Jetzt, annahend im Boot', erklomm mit Gefolge der Kaiser

Doria's glänzenden Bord, und schloß ihn mit heißer Umarmung

Lang' an das Herz: hochehrend vor allem Volke den Helden.

Siehe, da flog auch Sarno heran! Mit leuchtenden Augen

Sah er den Sieger belohnt, und sprach zu dem Herrscher sich wendend:

»Heil und Segen mit dir, Erlauchtester, daß du den Helden

Hoch vor allen erhebst, der mich aus schmählichen Banden

Rettete; doch nun sollen für mich die tapfern Gefährten

Zeugen: nicht hab' ich durch eigene Schuld die Bande getragen!«

Aber ihm zürnete, seit dem Sieg' auf dem Felde Bicoccas,[36]

Guasto, der tapfere Greis: dort hemmt' er des feurigen Jünglings

Stürmische Hast, und sogleich stieß dieser verwundende Wort' aus.

Jetzo mit finsterem Blick' erhob er die tadelnde Stimme:

»Wahrlich, der Feind erhascht' ein träghinsegelndes Fahrzeug,

Weil es ein Feiger lenkt', und ihn nicht tapfer bekämpft hat!«

Todesbläss' umzog, und flammende Röthe bedeckte

Sarno's Wangen im wechselnden Flug'. Er faßte des Degens

Griff in zitternder Hast, trat vor ... da hemmt' ihn des Kaisers

Ernster Blick, der, Guasto's ergrauete Haare betrachtend,

Ruhe geboth. Ihm sank die ermattete Rechte vom Griffblatt.

Schweigend stand er im Kreis', und an seiner Wange herunter

Glänzte die Thrän'. Alsbald bezwang Del-Guasto des Busens

Leichtaufwallenden Zorn, er seufzte vor innigem Herzleid,

Trat vor Sarno, und reicht' ihm, versöhnend, die Hand, und der Edle

Nahm sie versöhnt. Doch bald umwölkt der nächtlichste Kummer

Sein verwundetes Herz, und schwindet im rühmlichen Tod nur.

Jetzt aufboth der Kaiser sogleich die versammelten Feldherrn:

»Gott, deß mächtiger Arm, die Feinde zerschmetternd, uns Ruhm gab,

Leit' uns beglückt zum Ziel'! Entfaltet dem Winde die Segel,

Daß in des Sieges aufstrahlendem Glanz wir, landend vor Tunis,

Ernten noch schöneren Ruhm: die Wonne der Christenerrettung.«

Also geschah's. In Eil' auf die schimmernden Fluthen des Meeres

Wogten die Schiffe hinaus; das Geschütz erdonnerte rastlos,

Und in dem sausenden Wind' entschwand g'en Tunis die Heersmacht.

Fünfter Gesang.

Schon entschwebten dem Meer des heißersehneten Welttheils

Küsten im Abendduft; schon thürmten im rosigen Westen

Berge sich auf, ringsher umlagernd den Gürtel des Atlas,

Dessen schneeiges Haupt anstaunt die glühende Sandwüst',

Als in die Reih'n des meerdurcheilenden Heers ein Geschwader

Vier schnellsegelnder Schiffe noch kam, von dem felsigen Eiland

Malta gesandt. Aurel, die erlesenste Zierde des Ordens,

Führte der Christenheit verherrlichte Kämpen am Schiffsbord:

Hundert Rittern gesellt, zweitausend tapfere Krieger.

Ihnen zu Eigen gab der erhabene Kaiser das Eiland,

Als sie von Rhodus Suleymann vertrieb, der, rings von den Leichen

Seines Volks umhügelt, den Greis, und Heldengebiether,

Villiers Lisle Adam,[37] dort ehrte mit würdigem Lobspruch.

Grüßend mit Donnergetön' und wehender Flagge den Herrscher,

Schifften sie freudiger fort im Verein des mächtigen Heeres.

Jetzo, der Küste genaht, hinstarrten die Krieger, vor Sehnsucht

Glühend: den Palmenhain in den fremden Gefilden zu schauen,

Oder das seltene Thier im Gefild', und die Hütte des Menschen.

Doch bald hüllte das Land sich rings in des sinkenden Nachtgrau'ns

Düsteren Schleier, und barg dem staunenden Fremdling sein Antlitz.

Attila war im Gefolg des Geisterheeres im Eilflug

Afrika's Fluren genaht. Wie an trüberen Tagen des Winters

Endlos, Schwärme der Kräh'n und der schwarzbefiederten Raben,

Laut vereinten Geschrei's, vor dem Schneegestöber heranzieh'n:

Also nahten im Grau'n der Nacht die empöreten Geister.

Attila stand, und forscht' in den Herzen der Landesgebornen,

Welchen die Küste umher zur Huth von dem Herrscher vertraut war;

Aber sie ruheten all' an dem Strand, vom Schlummer gefesselt.

Zürnend sprach er darum den leis' aufhorchenden Geistern:

»Weckt entsetzliche Träume sogleich, aus dem Schlafe zu rütteln

Dieß entnervte Geschlecht, und donnert: »Es nahet der Feind uns!«

Ihm in die Ohren, daß rings auf den luftigen Höhen und Warten

Lodre die Flamm' empor, und schrecke die feindliche Schiffsmacht.

Selber erreget die brausende Loh', und zeigt euch des Königs

Würdig, dem, als der Geißel Gottes, erbebte der Erdkreis.«

Also rief er: da fuhr sein Volk, wie der brausende Sturmwind,

Ueber die Schlafenden hin. Sie sah'n im Traume die Meerfluth

Wildempört; sie hörten aus ihr Scheusale des Abgrunds

Heulen: »Es nahet der Feind!« und taumelten auf von dem Boden.

Erst, mit seitwärtsgewendetem Ohr' im finsteren Nachtgrau'n

Horchend, standen sie all', und hörten Geräusche (die Wellen

Klatschten am schwärzlichen Kiel) dann, laufend umher an dem Meerstrand,

Sah ihr, geschärft vor Gier umspähendes Aug' in den Lüften

Näher und näher heran den Wald hochthürmender Masten

Schweben, und jetzt mit den flatternden Wimpeln unzählige Segel,

Von dem Winde gebläht, anstürmen im freudigen Eilflug.

Aber mit lautem Geheul erklomm die bebende Volksschar

Jäh' am Gestade, die Felsenhöh'n: der Drohung gedenkend,

Die jüngst Hairaddins Grimm aussprach, des schrecklichen Herrschers,

Und erweckte die Gluth im knisternden Reis, auf des Felsens

Hochaufragenden Warten umher. Den Feigen im Rücken,

Brauste die Geisterschar, und, als der schlummernde Nachtwind

Noch den geschüreten Brand nicht in Flammensäulen empörte,

Fachten die Geister, vereint, mit starrvorquellenden Augen

Und gebläheten Backen, erhellt vom Feuer, die Gluth an.

Siehe, und bald erhob sich die wirbelnde Loh' auf den Höhen,

Hellte die Nacht, und warf, urschnellfortrollenden Schimmer

Ueber die schwankenden Fluthen des Meers. Weit brannte der Abgrund

Unter dem Wogenpfad der völkertragenden Schiffe.

Endlos schien der Brand auf den Höh'n: denn, leuchtendem Blitz gleich,

Hüpften vor jedem umher die Flammengestalten der Geister.

Solches vermögen sie noch, und necken den Wand'rer die Nacht durch,

Mit Irrlichtern vereint am Moor', und feurigen Männern.

Leise geweckt entfuhr der Hängematte der Kaiser,

Stieg auf das hohe Verdeck, und sah nach dem leuchtenden Meerstrand,

Lächelnden Blick's, hinüber. Er hieß den sorglichen Guasto,

Der ihn gewarnt, annahend im Schiff, zur Ruhe sich legen:

Denn er kannte die List des täuschungsinnenden Feindes.

Aber nicht senkte der liebliche Schlaf mit fächelnden Schwingen

Auf sein Auge sich mehr: er sah nur Kampf und Errettung.

Als im rosigen Duft der heilige Morgen heraufstieg,

Himmel und Erd', und Meer der freundlicherwachenden Sonne,

Schauernd vor Lust, entgegen streckten die Arme: da flogen

Eilig die Krieger im Frühwind hin, umkreisten den Vorberg

Gomert:[38] Apollo's vordem genannt, und blickten nach Bona's

Halbeiland, das einst dem schirmenden Hermes geweiht war,

Und in die spiegelnde See sein Klippengestade hinausdehnt.

Nun Buschatter genaht, wo mächtig in Tagen der Vorwelt

Utika stand, aufseufzete laut der edelste Kaiser;

Sah, mit Trauer im Blick, nach dem kühnaufstrebenden Helden

Ludwig, und sagte zu ihm, noch tiefbeklommen im Busen:

»Weh'n nicht der Vorzeit heilige Schauer dich an aus den Mauern

Dort, wo Kato, der Knechtschaft zu groß, in das eigene Schwert sank?

Achtung gebeut sein hohes Gemüth, und die Liebe zur Freiheit,

Der er gelebt, unwandelbar stets. Doch, dünket sein Tod dir

Beifallswürdiger als ein Sieg, dem feindlichen Leben

Abgerungen durch Kraft ausdauernden, muthigen Strebens?

Frommt' es dem Vaterland, dem langentarteten, etwa,

Daß er, der Vorzeit Sitte getreu, verfolgte den Einen,

Der mit mächtiger Hand das, mitten im Brausen der Sturmfluth

Leckumtreibende Schiff vom Bruche zu retten vermochte --

Daß er den schrecklichen Dolch in die Hand des Sohnes gegeben?

Schwer, ach, büßte die Welt den Mord des Edeln: er bahnte

Furchtbarn Wüthrichen nur den Weg zu frecher Verachtung

Jeglichen Rechts. Und wurde nicht strenge Vergeltung den Mördern?

Brutus kannte die Ruhe nicht mehr; nicht erquickte der Schlummer

Mehr sein Aug'; auch wachend sah er Gespenster, und immer

Hört' er die Wort': »»Auch du, mein Sohn?«« in zermalmenden Tönen.«

Jetzt an dem Halbeiland, Karthago's verödeter Stätte,

Wogten die Schiffe vorbei: beklemmende Schauer erfüllten

Jegliche Brust, und Stille herrscht' am Bord und im Schiffsraum;

Eileten erst an dem Salzthurm hin: von der reichlichen Salzfluth

Also genannt, die im Schooß der thürmenden Mauer emporwallt,

Dann an dem Wasserthurm, deß' silbernfluthende Kühlung

Auch aus dem fernen Gefild' anlockt den dürstenden Wandrer.[39]

Aber unzähliges Volk rann fort am Gestad', in der Rechten

Schwingend den Speer im Geschrei der wildauftobenden Kampflust,

Und schon sausten mit Donnergetös gewaltige Kugeln

Her von dem Strand; doch, so wie, im garbenbeladenen Wagen

Sitzend, die Schnitter fern' im Gebirg den strömenden Regen

Schauen, mit lächelndem Blick, da im heiteren Glanze der Sonne

Sie von dem Aehrenfeld heimführen den Segen des Sommers:

So, nur lächelnd, ersah'n die Schiffenden, wie die Geschosse

Harmlos sanken umher, von den schäumenden Wogen verschlungen.

Doch, im Schooße der Bucht, die aus felsumstarreter Mündung

Eint vor Tunis den See mit des Meeres Gewässern, erhob jetzt,

Schimmernd im Morgenroth, ihr Haupt die Veste Goletta,[40]

Und einhelliges Jauchzen erscholl von den Schiffen: die Krieger

Sehnten sich lange nach ihr, dem Ziel' unsterblicher Thaten.

Hoch in die bläuliche Luft aufragte die herrliche Festung,

Und in die Fluth, die, sanftergossen, im Schimmer des Morgens

Ruhete, sank ihr Bild, doch häuptlings hinunter zum Abgrund.

Jetzo schwankt' es umher, da, erregt von den nahenden Schiffen,

Kräuselnd, der Wellenzug nach dem Felsengestade sich wälzte,

Und es ertönte zugleich der Feinde Geschrei aus den Mauern;

Aber der Kaiser rief nach Doria selber hinüber:

»Tapferer, send' alsbald auf zwei leichtsegelnden Schiffen,

Wohlerfahrnen Führern gesellt, versuchtere Krieger,

Dort zu erspäh'n die Lag' und die Stärke der Veste -- zu finden

Günstigen Landungsplatz für den Reiter zugleich und das Fußvolk;

D'rauf erschalle der Donnerruf zur stürmischen Landung!«

Also geschah's. Weit vorwärts bog sich der Mast, und die Wellen

Schäumten nach jeglichem Ruderschlag', in kräuselnden Ringen,

Hinter dem eilenden Kiel. Wie zwei langhalsige Schwän' oft,

Männchen und Weibchen, den silbernen Teich umrudern im Spätlicht:

Jetzt, annahend dem Strand, wohlduftende Kräuter zu pflücken,

Jetzo, kehrend zur Mitte des Teich's, die schimmernden Furchen

Ziehen die Fluth entlang, und mit stolzergewölbeten Hälsen

Ihr Gefieder, wie Schnee, den Lüftchen des Abends entfalten:

Also erforschten die zween, bald nah', bald ferne dem Meerstrand,

Jegliches so, wie zuvor der waltende Herrscher gebothen.

Hairaddin ging auf dem Söller der Burg, hoch über der Hauptstadt

Tunis, sinnend umher. Nicht die würzigen Düfte der Blumen

Ringsum schufen ihm Lust, nicht des Springborns holdes Gesäusel

Reizte sein Ohr: er starrte, die Hände zum Rücken gefaltet,

Stets mit trüberem Blick' auf den glänzenden Estrich vor sich hin.

Wuth erfüllt' ihm die Brust: denn Omrah, der Räuber Areny's

War ihm genaht an dem Abend. Ihm Siegesverheißung zu bringen,

Sendet' ihn Al-Mansor; doch sah er noch fern' auf des Meers Höh'n,

Wie er dem Feinde, besiegt, hinsank mit all dem Geschwader.

Schnell erwürgt' er im Zorn den jammerverkündenden Bothen.

Doch nun kam ein Sclav', und rief, zur Erde sich beugend:

»Herr, die Christen sind da! Nicht nährt des ragenden Oehlwalds

Grund der Bäume so viel', als feindliche Maste die See trägt.«

Hairaddin schnob vor Wuth: »Hinweg du feiger Geselle,

Eh' dich mein Fuß zermalmt! Die Furcht erschuf dir die Gegner.

Hat ihr Schiff die Schwingen des Aars und die Sehnen des Straußes,

Der auf dem Sand hinfleugt, und den Preis auch dem hurtigsten Rosse

Raubet im Lauf? Nicht sollst du hinfort mir lügen: hinweg -- stirb!«

Jener entfloh, und stürzte sich angstbetäubt in die Fluthen.

Hairaddin ging nun hastiger hin auf dem Söller; er kehrte

Nun ergrimmter zurück', und sah lautknirschend zum Himmel.

Aber ein Zweiter begann: »Die Macht unzähliger Gegner

Wogt an dem Vorgebirg Buschatters in Eile vorüber.«

Und kaum war er entflohn, da kam ein Dritter, und sagte:

»Sinam kündet dir, Herr: fünfhundert feindliche Segel

Hab' er gezählt von den Zinnen der Vest', und nicht alle gezählt noch.

Nah' an Goletta dem Feind die günstige Landung zu wehren,

Stehe versammelt das tapferste Volk; doch mächtige Scharen

Harren nur deines Geboths; du winkst: sie gehorchen in Demuth.

Sende daher ihm noch die erlesensten Krieger, daß jenes,

Minder an Zahl, nicht im Kampf' erliege der feindlichen Mehrzahl.«

Hairaddin schrie: »Erliegen meinte der Feige? So meint er?

Eile, bescheide mir Giaffar her, den tapferen Aga.«

Jener gehorchte; doch Hairaddin sann, und rief in den Hofraum:

»Hört! Die Feldherrn all' entbiethet ihr schnell nach Goletta;

Aber daß keiner verzieh': denn traun, er würd' es bereuen!«

»Wie,« so murmelt' er jetzt, ergrimmt, die Worte für sich hin,

»Wie, sie kommen heran, mir zu rauben das edelste Kleinod,

Tunis, dieß jüngst' und theuerste Kind? Nicht Telmessan, nicht Algier

Acht' ich so hoch ... Den Frevel büßen sie einst in Europa

Furchtbar, wo nicht der Greis, nicht das Kind in der Mutter verschont

sey!«

Dann aufschrie er: »Mein Roß!« Die Mauern des hohen Pallastes

Drönten hinab zu dem untersten Grund', und die bebenden Sclaven

Taumelten durcheinander vor Angst. Der stattliche Läufer

Stand alsbald gesattelt im Raum des hallenden Thorwegs:

Glänzend schwarz, von Arabia's edelstem Schlage; der Schneeschaum

Flog von dem blanken Gebiß, wie er nagt' an dem Eisen, und rastlos

Scharrt' in dem Sand; wie er schnob, und bald auf den hinteren Füßen

Stand, erhebend die vordern, und bald aufwiehert', und ausschlug.

Aber den Feurigen hielt der Sclav' am goldenen Zaum fest;

Streichelt' ihm leise den Hals, und klopft' an die Decke von Purpur,

Die den Sattel umhüllte, mit Gold und Perlen verzieret.

Hairaddin hob sich im kreisenden Schwung' auf das Roß, und der Reiter

Hundert jagten ihm vor, so viele ihm nach, in dem Eilflug.

Fernhin tönte Geklirr' und Getrab', und es bebte der Boden

Unter dem stampfenden Huf' -- aufflog der flimmernde Sandstaub.

Jetzt durchbraust' er voll Hast die eröffneten Thore Goletta's,

Und erstieg den gewaltigen Thurm, der nahe dem Meerstrand,

Auch die Mündung des See's von Tunis, erhöhet im Viereck,

Schirmt: denn landeinwärts, wohl vier gemessene Meilen

Dehnt sich der See, am Rand des Olivengehölzes zur Stadt hin.

Hairaddin rettete dort, besorgt, viel hundert der Schiffe

Noch; er hieß die Mündung des See's mit lastenden Ketten

Sperren, und pflanzte Geschütz, Abwehr ersinnend, am Strand' auf.

Jetzt erklomm er die Zinne des Thurms, und sah nach der Gegend,

Glühenden Blickes, hinab, wo unzählige Schiffe des Gegners

Deckten die schimmernde Fluth, und zwei vordringende Segler

Spähten: er sah's, und finsterer Groll zernagte die Brust ihm.

Aber schon lang' umflog, dem christlichen Heere Verderben

Sinnend, Muhamed ihn, und hoffte der Wünsche Gewährung,

Als er das Herz erwog des thatengewaltigen Mannes.

So wie im düsteren Flug, den Ohren nicht hörbar, die Nachtschwalb'

Ueber uns flatternd schwebt: so flog um Hairaddin jener,

Forschend, und sah ergrimmt, wie jetzt ihm der feindlichen Heersmacht

Furchtbare Schau das Herz erfüllte mit nagendem Kummer.

Leise dem Ohre genaht des Sinnenden, sprach er ihm Muth ein:

»Solltest du beben, Hairaddin, du, ruhmwürdiger Krieger,

Deß' zermalmender Kraft die Völker erzittern? Nicht denkst du:

Wer das Eine nur will, fest will, der wird es erringen?

Heiß den Wurfschütz dort vernichten den feindlichen Späher,

Der tollkühn vordrang, und erreg' in der hohen Versammlung

Deine Feldherrn. Horch, dieß kündet der große Prophet dir!«

Alsbald stieg, der muthempörenden Worte gedenkend,

Jener die Stufen herab, und eilte hinaus nach dem Walle,

Wo der Wurfschütz saß, und gehäuft die Donnergeschosse

Lagen, unferne dem ehernen Schlund. Mit Zorn in den Blicken

Und in dem Laut, rief er den bombenwerfenden Söldnern:

»Memmen ihr! Auf trüglicher Fluth, die Freunden und Feinden

Willig den Rücken beut, erblickt ihr die feindlichen Späher:

Wie sie erkunden die Furt, die Macht und die Schwäche der Mauern,

Euch, ihr Feigen, zur Schmach. Zertrümmert mir eines der Schiffe --

Jenes gleich, das dort vordringt, mit euren Geschossen.«

Alle zugleich, gehorchend dem zürnenden Herrscher, erhoben

Brennende Lunten, und senkten sie schnell an des furchtbaren Mörsers

Zündrohr. Rauch quoll auf, und, durch Rauch und Flammen sich hebend,

Flogen mit Donnergetös' empor die entsetzlichen Bomben,

Fünfzig Mörsern entsandt, und Geheul des reißenden Luftraums

Scholl weit hin: die sinkenden wühlten vom Grunde das Meer auf,

Das, aufbrausend, schäumt', und wirbelnde Wogen umherwarf.

Eine gewaltige Todeslast zerschmetterte Benno's

Fahrzeug. Wie in der Jahr' umkreisendem Lauf sich ein Felsblock

Still losreißt von dem Gipfel des Berg's -- alsbald in den Abgrund,

Laut, mit Gekrach, herrollt, und unten die dürftige Hütte,

Schmetternd, begräbt, daß weder die Spur der armen Bewohner,

Noch der Hütte sich weist': denn Alles versinkt in dem Steinwust:

Also vernichtete hier die entsetzliche Bombe den Helden

Benno mit allem Volk'. Ach, vier unmündige Kinder

Ließ er in Genua's Mauern daheim mit der weinenden Mutter!

Dort, in dem Heldenverein die schwankenden Bretter besteigend,

Drückt' er noch einmal die Hand der zärtlichbekümmerten Gattinn,

Abgewandten Gesichts, daß selbe die Thränen nicht sähe;

Aber den Kindern, die ihm umfaßten die Kniee, verhieß er

Baldiges Wiederseh'n, und köstliche Gaben des Ostlands;

Doch nicht sollt' er den Tag erblicken der fröhlichen Heimkehr,

Nicht die Kinderchen mehr, nicht die liebenswürdige Gattinn:

Denn ihn deckte die Fluth mit dreißig tapfern Gefährten.

Aber im Nebenschiff', umhagelt von Todesgeschossen,

Floh Ulloa zurück, der Spanier, ähnlich dem Schwan dort,

Der, als, schmetternd, ein Ball ihm das Weibchen entriß auf dem

Schilfteich,

Einsam flieht: sich fern' im dunkeln Geröhre zu bergen.

Hairaddin jubelte; warf handvoll des schimmernden Goldes

Unter die Schützen, und ging, in der räumigen Halle die Feldherrn

Anzufeuern zum Todeskampf. Sie spornten die Rosse

Blutig im sausenden Ritt: wohl kennend den schrecklichen Herrscher,

Und betraten die Hall' in drängender Hast und Verwirrung.

Erst kam Sinam, der Jud'. Entschlummert am Strande des Meeres,

Lag er in Smyrna, als Jüngling noch: da raubt' ihn, gelandet,

Sahir, der wilde Korsar, und zwang ihn, ein Räuber zu werden.

D'rauf vertauscht' er, als Mann, des Moses für Muhameds Lehren,

Nur für baaren Gewinn. Stets blieb er ein Jud' in dem Herzen,

Schlauen Verkehrs. Doch füllt' ein seltener Muth ihm den Busen

So, daß er bald durch Kunde des Kriegs, auf der blutigen Laufbahn

Schätze errang, und ihn Hairaddins Blick erkor zum Gebiether

Seiner erlesensten Schar. In staunenerregender Hoheit

Trat er heran; ihm floß der Bart, gleich silbernen Wellen,

Tief in den Busen herab, und Ernst umhüllt' ihm die Augen.

Dragut kam, der Kilikier, der, ein Schrecken der Gegner,

Nur der »Satanbändiger« hieß im Munde des Volkes.

Stets in dem schwarzen Gesicht, dem häßlichen, dreht' er die Augen,

Spähend, umher, und nagt' an seinen gedunsenen Lippen,

Heimlichen Grimms, der auch an der zuckenden Wange sich kund that.

Doch nun füllt' ihm die Brust noch heißere Wuth: für Mathilden

Kam er entbrannt daher, Toledo's herrlicher Gattinn,

Die dem edeln Gemahl, mit der himmlischreinen Gesinnung,

Treu bis zum Tod, des Wüthrichs Gier gewahrte mit Abscheu.

Ihm nachschritt der Bascha von Laodikea, Tobukes,

Der das Fußvolk lenkt' in dem Heer'. Er haßte den Herrscher,

Hairaddin, da er ihn minder geehrt als Sinam, und er war's,

Der ihm ersiegte den Thron von Algier in blutiger Feldschlacht.

Rache kochte sein Herz; doch treu dem falschen Propheten,

Nahet' er jetzt, entschlossen die christlichen Völker zu tilgen.

Salek brauste herein, der Ionier, der in der Heer'smacht

Hairaddins reisigem Volk' obherrscht'. In Syriens Wüsten

Lenket' er einst, als Scheik, raubsüchtige Horden, und häufte

Fülle des Golds, Karavanen plündernd unseliger Pilger.

Wohl, in dem heimlichen Ueberfall die Feinde zu morden,

So wie im Grauen der Nacht Verwirrung zu schaffen, und Jammer,

Hatt' er gelernt, und Hairaddin rief den Kühnen zum Kampf' auf.

Aber auch Giaffar kam, der Aga der Janitscharen,

Stattlichen Gangs. Die flammenden Augen erhellten sein Antlitz,

Das ihm die Herzen gewann, voll blühender, männlicher Schönheit.

Spielend, ein Ries' an Kraft, vermocht' er des brüllenden Stieres

Haupt, mit dem sausenden Stahl', auf einmal vom Rumpfe zu hauen;

Oder er faßt' ihn am Horn, erhob ihn, und warf ihn zu Boden:

Tobt' er auch noch so ergrimmt. Er griff in die Speichen des Rades,

Rollte der Wagen dahin, von feurigen Rossen gezogen --

Stand, und hemmte das rollende Rad, und hemmte die Rosse:

Dennoch war er so mild, als tapfer- und edelgesinnet.

Jetzo mit Abu-Sa-id, dem Scheik arabischer Reiter,

Trat in den Saal der landesgebornen Numiden und Mauren

Feldherr, Muhamed Temtes: voll List die freundlichen Mienen

Heuchelnd: denn glühenden Haß, dem Türkenvolke geschworen,

Nährten die beiden mit ihrem Volk' im verschlossenen Busen.

Tunisias Johann Ladislav Pyrker's sämmtliche Werke (1/3) · 第 5 / 20 段