Er ging noch ins Amt, kraft eines Restes von staatserhaltender
Gewohnheit und obwohl er voraussah, daß einer dieser Schulgänge sein
letzter sein werde. Die Oberlehrer hatten sich jetzt ausnahmslos dafür
entschieden, ihn zu übersehn. Im Lehrerzimmer versteckte sich alles
hinter Zeitungen, floh den Tisch, spie in die Ecken, sobald Unrat mit
seinen zu korrigierenden Heften sich niederließ. In der Klasse fehlten
Lohmann, von Ertzum und Kieselack, alle drei. Die übrigen verachtete
Unrat und ließ sie gewähren. Manchmal bedachte er, aufzischend, irgend
einen mit halbtagelangem Karzer. Später vergaß er aber, den Pedell mit
der Ausführung des Urteils zu beauftragen.
Draußen schlich er dahin, ohne jemand zu sehen, hörte weder Schmähungen
noch Ruhmeserhebungen, merkte es auch nicht, wenn die Lohnkutscher ihre
Pferde anhielten, um ihre Fremden auf Unrat als eine städtische
Sehenswürdigkeit aufmerksam zu machen. Wo er vorüberkam, ward von seinem
Prozeß gesprochen. Für die Leute war eigentlich Unrat der Angeklagte,
und sein Auftreten vor Gericht erregte Bedauern und Zorn. Ältere Herren,
Schüler aus den ersten Jahrgängen, für die Unrat heitere, von der Zeit
zärtlich vergoldete Jugenderinnerungen umhertrug, blieben bei seinem
Anblick stehn und schüttelten die Köpfe.
»Was is denn aus unserm alten Unrat bloß geworden. Das is ja 'n Jammer,
is es ja, was er neuerdings für Geschichten macht.«
»So tritt 'n Lehrer doch nich auf gegen so 'ne Jungens. Soll das 'n
Jugenderzieher sein? Und denn seine Ausfälle gegen die Kaufmannschaft
und gegen die ersten Familien. Vor Gericht, bitte.«
»Wer sich selber in seinen Jahren noch pikante Seitensprünge vorzuwerfen
hat und öffentlich damit reinfällt. Er sitzt doch überhaupt in 'n
Glashaus. In der Bürgerschaft soll die Geschichte zur Sprache kommen,
und daß sie ihn nich mehr haben wollen bei der Schule, das weiß ich von
Breetpoot. Er kann man wegziehn mit seiner Freundin.«
»Aber 'ne feine Deern is es.«
»Das is es.«
Und die Herren lachten sich an, jeder mit einem kleinen Gefunkel im
Blick.
»Wie Unrat da bloß auf gekommen is.«
»Tjä, hab' ich es Ihnen nich schon immer gesagt? Gegen so'n Namen kann
auf die Dauer keiner an: er is nu mal 'n rechter alter Unrat.«
Andere erinnerten an Unrats Sohn, der sich einst mit einem anrüchigen
Frauenzimmer auf offenem Markt hatte blicken lassen. Sie beriefen sich
auf den Apfel der nicht weit vom Stamm falle, und behaupteten nach dem
Vorgang des Oberlehrers Hübbenett, der sittliche Zusammenbruch des
Vaters sei bestimmt vorherzusagen gewesen. Man wollte auch von jeher
etwas Menschenscheues, Unheimliches, gründlich Verdächtiges an Unrat
wahrgenommen haben und erklärte, sich über seine vor Gericht geführten,
gegen die Angesehensten der Stadt gerichteten Reden keinen Augenblick zu
wundern.
»So'n altes Ekel hätt' man schon lange totschlagen sollen,« äußerte bei
Unrats Nahen, in seine Ladentür gelehnt, der Zigarrenhändler Meyer,
dessen Rechnungen für Professor Raat immer mit einem durchgestrichenen U
begonnen hatten.
Der Pächter des Café Central sagte in der Frühe, wenn Unrat die
Hausfront entlang schlich, zu seinen das Lokal säubernden Kellnern:
»Sittlicher Unrat muß egal raus.«
Andererseits gab es unzufriedene Bürger, die Unrats Emanzipation mit
Freuden begrüßten, ihn für ihre dem Bestehenden feindlichen Werbungen
als Bundesgenossen beanspruchten und Versammlungen einberiefen, wo über
sein mutiges Auftreten gegen die Privilegierten der Stadt debattiert
ward, und wo er reden sollte. In ihren öffentlichen Aufrufen hieß es:
»Hut ab vor solchem Manne!«
Unrat ließ ihre schriftlichen Einladungen unerwidert. Ihre Abordnungen
verabschiedete er durch die verschlossene Tür. Er saß und gedachte mit
Haß, Sehnsucht und Grausamkeit der Künstlerin Fröhlich, und daran, wie
er sie nötigen könne, die Stadt zu verlassen und in großen Tagemärschen
davonzuziehen. Es fiel ihm wieder ein, daß er dies bei ihrem allerersten
Zusammentreffen ihr strenge geboten hatte. Wenn sie damals sich nicht
dem Lehrer widersetzt hätte! Jetzt hatte sie eine Masse Unfug getrieben,
Unheil angestiftet, und Unrat konnte sich, in fassungsloser,
martervoller Rachgier, nichts Ersehnenswerteres mehr vorstellen, als daß
die Künstlerin Fröhlich in einem tiefen und finstern Kabuff ihr Leben
enden möge.
Er vermied tagsüber peinlich die Straßen, in denen er ihr begegnen
konnte. Des Nachts nur geschah es, daß er in jene Stadtgegend schlich,
zu einer Stunde, wo hinter der verhängten Scheibe keines Lokals mehr die
Schatten von Oberlehrerköpfen mit den Gebissen klappten. Dann machte
Unrat, scheu, feindselig und voll bittern Verlangens, eine weite Runde
um das Hotel zum Schwedischen Hof.
Einmal trat ihm dabei aus dem Dunkel ein Mensch entgegen und grüßte: es
war Lohmann. Unrat prallte zuerst zurück und rang nach Luft. Dann
spreizte er die Hände und griff, mit beiden zugleich, nach Lohmann, der
höflich auswich. Als Unrat wieder fest auf den Beinen stand, begann er
zu pfauchen.
»So wagen Sie Elender es denn also, mir noch unter die Augen zu treten!
Dicht bei der Wohnung der Künstlerin Fröhlich muß ich Sie fassen! Sie
haben schon wieder Nebendinge getrieben!«
»Ich versichere Sie,« erwiderte Lohmann sanft, »Sie irren sich, Herr
Professor. Sie irren sich von vorn bis hinten.«
»Was haben Sie hier etwa sonst angefangen, verruchter Bube!«
»Ich bedauere, mich darüber nicht äußern zu können. Nur soviel, daß es
Sie, Herr Professor, in keiner Weise berührt.«
»Ich werde Sie vollends zerschmettern!« verhieß Unrat, mit den Augen
einer wütenden Katze. »Seien Sie gewärtig, mit Schmach und Schande von
der Schule gejagt zu werden ...«
»Es sollte mich freuen, wenn Ihnen die Genugtuung würde, Herr
Professor,« sagte Lohmann, ohne die Absicht zu spotten, eher wehmütig,
und ging langsam weiter, verfolgt von Unrats Drohungen.
Er war nicht mehr aufgelegt, Unrat zu kränken. Heute, wo alles über ihn
herfiel, hätte Lohmann sich dessen geschämt. Er fühlte Mitleid mit dem
Alten, der noch davon sprach, ihn von der Schule zu jagen, in dem
Augenblick, wo Unrats eigene Entlassung schon beschlossen war; --
Mitleid, und auch eine Art von zurückhaltender Sympathie für diesen
einsamen Allerweltsfeind, der unbedenklich soviel gegen sich auf die
Beine brachte; für den interessanten Anarchisten, der hier im Ausbrechen
war ...
Sein ewiger Verdacht auf Lohmann wegen dieser Fröhlich war kläglich und
rührend; er war sogar voll tragischer Ironie, wenn man ihn zusammenhielt
mit dem, was Lohmann in Wirklichkeit in diese Nacht hinausgeführt hatte.
Lohmann kam aus der Kaiserstraße. Frau Dora Breetpoot war heute abend
entbunden. Und Lohmanns unbekannte Zärtlichkeit neigte sich über ihr
Schmerzensbett. Sein Herz, ein fruchtlos und demütig schwelendes
Feuerchen, sehnte sich, den kleinen, zitternden Kinderkörper zu
erwärmen, dessen Entstehung vielleicht Assessor Knust, vielleicht
Leutnant von Gierschke, vielleicht auch Konsul Breetpoot bewirkt hatte
... Lohmann war heute nacht vor das Breetpootsche Haus gegangen und
hatte die verschlossene Tür geküßt.
* * * * *
Wenige Tage später hatten die schwebenden Schicksale sich gesenkt.
Lohmann, dem nichts daran lag, durfte, bis er nach England ging, auf der
Schule verbleiben; seine Verwandten waren zu mächtig, als daß an seine
Entfernung zu denken gewesen wäre. Kieselack verdankte seinen Abschied
nicht dem Vorfall mit dem Hünengrab; eher seiner ungebührlichen
Aufführung vor Gericht; vor allem aber seinen zur Künstlerin Fröhlich
unterhaltenen und von ihr bekannt gegebenen Beziehungen, die unzulässig
erschienen für einen Sekundaner. Von Ertzum ging freiwillig und
überantwortete sich einer Presse. Unrat ward entlassen.
Er behielt das Recht, seine Lehrtätigkeit bis zum Herbst fortzusetzen.
Er brach sie aber, im Einvernehmen mit der vorgesetzten Behörde, sofort
ab. An einem von Unrats ersten schulfreien Vormittagen, wie er,
unbeschäftigt und planlos für immer, im Sofa saß, kam Pastor Quittjens.
Er hatte zugesehen, wie hier jemand immer tiefer in Sünde und
Verlegenheiten hineinritt. Jetzt, da der Mann am Boden lag, war er der
Meinung, daß für das Christentum etwas zu machen sei.
Er begann sofort, und rauchte dabei eine Zigarre wie jeder andere
Mensch, sich über Unrats traurige Sachen zu erbarmen, über seine
Vereinsamung, über die Anfeindungen, denen er sich gerade von seiten der
Besseren ausgesetzt habe. So etwas habe doch niemand gern, dagegen müsse
man was tun. Wenn Unrat wenigstens noch seine gewohnte Tätigkeit besäße.
Seine Entlassung mache das Unglück voll, indem sie ihn seinen bittern
Gedanken rettungslos ausliefere ... Nun, rettungslos sei zuviel gesagt.
Pastor Quittjens mache sich anheischig, für Unrats Wiederaufnahme bei
den Besseren zu sorgen, ihn in einen politischen Verein, in einen
Kegelklub hineinzulotsen. Bedingung sei allerdings -- dies schien der
Pastor zu bedauern und als unvermeidliches Übel anzusehn -- daß Unrat
vor Gott und den Menschen seine Verirrungen bereuen und ihnen ein Ende
machen müsse.
Unrat antwortete hierauf so gut wie nichts. Der Vorschlag interessierte
ihn nicht. Wenn er schon der Künstlerin Fröhlich verlustig ging, fand er
es zwecklos, eine Kegelpartie dafür einzutauschen.
Darauf griff Pastor Quittjens zu größeren Gesichtspunkten. Er beklagte
die Schüler, denen ein zu ihrer Hut Berufener die Schwelle des
Jünglingsalters durch solch ein Beispiel vergifte. Und nicht nur die
Schüler der Untersekunda, nein, alle andern ebenso; und nicht nur alle
andern innerhalb des Gymnasiums, sondern, über die Mauern des Gymnasiums
hinaus, alle die ehemaligen Schüler -- also die Stadt in ihrer
Gesamtheit. Alle diese, und Pastor Quittjens ließ seine Zigarre ausgehn,
müßten an den Lehren ihrer Jugend Zweifel empfangen und in ihrem
schlichten Glauben wankend werden. Ob denn Unrat so schwere Dinge auf
sein Gewissen nehmen wolle. Schon sei der Knabe Kieselack ins Unglück
geraten, und Unrat werde wohl nicht verkennen, daß für den Fall dieses
Kindes ihm selbst eine Mitverantwortlichkeit zukomme. Das sei aber
sicher nicht der einzige Schade, den der Abfall eines Mannes wie Unrat
von Glaube und Sitte zu stiften bestimmt sei ...
Unrat ward stutzig. Von Kieselacks Vernichtung erfuhr er erst jetzt; und
er brannte von jäher Freude darüber, sie bewirkt zu haben. Daß sein
Beispiel andern gefährlich werden, in der Stadt Verderben aussäen könne,
darauf war er noch nicht verfallen. Hier öffneten sich Aussichten auf
Rache und erregten ihn. Er bekam rote Flecke und zupfte, atemlos in sich
selbst vertieft, an seinen spärlichen Gesichtshaaren.
Pastor Quittjens mißverstand ihn und sagte, das habe er gewußt, daß
Unrat sich das nahe gehen lassen werde. Besonders, wenn man das Geschöpf
in Betracht ziehe, wegen dessen er sich und andere den größten
Unannehmlichkeiten aussetze, dann trete ja der _faux pas_ ohne weiteres
zutage.
Unrat fragte, ob der Pastor von der Künstlerin Fröhlich rede.
Natürlich. Jetzt, seit ihren, in öffentlicher Gerichtsverhandlung
abgelegten Geständnissen, seien Unrat ja wohl die Augen geöffnet. Liebe
mache blind, dies sei -- und Pastor Quittjens zündete seine Zigarre
wieder an -- zuzugestehen. Andererseits möge Unrat sich doch nur seiner
Studienjahre erinnern, und des Mannigfachen, das man damals in Berlin
erfahren habe. Man sei ja auch kein Frosch gewesen, huhu, und wisse über
solche Dämchen ziemlich Bescheid. Die seien es denn doch nicht wert, daß
man seine Existenz und die von andern Leuten auf den Kopf stelle. Ja,
wenn er an Berlin denke --
Pastor Quittjens lächelte selig und schickte sich an, vertraulich zu
werden. Unrat benahm sich immer unruhiger, und plötzlich unterbrach er.
Ob dies alles sich etwa auf die Künstlerin Fröhlich beziehe. Der Pastor
war verwundert und bejahte. Darauf schnellte Unrat vom Sofa, pfauchte
und stieß dumpf und bedrohlich, während der Saft seines Mundes über
Pastor Quittjens hinspritzte, die Worte aus:
»Sie haben die Künstlerin Fröhlich beleidigt. Die Dame steht unter
meinem Schutz. Verlassen Sie -- vorwärts nun also! -- mein Haus!«
Der Pastor rückte erschrocken mit seinem Stuhl weit fort. Unrat hastete
zur Tür und öffnete sie. Als er dann nochmals, zornbebend, auf Pastor
Quittjens losfuhr, rutschte der Pastor in einem feigen Bogen, mitsamt
seinem Stuhl aus der Tür hinaus. Unrat schloß sie.
Er keuchte noch lange durch das Zimmer. Er mußte sich gestehn, der
Künstlerin Fröhlich erst vor kurzem sehr Übles gewünscht zu haben. Die
schlimmsten Gedanken hatte er sich gemacht über sie. Aber was Unrats
Recht war, dazu besaß Pastor Quittjens noch lange nicht die Erlaubnis.
Die Künstlerin Fröhlich stand über Pastor Quittjens. Sie stand über
allen -- allein und heilig im Angesicht der Menschheit. Es war gut, daß
auf solche Weise Unrat wieder zum wahren Bewußtsein der Dinge kam. Die
Künstlerin Fröhlich war ja seine Angelegenheit! Man vergriff sich an ihm
selbst, wenn man sich unterstand, sie nicht gelten zu lassen! Seine von
Angst durchjagte Tyrannenwut packte ihn, und er mußte sich stützen: wie
damals, als das Publikum des Blauen Engels sie ausgelacht hatte. Sie
auszulachen, die er eigenhändig geschminkt hatte! Ihre Leistungen zu
beanstanden, die er gewissermaßen selber vorführte! Es waren -- gewiß
nun freilich -- keine erfreulichen Leistungen, deren sie sich beim
Hünengrab beflissen hatte, und sie hatten Unrat Schmerz gekostet. Das
aber hatten nur sie selbst miteinander auszumachen, Unrat und die
Künstlerin Fröhlich. Er wollte zu ihr hingehen, er war nicht gesonnen,
dies länger zu unterlassen!
Er griff zum Hut, und hängte ihn wieder hin.
Sie hatte ihn verraten -- immerhin denn wohl. Andererseits war sie so
der Weg geworden, der zum Verderben des Schülers Kieselack geführt
hatte. Ward sie hierdurch nicht gerechtfertigt? Noch nicht? Wenn sie
aber noch andern Schülern -- zum Verderben gereichte?
Unrat blieb stehen, mit gesenktem Kopf, über den eine rote Wolke zog.
Seine Rachgier und seine Eifersucht kämpften, indes er sich nicht regte.
Endlich hatte die Rachgier gesiegt. Die Künstlerin Fröhlich war
gerechtfertigt.
Und Unrat begann zu träumen von Schülern, denen sie zum Verderben hätte
gereichen sollen. Wie schade, daß der Zigarrenhändler vom Markt nicht
mehr auf der Schule war; und jener Lehrling, der nicht grüßte, sondern
feixte; und alle andern in der Stadt. Ihnen allen hätte die Künstlerin
Fröhlich zum Verderben gereichen sollen. Sie alle hätten ihretwegen mit
Schimpf und Schande aus der Schule vertrieben werden sollen. Ein
andersgeartetes Verderben konnte Unrat sich nicht vorstellen. Auf einen
Zusammenbruch, der nicht darin bestand, daß einer aus der Schule
vertrieben ward, verfiel er nicht ...
* * * * *
Als er bei der Künstlerin Fröhlich anklopfte, trat sie grade selbst, zum
Ausgehen fertig, in die Tür.
»Huh! Da is er! Wenn ich nu nich eben zu dir wollte! Du glaubst es
natürlich nich, aber ich will dot hinschlagen, wenn es nich wahr is.«
»Mag's denn sein,« sagte Unrat.
Und es war die Wahrheit.
Die Künstlerin Fröhlich hatte, als Unrat sich durchaus nicht mehr
blicken ließ, zuerst einfach gesagt: »Na denn nich,« und hatte sich
darauf gefaßt gemacht, ihre eigene Wohnung nicht mehr zu beziehen,
sondern vom Erlös der geschenkten Möbel noch eine Zeitlang zu
privatisieren, um dann, weil das Ehepaar Kiepert anderweitig versorgt
und schon abgereist war, ein neues Engagement zu suchen. Sie hatte ihrem
alten Unrat weiß Gott die freundschaftlichsten Gefühle entgegengebracht;
aber die konnte man einem Menschen ja nicht am Reck vorturnen, und wenn
er's nicht glauben wollte, mußte er's lassen. Sie hatte ihre
Philosophie. Es war viel leichter, einen zu beschwindeln, nachdem man
was angestellt hatte, als es einem zu beweisen, wenn man grade mal
wirklich unschuldig war. Überhaupt kam man aus dem Versteckenspielen mit
gewesenen Dingen nie mehr heraus, wenn ein Mann schon in solchen
offenbaren Kindereien wie der Hünengrabgeschichte ein Haar fand und sich
einbildete, sie ginge auch nach ihrer Bekanntschaft mit ihm mit all und
jedem. Dann war der Alte eben doch ihr Genre nicht. Es kam ja vor, daß
einer sich irrte; darin ergab man sich denn. Auf der Straße lief einem
manchmal einer nach, halbe Stunden lang, bis er es schließlich
riskierte, überholte einen und glupte einen von der Seite an. Da
schwenkte er auf einmal ab und tat, als wär' er's nicht gewesen. Unrat
hatte sie bisher auch wohl bloß von hinten gekannt, und sobald er sie
ins Gesicht zu sehen kriegte, war's alle. Na laß ihm.
Wie sie dann die Zeit hingehn sah, sich langweilte und das bare Geld
vermißte, überlegte sie, daß es doch zu dumm sei, die Sache einfach so
in die Brüche gehn zu lassen. Der Alte schämte sich am Ende bloß,
schmollte und wartete, daß sie ihm 'n kleinen Finger hinhielt. Konnte
gemacht werden. Er war ja 'n altes Kind, 'n bißchen komisch eigensinnig.
Sie dachte daran, wie er den Kapitän aus der Garderobe hinausgesetzt
hatte, und es deswegen sogar mit Kiepert aufgenommen hatte; und sie
lachte. Gleich nachher aber bekam sie wieder die starren, sinnenden
Augen, mit denen sie Unrat manchmal betrachtet hatte. Eifersüchtig war
er, das mußte wahr sein; und es gab ihr Hochachtung ein. Vielleicht saß
er nun und giftete sich und war ihr spinneböse und konnte vor Galle
nicht Mittag essen. So was war ja schrecklich. Ihr gutes Herz bewegte
sich. Und nicht nur ihres Vorteils wegen, nein, auch aus Mitleid und
auch aus Hochachtung machte sie sich auf den Weg.
* * * * *
»Wir haben uns ja lange nich gesehn,« sagte sie, schüchtern und
spöttisch.
»Das hat denn auch seine Gründe,« brachte Unrat hervor. »Ich war --
immer mal wieder -- beschäftigt.«
»Ach so. Und womit denn?«
»Mit meiner Entlassung aus dem Lehrkörper des hiesigen Gymnasiums.«
»Ich verstehe. Das hab' ich als Vorwurf aufzufassen.«
»Du bist gerechtfertigt. Ist doch auch der Schüler Kieselack entfernt
worden und der dem Gebildeten offen stehenden Laufbahnen für immer
verlustig gegangen.«
»Der Ekel, dem gönn' ich es.«
»Von diesem Geschick ist es nun freilich zu wünschen, daß es zahlreiche
andere Schüler ereile.«
»Ja wie sollen wir das bloß anstellen,« und sie lächelte von unten.
Unrat ward rot. Es entstand eine Pause, während deren sie ihn
hineinführte und hinsetzte. Sie glitt auf seine Knie, versteckte das
Gesicht hinter seiner Schulter und fragte demütig scherzend:
»Ist Unratchen seiner kleinen Künstlerin Fröhlich nu auch gewiß nich
mehr böse? Weißt du, was ich vor Gericht erzählt hab', das war ja
tatsächlich alles. Gott is mein Zeuge, hätt' ich fast gesagt, obschon
das einem auch nischt hilft. Du kannst mir aber glauben.«
»Mag's denn sein,« wiederholte er. Und in dem Bedürfnis, sich ihr näher
zu bringen durch Klärung und Zusammenfassung der Vorgänge:
»Es ist mir -- traun fürwahr -- recht wohl bekannt, daß die sogenannte
Sittlichkeit in den meisten Fällen auf das innigste mit Dummheit
verknüpft ist. Hieran kann höchstens der nicht humanistisch Gebildete
zweifeln. Immerhin ist die Sittlichkeit von Vorteil für den, der, sie
nicht besitzend, über die, welche ihrer nicht entraten können, leicht
die Herrschaft erlangt. Es ließe sich sogar behaupten und nachweisen,
daß von den Untertanenseelen die sogenannte Sittlichkeit strenge zu
fordern sei. Diese Forderung hat mich indes -- aufgemerkt nun also! --
niemals dazu verleitet, zu erkennen, daß es andere Lebenskreise geben
mag mit Sittengeboten, die von denen des gemeinen Philisters sich
wesentlich unterscheiden.«
Sie lauschte angestrengt und verwundert.
»Ach nee. Wo sind denn die. Is das kein Schwindel?«
»Ich selbst,« fuhr Unrat fort, »habe mich persönlich stets an den
sittlichen Gepflogenheiten des Philisters beteiligt: nicht, weil ich
ihnen Wert beigemessen oder mich an sie gebunden erachtet hätte, sondern
weil ich -- vorwärts, immer mal wieder! -- keinen Anlaß traf, mich von
ihnen zu trennen.«
Er mußte sich im Sprechen selber anfeuern, so stockend und von Farbe und
Kraftlosigkeit des heftigsten Schamgefühls befallen, brachte er seine
kühne Lebensauffassung zum Vorschein.
Sie bewunderte seine Rede und fühlte sich geschmeichelt, weil er sie
ihr, nur ihr zum Besten gab. Als er noch hinzusetzte:
»Von dir dagegen habe ich, ich kann nicht umhin, dies festzustellen, zu
keiner Zeit einen dem meinigen verwandten Lebenswandel erwartet,«
-- da schnitt sie ihm vor Überraschung und Rührung eine Fratze und küßte
ihn. Sie ließ kaum seinen Mund los, und er erläuterte schon wieder:
»Was jedoch nicht verhinderte --«
»Na was denn? Was verhinderte es denn nich, Unratchen?«
»-- daß meine zu dir gefaßte Zuneigung mir das Ertragen der dem
Grundsatze nach zu billigenden Dinge in diesem konkreten Falle erheblich
erschwert hat, ja, daß diese Dinge mir zum Schmerze gereicht haben.«
Sie erriet ungefähr, und hielt ihm ein schmeichlerisch-schiefes Köpfchen
hin.
»Denn ich erachte dich für eine solche, deren teilhaftig zu werden nicht
so leicht einer verdient.«
Sie ward ernst und nachdenklich.
Unrat beschied sich.
»Mag's denn sein.«
Aber dann, hervorgestoßen, unter dem Ansturm einer schrecklichen
Erinnerung:
»Nur einen gibt es, den könnte ich dir nie verzeihn, dessen mußt du dich
-- traun fürwahr -- enthalten, den darfst du niemals wiedersehen. Das
ist Lohmann!«
Sie sah ihn erschöpft, voller Schweißtropfen, und begriff es nicht, weil
sie nichts wußte von dem quälerischen Bilde, das ihn einmal überwältigt
hatte -- Lohmanns Bild mit ihrem.
»Ach ja,« äußerte sie. »Auf den bist du immer so wild gewesen. Du
wolltest doch Wurst aus ihm machen. Sollst du auch, mein Unratchen, sei
man wieder gut. Mir sagt so'n dummer Junge gottlob gar nischt. Wenn ich
dir das bloß klarmachen könnte. Aber da gibt's auch nischt was hilft.
Man möchte weinen.«
Und sie hatte in Wahrheit Lust dazu: weil sie durchaus keinen Glauben
fand in betreff ihrer Herzenskühle gegen Lohmann; und weil sie ganz im
Hintergrunde ihres Herzens etwas Lohmann Angehendes ahnte, das ihr die
Glaubwürdigkeit eigentlich genommen hätte; und weil Unrat, das dumme
alte Kind, so oft und so ungeschickt daran rührte; und weil es im Leben
sichtlich den Frieden nicht gab, den sie sich sehnlich wünschte.
Aber weil Unrat die Herkunft ihrer Tränen nicht verstanden haben würde,
und weil sie die Lage nicht unnötig verwickeln wollte, versagte sie sich
das Weinen.
* * * * *
Übrigens kam jetzt eine schöne Zeit. Sie gingen zusammen aus und
vervollständigten Einrichtung und Ausstattung der Künstlerin Fröhlich.
In Toiletten aus Hamburg saß sie fast jeden Abend in einer Loge im
Stadttheater, und Unrat, an ihrer Seite, empfing mit einer
hinterhältigen Genugtuung alle die neidisch-entrüsteten und
übelwollend-begehrlichen Blicke, die herüberkamen. Nun ward auch das
Sommertheater eröffnet, und man konnte sich, mitten unter die
wohlhabende und ehrbare Gesellschaft, in den Garten setzen, Butterbrot
mit Lachs essen und sich freuen, daß es einem nicht gegönnt ward.
Die Künstlerin Fröhlich trug kein Bedenken mehr, Unrat den feindseligen
Einflüssen auszusetzen. Die Gefahr war überstanden, er hatte ihretwegen
seine Entlassung auf sich genommen samt der allgemeinen Ächtung.
Es war ihr anfangs ein wenig unheimlich dabei zumute gewesen. Wie grade
sie dazu käme, meinte sie im stillen, daß einer sich ihretwegen so viel
auf den Hals lüde. Zunächst zuckte sie die Achseln: »Die Männer sind nu
mal so.«
Allmählich sah sie ein, daß er recht gehabt hatte, und daß sie dies und
noch mehr wert sei. Unrat wiederholte ihr so standhaft, wie hoch sie
stehe und wie wenig die Menschheit ihren Anblick verdiene, daß sie
endlich anfing, sich selbst sehr ernst zu nehmen. Es hatte sie noch
niemand so ernst genommen, und darum auch sie selbst sich nicht. Sie war
dem dankbar, der es sie lehrte. Sie fühlte, daß sie sich bemühen müsse,
ihrerseits den Mann recht hoch zu schätzen, der ihr eine solche Stellung
anwies. Sie tat mehr: sie strengte sich an, ihn zu lieben.
Plötzlich erklärte sie ihm, sie wolle Lateinisch lernen. Er willfahrte
ihr sofort. Sie ließ ihn dann reden, antwortete falsch oder überhörte
die Frage und sah ihn nur immer an, voll anderer Fragen an sich selbst.
In der dritten Unterrichtsstunde erkundigte sie sich:
»Nu sag mal, Unratchen, was is denn eigentlich schwerer zu kapieren,
Latein oder Griechisch?«
»Meistens wohl das Griechische,« entschied er, und darauf sie:
»Denn will ich Griechisch lernen.«
Er war entzückt; er fragte:
»Warum jedoch?«
»Darum, mein Unratchen.«
Sie küßte ihn, und es sah aus, wie die Parodie einer Zärtlichkeit. Und
doch war es eine echt gemeinte. Er hatte sie ehrgeizig gemacht; und sie
verlangte, ihm zu Ehren, statt des Lateinischen das Griechische, weil es
schwerer war. Ihr Verlangen war eine Liebeserklärung -- die
vorweggenommene Erklärung einer Liebe, zu der sie sich nötigen wollte.
Schwer genug fand sie's ja, ihr altes Unratchen zu lieben. Griechisch
war auch nicht schwerer. Sie strich immer, als wollte sie ihn sich recht
zu eigen machen, mit den Fingern um den Umriß seiner hölzernen Maske, um
die klappenden Kiefer, die eckigen Höhlen, aus deren Winkeln seine Augen
hervorschielten, giftig nach allen andern, und nach ihr voll kindlicher
Dienstfertigkeit. Das gab ihr Mitleid ein und leichte Zärtlichkeit.
Seine Gebärden und seine Worte, die hilflose Komik der einen und die
umständliche Geistigkeit der andern: alles rührte sie. Auch an die
Hochachtung, die er verdiente, erinnerte sie sich oft. Aber weiter kam
sie nun einmal nicht.
Um den Mißerfolg ihres Gefühls zu vergüten, nahm sie einige Male beim
Griechischen allen ihren Verstand zusammen. Unrat rötete sich fleckig
und eilte wonnebebend den Partikeln entgegen. Als er den Homer aufschlug
und sie zum erstenmal ein μὲν ... δὲ νῦν herauslesen ließ -- als
diese geliebten Laute nun wirklich aus dem bunten Gesicht der
Künstlerin Fröhlich und von ihren anmutig bemalten Lippen fielen: da
klopfte sein Herz. Er mußte das Buch weglegen und sich sammeln. Seine
Atmung war noch sehr in Unruhe; er nahm auf dem Tisch die kleine weiche
und immer etwas fettige Hand der Künstlerin Fröhlich und sagte, er sei
nicht gesonnen, sich auch nur für eine Stunde des ihm erübrigenden
Lebens von ihr zu trennen. Er wolle sie heiraten.
Erst verzog sie den Mund zum Weinen. Darauf lächelte sie bewegt, lehnte
ihre Wange an seine Schulter und wiegte sich darauf. Das Wiegen ward zum
Zucken; ihr Jubel brach aus, sie riß Unrat vom Stuhl, schwenkte ihn
umher.
»Nu wer' ich Frau Unrat! Ich lach' mir ja 'n Ast! Frau Professor Unrat
-- nee, Raat, bitte, meine Herrschaften.«
Und sie spielte sofort eine würdige Dame, die sich im Sessel niederläßt.
Einen Augenblick redete sie vernünftig: nun wolle sie gar nicht mehr
ihre neue Wohnung; das Meiste sei doch schon verkauft. Nun wolle sie mit
in Unrats Villa vorm Tor, und sie ganz neu einrichten! Dann platzte sie
wieder aus. Schließlich beruhigte sie sich, ward nachdenklich aussehn,
und äußerte nur noch:
»Was aus 'n Menschen werden kann.«
Als er fragte, ob sie sich freue, und die Dinge sollten doch wohl recht
bald von statten gehen, lächelte sie nur noch zerstreut.
Sie schien ihm die folgenden Tage niemals ganz bei der Sache. Zuweilen
sah sie geradezu sorgenvoll aus, leugnete es aber standhaft. Sie ging
oft aus und ward ungeduldig, wenn er mitwollte. Er war betroffen und
empfand dunkel ein peinliches Rätsel. Eines Tages kam er darüber zu, wie
sie aus einem niederen Gasthaus trat. Nach einer Weile schweigsamen
Nebeneinandergehens versetzte sie geheimnisvoll:
»Es is nich immer alles so, wie mancher woll meint.«
Dies beunruhigte ihn vollends, aber sie wollte sich nicht erklären.
Eines weiteren Tages endlich trippelte, wie Unrat allein und betrübt
durch die mittäglich leere Siebenbergstraße ging, ein kleines
weißgekleidetes Kind auf ihn zu und sagte mit einem einfältigen
Plärrstimmchen:
»Komm nach Haus, Papa.«
Unrat blieb erstaunt stehen und sah auf die kleine, weißbehandschuhte
Hand, die das Kind ihm hinstreckte.
»Komm nach Haus, Papa,« wiederholte es.
»Was heißt nun das?« fragte Unrat. »Wo wohnst du denn?«
»Da,« und es zeigte hinter sich.
Unrat sah auf, und da erblickte er an der nächsten Ecke die Künstlerin
Fröhlich, mit schmeichlerisch schiefem Köpfchen und mit einer halben
Gebärde der Hand, die sich schüchtern ein Stückchen von der Hüfte weg
bewegte, als entschuldigte sie und als bäte sie.
Unrat klappte ratlos mit den Kiefern. Auf einmal hatte er begriffen; und
das weißbekleidete Händchen, das ihm noch immer hingehalten ward, er
nahm es einfach.