VIII

Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn,

wenn er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die

Ungewißheit über Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem

Treiben im Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle

zwischen den Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen.

Draußen im Gäßchen vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte

hinter sich. Er machte den seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht

auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter der Ecke lauerte er und trat

unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie prallten zurück; aber

Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:

»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich -- immer mal wieder -- einen

Kunstgenuß verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen.

Kommen Sie, wir wollen das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei

werde ich dann Gelegenheit haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit

sie es in diesen Gegenständen schon gebracht haben.«

Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende

Vertraulichkeit mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er

hinzu:

»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes

Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis -- wahrlich doch -- einigen Einfluß

ausüben.«

Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern

vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne

weiteres von des Sekundaners Lied vom runden Mond.

»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als

ein Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die

Liebe‹ als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen

wollen, und nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an

dem Ufer eines von Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn

sein. Hinzufügen aber muß der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem

Sekundaner und noch dazu einem solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel

der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«

Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele

zwischen seinen dürren Fingern umwendete:

»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende.

Ein ganz frivoles Machwerk, _l'art pour l'art_, wenn Sie den Ausdruck

kennen. Hat mit Seele absolut nichts zu tun.«

»Drum denn -- mag's denn sein,« wiederholte Unrat.

»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin --

traun fürwahr -- der vortragenden Künstlerin ganz allein.«

Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er

zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von

ihr ab. Er warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte

eifrigeres Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen,

wirklich poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der

sterbende Hund, bei Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in

_La Joie de vivre_, von Zola.

»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.

Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief

befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:

»Nie! Niemals!«

Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt

dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.

»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu

Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die

Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn.

Sein Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab

an, er teile sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß

durch solche Greisin Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig

beschränkt werde. Und das Tor des Blauen Engels stand noch lange

offen ...

Kieselack witterte, worauf es Unrat ankomme. Er versicherte:

»Großmutter haut mich.«

Unter Unrats wachsamen Blicken, ein Stück vor ihm auf, ließ von Ertzum

seine krampfig geballten Fäuste hängen und sagte dumpf zu Lohmann:

»Er soll es nicht zu weit treiben, das rat' ich ihm bloß. Alles hat 'n

Ende!«

»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann. »Ich finde die Geschichte

immer fragwürdiger.«

Ertzum, von neuem:

»Ich will dir was gestehen, Lohmann ... Wir sind hier ziemlich allein,

die nächste Laterne und der nächste Schutzmann kommen beide erst bei

Witwe Blöß. Wenn ich mich umdreh' und den Menschen niederschlage -- ihr

werdet mich ja hoffentlich nicht abhalten ... Dies Weib -- dies Weib in

den Pfoten eines solchen Elenden, einer solchen Krabbe! Ihre

Reinheit!... Kerl, du, es geschieht was!«

Von Ertzums Heftigkeit stieg, weil er fühlte, daß er befremde. Aber das

machte ihm nichts, und er schämte sich seiner Drohungen nicht mehr, denn

heute wußte er sich fähig, sie alle zu vertreten.

Lohmann zögerte.

»Ein Geschehnis wäre es, wenn du ihn totschlügest, das läßt sich

allerdings nicht leugnen,« bemerkte er schließlich, müden Tonfalls. »Es

hätte doch mal einer eine Geste gewagt -- eine Tür aufgerissen; -- statt

daß unsereiner immer nur dahinter steht, mit Angst ertappt zu werden,

wenn sie plötzlich von innen geöffnet würde.«

Lohmann schwieg und wartete gespannt darauf, daß der andere ihm ins

Gesicht sage, er liebe Frau Dora Breetpoot. Er spielte in seinem Sinn

mit der Flinte, die für solchen Fall bereit lag ... Aber sein Geständnis

zerging ungehört in der Luft.

»Eine andere Frage,« und Lohmann verzog den Mund, »ist allerdings, ob

du's tust ... Du tust ja auch nichts.«

Von Ertzum machte eine wilde Bewegung rückwärts. Lohmann sah, denn die

Laterne der Witwe Blöß war nicht mehr fern, ganz gut einen Schwindel

durch seines Freundes Blick streichen. Er packte ihn am Arm.

»Keine Dummheiten, Ertzum!«

Darauf stellte er sich ungläubig.

»So was gibt's doch nicht, das faßt man doch nicht ernstlich ins Auge.

Sieh dir den Menschen an, bitte. Ist das einer, den man mordet? Das ist

einer, über den man die Achseln zuckt. Hast du Lust, nach geschehener

Tat mit dem alten Unrat zusammen in der Zeitung zu stehn? Wie

kompromittierend!«

Ertzums schwerblütige Wallung legte sich allmählich. Lohmann verachtete

ihn ein wenig, weil er wieder ungefährlich war.

»Noch dazu,« bemerkte er, »hättest du etwas nicht ganz so Unsinniges tun

können und hast es nicht getan. Hast du von Breetpoot Geld verlangt?«

»N -- ein.«

»Siehst du. Du wolltest vor deinen Vormund hintreten, ihn deine

Leidenschaft wissen lassen und deine Entschlossenheit ihr nachzugehn.

Daß du ein Mann seist, und daß du lieber zweijährig dienen wollest als

zusehn, wie die Geliebte an einen Schubjack verloren gehe. Du wolltest

dich um ihretwillen befreien: =das= wolltest du!«

Ertzum murmelte:

»Was hätte ich davon gehabt.«

»Wieso?«

»Geld hätte er mir keins gegeben. Er hätte mir die Kandare fester

angezogen. Ich könnte Rosa jetzt nicht mal mehr sehn.«

Auch Lohmann hielt ein derartiges Verhalten des Vormunds für

wahrscheinlich.

»Ich kann dir dreihundert Mark pumpen,« sagte er nachlässig. »Wenn du

also mit ihr durchgehen willst --«

Ertzum antwortete zwischen den Zähnen hervor:

»Danke.«

»Nein? Also nicht.«

Lohmann schlug ein schwaches und böses Gelächter auf.

»Aber du hast ganz recht. Bevor man eine zur Gräfin macht, besinnt man

sich doch. Und anders tut sie es wohl nicht.«

»Ich selbst würde es nicht anders gewollt haben,« sagte von Ertzum,

gebrochen und schlicht. »Sie aber will nicht ... Ach, das weißt du

nicht. Niemand weiß, daß ich seit Sonntag ein verzweifelter Mensch bin.

Es ist eigentlich zum Lachen, daß ihr mich behandelt, als wär' ich noch

derselbe -- und daß ich mich auch so benehme.«

Sie schwiegen. Lohmann war sehr unzufrieden; er fühlte sich geschädigt,

in seiner Leidenschaft um Dora Breetpoot verletzt, weil nun auch Ertzum

dank dieser lächerlichen Fröhlich in eine tragische Rolle geriet. Ertzum

und diese Fröhlich rückten ihm zu nahe.

»Also?« fragte er stirnrunzelnd.

»Ja. Sonntag, auf dem Ausflug nach dem Hünengrab, mit dir, Kieselack und

-- Rosa ... Rosa ganz für mich zu haben, mal ausnahmsweise ohne Unrat:

ich war so froh. Ich war meiner Sache überhaupt ganz sicher!«

»Richtig. Du warst zu Anfang in vorzüglicher Laune. Du hast das

Hünengrab sogar nach Möglichkeit kaputt gemacht.«

»Ach ja. Wenn ich daran denke -- als ich das Hünengrab kaputt machte,

das war =vorher=, da war ich noch ein anderer Mensch ... Nach dem

Frühstück waren wir so gut wie allein im Wald, Rosa und ich; denn du und

Kieselack ihr schlieft. Ich faßte mir ein Herz: im letzten Moment hatte

ich doch Angst gekriegt. Aber sie hatte mich ja immer gut behandelt,

ganz anders als dich ... nicht wahr?... und wartete sichtlich bloß auf

meine Erklärung. Ich hatte mein bißchen Geld eingesteckt und glaubte

bestimmt, wir würden gar nicht mehr nach der Stadt zurückkommen, sondern

gleich durch den Wald an die Station laufen.«

Er verstummte. Lohmann mußte ihn anstoßen.

»Sie liebt dich nicht -- genügend?«

»Sie sagte, sie kenne mich nicht hinlänglich. Hältst du das für einen

falschen Vorwand?... Sie meinte auch, wir würden ja doch gefaßt; und

dann käme sie wegen Verführung eines -- Minderjährigen ins -- Loch.«

Lohmann kämpfte ingrimmig mit seiner Lachlust.

»Soviel kalte Überlegung,« sagte er mit Anstrengung, »das ist nicht das

Wahre. Mindestens ist ihre Liebe nicht auf der Höhe der deinigen. Du

solltest dir deinerseits überlegen, ob du von den auf sie gesetzten

Gefühlswerten nicht lieber einige zurückziehst ... Hast du nicht die

Empfindung, daß sie nach eurer Unterredung beim Hünengrab nicht mehr

deine ganze Zukunft wert ist?«

»Nein, die Empfindung hab' ich nicht,« sagte von Ertzum ernst.

»Dann ist nichts zu machen,« entschied Lohmann.

* * * * *

Sie waren am Hause des Pastors Thelander. Ertzum kletterte den Pfeiler

hinauf zum Balkon. Unrat stand zwischen Kieselack und Lohmann und sah

ihm nach. Als Ertzum in sein Fenster gestiegen war, wandte Unrat sich

nachdenklich zum Gehen. Er sagte sich, daß von Ertzum, sobald es ihm

einfiele, wieder hinabklettern könne ... Aber er fürchtete von Ertzum

wenig; er verachtete seine Einfalt.

Er führte die beiden andern Schüler zur Stadt zurück und brachte

Kieselack bis in den Machtbereich seiner Großmutter.

Dann ging er mit Lohmann vor sein väterliches Haus, hörte das Tor sich

schließen, sah droben Licht entstehen, wartete peinlich, bis es wieder

verlosch und ließ noch eine Weile verstreichen. Es erfolgte nichts mehr.

Da fand Unrat endlich den Mut, sich schlafen zu legen.

Professor Unrat, oder, Das Ende eines Tyrannen · 第 12 / 20 题