Traun, ein Held, Aurel, der erst mit den herrlichen Schiffen
Malta's nahend dem Strand, die feinddurchwimmelte Gegend
Mächtig bestreichen ließ aus ehernen Schlünden und Mörsern!
Donnergebrüll' erscholl ringsum; aufwirbelte Sandstaub
Nah' und fern', und die Feind' entstürzten vor Schrecken den Reihen.
D'rauf verließ er den Bord mit fünfzig der tapfersten Ritter,
Tausend Kriegern gesellt, drang vor, und wüthete, mordend,
Jetzt in dem Rücken des Heer's. So wüthet die nächtliche Windsbraut
Durch das Föhrengehölz: der Eigner jammert am Morgen,
Schauend die Stämm' auf Stämme gehäuft, in grauser Verwüstung.
So im Gesicht von Lichtstein, so in dem Rücken von Malta's
Kühnem Helden bekämpft, ausriß in wilder Verwirrung
All' das unzählige Volk, und wandte nach Tunis den Lauf hin.
Hairaddin trabte den stäubenden Weg mit den _Schrecklichen_ näher:
Also hieß er die Schar viertausend erlesener Türken,
Die er sich selber erlas aus den kühnsten und tapfersten Kriegern.
Wohl erwies sich ihr Muth; wohl waren die Muthigen furchtbar:
Denn wo es galt, und, gehemmt, die Wage des Schlachtengeschickes
Schwankte, da mußten sie vor, zu erringen des eisernen Feldes
Herrlichen Preis, und zu steh'n, muthfest, im Kampf der Entscheidung.
Als er den wirbelnden Staub, und im Staube die fliehenden Haufen
Gegen sich kommen sah: da erwog er im Herzen, noch zweifelnd:
Ob er den Schrecklichen erst die Losung gebe zum Morden,
Um in dem Blute der Feigen den Grimm zu sänftigen; oder,
Scheuend den Wankelmuth der Tunisier, heute noch schone?
Gleichwie im Aethergefild der schiffaufstürmende Luftball,
Jählings vom Flammenhauche gerafft, des mächtigen Windes
Wechselndem Strom' zu Beut' umfleugt, und nimmer des Schiffers
Leitung gehorcht, nun hier- nun dorthin schwebend im Luftraum
So, daß Grauen ihn faßt, und sinnverwirrender Schwindel:
Also wankt' er umher. Ihm nahete Muhamed Temtes
Jetzt mit dem flüchtenden Volk'. Er riß sich, ergrimmter, den Säbel
Von der Hüft', und schlug mit der Breite der Klinge den Feldherrn
Ueber die Stirne, daß ihm aus den Augen sprühten die Funken.
Aber der Sclave lächelte nur, und folgte von weitem:
Denn auch Hairaddin floh, und das Volk nachbrausete zahllos.
Schon sank tiefer die Nacht; schon gaukelten kühlere Lüftchen
Ueber die See, und ringsumher aus unzähligen Augen
Sah der funkelnde Himmel, als die Reisigen Lichtsteins,
Kehrend, mit Staunen ersah'n, wie sie, nur im Blute zu ernten,
Hier die Garben gehäuft in des Todes entsetzlichem Saatfeld.
Auch die Helden des Felseilands mit dem kühnen Gebiether,
Kehreten heim in die meerumwogte Behausung (am Bord nur
Schlummert der Seemann süß) und dort aufzählend die Scharen,
Mißten sie dreißig, im Streit gefallene Krieger mit Wehmuth.
Also rang in dem Vorkampf jetzt der erhabene Kaiser
Gegen Hairaddins Macht, und der treffliche Lagergebiether,
Guasto, begann, im vereinten Müh'n unzähliger Krieger,
Dort die schirmenden Wälle zu bau'n, wo er forschenden Blickes,
Erst die Stell' erkor, auf welcher Karthago gestanden:
Auf daß ihr herrliches Bild, aus Schutt und Trümmern sich hebend,
Waffne des Kriegers Herz mit eisernem Muth' in der Feldschlacht.
Gegen den Salzthurm hin, im sternnachbildenden Vorsprung
Hob erlesenes Volk mit schimmernder Haue das Erdreich,
Dämmend, zum Wall. Vor ihm aufgähnte der dunkele Graben,
Und das ehrne Geschütz, von schnaubenden Rossen gezogen,
Rasselte näher, und stand alsbald, in gemessenen Fernen,
Aufgefahren umher, zu wehren dem feindlichen Andrang.
Schnell erfüllten des Lagers Raum die jauchzenden Krieger,
Dort zu erhöh'n in Hast die luftigen Zelte. Sie bohrten
Pfähl' in den Grund; dann spanneten sie die schimmernde Leinwand
Vom Querbalken des Daches hinab, an haftenden Pflöcken,
Gegen der Stürme Gewalt sie festigend, dieß- und auch jenseits.
Tausende standen erhöht, und flatterten, tönend, im Nachtwind.
Aber vor allen ragte das Zelt des edelen Kaisers,
Hochgewölbet, empor. Des höckergestalteten Lastthiers
Wolle schirmte von außen das Zelt g'en Wetter und Regen;
Innen deckte die Wände Damast, und ein eisernes Feldbett
Stand in dem Hintergrund', umhüllt vom seidenen Vorhang.
Aber mit Lächeln im Blick, der, rühmend, des Werkes Vollendung
Würdigte, sprach der Kaiser, erfreut, zu Guasto, dem Feldherrn:
»Herrlicher, so geling' es dir auch am kommenden Morgen,
Schnell die Schanzen umher an Goletta zu bauen! Für jetzo
Heiß' das Volk ausruh'n in des schirmenden Lagers Umwallung;
Nach gehaltener Rast empöre der fröhliche Krieger
Zahllos Flammen im Feld, bereite sein Mahl, und gedenke
Heiterer Lust: nur möge der Wall nicht ermangeln der Wachen;
Auch den Graben entlang mit hellumschauenden Blicken
Forschend, die Vorhuth steh'n. Ermüdet will ich hier schlummern,
Wenn nicht feindlich Geschrei mich weckt im nächtlichen Anfall.«
Sagt' es, und ließ sich, gehüllt in den wolligen Mantel, im Sandstaub
Nieder. Weder den schwellenden Pfühl, noch köstliche Speisen
Kannt' er im Feld': erduldend jegliche Noth und Entbehrung
Froh mit den Kriegern. Er lag in dem Kreis' umlärmenden Volkes
Dort auf dem Sand', und bald umfing ihn der liebliche Schlummer.
Gleich dem brausenden Sturm flog jetzt der Römerbesieger,
Hermann, mit seinem Gefolg', aus Amerika's Fluren herüber:
Denn ihn lockte des Kampfes Getös' mit freundlichem Wohllaut.
Wie der muthige Falk', auf Beut' erpicht, in des Himmels
Blauem Gezelt nun auf sich schwingt, nun eilender abwärts
Fleugt, im wogenden Gras' und im schaurigen Dunkel des Fruchthains
Sie zu erspäh'n: so erforscht' auch Hermann das Lager. Sein Haupthaar
Quoll aus dem duftigen Helm ihm golden herab auf den Nacken,
Und des Ur's aufstarrende Mähn' umfing ihm die Schultern.
Muthig schwang er die Keul', und aus trotzigbläulichen Augen
Sah er herab, die jetzt, gleich flammenden Sternen, erglänzten:
Schauend Germania's Volk und den schlummernden Kaiser, des Volkes
Edelsten Hort. Er haucht' ihm, genaht, die erregenden Wort' ein:
»Ruhig schlummerst du hier im Kreise der Helden, Erzeugter
Meines gewaltigen Stamms! Von den fernen Meeren herüber
Kommen die Bothen des Siegs dir spät. Ich künde den Sieg dir
Nun zur Freud', und zugleich den Jammer der Wilden, zur Trauer.
Dein ist die Herrschaft der Welt: nie wendet die leuchtende Sonne
Mehr die Blicke von deines Reichs endlosen Gefilden.
Schon dient Mexiko dir; nun bändigt Peru, das Goldland,
Deß' unschuldiges Volk der Sonne Kinder sich dünket,
Dein Pizarro.[42] Er nahm Atahualba gefangen, den Inca,
Und erwürgt ihn vielleicht: nicht hunderttausende scheuend,
Nicht Millionen Volk's, von wenigen Tapfer'n umgeben,
Wild, und grausamgesinnt. O, hemme die wüthende Blutgier
Jener Verblendeten, die in dem Wahn, Halbmenschen zu würgen,
Also freveln! Ich sehe dein Herz erbeben dem Jammer,
Den die Ferne dir birgt. Ein gottbegeisterter Priester
Deines Volks,[43] der Kränz' erlesensten würdig, bewaffnet
Sich mit erhabenem Muth, die armen, ein rettender Anwald,
Kühn zu beschirmen: ihn höre: so wird unsterblicher Ruhm dir.
Schlummere ruhig und süß, in dem Kampf dir nah' ich ein Helfer!«
Dann aufschwang er sich rasch in die Lüfte: das tosende Lager
Hier zu erforschen, und dort des Feindes gewaltige Heersmacht.
Aber der Kaiser stöhnt' in dem Schlaf'; erhob von dem Boden,
Staunend, das Haupt, und sprach halbleise die Worte des Kummers:
»Künden, düsterer Ahnung vereint, auch Träume so schrecklich,
Meiner Krieger unmenschliche Wuth? Führ't, günstige Wind', ach,
Schnell das ernste Geboth der Schonung und christlichen Sanftmuth,
Das ich gesandt in dem eilenden Schiff, zu dem fernen Gestad hin!«
Lispelte so, und versank von neuem in lieblichen Schlummer.
Jetzt nach gehaltener Rast erhoben sich wieder die Krieger:
Dürres Reis, und die Trümmer längstgestrandeter Schiffe,
Tragend herbei, unzählige Flammen im Feld zu empören.
Wie die Sternenheer' erglüh'n am nächtlichen Himmel,
Glänzten die Lagerfeuer umher. Da knüpfte der Reiter
Sorglich das Pferd an den Pflock, und both ihm den Hafer im Vollmaß;
Oder er brachte vom rieselnden Born, in räumigen Kübeln,
Ihm die erfrischende Fluth. Nicht enthob er ihm jetzo den Sattel,
Wie daheim, als ihm versiegte der Schweiß nach dem Ritte:
Denn in dem Felde gebeut des Augenblickes Entscheidung,
Fertig zu stehen zur Wehr' und zum raschvorstürmenden Angriff.
Andre besorgten den Brüdern das Mahl. Des eisernen Kessels
Rußigen Bauch umschlang die Loh', und die emsigen Krieger
Hatten das Reismus gar gekocht, die Hämmel gebraten,
Und vertheilet den Wein mit dem wohlernährenden Kornbrot
Jeglichem treu und gerecht. Bestrahlt von der freundlichen Flamme,
Schmaus'ten sie dort, und wechselten stichelnden Scherz und auch Possen,
Lautem Gelächter vermengt, und kriegerischtönenden Liedern.
Also war auftobender Lärm und Getös' in dem Lager.
Aber, gesondert im Kreis', kaum achtend des Mahles und Trunkes,
Oder des herzerfreuenden Worts, ergaben die Einen,
Heißerpicht auf Gewinn, sich dem trüglichen Locken der Würfel:
Schüttelten erst in der hohlen Hand die klingenden lang' fort,
Warfen sie dann querhin auf den weitgebreiteten Mantel,
Sah'n, und zähleten laut die gewinnaufweisenden Augen.
Andre langten die Karten hervor, vieljährigen Ansehns
(Hätt' ein Fremder doch kaum den Buben vom König, die Grünen
Kaum von den Rothen erkannt) vertheilten die klebenden Blätter,
Netzend oft mit der Zunge den Daum, von der Linken zur Rechten,
Allen umher, und spieleten Brand, und Bettel, und Mordbrand,
Mit aufschlagender Faust und fröhlichem, lautem Gelächter.
Sieh', in dem einsamen Zelt, entfernt von fröhlichen Menschen,
Lag Toledo, verwundet am Arm; doch blutet' ihm heißer
Noch die Wund' in der Brust, versetzt vom grausamen Schicksal,
Das ihn so furchtbar jüngst der edelsten Gattinn beraubte.
Jen' empört' um ihn her die schwarzen Gebilde des Unmuths.
Grimmig umdrängten sie ihn, und weckten in seinem Gemüth nur
Angst und Verzweiflung: er lag, erblindet bei offenen Augen,
Dort auf dem Lager, und starrt' in die Nacht, und stöhnte vor Jammer.
Jetzt anlandete Kurd mit dem Kahn, und flog nach dem Lager,
Eilenden Laufes, herab. Ein »Wer da?« scholl ihm entgegen:
»Gut Freund« gab er zurück, und frug nach Toledo, dem Feldherrn.
Aber gewahrend des Mauren Tracht, und feindlicher Arglist
Denkend, führeten ihn zwei tapfere Krieger mit Vorsicht
Nach Toledo's Gezelt. Nun, dort den Leidenden schauend,
Wollten von seiner beklommenen Brust sich die Worte des Trostes
Lange nicht lösen. Er stand, erschüttert, und leise begann er:
»Hugo's Worte vernimm: »»Wenn hoch an dem Himmel der Vollmond
Strahlt, da berg' ich in Grabesnacht, errettet, Mathilden!««
Und ich lenke dich dann zur Felsenhöhle des Oehlwalds.«
Forschend irrte Toledo's Aug' an dem seltsamen Fremdling
Auf und nieder: er sann, in düstere Träume verloren;
Aber ein leuchtender Blitz auf des Jammers nächtlichem Irrpfad
War ihm die Vollmondsnacht, der Fels, und die Höhle des Waldes.
Stöhnend hob er sich auf, und hing am Halse des Fremdlings,
Lautaufweinend. Ein Strom von glühenden Thränen benetzte
Diesem die Brust; er floh zum Strand', im gleitenden Fahrzeug
Heimzuschiffen, und dort der rettenden Stunde zu harren.
Sinam sah schon lang vom ragenden Thurme Goletta's
Nach dem feindlichen Lager hinaus, und erbebte den Feuern,
Welch' unzählig umher aufloderten. Wie auf des Meeres
Sturmempöreter Fluth die, aus Wolken brechende Sonne,
Plötzlich die Wogen entflammt, daß sie endlos, hüpfend, erblitzen:
Also erschienen ihm dort die Lagerfeuer, unzählbar,
Und er dachte für heut' auf keine entscheidende That mehr.
Unmuthsvoll erforschte sein Herz der Hunnen Beherrscher
Attila; flog um ihn her, und reitzt' ihn mit stachelnden Worten:
»Sinam, unkriegerisch, träg, und feig', erbebst du den Feinden?
Wie, ist dem furchtbar'n Ueberfall nicht günstig die Nachtzeit,
Der, verderbender oft als blutige Schlachten, dem Gegner
Jammer gebiert? Wie schwach erscheinst du dem Volke; wie haßt dich
Hairaddins Seele hinfort, der dir vertraute mit Unrecht!«
So vernahm, im Geist, die dräuenden Worte des Geistes
Sinam, und blickte, verwundert, umher: wer also gesprochen?
Doch er fand sich allein; besann sich der Angst, und es färbte
Schnell sein blasses Gesicht der Scham hellröthendes Feuer.
Jetzo murmelt' er leis': »Ich, Thor, vergrüble die Zeit hier
Müßig. Wohlan, der kühne Gedank' -- er werde zur That jetzt!«
Sagt' es, und kam, und sprach zu Giaffar glühenden Blickes:
»Giaffar, stets entflammt dir die Brust die Heldengesinnung,
Daß du nicht Tausende scheu'st, wenn rings umdrängender Gegner
Schlachtruf schallt, und, empört, der Waffen Getümmel ertönet!
Siehe, schon schwinden umher die Lagerfeuer des Feindes,
Und schlaftrunken, vom Weine betäubt, hinsinken die Feigen!
Auf, wir stürmen in Hast mit den Janitscharen das Lager,
Und erwürgen das wehrlose Volk in dumpfer Betäubung!«
Jener begann: »Ha, nicht unwichtige Thaten ersinnst du,
Schlachtenerfahrener Greis! Bald tilgt, entsetzlich, im Nachtgrau'n
Unser Eisen die Schlummernden. Zwar in der Helle des Tages
Mir ersehnt' ich den Kampf, nicht auf nachtumhülleten Pfaden;
Dennoch will ich dir folgen: gebieth', und ich ordne die Scharen.«
Sinam geboth: aufflogen die mächtigen Thore Goletta's,
Und die gerüstete Schar zehntausend muthiger Krieger
Drang, von Sinam geführt, und Giaffar, eilenden Laufes,
Jetzt an die Wälle heran. So weit, als ehrner Drometen
Klang dem Horchenden tönet im Feld, noch waren die Krieger
Von dem Lager entfernt: da duckten sich alle zum Boden
(Sinam geboth's) und schlichen, gebückt, gleich listigen Füchsen
Welch', einkrümmend die Ruthe, mit weitvorgreifenden Pfoten
So, daß am Gras' ihr Bauch hinstreift, den stillen Gehöften
Nahen bei Nacht, um dort die befiederten Schläfer zu fahen.
Jetzo, der Vorhuth nah', aufsprangen die Scharen, und furchtbar
Tönete Allah-Geschrei, entsetzlich der Stürmenden Schlachtruf,
Und, dem Säbelgeklirr vermengt, das Schmettern der Büchsen.
Aber nicht schliefen die Schützen Tyrols: sie wachten, der Pflicht treu,
Als die erlesene Huth an dem Graben, und weckten im Lärmschuß
Eilig, den Wall entlang, die kühnen Gefährten zum Kampf auf.
Giaffar stürmte der erst', und hieb dem kühnen Ramiro,
Führer des Schützenvolks, die Stirn' entzwei mit des Säbels
Sausendem Schlag: er sank, und verhauchte das Leben. In Trident
Sah er im Handlungshaus, an der Seite des grauenden Vaters,
Reichthum die Fülle gehäuft, der köstliche Waaren des Ostlands
Vom venediger Freunde bezog, und versandte nach Deutschland;
Aber ihn lockte zum Kampf gar mächtig der Kriegesdrometen
Schmetternder Klang, auf Afrika's fernen Gefilden, und freudig
Hofft' er, mit Siegeslorbern geschmückt, die heimischen Fluren
Wieder zu schauen, und dort die Tage der schöneren Zukunft;
Doch ihn ereilte des Todes Geschick, und lachenden Erben
Wurden die Güter zu Theil des, in Gram hinschwindenden Vaters.
Giaffars schreckliche Kraft, verstärkt von kühnen Gefährten,
Würgt' auf dem Wall noch drei tyrolische Schützen vom Innthal --
Brüder, und stets in dem Heere genannt »das rühmliche Kleeblatt«:
Denn, als Jörg, der jüngste, zu Freundsbergs[44] Fahne geschworen,
Eilten auch Günther und Jost ihm nach, zu schwören den Kriegseid
Vor dem Vater des Volks, Freundsberg, dem Jeglicher hold war.
Immer hielten sie treu und fest zusammen im Leben,
Und wo im eisernen Felde Gefahr den einen bedrohte,
Bothen die andern die Brust zum Schilde dem Bruder, und dachten,
Liebend, des Bruders allein. Am herrlichen Tag vor Pavia
Knüpft' an die Heldenbrust der Tapfern ein ehrendes Zeichen
Freundsbergs Hand; doch jetzt im nächtlichen Grau'n, an des Grabens
Weitaufgähnendem Schlund verhauchten sie, kämpfend, das Leben.
Also hätt' in dem Ueberfall noch viele der Christen
Tod und Verderben ereilt, und der Feind erstiegen die Wälle;
Aber da brach Hardwin, der tapfere Führer der Schützen,
Hohes beschließend im Geist, durch Reihen der Gegner. Er hatte
Sinam erseh'n, der vor- die Würgenden trieb. Ihn zu tödten --
So von den Brüdern zu fernen die Noth, vorbraust' er, und zückte
Rasch auf Sinam das Schwert. Doch Giaffar, schauend des Feldherrn
Grause Gefahr, entboth die Seinen sogleich, und sie flogen
Jenem zu Hülf'. Zwar fiel der Schützen gewaltiger Feldherr,
Salis, mit eiliggeordneter Macht dem Feind in den Rücken --
Drängt' ihn zurück von dem Wall, und häufte Leichen auf Leichen;
Aber es wühlten in Hardwins Brust unzählige Säbel
Schon: der Tapfere sank, und lächelte heiter im Tod noch.
Rogendorf, der stattliche Feldzeugmeister des Heeres,
Hörte des Kampfes Getös'. Er saß in dem einsamen Kriegszelt,
Trauernd noch stets um den Freund, den ihm entriß das Verhängniß;
Doch, wenn Schlachtruf scholl, und ihn hieß, unzähligen Feinden
Kühn entgegenzusteh'n: da blitzt' aus den finsteren Wimpern
Ihm der Muth, da brachte sein Wink dem Feinde Verderben.
Eilig erstieg er den Wall, und geboth dort jeglichem Wurfschütz,
Fertig zu harren des Winks zu feuern, mit mächtiger Stimme:
»Männer, vor allem gebeut uns die Nacht, dem Donnergeschütz erst
Ein untrügliches Ziel zu ermessen im finsteren Blachfeld.
Werf't aus dem Haubitzrohr Leuchtkugeln, sausenden Fluges,
Ueber die Feinde hinaus, zu erhellen die Gegend, und furchtbar
Wüthe sogleich das Donnerrohr in die wimmelnden Scharen.«
Sinnig erfand erst jüngst die erleuchtenden Kugeln der Feldherr:
Mengte den Salzen Harz, und Schwefel und Kohle dem Spießglas;
Dann umhüllt' er mit Werg das Gemeng', und rundete solches.
Jetzo des Brandrohrs Saum mit der brennenden Lunte berührend,
Warf der Schütz aus dem Haubitzrohre die leuchtenden Kugeln
Weit in die dunkeln Gefilde hinaus: sie erhellten, dem Mondlicht
Aehnlich, die Nacht. Wie entzündete Luft, urplötzlichen Fluges,
Schimmernden Sternen gleich, durchzieht den nächtlichen Himmel;
Oder vom lärmenden Kreis' der Jünglinge, tönend dem Faustschlag,
Ein gewaltiger Ball, den Rindesblase geschwellt hat,
Stolz in die Luft sich erhebt, dann senket: so flogen die Kugeln
Ueber dem Feinde dahin. Er staunte dem Wunder, und jetzo
Faßt' ihn erschütternde Furcht, als rings erhellet die Nacht war,
Die verrätherisch ihn preisgab nie geahntem Verderben.
Doch schon winkete Rogendorf: da brüllten auf einmal
Dreißig Schlünde vom Wall. In die wimmelnden Haufen geschleudert,
Warf der Achtzehnpfünder entsetzliche Wucht aus den Gegnern
Hundert zu Boden: die andern entfloh'n nach der Veste Goletta,
Schreiend, in keuchender Hast, nicht hörend die Stimme der Führer --
Sinams Stimme nicht mehr, nicht Giaffars, die in dem Nachzug,
Einend das kühnere Volk, dem raschverfolgenden Gegner
Bothen die Stirn': denn Salis, der kühnen tyrolischen Schützen
Tapferer Hort, nachbrauste den fliehenden Feinden, dem Sturm gleich,
Der auf der Heid' im Herbst die bärtigen Disteln dahinjagt,
Und er kehrte nur spät von der blutigen Feindesverfolgung.
Jetzt, vom Schlummer geweckt durch Kampfgetümmel und Schlachtruf,
Sprang der edelste Kaiser voll Hast vom nächtlichen Lager,
Nahte dem Wall, und sah, wie Rogendorf nach dem Feind hin
Sandte des Todes Geschoss'. Er winkt' ihm lohnenden Beifall,
Und begann vor Salis, und seinen Gefährten voll Huld so:
»Eure Stirn' umkränze des Ruhms niewelkender Lorber!
Muthig hab't ihr gekämpft: vor euren zerschmetternden Büchsen
Floh'n in Eile die Feinde davon. Zum Lohne des Sieges
Sollt' ihr auf jenen, so stolz sich erhebenden felsigen Höhen,
Wo in Karthago's rühmlicher Zeit die mächtige Hochburg,
Byrsa[45] stand, aufpflanzen die Fahn', und den Lagergenossen
Stehen zur Huth auf der weitumschauenden Warte des Landes.«
Und er kehrt' in das Lager zurück. Doch jauchzenden Rufes
Klommen, von Salis geführt, die tapferen Bergebewohner
Jetzo die Felsen hinan. Gern weilt der sinnige Bergfreund
Auf den luftigen Höh'n, wo er all' dem niedrigen Treiben,
Drängen, und Sorgen der Erd' entrückt, des Himmels Gefilden
Näher, so frei und selig sich fühlt; wo das sehnende Herz ihm
Höher im Busen schwillt: da er bald des wölbenden Aethers
Dunklerer Bläue staunt, bald tief in den schwindligen Abgrund
Starrt, und, mit Thränen im Blick des Waldstroms silberne Fluthen
Eilen sieht, und des schnellentfliehenden Lebens gedenket.
Ach, der Gebirgssohn hängt mit kindlicher Lieb' an der Heimath!
Wie, den Alpen geraubt, hinwelket die Blume: so welkt er,
Ihr entrissen, dahin. Stets sieht er die trauliche Hütte,
Die ihn gebar, im hellen Grün umduftender Matten:
Sieht das dunkele Föhrengehölz, die ragende Felswand
Ueber ihm, und noch Berg' auf Berg' in erschütternder Hoheit
Aufgethürmt, und glühend im Rosenschimmer des Abends.
Immer schwebt es ihm vor -- verdunkelt ist alles um ihn her!
Aengstlich horcht' er. Ihm däucht: er höre vom nahen Gehölz her
Wieder das Muhen der Küh', und hoch von den Alpen herunter
Glöcklein klingen. Ihn däucht: er höre das Rufen der Hirten,
Oder ein Lied der Sennerinn, die, mit umschlagender Stimme,
Freudig zum Wiederhall aufjauchzt Melodieen des Alplands.
Immer tönt es ihm nach. Ihn fesselt der lachenden Ebnen
Anmuth nicht; er fliehet der Städt' einengende Mauern,
Einsam, und schaut, aufweinend, vom Hügel die heimischen Berghöh'n:
Ach, es zieht ihn dahin mit unwiderstehlicher Sehnsucht!
Aber im Osten schwebte der Mond mit strahlendem Antlitz
Ueber die Berg' empor. Auf des Meeres fernen Gewässern
Schwamm sein zitterndes Licht; er hellte des säuselnden Waldes
Dunkelen Saum, und goß den silbernen Schleier, aus Aethers-
Dufte gewoben, umher auf den sanftentschlummerten Erdkreis.
Siebenter Gesang.
Drüben am östlichen Himmelsthor erglühte der Morgen.
Schaurig wehte der Wind, und fuhr mit eisigem Odem
Ueber das Heer. Von dem lockigen Haupt und dem Mantel des Kriegers
Träufelte fort und fort der Thau gleich schimmernden Perlen,
Und verwandelt' in Grau die dunkele Farbe der Rosse,
Die, von Dampf umhüllt, mit schlotternden Seiten sich drängten:
Denn so glühend die Luft sich bei Tag auf Afrika's Fluren
Senkt, so ergreifend haucht sie den Frost aus der schwindenden Nacht
her.
Dort nach dem Felsenhorst, den erst zum Lohne des Kampfmuths
Sich errangen die Schützen Tyrols, erhob sich der Kaiser
Jetzo mit Ludwig allein. Er schwieg. Die umdüsterte Vorzeit
Schwebte ihm vor: denn, ach, er trat Karthago's Ruinen!
Aermliche Dörfchen gewahrt' er nur: El-Mersa, und Melcha
Näher dem Meer' -- entfernter: Sidji-Mosaid, und Darilschut,
Ruhend, Oasen gleich, auf Karthago's wüsten Gefilden.
Stille herrschte umher in den Hütten des flüchtenden Volkes:
Denn o, furchtbar droht, und furchtbarer jede der Stunden
Vor dem nahenden Feindesheer' in entsetzlicher Kriegszeit,
Wenn, entrissen dem Schirm der väterlichwaltenden Obmacht;
Hingegeben empörter Gewalt, unbändiger Willkühr,
Und unleidlicher Schmach, der Mensch nach Rettung umherschaut:
Jetzo der Gegenwart, dann wieder der nächtlichen Zukunft
Schrecken ihn faßt, und vernichtende Angst ihm raubt die Besinnung!
Als sie erklommen des Felsens Höh'n: da schwebte die Sonne
Aus dem glühenden Meer mit rosenumhülletem Antlitz
Freundlich herauf. Ihr hauchten die Fluthen, ihr dampften die Berghöh'n
Lieblichen Opferduft empor; sie grüßten die Fluren,
Funkelnden Blicks, und, freudigen Lautes, die Hain' und die Wälder.