IX

Jeden Neugierigen scheuchte Unrat strenge fort von der Tür zur

Künstlergarderobe. Die fremden Matrosen glaubten, er sei der »Heuerbas«,

der die Artisten gemietet habe. Wer in ihm nicht den Direktor der Truppe

sah, hielt ihn für einen Vater. Dazwischen saßen die, die ihn kannten,

und grinsten unsicher.

Die ersten Abende hatten sie laut gehöhnt. Unrat sah dann überlegen und

unberührt über sie hinweg. Er hatte hier zuviel vor ihnen voraus. Sie

fühlten das bald. Sie kamen sich bald selbst gedemütigt vor, sie, die

für ihre Nickel dabei saßen und glotzten, -- und Unrat machte, mit einer

Miene des Einverständnisses, die Tür auf vor der Künstlerin Fröhlich, zu

der sie alle die größte Lust hatten. Wider ihren Willen faßten sie

Achtung vor Unrat, und ihre Bemühungen, ihn noch lächerlich zu finden,

wurden täglich verlegener. Dafür rächten sie sich durch Wispern in den

hinteren Kontoren der Großhandlungen. Die ersten Gerüchte über Unrats

Lebenswandel fanden dort eine Tür geöffnet nach der Stadt. Die Stadt

glaubte ihnen nicht sogleich. Die Schüler des alten Unrat behaupteten

heute, er habe seine Wirtschafterin ins Kabuff gesperrt, und morgen

etwas anderes. Das war herkömmlich, die Stadt lächelte darüber.

Ein junger Oberlehrer besuchte, unter dem Schutze des ältesten

Professors, eines halbtauben Greises, den Blauen Engel und gewann

Einblicke in die Wahrheit. Am nächsten Morgen im Lehrerzimmer sprach der

taube Professor zu Unrat einige beschwörende Worte über die Würde des

Erzieherstandes. Der junge Oberlehrer lächelte skeptisch. Die andern

Herren sahen weg; mehrere zuckten die Achseln. Unrat erschrak: er sah

sich vor einem schlechthin unglaublichen Eingriff in seine

Machtvollkommenheit. Sein Kinn klappte; er brachte hervor:

»Das ist -- traun fürwahr -- nicht Ihre Sache.«

Er wendete sich nochmals um.

»Meine Würde -- aufgemerkt nun also! -- gehört mir selbst ganz allein.«

Er schnappte mehrmals und schlich bebend davon. Auf halber Straße zog es

ihn noch immer zurück. Es erbitterte ihn tagelang, daß er es bei

unklaren Worten gelassen hatte. Er hätte bekennen sollen, die Künstlerin

Fröhlich sei würdiger als alle Oberlehrer, schöner als der taube

Professor und höher als der Direktor. Sie sei einzig und gehöre an

Unrats Seite, hoch über der Menschheit, die gleich sehr frevle, ob sie

sich an ihr vergreife oder ihn anzweifle.

Aber die Gänge dieser Meinungen waren noch zu wenig ausgegraben, zu

dumpf und zu tief, als daß Unrat die Leute hätte hineinführen können.

Diese Meinungen reizten ihn unterirdisch; er hatte in der Stille seines

Zimmers Ausbrüche, in denen er knirschte und die Fäuste schüttelte. Und

am Sonntag ging er mit dem Artisten Kiepert zur politischen Wahl, an den

Kohlmarkt, ins sozialdemokratische Hauptquartier. Es war die Ausführung

eines jähen Entschlusses. Die Macht der Kaste, der Lohmann angehörte,

war, so entdeckte er, eine zu brechende. Bis dahin hatte er allen

Werbungen des Artisten sein höhnisch überlegenes Lächeln

entgegengehalten: das Lächeln des aufgeklärten Despoten, der Kirche,

Säbel, Unwissenheit und starre Sitte unterstützt und sich über seine

Beweggründe lieber nicht äußert. Heute war er auf einmal entschlossen,

das alles über den Haufen werfen zu lassen, gemeinsame Sache zu machen

mit dem Pöbel gegen die dünkelhaften Oberen, den Pöbel in den Palast zu

rufen und den Widerstand einiger in allgemeiner Anarchie zu begraben. Im

Dunst des Volksgemüts, der schwer unter der Decke des Wahllokals hing,

verfing sich Unrats Besinnung; und er entbrannte in hektischer

Zerstörungssucht. Er schlug mit geröteten Knöcheln zwischen die

Biergläser und verlangte:

»Vorwärts nun also! Ich bin nicht gewillt, dies alles noch länger zu

dulden!...«

Es war ein Rausch; tags darauf bereute er ihn. Überdies erfuhr er, alle

die Stunden hindurch, die er beim Umsturz verbracht hatte, sei die

Künstlerin Fröhlich aus der Stadt verschwunden gewesen. Augenblicklich

dachte Unrat, angstgelähmt, an Lohmann.

Lohmann fehlte seit heute in der Klasse! Welche Verruchtheiten beging er

inzwischen? Er verbrachte jeden Augenblick, den Unrat sich abwandte, bei

der Künstlerin Fröhlich! Er war endgültig zu ihr entlaufen! Er stak in

ihrem Zimmer! Unrat ward von dem Drang ergriffen, ihr Zimmer zu sehen,

es zu untersuchen ...

Diese Tage verbrachte Unrat zitternd vor Argwohn. In der Schule wütete

er mörderisch in den Laufbahnen von Sekundanern. In der

Künstlergarderobe beschuldigte er die dicke Frau eines unheilvollen

Einflusses auf die Künstlerin Fröhlich. Die Frau lachte nachsichtig. Die

Künstlerin Fröhlich selber antwortete:

»Wenn ich mit Ihre drei Schuljungens 'ne Landpartie sollt' machen --

lieber laß ich mich gleich auf 'n Kopf schlagen, als daß ich mich mit

Ihre Schuljungens totmopse.«

Er musterte sie entsetzt. Dann, im Drang, sie als unverantwortlich zu

behandeln, sie rein zu finden, stürzte er sich zurück auf die Frau.

»Verantworten Sie sich! Was haben Sie mit der Ihnen anbefohlenen

Künstlerin Fröhlich gemacht!«

Die Frau sagte, ohne sich aufzuregen:

»Sie werden jetzt überhaupt so komisch.«

Sie machte die Tür auf, kehrte sich nochmals um:

»Von Ihnen wird doch keiner satt.«

Und im Abgehen:

»Und glücklich auch nicht.«

Darauf errötete Unrat wolkig. Die Künstlerin Fröhlich lachte.

»Er kommt nu mal nich drauf,« erklärte sie, obwohl sie mit ihm ganz

allein war. Und weiter teilten sie sich nichts mit.

So oft aber die dicken Leute sich zeigten, schwoll Unrat von

Streitsucht. Er behandelte sie schon längst mit Strenge. Je wichtiger

sich die Künstlerin Fröhlich in seinem Bewußtsein ausbreitete, je

stärker er seinen Schutz um sie legte und je einsamer er sie der

Menschheit entgegenstellte: desto weniger Platz war auf den Stühlen der

Garderobe für die Röcke der dicken Frau und für Kieperts Trikots. Er

verdachte ihnen den Beifall, den sie ernteten, und ihre lärmende gute

Laune. Er verwies den Artisten nach einer turnerischen Produktion aus

der Garderobe, weil er zu sehr schwitze und dies in Gegenwart einer

Dame, wie der Künstlerin Fröhlich, sich nicht zieme. Kiepert trollte

sich gutmütig, indes er vermutete:

»Sie is woll von Butter, daß die Gerüche in sie einziehn?«

Seine Frau war leicht verletzt, aber sie lachte und stieß Unrat an. Er

wischte sich den Ärmel ab. Darauf war sie wirklich beleidigt.

Die Künstlerin Fröhlich kicherte dazu. Sie konnte unmöglich anders als

sich geschmeichelt fühlen. Die beiden Dicken ärgerten sie ohnehin mit

ihrem immer erfolgreichen Flottenlied. Unrat behauptete wiederholt, eine

Künstlerin sei nur sie. Er reizte, ein naiver Intrigant, ihre Eifersucht

und zog sie näher an sich, dadurch, daß er sie dazu verführte, aller

Welt Geringschätzung zu zeigen; dadurch, daß er sie nötigte, sich auf

ihn zu stützen, als ihren unbedingten Ritter. Die allertiefste

Verachtung verlangte er von ihr für den Saal voll Menschen, um deren

Beifall sie sich abarbeitete, und für jeden einzelnen Zuschauer, dem sie

gefallen hatte. Er haßte die dicke Frau besonders deshalb, weil sie

immer Nachrichten aus dem Saal mitbrachte von Eindrücken, die die

Künstlerin Fröhlich darin hinterlassen hatte.

»Wie! Wäre es möglich!« rief er aus. »Jener Mensch also nun erkühnt

sich, den Mund zu öffnen? Derselbe Meyer, der mit neunzehn Jahren das

Ziel der Klasse noch nicht erreicht hatte und endlich sich genötigt sah,

dreijährig zu dienen!«

Die Künstlerin Fröhlich verbarg unter einem Lächeln ihre Verlegenheit

darüber, daß ihr der untergeordnete Meyer nicht mißfiel. Sie wünschte

sich, er möge ihr mißfallen. Sie war gelehrig von Natur und empfänglich

dafür, daß ein Mann vom geistigen Stande Unrats sie erzieherischer

Eingriffe würdigte. Es geschah ihr zum erstenmal. Der dicken Frau, die

noch ein Wort zugunsten Meyers versuchte, fuhr sie aufgebracht über den

Mund.

Andere Male kitzelte sie Unrat mit Blumen unter der Nase.

»Die angefressene Rose ist von dem kleinen Dicken da gleich hinterm

Klavier.«

»Kindchen,« versetzte die Frau, »das is ja der Zigarrenfritze vom Markt.

'n feiner Mann. Kiepert käuft bei ihm. 'n großartiges Geschäft.«

»Was sagt Unrat nu?« fragte die Künstlerin Fröhlich.

Unrat sagte, dieser Schüler sei einer der Schlimmsten gewesen, und als

Geschäftsmann könne er auch nicht viel taugen; denn er stelle ihm keine

Rechnung aus, ohne seinen Namen das erste Mal mit einem falschen

Buchstaben anzufangen. Die Frau meinte, das machte nichts. Unrat log,

der Mann gelte für geschäftlich unsicher. Die Künstlerin Fröhlich, die

ihn Feuer spritzen sah, drehte sich in den Hüften und roch an der

angefressenen Rose.

»Sie haben auch an all und jedem was auszusetzen,« bemerkte die Frau.

»Was wollen Sie da eigentlich mit, können Sie uns das woll erzählen?«

Und da Unrat schwieg:

»Sie selber stellen hier doch weiter nischt an.«

»Nee, er kommt auf nischt,« und die Künstlerin Fröhlich schlug sich aufs

Knie, indes Unrat sich rosig bewölkte.

»Dann müssen Sie ihn alleine klug reden lassen,« verlangte die Frau,

»und sich mit die Dümmern begnügen, die sind auch was wert, und

wenigstens das Einfachste fällt ihnen manchmal ein. Sie verstehn,

Rosachen. Ich hab' doch meine Gründe, nicht wahr, daß ich Ihnen so 'n

Rat gebe, und ewig kann ich auch nich warten.«

Darauf ging sie, um mit Kiepert das Flottenlied zu singen. Die

Künstlerin Fröhlich blieb in weinerlicher Erbitterung zurück.

»Hurrgott, die piesackt einen, daß man blaue Flecke kriegt!«

Sie hielt sich die Arme.

»In der Tat,« setzte sie, sich fassend, hinzu, »die Person fällt mir

greulich auf die Nerven.«

Stehen bleibend, in Verzweiflung:

»Daß Sie auch gar kein Mitleid kennen!«

Und Unrat fühlte auf einmal die Last einer täglich und fast unbemerkt

gewachsenen Schuld auf sich, und gar keine Kraft, sie loszuwerden.

* * * * *

Solange das Flottenlied stieg, bewegte sich die Künstlerin Fröhlich

stöhnend durch die Garderobe.

»Gleich hat's geschnappt!... Ich hab' doch immer gesagt, ich verekel' es

den Dicken noch mal. Hab' ich das nich gesagt? Nu hat's geschnappt.«

Und kaum hatte das Ehepaar Kiepert den Gesang der deutschen Seehelden

geendet, da schritt sie stürmisch hinaus und kreischte in den noch ganz

von Patriotismus erschütterten Saal:

»Mein Mann der is 'n Schiffskaptän

Woll auf die deutsche Flott',

Un wenn er duhn nach Hause kommt,

Dann haut er mir die --«

Erst waren alle starr; dann entrüsteten sie sich geräuschvoll; endlich

ging das Vergnügen am Kontrast ihnen auf. Die Künstlerin Fröhlich war

durchgedrungen mit ihrem Wagnis, sie kehrte frohlockend zurück.

Die dicke Frau war diesmal ernstlich aufgebracht.

»Wir zwei stellen uns auf'n Kopp, damit daß die Leute 'n Begriff vons

Höhere kriegen. Un denn kommen Sie un verulken uns die heiligsten Güter.

Wenn das nicht 'ne Gemeinheit is!«

Unrat leugnete dies, im Bunde mit der Künstlerin Fröhlich. Er

behauptete, jede Richtung sei in der Kunst berechtigt; Kunst sei, was

die großen Künstler machten; und das heiligste der Güter sei das Talent

der Künstlerin Fröhlich. Sie ergänzte seine Ausführungen durch wenige

Worte an die dicke Frau.

»Sie können mir überhaupt --«

Da trat Kiepert ein und schob vor sich her einen untersetzten Mann mit

einem rötlichen Haarband rund um das rotfleischige Gesicht. Der zog die

Brauen in die Höhe und sagte:

»Gottsdunner, Fräulein, Sie sind jä 'n dolle Deern, sind Sie jä. Huhu!

Denn haut er mich auf'n -- Ich bin nämlich auch 'n Kaptain, und wenn Sie

was mit mich trinken wollen --«

Schon griff Unrat ein.

»Die Künstlerin Fröhlich trinkt -- traun fürwahr -- mit niemand. Da

irren Sie, Mann. Überdies verkennen Sie sichtlich den privaten Charakter

dieses Kab--, dieser Garderobe.«

»Herr, Sie spaßen woll,« und der Kapitän zog die Brauen noch höher.

»Mit nichten,« erklärte Unrat. »Vielmehr belehre ich Sie darüber, daß

Sie hinausgehn müssen.«

Dem Ehepaar Kiepert ward es zu viel.

»Herr Professor,« sagte der Artist, gekränkt und polternd: »Wenn ich mir

'n Freund mit 'reinbring', mit dem ich eben Brüderschaft getrunken hab',

das is woll meine Sache.«

Seine Frau brach endlich los:

»Ob ich mir Sie nu nich bald kaufe! Keinen gibt er hier was zu

verdienen, un nischt als Stank macht er un grault uns die Leute weg.

Rosa, gehn Sie mal mit'n Kapitän!«

Unrat war fahl, er zitterte.

»Die Künstlerin Fröhlich,« rief er mit einer Stimme aus der Tiefe und

schielte giftig vor Angst nach ihr hin, »ist nicht eine Sobeschaffene,

daß es ihr anstehen würde, Ihr Bier zu trinken, Mann!«

Sein Blick stach sie; sie seufzte.

»Gehn Sie man wieder weg,« versetzte sie, »da is ja nischt zu machen.«

Und Unrat im Triumph, plötzlich rot auf den Backenknochen, und mit einem

Sprung:

»Hören Sie es, Mann? Sie sagt es Ihnen selbst. Die Künstlerin Fröhlich

verweist Sie ins Exil. Gehorchen Sie! Vorwärts nun also!«

Er hatte den Kapitän schon gepackt, sich in ihn eingekrallt, ihn zum

Ausgang gezerrt. Der starke Mensch ließ den hektischen Ansturm ohne

Widerstand über sich gehn. Er schüttelte sich nur, wie Unrat ihn

losließ. Aber das war schon jenseits der Schwelle, und die Tür schloß

sich heftig vor seinen erstaunten Brauen.

Der Artist schlug gewaltig auf den Tisch.

»Menschenskind, Sie sind woll --«

»Und Sie, Mann --«

Unrat kam pfauchend auf ihn zu. Kiepert bekam Furcht.

»-- merken Sie sich -- denn also -- daß die Künstlerin Fröhlich unter

meinem Schutze steht, und daß ich nicht gesonnen bin, sie beleidigen

noch auch das Heft mir entwinden zu lassen. Wiederholen Sie sich dies

des öftern! Schreiben Sie es sich auf!«

Der Artist brummte etwas, aber er sah bezähmt aus. Allmählich machte er

sich davon. Die Künstlerin Fröhlich sah Unrat an und lachte laut auf;

dann kam ein viel leiseres Lachen, spöttisch und zärtlich, und so, als

dächte sie über ihn nach und über sich selbst: warum sie sich stolz

fühlte auf ihn, den sie lächerlich fand.

Die dicke Frau überwand ihr Übelwollen und legte Unrat die Hand auf die

Schulter.

»Nu hören Sie mal zu,« sagte sie.

Unrat wischte sich die Stirn, halb abgewendet und völlig besänftigt. Die

Panik des Tyrannen, der einer Widersetzlichkeit durch kopfloses Wüten

begegnet, sie ließ ihn wieder einmal ziemlich erschöpft zurück.

»Also da aus der Tür geht Kiepert, und da is die Rosa, und da sind Sie,

und hier bin ich ...«

Mit eindringlicher Stimme hielt sie ihm die Wirklichkeit vor.

»Und denn war da noch der Schiffskapitän, den Sie 'rausgesetzt haben.

Der kommt nämlich aus Finnland und hat 'n glänzendes Geschäft gemacht,

weil ihm nämlich sein Schiff untergegangen is, und es war versichert ...

Sie haben woll kein Schiff versichert? Nu, das muß ja auch nich sein.

Dafür haben Sie andere Geistesgaben. Sie müssen sie bloß mal sehen

lassen, das is allens was ich sag' ... Da is also nu die Rosa. Sie

verstehn? Der Kapitän hat Geld, is 'n ansehnlicher Mann und gefällt dem

Mädchen.«

Unrat blickte verstört auf die Künstlerin Fröhlich.

»Is ja gar nich wahr,« machte sie.

»Sie haben es doch selbst gesagt.«

»Gott, kann sie lügen.«

»Leugnen Sie doch mal, daß Ihnen der eine Schüler von Herrn Professor,

der mit der schwarzen Locke auf die Augen, daß der Ihnen 'n ganz ernsten

Antrag gemacht hat.«

Unrat fuhr wild auf. Die Künstlerin Fröhlich beschwichtigte ihn.

»Das is ja 'n böswilliger Irrtum. Heiraten will mich bloß der Rote, der

aussieht wie 'n besoffener Mond. 'n Graf is er, aber was hab' ich davon,

ich mag ihn doch nich ...«

Sie lächelte Unrat zu, kindlich.

»Na meinswegen hab' ich gelogen,« sagte die Frau. »Aber das stimmt doch

woll, daß Sie mir zweihundertsiebzig Mark schulden, waschen, Rosachen?

Sehn Sie, Herr Professor, man is sonst nich so, und ich beiß mir lieber

'n Finger ab, als daß ich das in Ihrer Gegenwart zur Sprache bring'.

Aber schließlich is man sich selbst der Nächste, is doch wahr. Und

dafür, daß Sie hier alle andern rausschmeißen, Herr Professor, sei'n Sie

man nich böse, dafür bieten Sie nich genug. Von's Geld will ich nich mal

reden; aber so 'n junges Ding will auch Liebe und kann sie woll

beanspruchen. Da merkt man bei Ihnen gar nichts von, Sie kommen einfach

nich drauf. Ich weiß nicht mal, ob ich das peinlich finden soll, oder

lachhaft.«

Die Künstlerin Fröhlich rief:

»Wenn ich selber nischt sage, kann es Ihnen auch recht sein, Frau

Kiepert.«

Aber die dicke Frau wehrte ab; sie hatte das Bewußtsein, für Moral und

Sitte ein vernünftiges Wort eingelegt zu haben; und sie schritt

erhobenen Hauptes hinaus.

Die Künstlerin Fröhlich rückte die Schultern.

»Sie is ja nur ungebildet, aber gutmütig. Na laß ihr. Wenn Sie nu man

nich glauben, daß ich mit ihr unter einer Decke steck' und Sie bloß

'rankriegen will.«

Unrat sah vom Boden auf. Nein, diese Vermutung hatte ihm fern gelegen.

»Überhaupt steck' ich mit keinem unter einer Decke ...«

Sie lächelte von unten, spöttisch und schüchtern.

»Nich mal mit Ihnen ...«

Nach einer Pause.

»Das is doch wahr?«

Sie mußte mehrmals fragen. Unrat merkte nichts von der Brücke, die ihre

Worte ihm bauten. Nur von der entstandenen Stimmung fühlte er sich

umfangen, daß ihm schwül ward.

»Mag's denn sein ...« versetzte er und streckte zitternde Hände aus nach

der Künstlerin Fröhlich. Sie überließ ihm die ihrigen. Ihre kleinen

Finger, ein wenig grau und fettig, schlüpften weich zwischen seine

Knöchel. Ihr Haar, ihre Stoffblumen, ihr buntes Gesicht drehten sich ihm

als ein farbiges Rad vor den Augen. Er kämpfte sich durch.

»Sie sollen der Frau kein Geld schulden. Ich bin entschlossen --«

Er schluckte hinunter. Es fiel ihm mit Schrecken ein, der Schüler

Lohmann möchte ihm in seinem Entschluß zuvorgekommen sein: der Schüler

Lohmann, der in der Klasse fehlte und sich vielleicht im Zimmer der

Künstlerin Fröhlich verborgen hielt.

»Ich will Ihnen -- traun fürwahr -- Ihre Wohnung bezahlen.«

»Davon reden wir mal gar nich,« erwiderte sie leise. »Das is bei uns

Nebensache ... Übrigens kost mein Zimmer nich viel ...«

In Pausen:

»Es is hier oben im Haus ... Es is ganz schön ... Wollen Sie es mal

sehn?«

Sie hielt die Lider gesenkt und sah bestürzt aus, wie man bei der

Erklärung eines ernsten Mannes aussehen mußte. Und sie wunderte sich,

weil sie gar keine Lachlust verspürte, und weil eine kleine feierliche

Wallung ihr Herz aufhob.

Sie erschloß einen ungewöhnlich dunklen Blick und sagte:

»Na, nu gehn Sie man voraus. Die Affen im Saal brauchen es ja nich

gleich zu merken.«

X

Kieselack öffnete von außen die Saaltür, führte seine blaue Pfote an den

Mund und stieß einen gedämpften Pfiff aus. Sofort kamen Ertzum und

Lohmann heraus.

»O Mensch, lauf!« rief Kieselack jedem zu und tanzte rückwärts, mit

anfeuernden Gesten, vor ihnen her, bis ans Ende des Hausflurs und der

Treppe zu.

»Nu is es so weit!«

»Was ist so weit?« fragte Lohmann gleichgültig -- obwohl er es genau

wußte und darauf gespannt war.

»Sie sind schon oben,« raunte Kieselack, mit ganz verrenktem Mund. Er

zog sich die Schuhe aus und schlich die flache gelbgeländerte Holztreppe

hinan, die knarrte. Gleich auf dem ersten, niederen Absatz war die Tür:

Kieselack kannte sie. Er duckte sich vors Schlüsselloch. Nach einer

Weile winkte er, stumm und leidenschaftlich, ohne sich vom Schlüsselloch

zu trennen.

Lohmann zuckte die Achseln und blieb am Fuß der Treppe stehn neben

Ertzum, der mit offenem Mund hinaufstarrte.

»Nun, wie ist dir?« fragte Lohmann verständnisvoll.

»Ich weiß bei Gott nicht mehr, was los ist,« sagte von Ertzum. »Du

glaubst doch nicht, daß da was passiert? Dieser Kieselack ulkt

natürlich.«

»Natürlich,« bestätigte Lohmann mitleidig.

Kieselack winkte immer wilder. Er kicherte lautlos in das Schlüsselloch

hinein.

»Sie muß sich doch sagen,« bemerkte Ertzum, »daß ich diesen Menschen

niederschlagen kann.«

»Schon wieder?.. Übrigens, das macht ihr die Sache vielleicht

reizvoller.«

Von Ertzum kam nicht mehr mit. Sein Begriff von Liebe war ein für

allemal geprägt durch die Kuhmagd, die ihn vor drei Jahren daheim ins

Gras geworfen hatte, nachdem er über einen starken Viehjungen Sieger

geblieben war ... Hier war nun ein hochschulteriger Schwächling; und

Rosa Fröhlich glaubte doch wohl nicht, daß Ertzum ihn fürchtete?

»Sie glaubt doch wohl nicht, daß ich ihn fürchte?« fragte er Lohmann.

»Fürchtest du ihn etwa nicht?« fragte Lohmann.

»Das sollst du sehn!«

Und Ertzum, aufgereckt, tat zwei Sätze, über sechs Stufen.

Aber Kieselack, der das Schlüsselloch losgelassen hatte, vollführte auf

Socken einen Triumphtanz. Plötzlich anhaltend:

»O Mensch!« wisperte er, und seine Augen funkelten in seinem käseblassen

Gesicht. Ertzum war feuerrot und keuchte. Ihre Blicke maßen sich,

kämpften. Ertzum verlangte mit seinem: dies sollte nicht wahr sein.

Kieselack antwortete mit dem dünnen Hohn eines Lidwinkels, der ein

bißchen zuckte ... Und auf einmal sank Ertzum in ebensolche Blässe wie

der andere, beugte sich über sich selbst, als habe er einen Stoß vor den

Magen bekommen, und stöhnte auf vor Schmerz. Er tastete sich wankend die

sechs Stufen wieder hinunter. Lohmann empfing ihn mit verschränkten

Armen, den Mund in lebensfeindlichen Falten. Ertzum ließ sich wie einen

Sack auf die unterste Stufe fallen und nahm den Kopf in die Hände. Nach

einem Schweigen, dumpf, von unten:

»Lohmann, faßt du das? Ein Weib, das ich so hochgestellt habe! Ich

glaub' noch immer, der Ekel, der Kieselack macht faule Witze. Dann gnad'

ihm Gott!... Ein Weib, das so, so viel Seele hat!«

»Auf Seele kommt es bei dem, was sie momentan betreibt, nicht eben an.

Sie handelt schlicht weiblich.«

Lohmann lächelte grausam. Er zog durch dieses Wort Dora Breetpoot in den

Schmutz neben die andere -- Dora Breetpoot, die erste der Frauen. Wie er

das genoß!

»Aber Kieselack ist wieder am Schlüsselloch ...«

Lohmann erhielt Ertzum, der den Kopf wegdrückte, auf dem Laufenden.

»Kieselack winkt schon ziemlich heftig ... Dieser Unrat ist -- Ertzum,

wir gehen vielleicht weiter?«

Er raffte seinen Freund vom Boden und zog ihn nach dem Haustor. Draußen

wollte Ertzum nicht mehr vom Fleck; er lehnte sich, schwer und stumpf,

an das Haus seiner Enttäuschungen. Lohmann redete eine Zeitlang

vergeblich. Er drohte mit Weggehn; da erschien Kieselack.

»Ihr seid auch öde Kerls. Was kommt ihr denn nich rein. Unrat is schon

drin mit seiner Braut. Ich hab' im Saal Bescheid gesagt, wo sie

herkommen, da sind sie mit 'n großen Juchhe empfangen. Du, so was lebt

nicht mehr: sie sitzen im Kabuff und sind zärtlich. Ich lach' mich tot!

Komm, nu ziehn wir drei Mann hoch ins Kabuff.«

»Du bist wohl --« machte Lohmann.

Aber Kieselack meinte seinen Vorschlag ernst.

»Ihr habt doch hoffentlich keine Angst vor Unrat!« verlangte er empört.

»Unrat liegt ja viel zu sehr drin, was will er denn gegen uns noch

machen. Wir können jetzt Schindluder mit ihm treiben.«

»Es reizt mich nicht. Unrat ist =unter= allem Schindluder,« erklärte

Lohmann. Kieselack flehte stürmisch.

»Sei doch kein Frosch. Du hast bloß Angst.«

Ertzum entschied plötzlich:

»Also los! Ins Kabuff!«

Eine wilde Neugier hatte ihn gepackt. Er wollte diesem Weib

gegenübertreten, das aus solcher Höhe gestürzt war! Er wollte von ganz

oben einen Blick über sie und ihren elenden Verführer hinwerfen und

sehen, ob sie den Blick aushielt.

Lohmann erklärte:

»Ihr seid geschmacklos.«

Aber er ging mit.

* * * * *

In der Garderobe empfing sie Gläserklirren. Der Wirt entkorkte gleich

die zweite Flasche Sekt. Das Ehepaar Kiepert neigte sich mit strahlenden

Gesichtern über Unrat und die Künstlerin Fröhlich, die in eins

verschmolzen hinter dem Tisch thronten.

Die drei Schüler gingen zuerst einmal um den Tisch herum. Dann pflanzten

sie sich vor Unrat und seine Dame hin und wünschten einen guten Abend.

Nur die beiden Kiepert antworteten und schüttelten ihnen die Hände.

Darauf wiederholte Ertzum allein und mit rauher Stimme seinen Gruß. Rosa

Fröhlich blickte verwundert auf und sagte unbefangen, mit einem

zwitschernden, girrenden Stimmchen, das er noch gar nicht kannte:

»Na, da seid ihr ja. Sieh mal, Schatz, da sind sie. Setzt euch man hin

un prost.«

Damit war sie fertig, und ihr Blick ließ Ertzum fahren, so teilnahmslos,

daß er ins Zittern geriet.

Unrat hob gnädig die Hand auf.

»Freilich nun wohl -- setzen Sie sich und trinken Sie eins. Heute sind

Sie meine Gäste.«

Er schielte nach Lohmann, der schon Platz genommen hatte und sich eine

Zigarette drehte ... Lohmann, der schlimmste, dessen Eleganz eine

Demütigung war für die schlecht bezahlte Autorität; Lohmann, der die

Unverschämtheit hatte, Unrat nicht bei seinem Namen zu nennen; Lohmann,

der kein mausgrauer, unterworfener Schüler und kein dummer Kerl war,

sondern mit seinen unbeteiligten Manieren, seinem neugierigen Bedauern

beim Zorn des Lehrers, den Tyrannen =anzweifelte=: -- zu allen den

Nebendingen, mit denen dieser Lohmann sich abgab, hatte er auch die

Künstlerin Fröhlich hinzuzufügen versucht. Hierbei aber war er

gescheitert an Unrats ehernem Willen. Er sollte nicht im Kabuff bei der

Künstlerin Fröhlich sitzen: Unrat hatte es geschworen. Er sollte der

Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig werden: er war es nicht geworden.

Und nicht nur, daß nicht Lohmann im Kabuff bei der Künstlerin Fröhlich

saß, saß vielmehr Unrat darin ... Dies Ergebnis ging hinaus über Unrats

erstes Ziel. Er stutzte; und fühlte auf einmal eine heißere Genugtuung.

Er hatte Lohmann samt seinen zwei Genossen, er hatte den entlaufenen

Schülern draußen im Saal, er hatte der Stadt von fünfzigtausend

widerspenstigen Schülern die Künstlerin Fröhlich entzogen, und er war

Alleinherrscher im Kabuff!

Sie fanden ihn förmlich verjüngt. Mit der Krawatte hinterm Ohr, einigen

offenen Knöpfen und den verwirrten Resten seiner Frisur, hatte er etwas

aus dem Geleise Geratenes, verkommen Sieghaftes, ungeschickt Trunkenes.

Rosa Fröhlich hatte etwas Aufgeweichtes, Müdwarmes, Verkindlichtes, wie

sie an ihn geschmiegt, über den Tisch hing. Ihr Aussehen war eine

Kränkung für jeden unbeteiligten Mann, weil es ein allzu entschiedener

Triumph Unrats war.

Die drei merkten dies ganz gut; Kieselack begann sogar an den Nägeln zu

kauen. Kiepert, der sich weniger klar darüber war, ward mit seinem

Unbehagen fertig dadurch, daß er allen geräuschvoll zutrank. Die dicke

Frau entzückte sich fortwährend über Rosas glückliche Veränderung und

über das allgemeine Versöhnungsfest.

»Und Ihre Schüler, Herr Professor, die freuen sich auch mit. Was die

jungen Herren anhänglich sind an Sie, da is das Ende von weg.«

»Immerhin denn wohl,« sagte Unrat. »Sie scheinen ja wirklich des Sinnes

für das Schöne und Gute nicht völlig zu ermangeln.«

Und er lächelte höhnisch.

»Nun, Kieselack, immer mal wieder auch da? Es wundert mich nur, das Sie

der Möglichkeit, das Haus zu verlassen, nicht durch die Wachsamkeit

Ihrer Großmutter verlustig gegangen sind ... Dieser Schüler besitzt

nämlich eine Großmutter, welche keinen Anstand nimmt, ihn mit Prügeln zu

versehen,« sagte er zu der Künstlerin Fröhlich, in der Absicht,

Kieselack in seiner Manneswürde zu beeinträchtigen.

Kieselack war sich aber bewußt, durch ganz andere Mittel als Manneswürde

seinerzeit bei der Künstlerin Fröhlich das Ziel der Klasse erreicht zu

haben. Er rieb sich das Gesäß und plärrte, während er heftig nach seiner

Nasenspitze schielte:

»Großmutter haut mich, wenn ich mein Thèmeheft nicht wiederfind'. Es is

mir so gewiß hier in 'n Kabuff untern Tisch gefallen.«

Und er ließ sich ganz plötzlich daruntergleiten, griff der Künstlerin

Fröhlich an die Beine, raunte ihr in dem Geschrei, das die Kieperts

unterhielten, aus der Tiefe seine Forderungen zu. Widrigenfalls verrate

er alles an Unrat.

»Kleine Rotztulpe,« sagte sie bloß hinab und stieß ihn mit dem Fuß

beiseite.

Zugleich redete Unrat den zweiten Schüler an.

»Nun also, von Ertzum -- immer mal wieder. Sie erwecken durch Ihren

Gesichtsausdruck den Anschein, als bewähre sich Ihre Fassungsgabe hier

ebenso mangelhaft wie in der Klasse. Sind nicht Sie es, der --

aufgemerkt nun also! -- der Künstlerin Fröhlich einen Heiratsantrag zu

machen sich unterfangen hat?... Ihrem einfältigen Glotzen entnehme ich

bereits die Antwort. Drum denn, von Ertzum, die Künstlerin Fröhlich hat

Sie über die einem Schüler gesetzten Grenzen belehrt. Ich brauche dem

nichts hinzuzufügen. Stehen Sie einmal auf --«

Ertzum stand gehorsam auf. Denn Rosa lachte; und ihr Lachen nahm ihm die

letzte Kraft sich zu empören und den Rest seines Selbstbewußtseins; es

lähmte ihn.

»-- und lassen Sie einmal sehen, ob Ihr vertrauter Verkehr im Blauen

Engel Sie, der Sie bekanntlich zu den Schlechtesten gehören, etwa dahin

bringt, daß Sie die von der Schule an Sie gestellten Anforderungen nicht

nur nicht befriedigen, sondern dieselben leichten Herzens in den Wind

schlagen. Sagen Sie die für morgen aufgegebenen Gesangbuchverse her!«

Ertzums Augen irrten aufgerissen durchs Zimmer. Seine Stirn war naß. Er

fühlte sich im Joch, senkte den Kopf, zog an:

»Sollt' ich meinem Gott nicht singen?

Sollt' ich ihm nicht fröhlich sein?

Denn ich seh' in allen Dingen,

Wie so gut er's mit mir mein'.«

Hier begann Rosa zu kreischen. Auch Frau Kiepert gluckste, gutmütig.

Rosa aber kreischte, mit der Absicht, Ertzum zu beleidigen; und sie

kreischte weich, aus Zärtlichkeit für Unrat, dessen Arm sie drückte, und

um ihm zu schmeicheln, ihn zu belohnen für seine Herrschaft über den

vierschrötigen, roten Menschen, der in ungelenkem und untertänigem Ton

seine frommen Reime hersagte.

Von Ertzum versetzte noch:

»Ist doch nichts als lauter Lieben,

Das sein treues Herze hegt ...«

Da ward ihm das Betragen des Artisten zu toll. Kiepert hatte die

Situation erst eben zu schmecken begonnen. Jetzt aber brüllte er Ertzum

ins Gesicht und schlug sich dabei aufs Knie.

»Nee Sie, aber Sie! Was reden Sie denn? Ihnen is woll schlecht

geworden?«

Er zwinkerte Unrat zu, gab zu verstehen, daß er den Grafen Ertzum, der

im Hinterzimmer des Blauen Engels Gesangbuchverse hersagte, zu schätzen

wisse, und sich diesem Witz auf Adel und Religion mit Überzeugung

anschließe. Er öffnete die Tür und tat, als bestellte er bei dem

Klavierspieler einen Choral. Schließlich stimmte er selbst ihn an ...

Doch Ertzum hörte auf.

Zwar hätte er gar nicht weiter gewußt. Davon aber abgesehen, würgte ihn

plötzlich eine maßlose Wut auf den dicken, lachenden, singenden Mann. Es

verschwamm ihm vor den Augen. Er meinte nicht mehr leben zu können,

außer mit seinen beiden Fäusten an diesem Menschen, mit seinen beiden

Knien auf Kieperts Brust. Er zuckte ein paarmal auf seinem Platze; er

hob die geballten Hände vor die Schultern ... er stürzte los.

Der Athlet war atemlos vom Lachen und auf nichts gefaßt: das setzte ihn

in Nachteil gegen den tiefernsten Ertzum, der aufblühte, während er

seinen Muskelhunger stillte. Sie rollten von einem Winkel in den andern.

Ertzum vernahm inmitten des Gepolters einen leisen Ausruf Rosas. Er

wußte, sie sah auf ihn; und darum atmete er mächtiger; preßte die

Gliedmaßen seines Gegners härter zwischen den seinigen; fühlte sich

glücklich erlöst und an seinem richtigen Platz, da er unter ihren Augen

kämpfen konnte, wie damals mit dem Viehjungen um die Kuhmagd.

Inzwischen hatte Unrat, ohne dem Ringkampf ein mehr als flüchtiges

Interesse zuzugestehen, sich an Lohmann gewandt.

»Was ist denn nun aber mit =Ihnen=, Lohmann? Da sitzen Sie und rauchen

-- immer mal wieder -- eine Zigarette; und heute morgen in der Klasse

haben Sie gefehlt.«

»Ich war nicht disponiert, Herr Professor.«

»Aber zum Besuch des Blauen Engels sind Sie -- traun fürwahr -- stets

disponiert.«

»Das ist etwas anderes, Herr Professor. Ich hatte heute morgen Migräne.

Der Arzt hat mir geistige Anstrengung verboten und mir Zerstreuung

verordnet.«

»So. Sei dem wie ihm wolle ...«

Unrat schnappte erst ein paarmal. Dann hatte er's.

»Da sitzen Sie und rauchen,« wiederholte er. »Schickt sich das denn nun

für den Schüler in Gegenwart des Lehrers?«

Und da Lohmann nichts tat, als ihn hinter halb gesenkten Lidern hervor

mit müder Neugier ansehn, brauste Unrat auf:

»Werfen Sie die Zigarette weg!« schrie er dumpf.

Lohmann ließ eine Weile verstreichen. Unterdessen taumelten Kiepert und

Ertzum gegen den Tisch; Unrat mußte sich selbst, die Künstlerin Fröhlich

und mehrere Gläser und Flaschen in Sicherheit bringen. Als dies

geschehen war:

»Wie denn! Vorwärts nun also!«

»Die Zigarette,« versetzte Lohmann, »gehört zur Situation. Die Situation

ist ungewöhnlich -- für uns beide, Herr Professor.«

Unrat, erschrocken über den Widerstand, mit unterirdischem Beben:

»Die Zigarette wegwerfen, sage ich!«

»Bedaure,« sagte Lohmann.

»Sie sollten es wagen ...! Bursche!...«

Lohmann machte nur noch eine vornehm ablehnende Bewegung mit seiner

spitzen Hand.

Da fuhr Unrat, gepackt vom Schwindel des bedrohten Tyrannen, vom Stuhl

auf.

»Sie werfen sie weg, oder ich hemme Sie in Ihrer Laufbahn! Ich

zerschmettere Sie! Ich bin nicht gesonnen --!«

Lohmann hob die Schultern.

»Wie bedauerlich, Herr Professor. Das alles ist ja vorüber. Daß Sie die

Umstände so mißverstehen können.«

Unrat pfauchte. Er hatte die Augen einer wütenden Katze. Sein Hals war

vorgestreckt mit höckrigen Sehnen; vor seinen Zahnlücken erschien

Geifer; sein Zeigefinger drang, am Ende des im Winkel ausgelegten Armes,

mit gelbem Nagel auf den Feind ein.

Die Künstlerin Fröhlich klammerte sich an ihn, aus der Verdauung der

gehabten Genüsse jäh aufgeschreckt, noch etwas wirklichkeitsfremd, blind

loskeifend gegen Lohmann.

»Was wollen Sie denn? Beruhigen Sie ihn lieber,« meinte Lohmann.

Da fielen Ertzum und Kiepert über zwei krachende Stühle hinweg, dem

umschlungenen Paar in den Rücken und warfen es mit den Nasen auf den

Tisch. Aus dem ziemlich stillen Winkel hinter Rosa Fröhlichs

Toilettentisch ertönte Kieselacks heller Jubel. Er tröstete sich

ungestört mit Frau Kiepert.

Als Unrat und seine Freundin sich wieder aufgerafft hatten, schalten sie

weiter.

»Sie kommen bei mir immer zuletzt,« schrie sie Lohmann zu.

»Ich erinnere mich, gnädiges Fräulein, daß Sie mir das bereits verheißen

haben, und ich sehe dem gern entgegen.«

Und er bekam, da sie verzottelt, halb aufgeknöpft, mit zerlaufener

Schminke, wüst und heiser sich vor ihm abarbeitete, plötzlich eine

ungestüme Lust auf sie: wieder diese Lust, seine grausame Liebe zu

demütigen durch die düstern Liebkosungen des Lasters!

Das ging aber gleich vorbei. Unrat, in seinem Angstkrampf, ließ es sich

nämlich einfallen zu drohen:

»Wenn Sie nicht augenblicklich die Zigarette fortwerfen, begleite ich

Sie stehenden Fußes zu Ihrem Vater!«

Nun enthielt das Lohmannsche Haus an diesem Abend einige Gäste, darunter

auch Konsul Breetpoot mit seiner Frau. Lohmann stellte sich vor, wie

Unrat in den Salon einbräche ... Er konnte Dora Breetpoot um so weniger

diesen Auftritt zumuten, als er seit gestern wußte, daß sie in andern

Umständen sei. Seine Mutter hatte es herausgebracht ... Und das war auch

der Grund, weshalb Lohmann heute in der Klasse gefehlt hatte. Den Kopf

auf den Fäusten, in den Versgestalt annehmenden Martern des Gedankens an

dieses Kind, das sie von Assessor Knust, vielleicht noch von Leutnant

von Gierschke, möglichenfalls aber auch von Konsul Breetpoot hatte, saß

Lohmann nun tagelang in seinem verschlossenen Zimmer ...

»Kommen Sie mit!« rief Unrat. »Ich befehle Ihnen, Sekundaner Lohmann,

mit mir zu kommen!«

Lohmann ließ ungeduldig die Zigarette fallen. Darauf sank Unrat

befriedigt auf seinen Sitz.

»Sehen Sie! Freilich nun wohl. So ziemt es sich für einen Schüler, der

sich um den Lehrer wohl verdient machen möchte ... Sie, Lohmann,

entschuldigt der Lehrer, denn Sie sind -- immer mal wieder -- als _mente

captus_ zu bezeichnen. Haben Sie doch eine unglückliche Liebe.«

Lohmann ließ die Arme sinken. Er war geisterblaß und seine Augen glühten

so schwarz, daß die Künstlerin Fröhlich ihn mit Bewunderung anstarrte.

»Haben Sie etwa keine?« fragte Unrat, giftig frohlockend. »Sie machen

Verse -- ohne darum doch --«

»-- das Ziel der Klasse zu erreichen?« ergänzte zaghaft die Künstlerin

Fröhlich, denn sie kannte diese Wendung durch Kieselack.

Lohmann sagte sich: »Der Elende weiß es. Jetzt drehe ich mich um, gehe

nach Haus, ersteige den Speicher, richte die Flinte gegen mein Herz. Und

drunten am Klavier sitzt Dora. Das kleine Lied, das Dora singt, flattert

herauf, und sein Flügelstaub schimmert bis in meinen Tod ...«

Die Künstlerin Fröhlich äußerte:

»Wissen Sie woll noch, wie Sie mich angedichtet haben?«

Sie fragte sehr sanft, mit einem Seufzer. Sie wünschte sich mehr von

ihm. Sie hatte sich eigentlich immer viel mehr von ihm gewünscht,

erinnerte sie sich jetzt; und fand ihn grausam; und auch ziemlich dumm.

»Und kommst du erst mal in die Wochen ... Na, wer is nu in den Wochen?«

Auch das. Sie wußten auch das. Lohmann wandte sich ab und ging zur Tür,

verurteilt. Wie er den Griff in der Hand hatte, hörte er Unrat sagen:

»Freilich nun wohl. Sie haben eine unglückliche Liebe zu der Künstlerin

Fröhlich, welche sich jedoch entschlossen hat, Ihrer zu entraten, und

darum auch dem in jenem schamlosen Gedicht von Ihnen geäußerten Wunsche

nicht entsprochen hat. Sie sitzen nun nicht bei der Künstlerin Fröhlich

im Kabuff, Lohmann. Sie sind der Künstlerin Fröhlich nicht teilhaftig

geworden, Lohmann. Sie können nun zu Ihren Penaten zurückkehren,

Lohmann.«

Mit einem Ruck drehte Lohmann sich wieder um. Weiter war's nichts?

»Jawoll,« sagte auch Rosa. »Es stimmt, und jedes Wort sitzt.«

Der alte Dummkopf floß über von greisenhafter Eitelkeit. Das andere

Geschöpf war ein unappetitliches Mädel, nichts weiter. Beide ganz

harmlos, beide ganz unwissend. Die Tragik seiner vergangenen Minuten,

Lohmann hatte sie irrtümlich erlebt und ohne Recht. Er ging nicht mehr,

sich zu erschießen. Er fand sich enttäuscht, beinahe albern, durch die

Komödie der Dinge wieder einmal entwürdigt, noch immer im Leben vor, und

in diesem Kabuff.

* * * * *

»So, von Ertzum,« versetzte Unrat. »Nun räumen auch Sie -- immer mal

wieder -- das Feld. Und weil Sie sich erdreistet haben, in Anwesenheit

des Lehrers eine Prügelei vom Zaun zu brechen, schreiben Sie die

Gesangbuchverse, die Sie nicht gekonnt haben, sechsmal ab.«

Ertzum blieb stehen, ernüchtert, belastet mit der Erkenntnis, daß die

soeben genossene Muskelfreude nur Selbsttäuschung gewesen sei, daß sein

Sieg über den Athleten ihm nichts genützt habe, daß hier nur ein Sieger

sei: Unrat; und sah schreckensvoll in das gleichgültige Gesicht der

Künstlerin Fröhlich.

»Fort mit Ihnen!« rief Unrat.

Kieselack wollte hinterher.

»Wohin? Ohne vom Lehrer entlassen zu sein!... Sie werden mir vierzig

Vergilverse memorieren!«

»Warum,« machte Kieselack, empörerisch.

»Weil der Lehrer es so will!«

Kieselack überflog ihn mit einem Senkblick; und verlor alle Lust, es mit

ihm aufzunehmen. Er machte sich still davon.

Die beiden andern waren ein Stück voraus.

Ertzum, in dem Bedürfnis, Rosa samt ihrem Galan zu verachten und zu

verwerfen:

»Das Mädchen muß man also als verloren ansehn. Ich gewöhne mich schon an

den Gedanken. Ich versichere dich, Lohmann, ich sterbe nicht dran ...

Aber was sagst du zu diesem Unrat? Ist dir so eine Schamlosigkeit schon

mal vorgekommen?«

Lohmann lächelte bitter. Er verstand: von Ertzum war geschlagen und zog

sich klagend auf die angestammte Moral zurück: auf die ewige Zuflucht

der Geschlagenen. Lohmann verschmähte sie, so schlecht er heute

weggekommen war, auch er.

Er sagte:

»Es war verkehrt von uns, dahinein zu gehn und zu glauben, wir könnten

ihn in Verlegenheit setzen. Wir mußten bedenken, er war darüber hinaus.

Zu Mitwissern hat er uns längst. Zusammengeplatzt sind wir hier schon

oft mit ihm. Er hat uns schon nach Haus geschleppt, damit wir ihm bei

der Fröhlich nicht gefährlich würden. Hielt er es übrigens für

ausgeschlossen, daß ihm inzwischen irgend ein anderer bei ihr gefährlich

ward?«

Ertzum stöhnte verwundet auf.

»Denn es wäre ungesund für dich, Ertzum, wenn man dir hierüber noch

Illusionen ließe. Sei ein Mann!«

Ertzum versicherte mit schlecht gefesteter Stimme, Rosa sei ihm

gleichgültig, er frage nicht, ob sie rein sei. Nur Unrat empöre ihn in

seinem sittlichen Bewußtsein.

»Mich nicht,« gab Lohmann an. »Dieser Unrat fängt an, mich zu

beschäftigen: er ist eigentlich eine interessante Ausnahme. Bedenke,

unter welchen Umständen er handelt, was er alles gegen sich auf die

Beine bringt. Dazu muß man ein Selbstbewußtsein haben, scheint mir --

ich für meine Person brächte so eines nicht auf. Es muß in einem ein

Stück Anarchist stecken ...«

Dies alles reichte weiter als von Ertzum reichte. Er brummte etwas.

»Wie?« machte Lohmann. »Nun ja. Die Szene im Kabuff war widerlich. Aber

sie hatte etwas widerlich Großartiges. Oder, wenn du lieber willst,

etwas großartig Widerliches. Aber großartig war dabei.«

Ertzum hielt sich nicht mehr.

»Lohmann, war sie wirklich nicht rein?«

»Nun, jetzt ist sie jedenfalls bedeckt mit Unrat. Da siehst du auch von

ihrem Vorleben besser ab.«

»Ich hielt sie für rein. Mir ist überhaupt wie im Traum. Du wirst

lachen, Lohmann, aber ich könnte mich erschießen.«

»Wenn du es wünschest, lache ich.«

»Wie soll ich darüber hinwegkommen. Hat schon mal einer das erlebt? Sie

stand mir so hoch, ich habe eigentlich, wenn ich es genau bedenke, nie

gehofft, sie zu erlangen. Du erinnerst, in welcher Aufregung ich neulich

war, als ich das Hünengrab kaputt machte. Übermut war das nicht; ich

will nur ganz aufrichtig sein. Es war bloße Angst vor der Entscheidung.

Ich hätte mich, Gott weiß es, gewundert, wenn sie mit mir gekommen wäre.

Wie konnte ich mir das einbilden: sie hat ja viel zuviel Seele für mich

... Und als dann der Würfel gefallen war --«

Lohmann musterte ihn von der Seite. Ertzum mußte in einem unerhörten

Zustand sein, um von gefallenen Würfeln zu sprechen.

»-- da war ich allerdings ein verzweifelter Mensch, das darf ich wohl

sagen. Aber das war 'ne Wohltat, verglichen mit heute. Verstehst du denn

überhaupt, Lohmann, wie tief sie jetzt gefallen ist?«

»Bis zu Unrat!«

»Denke nur! Da gehört sie doch nicht hin. Sie ist doch rein. Oder aber

sie wäre das letzte der Weiber.«

Lohmann gab es auf. Ertzum war nun einmal viel daran gelegen, daß die

Rosa Fröhlich auf einem unzugänglichen Wolkenthron sitze. Offenbar

brauchte er es so. Er machte seinem dümmeren Selbst weis, daß er sich

auf die Rosa Fröhlich niemals wirkliche Hoffnung angemaßt habe. Zweck

des Selbstbetrugs war, daß um so weniger Unrat aus seinem Pfuhl heraus

nach ihr gelangt haben könne. Die Lebenserfahrung, die das Gesicht einer

Kuhmagd trug, blieb dahinten; und ein hochgespannter Träumer entstieg

dem roten Landjunker: denn es brachte Vorteil für Ertzums Eigenliebe ...

So war der Mensch, meinte Lohmann.

»Und wenn ich mich nun frage, warum,« sagte Ertzum noch: »da find' ich

wirklich keine Erklärung. Ich hab' ihr alles geboten, was ihr ein Mensch

nur bieten kann ... Daß sie mich liebte, das konnte ich, ehrlich gesagt,

allerdings kaum hoffen. Sie hat mich ja nicht besser behandelt als dich!

Warum wohl auch grade mich!... Aber statt dessen Unrat? Glaubst du das,

Mensch? Unrat?!«

»Die Frauen sind unfaßbar,« erklärte Lohmann und versank in Sinnen.

»Ich kann es nicht glauben. Ich glaube, er hat ihr schwindelhafte

Vorspiegelungen gemacht; er wird sie noch ins Unglück bringen.«

Und Ertzum dachte hinzu:

»Vielleicht ... dann ...«

Da überholte Kieselack die beiden. Er schlich schon seit einer Weile

hinter ihnen her. Er verkündete gellend:

»So blau. Unrat hat zehn Mark geblecht, ich hab' es ja durchs

Schlüsselloch gesehn.«

»Du lügst -- Schwein!« brüllte Ertzum und brach los gegen den Kleinen.

Aber Kieselack hatte dies vorausgesehen und war im Nu über alle Berge.

Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen · 第 13 / 20 题