, dieß herrlichste Kleinod
Unseres Reichs, und ruhig schlummr' ich, weil dir es vertraut ward;
Dragut, Unwiderstehlicher, dir gehorche des Heeres
Vorderzug, und dir, Tobukes, dem Schrecken der Gegner,
Freudig, des Fußvolks Macht; doch du, Reih'nbändiger, Salek,
Lenke die Reisigen kühn zum Sieg'! Ich führe den Nachzug.
Sammelt die Scharen, vom Strand zu entfernen des Feindes Geschwader,
Oder sogleich die Gelandeten dort zu erwürgen: denn wißt es:
Wer sich zuerst die Stirn' umflicht mit dem Lorber des Sieges,
Raubet oft dem Besiegten den Muth in dem Felde für immer!«
Aufsprang Dragut, und rief mit lautumschallender Stimme:
»Ha, nicht wehre dem Feind die kühnbeschlossene Landung:
Leicht entflöh' er uns heut, geschreckt, auf dem rettenden Schiff noch!«
»Eitele Furcht,« sprach Hairaddin, »o, dem christlichen Herrscher
Schlägt ein tapferes Herz in dem Busen, und eiserner Starrsinn
Drängt ihn fort auf erkorener Bahn: ihm wird er erliegen!«
Jetzt erhob er sich rasch, und ging, sich in Eile zu rüsten;
Aber die Feldherrn all', enteilten in's lärmende Lager.
Regulus schwebte herbei: er sann den Sclaven der Hochburg,
Rettend, zu nah'n, und ließ in der wimmelnden Straße von Tunis
Sich im Fluge herab. Da saß vor Draguts Behausung
Hugo, und weinte vor Schmerz. Ihm war die Kunde gekommen,
Freudig und furchtbar zugleich: daß heute der Kaiser mit Heer'smacht
Vor Goletta erschien, und wie nun befreien Mathilden,
Listig umstellt von Draguts stets auflauernden Spähern?
Regulus haucht' ihm, genaht, alsbald den tröstenden Rath ein:
»Treugesinnter, du weinst, und weißt nicht, die Gattinn zu retten
Ihrem Gemahl? Wohl kam er heran, dem heiligen Aufruf
Folgend des Vaterlands, und folgend dem Rufe des Herzens:
Hier in dem Kampf, voll Muths, zu ersiegen die liebende Gattinn.
Such' im Olivengehölz den einsamlebenden Fischer,
Der, ein Christ, der Heimath entfloh, wo ihm Jammer zu Theil ward.
Viele der Höhlen sind dort, einst Gräber berühmter Geschlechter,
Als Karthago's Ruhm noch erfüllte den staunenden Erdkreis.
Dort um die Mitternacht, in eine derselben geborgen,
Möge Toledo sie wiederseh'n in beglückender Freiheit.«
Schnell erhob sich der Greis, und flehte, mit thränenden Augen
Schauend empor, um des Himmels Huld: in der That zu vollbringen,
Was ihm so wunderbar vorschwebte -- die Rettung Mathildens:
Denn er kannte schon lang den menschenfeindlichen Fischer,
Der am Strande des See's, umschattet vom säuselnden Oehlwald,
Wohnt' in der Grabes-Höhl', und die Beute der Netz' und der Angeln
Ihm feilboth vor den Thoren der Stadt am dämmernden Abend.
Jetzt gewann er die Höhl' auf seltenbetretenen Pfaden,
Keuchend vor Hast, und sah in des Eingangs Felsenumwölbung
Liegen auf dürrem Moos' den unglückseligen Fremdling.
Drüben im Frankenland, von edeln Geschlechtern entsprossen,
Sah in des Lebens aufdämmerndem Strahl der treffliche Jüngling
Blühen holdselig die Braut, die liebende; preßte den Freund auch,
Treu und warm an die Brust, und jauchzte dem zweifachen Segen.
Siehe, da rief ihn das Vaterland in den Kampf, und er folgte
Freudig dem Ruf! Doch, als er nach Jahren, mit ehrenden Narben --
Lohnenden Kränzen geschmückt, heimzog im Kreise der Tapfern,
Trat im festlichen Zug die Braut an der Seite des Freundes
Froh zum Altar'. Er eilt' aus dem brausenden Jubelgedräng weg,
Fern in der neuern Welt ein Grab und den Frieden zu suchen.
Doch auf Siciliens Meereshöh'n von Korsaren gefangen,
Ward er nach Tunis geschleppt, und ein Räuber schenkt' ihm die Freiheit,
Ehrend sein Jammergeschick, zum Hohne des schändlichen Undanks.
Tief in der Brust den finsteren Menschenhaß und der Heimath
Abscheu nährend, erkor er ein Grab zu seiner Behausung.
Jetzt ihm genaht, sprach Hugo mit herzerschütternder Stimme:
»Kurd dein Nahm', Unglücklicher? Ha, nicht gabst du des Korans
Täuschung dich hin, ein Christ! D'rum wird, wie schmachtende Fluren,
Säuselnd, der Regen erquickt, Mitleid mit himmlischer Wonne
Laben dein blutendes Herz, und Gott, der über uns waltet,
Allerbarmend, Lohn und Frieden dir geben. Vernimm jetzt
Größeres Wehe denn dein's. Geraubt dem tapfersten Helden,
Schmachtet sein edles Weib in Draguts grauser Gewahrsam.
Kennst du nur eigenes Leid? Rechtfertige, Mensch, mit Ergebung
Duldend, vor deinem Geschlecht die dunkelen Wege der Vorsicht,
Neig' auch fremdem Jammer dein Ohr, und den eig'nen versüße
Mitleid dir! Denn, horch, auf dem Meer mit unzähligen Schiffen
Kamen die Christen heran, zu strafen den Räuber, und siegend
Ihm zu entreißen den Herrscherthron, der Hassan geraubt ward.
Bald erschallt Sieg'sruf -- erschallt geretteter Menschen
Jubelnder Dank. Zieh' hin in das Lager der Brüder, zu treffen
Dort Toledo, und sprich: »Wenn uns an dem Himmel der Vollmond
Strahlt, da rettet in Grabesnacht ihm Hugo die Gattinn,
Und du lenke den Liebenden her zur Höhle des Waldes.«
Jener regte sich nicht, und starrte hinab in die Fluthen,
Aehnlich dem Felsenriff, das starr aufragt an dem Meerstrand.
»Kurd,« so sagte der Greis, »entfernt zehn Jahre der Trauer
Bist du vom Vaterland; vergeudet wurde dein Erbtheil:
Dürftig kommst du zurück', ein Bettelnder unter den Deinen;
Sieh', er spendet, willfahrest du ihm, dir Goldes die Fülle,
Dankbargesinnt, und freudig erblickst du die heimischen Fluren!«
Aber noch finsterer starrete Kurd: da umschlang ihm der Greis dort,
Weinend, die Knie', und rief mit leis'erbebender Stimme:
»Hast du geliebt? Wie solltest du nicht, verstummender Dulder!
Jammert die Gattinn nach dir? Welkt', ach, die Geliebte dir früh hin?«
Jetzt aufriß sich vom Boden der Mann, der schrecklich geschwiegen,
Taumelte wild umher, als sollt' er den Flehenden morden.
Dennoch konnt' er nicht, tieferregt, von den Thränen des Greises
Mehr verwenden den Blick, und die ewige Huld, die, erbarmend,
Lenket des Menschen Sinn gleich fluthenden Bächen, zerschmolz ihm
Nun durch Thränen das Herz, das, qualenbelastet, erstarrt war,
Und ein glänzender Strom quoll ihm aus den Augen; er faßte
Hugo's Recht', und sprach: »Du siegtest; ich stehe bereit dir.«
Aber der Greis entfloh, von der Wonne der Rettung beflügelt.
Sechster Gesang.
Siehe, schon war die Stunde der heißersehneten Landung
Jetzt an dem Abend genaht; schon rief, vom Borde Karthago's,
Schimmernd, die Kaiserflagge zum Kampf! Von dem Zug' an den Küsten
Kehrte Ulloa zurück', ein Trauernder, ob des Gefährten,
Der, mit dem Schiff' in den Grund gebohrt, dem Heere geraubt ward.
Selber bewegt, rief doch den am Bord versammelten Feldherrn,
Wo er des Angriffs Weise berieth, der Kaiser, erheitert:
»Jetzo, das Höchst' im Blick, laßt uns die Trauer beherrschen,
Die uns die Brust erfüllt -- jetzt muthig und rasch an die Landung!
Gegen Zafrano hinaus, an der Meer'sbucht östlichem Saum hin
Schiffen, den Feind zu täuschen, wir erst; dann, kehrend im Eilflug,
Bleib' uns zur Linken der Wasserthurm, zur Rechten der Salzthurm:
Wir erringen das Ziel, wo Ulloa erspähte die Anländ.
Segen mit euch im schrecklichen Sturm und Drang der Entscheidung!«
Jen' enteilten. Ihm trat, voll demuthheuchelnden Mißtrau'ns,
Muley Hassan entgegen im Raume des Schiffs, und begann so:
»Herr, dich dränget dein Herz in den Kampf! Der Weltenerschaffer
Gebe dir Ruhm; doch soll ich, indeß du im Felde dich abmühst,
Müßig weilen am Bord? Gewähre mir eines der Schiffe,
Das mich schnell nach der Meeresbucht von Kabesch, dem Städtchen
Führe, wo mir, zum Trost, die tapfern Bewohner noch treu sind,
Auch das kühne Gebirgsvolk dort schon harret des Aufrufs:
Abzuschütteln das Joch von Hairaddins grausamer Herrschaft.
Dorther schaff' ich dir bald Hülfsvölker, und schaffe dir reichlich
Mundvorrath für das Heer, das solchen entbehrt in Karthago's
Wüstem Gefild, wenn fern des Krieges ersehnetes Ziel winkt.«
Sagt' es mit scheuverwendetem Blick'. Ihm entgegnete jener:
»Hassan, du bebst, und starr'st umher im zweifelnden Mißtrau'n?
Fasse nur Muth! Gleich soll das schnellhinsegelnde Schiff dich
Führen nach Kabesch hinauf; dann kehr' im Glücke mir wieder.«
Also der Kaiser, und sah dem raschenteilenden Fürsten,
Sinnend, nach: er hatt' ihn errathen. Doch jetzt ihn zu rüsten
Trug ihm mit heiterer Stirn' Ernest, der grauende Reiter,
Den der herrliche Max, sein ruhmvollthronender Vorfahr,
Liebte mit Vaterhuld, das treffliche Schwert und die Spornen,
Auch den Harnisch und Helm aus dem hüllenden Schranke herüber.
Silbern strahlte die Wehr', umrändert mit goldenem Laubwerk,
Ihm von der Brust; hell blitzte der goldene Kamm von dem Helm her,
Deß' stahlblinkendes Dach kein damaszenischer Säbel
Je durchhieb', und das Schwert umfaßte des Wehrgehängs Purpur,
Funkelnd von Perlenreih'n, und blitzend in Edelgeschmeides
Wechselndem Farbenglanz. So stieg er, gerüstet, zum Bord' auf.
Dort entblößt' er den Stahl: ein Ruf erscholl aus dem Schiffsraum,
Donnernd rings in dem Busen des Meers. Wie am glühenden Mittag
Wetterschweres Gewölk' auffleugt: da regt sich kein Lüftchen;
Brüllend kehren die Heerden heim; die kreischenden Vögel
Flieh'n zum Gehölz', und es fährt die häusliche Schwalb' in dem Hofraum,
Wechselnden Fluges, umher, dem Boden nah', und die Lachen
Streifend mit fächelndem Fittig -- der Mensch, im Busen beklommen,
Stehet verstummt; doch jetzt aufblitzet es, kracht es herunter:
Flammen entprasseln dem Dach', und fernher sauset der Hagel:
Also die Stille zuvor, eh', landunggebiethend, der Aufruf,
Donnernd, erscholl, und d'rauf, wie ein Strom entstürzet der Schleußen
Weiteröffnetem Thor', und Wogen auf Wogen sich drängen:
Also strömten vom hohen Verdeck' in die flachen Galeeren
Drängende Scharen herab, und ordneten schnell sich in Reihen,
Während der Reiter das Roß festhielt an dem Zaum: denn gewahrend
Drüben das Land, umtobt' es im Raum des engenden Fahrzeugs.
Gegen Zafrano hinaus, dem spähenden Feinde zur Täuschung,
Strebten sie erst, und eilig dahin entsandt' er die Horden
Seines Volks: da flog an dem fernen Gestade der Staub auf
(Aehnlich dem Nebel, der, nach dauerndem Regen des Herbstes,
Dicht am Gebirg fortwallt) durchblitzt von den Waffen der Krieger,
Und verwirrtes Getös', und Geschrei, und das Wiehern der Rosse
Brausete laut von der staubverhülleten Küste herüber.
Wieder ertönt' ein donnernder Ruf vom Borde des Kaisers:
Siehe, und dieser galt, zum Sturm' aufbiethend die Krieger!
All' aufschrie'n zugleich vor jubelndem Muth', und, die Seiten
Wendend, flogen vereint die Galeeren zum herrlichen Ziel hin.
Von den Rudern gepeitscht, aufschäumte das Meer, und der Fahrwind
Saust' in dem Segelgewölk der dichtnachfolgenden Schiffe.
Solches gewahrend, sandte der Feind unzählige Kugeln
Von dem fernen Gestad' und den Wällen der Veste Goletta.
Schrecklicher Donner erscholl. Doch als die Gegner, dem Salzthurm
Nah', vorstürmten im eilenden Lauf: da wendete blitzschnell
Wechselnd, der Steuermann die räumigen Seiten des Schiffes
Nach dem bevölkerten Land. Sie spie'n aus flammenden Schlünden,
Wie der Hagel prasselt, und saust, die Saat des Verderbens,
Brüllend, hinaus: von nah' und fern aufbrannten die Hütten,
Und des Feindes Geschütz lag rings, vernichtet, im Staub dort;
Seine Horden entfloh'n, und Goletta's Donner verstummte.
Dreimal die Länge des Manns, schied noch ein Raum die Vereinten
Von dem Gestad', als Deutschlands Volk,[41] den ragenden Speerschaft
Senkend hinab in den Grund, im sausenden Schwunge der Glieder,
Allen zuvor, den feindlichen Boden errang, und es wähnten
Dort die Krieger noch lang': es schwanke der Boden, und weiche
Unter den Füßen zurück. Rasch hüpften die muthigen Rosse
Nach dem Strande hinaus; der sandigen Bahn sich erfreuend,
Hüpften, und sprangen, und schlugen sie aus, und wieherten laut auf.
Scharen auf Scharen entstiegen dem Bord', und bedeckten das Ufer
Weitumher, wie im Morgenwind' aus tieferen Thälern,
Kräuselnd, der Nebel sich hebt, und des Bergs Abhänge verhüllet.
Doch nun trat im schimmernden Waffenschmucke der Kaiser
Freudig an's Land, und hob sich im kreisenden Schwung' auf das
Streitroß,
Das, von erles'nem Blut und Geschlecht', und herrlich gestaltet,
Auf Andalusiens blühender Flur, freiweidend, heranwuchs.
Als er, die Reihen entlang, hinflog auf dem schnaubenden Rosse,
Tönte Gejauchz' ihm nach; er rief den Geordneten also:
»Krieger, wir stehen auf Feindes Land, wo herrlich des Ruhmes
Laufbahn glänzt, und Gott uns ruft zur Christenerrettung!
Schweben die Sieg' euch vor entschwundener Jahre? Gedenk't ihr
Eures errungenen Ruhms, nicht harrend entflammenden Aufrufs
Tapfer zu seyn? Ihr denkt's: denn Muth in den glühenden Augen
Seh' ich, der nur vorwärts strebt, und voll Todesverachtung
Lächelt im brausenden Sturm der Donnergeschosse. Nur haltet
Eisern auf Mannszucht stets, und auf Ordnung. Wer solche verschmähet,
Schafft Unheil sich selber, und schafft dem Heere Verderben.
Ha, schon nahet der Feind! Jetzt vor: in geschlossenen Reihen
Greift die Unzähligen an, und erringt euch herrlichen Siegsruhm!«
Sagt' es, und hieß nun links und rechts die Flügel des Heeres
Rasch vorgeh'n, und eilen, gesondert, des Vorder- und Nachzugs
Ordnungen, er in der Mitte zugleich mit dem tapferen Guasto,
Ueber Hispania's Volk, und Oestreichs Scharen gebiethend.
Siehe, den Vorderzug, der tausend tyrolische Schützen
Zählete -- sie, vor allen geübt, das Schwarz' in den Scheiben
Und in dem Busen das Herz aus dem schmetternden Rohre zu treffen,
Führete Lichtstein vor, und es folgten ihm, leuchtenden Blickes,
Tausend Reiter, Bohemia's Söhn', in Eisen gehüllet;
Aber das Fußvolk, das in dem Heere das Leichte benennet,
Und aus den Reih'n der allvereinten Völker erwählt war,
Rief Toledo in's Feld: fünftausend erlesene Krieger.
Links an dem Flügel des Heers, Lusitania's Krieger und Flanderns,
Einend, schaltete Ludwig, der Held, und zehenmal tausend
Krieger zu Fuß gehorchten ihm. Rechts, an der Zahl und an Kampfmuth
Gleich, gehorchten Alarkons Ruf Italia's Völker.
Diesem zur Seit', entboth dreitausend geharnischte Reiter
Alba zum Kampf', und, jenem gesellt, beherrschte der Sprößling
Hunyadis, gleich an der Zahl, roßtummelnde, kühne Magyaren.
Aber im Nachhalt stand, mit dem tapfern Mendoza, der Ritter
Edele Schar, und zugleich den Blick auf den Heldengebiether,
Eberstein, gerichtet, der Hauf' gewaltiger Deutschen.
Jetzo mit Allah-Geschrei und wildauftobender Mordgier
Nahte der Feind, und Staub quoll auf. Wie im Laufe des Lenzes
Hoch im Gebirg' ein Brand durchwüthet die Waldung: da glimmt nur
Dunkel die Gluth aus dem saftigen Holz, nur qualmender Rauch steigt
Auf in die bläuliche Luft: so umhüllte der Staub die Umgegend.
Dragut jagte die Scharen heran. Voll glühender Mordlust
Sah er nur Feindes Blut, und dachte, die landenden Haufen
Schnell zu erwürgen im Kampf; doch jetzt, die Geordneten schauend,
Saß er erstarrt, und stumm in dem Sattel: ihm stockte der Odem.
Dann aufstöhnet' er laut, und rief zu den folgenden Scharen:
»Mußte sie heute so bald entflieh'n die neidische Sonne,
Uns nicht gönnend den Ruhm, des Feindes verächtliche Haufen
Schnell mit würgender Hand vom Antlitz der Erde zu tilgen?
Aber sie schaue noch hier mit den letzten, verlöschenden Blicken
Unseren Sieg, und die Erde, von feindlichem Blute geröthet.«
Und er entriß alsbald dem Numidier, fluchend, den Bogen,
Zielte, und schoß: da schwirrte der Pfeil in der sausenden Luft hin,
Und durchbohrte die Brust Waldsteins, des tapferen Feldherrn,
Der aus den Mauern Prags, Bohemia's glänzender Hauptstadt,
Kühn in den Kampf auszog, und daheim die Mutter und Gattinn,
Jammernd, verließ. Sie harren, und schau'n durch quellende Zähren
Oft nach der Straße hinaus, die er ging, und harren vergeblich
Freudigen Wiederseh'ns: ihn decket die Erde von Tunis.
Seitwärts sprang sein Roß, und er sank, festhaltend den Zaum noch,
Häuptlings hinab, und färbte mit glühendem Blute den Boden.
Draguts Hohngelächter erscholl; zu den Seinen sich wendend,
Rief er grimmig: »Seht, der Himmel verkündigt den Sieg uns,
Der die mordende Spitze gelenkt! Ein feindlicher Führer
Schläft dort, blutend, im Staub', und wird wohl nimmer erwachen.
Ha, nichts sehnlicher wünschte mein Herz, als alle mit einmal
Also vernichtet zu schau'n, daß keiner entrönne dem Tod hier!«
All' aufbrüllten zugleich: Numidier, Mauren, und Türken;
Schwangen den ragenden Speer, und tummelten feurige Ross' um.
Dicht, wie Flocken des Schnees herstürmt der heulende Nordwind,
Flog ihr Geschoß: hellschwirrende Pfeil' und schmetternde Kugeln,
Sausenden Lanzen vermengt. Da fiel in den Reihen des Vortrabs
Mancher der Männer -- es wälzten sich blutende Ross' in dem Staub dort.
Doch schon brauste mit reisigem Volk' und verhängetem Zügel
Lichtstein hin, um mächtiger, vorgebeugt aus dem Sattel,
Einzuhau'n, links, rechts, in die wimmelnden Haufen, und Haufen
Sanken in Ströme von Blut. Tyrols kampfrüstige Schützen,
Mit Toledo's erlesener Schar den Reisigen folgend,
Eilten im Sturmschritt vor, und feuerten rasch in die Reihen
Tödliches Blei: nun einzeln, dann vereint, im Gekrach, hin.
Hunderte stürzten, und jetzt, ergriffen von Angst und Entsetzen,
Wandte den Rücken der Feind: er floh in dem stäubenden Feld fort.
Bald schied unabsehlicher Raum die Streitenden. Guasto,
Nahend dem Herrscher voll Hast, erhob die warnende Stimme:
»Schnell entfloh der Feind; doch wie, so er, sinnend auf Unheil,
Uns zu erlauern im Hinterhalt, den Rücken uns wendet?
Hemme des Vortrabs Lauf, und gebiethe des Lagers Umwallung,
Da noch Rogendorf an dem Strand des Meeres sich abmüht,
Auszuschiffen die Wucht des ehernen Donnergeschützes,
Auch die dunkele Nacht, gefahrendräuend, herabsinkt.«
Also der Greis, und Gewährung ersah er im Auge des Kaisers.
Einer der Herolde, die, rittfertig, und stets an der Seit' ihm
Harrten des Winks, hinüber, herüber zu jagen im Schlachtfeld,
Eilt' im Fluge hinaus, und rief sein »Halt!« an die Scharen,
Die, an die Stelle gebannt, zugleich dem Worte gehorchten.
Drüben auf schmählicher Flucht riß Dragut den schnaubenden Läufer
Plötzlich am Zaum, daß er, lautaufstöhnend, sich bäumt', und zurück
sank.
Attila war ihm genaht: es reizte der schreckliche Krieger
Ihn, den Schrecklichen einst, und noch erbebt' er vor Ingrimm,
Daß er, des sterblichen Leibes beraubt, nicht lenkte die Feldschlacht
Mehr, nicht Gemetzel geboth, und gräßliche Länderverheerung.
Leise haucht' er ihm jetzt an die Seele den schmähenden Vorwurf:
»Dragut, du fliehst, nicht erwägend den Ruhm des entschwundenen Lebens,
Nicht die Worte voll Muths und glänzender Siegesverheißung?
Kehr' in Eile zurück: so folgen die fliehenden Scharen
Schamerfüllt, dir alle; wo nicht, so suche dir selber
Ruhm in dem einzelnen Kampf. Vielleicht gelingt es dir heut noch,
Glücklich bewahrt, hier deinen ergrimmtesten Gegner zu tödten.«
Als er des Geisterruf's erregende Laute vernommen,
Wüthete Dragut noch mehr: er spornte den fliehenden Haufen
Oft sein Streitroß vor, und trieb noch diesen und jenen,
Scheltend, zurück'. Ihm horchte der Maur' und muthige Türk nur:
Denn der Numidier floh g'en Tunis in Eile hinüber.
Sieh', oft naht in dem Feld der Furcht erstarrendes Schreckbild
Nur dem Feigen: er wankt; dann fleugt es vom Gliede zum Glied hin,
Und der Tapfere wankt mit dem Feigen: sie wenden den Rücken
All', und entfliehn. Wie fern auf dem Meere der brausende Sturmwind
Wogen auf Wogen wirft, und Schiff' an Schiffen zerschmettert:
Also stürzen sie fort, verderbend, und weder des Führers
Scheltender Ruf, noch Strafe dereinst hemmt jetzo die Flucht mehr:
Denn unbändige Furcht ergriff die ausreißenden Scharen.
Aber so weit wie ein Ball, vom schmetternden Rohre geschleudert,
Fleugt, schied drüben ein Raum nur mehr Toledo's und Lichtsteins
Krieger vom Feind', als Dragut, von starrendem Staunen gefesselt,
Hemmte das feurige Roß. In fest geschlossenen Reihen
Harrten die Christen sein, und der zahllosen Scharen, und standen
Ruhigen Blicks. Da rief er die schmähenden Worte herüber:
»Seh' ich vor Todesfurcht in Stein verwandelt die Helden?
Kommt, wenn Einer es wagt, ja zehen, und dreißig, und fünfzig,
Gegen mich anzukämpfen im Feld, wie dort auf Granada's
Flur mein Volk, der Rittersitte wohl kundig, mit euch focht,
Eh' uns Verrath und Uebermacht Hispania's Herrschaft --
Fluch dem Frevel, entriß! Nun kommt, mir werde der Ruhm dann:
Keiner obsiegte der Macht des Satanbändigers Dragut!«
Schon aufbrauste zuvor des Prahlers Worten Toledo's
Heldenbrust; doch, als ein Nahme von drüben heran scholl,
Welcher der schrecklichst' ihm war, und verhaßteste aller auf Erden,
Da hielt er sich nicht mehr; er spornte sein schnaubendes Reitroß
Auf die Fläche hinaus, und schrie dem Wüthrich entgegen:
»Ha, nur dich, den Räuber des edelsten Weibes, des meinen,
Suchte mein glühendes Aug': nicht wirst du künftig mehr prahlen!«
Also mit lautem Gejauchz' aufschwang er den blitzenden Degen
Ueber des Gegners Haupt, und es wäre, zerschmettert, gesunken,
Wenn nicht Attila schnell, wie ein Blitz, der oben im Nachtgrau'n,
Leuchtend die Wolken durchzischt, heruntergeflogen, sein Streitroß
Drängte zum Seitensprung: denn fühlbarer nahen dem Thier noch,
Und in den Nächten zumal, des Geisterreiches Bewohner,
Bald vom Zorn gereitzt, und bald nur neckenden Launen
Folgend: da schmiegt sich die winselnde Dogg' an die Füße des Menschen,
Der mit Verwunderung horcht, und hinaus in das schweigende Nachtgrau'n,
Schaudernd, starrt; im Gehöft' aufflattern die kreischenden Hühner;
Laut mit Geschrei entstürzen die Vögel dem Wald', und die Hirschkuh
Fährt aus dem rauschenden Laub' in die Höh', und horchet mit Beben:
Denn hell blitzte der Geist an dem Auge des schlummernden Thier's hin:
So, von dem Geiste geschreckt, aufsprang der schnaubende Rappe
Draguts. Ihm zerhieb Toledo's sausender Mordstahl
Nur die bärtige Wang', und sie blutete. Siehe, nicht säumte
Dragut, und vorgebeugt, durchrannt' er die Linke Toledo's
Jetzt mit dem mächtigen Speer, daß schnell der leitende Zügel
Ihr entsank! Ein schrecklicher Kampf, und im Kampfe der Tod nur,
Hätte die beiden getrennt: da flog, gesendet von Lichtstein,
Hanno, der Stabs-Herold, an die Seite Toledo's; er faßte
Dort sein Roß an dem Zaum', und führt' es zurück' in die Reihen.
Jammernd folgt' ihm der Held: er dachte den Gegner zu tödten.
Dragut knirschte vor Wuth, und entwich: das Strömen des Blutes
Raubt' ihm die Kraft. Nun rief er dem maurischen Scharengebiether:
»Muhamed Temtes, ein Hort sey du des tapfersten Volkes,
Und ein Zeuge vor Hairaddin mir: nicht erbebend in Feigheit
Wär' ich gewichen dem Feind. Die blutende Wunde zu stillen,
Eil' ich zur Stadt, wo mir der kräuterkundige Diener,
Hugo, umhüllen sie soll mit dem weheinschläfernden Balsam,
Und bald kehr' ich zurück', allwärts ein Schrecken der Gegner.«
Also jagt' er davon: doch jener den kommenden Scharen
Kühn entgegen zu kämpfen, bereit, sah forschend zum Rückhalt:
Denn er hörete dort unfreundlichen Donner; vernahm auch
Würgender Feinde Geschrei, und ihm pochte das Herz in dem Busen.