Darüber dachte Unrat selber nie nach, und nur eines beunruhigte ihn,
wenn er sich spät am Abend von der Künstlerin Fröhlich trennte: die
Ungewißheit über Kieselack, von Ertzum und Lohmann. Die Furcht vor ihrem
Treiben im Verborgenen ließ ihm allmählich das Äußerste tunlich und alle
zwischen den Menschen gesetzten Grenzen überschreitbar erscheinen.
Draußen im Gäßchen vor dem Blauen Engel hörte er einmal ihre Schritte
hinter sich. Er machte den seinigen ganz leicht, damit es ihnen nicht
auffiel, wenn er stehen blieb. Hinter der Ecke lauerte er und trat
unversehens mit schiefem Kopf auf sie zu. Sie prallten zurück; aber
Unrat sagte ermunternd und mit giftigem Blinzeln:
»Nun denn, ich sehe, daß Sie sich -- immer mal wieder -- einen
Kunstgenuß verschafft haben. Das ist ja denn auch recht von Ihnen.
Kommen Sie, wir wollen das Gehörte einmal zusammen durchgehn, dabei
werde ich dann Gelegenheit haben, mich darüber zu unterrichten, wie weit
sie es in diesen Gegenständen schon gebracht haben.«
Da die drei stehen blieben und sich in diese erschreckende
Vertraulichkeit mit dem Tyrannen sichtlich nicht hineinfanden, setzte er
hinzu:
»Mein hierdurch über den Stand Ihrer allgemeinen Bildung gewonnenes
Urteil kann auf Ihr nächstes Zeugnis -- wahrlich doch -- einigen Einfluß
ausüben.«
Darauf nahm er Lohmann an seine Seite und ließ die beiden andern
vorangehn. Lohmann kam sehr unlustig mit; aber Unrat begann ohne
weiteres von des Sekundaners Lied vom runden Mond.
»Steht deine Liebe und du hörst sie weinen,« sagte er. »Die Liebe, als
ein Abstraktum möchte nun zwar nicht weinen können. Da Sie indessen ›die
Liebe‹ als eine Personifikation Ihres Seelenzustandes angesehen wissen
wollen, und nunmehr dies poetische Wesen aus Ihnen heraustritt, um an
dem Ufer eines von Ihnen angenommenen Sees zu weinen, so mag's denn
sein. Hinzufügen aber muß der Lehrer, daß besagter Seelenzustand einem
Sekundaner und noch dazu einem solchen mit ungewisser Aussicht das Ziel
der Klasse zu erreichen, keineswegs wohl ansteht.«
Lohmann, erschreckt und erbittert, weil Unrat ein Stück von seiner Seele
zwischen seinen dürren Fingern umwendete:
»Das alles ist poetische Lizenz, Herr Professor, von Anfang bis zu Ende.
Ein ganz frivoles Machwerk, _l'art pour l'art_, wenn Sie den Ausdruck
kennen. Hat mit Seele absolut nichts zu tun.«
»Drum denn -- mag's denn sein,« wiederholte Unrat.
»Das Verdienst an der gemütvollen Wirkung des Liedes gebührt mithin --
traun fürwahr -- der vortragenden Künstlerin ganz allein.«
Die Nennung der Künstlerin Fröhlich bewirkte in ihm einen Stolz, den er
zurückdrängte, indem er den Atem anhielt. Er lenkte gleich wieder von
ihr ab. Er warf Lohmann seine romantische Dichtungsart vor und verlangte
eifrigeres Studium des Homer von ihm. Lohmann behauptete, die wenigen,
wirklich poetischen Stellen bei Homer seien längst überboten. Der
sterbende Hund, bei Odysseus' Heimkehr, befinde sich viel wirksamer in
_La Joie de vivre_, von Zola.
»Wenn Sie davon gehört haben, Herr Professor,« setzte er hinzu.
Schließlich gerieten sie auf das Heinedenkmal, und Unrat rief
befehlshaberisch und mit Rachedrang gegen Lohmann, in die Nacht hinaus:
»Nie! Niemals!«
Sie waren beim Stadttor; Unrat hätte nun gleich abbiegen müssen. Statt
dessen beschied er, zwischen den dunkeln Wiesen, Kieselack zu sich her.
»Gehen Sie nun denn also mit ihrem Freunde von Ertzum,« sagte er zu
Lohmann. Im Augenblick warf sich all seine Besorgnis auf Kieselack. Die
Familienverhältnisse dieses Schülers leisteten keine Bürgschaft für ihn.
Sein Vater war ein des Nachts beschäftigter Hafenbeamter. Kieselack gab
an, er teile sein Heim nur mit einer Großmutter. Unrat bedachte, daß
durch solche Greisin Kieselacks nächtliche Bewegungsfreiheit gewiß wenig
beschränkt werde. Und das Tor des Blauen Engels stand noch lange
offen ...
Kieselack witterte, worauf es Unrat ankomme. Er versicherte:
»Großmutter haut mich.«
Unter Unrats wachsamen Blicken, ein Stück vor ihm auf, ließ von Ertzum
seine krampfig geballten Fäuste hängen und sagte dumpf zu Lohmann:
»Er soll es nicht zu weit treiben, das rat' ich ihm bloß. Alles hat 'n
Ende!«
»Hoffentlich noch nicht,« erwiderte Lohmann. »Ich finde die Geschichte
immer fragwürdiger.«
Ertzum, von neuem:
»Ich will dir was gestehen, Lohmann ... Wir sind hier ziemlich allein,
die nächste Laterne und der nächste Schutzmann kommen beide erst bei
Witwe Blöß. Wenn ich mich umdreh' und den Menschen niederschlage -- ihr
werdet mich ja hoffentlich nicht abhalten ... Dies Weib -- dies Weib in
den Pfoten eines solchen Elenden, einer solchen Krabbe! Ihre
Reinheit!... Kerl, du, es geschieht was!«
Von Ertzums Heftigkeit stieg, weil er fühlte, daß er befremde. Aber das
machte ihm nichts, und er schämte sich seiner Drohungen nicht mehr, denn
heute wußte er sich fähig, sie alle zu vertreten.
Lohmann zögerte.
»Ein Geschehnis wäre es, wenn du ihn totschlügest, das läßt sich
allerdings nicht leugnen,« bemerkte er schließlich, müden Tonfalls. »Es
hätte doch mal einer eine Geste gewagt -- eine Tür aufgerissen; -- statt
daß unsereiner immer nur dahinter steht, mit Angst ertappt zu werden,
wenn sie plötzlich von innen geöffnet würde.«
Lohmann schwieg und wartete gespannt darauf, daß der andere ihm ins
Gesicht sage, er liebe Frau Dora Breetpoot. Er spielte in seinem Sinn
mit der Flinte, die für solchen Fall bereit lag ... Aber sein Geständnis
zerging ungehört in der Luft.
»Eine andere Frage,« und Lohmann verzog den Mund, »ist allerdings, ob
du's tust ... Du tust ja auch nichts.«
Von Ertzum machte eine wilde Bewegung rückwärts. Lohmann sah, denn die
Laterne der Witwe Blöß war nicht mehr fern, ganz gut einen Schwindel
durch seines Freundes Blick streichen. Er packte ihn am Arm.
»Keine Dummheiten, Ertzum!«
Darauf stellte er sich ungläubig.
»So was gibt's doch nicht, das faßt man doch nicht ernstlich ins Auge.
Sieh dir den Menschen an, bitte. Ist das einer, den man mordet? Das ist
einer, über den man die Achseln zuckt. Hast du Lust, nach geschehener
Tat mit dem alten Unrat zusammen in der Zeitung zu stehn? Wie
kompromittierend!«
Ertzums schwerblütige Wallung legte sich allmählich. Lohmann verachtete
ihn ein wenig, weil er wieder ungefährlich war.
»Noch dazu,« bemerkte er, »hättest du etwas nicht ganz so Unsinniges tun
können und hast es nicht getan. Hast du von Breetpoot Geld verlangt?«
»N -- ein.«
»Siehst du. Du wolltest vor deinen Vormund hintreten, ihn deine
Leidenschaft wissen lassen und deine Entschlossenheit ihr nachzugehn.
Daß du ein Mann seist, und daß du lieber zweijährig dienen wollest als
zusehn, wie die Geliebte an einen Schubjack verloren gehe. Du wolltest
dich um ihretwillen befreien: =das= wolltest du!«
Ertzum murmelte:
»Was hätte ich davon gehabt.«
»Wieso?«
»Geld hätte er mir keins gegeben. Er hätte mir die Kandare fester
angezogen. Ich könnte Rosa jetzt nicht mal mehr sehn.«
Auch Lohmann hielt ein derartiges Verhalten des Vormunds für
wahrscheinlich.
»Ich kann dir dreihundert Mark pumpen,« sagte er nachlässig. »Wenn du
also mit ihr durchgehen willst --«
Ertzum antwortete zwischen den Zähnen hervor:
»Danke.«
»Nein? Also nicht.«
Lohmann schlug ein schwaches und böses Gelächter auf.
»Aber du hast ganz recht. Bevor man eine zur Gräfin macht, besinnt man
sich doch. Und anders tut sie es wohl nicht.«
»Ich selbst würde es nicht anders gewollt haben,« sagte von Ertzum,
gebrochen und schlicht. »Sie aber will nicht ... Ach, das weißt du
nicht. Niemand weiß, daß ich seit Sonntag ein verzweifelter Mensch bin.
Es ist eigentlich zum Lachen, daß ihr mich behandelt, als wär' ich noch
derselbe -- und daß ich mich auch so benehme.«
Sie schwiegen. Lohmann war sehr unzufrieden; er fühlte sich geschädigt,
in seiner Leidenschaft um Dora Breetpoot verletzt, weil nun auch Ertzum
dank dieser lächerlichen Fröhlich in eine tragische Rolle geriet. Ertzum
und diese Fröhlich rückten ihm zu nahe.
»Also?« fragte er stirnrunzelnd.
»Ja. Sonntag, auf dem Ausflug nach dem Hünengrab, mit dir, Kieselack und
-- Rosa ... Rosa ganz für mich zu haben, mal ausnahmsweise ohne Unrat:
ich war so froh. Ich war meiner Sache überhaupt ganz sicher!«
»Richtig. Du warst zu Anfang in vorzüglicher Laune. Du hast das
Hünengrab sogar nach Möglichkeit kaputt gemacht.«
»Ach ja. Wenn ich daran denke -- als ich das Hünengrab kaputt machte,
das war =vorher=, da war ich noch ein anderer Mensch ... Nach dem
Frühstück waren wir so gut wie allein im Wald, Rosa und ich; denn du und
Kieselack ihr schlieft. Ich faßte mir ein Herz: im letzten Moment hatte
ich doch Angst gekriegt. Aber sie hatte mich ja immer gut behandelt,
ganz anders als dich ... nicht wahr?... und wartete sichtlich bloß auf
meine Erklärung. Ich hatte mein bißchen Geld eingesteckt und glaubte
bestimmt, wir würden gar nicht mehr nach der Stadt zurückkommen, sondern
gleich durch den Wald an die Station laufen.«
Er verstummte. Lohmann mußte ihn anstoßen.
»Sie liebt dich nicht -- genügend?«
»Sie sagte, sie kenne mich nicht hinlänglich. Hältst du das für einen
falschen Vorwand?... Sie meinte auch, wir würden ja doch gefaßt; und
dann käme sie wegen Verführung eines -- Minderjährigen ins -- Loch.«
Lohmann kämpfte ingrimmig mit seiner Lachlust.
»Soviel kalte Überlegung,« sagte er mit Anstrengung, »das ist nicht das
Wahre. Mindestens ist ihre Liebe nicht auf der Höhe der deinigen. Du
solltest dir deinerseits überlegen, ob du von den auf sie gesetzten
Gefühlswerten nicht lieber einige zurückziehst ... Hast du nicht die
Empfindung, daß sie nach eurer Unterredung beim Hünengrab nicht mehr
deine ganze Zukunft wert ist?«
»Nein, die Empfindung hab' ich nicht,« sagte von Ertzum ernst.
»Dann ist nichts zu machen,« entschied Lohmann.
* * * * *
Sie waren am Hause des Pastors Thelander. Ertzum kletterte den Pfeiler
hinauf zum Balkon. Unrat stand zwischen Kieselack und Lohmann und sah
ihm nach. Als Ertzum in sein Fenster gestiegen war, wandte Unrat sich
nachdenklich zum Gehen. Er sagte sich, daß von Ertzum, sobald es ihm
einfiele, wieder hinabklettern könne ... Aber er fürchtete von Ertzum
wenig; er verachtete seine Einfalt.
Er führte die beiden andern Schüler zur Stadt zurück und brachte
Kieselack bis in den Machtbereich seiner Großmutter.
Dann ging er mit Lohmann vor sein väterliches Haus, hörte das Tor sich
schließen, sah droben Licht entstehen, wartete peinlich, bis es wieder
verlosch und ließ noch eine Weile verstreichen. Es erfolgte nichts mehr.
Da fand Unrat endlich den Mut, sich schlafen zu legen.