Kieselack hatte gelogen. Unrat war weit entfernt, der Künstlerin
Fröhlich Geld anzubieten: nicht aus Feingefühl; auch nicht aus Geiz;
sondern -- sie durchschaute dies -- weil er nicht darauf kam. Es kostete
sie viele Andeutungen, bis er sich wieder der Wohnung erinnerte, die er
ihr hatte nehmen wollen. Als er dann davon sprach, sie in ein möbliertes
Zimmer zu stecken, verlor sie die Geduld und verlangte bündig eine
eigene Einrichtung. Unrat war tief erstaunt.
»Da du jedoch mit dem Ehepaare Kiepert zusammen zu wohnen pflegst ...«
Sein Geist war auf Erhaltung gerichtet; in so durchgreifende Umwälzungen
mußte er sich erst hineindenken. Er arbeitete angestrengt.
»Wenn aber -- aufgemerkt nun also! -- das Ehepaar Kiepert die Stadt
verläßt?«
»Un wenn ich nich mitwill?« ergänzte sie. »Was tu' ich denn woll?«
Er war ratlos.
»Nu? Unratchen? Nu?«
Sie hüpfte ihm vor den Füßen umher; und triumphierend:
»Denn bleib' ich hier!«
Ein Glänzen brach aus seinem Gesicht. Solch eine Neuigkeit wäre ihm
niemals eingefallen. »Dann bleibst du -- hier,« wiederholte er mehrmals,
um sich daran zu gewöhnen.
»Das ist denn freilich recht brav,« setzte er anerkennend hinzu. Er war
beglückt; und trotzdem bedurfte sie einige Tage später wieder ihrer
ganzen Kunst des Einflüsterns, bis er es heraus hatte, daß er sie nicht
mehr im Blauen Engel essen lassen, sondern ihr die Mahlzeiten in einem
guten Hotel bezahlen sollte.
Als er es heraus hatte, wollte er sogar mit ihr zusammen essen. Dies
lehnte sie ab, und er war enttäuscht. Dafür erlaubte sie ihm, ihr im
Schwedischen Hof nicht nur die Mahlzeiten, sondern auch ein Zimmer zu
bezahlen, bis ihre eigene Wohnung fertiggestellt sein würde.
Auf jede Möglichkeit, sie aus ihrer Umgebung noch weiter heraus und
fester an sich zu ziehen, der Welt die Künstlerin Fröhlich
entgegenzuhalten, stürzte er sich mit knabenhaftem Eifer. Nur erkannt
haben mußte er die Möglichkeit. Er trieb den Tapezierer zur Eile,
handele es sich doch um die Künstlerin Fröhlich. Er drohte dem
Möbelhändler mit der Unzufriedenheit der Künstlerin Fröhlich, erinnerte
in dem Porzellan- und dem Wäschegeschäft an den verwöhnten Geschmack der
Künstlerin Fröhlich. Die Stadt gehörte der Künstlerin Fröhlich; überall
nahm Unrat ihr, was für sie paßte, überall ließ er, unberührt von
mißbilligenden Blicken, ihren Namen ertönen. Immer war er, beladen mit
Paketen, auf dem Wege von ihr, auf dem Wege zu ihr. Immer stak er voller
Dinge von drängender Wichtigkeit, die für die Künstlerin Fröhlich grade
so wichtig und gemeinsam mit ihr zu bedenken und zu bereden waren. Auf
seine grauen Wangen kamen, von beglückender Tätigkeit, jetzt meistens
rote Flecken. Er schlief des Nachts gut und lebte gefüllte Tage.
Sein einziger Kummer war, daß sie niemals mit ihm ausging. Er hätte sie
in der Stadt umherführen wollen, sie mit ihrem Reich bekannt machen, sie
den Untertanen vorstellen, sie gegen Aufrührer verteidigen: denn Unrat
fürchtete sich in dieser Zeit vor keiner Erhebung, er forderte sie
heraus. Sie aber hatte grade eine Probe, oder sie war müde, oder unwohl,
oder die dicke Frau hatte sie geärgert. Daraufhin machte er einmal der
Kiepert eine Szene; wobei sich herausstellte, daß sie die Künstlerin
Fröhlich den ganzen Tag noch nicht gesehen hatte. Unrat begriff das
nicht. Sie lächelte vielsagend. Ratlos kehrte er zurück zur Künstlerin
Fröhlich, und sie mußte ihn wieder hinhalten.
Ihr wahrer Beweggrund war einfach, daß sie es für verfrüht erachtete,
sich mit ihm zu zeigen. Wenn man sie öffentlich an seiner Seite
erblickte, würde man, das sah sie voraus, ihn gegen sie einzunehmen
versuchen. Sie war sich noch keines so großen Einflusses auf ihn bewußt,
um all die Geschichten zuschanden zu machen, die er über sie zu hören
bekommen konnte. Sie hielt sich wahrhaftig nicht für eine unanständige
Person; aber tatsächlich hatte doch jede allerlei Sachen hinter sich --
sie waren ja eigentlich nicht der Rede wert, aber ein Mann, der es ernst
meinte, durfte sie nun mal nicht wissen. Wenn die Männer vernünftiger
gewesen wären, wieviel leichter hätte man es gehabt. Man hätte seinen
kleinen Unrat unters Kinn gefaßt und ihm einfach erzählt: So und so. Nun
aber hieß es schwindeln. Und das Schlimmste war, daß er hierbei auf
dumme Gedanken verfallen und sich einbilden konnte, sie suche nur allein
zu Hause zu bleiben, um sich ohne ihn zu amüsieren. Und das stimmte weiß
Gott nicht. Davon hatte sie doch genug und war froh, ein wenig Ruhe zu
haben, zusammen mit ihrem komischen alten Unrat, der sich soviel mit ihr
befaßte wie sonst noch nie im Leben einer, und der wirklich -- sie
betrachtete ihn manchmal lange und sinnend -- ein feiner Kerl war.
Der Verdacht, den sie fürchtete, war Unrat fremd; er kam nicht darauf.
Andererseits hätte sie dem Gerede der Leute ruhig an seiner Seite
trotzen dürfen. Er war stärker als sie meinte. Es traten an ihn
Anfechtungen heran, die er überwand, ohne ihr auch nur davon zu reden.
Das meiste geschah in der Schule.
* * * * *
Hier wußte, dank Kieselack, jedermann Bescheid über Unrats
außeramtlichen Lebenswandel. Einige jüngere Oberlehrer, noch im Zweifel,
welche Gesinnung ihre Karriere mehr befördern könne, wichen ihm aus, um
ihn nicht grüßen zu müssen. Der junge Oberlehrer Richter, der seine
Augen zu einem Mädchen aus reicher, Oberlehrern sonst unzugänglicher
Familie erhob, grüßte ihn mit mokantem Lächeln. Andere aber verleugneten
ausdrücklich jede Gemeinschaft. Einer sprach vor Unrats eigener Klasse
von »sittlichem Un--, vielmehr Kot,« von dem die Schüler sich nicht
ergreifen lassen sollten. Es war derselbe Oberlehrer Hübbenett, der sich
seinerzeit über Unrats Sohn und seine sittlichen Verfehlungen abfällig
geäußert hatte: auch damals vor des Vaters Klasse.
Wenn jetzt Unrat den Schulhof betrat, schrie, während der
beaufsichtigende Lehrer angewidert wegsah, alles drauf los:
»Oho! Hier riecht es nach sittlichem Unrat!«
Der alte Professor näherte sich, der Lärm schwoll, unter Unrats giftigem
Schielen, allmählich ab; dann stellte an seinem Wege sich Kieselack auf
und versetzte mit einem Senkblick, langsam und nachdrücklich:
»Vielmehr Kot.«
Und Unrat schlich zusammenzuckend weiter; er konnte es Kieselack nicht
beweisen.
Er konnte ihm nichts mehr beweisen, ihn, das fühlte er wohl, niemals
wieder fassen: so wenig wie von Ertzum und Lohmann. Er und seine drei
Schüler lebten hier auf Grund gegenseitiger Duldung. So besaß Unrat
keine Macht dagegen, daß Lohmann sich am Unterricht überhaupt nicht mehr
beteiligte und auf einen Aufruf mit seinem schauspielerischen Tonfall
entgegnete, er sei beschäftigt. Unrat vermochte wenig gegen von Ertzum,
der, erbittert über sein langes fruchtloses Dahocken, seinem Nachbar das
Extemporale aus den Händen riß, um es abzuschreiben. Unrat mußte zusehn,
wie Kieselack bei allen Fragen seine Mitschüler durch Dazwischenwerfen
unsinniger Antworten verwirrte; wie er laute Reden führte, ohne
Veranlassung durch die Klasse spazieren ging, ja, mitten in der Stunde
eine Prügelei anzettelte.
Ließ Unrat sich einmal von der Panik des bedrohten Tyrannen hinreißen
und steckte die Aufrührer ins Kabuff, dann ergab sich noch Schlimmeres.
Die Klasse vernahm dann das Knallen und Glucksen geöffneter Flaschen,
lautes Prostrufen, verdächtiges Kichern, den Schall von Küssen ... Hals
über Kopf stürzte Unrat zur Tür und ließ Kieselack wieder herein. Die
beiden andern kamen mit, ungebeten, mit drohenden, verachtungsvollen
Mienen ...
Für den Augenblick erlitt Unrat zweifellos viel Verdruß. Aber was half
ihnen das. Schließlich waren doch sie die Besiegten, der Künstlerin
Fröhlich nicht teilhaftig Gewordenen. Nicht Lohmann saß bei der
Künstlerin Fröhlich im Kabuff ... Unrat schüttelte, kaum daß das Tor der
Schule durchschritten war, seinen Unmut ab und lenkte seine Gedanken auf
den grauen Rock der Künstlerin Fröhlich, den er von der Waschanstalt
abholen sollte, und auf die Bonbons, womit er vorhatte, sie zu
überraschen.
Dagegen konnte der Direktor des Gymnasiums nicht länger umhin,
einzugreifen in die Zustände der Untersekunda. Er entbot Unrat zu sich
ins Amtszimmer und hielt ihm die sittliche Auflösung vor, der seine
Klasse sichtlich entgegengehe. Er wolle nicht untersuchen, woher der
Ansteckungsstoff komme. Bei einem jüngeren Lehrer würde er dies
allerdings untersuchen. Der Herr Kollege aber sei in Ehren ergraut, er
möge daher einerseits seiner selbst gedenken, andererseits aber auch des
Beispiels nicht vergessen, das er der Klasse schulde.
Unrat sagte darauf:
»Herr Direktor: der Athenienser Perikles hatte -- traun fürwahr -- die
Aspasia zur Geliebten.«
Dies passe hier wohl nicht, meinte der Direktor. Und Unrat:
»Ich würde mein Leben -- immer mal wieder -- für nichts erachten, wenn
ich den Schülern die klassischen Ideale nur vorerzählte wie müßige
Märchen. Der humanistisch Gebildete darf des sittlichen Aberglaubens der
niederen Stände billig entraten.«
Der Direktor, der nicht weiter wußte, entließ Unrat und dachte noch
lange nach. Zuletzt beschloß er, das Gehörte für sich zu behalten, aus
Furcht, der Laie möchte es in einem für Schule und Lehrerstand
unvorteilhaften Sinne auslegen.
Seine Wirtschafterin -- sie hatte an Besuchen der Künstlerin Fröhlich
Anstoß genommen -- nötigte Unrat mit triumphierender Ruhe, gegen die ihr
Toben sich machtlos brach, zum Verlassen des Hauses. Statt ihrer zog
eine Magd aus dem Blauen Engel ein. Sie sah aus wie ein Kehrlappen und
empfing den Fleischerburschen, den Schornsteinfeger, den Gasmenschen und
die ganze Straße in ihrem Zimmer.
Eine Schneiderin, gelblich von Gesicht, der Unrat im Auftrag der
Künstlerin Fröhlich oft Besuche machte, hatte sich immer kalt und
zurechtweisend verhalten. Eines Tages als Unrat die Rechnung über einen
größeren Auftrag eben beglichen hatte, öffnete sie die Lippen. Der Herr
Professor solle sich doch man umhören, was die Leute sagten. Wenn das
nicht 'ne Schande wäre. In seinen Jahren -- und überhaupt. Unrat schob
ohne Erwiderung das kleine Geld ins Portemonnaie und ging. Zur halb
zugezogenen Tür lächelte er nochmals hinein und sagte nachsichtig:
»Aus dem für Ihre Worte von Ihnen gewählten Augenblick, gute Frau,
ersehe ich, daß Sie die Besorgnis hegten, die allzugroße Offenheit Ihrer
Rede möchte Ihnen zu pekuniärem Nachteile gereichen. Indessen, fürchten
Sie nichts! Sie sollen auch fernerhin für die Künstlerin Fröhlich
arbeiten dürfen.«
Und er zog sich zurück.
An einem Sonntagmorgen endlich, während Unrat die Rückseite eines
Blattes aus seinen »Partikeln bei Homer« mit dem Konzept eines Briefes
an die Künstlerin Fröhlich bedeckte, ward geklopft, und in schwarzem,
faltigem Rock und hohem Hut trat Schuhmachermeister Rindfleisch ein. Er
machte einen Kratzfuß und sagte befangen, über seinen Spitzbauch weg:
»Herr Professer, Morgen, Herr Professer, ich möcht' man bloß gebeten
haben, daß ich an Herrn Professer darf 'ne Frage richten.«
»Nur zu, Meister,« sagte Unrat.
»Ich hab' es mir all lange überlegt, und leicht wird es mir ja auch
nich. Bloß daß Gott es nu mal will.«
»Vorwärts denn also, Mann!«
»Besonders, weil ich so was von Herrn Professer doch überhaupt nich
glauben kann. Die Leute reden viel über Herrn Professer, das wird Herr
Professer woll selbst am besten wissen. Aber glauben soll der
Christenmensch es nich. Nöh. Wahrlich nich.«
»Wenn dem so ist,« bemerkte Unrat und winkte Schluß, »so mag's denn gut
sein.«
Rindfleisch drehte seinen Zylinder, sah zur Erde.
»Ja. Aber Gott will man, daß ich Herrn Professer da an erinner', daß er
es nich will.«
»Was will er nicht?« fragte Unrat und lächelte von unten. »Die
Künstlerin Fröhlich etwa?«
Der Schuhmacher atmete schwer unter dem Druck seiner Sendung. Seine
langen, hängenden Wangen schwankten in seinem Keilbart.
»Ich hab' Sie all mal darin eingeweiht, Herr Professer,« und seine
Stimme verdunkelte sich vor Geheimnis -- »daß Gott es nuhr darum
erlaubt, auf daß er --«
»Mehr Engel kriegt. Recht so, Meister. Drum will ich denn sehn, was sich
tun läßt.«
Und ohne sein hinterhältiges Lächeln abzulegen, drängte Unrat den
Herrnhuter aus der Tür.
* * * * *
So unbefangen und ganz auf der Höhe lebte Unrat dahin -- da platzten
schreckliche Ereignisse.
Ein Flurhüter hatte die Anzeige erstattet, daß das Hünengrab im Walde
mutwillig beschädigt worden sei. An dem Sonntag, der seiner Schätzung
nach der Zeitpunkt des Frevels gewesen war, hatte er eine Gesellschaft
von jungen Leuten auf der Landstraße getroffen. Nachdem die
Staatsanwaltschaft längere Zeit hindurch vergebliche Erhebungen
angestellt hatte, erschien eines Montag morgens der Flurhüter zur Seite
des Direktors in der Aula des Gymnasiums. Solange die Andacht währte --
mochte nun der Direktor das Kapitel aus der Bibel verlesen oder die
Schule einen Choral singen -- musterte der Mann aus dem Volk von der
Höhe des direktorialen Podiums die Versammlung. Er wischte sich dabei
oft mit dem Handrücken die Stirn, und ihm schien nicht wohl zu sein.
Schließlich mußte er noch hinabsteigen und, geführt vom Direktor, durch
die Reihen der Schüler gehn. Er benahm sich dabei als Mensch, der in zu
hohe Gesellschaft geraten ist, sah niemand und verbeugte sich vor
Ertzum, der ihn auf den Fuß getreten hatte.
Als jede Hoffnung, die Verbrecher im Bereich des Gymnasiums zu
entdecken, vorbei schien, machte der Direktor einen äußersten Versuch.
Er las erst noch ein Extrakapitel aus der Bibel; dann sprach er die
Zuversicht aus, dies werde wenigstens einen der Schuldigen gerührt und
zur Reue erweicht haben, und er werde sich in seinem Gewissen gedrängt
fühlen, in das Sprechzimmer des Direktors zu kommen und seine
Mitübeltäter anzuzeigen und der Gerechtigkeit zu überliefern. Zum Lohn
für sein aufrichtiges Geständnis solle ihm selbst dann nicht nur die
Strafe erlassen, sondern auch ein Geldgeschenk zugeteilt werden ...
Hiermit war die Andacht zu Ende.
Schon drei Tage später geschah es, daß Unrat in einer Titus
Livius-Stunde, die die verwahrloste Klasse mit Lärm und Nebendingen
ausfüllte, jäh vom Katheder emporschnellte und zu schreien anfing.
»Lohmann, Ihre Privatlektüre werden Sie demnächst an einem andern Ort
fortsetzen dürfen. Kieselack, Sie haben hier die längste Zeit auf dem
Schlüssel gepfiffen. Sie können nun bald daheim -- immer mal wieder --
Ihren Mist fahren, von Ertzum. Weit entfernt, diese drei Verruchten in
das Kabuff zu verbannen, das für ihre Verworfenheit einen zu edlen
Aufenthalt darstellen würde, will ich vielmehr alles daransetzen, damit
ihre Laufbahn den wohlverdienten Abschluß in Gesellschaft gemeiner Diebe
und Einbrecher finde. Der Gemeinschaft der Anständigen werden sie nicht
mehr lange teilhaftig bleiben, ihre Atemzüge unter uns sind gezählt!«
Zwar erhob sich Lohmann und bat, die Stirne gerunzelt, um eine
Erklärung; aber Unrats begrabene Stimme war so voll gewesen von sich
sättigendem Haß, seine Miene triumphierte so schaurig, daß alle sich
geschlagen fühlten. Lohmann setzte sich wieder, mit bedauerndem
Achselzucken.
In der nächsten Pause ward er, zusammen mit Kieselack und von Ertzum,
zum Direktor beschieden. Bei ihrer Rückkehr erklärten sie mit
scheinbarer Geringschätzung, es sei wegen des albernen Hünengrabs. Aber
sofort bildete sich ein freier Kreis um sie. Kieselack raunte:
»O Mensch, wer mag uns woll bloß angesagt haben?«
Die beiden andern sahen sich angewidert in die Augen und drehten
Kieselack den Rücken zu.
An einem Vormittag fuhren die drei, vom Unterricht befreit, im Gefolge
einer Gerichtskommission in den Wald und wurden vor das Hünengrab, den
Gegenstand ihrer Gewaltakte, gestellt. Hier erkannte sie der Flurhüter.
Die Untersuchung der Angelegenheit trug ihnen noch mehrere schulfreie
Tage ein. Endlich betraten sie als Angeklagte das Sitzungszimmer des
Landgerichts. Von der Zeugenbank empfing sie Unrats giftiges Lächeln.
Im Saal befanden sich auch Konsul Breetpoot und Konsul Lohmann, und der
Staatsanwaltssubstitut konnte nicht umhin, den beiden einflußreichen
Herren eine Verbeugung zu widmen. Er rang innerlich die Hände über die
Torheit des jungen Lohmann und seines Freundes, daß sie sich nicht
längst gemeldet hatten. Die Anklagebehörde würde es vermieden haben, an
die große Glocke zu rühren. Natürlich hatte man geglaubt, es handele
sich um lauter Burschen vom Schlage des Kieselack.
Nachdem in die Verhandlung eingetreten war, fragte der Vorsitzende die
drei Angeklagten, ob sie sich schuldig bekennten. Kieselack fing sofort
an, zu leugnen. Aber er habe es ja selbst seinem Direktor gestanden und
auch im Lauf der Voruntersuchung alles zugegeben. Der Direktor trat vor
und bestätigte dies ausführlich. Er ward vereidigt.
»Der Herr Direktor hat gelogen,« behauptete darauf Kieselack.
»Der Herr Direktor hat es aber beschworen.«
»O wei,« machte Kieselack, »denn hat er erst recht gelogen.«
Er hatte die Zügel abgestreift. Davongejagt ward er doch. Und überdies
war er erbittert und in seinem Glauben an die Menschen erschüttert, weil
er, anstatt die versprochene Belohnung zu erhalten, vor Gericht gestellt
worden war.
Lohmann und Graf Ertzum gaben die Tat zu.
»Ich bin es nich gewesen,« quäkte Kieselack dazwischen.
»Aber wir!« entschied Lohmann, peinlich berührt durch diese
Kameradschaft.
»Pardon,« bemerkte Ertzum. »Ich hab' es alleine getan.«
»Bitte sehr,« und Lohmann machte ein Gesicht von müder Strenge. »Meinen
Anteil an dieser Beschädigung eines öffentlichen Besitztums oder wie man
das nennt, muß ich mit aller Entschiedenheit in Anspruch nehmen.«
Von Ertzum wiederholte:
»Ich hab' es ganz alleine kaputt gemacht. Das ist wahr.«
»Mein Lieber, rede keinen Kohl,« bat Lohmann. Und der andere:
»Zum -- nochmal. Du warst ja ein ganzes Stück davon weg. Du saßest ja
mit --«
»Mit wem?« fragte der Vorsitzende.
»Mit niemand -- glaube ich;« und von Ertzum war sehr rot.
»Mit Kieselack, wahrscheinlich,« meinte Lohmann.
Der Staatsanwaltssubstitut fand es angezeigt, die Schuld auf möglichst
viele Köpfe zu verteilen, damit für den Sohn des Konsuls Lohmann und das
Mündel des Konsuls Breetpoot wenig davon übrig bleibe. Er machte von
Ertzum auf die Schwierigkeit seiner vorgeblichen Tat aufmerksam.
»So viel Unfug, wie Sie alleine verübt haben wollen, bringt ja der
stärkste Mann nicht fertig.«
»Doch,« entgegnete Ertzum, stolz und bescheiden.
Der Vorsitzende forderte ihn und Lohmann zur Nennung der übrigen auf.
»Sie müssen wohl eine größere vergnügte Gesellschaft gewesen sein,«
vermutete er wohlwollend. »Sagen Sie uns nur die Teilnehmer, Sie tun
sich und uns einen Gefallen damit.«
Die Angeklagten schwiegen. Die Verteidigung gab zu bedenken, welche
vornehme Gesinnung hieraus spreche. Schon während der ganzen
Voruntersuchung seien die zwei jungen Leute standhaft geblieben in ihrem
Vorhaben, niemand weiter zu kompromittieren.
Auch Kieselack war standhaft geblieben; aber ihm ward es nicht
angerechnet. Übrigens hatte er sich seinen Streich nur aufgespart.
»Es war also sonst keiner dabei?« wiederholte der Vorsitzende.
»Nein,« sagte Ertzum.
»Nein,« sagte Lohmann.
»Doch!« rief Kieselack im Quetschdiskant des beflissenen Schülers, der
»seins« weiß. »Die Künstlerin Fröhlich war auch noch mit!«
Und da alles lauschte:
»Die hat es ja überhaupt bloß haben wollen, daß wir das Hünengrab
ruinieren sollten.«
»Er lügt,« sagte Ertzum und knirschte.
»Er lügt bei jedem Wort,« ergänzte Lohmann.
»Es is so gewiß wahr!« beteuerte Kieselack. »Fragen Sie man Herrn
Professor! Der kennt sie am besten.«
Er grinste nach der Zeugenbank.
»Is es vielleicht nich wahr, daß Ihnen die Künstlerin Fröhlich an dem
Sonntag durchgegangen is, Herr Professor? Da hat sie mit uns beim
Hünengrab Frühstück gegessen.«
Alles blickte auf Unrat, der zerstört aussah, und dessen Kiefer
klappten.
»War die Dame dabei?« fragte einer der Richter überrascht und im Tone
rein menschlicher Neugier die beiden andern Angeklagten. Sie hoben die
Schultern. Aber Unrat brachte hervor, fast erstickt:
»Das ist Ihr Ende, Sie Elender! Rechnen Sie sich -- immer mal wieder --
zu den Toten!«
»Wer ist denn die Dame?« fragte der Staatsanwaltssubstitut, der Form
wegen. Denn jeder Anwesende wußte von ihr und Unrat.
»Herr Professor Raat wird uns Auskunft erteilen können,« vermutete der
Vorsitzende. Unrat gab nur an, sie sei eine Künstlerin. Darauf
beantragte der Substitut die sofortige Vorladung der betreffenden
Frauensperson, da ein Interesse bestehe, zu ermitteln, inwiefern sie als
intellektuelle Urheberin des fraglichen Delikts, für dasselbe
mitverantwortlich zu machen sei. Der Gerichtshof beschloß demgemäß, und
der Gerichtsdiener ward auf den Weg geschickt.
Inzwischen begutachtete der junge Rechtsanwalt, der Lohmann und von
Ertzum zu verteidigen hatte, schweigend Unrats Gemütszustand. Er kam zu
dem Ergebnis, daß dies der Zeitpunkt sei, ihn sich aussprechen zu
lassen; und er beantragte die Vernehmung des Professors Raat über den
allgemeinen, geistigen und sittlichen Zustand der drei Angeklagten, seiner
Schüler. Das Gericht gab dem Antrag Folge. Der Staatsanwaltssubstitut,
der eine für Konsul Breetpoots Schützling und den Sohn des
Konsuls Lohmann unangenehme Aussage befürchtete, hatte vergebens
versucht, es zu verhindern.
Wie Unrat vor die Schranken trat, ward gelacht. Er war in beängstigender
Aufregung, leidende Wut verzerrte ihn, und er sah feucht aus.
»Es ist kein Zweifel erlaubt,« so begann er sofort, »daran, daß die
Künstlerin Fröhlich weder bei jener verworfenen Freveltat noch auch
überhaupt bei der ganzen verruchten Landpartie beteiligt gewesen sei.«
Er mußte sich erst vereidigen lassen. Dann wollte er gleich dasselbe
noch einmal beteuern. Der Vorsitzende unterbrach ihn wieder; man
verlange sein Zeugnis über seine drei Schüler. Da fing Unrat
unvermittelt zu schreien an, die Arme aufhebend, und die tiefste Not in
seiner begrabenen Stimme, als sei er gegen eine Wand getrieben, finde
keinen Ausweg mehr.
»Diese Burschen sind die Letzten des Menschengeschlechtes! Seht sie euch
an; so sieht der Nachwuchs des Zuchthauses aus! Von jeher waren es
Sobeschaffene, daß sie die Herrschaft des Lehrers nur widerwillig
ertragend, Auflehnung gegen dieselbe nicht allein übten, sondern sogar
predigten. Dank ihrer Agitation besteht die Klasse zu einem erheblichen
Teile aus Elenden. Sie haben alles darangesetzt, um, sei es durch
revolutionäre Machenschaften, sei es durch versuchten Betrug und jede
andere Betätigung gemeinster Gesinnung, sich der Zukunft würdig zu
erweisen, die sich ihnen hier -- traun fürwahr -- erschließt. Dies ist
der Ort, wo ich Sie im voraus erwartet habe!...«
Und er wandte sich mit dem Racheschrei eines furchtbar Getroffenen den
drei Verführern der Künstlerin Fröhlich zu.
»Von Angesicht zu Angesicht, Lohmann --«
Er begann jeden der drei vor versammeltem Gericht und Publikum zu
entblößen. Lohmanns Liebesgedichte, von Ertzums nächtliche Ausflüge über
die Balkonpfeiler des Pastors Thelander, Kieselacks freches Auftreten in
einem den Schülern untersagten Lokal; alles brach hervor, zitternd vor
Gewaltsamkeit. Der Ertzumsche mißratene Onkel ward ausgespien, nebst dem
ideallosen Gelddünkel der städtischen Patrizier und dem der Trunksucht
verfallenen Hafenbeamten, der Kieselacks Vater war.
Das Gericht war peinlich berührt durch all dies fanatisch Überkochende.
Der Staatsanwaltsubstitut richtete höflich entschuldigende Blicke an
Konsul Lohmann und Konsul Breetpoot. Der junge Verteidiger beobachtete
spöttisch und befriedigt die Stimmung im Saal. Unrat belustigte und
empörte.
Endlich bedeutete ihm der Vorsitzende, der Gerichtshof sei zur Genüge
aufgeklärt über des Professors Verhältnis zu seinen Schülern. Unrat
pfauchte ohne zu hören.
»Wie lange noch werden diese katilinarischen Existenzen durch die Last
ihrer Schändlichkeit den Erdboden, den sie drücken, beleidigen! Diese
nun behaupten, die Künstlerin Fröhlich habe an ihren verbrecherischen
Orgien Teil gehabt. Wahrhaftig: es hat diesen nichts weiter gefehlt, als
daß sie die Künstlerin Fröhlich antasteten in ihrer Ehre!«
Inmitten der Heiterkeit, die seine Worte bewirkten, brach Unrat fast
zusammen. Denn was er sagte, entsprach nicht seinem Innersten. Dort war
er versichert, die Künstlerin Fröhlich, die er an jenem Wahlsonntag aus
den Augen verloren hatte, sei beim Hünengrab gewesen. Noch mehr. Ein
fliegender Überblick über bisher nicht gewürdigte Umstände machte ihn
atemlos. Die Künstlerin Fröhlich hatte sich immer geweigert, mit ihm
auszugehen. All ihre Vorwände, um allein zu Hause zu bleiben, was
verbargen sie?... Lohmann ...?
Er stürzte sich von neuem auf Lohmann und rief ihm zu, daß die Macht
seiner Kaste eine zu brechende sei! Aber der Vorsitzende forderte ihn
auf, an seinen Platz zurückzukehren, und befahl, die Zeugin Fröhlich
hereinzurufen.
Ihr Erscheinen erregte Gemurmel; der Vorsitzende drohte, den Saal räumen
zu lassen. Man beruhigte sich; denn sie gefiel. Sie war in ihrem grauen
Tuchkostüm von sympathisch ruhiger Eleganz, hatte sich schlicht
frisiert, einen Hut von mäßigem Umfang und mit einer einzigen
Straußenfeder aufgesetzt und nur ganz wenig Rot im Gesicht. Ein junges
Mädchen äußerte sich zu ihrer Mutter laut darüber, wie das Fräulein
schön sei.
Sie trat unbefangen vor die Richter hin; der Vorsitzende empfing sie mit
einer leichten Verbeugung. Auf Antrag des Staatsanwaltsubstituts ward
sie unbeeidigt vernommen und erklärte freimütig, mit einnehmendem
Lächeln, daß sie allerdings an jener Landpartie teil genommen habe.
Kieselacks Verteidiger glaubte endlich auftrumpfen zu können.
»Ich mache darauf aufmerksam, daß unter den drei Angeklagten nur mein
Klient es war, der der Wahrheit die Ehre gegeben hat.«
Aber niemand interessierte sich für Kieselack.
Der Substitut meinte, nun sei die Beeinflussung erwiesen, und für das
Delikt, das die beiden jungen Leute aus bloßer, begreiflicher Galanterie
auf sich zu nehmen versucht hätten, entfalle die intellektuelle
Urheberschaft voll und ganz auf die Zeugin Fröhlich. Kieselacks
Verteidiger benutzte die Gelegenheit, um zu bedenken zu geben, wie sehr
auch das, er müsse es gestehen, unsympathische Auftreten seines Klienten
begründet sei in der Korruption, die der Verkehr mit einer der Klasse
der Zeugin angehörigen Frauensperson bei jungen Leuten hervorzubringen
wohl geeignet sei.
»Was sie mit den ollen Hünengrab gemacht haben,« sagte darauf leichthin
die Zeugin Fröhlich, »das is mir dunkel und kann es auch bleiben. Ich
weiß nur -- was nämlich die Korruption betrifft, wovon der Herr geredt
hat -- daß an dem bewußten Sonntagnachmittag einer von den jungen Herrn
mir 'n regelrechten Heiratsantrag gemacht hat, und daß ich bedauert
hab', nich Folge geben zu können.«
Man lachte und schüttelte die Köpfe. Die Zeugin Fröhlich hob die
Schultern, sah aber keinen der drei Angeklagten an. Auf einmal sagte
Ertzum, rot übergossen:
»Die Dame hat wahr gesprochen.«
»Natürlich,« setzte sie hinzu, »war es zwischen mir und den drei
Schülern immer streng anständig und beschränkte sich das Ganze, wenn ich
so sagen darf, auf Dalberei.«
Diese Erklärung hatte sie für Unrat bestimmt und suchte ihn, mit einem
raschen Seitenblick. Aber er hielt den Kopf gesenkt.
»Will die Zeugin,« fragte der Substitut, »damit behaupten, daß ihr
Verkehr mit den Angeklagten die Grenzen des moralisch Zulässigen in
keiner Weise überschritten hat?«
»In keiner is zu viel gesagt,« -- und sie faßte den Entschluß, ihrem
alten Unrat auf dem Umwege über den Gerichtshof hinweg, die Wahrheit zu
gestehen. Das viele Schwindeln führte zu immer mehr Weitläufigkeiten.
»In keiner Weise nich grade. Aber doch man in sehr nebensächlicher.«
»Was nennt die Zeugin nebensächlich?« fragte der Vorsitzende.
»Den da,« versetzte sie und zeigte auf Kieselack, der unter der
Aufmerksamkeit des ganzen Saales auf seine Nase zu schielen begann. Er
erregte immer mehr Übelwollen: jetzt auch noch durch das Glück, das er
gehabt hatte. Nachträglich versuchte er zwar zu behaupten:
»Sie lügt ja.«
Aber der Vorsitzende wendete sich ab von ihm. Er war, wie alle
Anwesenden, in angeregter und frei menschlicher Stimmung. Lohmann, den
Rosas Enthüllung über den unglücklichen Antrag seines Freundes von
Ertzum bitter kränkte, benutzte den Moment, um im Ton einer
weltmännischen Anekdote hinzuwerfen:
»Was will man, die Dame hat ihre Geschmacksrichtung. Den Kieselack
erhört sie -- ich erfahre das übrigens erst jetzt. Über einen andern
Gegenstand ihrer Gunst sind wir besser unterrichtet ... Dagegen, Gräfin
zu werden, weigert sie sich standhaft. Und mir, der ich niemals
irgendwelche Ansprüche erhoben habe, erklärt sie unablässig, ich werde
ihr immer der letzte sein.«
»Stimmt,« sagte die Zeugin Fröhlich, und hoffte, Unrat werde es hören
und beherzigen. Es ward gelacht. Der Vorsitzende schüttelte sich diesmal
heftiger, einer der Richter trompetete durch die Nase und hielt sich den
Bauch. Der Vertreter der Staatsanwaltschaft krümmte böse die Lippen, der
Verteidiger schlängelte sie skeptisch. Ertzum flüsterte Lohmann zu:
»Auch noch mit Kieselack -- das war der Schluß. Für mich ist sie nun
erledigt.«
»Na endlich ... Übrigens sind wir fein raus. Wer reinfällt, ist Unrat.«
»Red' mir doch bloß nicht dazwischen,« raunte Ertzum noch rasch, »wenn
ich das Hünengrab auf mich allein nehme. Ich muß ja ohnehin weg und auf
die Presse.«
Da stellte der Vorsitzende, ziemlich erholt, mit väterlicher Stimme
nochmals die Räumung in Aussicht. Dann erklärte er die Vernehmung der
Zeugin Fröhlich für beendet, sie könne gehen. Statt dessen begab sie
sich in den Zuschauerraum. Sie begriff nicht, wo Unrat hingekommen sei.
* * * * *
Unrat hatte sich während der allgemeinen Heiterkeit mit langen Schritten
davongeschlichen. Er floh wie über einsinkende Dämme, unter
Wolkenbrüchen, an speienden Vulkanen hin. Alles um ihn her fiel
auseinander und riß ihn in Abgründe; -- denn die Künstlerin Fröhlich
trieb Nebendinge! Lohmann und die andern, die Unrat für immer besiegt
und darniedergeworfen glaubte, sie tauchten auf aus ihrem Nichts, sobald
er nicht hinsah. Die Künstlerin Fröhlich nahm keinen Anstand, jene ihrer
teilhaftig werden zu lassen. Von Kieselack gestand sie es ein, von
Lohmann leugnete sie es noch. Aber Unrat glaubte ihr nicht mehr! Und er
war hilflos erstaunt hierüber: daß die Künstlerin Fröhlich sich als
unglaubwürdig herausstellte. Bis heute, bis zu diesem schrecklichen
Augenblick war sie ein Stück von ihm gewesen; und unversehens riß sie
sich los: Unrat sah zu, wie das blutete, und begriff es nicht. Da er nie
mit Menschen Gemeinschaft gehabt hatte, war er nie verraten worden. Nun
litt er wie ein Knabe -- wie sein Schüler Ertzum gelitten hatte an ganz
derselben Frau. Er litt ungeschickt, ungebärdig und mit Staunen.
Er ging nach Haus. Beim ersten Wort, das seine Dienerin an ihn richtete,
fuhr er auf und jagte sie auf die Straße. Dann floh er in sein Zimmer,
schloß ab, drückte sich ins Sofa und wimmerte. Von Scham ergriffen,
raffte er sich auf und nahm das Manuskript der Partikel bei Homer vor.
Er lehnte wieder an dem Schreibpult, das seit dreißig Jahren seine
rechte Schulter in die Höhe gedrängt hatte. Aber diese und jene
Rückseite war mit Zeilen an die Künstlerin Fröhlich beschrieben,
manchmal nur mit einer Notiz, die sie anging. Es fehlten sogar Blätter:
die hatte er achtlos an sie abgeschickt. Er sah auf einmal seine
Arbeitskraft ganz ihr untergeordnet, seinen Willen schon längst nur noch
auf sie gerichtet, und alle Lebensziele zusammenfallen in ihr. Nach
dieser Entdeckung kehrte er zurück in seine Sofaecke.
Es ward Nacht, und auf der Dunkelheit erschien ihm ihr leichtes,
launisches, buntes Gesicht; und er blickte mit Angst hinein. Denn er
erkannte, daß darin für jeden Verdacht, für jeden, ein Anhalt sei. Die
Künstlerin Fröhlich gehörte jedem. Unrat klammerte die Hände vor sein
von Blut gepeitschtes Gesicht. Seine späte Sinnlichkeit -- diese einem
vertrockneten Körper kraft langsamer unterirdischer Verführung
entrungene Sinnlichkeit, die gewaltsam und unnatürlich flackernd, sein
Leben verändert, seinen Geist zu Extremen getrieben hatte, sie quälte
ihn jetzt mit Bildern. Er sah die Künstlerin Fröhlich in ihrem kleinen
Zimmer im Blauen Engel und ihre enthüllenden Gesten, die Erstlingsgesten
von damals, und ihren kitzelnden Blick. Jetzt richtete sie Blick und
Gesten an Unrat vorbei, auf einen andern -- auf Lohmann ... Unrat sah
die Szene zu Ende, ganz zu Ende, und sie tanzte auf und nieder, weil er
schluchzte.